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Full text of "Zeitschrift für deutsche Mundarten 4.1909"

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Inhalt. 





Seite 
Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. Von P. Lessiak l 
Da beißt keine Maus einen Faden ab Von Othmar Meisinger . . . .....24 
Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. Von Ernst Göpfert . . .... 26 
Aus dem neumärkischen Wortschatze. Von Hermann Teuchert. . . . .55. 118 
Entgegnung. Von Carl Moller, e, 8B 
Schlußwort. Von Ludwig Hertel. e, 08 
Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. Von Hans Reis . . . . 97. 193. 289 
Rätsel aus der Eifel. Von Peter Wimmert. . . 2. 2 2 2 non. 20.0.0. 170 
Scherzreime aus dem Volksmund der Eifeler Mundart. Derselbe. . . . . . 172 
Lexikalisches aus Zaisenhausen. Von Emma Wanner . . 173 


Det Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. Von H ein Pich We Ee 239 335 
Einfluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung der deut- 


schen Umgangssprache in Oberschlesien. Von Hugo Hoffmann. . . . . 264 
Zur Entwicklung von ahd.@ im ÖOstfränkischen. Von Friedrich Veit . . . . 279 
Zum Satzsandhi im Egerländischen. Von Josef Schiepek . . 20.280 
Nachlese zum Wortschatz der Zwickauer Mundart. Von Oskar ist < s a -351 
Die Hilfsverba in der Lüsner Mundart. Von Georg Prosch. . . Së E 
Hessische Ortsnamen in mundartlicher Gestalt. Von Wilhelm Schoof . . . 369 
Zur Nürnberger Mundart. Von Wilhelm Horn . . . aaa a a 372 
Umfragen von Philipp u 

Presaun . . . Se A ee tz ee. 00 

1. Stantepe, 2. kumpas EECHER, 

Kam mme, ` "Nr ër A E fb, NN e ër DB 


Bücherbesprechungen: 
Franz Dietzel, Die Mundart des Dorfes Wachbach, bespr. von Friedrich 


Veit .... 90 
Emanuel Friedli, Bärndütsch als Spiegel eet Volkstums, en von 

Othmar Meisinger. . . 93 
Wilhelm German, Haller Doovelich, ‚Asch Gäwele, ke von Olimar 

Meisinger . . . . 94 


Arno Schlothauer, Dear Rühler Kirchönskriet, opt von A. Fuckel , , 94 
Albert Heintze, Die deutschen Familiennamen geschichtlich, geographisch, 


sprachlich, Bess von Julius Miodel . , dë en AE 
Wilhelm Carstens, Dat Sassenland, bespr. von H. Teuchäft e A a de 
Konrad Höfer, Gedichte in Coburger Mundart, bespr. von L. Hertel . . 180 
J. R. Bünker, Schwänke, Sagen und Märchen in heanzischer Mundart, bespr. 

von Friedrich Veit . , 18 


2074097 


IV 

August Seemann, Tweilicht, en drüdd’ ZS plattdütsche Gedichte, bespr. 
von Ed. Kück . 

Emil Gerbet, Grammatik der Mundart des Vogllanden. Bl von J asel 
Schiepeck . i 

L. Sütterlin und K. Martin,  Grundriß der dentächen. Sprächlelire für ii 
unteren Klassen höherer Schulen, bespr. von O. Weise 

Sporgel (E. Daube), Noch Feierohmds, bespr. von O. Weise 

E. K. Blümml, Quellen und a zur deutschen Volkskunde, ege 
von Egeter p oa a n g 

M. Schmerler, EE ae von E. Göpfert 

G. Heeger und W. Wüst, Volkslieder aus der Rheinpfalz, SE von EE 
Meisinger . . . 

Richard Müller, Die Budderbärwel vun Diefedhal, Bene. von Other 
Meisinger . De nee A ie ee E E E e a 

E. K. Blümm!, Quellen und Forschungen zur deutschen Volkskunde, bespr. 
von Othmar Meisinger . Eee ee Br er a a 

Joh. Phil. Glock: Breisgauer Volksspiegel, bespr. von Othmar Meisinger 

Alfred Baß, Deutsche Sprachinseln in Südtirol und Oberitalien, bespr. von 
L. Hertel >. 

Otto Böttinger, Rühler Schnorrpfüffen, beat von L. Hertel ; 

R. Michel und G. Stephan, Methodisches Handbuch zu nen Gate 
von O. Weise . TET OEE 

Robert Pöschel, Es Bildet: ie Bilder, Pong von o Weise . 

R. Pestalozzi, Syntaktischie Beiträge, bespr. von o. Weise 

bucherschaur., e, Ee e E A e e a a e, 188: 


Zeitschriftenschau . 2 a 189. 


Inhalt. 


Seite 


183 


Lautschrift 


der 


Zeitschrift für deutsche Mundarten. 


Um der Einheitlichkeit willen und zur Erleichterung des Satzes 
empfehlen die Herausgeber den Gebrauch der nachfolgenden einfachen 
Lautschrift. Es bleibt jedoch den Herren Mitarbeitern unbenommen, wenn 
sie triftige’ Gründe dazu haben, von der hier gegebenen Richtschnur im 
einzelnen abzuweichen und andere Zeichen zu gebrauchen. Über einige 
Punkte wird sich überhaupt nicht so leicht eine Einigung erzielen lassen, 
so über die Bezeichnung der süddeutschen stimmlosen Verschlußlaute b, d, g. 
Bei beabsichtigter Verwendung von weiteren Lautzeichen wolle man sich 
an die Herausgeber wenden. 

Große Anfangsbuchstaben bitten wir bei mundartlichen Wörtern 
und in mundartlichen Texten nicht zu verw Dee auch nicht bei Eigen- 
namen und im Satzanfang. 


Vokale. 


Kürze bleibt unbezeichnet. Länge ist durch Doppelschreibung 
zu bezeichnen: aa, ee, ii, 00, Uu usw. 


è geschlossenes z. å dunkles a. 
t offenes z. o geschlossenes o. 
e geschlossenes e. o offene o 
e offenes e. u geschlossenes u. 
æ sehr offenes e. 4 offenes u. 
a gewöhnliches, reines a. 

Mischvokale. 
ü geschlossenes č. ö geschlossenes ö. 
i offenes ü. ö offenes ö. 


Uberkurze Vokale. 
Lä Ai v (d. h. die Umkehrung von 2, e, œ, a). Man vermeide die An- 
wendung von kleinen Vokalzeichen, sei es auf, unter oder über der Linie. 


Doppelvokale 


sind nicht durch Bindestriche auseinanderzureißen, man schreibe also nicht 
etwa kle-: (Klee) oder gar kle-', sondern klei. 


Genäselte Vokale 


werden vor erhaltenem n, ng, m nicht als solche bezeichnet, andern- 
falls durch beigesetztes kleines ”, z. B. wat” = Wein (rheinfränkisch), Hoon 
= klein. 

Bei Doppelvokalen und langen Vokalen wird die Nasalierung nur 
einmal bezeichnet, also wai”, nicht wa”:”; klaa”, nicht klarar. 


Konsonanten. 


p, t, k stimmlose ungehauchte Verschlußlaute. 
ph, th, kh stimmlose gehauchte Verschlußlaute. 
b, d, g stimmhafte Verschlußlaute. 
m, w (Lippenlaute), / (Zahn- u. Lippenlaut, stimmlos), v (Zahn- u. Lippen- 
laut, stimmhaft); s (stimmlos), x (stimmhaftes s), & (stimmloses sch), 
Z (stimmhaftes sch), 5, n, Ge (= nhd. 2); y (Kehlnasenlaut), & (ach - Laut), 
z (stimmhafter Kehlreibelaut), c (vck-Laut); Zungen- und Zäpfchen -r können 
unterschiedslos durch r wiedergegeben werden, nötigenfalls wäre zwischen 
r (Zungen-r) und r (Zäpfchen-r) zu unterscheiden; ?! (dunkles ! kann durch 
t bezeichnet werden); A. 
Tonzeichen. 

Haupttonzeichen ’, Nebentonzeichen ‘. Weitere Abstufungen bleiben 
unbezeichnet. Bei Längen kommt das Tonzeichen auf den ersten Vokal, 
also da, &e usw.; ebenso bei Doppelvokalen: di, au, dai, ou usw. 


Silbenbildende Konsonanten 
werden als solche in der Regel nicht gekennzeichnet. 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen 
Alpenländer. 


Von P. Lessiak. 
B) Das Gail- und Lesachtal nebst angrenzenden Gebieten. 


Meine zweite Studienreise zur Erforschung der kärntnerischen Mund- 
arten unternahm ich im Sommer 1906; verschiedene dringende Arbeiten 
haben die Abfassung des Berichtes um fast zwei Jahre verzögert. Dem 
deutschen und österreichischen Alpenvereine, der mir auch diesmal eine 
Unterstützung zuteil werden ließ, sei auch an dieser Stelle der Dank aus- 
gesprochen. | | 

Wie im Vorjahre wählte ich das »Untere Drautal« als Ausgangs- 
punkt für meine Kundfahrt, nur ging’s diesmal in z. T. entgegengesetzter 
Richtung von Paternion durch den Stockenboier Graben nach dem Weißen- 
see, von da durch das Gitschtal nach St. Hermagor, sodann die Gail ent- 
lang bis in ihr-Quellgebiet. Das bereits zum Pustertal gehörige Kartitsch 
wurde mitgenommen, ebenso hatte ich Gelegenheit Leute aus Sillian und 
Vilgratten zu hören und ihre Sprechweise mit der der oberen Lesachtaler 
zu vergleichen. 

Mein Weg durch das Lesach führte mich auch an den Ruinen der 
alten Liesinger Mühle vorbei, der Geburtsstätte Matthias Lexers, die vor 
Jahren der wilde Gießbach zerstörte. Sein »Kärntisches Wörterbuche, 
das ja hauptsächlich auf der Ma. des Lesachtales fußt, hat mir auch 
diesmal treffliche Dienste geleistet, und zum Ruhme des Verstorbenen 
sei hervorgehoben, daß er, wie ich mich überzeugen konnte, die ver- 
schiedenen lautlichen und formellen Merkmale seiner Ma. (von einigen 
Mängeln hinsichtlich der Umschrift abgesehen) in äußerst zuverlässiger 
Weise wiedergegeben hat. 

Zunächst einige Vorbemerkungen zur Geographie und Siedlungs- 
geschichte des Bereisungsgebietes. Das Tal der Gail zerfällt geographisch 
in zwei ungleiche Teile, von denen der untere etwa ?/,, der obere !/, 
der Gesamtlänge umfaßt. Bis Kötschach-Mauten ist es breit und ge- 
räumig, die Hauptorte liegen durchweg in der Talsohle. Unmittelbar 
hinter den genannten Ortschaften schließen sich die beiden Gebirgsketten, 
die Karnischen und Gailtaler Alpen dichter aneinander, das Tal wird 
schluchtartig, die größeren Siedlungen sind alle am sonnseitigen Hange 

Zeitschrift für Deutsche Mundarten. 1V. 1 


2 P. Lessiak. 


verstreut; erst an der tirolischen Grenze erreicht das Flußbett ungefähr 
wieder die Siedlungshöhe. Dieses verschiedene Gepräge kommt auch in 
der Benennung zum Ausdruck: nur der untere Teil bis Kötschach heißt 
Gailtal, der obere führt die Bezeichnung Lesach oder Lessach (wohl aus 
slow. v lesah »im Gehölze«). Etwa in der Mitte des eigentlichen »Gail- 
tals« mündet ein ziemlich weites Seitental ein, das Gitschtal, von welchem 
ein mäßiger Paß nach dem Weißenseebecken hinüberleitet, das die Ver- 
bindung mit dem Drautal herstellt; der Abfluß des Weißensees durch- 
strömt den »Stockenboier Graben« und mündet in die Drau. 

Die Hauptverkehrspunkte für das oberste Gailtal und das kärnt- 
nische Lesach sind die Märkte Kötschach und Mauten, für das mittlere 
Gailtal und das Gitschtal St. Hermagor. Das tirol. Lesach gravitiert 
nach dem Pustertal (Sillian), das Weißenseebecken nach dem »Oberen«, 
Stockenboi nach dem »Unteren« Drautal. 

Das Gailtal gehört zu jenem ‚Winkel Europas, wo die geschlossenen 
Sprachgebiete der drei europäischen Hauptsprachstämme, der Germanen, 
Romanen und Slawen, aneinanderstoßen. Das untere Tal von St. Hermagor 
abwärts ist vorwiegend slowenisch; im Süden jenseits der Reichsgrenze, 
die über den Kamm der karnischen Alpen läuft, sitzen Rhätoromanen, 
daneben allerdings verstreut auch Deutsche in den drei Sprachinseln 
Tischelwang, Bladen und Zahre. Windischen und welschen Einschlag, 
wenn auch nur in geringem Maße, weist der Wortschatz auf, und die 
Ortsnamen lassen keinen Zweifel darüber übrig, daß auch da, wo jetzt 
die deutsche Sprache erklingt, Romanen und Slawen gesessen hatten. 
Eine noch ältere, vielleicht keltische Namensschicht zeigt, daß auch diese 
nicht die ersten Besiedler waren. Die geschichtliche Entwickelung war 
anscheinend die, daß die »Urbevölkerung« zunächst verwelscht, sodann 
nach der Slaweneinwanderung im 7. Jh. slawisiert wurde. Während aber 
die Winden im Drautal bis über Lienz hinaus vordrangen und auch das 
Iseltal besetzten, so scheinen sie im Flußgebiete der Gail über die heutige 
kärntnische Grenze nicht hinausgekommen zu sein. Wenigstens habe ich 
jenseits der Landesmark in den beiden tirol. Gemeinden Ober- und Unter- 
Tilliach unter mehr denn 200 Orts-, Flur- und Bergnamen, die ich mir auf- 
zeichnete, keinen einzigen gefunden, der mit Sicherheit als slawisch zu 
deuten wäre, wohl aber eine sehr große Anzahl romanischer Herkunft. 
Aus der Bezeichnung »Windischtal« für ein in der Richtung gegen Lienz 
verlaufendes Gebirgstal scheint mit großer Wahrscheinlichkeit hervorzu- 
gehn, daß Tilliach bereits deutsch war, als im Lienzer Becken noch Slo- 
wenen saßen.! Während in Tilliach slawische Namen fehlen, stößt man 
auf solche bereits in den kärnt. Grenzorten Luggau und St. Lorenzen; 
sie nehmen talabwärts in dem Maße zu als die romanischen seltener 
werden, die von Kötschach an fast ganz verschwinden. Da ich über 
eine vollständige Sammlung der Lokalnamen, vor allem der Flurnamen 


1 Freilich kann auch Übersetzung der urspr. romanischen Benennung vorliegen. 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 3 


nicht verfüge, vermag ich das genaue Verhältnis der deutschen zu den 
fremdsprachigen Namen nicht festzustellen, doch ist der Hundertsatz der 
nichtdeutschen Ortsbezeichnungen ein auffallend größerer im Gailtal als 
im Lesachtal; daraus ergibt sich, daß zur Zeit der Eindeutschung das 
Gailtal eine dichtere slawische Bevölkerung besaß, die den älteren roma- 
nischen Bestand wohl restlos aufgesogen hatte, während das Lesach jedes- 
falls schwächer besiedelt war und — die Tilliacher Gegend ausgenommen 
— sich vielleicht noch im Zustand der Slawisierung befand, d. h. noch 
sprachlich gemischt war. Später als das Gailtal scheint das Gitschtal ein- 
gedeutscht worden zu sein; dafür spricht das wenig veränderte Gepräge 
der slowenischen Namensformen. 

Ich habe diese Verhältnisse etwas ausführlicher dargestellt, weil sie 
vielleicht geeignet sind, einiges Licht zu werfen auf die im folgenden 
erörterten ma. Verschiedenheiten. Im Schlußabsatz komme ich nochmals 
darauf zurück. 

Bei der Besprechung der sprachlichen Erscheinungen halte ich, um 
die Vergleichung zu erleichtern, im allgemeinen dieselbe Reihenfolge ein 
wie in meinem ]. Beitrag zur alpenländischen Dialektgeographie, s. Jahrg. 
1906 dieser Zs. 308 ff. (als Abkürzung dafür gebrauche ich A Dg I). 


1. Silbentrennung, Quantität, Lenes und Fortes. 


Die Maa. des Bereisungsgebietes zerfallen in zwei große Gruppen: 
der Osten, umfassend Stockenboi, die Umgebung des Weißensees, das 
Gitsch- und Gailtal, hat in Übereinstimmung mit den übrigen kärnt- 
nischen Maa. (ausgenommen das Katschtal, s A Dg 1, S. 309) die Ge- 
minaten von Reibelauten durchgehends aufgegeben (wonach auch die 
urspr. Fortis zur Lenis wurde) und die voraufgehenden kurzen Vokale 
gedehnt, z. B. foosn fassen, wopsn waschen, gagriifn gegriffen, lpphn 
(looxn) lachen. Ebenso ist hier nach Vereinfachung der Doppellaute l, 
nn, rr die gemeinbair. Dehnung eingetreten: fopla Falle, pfoona Pfanne, 
naar:i$ närrisch. Der Westen dagegen, also das Lesachtal und weiterhin 
das Pustertal, sind diesbezüglich auf der älteren Stufe stehen geblieben, 
d. h. sie haben die Geminaten sämtlich gewahrt, demnach: fossn, gigriffn, 
pfonne, narri$ usw. Doch macht sich im unteren Lesach bereits der 
Einfluß des »längenden« Nachbargebietes bemerkbar. So hörte ich in 
Strajach und St. Jakob eine Reihe von Ausnahmen wie: wmeeisn messen, 
meeiso Messer, kheeisl Kessel, pfeeifo Pfeffer, leeifl Löffel, 3ieeihn stechen, 
khoouhn kochen u. a.; vor š ist indes die Kürze ausnahmslos bewahrt. 
Im mittleren Lesach, von Kornat aufwärts, sind diese Dehnungen ganz 
vereinzelt, im oberen, von St. Lorenzen ab, verschwinden sie völlig. Das 
untere Lesach befindet sich auch insofern in einem Übergangszustand, 
als hier in Fällen, wo die Dehnung unterblieb, keine ausgeprägten Gemi- 
naten mehr gesprochen werden. Der Konsonant ist zwar lang, doch fällt 
die Silbenscheide vor denselben: 39-ffn, flo-$3e usw. 

]* 


4 P. Lessiak. 


Bei vorausgehendem langen Vokal ist die Vereinfachung der ur- 
sprünglichen Doppelkonsonanz allgemein, also: stroose Straße, Sloofn 
schlafen. Auf kärntnerischem Boden fällt der vereinfachte Konsonant 
mit der alten Lenis in einen Laut zusammen, der zwar als Lenis zu be- 
zeichnen ist, aber doch etwas kräftiger gebildet wird als die Tiroler 
Lenes. Das s in loosn (mhd. läxen) hat somit dies:lbe Stärke wie das 
in loousn (mhd. losen) Nicht so jedoch in Tilliach, wo die alten 
Lenes. und diese vereinfachten Laute genau auseinander gehalten werden: 
letztere bleiben Fortes, während die alten Lenes (k ausgenommen) stimm- 
haft gesprochen werden. Man macht hier also denselben Unterschied 
wie in Kals und Defereggen (vgl. A Dg I, 399). Demnach: štroo-sse, 
taa-ffe Taufe, sui-xen suchen, aber wooze »Wasen«, Rasen, ouvn Ofen, 
stooxl Stahl. In einzelnen Wörtern ist Verkürzung des langen Vokals 
eingetreten, wobei die Geminata erhalten blieb: los-sn lassen, rax -gxn 
rauchen, ner-xa nachher, auch kxaf-fn neben kraa-ffn bekam ich zu 
hören; solche Kürzungen begegnen vereinzelt auch im kärnt. Lesachtal. 
Die stimmhafte Aussprache der alten ungeminierten Reibelaute beschränkt 
sich in unserem Gebiete auf die beiden Gemeinden Ober- und Unter- 
tilliach; in dem westlich davon gelegenen Kartitsch sowie in Sillian spricht 
man stimmlose Lenes, mit denen die Fortes nach Länge zusammengefallen 
sind, wie im kärnt. Lesach. Nach Konsonanten hingegen sind die Fortes 
im ganzen Lesach- und Pustertale bewahrt: werffn usw. 

Vor den Verschlußlauten », % ist im Inlaut die Vokalkürze im 
größeren Teil des bereisten Gebietes gewahrt wie fast in allen Kärntner 
Maa. Am Weißensee und im Gitschtal jedoch wird auch hier gedehnt; 
khnoopm Knappen, 3neeke Schnecke. Das untere Gailtal bis gegen Kirch- 
bach hat in diesem Falle Halblänge, im oberen herrscht Kürze, doch ist 
der Konsonant ungeminiert, Geminaten (krnop-pın, Snek-ke) begegnen 
erst wieder im Lesach. Aspir. k (kh, kx) wird wie Doppelkonsonanz be- 
handelt, d. h. die Kürze bleibt durchgehends erhalten, doch fällt im Osten 
die Silbengrenze vor den Konsonanten: gailtal. Ste-khn gegen lesachtal. 
Stek-khn oder $Stek-ken. Vor t (gleichgültig ob urspr. £ oder tt) herrscht 
in Stockenboi Kürze nach ż, ferner vor ausl. -er, -el, z. B. šlitn Schlitten, 
foto Vater, sotl Sattel, dagegen khuutn Kutte, spooutn spotten usw. Am 
Weißensee und im Gitschtal wird vor Z ausnahmslos gedehnt; im Gailtal 
herrscht vor ? meist Länge, nur bei :, « in gewissen Fällen Halblänge. 
Das Lesachtal hat wie das tirol. Isel-, Drau- und Pustertal den alten 
Unterschied zwischen ź und tt bewahrt: gisniitn : hitte. Nur vor fol- 
gendem -er ist auch für £ Geminata eingetreten: putto Butter, weẹtto 
Wetter, litto Liter usw., sogar nach (erhaltener) Länge: nootto Natter. 

Ebenso wie bei £ ist im östl. Teile auch bei m eine jüngere Re- 
gelung der Quantitätsverhältnisse durchgeführt worden: Stockenboi hat 
wie die meisten mittelkärnt. Maa. Kürze bei vorauszehendem «, ọ, 0, z. B. 
sumn, tom» (mhd. jämer), Soman schämen; außerdem unabhängig von der 
Vokalqualität vor -el: seml, himl (wofür soust -mbl, sembl usw.). Weißensee, 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 5 


Gitschtal, unteres Gailtal haben ausnahmslos gedehnt: pruuman brum- 
men usw. Das obere Gailtal kennt wieder wie Mittelkärnten Kürze bei 
gerundeten Vokalen. Das Lesachtal hat den etymologischen Gegensatz 
zwischen einf. Laut und Geminata gewahrt, vor einf. m ist natürlich 
Dehnung erfolgt: $oomen, Suumin schämen, dag. prummin usw. Nur 
hat die Geminata eine Bereicherung erfahren, indem (wie £) auch m vor 
folgendem -er verdoppelt wurde: summo Sommer, hommo Hammer, 20mmo 
Jammer usw. Dazu kommen noch einige weiteren Beispiele wie ummase 
Ameise (u weist auf urspr. @), khemmin kommen, nemmin nehmen. 

Vor inlautender Doppelkonsonanz bleibt, wie bereits angedeutet, die 
Vokalkürze erhalten. Die Silbentrennung ist bei den einzelnen Konso- 
nantengruppen verschieden, und die einzelnen Maa. zeigen mancherlei 
Abweichungen. Ich möchte nur bemerken, daß die Gruppen Verschluß- 
laut + Reibelaut und Reibelaut + Verschlußglaut mit kk, kx parallel gehen: 
im Osten šwe-štr, šta-pfl mit schwach geschnittenem Akzent, im Westen 
šweš-to, štap-pfl mit stark geschnittenem. 

Vor r + Zahnlaut ist häufig Dehnung eingetreten, vgl. lesacherisch 
goorte Garten, Soorte Scharte (Tilliach Sorte), woortn warten, geerste, eeorde, 
feearin im Vorjahre, weeorn werden, dag. porte Borte, wörto Wörter, 
girl, wurtse usw. Der Gegensatz von Tilliacherisch geeorn, Sieeorn, 
weearn werden, eearde, veeste Ferse: paar Bär, 3maar Schmeer, gaarste 
Gerste usw. läßt darauf schließen, daß zwei Dehnungsperioden zu unter- 
scheiden sind; die eine hatte statt vor dem Eintreten des Wandels von 
E>a, die andere nach demselben. Das gleiche gilt für Gottschee, vgl. 
Tschinkel, Gram. d. Gottscheer Ma. § 102, 1d. 


Anm. In der Verbindung rs ist s allgemein zu $ re und 
zwar erscheint es als Lenis (in Tilliach als £) in germ. Wörtern wie Ferse, 
Hirse, Mörser, ferner in dem vor der zweiten Lautverschiebung entlehnten 
Pfirsich; in der Regel wird der vorausgehende Vokal dabei gedehnt. Da- 
gegen als Fortis in späteren Lehnwörtern wie pirschen, Ursula, Bursche, 
ferner (für urspr. z) in Hirsch. Wenn auch das vor der hd. Verschiebung 
übernommene Kirsche (khersse) Fortis hat, so beruht dies auf urspr. Ge- 
mination des s (keresła > kersse). Denselben Unterschied kennen mittel- 
bairische Maa. und das Gottscheeische, vgl. bei Tschinkel kharssa, urssl 
gegen überrear2a, hürfa, pfärZaix, möfar Mörser. In Fällen wie khersse 
ıst also das »s« mit dem aus sk hervorgegangenen $ wie in »forschen« 
zusammengefallen, ebenso wird es auslautend durchweg zu 35 (Tilliach 
or$ gegen pl. ar!e). Daß mit dieser verschiedenen Vertretung der Gegen- 
satz zwischen rsch und rs in der nhd. Orthographie zusammenhängt 
(Kirsche, pirschen, Bursche, Hirsch, bezw. Arsch, Barsch gegen Ferse, 
Hirse, Mörser usw.) erörtere ich an anderer Stelle. 


Eine Dehnung erfuhren in den östl. Maa. auch die Zwielaute ai, 
au (> aw), oi vor folgendem Vokal und -r: maaie Maibaum, 3aawaer, 
Schauer, haawsn hauen, foorsr Feuer; die westl. hingegen haben, dem 


6 P. Lessiak. 


Mhd. entsprechend, entweder Geminaten: hauuan < *houuen, notie < 
niuue oder einfachen Diphthong: foir Feuer, gair Geier, saur Schauer, 
alle drei einsilbig, maure Mauer usw. 

Während ursprüngliche Kürze vor inlautender Lenis auf dem ge- 
samten Gebiet gelängt wird, bleibt sie in Tilliach und dem Pustertal in 
(urspr.) drei- oder mehrsilbigen Formen erhalten, vgl. Schatz, D. tirol. 
Ma. S. 63. Ich gebe hier eine kleine Auslese von Beispielen aus Tilliach 
z. T. als Ergänzung zu Schatz: rot Rad, mos Moos (= Sumpf), Dat. Sg. 
roode, moouze, Pl. reeido, meeizo, 1. Demin. raadl, meeizl, 2. Demin. 
radile, mezile. kxoougl Kegel, voougl Vogel, Pl. Areal. vegl, Dem. kregile, 
vegile. kxiitl Kittel, Pl. krittle, Dem. krittile. hoovn Hafen (Topf), PL 
havne, noogl Nagel, Pl. negl, tsiigl Zügel, tsigl zügeln, mhd. zügelen, tsedi 
Zettel (ital. cedola), predige Predigt, ewəne Ebene, ribm Muhre (< *rubina 
vgl. Rübene Schw. Id. VI, 673), hudo Fetzen -< *hudura, khugl Kugel. nudl 
F. Nudel deutet auf urspr. *nudula. Vgl. auch die Zusammensetzungen: 
tọgiswiize Tageswiese (Flurname; dag. unto toogis »unter Tags«<), widrš- 
koorte Widdersgarten (Flurname; Sg. wiido, Pl. wido Widder), milištoan, 
miliraadl Mühlstein, Mühlrädchen zu miile Mühle. sootl Sattel aber sọtti- 
leege (il < ll) Flurname usw. Auf gelegentliche Ausgleichungen und 
Analogiebildungen hat schon Schatz hingewiesen. Eine solche liegt vor, 
wenn es nicht nur laado Leder, sondern auch laadra Lederer, laadrn 
in Leder arbeiten heißt, oder wenn zu oodo, mhd. âder(e) das Demin. 
adrle lautet (doch plaatrle zu plooto, mhd. bläter).. Ebenso z. B. maali- 
grantl Mehlschrank für zu erwartendes mali-. Auch in einigen zwei- 
silbigen Formen ist Kürze aus der Beugung eingedrungen: s?dm sieben, 
tsuwo Zuber, hoọwix Habicht, ledikx ledig, nach den gebeugten Formen: 
sibma (*sibeniu), tsiwo (Pl.), howixe, ledige. Bemerkenswert ist, daß auch 
im Dativ zweisilbiger Wörter, wo ausl. -e z. T. schwindet, die Apokope 
noch nachwirkt: stxv! Stiefel, aber Dat. stivl. Die Lenis, auch die stimm- 
hafte, bleibt nach Kürze durchweg als solche bewahrt. Der Akzent ist 
schwach geschnitten (dagegen wird £ geminiert, vgl. oben kaittdle). Ich 
erwähne dies deshalb, weil ich in Vilgratten bei kurzem Vokal in offener 
Silbe stark geschnittenen Akzent hörte, wobei mir der folgende Kon- 
sonant als Halbfortis erschien: noogl, Pl. neggl. 

In einsilbigen oder endbetonten Wörtern tritt vor einfachem Konso- 
nanten in den östl. Maa. in den meisten Fällen Vokaldehnung ein. Im 
Gitschtal und im unteren Gailtal sogar vor den Verschlußlauten p, k (nicht 
aber kh!), wo fast alle anderen kärnt. Maa. Kürze haben: khnoop Knappe, 
gatook gejagt usw. u, ọ vor m, ferner ? vor ? bleibt, der mittelkärnt. 
Regel gemäß, kurz in Stockenboi: drum, nom, Snit. Auffallend ist, daß 
die auslautenden Diphthonge az, or, au in fast allen östl. Maa. kurz bleiben 
trotz der oben erwähnten Dehnung im Hiatus; also kai, mai, noi, tau 
gegen maaie, nooie, taawig usw. Das Lesachtal steht auch in bezug auf 
den Wortauslaut auf einer älteren Stufe: vor (urspr.) Reibelautfortes ist 
die Kürze fast ausnahmslos gewahrt: pfif, šus, ros, froš, lox; nur im 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 7 


untersten Lesach fand ich einige Dehnungen wie 3oouf Stoff, roous Roß, 
looux Loch, peeix Pech. Aber auch vor auslautender Lenis haben sich 
im mittleren und oberen Lesach noch eine Reihe von. Kürzen erhalten: 
z. B. glọs Glas, oos Gras, tol Tal, khol Kohle (mhd. kol), fil viel, col 
wohl; inl. dagegen (z. B. in Dat. Sg.): gloose, groose, toole.! Doch findet 
sich daneben gelegentlich auch Dehnung: hoouf Hof, meel Mehl ua: 
auch das Gottscheeische (s. Tschinkel S. 230) kennt solche Ausnahmen. 
Bemerkenswert ist es, daß in Flurnamen sich noch öfters Vokalkürze 
findet, während sonst in den betreffenden Wörtern Dehnung eingetreten 
ist: z. B. St. Lorenzen: moous »Moos«, aber s Mos (eine bestimmte Sumpf- 
wiese), Liesing: tool aber Waitiöl »Weittal« u. a. Als Regel erscheint 
gedehnter Vokal vor r (wie auch im Gottscheeischen): tiir Tür, heer her. 
Im unteren und mittleren Lesach sogar vor urspr. rr bei Apokope: noor 
Narr, Sir Geschirr. Allgemein ist in den westl. Maa. die Kürze er- 
halten vor auslautender Verschlußfortis, auch in den Fällen, wo sie aus 
ursprünglicher Lenis hervorgegangen ist, wie: s:p Sieb, grop Grab, rot 
Rad, tokx Tag (dag. inlautend: siiwe, tooge usw.). Durchweg bleibt Kürze 
vor Doppelkonsonant, wenngleich in den östl. Maa. sich auch hier mannig- 
fache Ansätze zur Dehnung finden (schwach geschnittner Akz., Halblänge); 
nur vor r + Dental: wird auch in den westl. Maa. häufig gedehnt, vgl. 
z. B. im oberen Lesach: doourt neben dort, oor$ neben or$, hoourn, hirn 
(hiorn), $teern ($teorn); stets kurzen Vokal hörte ich hier in fort, wort, 
wert, hert und einigen anderen. 

Konsonantismus. Verhärtung im reinen Anlaut konnte ich im 
ganzen Bereisungsgebiet beobachten; doch führt sie außer Tilliach und 
dem angrenzenden Kartitsch nicht zur vollen Fortis. Immerhin ist der 
Unterschied nicht unbeträchtlich, besonders deutlich ist er da, wo für d 
zwischen Vokalen d gesprochen wird, z. B. im Gailtal tọọx Dach (r be- 
zeichnet Halbfortis), aber, a dopox. Zu A DgI wäre nachzutragen, daß 
mir diese teilweise Anlautsverhärtung auch in anderen Gegenden Ober- 
kärntens und Osttirols untergekommen ist, wie sie denn auch in Mittel- 
kärnten beobachtet werden kann. 

Das mhd. Auslautgesetz, d. h. die Verstärkung auslautender Lenes 
zu Fortes — vgl. Beitr. 28, 38, D. tirol. Maa. S. 18, A Dg I, 312, Gramm. 
d. Gotscheer Ma. S. 27 — ist in den östl. Maa. nur restweise erhalten, in 
den westl. dagegen noch fast in vollem Umfange; am zähesten hält Tilliach 
dran fest, wo auch noch der Wechsel von stimmhaftem mit stimmlosem 
Laut ersichtlich ist: wolf gegen Dat. Sg. wolve, Pl. Nom. Akk. welve; laus 
Laus gegen laize Läuse usw. (nach Kürze ist der auslautende Konsonant 
Fortis, nach Länge Halbfortis. Eine kurze Übersicht mag das allmäh- 
liche Zurückweichen der alten vor den jüngeren analogischen Formen 


! Sogar ursprüngliche Längen wurden im Auslaut zuweilen analogisch gekürzt: 
allemol allemal, has heiß. Liesing: tram Trambaum, Tilliach: gitun getan. Regelmäßig 
wird ın Tilliach gekürzt vor -£: gzilot gelassen, gihgt gehabt, mot Mahd usw. 


8 P. Lessiak. 


beleuchten. }. -5. Im Osten wird, wie im übrigen Kärnten, für -b meist 
bilabiales w gesprochen, das ja inlautend fürs Bair. Regel ist: sw, Aholw; 
daneben allerdings auch die stimmlose Verschlußlenis söd usw. Eine 
Abgrenzung ist schwer, da -w und -b oft individuell wechseln. In einigen 
erstarrten Formen (vgl. auch Beitr. 28, S. 38) findet sich -p für -b auch 
im Gitsch- und Gailtal. Auch das untere und mittlere Lesachtal hat noch 
in den allermeisten Fällen -5 (-w). Doch daneben grop Grab und einige 
andere. In St. Lorenzen und in der Luggau überwiegen bereits die Formen 
mit -p, in Tilliach werden sie allgemein wie etwa in den krain. Sprach- 
inseln. In Kartitsch und Sillian herrscht wieder -b vor, zumal nach 
langem Vokal und nach Konsonant: grop aber kholb, Staab Staub. Die 
Umgebung von Lienz hat wieder ausschließlich A 2. d Auf einem 
größeren Gebiet hat sich die dentale Fortis erhalten. Im Osten aller- 
dings, so im Gailtal, ist d (nicht d’) auch im Auslaut Regel; aber bereits 
im unteren Lesach tritt dafür Halbfortis ein: poot Bad usw.; im mitt- 
leren und oberen ist die Fortis (pọt, Smit, nait) allgemein, ebenso im 
angrenzenden Pustertal. Das Lienzer Becken kennt es nur in Ausnahme- 
fällen. 3. -g. Stockenboi schließt sich an Mittel- und Oberkärnten an, 
es hat einige wenige -kx, als Regel -g bezw. mn »Weißensee« hat -kx 
nur im Adv. wekx erhalten, sonst -g aber -yk. Das Gitschtal kennt einige 
Fälle mit -kx besonders nach n, daneben yk (lọyk neben loyk.r), sonst o 
Im unteren Gailtal hörte ich außer wekr durchweg -g bezw. uk: im 
unteren Lesach mehrfach or, daneben -yk, sonst -k: took, flaisik. Im 
mittleren ist die Affrikata in Tonsilben allgemein: ipkr, staikr, in neben- 
toniger Silbe jedoch steht -k: suntak, moatliyk Matling (O.N.). Von da 
ab wird regelmäßig -kr gesprochen!, doch ist zu bemerken, daß das 
Reibegeräusch in der Tonsilbe etwas stärker ist als in der nebentonigen: 
perkx : gorstikh, khünikh bezw. kriinikh.” In Kartitsch ist -Ax nur in 
Tonsilben Regel, vgl. dagegen munta Montag, foss?y Fasching usw.; in 
der Talsohle (Sillian) hat schon in einer Reihe von Wörtern auch in der 
Tonsilbe Ausgleichung nach dem Inlaut stattgefunden, z. B. toog, weeg. 
In dem entlegeneren Vilgratten herrscht wieder fast dasselbe Verhältnis 
wie im oberen Lesach. Lienz und seine unmittelbare Umgebung hat als 
Regel ungehauchtes E. Affrikata nur in wenigen Fällen, vornehmlich nach 
rn, während die benachbarten Landgemeinden Dölsach, Einöd (Ainet) den 
alten lautgesetzlichen Zustand (-kr in allen Fällen) erhalten haben. Es 
unterliegt keinem Zweifel, daß das auslautende -kx (ebenso wie -p, -P) 
dereinst auf dem (resamtgebiet und ausnahmslos herrschte und daß das 
ungehauchte -k einen Kompromißlaut darstellt, der den Übergang von -kx 
>-g vermittelt. Lehrreich ist es zu beobachten, wie die alten Verhältnisse 
zuerst in den schwachtonigen Silben, wo infolge des geringeren Nach- 


ı Ganz ausnahmsweise hörte ich auch im oberen Lesach von einzelnen Personen 
in bestimmten Wörtern auch E, doch nur auf kärnt. Boden, nicht in Tilliach. 

? kh ist nicht reine Aspirata, sondern soll nur die geringere Stärke des Reibe- 
geräusches andeuten. 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 9 


drucks auch die Affrikata geschwächt erscheint, eine Änderung erfahren. 
Dialektmischung, Streben nach Ausgleichung und lautliche Entwickelung 
reichen sich also die Hand, um das alte Ausnahnsgesetz zu Falle zu 
bringen, das in unseren, wenigstens noch vor kurzer Zeit verkehrsarmen 
Hochgebirgstälern und in entlegenen Sprachinseln seine letzte Zufluchts- 
stätte gefunden hat. 

Sonore: r wird in Stockenboi und am Weißensee vielfach noch 
an allen Stellen als Zungen-r gesprochen, daneben hört man bei dem 
jüngeren Geschlecht inl. vor Konsonant und ausl. auch »vokalisiertes r«<, 
d. i. v. Im Gitschtal ist Vokalisierung nur im Auslaut starktoniger oder 
mit stärkerem Nebenton versehener Silben durchgedrungen: kšiiv Ge- 
schirr, ż¿pọv Jahr, perga »Berger«, mawra Maurer, dagegen hintr, tọhtr 
Tochter usw. Das Gailtal hat stark gerolltes Zungen-r an allen Stellen; 
seine Artikulation bildet ein besonderes Kennzeichen der Gailtaler Ma. 
(auch der windischen!). Im unteren Lesach herrscht wieder ungerolltes 
Zungen-r, daneben Zäpfchen-r, so durchweg im Auslaut betonter Silben, 
wo es als stark gekratztes x erscheint: żoox. Gegen die Tiroler Grenze 
hin verschwindet das Zäpfchen-r allmählich (in Liesing schon fast aus- 
schließlich ¿oor usw.) Dem ganzen Lesachtal wie auch dem Pustertal 
(vgl. Schatz, D. tirol. Ma. S. 23) eigen ist der Übergang von mhd. -er 
in o, von mhd. ære in a, z.B. Tilliach: untofuito Unterfutter, summo 
Sommer, howo Haber, haiso Häuser; dagegen handla Händler, weeiwa 
Weber. Auch das Komp.-Suffix erscheint als -@a: pessa besser, greassa 
größer usw. Darauf, daß hier --ör verallgemeinert ist (wie auch in 
Gottschee, Lusern, den 7 Gemeinden), hat bereits Schatz hingewiesen. 
Vor vokalischem Anlaut kommt das r wieder zum Vorschein: an unto- 
futter aa ein Unterfutter auch, do weeiwar ist (d)oo der Weber ist da. 
Neben -o für -er habe ich jedoch besonders im unteren und mittleren 
Lesach auch -r gehört; in Vilgratten erscheint dafür ax: wettaox, pforrax; 
hier geht auch rt in xt über: hundaxt 100, Gart führt, während es in 
Kartitsch zu r3i wird: örsta Dienstag, worsin warten (auch firsin fürchten); 
vor is schwindet hier das r und nur $ bleibt übrig: wustsn Wurzeln, 
Swọšts schwarz. Vgl. D. tirol. Ma. 69, A Dg I, 311. Im oberen Lesach be- 
gegnet individuell auch dl, dn für rl, rn. — l wird in der Verbindung 
gl vor Vokalen fast allgemein stimmlos gesprochen, nicht selten ist ein 
Reibegeräusch hörbar; am Weißensee wird auch ausl. -/ so gebildet, 
klingt daher nach Palatal fast wie ein ec: geec < gel gelb, Stie still. Im 
Lesach hat, wie auch in der Umgegend von lienz, l vor Konsonant 
gutturale Färbung (doch nicht so stark wie in Gottschee oder in der 
Schweiz), vor allem nach Vokalen mit tieferer Zungenlage: hotp, selin. 
— Die Näselung ist im oberen Gailtal und im Lesachtal stärker aus- 
geprägt als in Mittelkärnten; vereinzelt findet sich sogar bloße. Näselung 
mit Schwund des n: khaa"s keines. Regel ist dies nach Lünge vor folgen- 
dem Zahnlaut in Kartitsch: haa*tsl »Heinzel«, naa"dl < (n)anila Groß- 
mutter, Jiə”tol Schöntal (dagegen ən) usw. en > Is. unter » Assimilation«. 


10 P. Lessiak. 


Reibelaute: Daß germ. s und f z. T. stimmhaft vorkommen, wurde 
bereits erwähnt. Allgemein erscheint s vor Konsonant als $ sowohl an- 
lautend wie inlautend (kospl, gestar gestern), nur Stockenboi hat wie 
Mittelkärnten inlautend si. A und ch werden im Lesach zwischen Vokalen 
geschieden: % ist Lenis mit schwachem Reibegeräusch, ck dagegen spiran- 
tische Fortis und geminiert. Im Osten sind die beiden Laute qualitativ 
wie quantitativ zusammengefallen und zwar in ein schwach spirantisches 
h, das auch vor Konsonant und im Auslaut bestehen bleibt: see(a)hn 
sehen, khoohn kochen, khoht kocht, noht Nacht, nooh nach. Im Auslaut 
fällt ch nach nebentoniger Silbe im ganzen (sebiet häufig ab, so regel- 
mäßig in -löch, z. B. grausla und häufig auch (besonders im oberen Lesach 
und im Pustertal) im Kollektivsuffix mhd. -ach: sStauda < stüdach, roona 
< ronach. Gutturales und palatales ch, h werden überall geschieden, nur 
ist der Unterschied nicht sehr ausgeprägt, weshalb ich ihn unbezeichnet 
lasse. In Tilliach allerdings wird ch, h auch nach palatalen Vokalen 
ziemlich weit hinten gebildet, daher hier auch Vokalbrechung eintritt 
(s. S. 14). 


Verschlußlaute: Zu erwähnen ist, daß germ. k (soweit nicht zur 
Spirans verschoben) und gg allerorts als kx (kh) und kk geschieden 
werden: rukxn rücken : rukke Rücken. Die Aspiration des % ist im 
Westen stärker als im Osten, wo kh, wenigstens vor Vokal, eine Zwischen- 
stellung zwischen Affrikata und Aspirata einnimmt; vor Konsonant und 
im Auslaut ist die Aspiration auch hier etwas kräftiger: krnöödl, plekx. 
In der Verschiebung des k nach r, l stimmen unsere Maa. mit den mittel- 
kärntnischen überein; allgemein z. B. $orkx, mörken, wirken, folkc; nur 
fand ich überall pirre für mittelkärnt. perkhn (-krn). Vgl. dazu Beitr. 
28, 145. Das k rom. und slaw. Lehnwörter, soweit sie nicht vor der 
Lautverschiebung übernommen oder durch die Schriftsprache in die Maa. 
‚ gedrungen sind, bleibt auch im Anlaut als hauchlose Fortis von g überall 
da getrennt, wo die Anlautverschärfung nicht zur vollen Fortis geführt 
hat (s. oben). Demnach z.B. Tilliach a gulto gegen sonstiges a kulto, 
(-ar) eine Decke. — Ebenso sind in bezug auf die Scheidung von d und 
t (vom reinen Anlaut z. T. abgesehen) die alten (mhd.) Verhältnisse ge- 
wahrt, z. B. fuətər Futter : fuədər Fuder, raitn reiten (auch noch in der 
allgemeinen Bedeutung fahren!) : raidn wenden. Im ganzen Gail- und 
kärnt. Lesachtal hörte ich für intervokalisches d die stimmlose spirantische 
Lenis d: oodaer Ader, haada Heide, a dekxe eine Decke. Das Reibegeräusch 
ist meist sehr schwach, individuell, zumal von Leuten, die viel auswärts 
gewesen sind, wird auch Verschlußlaut gesprochen. Stets erscheint Ver- 
schlußlaut im reinen Anlaut und anlautend nach konsonantisch schließendem 
Wort, ferner in den Verbindungen nd, ld, rd; dagegen d nach Vokal vor 
folgendem Sonorkonsonant. Ob hier ein altertümlicher Lautstand vorliegt 


ı So Kartitsch: © pin mit’n wogy af Silgan gariitn »ich bin nach Sillian ge- 
fahren«; ? pen sottl gariitn »ich bin geritten«. 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 11 


oder Rückbildung, läßt sich natürlich nicht entscheiden. Assimilation von 
*n5 > nn kennen unsere Maa. nur in fin(nin) finden. pp erscheint als 
tt: Smitta Schmiede. 

Übergangslaute. Assimilation: Allgemein ist die Entwicklung 
von -rm > -rbm: wurbm, -Im > -Ibm: helbm, -nl> -ndl: prindl Brünn- 
lein, -nr > -ndr: a Seandr Gar, ol ein schöner, -Ir > -Ildr: a foldr 
(-ər, -0) ein voller, -r +-r >-rdr: a Swaardr ($waardo) ein schwerer, 
dagegen komp. $waara(r) (s. oben. Nur im oberen Gailtal und im 
Lesachtal begegnet -mbl für -ml: sembl. -mbr für -mr fand ich nur 
im Gitschtal: hombr Hammer, sumbr Sommer usw. Regelmäßig geht im 
Lesachtal (im Gailtal nur vereinzelt) tf über in nt, tw in p(p), tm in pm: 
gopfooto Gott Vater, geapekr geht weg, was-ip-pe(e)r < wala)s-i-weer 
weiß nicht wer, khomperxz Handwerk, kxotsumpmaus Katze und Maus. 
Für das ganze Gail- und Lesachtal gilt die Assimilation von št + d > %8 
bezw. $ in der 2. Sg. der Verbalflexion bei folgendem du: prsse bist du?, 
hos3e hast du?, wos frokse was fragst du?, dagegen du pist, host usf. 
Ausgleichung von auslautendem -/n (s. D. tirol. Ma. S. 55, A Dg I, 311) zu 
-4 ist beschränkt auf das tirol. Lesach- und Pustertal (ferner kennt sie 
das Iseltal). In Tilliach tritt sie wie in Gottschee nur ein in nebentoniger 
Silbe, z. B. waksi wechseln, họndl handeln, dagegen kennt sie das übrige 
hierhergehörige Gebiet auch in mhd. einsilbigem Wort, z. B. piil < spiln. 
Das gesamte Bereisungsgebiet hat Assimilation von m oder n + en >m 
bezw. n: pren brennen, raum räumen, šuum schämen. Doch wird im 
Infinitiv die Endung vielfach auf analogischem Wege wieder hergestellt, 
so daß Doppelformen entstehen: neben pren usw. auch prennin, raumin, 
šuumin. 

Vokalismus A. der Tonsilben: Im Gesamtgebiete ist a, @ normaler- 
weise zu einem o-Laut geworden. Länge und Kürze werden im Lesach- . 
tale deutlich geschieden, und zwar ist die Kürze offen tokr Tag, die 
Länge (gleichgiltig ob alt oder später entstanden) klingt wie langes o in 
norddeutscher Aussprache, ist jedoch nicht so geschlossen wie gedehntes 
mhd. o; doch schreibe ich oo sowohl für zë wie für o Ansätze zur 
Scheidung finden sich auch im Gail- und Gitschtal, sind jedoch weniger 
ausgeprägt. Abweichend wird a vor r im Gitschtal behandelt: hier steht vor 
r + Kons. dafür ein etwas palatales (gegen ä neigendes) mit schwacher 
Lippenrundung versehenes a, z. B. štarkx, welches unter gleichen Be- 
dingungen auch für altes o eintritt: kštarbm gestorben, argl Orgel (eine 
ähnliche Entsprechung des a und o vor r findet sich in der Millstätter 
Gegend, s. ADg I, 313). Doch ist in einzelnen Wörtern z. R. ọrbm arm, 
khorw Korb bereits das gemeinkärnt. ọ durchgedrungen. Für langes (ge- 
dehntes) a vor Nasal hat das obere Lesach von Liesing aufwärts (und fast 
das ganze Osttirol) u, das untere o mit einem «-Nachklang; im übrigen 
Gebiete wird dafür mittleres o gesprochen. Demnach: nuume Name, muune 
Mond, bezw. nooume, mooune, bezw. noome, moone. — Mhd. ä, æ hat 
überall den Wandel zu hellem a mitgemacht, doch kennt das obere 


12 P. Lessiak. 


Lesachtal (außer Tilliach) einige bemerkenswerte Ausnahmen mit offenem 
e vor r+r oder Kons.: pferraf (sonst pfarrox, -af, pfarhof) Pferch, 
wertse neben wartse Warze, merrn schädigen; vgl. dazu auch herpfe in 
Defereggen gegen sonstiges harpfe (im Lesach fehlt der Ausdruck). Außer- 
dem fand ich noch eese, deese neben gemeinsüdbair. aasn, daasn Balken- 
gestell zum Trocknen der Scheiter. Es handelt sich hier wohl um Erhal- 
tung einer älteren Entwicklungsstufe (vgl. auch gottscheeisch därrn, tsärrn, 
närris, Tschinkel S. 175); wenn in Wörtern wie karwe, a(r)kko Erker usw. 
a erscheint, so dürfte dies auf Sprachmischung (anhaltender Beeinflussung 
durch die Nachbarmaa.) beruhen. — Primäres Umlaut-e ist überall ge- 
schlossen; im Gailtal hat es eine ö-ähnliche Färbung, die das Lesachtal 
wie das angrenzende tirol. Pustertal (außer vor ») nicht kennt. Die Länge 
unterscheidet sich von der Kürze im Westen durch einen 2-Nachschlag: 
eeisl Esel : eppfl Apfel; doch findet sich dies 2 einzeldialektisch auch bei 
Kürze. In der Stellung vor Nasal herrscht in den östlichen Maa. mitt- 
leres e. Brechung zu eə bezw. öə begegnet öfter vor r; im Gitschtal 
wird geschlossenes langes e »ö« (gleichgiltig welcher Herkunft) auch vor 
s schwach diphthongiert: ööasl Esel, khööasl Kessel. — Altes e (€) ist in 
‚den östlichen Maa. außer vor l, r, h, wo es nach der gemeinbairischen 
Regel offen bleibt, durchaus mit e zusammengefallen, meist auch im 
unteren Lesachtal bis Matling. Das obere Lesach bis zur Landesgrenze 
hat dagegen den alten Unterschied in der Aussprache bewahrt: leesn, 
neewl, reegy, pfeffo, flekx gegen heribm, geste Gäste usw., auch vor Nasal 
in preeme Bremse, tseem Ziemer, krem(min) kommen, nem (min) nehmen; 
doch fensto Fenster, sembl Semmel, seygase Sense, eykc euch usw.; es 
scheint demnach als ob nur m erhaltend gewirkt hätte. Bekannte Aus- 
nahmen sind: swesto Schwester, gesto gestern, doch est Nest, preste Leib- 
schaden, presthoft bresthaft (aber gipreste Gebrechen < gibresti), eeibm eben, 
. eeiw(a)ne Ebene, doch: do-, derneebn. daneben, leeidikh ledig, preeidige 
Predigt, šef (neben %f!) Schiff, tseeien(a) < zehen(iu), seks(a) < sehs(tu), 
dagegen sextsan 16, sextsikh 60, preeito (< pretir bezw. pritir) Bretter 
neben pret Brett, pelis Pelz (< mhd. bellix), eltas Iltis, jedoch felse Felsen 
(gegen gemeinkärnt. fölsn; doch wird im Lesach das Wort selten ge- 
braucht, dafür meist wont, krlopf, polfe »balma«, kınolte, kxnolle, 
kzooufl), teeigl Tiegel (< *tegul), eppas etwas und andere Zusammen- 
setzungen mit et-. Dazu kommen einige Lehn- und Kulturwörter: messe, 
seeigy Segen, fespo Vesper, texrant Dechant, tseeiđl Zettel, presse Presse, 
sezta Sechter, tswešpe Zwetschke, pfleeiga Pfleger, doch pfleegy verb. 
weersn Wesen, dagegen giween gewesen, perca Becher. Ferner tswekr, 
drekx, kxcekx, jedoch Spekx, wekxr Weg Subst. und Adv., aber tsiweeige 
»zuwege«, weeigy wegen; weerdo weder. Diese Ausnahmen sind geradezu 
typisch für jene alpenländischen Maa., welche, wie dies in einem großen 
Teil Mittel- und Unterkärntens und der Steiermark der Fall ist, den 
Unterschied zwischen e und ë bewahrt haben (vgl. auch Beitr. 28, S. 70). 
Da sie sich fast alle auch in den Sprachinseln Gottschee (vgl. Tschinkel 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 13 


S.170ff.) und Zarz! finden, müssen sie jedesfalls schon vor 1350 bezw. 1283 
bestanden haben. — In den beiden Gemeinden Ober- und Unter-Tilliach 
ist e zu a geworden wie auch in Gottschee: gaabm geben, assn essen usw. 
Auch in einigen Lehnwörtern z. B. traase Therese und in roman. Flur- 
namen wie friwandll, gumpidall < *-ell(o); die amtliche Schreibung ist 
z. T. noch -ell, und mit offenem e werden entsprechende Formen im an- 
grenzenden Gebiete gesprochen. Vor r begegnen mehrfach Ausnahmen: 
in Fällen, wo frühzeitig Dehnung des ë eintrat, ist es in seiner ursprüng- 
lichen Qualität erhalten (Beispiele s. oben S. 5); die Beispiele mit geschl. e 
sind dieselben wie im angrenzenden Gebiete. Westlich von Tilliach ist der 
Wandel zu a nicht eingetreten: Kartitsch hat wie das Pustertal wieder 
offenes e. Nicht unvermittelt ist im kärnt. Lesach der Übergang vom 
e-Gebiete (d. h. jenem, wo die beiden kurzen e-Laute außer vor r, !, h 
zusammengefallen sind) zum e-Gebiete, vielmehr bildet das mittlere und 
untere Lesach eine Übergangszone. In Kornat- Birbaum überwiegen noch 
die e-Formen; es heißt hier noch regelmäßig geebm, treffn, fogessn usw., 

aber eeisn essen, Äkseeisn gesessen, 3weeifl Schwefel und einige andere 
haben bereits e. Je weiter talabwärts, desto mehr bekommen die e-Formen 
das Gepräge von Ausnahmen; im unteren Lesach (Strajach — St. Jakob) 
deuten nur mehr wenige Reste wie nešt, pręt neben nest, preeit, rexen 
rechnen, feegn fegen darauf hin, daß auch hier einst die e-Formen 
heimisch waren. Dem Vordringen der geschlossenen Aussprache des ¿ 
vom Osten her läuft parallel das Zurückweichen der Geminaten und die 
mit ihrer Vereinfachung verbundene Vokaldehnung. Man vergleiche die 
eben angeführten Beispiele aus Kornat: überall, wo die Geminata erhalten 
ist, ist auch die ältere Vokalqualität bewahrt, wo sie vereinfacht ist, er- 
scheint auch e für ẹ; dies gilt für das ganze Übergangsgebiet. Daraus 
ist deutlich zu ersehen, daß es sich bei dieser Sprachbewegung um 
keinerlei lautgesetzliche Entwicklung, sondern einfach um Sprachmischung 
handelt. Ich zweifle nicht daran, daß auch in einer Reihe anderer 
südbair. Maa. die Verdrängung von € durch e auf dem Wege der Dialekt- 
mischung zustande gekommen ist, d.h. daß e sich nicht allmählich zu 
e entwickelt hat, sondern daß die heimischen e-Formen unmittelbar durch 
die eingeführten e-Formen ersetzt worden sind; nur so lassen sich die 
gelegentlich recht zahlreichen »Ausnahmen« mit e in e-Maa. begreifen. 
Zu bemerken ist noch, daß im Gail- und Gitschtal vor (germ.) k vielfach 
Brechung des &>ea eintritt wie in Mittelkärnten, z. B. seeahn sehen. — 
E zeigt die südbair. Diphthongierung zu ea (im Osten) oder eə (d. i. mitt- 
leres e + ə) im Westen: $nea bezw. Snee. Am Weißensee jedoch und 
in Ratendorf (Gailtal) erscheint dafür mittleres langes e, ausgenommen 
vor Nasal. Vor n, m bleibt es im Lesachtal von Matling (oberhalb 
Kornat) bis Tilliach und in Vilgratten unverändert. Östlich sowie westlich 
und nördlich davon (Gailtal, Pustertal, Lienz) ist es in diesem Falle 


ı Doch zarzerisch pexrsar Becher, weeiwar Weber, drekx Dreck. 


14 P. Lessiak. 


zu č geworden: giən gehn, wianig, wisykr wenig. — ? wird in den 
östl. Maa. vor r meist diphthongiert. Im Gitsch- und Lesachtal hörte 
ich für kurzes © vor r vielfach einen ü-artigen Laut krärxe, der durch 
die stark zerebrale Aussprache des r bedingt ist (vgl. ADg I, 313). In 
Tilliach wird ® in ursprünglich offener Silbe vor rh au tə gebrochen: 
viare Vieh, giliərn geliehen, gištəxt geschieht (jedoch gizixt Gesicht). Mit 
i ist ü durchweg zusammengefallen, daher Tilliach ptəxl Bühel, triərile 
Dem. zu truuxe Truhe. — € erscheint überall als ač (eigentlich palatales 
a + offenes © oder geschlossenes e). — Gedehntes o wird am Weißensee, 
im oberen Gailtal (von Grafendorf aufwärts), im Lesach- und Pustertal 
diphthongiert zu oou, im Gailtal hört man daneben auch ðu (6 == pala- 
tovelares o). o ist sowohl als Länge wie als Kürze äußerst geschlossen; 
nur vor l wird von Grafendorf im Gailtal bis zum Pustertal kurzes o 
wie mitteltoniges o gesprochen (holts), dasselbe gilt allgemein für kurzes 
o vor Nasal. In der Stellung vor r, k erscheint o als ọ oder ọə in den 
östl. Maa.; das Lesachtal hat wie das Pustertal geschlossene Aussprache 
(zum Übergang von or >ar im Gitschtal s. unter a). Die Entwicklung 
des ör geht der des or parallel: östl. dort, doarf, pl. derfar, dearfar, 
. westl. dorf, pl. dörfo (ö = schwach gerundetem geschl. e, s. unter &, mit 
dem ö sonst durchweg zusammengefallen ist). — ð erscheint als oa (0a) 
oder oa (mit mittlerem o); die Verteilung ist dieselbe wie bei ea, ea für 
ê. Doch hat Tilliach g% (auch vor Nasal): gros groß, prost Brot, ppine 
Bohne. Lienz 6a (palatovelares 0 + 9): gröas usw., vgl. ADg I, 314. Nicht 
diphthongiert als mittleres oo erscheint es am Weißensee; Rattendorf da- 
gegen hat (obwohl ee für ê) ọə. Vor Nasal erscheint es als «ə in den- 
selben Maa., in denen ên > tən geworden ist; im oberen Lesach bleibt 
es unverändert: oan bezw. (Tilliach) gin. Kartitsch und das Pustertal 
haben vor Nasal użi, z. B. puine Bohne, nicht aber Vilgratten, wo man 
wieder oa spricht. Der Umlaut mhd. oe ist durchaus gleich behandelt 
worden wie mhd. & — ei ist im ganzen Bereisungsgebiet zu langem a 
geworden, Tilliach ausgenommen, das oa (geschl. o+ a) aufweist, hierin 
also sich dem tirol. Drautal (Lienz) und Iseltal anschließt, nur haben 
diese pa mit offenem ersten Komponenten. In Kartitsch hörte ich o gegen 
sonstiges aa in mge Maibaum. — au <ü ist auch vor m als solches 
erhalten. Doch begegnet von Rattendorf im Gailtal aufwärts mehrfach 
forsaam (an) für forsaum(an) versäumen. Das obere Lesach hat wieder 
fosaum, daneben aber gwraam(an) für sonst durchgehendes gwraum (on) 
abräumen. Überall wird daume Daumen, khaum kaum gesprochen. Statt 
au hört man im oberen Gailtal am rechten Gailufer die Aussprache eu 
mit palatovelarem e. Inlautend vor Vokal ist im Osten au > aw ge- 
worden: paawo Bauer, maawo Mauer, paawan bauen (vgl. A Dg I, 314). 
Am Weißensee und im oberen Gailtal spricht man in solchen Fällen einen 
Übergangslaut, ein % mit der spezifischen Lippenartikulation des w. — 
ou wird überall zu aa außer vor % und Kehllauten; doch haben Tilliach, 
Pustertal, Lienz aa bezw. a auch in »rauchen«. ouw hat zwischen Vokalen 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 15 


dieselbe Entsprechung wie 2: aaw im Osten (kaawe Haue), au im Westen 
(hayue). Der Umlaut des ou ist wie der nicht umgelautete Diphthong zu 
aa geworden (vgl. dazu Prager, Deutsche Studien VIII, S. 267): khraal < 
kröul (-es) für kröuwel, laane Lawine < *löun(n)e (vgl. Schatz, D. tirol. 
Ma. S. 43), haatal < *höuteil Flurname bei Grafendorf (haa- begegnet 
in kärnt. Maa. mehrfach in Zusammensetzungen; haa Heu auch in den 
friaul. Sprachinseln), kappl neben hap Stück Wollvieh, eigentlich »Häuptels. 
-ewe- erscheint als -eew-, -eeiw- (bezw. vor m als -eeb-, -eeib-): Street) we 
Streu neben straa < štröu, Streefi)bm streuen, free(übm freuen. Mhd. 
-öuw(e) entspricht -at in: gaùt Gau, hai Heu, fraide Freude. Mit Rücksicht 
auf Oé >a und mhd. frouwe — frau sollte man für mhd. göuwe, höuwe 
ma. gau, hau erwarten; aber es ist wahrscheinlich, daß das č in ga: pala- 
talisiertes % fortsetzt: ahd. gouui (Neubildung zu gawi, gewi nach den 
7-Kasus) ergab mhd. göü-üe, das über g4-2(e) > gai wurde. fraide (vraide), 
hai würden demnach einem mhd. vröü-üede, höü-üe, dagegen vraade, 
haa der friaul. Sprachinseln der Kurzform mhd. vröüde, höü entsprechen. 
Auffallend ist allerdings, daß für Heu, Gäu nur einsilbige Formen be- 
gegnen, während kouwe, ouwe auch zweisilbig als kauue, auue bezw. 
haawe, aawe auftritt. — iu wurde in Tonsilben allgemein zu o% (ge- 
schlossenes o + :); umgelautetes © ist mit Umlaut von zusammen- 
gefallen. Auffallend ist goraagin gereuen, kxaajin kauen, im oberen 
Lesachtal; vgl. dazu r&, rägelt bei Lexer, KWb. S. 208. In der Verbal- 
flexion ist <9 verallgemeinert worden, doch hat Kartitsch in allen Formen 
ot. — te, Üüs erscheint überall als 23, und ist da, wo ê vor Nasal zu va 
geworden ist, mit diesem zusammengefallen. — uə für mhd. wo reicht bis 
nahe an die kärnt.-tirol. Grenze: in den Grenzgemeinden St. Lorenzen und 
Luggau tritt dafür ve auf, das dann auf tirol. Gebiet (Tilliach, Kartitsch, 
Pustertal) in uč übergeht, vgl. Schatz, D. tirol. Ma. S. 45. In der Gegend 
von Lienz und im Iseltal herrscht wieder uə bezw. ùə (ù = »gemischtes« u). 

Nebentonige Vokale: Das auslautende e des Mhd. erscheint, soweit 
es erhalten ist, als e oder als ein dem e sehr nahe stehendes 3; in Luggau 
(oberes Lesach) und Tilliach hört man dafür häufig ein offenes t. 

In Stockenboi sind die Verhältnisse im ganzen und großen dieselben 
wie in Mittelkärnten (vgl. Beitr. 28, S. 87 ff.), d. h. auslautendes -e er- 
hielt sich bei einer Anzahl schwacher Fem. und Neutra und bei einigen 
30o-Adj. wie linde usw. Im übrigen Gebiete ist die Apokope weit weniger 
vorgeschritten, und zwar nimmt das konservative Gepräge von Osten 
gegen den Westen hin zu, um in Tilliach und dem angrenzenden Pustertal 
den Höhepunkt zu erreichen. Am Weißensee begegnet außer den ge- 
nannten Fällen auslautendes -e auch bei neutralen 70o-Stämmen wie öörke 
Eck, khiyge Kinn, geneete < genoete Arbeitsfülle, daneben allerdings pööt 
Bett, gapirg Gebirge u.a. Im Gitschtal haben die schwachen Fem. und 
Neutr. fast ausnahmslos -e, die starken Fem. sind in der Regel endungslos 
(doch z. B. aawe Aue), ebenso die neutralen Jo-Stämme und die schwachen 
Mask.; dagegen sind ziemlich zahlreich die Adj. und Adv. mit erhaltenem 


16 P. Lessiak. 


e, wie miade, ringe leicht, laise leise, gamaane gemein, driine darin (vs 
sind in der Regel solche, deren Stamm auf Lenis oder Sonor endigt). 
Das untere Gailtal bietet im wesentlichen dasselbe Bild, nur finden sich 
hier schon einige Belege für Erhaltung des e bei schwachem Mask., z. B. 
rööhe Rechen, pgole Ballen, putse Butzen, teene Tenne; doch überwiegt - r 
bei Sachbezeichnungen, z. B. gọrtn und Endungslosigkeit bei Ausdrücken 
für lebende Wesen wie oks, Spots. Im oberen Gailtal von Grafendorf auf- 
wärts ist -e nicht nur durchgehends bei schwachen sondern mehrfach auch 
bei starken Fem. erhalten, vgl. hilfe, tsaile, iwiyge Übung usw. neben 
$troof Strafe, Sprogx Sprache, stunt Stunde. Die Mask. und starken Neutra 
mit bewahrtem -e sind bereits sehr zahlreich, ebenso haben die Adj. und 
Adv. den Vokal fast durchweg erhalten: mitə mit, tsọmme zusammen, 
diine darin, lọņge lange, oone an. Regelmäßig tritt -e auch im N. A. Pl. 
bei einsilbigen (bezw. endbetonten) Wörtern auf: paame Bäume, Swaafe 
Schweife, hente Hände, im Dat. Sg. nur in erstarrten Formen z. B. tsə 
mitooga zu Mittag. Das Lesachtal (zumal das obere) hat -e fast in allen 
Fällen erhalten, regelmäßig ist Abfall in Wörtern wie koowo Haber, 
noodl Nadel, kxeetn bezw. kxettn Kette oder peer Bär, tiir Tür, fiil neben 
fil viel, geel gelb, suun Sohn, wo -e schon im Mhd. geschwunden ist 
(doch gibt es Ausnahmen, z. B. eeile neben eeil Öl, šoole Schale, miile 
Mühle), in den Suffixen -ære, -nisse, -lêche (ma. -in bei Fem. kann 
auch auf mhd. -n zurückgehn); ferner in der Verbalflexion: plai(b) 
bleibe, mọxrat machte (konj. praet.) usw., dazu kommt eine Reihe schwach- 
toniger Partikeln, z. B. ọn neben adv. oone an, um neben umbe mit auf- 
fallendem mò für mp. Im mittleren Lesach sind mir noch ein paar 
schwache Mask. auf -n untergekommen, von da talaufwärts fand ich a 
nur noch in prootn Braten. Allgemein herrscht Apokope in den Wörtern 
firšt Fürst, mentš, puə »Bube«, ksel Gesell, keer Herr (doch Tilliach 
heere), sonst regelmäßig huune Hahn, okse, ọffe, prunne, šoote Schatten, 
kxošte, šlīite. Fem. -a-Stämme mit Apokope beschränken sich auf einige 
alte Fälle: stunt, wail, auch erl Erle; vgl. dagegen: Suume Scham, u(ə)re 
Uhr, maure Mauer, laire Leier. fohọndliye Verhandlung, ummase Ameise 
(mit junger Kürzung des ü < ã) usw. Auch finden sich Analogiebil- 
dungen wie fauste Faust. Von Neutren bilden eine Ausnahme: karaits 
Kreuz, ksiir Geschirr, hai, gai (s. oben),' sonst durchweg: giwelbe Ge- 
wölbe, gisinde Gesinde, moxzade e. Speise < *machidi, prooxade die 
Zeit vom Mai bis Juni, fiire Vieh, pette Bett usf. Von den Adj. und 
Adv. sind die auf -r z. T. endungslos: waar schwer, laar leer, toir teuer 
(doch im Pustertal torre), hoir heuer; ferner noi neu, frot treu (doch 
troe Treue; vgl. hierzu die oben angeführten kai, gai). -e begegnet durch- 
weg auch in der Flexion, die oben erwähnten Ausnahmen abgerechnet. 
Es heißt zwar stoodl Stadel, ebenso Dat. Sg., Pl. Staadl, aber tọkx Dat. Sg., 
Nom. Akk. Pl. tooge, hont Pl. hente, mit ollsme mit allem. Nur Tilliach 
bildet auch bei zweisilbigen Subst. auf -er, -el die Mehrzahl auf e, 
jedoch nicht ausnahmslos: Art! Kittel Pl. Arittle, pundl Pudel Pl. pxdle, 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 17 


Stióvl Pl. štivle, rügl Pl. rigle, aber štoodl Pl. $tadl, noogl Pl. negl usw. 
Daraus, daß gerade die umlautlosen Pl. -e haben, geht mit groBer Wahr- 
scheinlichkeit hervor, daß es sich hier um eine dem Streben nach deut- 
licherer Unterscheidung entsprungene Analogiebildung nach den übrigen 
Pluralformen handelt; regelmäßig ist dagegen hoovn — havne, woogy — 
wagne. Schon dieser knappe Abriß lehrt deutlich, daß auslautendes -e 
außer den wenigen Fällen alter Apokope und der Verbalflexion vor nicht 
allzulanger Zeit auf dem Gesamtgebiete vorhanden war; anders ließen 
sich jene zwar verhältnismäßig spärlichen aber doch sehr bezeichnenden 
Reste, welche sich im unteren Gailtal und im Gitschtal noch vorfinden, 
nicht begreifen. Die ursprüngliche (altbair.) Quantität des auslautenden Vo- 
kals spielt bei der Erhaltung in unseren Maa. jedesfalls keine Rolle; die 
größere Zähigkeit des auslautenden -e als Endung der schwachen Fem. 
und Neutra erklärt sich daraus, daß die mittelkärnt. Maa., von denen das 
Apokopierungsbestreben in unseren Dialekten ja im wesentlichen ausgeht, 
in diesen Fällen den auslautenden Vokal erhalten haben. Der teilweise 
Vokalabfall in den Gailtaler Maa. beruht also hauptsächlich auf sprach- 
licher Ausgleichung. Da das obere Gailtal demnächst eine Bahn bekommt, 
wird es nicht lange dauern, bis auch hier die Annäherung an die mittel- 
kärnt. Verhältnisse sich vollzogen haben wird. 

Bemerkenswert ist, daß die Kuh- und Stutennamen wie 3ekxa, 
Sotsa, Sterna, waisa usw. nicht wie die übrigen Fem. auf -e, sondern 
außer auf tirol. Boden allgemein auf -a auslauten wie in Mittelkärnten; 
im Gitsch- und Gailtal überdies auch die pers. Fem. wie goota Patin, 
noona Großmutter und Eigennamen wie mattsa, miada (beide = Maria) usw. 
Denselben Unterschied kennen die Gottscheer Dialekte, nur erscheint da für 
unser -a ein -o, vgl. Tschinkel, Gram. d. Gottsch. Ma. $138. — Aus- 
lautendes mhd. -ju wird im oberen Gail- und Lesachtal von -e genau 
geschieden, vgl. fiora »vieriu«, fimfa »vünviu«, a raixa (pairin) »ein 
richiu«, flaisiga kxindo »vlîxegiu k.«, dagegen di raixe (p), s guate 
krint usw. Im Gitsch- und unteren Gailtal sind -ïu und -e in ə(e) zu- 
sammengefallen. — Ahd. -2 in Koseformen ist (außer im Lesach- und 
Pustertal, soweit hier nicht -e überhaupt zu ? wurde, s. oben) durch -® 
vertreten, z. B. gailtalerisch: gööst: Pate, nööin! Großvater, wali Ulrich, 
pauli Paul usf. Im Westen ist es mit -e zusammengefallen. Die Demin. 
mehrsilbiger Wörter endigen auf -le (im Osten daneben -&, im Westen 
z. T. -k, vgl. oben -e > -i): waagndle Wägelchen, feedrie Federlein; dabei 
haben vokalisch auslautende Wörter durchweg : vor der Endung: ekkile 
zu ekke Eck, tsiygile zu tsuyge Zunge; ebenso wird -elli(n) zu -de: 
feegile Vöglein. Eine Ausnahme macht das Pustertal, wo zweisilbige 
Wörter auf -er, -en die Kurzform des Suffixes haben: kreefrl Käferlein, 
peedndl Bödenlein. Letztere herrscht im ganzen Gebiete bei einsilbigen: 
astl zu o3t Ast, daxıl zu dor Dach, harsl! Häuslein (Formen wie haisile 
haben die Bedeutung von Koseformen), doch erscheint die vollere En- 
dung immer auch bei einsilbigen Wörtern, falls sie auf Vokal oder -/ 

Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 2 


18 P. Lessiak. 


ausgehen, und zwar hat der Osten in Übereinstimmung mit den Kose- 
formen auf (ahd.) -2 hier stets -%: aalö »Eilein«, 3iaali Ställchen, der 
Westen -le bezw. -L. 

Wie im Auslaut ist der Vokal meist auch in der Kompositionsfuge 
bewahrt, z. B. ęẹrderuəwe »Erdrübe «, Kartoffel, moousekxooufl » Mooskofele. 
Bergname, toogelukxe »Taglücke«, Lichtöffnung an der Giebelseite des 
Dachraumes, maaligrantl Mehlkiste (dies aus Tilliach) usw. 

Mhd. inl. schwachtonigem e entspricht im Osten a, e, im Westen 
i oder stark geschl. e. Gailtal: wolfas loox »Wolfsloch«, gaahas plötzlich. 
lia3nigas prindl Lieschnigs (Vulgarname) Brünnlein. Ob.-Lesach: huntis- 
plooto Hundsblatter (-blase), gaaxis usw. Allgemein erscheint è in den 
mhd. Endungen -est, -ech, -ec, -esch (-isch): herwist Herbst, dar heshiste 
der höchste, kxoolöx Kalk, haawixr < häbech Habicht, mitlix Milch, aauxr 
<äbech verkehrt, krünikh König, förtikh fertig (bezw. khiinig, förtig), 
narris$ närrisch. Ebenso bleibt mhd. ¿è in -in(ne), -nisse, -inc; als -yge, 
-iye erscheint auch mhd. -unge (-ünge): wirtin, finsternis, örwliykh 
Ärmel, arsliykh ärschlings, tsaitiye Zeitung; nur am Weißensee spricht 
man geschl. e vor g, ch und og: grauseg grausig, grauslex grauslich. 
tsaiteng Zeitung. Nach Sonoren ist zuweilen Synkope eingetreten: weaykr 
wenig, wal$ wälsch (daneben in den östl. Maa. wiənig, waališ), stets in 
zweisilbigen Wörtern, z. B. $naidars Schneiders. Beinah völlig durch- 
geführt ist Synkope in Verbalformen; so heißt es durchgehends sok sagt, 
sokst (bezw. sokse sagst du), ksok, gisok gesagt; Sraip schreibt, Srazpst 
schreibst, moxt macht, moxrst machst, gimext gemacht. Doch unterbleibt 
sie bei Stämmen auf -p, -t, -k (nicht kr’): Snoppat (-it) schnappt, kai- 
ratat (-it) heiratet, kukkat (-it) guckt (jedoch Aokrt hackt), in Tilliach 
hörte ich die volle Endung auch in ein paar anderen Fällen, z. B. dowxssit 
erwischt. In den Vorsilben ge-, be- ist Vokalausfall im ganzen Gebiet 
unterblieben vor Verschlußlauten, Nasalen, w und g: z. B. Weißensee: gə- 
trööln getreten, gapirg Gebirge, gamist, gawilkc Gewölk, gazok gejagt. 
Synkope vor ! (gloxan oder glort gelacht) und r (khriitn bezw. kx- ge- 
ritten, zu khr- vgl. Beitr. 28, S. 31 $ 29, c) reicht bis ins mittlere Lesach. 
In Kornat spricht man bereits geriine (Flurname, Koll. zu mhd. roue 
Baumstamm), gelossn usw. Nur in einzelnen Wörtern ist Synkope vor 
Sonorkons. auch ins obere Lesach gedrungen: k.rrood gerade, glair, glaabm 
glauben, gnuude neben gnoode Gnade (uu für zu erwartendes oo unter 
dem Einfluß des vorausgehenden Nasals). Tilliach, Kartitsch jedoch haben 
gtlaixe, gilaabm; gilaixe muß auch noch zu Lexers Jugendzeit im kärnt. 
Lesach üblich gewesen sein, vgl. K. Wb. Sp.115 (s. auch giràde Sp. 120); 
allgemein ist paur, paawsar Bauer. Vor Reibelauten wird e im ganzen 
Osten synkopiert; erst in St. Lorenzen im oberen Lesachtale hörte ich 
Formen wie gisinde, gisikxt, gihoft usw., doch nur bei einigen älteren 
Personen. Daneben werden schon allgemein die synkopierten Formen 
verwendet, wenige isolierten Beispiele ausgenommen. Lexer bietet noch 
fast ausschließlich die volleren Formen, soweit er seinen heimatlichen 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 19 


Dialekt berücksichtigt. Auch in Tilliach werden von dem jüngeren Ge- 
schlecht bei Verben, deren Stamm mit s, $, f anlautet, die Kurzformen 
bevorzugt; vor h- hörte ich hier noch durchweg g2-. Kartitsch hat auch 
in diesem Falle Synkope, während Vilgratten ausnahmslos den Vokal be- 
wahrt hat. 

Mhd. nebentonige Längen oder Vollvokale (außer ¿ und ausl. -;, 
s. oben) sind, außer am Weißensee, im Gesamtgebiet zu a geworden. 
Mhd. -zu > a wurde bereits erwähnt. a erscheint ferner: für @ in mhd. 
-@re, 2. B. Gailtal $uostar Schuster, milnar »Müllner« gegen polstr, footr 
(im Lesach suasta: footo s. oben unter »Konsonantismuse). Für mhd. å 
in hairain, kcooumat Kumnet, grusmat Grummet. Für mhd. in wirxan 
<wirchin aus Werg, hilisan < hülzin, guldan < guldin; in uəlan Dat. 
Sg. zu uəli Ulrich, feeyilan Dat. Sg.. Nom. Acc. Dat. PL zu feegile Vöglein; 
in raatax mhd. rætich Rettich, öösaz, essax < exzich, oonas, uunas < 
anis, kreemat, -ax Kamin; in -la(x) < lêch: fraila freilich, hamla heim- 
lich (neben -la begegnen, besonders im östl. Teil vereinzelt auch Formen 
mut ri: in -ade <ıde, z. B. moxxade < machide (vgl. dazu Tschinkel, 
Gram. d. Gottsch. Ma. 8. 207); in Kompositen wie: hoasat Hochzeit, proın- 
pan Branntwein, mọltsat Mahlzeit, Spisat Schattseite, Sneewas Schneeweiß 
(Hausname in Rattendorf),. Für mhd. & in niama(r) nimmer, naintsan < 
niunxzen 19. Für ð, ê im Konj. Prät. moxzat machte, werffat würfe 
(schw. Bildung), für ö im Komparativ-Suffix or (das im Südbair. -ir ganz 
verdrängte): greas(s)a(r) größer, waita(r) weiter; vgl. ferner: moonat, 
muunat < mänöt, uunipas (Lesachtal, sonst ympas) < anapöz Amboß. 
Für ei in opomase, ummase Ameise, orwat Arbeit, krroykrat Krankheit; 
für uo (üe) in porfas barfuß, hontar Handtuch, firtax Fürtuch, krxro3pal 
Spülicht (< karspuole), haamat Heimat; für ou in 3nitlax Schnittlauch, 
krnoflac Knoblauch. Für kurze nebenton. Vollvokale: für mhd. a in 
Kollekt wie hoslar, $taanar, pircaxr, mhd. haslach, steinach, birkach, 
in eppas etwas, poolas O. N. Pallas, lailax Leintuch, khirpax Kirchbach 
(O. N.), kxrištan Christian usw. Für e in ellant Elend, inna(r) < inher, 
aufa(r) < ûfher, in den Verben auf mhd. -etzen, z. B. trupfatsn träufeln. 
Für o bezw. e in -at aus -oht, -eht: šeękxat scheckig, flękrat fleckig, in 
maaraf Meierhof, fraitaf Friedhof, khompfal Handvoll u. a. 

Anm. l. Auffallend ist a für mhd. © in andlaf 11, kxirwas Kürbis, 
heeimat Hemd (vgl. auch gottscheerisch kemmait), inslat Unschlitt, loygas 
neben /oygis Lenz; man beachte das Fehlen des Umlautes; das Mölltal 
hat.laygas mit sek. Umlaut; es werden demnach Doppelformen mit ver- 
schiedenem Suffixvokal bestanden haben. -Auf solchen dürfte auch die 
abweichende Entwicklung in kxoowas — kxoowis (letztere Form aus Kar- 
titsch) beruhen, *kabaz neben kabuz. Ahd. u erscheint unter dem Neben- 
ton in der Regel als č, vgl. oben kaawix, miilix, ahd. a als a vgl. seenaf 
Senf, koonaf, huunaf Hanf (jedoch Tilliach konnif), oouwas Obst. Doch 
mag die Verschiedenheit des Vokals auch mit der Beschaffenheit des 
folgenden Konsonanten zusammenhängen. — Formen wie mọrkx Markt, 


xk 
gel 


20 P. Lessiak. 


orts Arzt, fort! Vorteil mit synkopiertem langen Vokal dürften entlehnt 
sein. — Bemerkt sei, daß nebentoniges a in « übergeht, wenn eine 
(ursprünglich) schwere Endung antritt: (sant) 1ooka (St.) Jakob, aber 
tokiwa(r) St. Jakober, naintsan 19, aber naintsina (-a < -iu), vgl. da- 
gegen prwase Erbse, heeimatar (-0) Hemden, zn lpoygase im Lenz usw. 

Anm. 2. -tag als zweiter Kompositionsteil in der Benennung der 
Wochentage erscheint im Lesach und dem angrenzenden Osttirol der 
Regel entsprechend als -ta(kh): sunta(kh) usw. In die oe Maa and de 
mittelkärnt. Formen auf -tig eingedrungen, z. B. suntig. Für die slaw. 
Endung -ica hat das Lesach z. T. -atse, vgl. milnatse (Flurname < slow. 
mlinica »Mühlwiese«), im östlichen Teil begegnet nur -itse. Daraus 
scheint hervorzugehn, daß die slow. Namen im Lesach (wenigstens teil- 
weise) zu einer Zeit übernommen wurden, als das Slow. noch lange Vo- 
kale in unbetonter Silbe kannte, denn a deutet auf ursprüngliches ?. 

Anm. 3. Zum Hiatus: Wie im Mhd. schwindet auslautendes un- 
betontes -e vor folgendem vokalischem Anlaut. Z. B.: geət (d)i kitš-in 
di $usale? Geht das Mädchen (kitse bezw. gitše) in die Schule? das amei 
 frid-išt daß einmal Ruhe eintritt (fride). kxots-ump maus Katze und 
Maus (kxotse). am rokx-ı3t a vlakx (Tilliach) am Rocke ist ein Fleck 
(sonst am rokxe.. um di mitt-um um die Mitte herum. 

Die Flexion werde ich gelegentlich im Zusammenhange mit an- 
deren kärnt. Maa. eingehender behandeln. Einzelnes habe ich bereits 
bei der Besprechung der nebentonigen Vokale berührt. Erwähnt sei, 
daß der Gen. Sg. nur bei Eigennamen lebendig ist, und zwar ist seine 
Stellung wie die des »sächsischen Gen, im Englischen stets vor dem 
Beziehungsworte. Eine eigentümliche Genetivbildung findet sich im 
Lesach bei Vulgarnamen, wenn die Beziehung eines Gegenstandes zum 
ganzen Besitztum oder zur ganzen Hausgenossenschaft ausgedrückt werden 
soll. Der gewöhnliche Gen. Sg. zu den Hausnamen (Vulgarnamen) kooufa 
Hofer, konna Ganner, praks Prax, krlaus Klaus ist hooufas, konnas, 
praksis oder praksn (schwach), kxlausis, -n; aber es heißt stets hooufara, 
konnara, praksnara, krlausnara, wiütse, okxar (ohne Artikel), die bezw. der 
zum vulgo Hofer usw. gehörige Wiese, Acker. Ist von Formen wie praksnara 
auszugehen und steckt in dem (n)-ara ein besonderes Wort (ihre)? Oder 
ist hooufara ein Rest des Gen. Pl. und sind die »Gen.« der einsilbigen 
Namen als eine Art Analogiebildung nach denen der zweisilbigen auf 
ursprüngliches -ere, die ja sehr stark vertreten sind, aufzufassen? Bei- 
den Deutungen widerspricht der Ausgang a: ira gibt es in der Ma. nicht 
und auslautendes -o des Gen. Pl. hat im Ahd. Kürze. — Die weiblichen @- 
und än-Stämme sind in der Flexion völlig zusammengefallen: der Sing. 
bleibt unverändert, im Plural erscheint o Can, -in) in allen Kasus: 
doch finden sich, von erstarrten Redewendungen abgesehen, Reste der 
schwachen Flexion bei Personbezeichnungen, z. B. kxirrxe, in dar kxirxe 
(duch kxiren gean), aber tooute (gooule) Patin, pa dər toouin (gooutn) 
bei der P. Diese Differenzierung ist in Ober- und auch Mittelkärnten 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 21 


weit verbreitet. Hängt die Tatsache, daß gerade die Personbezeichnungen 
(und Kuhnamen) noch z. T. -a gegen sonstiges -e haben, s. oben S. 17, 
irgendwie damit zusammen? Repräsentiert nur diese Gruppe die ur- 
sprünglichen -än-Stämme? Unter dieser Voraussetzung wäre die Ver- 
schiedenheit der Nominativendung wohl verständlich, denn die än -Stämme 
hatten im Südobd. im Nom. Sg. langes a (vgl. Beitr. 28, S. 98 ff., Die 
tirol. Ma. S. 51 ff.). In den osttirol. Maa. wären demnach die Nominativ- 
formen der dn-Stämme ganz aufgegeben worden, in den kärnt. hätten 
sie sich z. T. gehalten. Die Gail- und Lesachtaler Maa. kennen eine be- 
sondere Rufform, die auf oo endet: lipoo zu lip Philipp, kitšoo zu kitse 
Mädel, warwiloo zu warwile Bärbchen, es ist das mhd. ä der verstärkten 
Imperative und Alarmrufe: hilfä usw. Zu bemerken ist ferner, daß die 
Lesachtaler Ma. neben des < ex ihr auch noch »ihr« kennt, und zwar in 
der Form der, dr. Über die Verwendung der beiden Formen handelt 
ausführlich Lexer, K.Wb. Sp. 59. 

Ich habe mit meinen Ausführungen den Rahmen einer übersicht- 
lichen Darstellung mehrfach überschritten, doch glaube ich, daß unsere 
Maa. mit Rücksicht auf ihr konservatives Verhalten eine eingehendere 
Behandlung wohl verdienen; auch rein methodisch scheint es mir von 
Nutzen zu sein, die sprachlichen Zustände eines so eng zusammengehö- 
rigen Gebietes gründlicher zu beleuchten. Außer der Umgebung des 
Weißensees und dem Pustertal bildet ja das Lesach- und Gailtal, wie 
eingangs ausgeführt wurde, eine geographische Einheit, die als maß- 
gebender Faktor in der Sprachentwicklung allerdings dadurch eine Ein- 
buße erfährt, daß eine politische Grenze (die kärntnisch-tirolische Landes- 
grenze) das obere Lesach durchläuft und daß das tirolische Stück des- 
selben hauptsächlich mit dem Pustertal in Verkehrsbeziehung steht. In 
konfessioneller Hinsicht ist das (deutsche) Gailtal und das Gitschtal ge- 
mischt, doch habe ich bei der protestantischen Bevölkerung keinerlei 
dialektische Abweichungen bemerkt; es ist dies begreiflich, da die beiden 
Bekenntnisse nicht örtlich geschieden sind. 

Folgende Zusammenstellung diene zu leichterer Übersicht: Außer 
Stockenboi und dem Weißenseebecken, die eine größere Übereinstimmung 
mit dem angrenzenden Drautal aufweisen, eignet dem Gesamtgebiet: 
Assimilation von -št + de (< du) > -še in der 2. Sg., Übergang langer 
nebentoniger Vokale in a, Bewahrung auslautender schwachtoniger 
Vokale. Deutlich lassen sich zwei Gruppen unterscheiden, eine west- 
liche und eine östliche; die Grenzlinie fällt im wesentlichen mit der 
Grenze zwischen dem Gail- und Lesachtale zusammen: dort Erhaltung 
der alten Geminaten bezw. Fortes und damit teilweise auch der alten 
Quantitätsverhältnisse, ferner der mhd. konsonantischen Auslautregel, 
relative Seltenheit der Apokope bezw. Synkope, Scheidung von e und € 
mit Ausnahme einiger Einzelfälle, geschlossene Aussprache des o vor r, 
Erhaltung von är in gewissen Fällen als er, Mangel einer Vokalentwicklung 
bei mhd. -@r, -r im Wortauslaut, ?r (ihr) neben ex, -iac in Zusammen- 


22 P. Lessiak. 


setzungen erscheint als -Za(kxr). Daneben begegnen Neuerungen: ausl. -i 
in zweisilbigen Wörtern >e (ft), -er > -0, ære > -a(r), o vor l erscheint 
als mittleres o, -tw- wird regelmäßig zu -p-, if zu pf, tm zu pm assi- 
miliert. Dem gegenüber hat der Osten die Geminaten vereinfacht, kurze 
Vokale werden in großem Umfange auch vor ursprünglichen Geminaten 
gedehnt, die Auslautverhältnisse sind neu geregelt. Mhd. unbetontes r 
schwindet in gewissen Wortkategorien, e und ¿ë sind außer vor r, l und A 
zusammengefallen, o vor r hat offene Qualität, -?r, -ür sind zu -aisr 
(-ain), -auar (-awv) geworden, das Pron. :r fehlt, -tac begegnet als - Lig. 
Vom Gailtal sondert sich das Gitschtal ab durch den Wandel von - nr = 
-mbr, von kurzgebliebenem -or- > -ar-, von gelängtem -es- > -üöas- 
und durch stärkere Syn- und Apokope, ferner durch die Dehnung vor p, 
k (und ł, m). Das obere Gailtal schließt sich in einigen Punkten näher 
ans Lesachtal an; es erscheint: gedehntes e, o als eet, oou, o vor l als 
mittleres o, ml wird zu mbl. Unter den westlichen Maa. hat das obere 
Lesach mancherlei Eigenheiten: Erhaltung von eə < ê, oə < ô vor Na- 
salen (östlich dən, uən, westlich «or, win), des Vokals der Vorsilbe ge- 
auch vor Liquiden und Reibelauten; mit seinem ün < än schließt es sich 
näher an die osttirol. Maa. an. Nur dem tirol. Lesach (Tilliach) und dem 
Pustertal (mit Ausnahme des Lienzer Beckens) kommt zu: Anl. Fortis 
für Lenis, d für inlaut. , Assimilation von -ln > -l, Bewahrung der 
Kürze in ursprünglich dreisilbigen Wörtern, der Übergang von uo > 1. 
vollständiger Zusammenfall der Nominativendung der weiblichen o. und 
än-Stämme. Eine Reihe von Besonderheiten räumen der Tilliacher Ma. 
eine Ausnahmsstellung ein: Erhaltung stimmhafter spirantischer Lenes, 
¿>a, ih>iex, ö>oi, i>oa. (Mit dem kärnt. Lesach hat Tilliach 
gemeinsam: Erhaltung von -in in einsilbigem Wort, Verallgemeinerung 
von je bei Verben der 2. Klasse, ean für ën, die Deminutivendung -le 
auch bei mehrsilbigen Wörtern, ré bleibt unverändert.) Kartitsch und 
das Pustertal sondern sich von Tilliach dadurch ab, daß dort rt in rsi 
übergeht, -In ausnahmslos zu l wird, -erlî(n), -enlî(n) als -erl, -endl 
erscheint, ferner daß im Präsens der Verben der 2. Klasse ot (< iu) ver- 
allgemeinert wurde; auch ist čen mit ën in on, uon mit ôn in uin 
zusammengefallen. Sonst (so in der Behandlung des €, des © vor h, 
des 5, des ei, im Aufgeben der Stimmhaftigkeit bei Reibelautlenes und 
in Zusammenfall von spirantischen Fortes nach Länge mit Lenes) stimmt 
Kartitsch und das angrenzende Pustertal mit dem kärnt. Lesach überein, 
so daß die Ma. der Doppelgemeinde Tilliach wie ein fremdes Element 
von der Umgebung absticht. 

Die Entwicklung von @>a dürfte den Anlaß dazu gegeben haben, 
daß man die Tilliacher für schlesische Siedler hält, obwohl jeder ge- 
schichtliche Anhaltspunkt für diese Annahme fehlt. Wie bei den Be- 
wohnern der 7 Gemeinden der Glaube an ihre zimbrische Herkunft, so 
hat auch bei den Tilliachern unter dem Einfluß örtlicher Gelehrsamkeit 
diese Ansicht Wurzel gefaßt. Daß der Übergang von &>a erst nach 


Beiträge zur Dialektgeographie der österreichischen Alpenländer. 23 


der Besiedlung des Hochtals erfolgte, geht aus der Behandlung der fremden 
Ortsnamen hervor, und der Konsonantismus weist durchaus keine mittel- 
deutschen Eigenschaften auf. Stimmhafte Aussprache von germ. s und 
f ist einer Reihe von bair.-österr. Maa. eigen: sie ist mir untergekommen 
mehrfach in tirolischen Dialekten, so in Kals und Defereggen (A Dg I, 309), 
im Ötztal, im hintersten Zillertal (Astegg), im Passeier (hier besonders 
ausgeprägt); in Kärnten im Katschtal und oberen Lavanttal, also eben- 
falls in mehr abgelegenen Gegenden. Sehr weit verbreitet ist tönendes 
s und f in ober- und niederösterr. Maa., es findet sich ferner auch in 
allen Sprachinseln, in denen bair. Ma. herrscht. Der Ersatz von slaw. 
(tschech. und slow.) 5 durch f, die Wiedergabe der bair. Lenes durch 
stimmhafte Laute in älteren Lehnwörtern des Slow., alles dies weist 
darauf hin, daß stimmhafte Aussprache früher über das ganze bair. 
Sprachgebiet verbreitet war und daß es sich um eine rückläufige Be- 
wegung handelt, wenn heute die beiden Konsonanten in großen Teilen 
des Bar. wieder stimmlos gesprochen werden. Die Entwicklung von ô 
über gə, ge>oi, die sich in Tilliach vollzogen hat, ist nur ein Schritt 
weiter in dem Streben, welches auch im angrenzenden Pustertal (im 
engeren Sinne) den Wandel von uo über ua, uwe> ui veranlaßte. Dies 
und die Erhaltung der Kürze in (ursprünglich) dreisilbigen Wörtern 
läßt das Tilliacherische als mit den westlichen Nachbarmaa. nahe ver- 
wandt erscheinen. Nur die abweichende Entwicklung des ei spricht mit 
Wahrscheinlichkeit für eine andere sprachliche Unterlage. Der Sach- 
verhalt ist meines Erachtens der, daß die aus dem Pustertal (über Kar- 
titsch) nach dem Gailtal vordringende deutsche Bevölkerung in dem hoch- 
gelegenen Tilliach (die Siedlungen liegen in einer Höhe von 1300 bis 
1500 m) sich nur in geringer Zahl festsetzte, und daß diese Gegend erst 
später vom Lienzer Becken aus stärker besiedelt wurde: so würde sich 
einerseits die Übereinstimmung zwischen den Maa. des östlichen Puster- 
tales und des kärnt. Lesachtals erklären, anderseits auch der sprachliche 
Zusammenhang zwischen Tilliach und der Umgebung von Lienz. Daß 
dann der gegen Norden hin abgeschiedene Tilliacher Dialekt weiterhin 
an der Entwicklung der Maa. des östlichen Pustertals teilnahm, ist in 
Anbetracht der Verkehrsbeziehungen begreiflich. 

Der bedeutende Gegensatz, welcher zwischen dem Lesach und dem 
Gailtal besteht, mag auf der Verschiedenheit der vorgermanischen Bevöl- 
kerung (s. Einleitung) beruhen. Wohl könnte man auch hier mit ver- 
schiedener Herkunft der Siedler rechnen, nämlich so, daß den Aus- 
gangspunkt für die Germanisierung des Gailtals die an der alten aus 
dem Drautal über den Gailberg und die Plöcken nach Italien führenden 
Heerstraße gelegenen großen Siedelungen Kötschach und Mauten bildeten, 
die ihr Deutschtum selbst wieder vom Drautal her empfangen hatten. 
Doch sind zwischen den Gailtaler und Oberdrautaler Maa. eine Reihe von 
Unterschieden vorhanden, die eine unmittelbare Zusammenstellung ver- 
bieten. Die Erscheinungen, welche für einen Zusammenhang sprechen, 


24 Othmar Meisinger. 


sind größtenteils gemeinkärntnische Sonderentwicklung und können auch 
auf anderem Wege ins Gailtal gedrungen sein; hat sich doch z. B. der 
Markt Hermagor heute schon fast ganz die kärntnische «0.7, die Stadt- 
sprache (einfach durch Vermittlung höherer Kulturschichten) angeeignet. 
Wenn die Sprache des Gitschtals mancherlei Übereinstimmungen mit der 
am Weißensee aufweist, so dürfte weniger die Nachbarschaft und der 
bequeme Übergang dazu beigetragen haben, als die Wechselheiraten 
innerhalb der protestantischen Bevölkerung beider Gegenden (die Um- 
gebung des Weißensees ist fast ganz, das Gitschtal fast zur Hälfte pro- 
testantisch). Inwiefern das verhältnismäßig jüngere Gepräge der Gitsch- 
taler Ma. mit der späteren Germanisierung zusammenhängt und inwiefern 
es durch das Zuströmen fremder Elemente zur Zeit des Bergbaus bedingt 
ist, muß dahingestellt bleiben; wohl sicher slawischem Einfluß wird die weit 
vorgeschrittene Dehnung kurzer Stammsilbenvokale zuzuschreiben sein. 


Da beisst keine Maus einen Faden ab. 
Von Othmar Meisinger. 


Will man ausdrücken, daß etwas unabänderlich feststeht, daß keine 
Wandlung mehr möglich ist, so sagt man: da beißt keine Maus einen 
Faden ab. Die Redensart ist in der Schriftsprache und den Mundarten 
allgemein bekannt. Im Südfränkischen lautet sie: too paist khai” maus 
ən faatə ap. Scheinbar hat sie keine Erklärung nötig. Dieser Meinung ist 
Borchardt, wenn er in seinem Buche, Die sprichwörtlichen Redensarten. 
2. Auflage, 1894, S. 321, sagt: Keiner Erklärung bedürfen die Redens- 
arten »davon beißt die Maus keinen Faden ab« s. v. w. von dieser For- 
derung geht nicht das geringste ab, das steht unabänderlich fest usw. 

Dennoch glaube ich, daß die Redensart einen tieferen Hintergrund 
hat. In Vilmars kurhessischem Idiotikon heißt es S. 125 unter Gertrud: 
»Die Bedeutung des Gertrudentages (17. März) für die Haus- und Feld- 
arbeit war bis über den Anfang dieses Jahrhunderts (bis 1820—30) im 
östlichen und nördlichen Hessen noch völlig lebendig; regelmäßig wurde 
im März erwähnt, daß am Gertrudentag die Maus am Wocken hinauf- 
laufe und den Faden abbeißße (daß das Spinnen aufhöre und die Feld- 
arbeit beginne), daß auf Gertrudentag die Störche kommen. Seitdem 
scheinen diese Erwähnungen des Gertrudentages und das Bewußtsein, 
daß es einen solchen Tag. gebe, gänzlich erloschen zu sein«. 

Dasselbe berichtet Schmeller aus dem Bayerischen, Bayer. Wörterb.? 
I, 942: Um Gertraud göt die Wärm von der Erd auf. Am Gertraudtag 
laufft die Maus am Rocken hinauf und beißt den Faden ab. In Ober- 


Da beißt keine Maus einen Faden ab. 25 


österreich sagt man: An ihrem Namenstag (Gertr.) hört die Heilige zu 
spinnen auf; ein Mäuschen beißt ihr den Faden am Rocken ab, und sie 
fängt zu garteln an. Daher auch mit diesem Tage die Rockenarbeit auf- 
hört und die Feldarbeit beginnt (Wander, Sprichwörterlexikon I, 1575). 
Auf dem Titelblatt des Gertrudenbuches, Köln 1506, ist sie abgebildet am 
Rocken spinnend, an welchem drei Mäuse hinauflaufen, in ihr Kleid sind 
Zauberzeichen eingewoben (Panzer, Beitr. zur deutschen Mythologie II, 552). 
In seinem Buche über die drei Gaugöttinnen Walburg, Verena und Gertrud 
weist Rochholz darauf hin (8.164), daß Blunschis Kalender aus der Stadt 
Zug vom J. 1823 und ebenso der Krainische Bauernkalender den 17. März, 
als den Gertrudentag. durch zwei Mäuslein bezeichnen, die an einer aus- 
geweiften Spindel nagen. Auf Grund dieser Nachweise, glaube ich, dürfen 
wir annehmen, daß das, was Vilmar für Hessen berichtet, auch weiterhin 
gültig ist, daß der Gertrudentag bis in die Schweiz und nach Österreich 
im Leben der Bauern eine große Rolle spielte; an ihm endete die Winter- 
arbeit des Spinnens. Symbolisch stellte man es so dar, daß die Maus 
der Heiligen den Faden abbeißt. Wir haben nun wohl die Möglichkeit, 
unsere Redensart mit diesen alten Glaubensvorstellungen in Verbindung 
zu bringen. 

Es ließe sich nun noch fragen: wie kommt die heilige Gertrud zu 
der Rolle, die sie hier spielt, und was soll die Maus bedeuten? Man 
hat schon lange gesehn, daß Gertrud an die Stelle einer altdeutschen 
Göttin getreten ist. Sie hängt mit altem Erd- und Totenkult zusammen, 
es gilt von ihr, was Erwin Rohde in einer feinen Bemerkung von den 
chthonischen Göttern der Griechen sagt (Psyche, 8 S. 205): »Unter dem 
Erdboden wohnend, gewähren sie den Bewohnern des Landes, das sie 
verehrt, ein Doppeltes: den Lebenden segnen sie den Anbau des Ackers, 
die Zucht der Feldfrüchte, und nehmen die Seelen der Todten auf in 
ihre Tiefe«. 

Es haben die Seelen der Verstorbenen ihre erste Herberge bei 
St. Gertrud. In einer Handschrift des XV. Jahrh., auf die Grimm hin- 
gewiesen hat, heißt es: aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, 
tunc prima nocte pernoctabit cum beata Gertrude. 

Die Maus ist nicht nur, wie uns die Wolkenmythologen beweisen, 
ein Gewittertier (der weiße Zahn, Bild des aus der dunklen Wolke her- 
vorbrechenden Blitzes), als vielmehr ein Tier, das mit dem Seelen- und 
Erdkult aufs engste zusammenhängt. Dies geht aus den Darlegungen 
von Grimm, Rochholz und aus vielen Stellen in Wuttkes Volksaberglauben 
hervor. 


26 Ernst Göpfert. 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 
Von Ernst Göpfert. 
(Fortsetzung.) 


Goldfohre f. eine Forellenart, die ihren Namen wohl nicht, wie der Verf. 
der Chron. annimmt, dem Umstand verdankt, daß sie »dem Gold- 
Schlich sehr nachgehen sollen«, vielmehr nach den goldfarbigen 
Flecken benannt ist, mit der die Haut stellenweise bedeckt ist. 1, 66: 
Daher auch viele Auratae oder Goldfohren in diesen Flüssen gefangen 
werden. 

Goldschlich m. Goldablagerungen enthaltender Schlamm oder Schlick, nd. 
slick, mhd. slich. S. Beleg zu vor. Wort. 

Gottesgarten m. für Gottesacker. 3, 296: In einer alten Rechnung kömmet 
auch hiesigen Orts angeregter Nahme Gottesgarten vor. 

Gottislüte Gottesleute s. Altarleute. 

groß wichtig gewichtig, schwerwiegend. 8, 357: Ob aber großwichtige Ur- 

Sachen vorhanden. (1543.) 

Gründling m. kleiner schuppenloser Süßwasserfisch, der den Grund des 
Wassers liebt, bayr. Grundel, cobitis barbatula (Schm. 1, 1004), mhd. 
grundelinc und grundel. 1, 25: In beiden Flüssen werden die schönsten 
Gründlinge gefangen. 

gunnen vergönnen, erlauben, mhd. gunnen (part. praet. gegunnen und 
gegunst, Lex. 1, 1119). 8, 85: Deß haben sie uns gegunst und gunnen 
uns das also bescheidentlich. (1388.) 

Gutscher m. für Kutscher wie noch im 16. Jahrh. Gutsche und Gutscher. 
1, 172: Gutscher und Laqueyen. 

Haasenköpffe Name einer Birnenart. 1, 46: Haasen-Köpffe als Pirnen 
gröster Art. | 
Haberweihe f. Der zweite Teil des mit mhd. kaber, habere (abd. habaro) 
zusammengesetzten Wortes steht für kirchliche Segnung = Segener- 
flehung. 8,446: War die Jährliche Haberweihe gemein, indem die 
Clerisey fast auf allen Dörfern am St. Stephans- oder mittelsten Weyh- 
nacht-Feyertag auch den Heil. Christ um Bescherung einer gesegneten 

Hafer-Ernte anrieff und eine solenne Weyh-Messe darüber hielte. 

Haken m. für Hakenbüchse, mhd. kakenbühse, Feuerwaffe mit einem am 
Schaft angebrachten Haken, der beim Zielen als Stütze diente. Man 
unterschied ganze und halbe Haken, Waffen größern und kleinern 
Kalibers. 7, 79: Daß ein Frembder, so Bürger werden wollte, 
18 Groschen an Geld und--einer-halber Haken aufs Rathhauß liefern 


sollte. 
Handschgen Handschuhe, im Osterzgeb. handsn, im Westerzgeb. handy, 
mhd. hanischen neben hantschuoch. 2, 229: — Mancias die schön- 


gestickten Handschgen. 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 27 


hartleibig in scherzhafter Verwendung für verschlossen, unzugänglich. 
Vorw. 17: Sind andre (Chronisten, Schriftsteller) so hartleibig gewesen, 
daß man auf das höflichste Ersuchen keiner Antwort gewürdigt werden 
können. 

Harnaschmeister m. der städtische Beamte, der die Aufsicht über Waffen 
und Kriegsgerät der Bürger zu führen hatte. 3, 45: Es mußte damals 
(1498) in jeder Stadt des Landes jeder Bürger einen Harnisch nebst 
andrer Rüstung von Ober- und Unter-Gewehre haben bei gehlingem 
Aufgebote zum Fortzuge parat zu halten. Hierzu war nun der Harnasch- 
meister aus des Raths Mitteln geordnet, behörige Aufsicht und Be- 
sichtigung des Bürgerlichen Gewehres zu halten. 

Hartlig, Härtling m. eine Art Dauerapfel. 1, 46: Von Äpffelbäumen 
allerhand Hartlige, Härtlinge. 

Hauptgeding n. außerordentliches Gericht, Geding, mhd. gedinge. 3, 33: 
Daß jährlich ein besonderes Hauptgeding oder Gerichts-Tag abgehalten 
worden. 

hausiren für hausen, schlimm wirtschaften. 7, 84: Churfürst Johann 
Friedrichs Völcker hausiren zu Roßwein ziemlich feindlich. 

Heegereuter m. Waldhüter, der die Aufsicht über den Wald zu führen 
hat, urspr. wohl der durch das Ausreuten den Waldboden urbar 
macht. 1,9: Ward ein besondrer Förster und Heegereuter bestellt. 

heerfahren eine Heerfahrt, einen Kriegszug unternehmen, mhd. herverten. 
3, 5: Dieser Hertzog heerfahrete A. 1240 wieder seinen Bruder. 

Heergewette n. Ausrüstung zu einer Heerfahrt, mhd. kergewaete Kriegs- 
rüstung, zusammenges. mit gewaete, md. gewete, gewete Kollekt. zu 
wät Kleidung, Rüstung. 3, 84: Heergewette, was ein Mann zu einem 
Feldzuge braucht. 

Fester m. Heister, Laubholz-, besonders Buchenstämmchen, mhd. heister 
Buchenstamm, frz. hetre aus ndl. heester Buche. 8, 156: Eicheln zu 
säen oder Hester zu pflantzen. (1507.) 

Hintritt m. das Hinscheiden, der Tod, mhd. könnevart, nhd. Hingang. 
2,29: Nach Churfürst Georgii sel. Hintritt. 

hochverpönt schwere Strafe androhend. 7, 43: Mußte einen hochverpönten 
Urfried abschwören. 

Hoferaythe f. der an ein Wirtschaftsgebäude sich anschließende freie 
Raum, mbhd. hovereite. 8, 222: Die Hoferaythe nehst der Pfarr- 
schewne. (1495.) 

höflich Adj. bergm. ausgiebig, eig. Hoffnung auf reiche Ausbeute er- 
weckend. 4, 22: Welche (Zeche) sich dermassen höflich erwiesen, 
daß man sich des schönsten Silberertz daraus erobern können. 

Horde f. Malzdarre, bestehend in einem Flechtwerk aus Reisig oder 
Stäben; md. Form von Hürde, mhd. kurt und horde, im Westerzgeb. 
horda (Ztschr. 6, 16). 7, 248: Verdarb die Horden mit 10 Scheffel 
Maltze. 


28 Ernst Göpfert. 


Horneissel f. erweiterte Form von Hornis, mhd. hornuxz und hornezzel 
bildlich für einen, der sich widerrechtlich einen Besitz aneignet. 
2, 287: »Etliche Horneissel, so die Kloster-Güter an sich gezogen 
und die Hofschrantzen damit begnadet«. (Knauth führt diese Stelle 
aus den Lutherhistorien von Mathesius an, der hurneusel schreibt.) 

Hose f. a) die äußerste Spitze des Turmes bedeckende metallne Hülle. 
5, 87: Dieser Thurnknopf mit der Hose am Gewicht 51 Pfund haltend. 
b) Holzgefäß in Form eines Fäßchens zur Aufnahme der Butter. 
7,178: Eine Hose Butter. 

Hutien plur. bergmännisch, Aufseher, Wächter über die Schmelzhütten. 
1, 59: Hutten, welches Leute sind, so die Hütten-Gebäude bewachen. 

jammerig Adj. jammervoll, leidvoll, in der Verbindung jammerige Welt 
soviel wie Erde, Jammertal, mhd. jJämerlant. 8, 92: Von dieser jamme- 
rigen Welt gescheiden. (1404.) 

ichtwas irgend etwas, mhd. iht, ahd. vowiht. 8, 301: Ichtwas vornehmen 
oder thun. (1529.) 

Imme f. Biene, mhd. onbe Bienenschwarm. 1, 50: Die Honig wirckenden 

. Immen werden fast in allen Gärten unterhalten. 

Irpaß f. sov. wie Streitfall, Prozeßsache, zusammenges. aus mhd. irre in 
der Bedeutung uneinig, im Streit begriffen und Paß m. vorkommende 
Einzelheit, Fall. (Weig. DWb. 2, 345.) 8, 282: Der alten Irpaß halber. 
(1523.) 

Irrunge f. Streit, Zwietracht, mhd. irrunge. 8, 401: Nachdem sich Irrunge 
und Zanck zugetragen. (1556.) 

Karsere Plur. von Kaiser. 1, 51: Die glorwürdigsten Sächsischen Kaisere 
Heinricus Auceps und die 3 Ottones. Diese e-Pluralform bei Maskulin. 
mit der Endung -er, gegen die sich im 18. Jahrh. einzelne katholische 
Schriftsteller ereifern (Kluge, Von Luther bis Lessing S. 140 f.), be- 
gegnet bei Knauth häufig, so in Bewohnere (3, 89), Befehdere (6, 17), 
Besitzere (3, 23), Burgemeistere (3, 35), Cramere (3, 81), Inhabere 
(2, 32), Richtere (3, 27), Verwaltere (2, 314). 

Kaland m. oder Kalandsbrüderschaft, die im 13. Jahrh. entstandene Brüder- 
schaft, aus geistlichen und weltlichen Personen bestehend, die sich 
am ersten Tage jedes Monats zu Andachtsübungen und Festen zu- 
sammenfanden, sich der Armenpflege widmeten und besonders für 
feierliche Bestattung armer Verstorbener durch Bezahlung der Seelen- 
messen sorgten. 3, 157: Es rühret der Nahme Kaland her a Kalendis 
oder ersten Tag jeden Monats, daran sie zusammenkamen, Gastereyen 
hielten und wohllebeten. 

kalendern liederlich leben nach Art der Kalandsbrüder. 3, 157: Mancher 
auch wohl nach dem davon entstandnen Sprichwort, die gantze Woche 
hindurch kalenderte oder Neumonden hielt und im Saufe lebte. 

Kalenderhaus n. Haus der Kalandsbrüder. 3, 318: Domus Fraternitatis 
Calendariae oder das sogenannte Kalenderhaus, sahe mehr einem geist- 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 29 


lichen Gasthofe und Convents-Hause ähnlich, worinnen die lustigen 
Brüder und Schwestern offters mit einander zu kalendern pflegten. 

Kammerlauge f. der Inhalt des Nachtgeschirres, mhd. kamerlouge (bei 
Geiler von Kaisersb.). 8, 526: Soll niemand die Kammerlauge auf die 
Gasse giessen. (1632.) 

Kappel s. Brodtkappel. 

Katzenzagel m. der zur Familie der Schachtelhalme gehörende Katzen- 
schwanz, equisetum arvense, mhd. katzenzagel. 5,28: Einen Mohren, 
den zwey Bade-Mägde mit Katzen-Zagel und Sand-Hadern recht 
nachdrücklich scheuern. 

Kegenschantz f. Gegenleistung zur Sicherstellung eines Abkommens. Zu 
gegen mit anlautendem % vgl. mhd. kegenzucht Gegenzucht. 8, 315: 
Zur Beystewer und Kegenschantz des eingegangnen vortrages. (1531.) 

Kegenwertigkeit f. Gegenwart, Anwesenheit, mhd. gegenwertecheit. 8, 144: 
Dise Kore ist geschehen in Kegenwertigkeit unser Pfarrers. (1467.) 

kemel Adj. kamelhären, mhd. kemelin und kamelin zu kembel Zeug aus 
Kamelhaaren, nhd. Kamelott, im Osterzgeb. kumlut. 8, 411: Meinen 
kemler Sontags-Rock. (1560.) 

Kerbholtz n. Holzstab, bestehend aus zwei Hälften, die man zusammen- 
legte, um darauf Einschnitte (Kerben) zum Zwecke der Zählung und 
Berechnung so anzubringen, daß sie auf beiden genau aufeinander 
passenden Hälften sichtbar waren. In der Bergmannssprache für 
Kerbholz auch Rabisch. (Ztschr. f. d. Wortf.3, Beih. 49.) 8, 414: Daß 
die Kastenherren damals Feder und Tinte sehr gespart und lieber mit 
Kerbhöltzern quittiret. 

Kinder plur. alte Bezeichnung für die Gesellen der Tuchscherer, viel- 
leicht in Anlehnung an mhd. kint (Kompar. kinder) jung, einfältig 
(ich bin xe kint noch dar zů). 3, 74: Tuchscheerer, deren Gesellen 
man nach Handwercks-Brauche Kinder zu nennen pflegt. 

Kirchhof m. nicht der als Begräbnisstätte dienende, sondern der die 
Kirche umgebende freie Platz. 3,296: Kommt der Nahme Kirchhof 
dem freyen umb die Stadt-Kirche herumb gelegnen Platze allein zu. 

klemm Adj. bedrängt, gedrückt durch Mangel, mhd. klam gering, knapp; 
osterzgeb. diom. 7, 61: Bei dieser sehr klemmen Zeit (Zeit des 
Hungers). 

Kohlenerde f. Torf. 1, 78: Die sogenannte Kohlenerde oder Turff. 

Kompe s. Rathskompe. 

Kore f. Beschluß, Bestimmung durch Übereinkommen, mhd. kür, küre, 
md. kore, kor. 8, 411: Dise Kore ist geschehen in Kegenwertigkeit 
des Pfarrers. 

kostbar kustspielig, im Freib. Ukb. (1, 305) kostparlich. 6, 38: Hatte die 
Stadt einen langen, harten und kostbaren Streit. 

Krebs m. in der Bedeutung plattenförmiger Brustharnisch, mhd. krebex, 
auch bei Luther (Krebs der Gerechtigkeit. Eph. 6, 14). 3, 336: Daß 


30 Ernst Göpfert. 


in jedem Hause ein gewisses Contingent von Sturm-Hüten, Heublin, 
 Krebsen erblich und zu unterhalten. 

kreyschen sprühend und prasselnd am Feuer zergehen, schmelzen machen, 
mhd. kreischen, Bewirkungsw. zu Ärischen, erzgeb. kræschn Ztschr. 
1, 53.—8, 549: Es soll auch keiner Fett noch Speck beym Feuer 
kreyschen lassen. 

kribeln und wibeln, Koppelwörter mit der Bedeutung: lebhaft durchein- 
ander hin und her laufen, erstres von nhd. kribbeln im Sinne von 
wimmeln, letzteres gleichbedeutend und abgeleitet von Wiebel- Käfer, 
vgl. erzgeb. pfärwiwl Roß- oder Mistkäfer. 3, 410: Da alles in Städten 
und Dörfern in Tuchgewebe in Mänteln, Wambst, Hosen und Strümpfen 
kribeln und wibeln. 

Krietzscheln eine Art kleiner Kirschen, in einzelnen Gegenden Sachsens 
auch Ausdruck für verkrüppeltes Obst. 1,47: Süß- oder Vogelkir- 
schen und Krietzscheln (wie sie etwa die Wenden weyland geheißen). 


Kröplein Dimin. von Kropf in der sprichwörtl. Verwendung: sein Kröplein 
ausschütten für: seine feindselige Gesinnung gegen jemand in ge- 
hässiger Weise äußern. Vgl. dazu die bei Frisch 1, 550b verzeichnete 
Redensart: Es steckt ihm etwas im Kropf = er hat etwas, was ihn 
heimlich brennt, beschwert. 8, 465: Sein Kröplein wider unschuldige 
Leute boshafft ausschütten. 

krumm, gekrümmt in der Bezeichnung: krumme, gekrümmte Semmeln, 
womit wohl nur ein Gebäck von Weißbrot in Hörnchen- oder Halb- 
mondform gemeint sein kann. 4, 5: Das Städtlein Siebeln (Sieben- 
lehn), do man krumme Semmeln backt. 4, 41: Die Weißbecker (von 
Siebenl.) sind der wohlschmeckenden gekrümmten Semmeln halber die 
beruffensten im gantzen Lande. 

Krynichß m. für Grünitz oder Kreuzschnabel, im Westerzgeb. kriinrtz 
(vgl. Ztschr. 1,53). 1,41: Quäker, Gimpel, Krynichße. 

Külkropp m. Kielkropf, von Zwergen oder Nixen untergeschobenes miß- 
gestaltetes Kind mit großem Kropf und aufgetriebenem, sogen. Wasser- 
kopf, bei Math. Kielkropp (Ztschr. f. d. Wortf. 3, Beih. 50); im erzgeb. 
Volksglauben Wechselbalg. 7, 244: Ein Vielfraß, stumm und un- 
ungeberdig, von jedermann vor einen Külkropp und Wexelbalg ge- 
halten. 

Küpperei f. der betrügerische Münzwechsel der Kipper (von kippen = 
abschneiden, beschneiden) und Wipper (von wippen = wägen, 
schnellen) des 17. Jahrh. 3, 114: Bey damals eingerissener Küpperei 
und verderbten Müntzwesen. 

Küriß m., mhd. kürix, kürisch Küraß. 2, 98: Ist auff seinem monu- 
mento Cellensi in Küriß abgebildet. 

Kuttelhof m. wie mhd. kutelhof Schlachthof, von kutel zu nd. kut, kült 
Eingeweide. 3, 351: Der sogenannte Kuttelhof ist ein altes Ge- 
bäude. 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 31 


Lager n. die örtliche Lage; Platz, Standort. Vgl. Gelegenheit. 1,11: Es 
ist das Lager dieses Feld-Closters ein schöner Wiesenthal. 3, 343: 
Die Stadtschreiberei hat ihr Lager nechst am Döbelischen Thore. 


lagerhaft bettlägerig, mhd. legerhaft. 5, 67: Etwa 6 Stunden darauf (nach 
dem Schlaganfall ist er) lagerhaft geblieben. 

Lahre f. Lehre, mhd. läre, lär, Nebenf. zu lere. 8, 496: Vollständiger 
Lahre, daß er 4 gantzer Jahre gelernet. (1523.) 


Läim m. Lehm, mhd. leime, md. lêm. 3, 327: Schöne Berg-Keller in 
frischen Läim gehauen. 

Landknecht m. Gerichtsdiener oder Büttel für einen bestimmten Bezirk. 
5, 26: Der Amts-Frohn oder Landknecht hat seine besondre Wohnung. 


Landsasse m. ein auf dem Lande ansässiger Edelmann; bei Knauth gleich- 
bedeutend mit Schriftsasse s. d. 


Langfahn f. ein geringeres Bier, Nachbier, wofür Fr. 1, 576b die Formen 
Langweil, -wohl, -fel, -wel als gleichbedeutend mit Kovent anführt. 
Das DWb. bietet 6, 185 Langwell (im Freib. Ukb. 1, 154 Lanckwell) 
und erklärt dies als die lange Zeit hindurch wallende Flüssigkeit, 
bezogen auf das nach dem eigentlichen gebraute Nachbier, das lange 
siedet, um die letzten Extraktivstoffe des Malzes zu gewinnen. Darf 
Langwell als ursprüngliche Form gelten, so würden in den übrigen 
Bezeichnungen nur in ironischem oder scherzhaftem Sinne gebrauchte 
Nachbildungen vorliegen. 3, 79: Bier, dessen man in Roßwein dreyerley 
zu brauen pflegt, bekanntlich: Schenk-Bier, Langfahn oder Mittel- 
Bier und Kovent. | 

lappich ärmlich, in Lappen gekleidet, erzgeb. lopc liederlich, herunter- 
gekommen. 7, 271: Da sie (Schweden) bei ihrem Einzuge gantz 
lappich angekommen. 

Laßzins m. Zins aus Laßgütern, d.i. Grundstücken, die zur Pachtung 
überlassen werden. 1,9: Garten, der dem Wildmeister gegen einen 
jährigen Laßzins wäre eingeräumt worden. 

Laube f. wie mhd. loube Erlaubnis. 8, 364: Der Stuckwerck wil blecken 
lassen, der sol es mit der Viermeister laube thun. (1543.) 

Laxfohre f. Lachsforelle, größte Art der Forelle. 3, 25: Darinnen (Zscho- 
paufluß) die edelsten Laxfohren gefangen werden. 

legen das Handwerk, die Ausübung des Handwerks verbieten, eig. es 
zum Liegen, Stillstehen bringen. 8, 189: Welcher sein theil uf den 
gesatzten tagk, nicht gibt, dem mögen die meister sein hantwergk 
legen, so lange bis das er sich vertragt. (1483.) 

Lehde f. niedriges unbebautes Stück Land mit Wildwachs, bei Fr. 1, 536b 
Läde, Leite, Leede, eig. Legde, nd. legte Flachheit, Niederung, 
mittels -de (ahd. -2da) abgeleitet von nd. lög, mhd. laege flach, niedrig. 
1, 9: Der letzte Förster habe noch ein Stück Lehde am Walde ver- 
erbt bekommen. 


32 Ernst Göpfert. 


Lehrknecht m. Lehrling oder Knappe bei den Tuchmachern, mhd. lerekneht, 
Freib. Ukb. (3, 169) Lerdiner Lehrling. 8, 72: Die Lehrknechte sullen 
lernen by eynem halben jare. (1376.) 

leichtfertigen geringschätzen, mißachten. 8, 465: Mir aufn Maul zu trum- 
peln, mich in meinem Ampte zu leichtfertigen. (1593.) 

Leihekoff m. Leihkauf, in der Verbindung Leihkauf trinken, Trunk zur 
Befestigung eines abgeschlossenen Handels, mhd. lötkouf wie lötgebe 
Schenkwirt, lêthûs Schenke, verlitkoufen litkouf geben, zusammen- 
gesetzt mit lít geistiges Getränk, Obst-, Gewürzwein; im Freib. Ukb. 
leinkoff, linc-, lietgkauff, im Osterzgeb. leinkääf. 5, 54: (Kaplan), der 
leihekoff in der weinstobe zu Roswen über die verkoffte Baderey mit 
getroncken. | 

Leilach, Leylach n. leinenes Tuch (Laken), besonders Bettuch, mhd. Zëss - 
lachen, lilach. 4, 411: Nachtdecken mit einem weissen Leilach um- 
schlagen. 8, 287: Ein kussen und ein bahr Leylach. (1528.) 

Leite, Leithe f. Abhang, Berglehne, mhd. lite in den Zusammensetzungen 
»Mittagsleite« der Sonne zugekehrter Bergabhang (Ztschr. 1, 54) und 
»Puschleite« mit Bäumen bestandner Abhang. 3, 386: An der hohen 
Mittagsleite. 1,34: Die Puschleithe, eine hohe und lange Berg- Leithe 
mit Eichen, Buchen, Birken bewachsen. 

Levitenrock m. Amtskleid eines Leviten, eines niedrigen Geistlichen, dem 
vorzugsweise das Lesen des Evangeliums oblag. 3, 283: Zwey sammtne 
Levitenröcke. | 

Lewmait m. Leumund, mhd. kumunt und kumat. 8, 202: Lobelich ge- 
ruchte und Lewmatt. (1485.) 

leydeclich nachsichtig, geneigt, eig. bereit zu leiden, zu ertragen. 8, 234: 
Wil weitern schaden unde ungehorsam zu gedulden, gar nicht ley- 
declich sein. (1500.) 

Lichentwye f. Lichtweihe, Lichtmesse, Fest der Reinigung Mariä (2. Febr.), 
an welchem in der katholischen Kirche die Lichter geweiht wurden, 
die man an diesem Feste während der Prozession und der auf sie 
folgenden Messe trug. 3, 384: Freytags vor unser lieben Vrouwen 
Lichentwye. 

Lied, Liet n., mhd. %t Schutzdeckel über einer Öffnung; zum Verschließen 

und Aufklappen eingerichtete Holzdecke an Verkaufsständen, die zu- 
gleich als Warentisch dient. 7, 131: Finden das Liet über dem 
Brunnen weit aufgethan. 8, 525: Die Lieder an Bäncken (Fleisch- 
bänken) offen halten. (1632.) 

Litter f. a) Leiter, mhd. leiter, im Osterzgeb. letr, in den Zusammen- 
setzungen Balcken- und Feuerlitter. 6,118: Tat einen Fall von der 
Balckenlitter herab. 8,601: Die langen Feuerlittern tragen. b) Druck- 
buchstabe, mhd. litter, aus lat. litera. 6,81: Mit vergüldeten Roma- 
nischen Littern. 

Loosbier n. das nach Braulosen (bestimmten Anteilen) von der städtischen 
Brauerei den Losinhabern zu liefernde Quantum Bier, das diese aus- 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 33 


zuschenken berechtigt waren. 7,108: Mußte die Stadt Roßwein von 
jedem Loos-Biere einen Sack geben. — Weil der Loos-Biere viel sind. 

Luder n. wie mhd. luoder in der Bedeutung lockeres Leben, Schlemmerei; 
ins Luder geraten = liederlichem Lebenswandel verfallen. 3, 192: 
Gerieth der Cantor zuletzt ins Luder. 

Liiigende £. scherzhafte Umbildung von Legende, schon bei Luther in der 
Schrift: Die Lügende vom h. Chrysostomus. (1537.) 2, 251: Aber 
diese Legende mag wohl eine rechte grosse Lügende heissen. 

lustig als Adj. gleichbed. mit mhd. lustic Wohlgefallen erregend, anmutig. 
6, 113: Das Niederdorf nennt man seines lustigen Lagers wegen den 
Rosenthal. Als Adv. ergötzlich, unterhaltend. 6, 95: Eine Gedächtniß- 
Schrifft, lustig zu lesen. 

lustreich Lust, Vergnügen gewährend. 3, 390: Die lustreiche Mulden- 
Aue, ein ‚breiter Grund, sehr lustreich. 

Lut für Laut in der formelhaften Verbindung: nach Lute, mhd. nâch 
lite der Aussage, dem Wortlaute gemäß; laut. 8, 81: Nach ihres 
Brifes Lute. (1385.) 

Mane f. Meinung, Absicht, Gesinnung, mhd. mane und meine. 8, 80: 
In aller mane, als da der brif uzwiset. (1385.) 

Mannfasten n. £.(?) Sonntag Invocavit, dafür mhd. manvastnaht die große 
Fastnacht und in gleicher Bedeutung das von Frisch (1, 640b) ange- 
führte aller Mann-Fasten. 7, 91: Mannfasten, an welchem die Edlen 
Mannen von Alters her gewohnt, ihre Ritterspiele zu exereciren. 

Mannesgrdencken n. für Menschengedenken. 1, 71: Andre wollen bey 
Mannesgedencken, d. h. wie sich manche noch erinnern können, noch 
gediegenes Zinn angetroffen haben. 

Marck m. Markt, im Osterzgeb. mork (plur. merk) und mart in gormart 
Jahrmarkt. 3,79: Der älteste dieser Jahr-Messen oder Märcke soll 
seyn der Herbst-Marck. 

meniglich, mhd. menneglich jedermann; vgl. allermänniglich. 3, 355: 
Wird zu menigliches Wissenschaft am Rathause angeschlagen. 

Mhangeld, Mhanegeld n., Manngeld, mhd. wergelt Geldbuße für Tot- 
schlag, eig. Mannesbezahlung. 8, 316: Acht silberne Schock für das 
Mhangeld. (1531.) 8, 650: Mhanegeld ist soviel als Wehrgeld, so des 
Entleibten nächsten Freunden und Bluträchern in solatium und pro 
redimenta vexa gegeben wird. 

Miethpfarrer m. umherziehender Geistlicher, der sich auf bestimmte Zeit 
verdingt. 3, 104: Die umbgehenden Praedicanten, so von einer Stadt 
oder Dorffe zum andern zogen, mit denen Gemeinden auff ein ge- 
wisses Lohn und Zeit von etlichen Wochen, Monaten, halben oder 
gantzen Jahren dingeten, sodann nach Gefallen wieder fortgiengen 
und weiter dingeten, dahero Pastores conductitii oder Mieth-Pfarrer 
genennet wurden. 

mild als nähere Bezeichnung einer in Freiberg geprägten Münze, scheint 
dasselbe zu bedeuten, was im Freih. Ukb. (1, 540) melioris münze heißt. 
Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 3 


34 Ernst Göpfert. 


3,294: Gegen ein Darlehn von zehen milden Schocken Freyberger 
Müntze. 8,99: Zehen gute milde Schock Groschen. (1430.) 

Mistsudel f. die aus dem Dünger (Mist) abfließende Jauche, im Osterzgeb. 
syudl, auch in Zusammensetzungen wie suudlfoos, -dump, -tsuuur 
Sudelfaß, — Tümpel (Grube), — Zuber. 7,189: Andern haben sie 
Mistsudel in die Hälse gefüllet. 

Mitleidunge f. in der Verbindung: Mitleidunge Marien als Bezeichnung 
des in die Karwoche fallenden Festes des Mitleidens oder der sieben 
Schmerzen Mariä, bei Geiler v. Kaysersb. Unser Frauen Tag Mit- 
leidens. 8, 206: Die ander Messe sal seyn zu der Mitleidunge Marien. 
(1490.) 

Mittagsleite f. der der eege zugekehrte Bergabhang, auch Sommer- 
leite genannt; vgl. Ztschr. 1,54. 1,34: An der hohen Mittags- Leite. 

Mißhändler m. Missetäter, Verbrecher mhd. missehandelaere. 8, 512: 
Solch Urteil ist auf des Mißhändlers (eines Mörders) Freunde suppli- 
ciren gemildert. (1623.) 

Afodel m. in Sinne von Vorschrift, Maß, mhd. model n. Form, Vorbild. 
7, 121: Ward mit der Fischordnung ein Model gegeben, wie grob 
man die Forellen u. dergl. fangen möchte. 

ınögehaft Adj. vermögend, wohlhabend, von mhd. muge, möge f. Macht. 
Kraft; Freib. Ukb. 1, 90 moge Vermögen, Besitz. 8, 99: mögehaft 
und reich. 

Mönchslittern die verschnörkelten Buchstaben der Mönchsschrift. 8, 355: 
Keine Mönchslittern noch verdunkelte abbreviaturen. 

Montag, als guter Montag (bei H. Sachs der guet Montag) sov. wie der 
blaue, als Nachfeier des Sonntags geltende arbeitsfreie Montag der 
Handwerksgesellen. 7, 58: (resellen und Knappen keinen guten Montag 
zu gestatten. 

nördlich Adj. auf Mord gerichtet, mit Mordanschlag verbunden, mhd. 
mörtlich. 7,274: Geschahe ein mördlicher Einbruch und Diebstalıl. 

Morelle f. die schwarze Herzkirsche, von ital. morello schwarzbraun. 
1, 47: Morellen- und Pfirsichbäume. 

Morgensprache f. Zusammenkunft der Handwerker zur Besprechung, Be- 
ratung am Morgen oder Vormittag. 8, 652: Morgensprache ist eine 
bey allen Handwercken bräuchliche Zunfftmäßige Unterredung bey 
ihren Zusammenkünfften, darbey auch ihre Innungs-Artikel gelesen 
und die Excesse geruget werden. 

‚Mordthäter m. wie mhd. morttaete Mörder. 8, 512: Ist dem Mordthäter 
eine Defension-Schrifft zugelassen worden. (1623.) 

Mortschlag m. Mord, Totschlag, eig. mordender, todbringender Schlag. 
8, 209: Haben ausgesagt und betheidingt den Mortschlag Weinmeisters 
an Peter Hebenstreiten. (1491.) 

Mundbotr m. Verkündiger des Evangeliums, Apostel, eig. der eine Bot- 
schaft mündlich überbringt. Luther: Paulus spricht, er sei ein Apostel, 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 35 


das heißt ein Mundbote. 2, 270: Gott, der die ausser der wahren 
Kirche befindlichen durch seine Mundboten nöthige hereinzukommen. 

Mutete f. Motette aus ital. mottetto. 8, 424: Von jeder Mutete, so vor 
der Thür gesungen wird, 6 Pfennige. (1527.) 

muthen bei den Handwerkern: nachsuchen um das Meisterrecht, von 
mhd. muolen, müeten etwas haben wollen, verlangen. 8, 496: Ein 
Tuchmacher-Knappe, wenn er will Meister werden, muß bey den 
vier Meistern auf zwey Termine muthen. (1623.) 

-Muthgeld n. die beim Nachsuchen um das Meisterrecht an die Handwerks- 
kasse zu entrichtende Abgabe. 8, 497: Eines Meisters Sohn sol nur 
einmal muthen und 5 Gr. 3 Pf. Muthgeld entrichten. (1623.) 

-~ Muthung f. die Bewerbung um das Meisterrecht. 8, 496: Sol er 2 mahl 
nach einander Muthung thun. (1623.) 

Mutschierung f. Umtausch von Grundeigentum nach Übereinkunft, mhd. 
muotscharunge, muotschar Teilung von Gesamteigentum, von mhd. 
muot im Sinne von Begehren und schar f. Zuerteilung, und so urspr. 
sov. wie Teilung, Auseinandersetzung nach Verlangen. (Lex. 1, 2247.) 
3,25: Sothane Mutschierung oder Verwechselung (Umtausch des Dorfes 
Loßnitz gegen Roßwein, siehe unter beuten) sol bereits A.1175 vor- 
gegangen seyn. 

narhfolgen nachbewilligen oder fortfahren in der Verabfolgung einer Bei- 
steuer, Zubuße. 8, 363: Der Rat hat 7 Schock 58 gl. zu der alden 
Pfanne nachgefolget. Ä 

Nachkommling m. wie mhd. nächkomelinc Nachfolger, besonders Amts- 
oder Rechtsnachfolger. 8, 94: Wir Burgimeister und geschworne 
scheppen und alle unsre Nachkommlinge. (1404.) 

Nachrichtung f. Kunde von einer Begebenheit, Überlieferung. 2, 250: 
Würden uns bessre Nachrichtung von alten Geschichten hinterlassen. 

näher Kompar. von nahe, mhd. nähe in der Bedeutung wohlfeil, billig, 
naeher, näher billiger. 7, 139: Das Vieh ward so wohlfeil, daß man 
eine Kuh näher als eine Kanne Bier haben konnte. 

namhafftig Adj. einen Namen, Ruf habend, mhd. namhaftic berühmt. 
7,172: Vor dem namhafftigen Kilian Schneider, Abts Pauli Secretario. 

nau Adj. die noch in Personen- und Ortsnamen (Naumann, Nauheim) 
erhaltne md. Form nwe = nau für neu. 2,4: Ein nauer Orden. 

nisteln vereinzelt auftreten, anfangen sich einzunisten. 7, 154: Eine Pest- 
seuche, welche fast das gantze Jahr durch nistelte. 7, 246: Seuche, 
die in einigen Dörfern ein wenig nistelte. 

Nollbruder m. Laienbruder, der im Kloster lebt, ohne an die strenge 
Klosterordnung gebunden zu sein; die Nebenformen Lollbruder und 
Lollhart, mhd. lolbruoder und lolhart als spottende Bezeichnungen für 
einen dummen, einfältigen Mönch, von Löll, schweiz. Löhl Tor, Laffe, 
Dummkopf. 8, 250: Von denen ungelehrten Nollbrüdern und Schrei- 
bern. 3, 103: Leipzig (die Universität) war noch voll Nollbrüder. 


Eh 


36 . Ernst Göpfert. 


Nösser plur. Haustiere, die man zum Nutzen hält, besonders Rinder. 
Pferde und Schafe, mhd. noezer, sing. nôx n. zu niezen zu nutze 
machen. 8,334: Wenn der Fleischer seine Nösser verkauft oder ver- 
kocht hat. (1536.) 

Nothdurft f. Menge, Vorrat an etwas Nötigem. 1,77: Werden von Zie- 
geln und Kalck eine ziemliche Nothdurft gebrennet. 

Ohmgeld n. s. Ungeld. 

Orfred m. s. Urfried. 

orientalisch Adj. östlich, mhd. orzentisch. 3, 1: Die Freyberg- oder orien- 
talische Mulde, wie sie in der Kayserl. Confirmation über das Zellische 
Gestifft genennet wird. 

parat Adv. bereit, zur Verfügung stehend, im Osterzgeb. bäräät. 2, 19: 
Bevor man eine ziemliche Anzahl Reliquien und Heiligthümer parat 
hätte. 

passiren intr. als erträglich, leidlich durch-, hingehen, trans. ansehen, 
anerkennen; entlehnt aus frz. passer. 2, 139: Im weltlichen Regiment 
seines Closters mußte er wohl passiren. 2,46: Daß man dieses Alt- 
Zellische Gestifft vor das importanteste in Meissen, Lausitz pp. passiren 
lassen konnte. | 

Peißker m. cobitis fossilis, kleiner im Schlamm und zwischen Steinen 
lebender Fisch, auch Schlamm- oder Steinbeißer, mhd. steinbîze ge- 
nannt, der sich an andern Fischen festbeißt. 1,24: In den Flüssen 
werden die schönsten Forellen, Alben, Peißker gefangen. 

Perspectiv n. Fernrohr, im folg. als Bild für weit zurückreichende ge- 
schichtliche Überlieferung. 8, 472: Mit einem wohlgeschliffenen Per- 
spective in die Zeiten dero Carolingischen Kayser hinaus zu sehen. 

Petantzmeister m. Petanciarius der Klosterbeamte, dem die Verwaltung 
der Pitanzstiftungen oblag, mhd. pitanzmeister und pitanzer. Die 
Pitanz, mhd. prtan:, pitan:e, auch Frohmahl genannt, bestand in 
einer bessern und reichlicheren Versorgung mit Speisen und Ge- 
tränken, wie sie den Mönchen an einzelnen Tagen aus besonderen 
Stiftungen zuteil wurde 2, 197: Petantzmeister und Petanciarius 
wird er in Abt Wittichs Verschreibungen deutsch und lateinisch be- 
nennet und angesetzt. 

pfleglich Adv. sorgfältig, Pflege, mhd. pflege liebende Besorgung, Für- 
sorge widmend; mit Beziehung auf den Landbau: nutzbringend. Vgl. 
Pflege in der Bedeutung fruchtbare, wohlangebaute Gegend wie in 
Sachsen die sogen. Lommatzscher und Pegauer Pflege. 3, 17: Marg- 
graf Otto habe diesen Landstrich auf eigne Kosten pfleglich anbauen 
lassen. 

Pirschmeister m. Jägermeister, der die Jagd anzuordnen und zu leiten 
hat, mhd. birsemeister. 6,5: Ward das Dorf dem damaligen Forst- 
und Pirschmeister eingereumt. 

Pitschir n. Siegel, Petschaft, mhd. pitschier und petschat. 8, 248: Mit 
unsern Secreten und pitschir bekräftiget. (1513.) 


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Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 37 


plecken u. Plecke s. blecken. 

Prame m. Hirten- oder Schäferstab als Symbol des Krum- oder Bischof- 
stabes, von mhd. brime Dornstrauch. 2, 226: Der Abt in einem Siegel 
erscheint in der Rechten einen schlechten Schäfer-Stock oder Prame 
haltend. 2,237: Schäfer- Prame. 

presshaft Adj. für bresthaft mit einem Gebrechen, einer Krankheit be- 
haftet, mhd. bresthaft zu breste Mangel, Gebrechen. 3, 169: Weil im 
Hospital bisweilen Hausarme und Presshafte unterhalten wurden. 

Pressur f. Bedrängnis, körperliche Qual, Marter, aus lat. pressura. 3, 116: 
Weil ihm die ausgestandnen Pressuren (Mißhandlung durch Soldaten) 
allzuviel Leibes- und Gemüths-Kräffte benommen. 

Pulpet n. Pult in der Bedeutung Büchertisch, -gestell, mhd. pulpit und 
pulpet mit der Durchgangsform pulpt, aus lat. pulpitum. In der 
Zelleschen Bibliothek standen, teils an den Wänden, teils in der Mitte, 
28 Pulttische. (Beyer, Kloster Altenzelle S.114.) 2, 261: Die Bücher 
lagen allermeist noch an Ketten und auf gewöhnlichen Pulpeten. 

qucit für quitt, frei, abgelöst, bezahlt, mhd. guit aus gleichbed. franz. 
quitte. 8, 222: Domit sullen de drey groschen queit ledig und loß 
seyn. (1495.) 

(hutlanz f. Quittung, mhd. quitanzie. 5, 81: Der über solche Ablösung 
und Loskaufung eine Quittanz gegeben. 

Raffengut n. zusammen gescharrtes Gut, mit der Nebenbedeutung des 
Gierigen oder auch Unrechtmäßigen; bei Schm. 2, 64 Raffelguet; 
Pfaffeguet — Raffelguet, ein Sprichwort, das schon Luther in seinen 
Tischreden gebraucht. 2, 288: Es ist ein wahres Sprichwort, daß 
Pfaffengut Raffengut sei. 

raspeln, zusammenraspeln bildl. für: sorglos, flüchtig zusammentragen, 
mhd. raspeln iterat. zu raspen zusammenraffen. 2, 150: Halte sie 
(Kataloge) vor promiscue von denen unachtsamen Mönchen zusammen- 
geraspeltes Zeug. 

Rathsfreund m. Mitglied des städtischen Rats, mhd. rätvriunt, rätgenöx. 
3, 45: 1488 werden in einer Testamentverschreibung die geschwornen 
Bürger zum ersten male Ratlısfreunde genennet. 

Rathscompe, -kompe m. Ratsmitglied, Ratsgenosse, zusammenges. mit der 
abgeschwächten Form von mhd. kompän, kumpän Genosse. 3, 40: 
Geschworne Raths-Compen. Welcher etwas seltzame terminus doch 
nichts verächtlichs importiret, sondern gleiche Bedeutung hat als ein 
Raths-Verwandter, Raths-Compan s. Compagnon. — Daß man einen 
Senatorem ingemeinhin einen Raths-Kompen genennet. 

reden wie mhd. reden m. Dat. d. Pers. versprechen, geloben. 3, 363: 
Meister Velten hat dem Radte geredet daß her die Pfanne wil ane 
wandel halden gleich als er dem Radte zcu Freyberg geredet. 

Redlinsführer m. Rädelsführer, Anführer, Anstifter eines ungesetzlichen 
oder verbrecherischen Unternehmens. Das DWb. (8, 46) erklärt Rädlein 
als Kreis, Ring, in welchem man zusammensteht; das Rädlein führen 


38 Ernst Göpfert. 


Hauptmann einer Rotte (Landsknechte) sein, im freieren Sinne An- 
führer, Leiter einer Menge. Zur Erklärung des von Mathesius in 
gleichem Sinne gebrauchten Ausdrucks Redeltreiber sei hingewiesen 
auf Fr. 2, 81b: »Rädlein ein Spiel oder Lust der fröhlichen Leute. 
im Kreiß herum zu fahren oder zu tanzen«. Redeltreiber wäre hier- 
nach, der das Spiel anführt, leitet. 8, 465: Redlinsführer und Ein- 
werfer des Zanckapfels. (1593.) 

Reffträger die nach den hölzernen Traggestellen benannten Italiener, die 
in den sächsischen Bergwerksgegenden umherzogen, um aus Geröll- 
massen nutzbare Mineralien, insbesondre den in goldführenden Ge- 
wässern enthaltnen Goldsand durch Wascharbeit (Seifen) zu gewinnen. 
1, 75: Die Rarität der edlen Gesteine mögen ausländische Reffträger 
causiret haben, als die dergleichen edles Steinwerck aufsuchen uni 
hernach mit dem Sandgolde ausm Lande tragen. 1,67: Die Wahlen 
und andre umbgehende Reffträger, welche man auch hiesiger Gegen 
in Wald- und Feldbächen über dergleichen Gold-Seiffen angetroffen. 

rege Adv., bergm. rege machen oder aufbringen ein Bergwerk heißt: es 
in Gang, zum Aufblühen bringen. 1, 55: Bergleute, so das Frev- 
bergische Bergwerk rege gemacht. 

Reiger m. für Reiher ardea, mhd. reiger und bei Luther (3. Mos. 11. 19) 

- Reiger. 1,41: Von Reigern giebt es hier nur wenige. 

Rei} n. an einem Hause ausgesteckter belaubter Zweig als Zeichen der 
Schankgerechtigkeit. 3,354: Daß der Fleischhauer zwar Bier schencken, 
aber das Reiß nur an Jahrmärckten darzu aushangen sollte. 

Rhodespalte f. ein nach Form und Verwendung dunkles Wortgebilde, dessen 
erstes Glied auf Zusammenhang mit mhd. roderer, rodeler der etwas 
anzeigt, zuträgt hinzuweisen scheint, vgl. bayr. Gerodel Gemurmel. 
das Schm. 2, 62 zu ahd. rödjan sprechen stellt. Faßt man den zweiten 
Wortteil im Sinne von Spaltung, so könnte unter Rhodespalte die 
Meinungsverschiedenheit über ein. umlaufendes Gerücht oder eine be- 
stimmte Aussage gemeint sein. 3, 107: Weswegen (es handelt sich 
um den Bericht über einen Prediger, »der den Raths-Personen die 
Wahrheit allzudeutsch gesagt«) eine Commission von etlichen hierzu 
befehlichten Freyberger Theologen und Ratsherren hier in Roßwein 
gewesen, So diese Rhodespalte, wie sie der Hr. Superintendens Zeuner 
nennet, gütlich beygeleget. 

Riesel m. für Rüssel. 2, 140: Das geyfernde Eberschwein Merten Iuuter. 
so mit seinem Riesel umzustossen sucht die Canonication S. Bennonis. 

Rodeland n. durch Roden, Reuten gewonnenes Neuland. 7, 54: Ward 
(1519) Marienberg ausm Rodeland gantz neu erbaut. 

Rosenkreutxer m. Mitglied der im 17. Jahrh. bekannt gewordnen geheimen 
Gesellschaft der Rosenkreuzer, fratres rosae crucis, benannt nach ihren 
Symbol. einem Kreuz über einer von Dornen umgchenen Rose. 1,67: 
Hat man in eines verstorbnen Rosenkreutzers Brieffschaften deutlich 
genug angezeigte Merckmahle zefunden. 


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Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. ‚39 


Rückschnur f. Schnur oder Leine, durch die der Vogelsteller mit einem 
Ruck die aufgestellte Falle schließt. 3, 86: Die verpönten Rück- 
schnuren an den (Tauben-)Schlägen. 

Ruge f. Rüge, gerichtliche Bekanntmachung einer behördlichen Verord- 
nung, mhd. rüege. 8, 529: Sind diese Rugen (Polizeiverordnungen) 
der versammelten Bürgerschaft vorgelesen. (1623.) 

Rumnelei f. altes baufälliges Gebäude, von Rummel in der Bedeutung 
Gerümpel, Plunder, wertloser Kram. 3, 306: Diese alte. Rummelei 
(Pfarrwohnung), darüber sich schon der andre Diaconus beklagt. 

Rumpelgeist n. Poltergeist, im Hause umgehender, auf Boden und Treppen 
rumorender Kobold. Vgl. bayr. Rumpelknecht und erzgeb. pfaarrumbl 
Ztschr. 6, 23. 8, 583: Soferne mir ein Rumpelgeist wäre zugebannt 
worden. (1649.) 

tüttelweiber volkstümliche, heute unbekannte Bezeichnung der Eulen. 
Das DWb. führt (8, 1572) Rüttelweih als Name für den Turmfalken 
und Bussart an und erklärt, daß rütteln von Raubvögeln gesagt wird, 
wenn sie flatternd auf einem Punkte in der Luft halten. 1, 41: Eulen, 
Rüttelweiber, wie man sie hier nennet. 

Saltzirgen n. Salznäpfchen aus frz. sauciere,; vgl. Ztschr. 1, 58— 8, 381: 
10 Saltzirgen und 6 Leuchter. (1549.) 

schabernacken necken, fürchten machen, mhd. schavernacken von schaver- 
nack in der Bedeutung neckender, höhnender Streich. 8, 579: Diesen 
und jenen mit nächtlicher Beunruhigung zu schabernacken. (1649.) 

Schaube f. langer, weiter, bis auf die Füße reichender Frauenmantel, 
mhd. schâbe. Ztschr. 1, 59. — 2,87: Unb den Saum ihres Mantels 
oder Schaube stunden wexelsweise Lewen gebildet. 

Schaue f. Besichtigung zur Prüfung, mhd. schouwe, schou. S, 508: Kein 
Meister sol untersetztes Tuch zur Schaue bringen. (1623.) 

Scheffelgeld n. städtische Abgabe von der Einfuhr oder dem Verkauf des 
Getreides. 7. 127: Ward dergleichen Ungeld auch aufs Getreyde an- 
gelegt, welches man damahls Scheffelgeld hieß. 

scheinbar Adj. in die Augen fallend; glänzend, mhd. schinbaere. 3, 117: 
Machten die Kalandsbrüder damit (mit Liebesmahlen) ihrer Societät 
ein scheinbares und geistliches Ansehen. 

Schiebling m. dünnes Holzbrettchen, das eingeschoben wird zum Ver- 
schluß von Spalten, Öffnungen. 3. 268: Den Dachstuhl des Glocken - 
Thurmes bat man nur mit Schieblingen und einem verlohrnen Schindel- 
Tache bedeckt. 

schiffreich Adj. nicht: reich an Schiffen, sondern mißverstandenes mid. 
schifrech, -ruech, -ruele (schifrech waxzer) schiffbar. 1,17: Wo die 
Freiberger Mulde mit der Zwickauer vereinigt schiffreich wird. 

Sehöndleich m. Platz in der Nähe der Abdeckerei; Schindanger. 3, 296: 
Selbstmörder, Ruchlose und Unbußfertige werden auf dem Schindleich 
und Schedelstette eingescharret. 


40 Ernst Göpfert. 


Schipperflecken m. armselige Ortschaft, in welcher die Bewohner dureh 
Arbeit mit der Schippe (Schüppe) und Schaufel ihren Lebensunterhalt 
gewinnen. 3,17: Städte, so um selbe Zeit noch Dörfer oder kleinc 
Fisch- und Schipper- und geringe Bergflecken waren. 

schierkünfftig nächstkommend, -folgend. 8, 308: Schierkünfftig Michaelis 
nach dato anzufangen. (1530.) 

schlegeln schwanken, sich hin und her bewegen, bildl. auseinander gehen. 
voneinander abweichen in einer Angabe, einem Bericht. 2, 13: Mit 
dem Stiffter kommen alle Scriptores überein, aber in den Jahren der 
Stifftung und Vollendung schlegeln die meisten trefflich sehr. 

Schleyermagd f. scheint, wie aus dem Zusammenhange hervorgeht, eine 
Entehrte zu bezeichnen, da ja auch der Schleier als Zeichen verlorner 
Jungfrauschaft galt, DWb. 9, 597; vgl. auch Fr. 2, 197 c unt. schleyern. 
7,130: Hat eine Schleyer-Magd, wie man sie nennet, bey ehrlichen 
Leuten eingemiethet. 

Schlickthaler m. die in der Münze von Joachimsthal geprägten, nach den 
Grundherren, den Grafen von Schlick benannten, in Joachinsthaler 
umgetauften Münzen. Vgl. Ztschr. f. d. Wortf. 3, Beih. S. 47. — 7, 44: 
Daher man die Güldengroschen, da A. 1519 die Schlickthaler bekannt 
wurden, Thaler-Groschen und endlich von dem bekandten Joachims- 
thal schlechthin Thaler nannte. | 

schlieren schleichen, schlüpfen. 7,55: Der sich heimlich aus der Zeche 
(Schenke) geschliert. 

Schmähcharte f. Schmäh- oder Lästerschrift. 2, 139: Wie viele Schmäh- 
Charten wider den von Gott erleuchteten Lutherum bezeugen. 

schmauchen gleich der umgelauteten Form schmäuchen in transit. Be- 
deutung: zu Tode räuchern, durch Rauch töten, von mhd. smouch 
Rauch, Dunst; bei Mathes. schmeuchen, räuchern. 2,176: Daß ein 
getaufter Jude A. 1515 vor der Moritzburg zu Halle geschmauchet 
und verbrannt wurde. 7,28: Die Pfaffen wurden gemartert und ge- 
schmäucht. 

Schmeer n. Fett, mhd. smer, bildl. in der Redensart: zu Schmeer ge- 
deihen, zum Nutzen, Vorteil ausschlagen wie noch erzgeb.: Do wekstmr 
kae schmaar drbai dabei habe ich keinen Profit. 7, 272: Es ist ihnen 
solches alles (Raub) nicht zu Schmeere gedyhen. 

Schmirle f. Schmerle, mhd. smerle, cobitis fossilis, die große Schmerle, 
von der zu unterscheiden die eigentliche Schmerle, cobitis barbatula, 
in Süddeutschl. Grundel oder Gründling genannt. 1, 24: In den 
Flüssen giebt es die schönsten Forellen, Gründlinge, Schmirlen. 

Schnapphahn m. Strauchdieb zu Pferde, auf Raub ausspähender Wege- 
lagerer, zu mhd. snappen Straßenraub treiben. Fr. (2, 211b) erklärt: 
Schnapp-Hahn Beutemacher, Rauber, welche mit Büchsen, so Hahnen 
am Schloß hatten ausgiengen, und etwas zu erschnappen suchten. 
7, 241: Hatte sich dieser Schnapphahn nicht nur am Leibe feste 
(— unverletzlich) gemacht. 


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Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 41 


Schnecke f. die nach den Windungen des Schneckenhauses genannte 
Wendeltreppe, mhd. snecke in gleicher Bedeutung. 5, 23: Das Ge- 
bäude hat eine Schnecke von 52 steinern und 11 hölzernen Stuffen. 

Schnerrer m. Schnarrer, Misteldrossel, turdus viscivorus. 1, 42: Gibt es 
hier Schnerrer, Zwuntscher, Quäker. 

Schosser m. wie mhd. schozzer Steuereinnehmer, von schox Geldabgabe. 
3, 57: Vor 2— 300 Jahren hiessen diese Unter-Einnehmer annoch 
Schosser, weil man alle Steuern und Herren-Gefälle Schoß oder 
Geschoß zu nennen pflegte. 

Schriftsasse m. ein mit größerm Grundbesitz Ansässiger, der im Gegensatz 
zum Amtssassen nicht einer Unterbehörde, sondern nur dem höchsten 
Gericht des Landes unterstellt ist. Zuerst bezeichnet der Ausdruck 
ein Mitglied der Ritterschaft, dem die schriftliche Einberufung zu 
den Land- und Hoftagen, auf denen zu erscheinen er berechtigt war, 
unmittelbar vom Landesmarschallamt zugestellt wurde. 8, 303: Daß 
die Äbte nicht viel mehr Gewalt in civilibus behalten als etwa ein 
gemeiner Land- oder Schriftsasse. (1530.) 

Schriftsässigkeit f. die unmittelbare Abhangigkeit von der Oberhoheit der 
Landesregierung. 6, 67: Ist die Mühle A. 1656 an Herrn Burchart 
Berlichen mit Freyheit und Schriftsässigkeit verliehen. 6, 138: Hat 
das Dorf Obcr-Gerichte und Schrifftsässigkeit erhalten. 

Schubeböcker m. der mit dem Schiebebock fährt und arbeitet; im Osterzgeb. 
schtiibekr. 7,205: Darzu die Stadt 12 Schubeböcker mit so viel Säkken 
geben mußte. 

Schulfuchserey f. müßige Erfindung eines Schulfuchses, eines »überklugen 
pedantischen Kathederlehrerse. 2,253: Was von der gleichen theils 
Schulfüchsereyen, theils Dichtereyen (gemeint sind die Legenden) vor- 
handen war. 

Schütthaus n. Gebäude mit den Speichern, wo das Getreide aufgeschüttet 
wird, mhd. kornhùs, im Freib. Ukb. (1, 531) Schutte Kornboden. 1,188: 
Über die Schütthäuser und Kornböden war der Kornmeister bestellet, 
das aufgeschüttete Getreyde in guter Verwahrung zu halten. 

Schwertmag m., mhd. swertinäc, - mäge Verwandter von männlicher Seite 
im Gegensatz zum spi-spinnelmäc Verwandter von der weiblichen 
Linie. 8, 316: Sol der Schwertmag oder ob der zur selben zeit noch 
nit volmundig wäre, seines Vathern Bruder, vorzicht thun. (1531.) 

schwind Adj. s. geschwind. 

Seckelmeister m. Verwalter des Rentamts, der die regelmäßigen Einkünfte 
einzuziehen und zu berechnen hat, mhd. seckelmeister. 2, 177: Bur- 
sarius, Seckelmeister, war so viel als des Closters Renthmeister. 

Seelbad n. ein in einer besonderen Badestube eingerichtetes Bad für die 
Armen eines Ortes. 3, 315: Seelbäder, welche die Eltern oder Erben 
und hinterlassnen Freunde ihren verstorbenen Angehörigen zu Trost 
und Heil ihrer Seelen denen Armen zu gut spendirten. 


42 Ernst Göpfert. 


Seelbrüder. 3, 164: Die Seelbrüder waren Leyenbrüder; ihre Verrichtung 
bestund vornehnlich hierin, daß sie als testes ultimae voluntatis et 
executores testamenti die Bestellung des dabei gewöhnlichen so- 
genannten Seelen-Geräths (s. d.) zu besorgen hatten. 

Seelenhaus n. von einem Wohltäter gegründetes Haus zur Wohnung für 
Ortsarme, mhd. sölkus Wohnung für die sölnunnen, -swestern. 3, 315: 
Das Seelenhaus, nach den Seelbrüdern und Seelspenden also benennet. 
worin auch Bethstunde vor ihrer Verstorbenen Wohlthäter Seele und 
dero baldige Befreiung ausm Fegfeuer gehalten wurden. 

Seelgeräth n., mhd. sölgeraete im Sinne von Vorsorge, Beratung (Versor- 
gung), was jemand zum Heil seiner eignen oder der Seele eines an- 
dern für Seelmessen u. dergl. einer Kirche oder einem Kloster ver- 
macht, nach Knautb 8, 657 was zur Bestattung einer Leiche nach 
Päpstlichem Brauche und Ceremonien gehört: Abkündigung, Vorbitte, 
Vigilien und Seel-Messen, Seelbäder und Spenden vor die Armen, 
Glocken-Geläute, Kertzen, Tragen, Bestellung des Dreißigsten (s. d.). 
Trauer- Mahlzeit, Opfer und Räuchwerck. 

Seelvater m. Vorsteher des Seelenhauses. 6, 117: Als ein erbetner Zeuge 
und Seel-Vater, i. e. curator funeris et testamenti. 

sehmisch Adj. sämisch, durch Fettstoffe weich und geschmeidig gemacht. 
vom Leder, das auf diese Art zubereitet ist, ndd. semisch wie bei 
Luther (semische Schuhe, Ez. 16, 10). S, 148: Ein Meß-Buch, über- 
zogen mit sehmischen Leder. (1487.) 

Seichte f. geringe Tiefe, auch vom festen Lande, mhd. sökte f. 8, 633: 
Kupfer, welche an der Seichte anstehen. 

Seigerschelle f. halbkugelförmige metallne Stundenglocke der Turmuhr 
oder des Turmseigers. 3, 338: Da man eine neue Seigerschelle in 
den Raths-Thurn gehencket. | 

seltzam Adv. selten, rar, aus mhd. seltzän und seltzam Nebenf. zu selt- 
saene. 5,84: Die Gelehrten waren damals noch sehr seltzam. 

Siechmeister m., mhd. siechmeister Aufseher der Siech- oder Kranken- 
stube eines Mönchsklosters. 2, 190: Niech-Meister item Krancken- 
Meister, beordert, die Pflege und Wartung der krancken Brüder im 
Closter zu besorgen. 

Signet n. Petschaft, Handsiegel, von lat. signare. 2, 112: Dessen Gerichts- 
Signet die Randschrifft eines Sigilli villaniei führt. 

Sommerlalte f. innerhalb eines Sommers gewachsener Schößling, mhd. 
sumerlate, - latte; das zweite Wort, in der richtigen Form Lote (ahd. 
sumarlota), aus ahd. liotan, got. liudan wachsen. S, 433: Ausserhalb 
der verzäunten Gärten und Sommerlatten. (1568.) 

sonderbar Adj. ausgezeichnet vor andern; außerordentlich, mhd. sunder- 
baere. 1,9: Herr A. Weck, mein sonderbarer Wohlthäter. 2, 19: 
Hatten alle Cistercienser-Clöster sonderbare Freyheit erhalten. 

Spanischer Zips cine der Influenza ähnliche Krankheit. Im Österzgeb. 
bezeichnet Zips (im Westerzg. Pips) eine Krankheit der Hühner, die 


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Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 43 


diese in pfeifenden Tönen erkennen lassen. 7, 129: Spanischer Zips, 
eine hitzige, geschwind anfällige Haupt-Kranckheit, so genannt, weil 
50 Jahre zuvor dergleichen Unheil in Spanien entstanden, welches die 
Leute mit grosser Hitze, starcken Schnupfen und einem trocknen 
Schafhusten geplaget. 

sparen schützen, verschonen, mhd. sparn. 8, 297: Sein Haus, daß Gott 
spare in Feuersnötten. (1528.). 

Spielgeld n. eine verhältnismäßig geringe Geldsumme, bei Frisch (2, 300) 
gleichbedeutend mit Nadelgeld. 5, 15: War das beniemte Pretium 
(Kaufpreis) ein Spielgeld davor zu nennen. 

Stabsperson f. der einen Zug anführende Stabträger, mhd. stebelmeister, 
in übertragner Bedeutung: berühmter, hervorragender Gelehrter. 3, 262: 
Wenn man die Universitäts-Matriculen zu Wittenberg, Leipzig, Jena 
und die Register der Zellischen Brüder alle durchgrübeln wollte, dürffte 
es an Stabspersonen sehr mangeln. 

Stndel m. verfallnes Bauwerk; Ruine eines Klosters, einer Burg, eines 
Gebäudes, mhd. stadel scheunenartiges Gebäude. 1, 8: Habe ich diesen 
Closter-Stadel besichtigt. 6, 50: Der Greifenstein ein altes Felsen- 
schloß oder vielmehr Burg-Stadel beim Geyer. 4,17: Auf dem ein- 
gegangnen Forsthause, dessen Stadel man noch die Alte Zelle nennt. 

Stadtseiger m. Seiger (mhd. seiguere) .oder Uhrwerk auf dem Stadtturm, 
secer für Wanduhr im Österzgeb. allgemein. 3, 338: Der ordentliche 
Stadtseiger mit seiner Weisertafel. 

Stahl m. als Bezeichnung des Stahlbogens der Armbrust und dieser selbst 
wie schon mhd.: tregt er einen gespanten stahel und schüest nit. 
3, 176: Ein Fürstlich (remein-Schiessen mit dem Stahle. 

starren starr, unbeweglich werden; mit unbewegten Augen blicken, stieren, 
mhd. staren, starn. 7,97: Daß ihnen die Augen darob (von dem 
Glanze) gestarret. 

Stationirer m. umherziehender Bettelmönch, mbd. stazionierer Reliquien- 
krämer. 3, 97: Im Pabstthume mußte man denen Pfaffen, Terminirern 
und Stationirern so viel geben als man hatte und sie reich machen. 

statihaftig Adj. vermögend, begütert, wohlhabend, mhd. gleichbed. state- 
haft, -haflic zu state f. das (Umstände, bedingende Verhältnisse), wo- 
durch etwas gestattet, möglich wird. 8, 523: Würde F. Grosse so 
statthaftig und die ij Schock ablösen. (1514.) 

steiger Adj. jäh ansteigend (abfallend). mhd. steigel mit der zusammengez. 
Nebenf. steil. 1, 34: Der Hartenberg, ein hohes und steigeres Gebirge. 

Steigreiff m. Steigbügel, mhd. stege-, steg-, steigereif; aus dem Steigereiff 
sich nähren, mhd. sich nern ù: dem. stegreif durch Umherschweifen 
auf dem Pferde, Straßenraub nähren. 5, 4: Raubnest, dessen Besitzer 
sich aus dem Steigreiff nehreten. 

Stöckbrieff m. Steckbrief, abgeleitet von stöcken, mhd. stöcken in «den 
stoc, ins Gefängnis setzen und so eig. obrigkeitliches Schreiben, die 
Ermächtigung erteilend, jemand in Haft zu nehmen. 8, 330: Sol, der 


44 Ernst Göpfert. 


den Friedensbrecher einbringt, mit folge oder stöckbrieffen versehen 
werden. (1536.) 

Stockraum m. abgegrenzter Raum eines ehemaligen Stück Waldes. auf 
dem noch die Wurzelstöcke der gefällten Bäume stehen. 3,63: Die 
neuen Stock-Räume und Rodeländer anbauen helfen. 

stoßen in der sprichwörtlichen Verwendung: stoß mich die Kuh, zur Be- 
kräftigung einer Aussage, Behauptung. 2, 231: Sind die Mönche 
frumm, so stoß mich die Kuh. 

Strassengeleite n. Sicherheitsgeleite zum Schutz auf der Landstraße. 6, 64: 
Massen das Dorf ein altes Strassen-Geleite hat. 

Streich m. Strecke, Wegstrecke, von streichen intr. sich in bestimmter 
Richtung und Länge erstrecken (so von einem Gebirge). 3, 319: Das 
Siechhaus liegt einen guten Streich davon entfernt. 

Strietzel m. Christstollen, mhd. strützel, strutzel längliches Brot von feinem 
Mehl. In Dresden heißt der Christmarkt Strietzelmarkt. 5, Sl: Dem 
Pastori einen sogenannten Christ-Stollen oder Strietzel abfolgen. 

Strupp, Gestrup, Gestrupp n. niedriges durcheinandergewachsenes Grehölz: 
Gestrüppe. 6, 24: Aecker und Strupp; 6, 25: Aecker und Gestrup. 
6, 127: Burgstadel, der itzo mit Holtz-Gestruppe bewachsen ist. 

Stuhlschreiber m. Schreiber in der städtischen Kanzlei, mhd. stuolschriber 
Gerichtsschreiber. 3, 198: Obgleich vom Rathe ein besondrer Stuhl- 
schreiber und Rechenmeister angenommen worden. 

stümmeln verstümmeln, einen Missetäter durch Abhauen von Hand und 
Fuß, Blenden u. dergl. am Leibe strafen, mhd. stümbeln, stümmeln. 
7,76: Sie wurden theils gerädert, theils gestümmelt. 

Sydel f. Lehnstuhl, Sessel, mhd. sidel n., sidele f. 3, 302: Überreicht 
und geantwortet: ein alter Tisch und eine alte Sydel. 

tapffer Adj. in der Bedeutung: reiflich, ernst, gewissenhaft. 8, 306: Aus 
guter tapffrer Vorbetrachtung. (1530.) 

Tarnickel die herben schwarzblauen Früchte des Schlehenpflaumbaumes 
oder Schwarzdorns (Prunus spinosa). 1, 97: Von Pflaumen (wachsen 
hier) Tarnickel oder Türkelchen. 

taugkgleubig Adj. durch die Präsensform von taugen (geeignet, tüchtig 
sein), verstärktes gläubig im Sinne von glaubwürdig. 8, 224: Hat 
seinen letzten Willen vor taugkgleubigen personen gemacht. (1495.) 

Tax m. Taxe, Abschätzung nach Preis und Gewicht, mhd. taze f. 3, 355: 
Ist der Brodt-Tax (wie hoch und schwer an Geld und Gewichte jedesmal 
Brodt und Semmeln zu backen) alle Freytag erneuert worden. 

Teppicht m. die aus mhd. tepich und dessen Nebenf. tepit, teppit ent- 
standene Form für Teppich. 3,281: 1 Teppicht für den Predigstuhl. 

Terminirer m. Mönch, der Gaben für sein Kloster sammelt und Werbe- 
dienste für seinen Orden übernimmt, mhd. ferminierer. Knauth über- 
trägt den Ausdruck auch auf die im Lande umherziehenden Reff- 
träger (s. d) 3,97: Im Pabstthume ‘mußte man denen Pfaffen, 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 45 


Terminirern — so viel geben als man hatte. 1, 67: Einer dieser Art 
Wälschen Terminirer hat so viel Wasch-Gold aus unsern Südötischen 
Gebirgen gesammelt, daß er sieben Häuser in Venedig davor erkaufen 
können. 

!halich Adv. Gegensatz zu bergig. 6, 4: Weil das Dorf mehr thalich als 
bergich lieget. 

Thurst m. Anmaßung, Kühnheit, Verwegenheit, mhd. turst von turren 
wagen; formelhaft: aus eignem Thurst und Frevel wie bei Luther 
(Verantwortung gegen Herz. Georg). 8, 464: Der Stadt-Richter sich 
aus eignem thurst und frevel untersteht, den unruhigen Mann auf- 
zufristen. (1593.) 

Tischtrunck m. das als Bedarf für den häuslichen Tisch bestimmte Maß 
von Bier. 6, 179: Der um Vergönstigung anhielt, seinen Tisch-Trunck 
in der Stadt mit einigen Bürgern zu verbrauen. 

Tockenwerck n. das zur Ausstattung der Puppen oder Tocken, mhd. Zocken, 
im Puppenspiel verwendete Beiwerk. 2, 268: Wenn die Reliquien 
alter unbekandter Todtengebeine, Lappen von der Kleidung u. der). 
Tocken-Werck zur Verehrung ausgestellt wurden. 

Toel'meuser m. heimlicher, hinsterlistiger Mensch, mhd. tockelmüser und 
tockmeuser Heuchler, Schleicher; von tockelmûsen n. Heimlichkeit, 
Duckmäuserei, unter Anlehnung an mhd. tucken ducken, sich beugen 
zusammenges. mit mhd. müsen (stehlend) schleichen, listig sein, be- 
trügen. Das DW. (2, 1495) erklärt sich für Abstammung des Wortes 
von Duck-Dockelmaus, die sich versteckt. 7, 119: Hatten sich neben 
den eingeschlichnen Tockmeusern (den Calvinisten) eine ungewöhn- 
liche Menge Korn-Mäuse spüren lassen. 

Todtenbrief m. Verzeichnis der Gestorbenen, für die an einem bestimmten 
Tage Seelenmessen gehalten werden, mhd. tôtenbrief. 8, 143: Wer 
den Todtenbrief mit der Verstorbenen Nahmen, vor deren Seelen -Heil 
Messe gehalten wird, ablieset mit des Pfarrers Gunst unter der Seel- 
Messen, dem gibt man ij Groschen. (1460.) 

bridingen gerichtlich verhandeln auf einem Dreiding, einem Gericht, das 
jährlich dreimal gehalten wurde. Frisch (1, 198c) führt Dreyding als 
Dorf-Gericht in Schlesien an. Zu dingen vgl. mhd. dingen, tage-, 
teidingen. 8, 103: Auf des Richters Lewe Verlaub ward getridinget 
von Paul Torpis wegen. (1442.) 

trincken für (Tabak) rauchen, schmauchen. 8, 597: Auch nicht an so 
gefährlichen Orten Toback trincken. (1690.) 

Trom n. Trum, bergm. eine von einer Erzader sich abzweigende Neben- 
ader. 8,471: Daß dem Trom nachgebrochen ward. (1593.) 

Turf m. s. Kohlenerde. 

überfündig Adj. wie mhd. übervändie mit Gen., einer Sache überfündig 
werden überführt, überwiesen, eig. darüber gefunden werden. 1, 186: 
So ein meister deß überfündig würde. 


46 Ernst Göpfert. 


überkommen werden einer Sache, dabei betroffen, betreten werden, mhd. 
überkomen trans. überführen. 8, 362: Wer diß (Übertretung des Ge- 
bots) überkommen wird. (1543.) 

übermengt Adj. übermäßig, in Übermenge, mhd. übermenige, erscheinend. 
3, 87: Zur Erleichterung des beschwerlichen Anlauffs übermengter 
Land- Bettler. 

übermelxen das Maß der Metze (Mahlmetze) überschreiten, die der Müller 
an Getreide oder Mehl als Mahllohn zurückbehalten darf. 3,61: Damit 
die Mahl-Gäste nicht zu. sehr übermetzet würden. 

Umbral n. das reich verzierte Schultergewand des nıesselesenden Priesters. 
bei Fr. (2, 403a) Umler, mhd. umbräl, -äle aus mlat. humerale. 8,150: 
Ein schwartz Zimmelt mit einem Umbral. (1505.) 151: Ein neues 
Umbral. Vgl. auch Zimmelt. 

Umschweif m. Umweg, zu mhd. sweifen in der Bedeutung: im Bogen 
gehen. 3, 330: Daß man durch alle Gassen und Thore ohne sonder- 
lichen Umschweif gehen und fahren kann. 

Umzingelung f. Einschließung (einer Stadt oder Burg) mit Ringmauem 
oder Wällen, von umzingeln, mhd. zingeln mit einer Verschanzungs- 
mauer (mhd. zingel) umgeben. 3, 322: Da die Umzingelung mit un- 
serm Ruspa (Roßwein) mag geschehen sein. 

Unekind n. uneheliches Kind im Gegensatz zu mhd. êkint gesetzlich er- 
zeugtes, eheliches Kind. 8, 70: Auch keine Unekinder (forte Huren- 
kinder) sullen sy an das Hantwerk nemen. (1376.) 

Unflätherey f. Äußerung unsauberer und unsittlicher Gesinnung in Worten 
oder Handlung, von mhd. «nvlät Schmutz, Unreinigkeit in sittlicher 
Beziehung. 8, 423: Bei dem Cantorey-Biere sol niemand Unflätherev 
begehen. 

unfugen sich in ungebührlicher, unschicklicher Weise benehmen, mhd. 
unvuogen, unvuoge Unziemlichkeit, Anstandslosigkeit, Roheit zeigen. 
Ss, 71: Wer do unfugete vor den Viermeistern. (1376.) 

ungegangen Part.- Adj. was nicht gegangen :- verkauft oder nicht fehlerlos 
aus der Zubereitung hervorgegangen ist. 

Ungeld, Ohmgeld n. eine städtische Abgabe von Lebensmitteln, insbe- 
sondre von Wein und Bier, mhd. ungelt was man nicht schuldig ist, 
für dessen Zahlung es keinen Rechtsgrund gibt. (Lexer 2, 1485.) Die 
Form Ohmgeld ist zusammengesetzt mit Ohm, mhd. äme, öme Maß. 
in unserm Worte das Flüssigkeitsmaß, nach dem die Höhe der Ab- 
gabe bestimmt wurde. 7,126: Welche Bier- und Wein-Steuer man 
das Ohm-, die gemeinen Leute aber das Ungeld nannten, weil es die 
Leute ungern gegeben. 

ngespart Part.-Adj. nicht zurückgehalten, reichlich aufgewendet, mhd. 
ungespart. 8, 230: Wir bedancken uns vor den ungesparten Fleiß. 
(1500.) 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 4; 


unge. weifelt Part.-Adj. sicher, gewiß, keinen Zweifel aufkommen lassend, 
mhd. ungerwivelt = unzwivellich. 3, 222: Ungezweifelter Zuversicht, 
Er werde diesem Pfarr- Amt wohl vorgestehen. 

[’nschild n. Umstellung von Unschlitt wie das gleichbedeutende Inselt 
von mhd. :nslet, der Nebenf. von unslt, ünslit. 3, 351: Soll das 
Unschild nirgens anders als im Schlacht-Hause beym Wasser ge- 
schmeltzet werden. 

Untersasse m. Untertan, Untergebner, mhd. undersäze, -sneze. 2, 45: 
Nicht nur das Closter, sondern auch dessen sämmtliche Untersassen 
von allem Zolle befreyt. 

unverdrungen Part.- Adj. unverdrängt, nicht mit Gewalt entfernt, mhd. 
unverdrungen. 4, 30: War derowegen unverdrungen gelassen. 7, 80: 
Im Closter blieb der Herr Abt noch unverdrungen. 

unrerwenigeret Part.-Adj. unvermindert, unverkürzt. 8, 235: Ire Zinse 
volkomlich und unverwenigeret zu entrichten. (1501.) 

unverweset Part.- Adj. noch bestehend, nicht (durch Fäulnis) zerstört, mhd. 
unveriwest unvernichtet. 1, 65: Darinnen ich noch unverwesete Fahrten 
(= Holzleitern zum Ein- und Ausfahren) in ausgeschaleten Schächten 
angetroffen. 

nvorschedenlich Adv. wie mhd. unverscheidenliche ohne Unterschied, ins- 
gesamt; nd. unvorscheden ungeteilt. 8, 308: Versprechen wir gemei- 
niglich und unvorschedenlich. (1530.) 

Urfriede, Urfryde, Orfrede m. dasselbe wie Urfehde, die feierliche, eid- 
liche Versicherung, daß man wegen erlittner Strafe sich nicht rächen 
will; mhd. urvride neben urvehede. 7, 43: Mußte ein böses Weib 
einen Urfried, und zwar stehend auf einer darzu aufgerichteten Fleisch- 
banck am öffentlichen Marck- Platze abschwören (s. d.) 8, 300: Daß 
er seinen leiplichen Ayd und Urfryden geschworen hat, daß er er- 
habene Vehde fallen lassen und alles, was ihme widerfahren, nimmer- 
mehr rechen noch ichtwas deshalber vornehmen wolle. (1529.) 8, 179: 
Hat sy eyne Vorswerunge und Orfreden gethan, den ihr der Voit 
gestellt hat. (1483.) 

ursachen wie mhd. ursachen veranlassen, nötigen. 8,327: Uf daß wir 
nicht ernst zu gebrauchen geursacht werden. (1534.) 

usluchten s. ausleichten. 

reralimentiren mit dem versehen, was zum Lebensunterhalt gehört, er- 
nähren, von lat. ulimentiumn; im Osterzgeb. frolamendkirn. 2,144: Der 
die übrigen Brüder bis zu ihrem Absterben vollends veralimentiren 
sollte. 

verbeten, wegbeten, durch Beten vertreiben, abwenden. 7, 230: Gleicher- 
gestalt der Stadt Ninive Untergang verbeten ward. 7, 232: So die 
Landplagen noch verbeten worden. 

verbetteln verstärktes Betteln, gleichbed. mit erbetteln wie bei Luther 
verbitten mit erbitten (mit meinem Gebet verbitten, DWh. 12, 126). 
5, 308: Das heilige Allmosen erbitten und verbetteln. (1530.) 


48 Ernst Göpfert. 


verbleichen sterben; vgl. verblassen und mhd. verblichen verwelken, ver- 
schwinden (verblächen nach — sterben aus Sehnsucht nach —). 2, 156 
Schade war es, daß dieser in schönster Blüthe seines 31ten Lebens- 
Jahres verbleichen solte. 

verbrösen unnütz vertun, verstreuen, eig. wie noch im Osterzgeb. ver- 
bröseln, zu Brosamen oder Bröslein (bei Goethe Bröselein) machen, 
zerbröckeln, verkrümeln. 7, 223: Weil das Land so gar viel davon 
mehr verbröset als vernöset hatte. 

verdeckt Part.- Adj. versteckt, heimlich in Beziehung auf den Charakter, 
mhd. verdeckt (verdeckter schalc). 2, 6: Andre den heil. Benno vor 
einen verdeckten Zauberer gehalten. 

verdrucken wie auch mhd. verdrücken, - drucken verbergen, verheimlichen. 
8, 70: Welch Meister Dube (Deube s. d.) verdrucken welde. (1376.) 

verehren mit Akk. d. Pers. u. Dat. d. Sache beschenken, mhd. vereren; 
häufig bei Luth. u. Mathes. 8, 423: Die Cantorey-Gesellschaft mit 
einem Geschencke verehret hat. (1567.) 

Verehrung f. Geschenk, mhd. vererunge; eig. (Geschenk, wodurch man 
jemand ehrt. 2,172: Bediente, deren jeden eine Verehrung gereicht 
worden. 

verfahren des Todes, sterben, mhd. vervarn euphen. sterben. 7, 200: 
Ward so beschädigt, daß er bald darauf des Todes verfahren. 

vergeben mit Dat. der Pers. wie mhd. vergeben, einem etwas zum Schaden, 
Verderben geben; vergiften. 7,7: Ihm selbst ward mit Giffte ver- 
geben. Vgl. Ztschr. 1, 65. 

vergnügen einen einer Sache, ihn befriedigen, seiner Forderung genug 
tun, mhd. vergenüegen. 8, 410: Da die Kastenherren ihres Erbegelds 
vergnüget wurden. (1560.) 

Vergnügung f. Zustand des Sichgenügenlassens, Behagens; vgl. mhd. ver- 
nüegen n. Genüge, Zufriedenstellung. 3, 263: Lebte auf seinen väter- 
lichen Gütern in guter Vergnügung. 

Vergunst f. mhd. vergunst und vergunnunge Erlaubnis, im folg. die ur- 
kundlich bezeugte Erlaubniserteilung. 3, 400: In Abt Frantzens er- 
theilten Vergunst an die Roßweiner zu Errichtung eines Halß-Gerichts. 

verheischen im Sinne von verheißen, geloben. 8, 391: Welches sie also 
zu thun gunstigst verheischen. (1555.) 8, 310: Sagen und verheischen. 
(1530.) 

Verkehrung f. Verkehr; das Sichhinundherwenden zu gegenseitiger Unter- 
haltung und Verhandlung. 3, 330: Machen die reichen Kornbauern 
nebst andern Marck-Leuten eine ziemliche Parade und Verkehrung 
aufn grossen Marck-Platze. 

Verlaub m. Erlaubnis, Genehmigung. 7, 103: Hatte das Handwerck Ver- 
laub erhalten, ihre Tuche selber zu scheeren. 

rerlebt Part.- Adj. vom Alter gebeugt, dem Lebensende entgegengehend, 
von mhd. verleben intr. ableben, verwelken. 2, 281: Verlebte Per- 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 49 


sonen, so den Überrest ihrer Jahre in stiller Ruhe zu vollbringen 
gesonnen. 

verledigen, sich, frei, leer werden (durch Weggang der Bewohner). 2, 277: 
Bis sich mit dem Absterben der alten Mönche das gantze Closter ver- 
ledigte. 

verledigt Part.-Adj. frei geworden, der Versorgung, Verwaltung entbeh- 
rend. 3,108: — die Universität Wittenberg nicht ausreichen wollte, 
so viel verledigte Kirchen auf einmal zu besetzen. 

verleiben einverleiben im Sinne von einschreiben; mhd. verlöben. 8, 299: 
Haben wir sollichs yn unser Stadt-Buch verleiben lassen. (1528.) 

verlosen verkaufen, eig. los werden um Geld. 3, 333: Daß frembdes 
Bier verloset worden. Vorr. 4: Schuhmacher, so ihre Wahren ver- 
losen. 

vermacht Part.- Adj. eingefriedigt, eingezäunt, von mhd. vermachen ab- 
schließen, versperren. 1, 9: Ein Haus mit einem vermachten Garten. 

Vermachung f. Einzäunung. 7, 102: Haben die Wasser viel Häuser, 
Garten-Vermachungen, Brücken und Steige zerrissen. 

termarken abgrenzen, durch Grenzzeichen (Steine, Pfähle) einschließen, 
mhd. vermarken. 4, 20: Dem Bergrichter eine fündige Zeche ver- 
leihet und die Maassen hierzu anweisen und vermarcken lassen. 

vernösen verzehren, mhd. verniezen, erzgeb. frnüsn, Tratten: vgl. ver- 
brösen und Ztschr. 6, 14..— 7, 119: Mäuse, welche das Getreyde sehr 
vernöset. 

verpönen durch Festsetzung einer Strafe (Geldbuße) sicher stellen, mhd. 
verpenen von pêne, pên aus lat. poena. 6, 7: Was zwischen Richtern 
und Gemeinde einer- und der Stadt Roßwein anderntheils verabscheidet 
und verpönt worden. 7,13: Verpönt und confirmiret. 

verrechten wie mhd. verrehten in der Bedeutung: unter eidlicher Ver- 
sicherung versteuern. 8, 304: Werdet sie (die sich zur Türkensteuer 
zu gering eingeschätzt haben) zu verrechten dringen. (1530.) 

verrenken aus der gehörigen Lage renken, drehen, mhd. verrenken ver- 
biegen, verdrehen, in übertragner Bedeutung: schädigen, verletzen, 
verunglimpfen. 8, 111: Fromme Lüthe, ny verrenket an Ihren guten 
Lümunde. (1449.) 

verrücken den Witwenstuhl, mhd. den welewestuol verrücken, verkeren 
wieder heiraten. 2,50: Weil sie ihren Wittwenstuhl verrücket und 
ins Hennebergische verzogen. 

tverrufen Müntzen öffentlich für minderwertig oder ungültig erklären; mhd. 
verrüefen, -ruofen. 7,179: Ward durch ein Müntz- Mandat alles aus- 
ländische leichte Geld verrufen. Davon 

Verrufung f. 7, 259: Verrufung vieler eingeschlichner falscher Müntz- 
Sorten. 

Verschaffung f. Verfügung, Anordnung, von mhd. verschaffen in der Be- 
deutung bestimmen, anordnen. 8,485: Ihr wollet in denen Städten 
Verschaffung thun, daß die Räthe ihre Rechnungen einschicken. (1614.) 


Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 4 


50 Ernst Göpfert. 


verschleiffen verschleppen, auf die lange Bank schieben, bei Luther 
(Tischr.) verschleufen, von mhd. sleifen, sleufen (Faktit. zu slifen), 
nd. slöpen schleppen. 8, 593: Nichts zu verschweigen, verschleiffen. 
(1683.) 

verspildern versplittern, unnütz vertun, mhd. verspilden, -speilten, von 
spilte und spilter abgespaltenes Holzstück, Splitter. Vgl. Geldverspil- 
derung. 3, 85: Daß nicht so viel Geld von üppigen Leuten ver- 
spildert werde. 

Verstand m. Sinn oder Bedeutung (des Wortes). 2, 112: Welches letzte 
(das Wort pagus) damahls gar einen andern Verstand hatte. 


vertadelt Part.-Adj. in üblem Rufe stehend, von mhd. tadel in der Be- 
deutung Makel, Fehler; vertadelunge Herabsetzung. 8, 202: Aus 
keynem gerendem, verworfenem adder vertadeltem Geschlechte. (1485.) 


vertragen durch gerichtliche Entscheidung zum Austrag, mhd. ürfrar 
bringen; vgl. mhd. vertragen ausmachen, schlichten. 2, 172: Daß sel- 
biger Todtschlag gerichtet und vertragen worden. 

V’erwandnij f. Verwandtschaft im Sinne von Ähnlichkeit; annähernde 
Übereinstimmung. Chron. 1: Örter, die gleiche Benennung oder doch 
nahe Verwandnil mit andern Plätzen haben. 

Verwartung f. Verpflegung, Versorgung, von mhd. verwarten für etwas 
sorgen. 5, 75: Geschäftsleute, die denen Bürgern beim Einspruch 
(s. d.) und Verwartung etwas zuwenden. 


Verwerelung f. Auswechselung oder Mutschierung (s. d.). 6, 5: Ward des 
Dorf dem Forstmeister gegen Verwexelung seiner vorigen Güter ein- 
geräumt. 

rerxellen ausweisen, verbannen, im Freib. Urkb. vorceln, vorezelin ächten. 
mhd. verzeln verurteilen, für verfallen erklären. 7, 71: Ward ein 
Wegelagerer auf ein Jahr aus der Stadt verzellet und verwiesen. 

Verzellung f. Ausweisung, Verbannung. 7, 164: Ward wegen profanirung 
des Sabbaths mit (refängniß und monatlicher Verzellung: bestraft. 

Viermeister bei den Tuchmachern die vier Obermeister, die jährlich neu 
gewählt wurden. 3, 73: Weil ohne der scharffverpflichteten Vier- 
meister Besichtigung kein Tuch darf gefärbt, angeschnitten und ver- 
eusert werden. 

Vihtrifft f. Feld, auf das das Vieh zur Weide getrieben wird, mhd. vike- 
trifft; im Osterzgeb. bedeutet ur! und fiitraeb den Weg, auf 
welchem das Vieh vom Dorfe aus nach dem Weideplatz getrieben 
wird. 8,85: Die Vihtrifft zu haben und zu gebrauchen. (1388.) 


rlokkecht Adj. flockig, vom Tuch, in das die im Kamm zurückbleibenden 
wertlosen Wollflocken eingewebt sind. 8, 71: Vlokkecht Tuch, das 
sal man burnen. (1376.) 

Vogtyedinge n. ein vom Klostervogt abgehaltner Gerichtstag, mhd. roget- 
gedine. 6, 130: Ein (loster-Zellisches Vogt-Gedinge. 


e 


LU 


Beiträge zum obersächsischen Wortschatz. 51 


Volle m. das subst. gebrauchte mhd. vol angefüllt, berauscht im Sinne 
von Säufer. 8, 70: Auch keine gernde volle sullen sy an das Hant- 
werk nemen. (1376.) 

vollbringen wie mhd. volbringen bis zu Ende führen, vollenden. 1, 57: 
Nachdem Markgraf Otto das Closter Zelle A. 1175 vollbracht hatte. 

Vollwort n. Zustimmung, Vollmacht, mhd. volbort und volwort (volborten 
genehmigen). 8, 252: Gunst und Vollwort zcu solchem Contracte zcu 
geben. (1514.) 

vorschienen verschienen, vergangen, Part.-Adj. von verscheinen, mhd. 
verschinen ablaufen, vergehen, von der Zeit, eig. aufhören zu scheinen. 
8, 293: Haben vorschiene Zeit die Hauptsumme nidergelegt. (1528.) 

vorsprochen versprochen Part.-Adj. ehrlos, unehrlich; versprochne oder 
unehrliche Leute, deren Gewerbe als unehrlich galt. 8, 164: Nicht 
von vorsprochnen Leuten als da synt Leinewebers, Baders, pfeyfers, 
töppers, schefers noch erbmüllers geschlechte. (1467.) 

Vorsprecher m. im Freib. Ukb. vor- oder vurspreche der für eine Person 
vor Gericht spricht, mhd. versprecher und vür-, vorspreche Vertei- 
diger vor Gericht, Advokat. Knauth erklärt das Wort mit Causen- 
macher, causidicus, rabula. Die Zusammenstellung mit Spielleuten, 
Pfeifern und andern unehrlichen Leuten legt die Vermutung nahe, 
daß hier mit Vorsprechern fahrende Leute der niedern Art gemeint 
seien, die bei Volksfesten als Reim- oder Spruchsprecher oder Possen- 
reißer auftraten und durch ihre Vorträge zur Unterhaltung und Be- 
lustigung beitrugen. 8, 111: Von Schweineschneydern, Vorsprechern 
(causidicis) u. dergl. Handwerks. 8, 113: Kesseler (Kesselflicker), Vor- 
sprecher (Causenmacher) u. dergl. (1453.) 8, 111: Daß er von erlichen 
biderben Lüten geboren ist, nit von Phiffern, Spillüten, Vorsprechern 
(rabulis). 1431. 

vortheilhafft Adj. betrügerisch, mhd. vorteilhaftic, vorteilisch, im Osterzgeb. 
fortihofte seinen Vorteil wahrnehmend und dahei auf Übervorteilung 
bedacht. 7, 62: Weil es solchen vortheilhafften Leuten (betrüge- 
rischen Müllern) niemahls leicht an Entschuldigung mangelt. 

Vorwust, Vorbewust m. Wissen, Vorwissen, im ält. Nhd. auch Bewust 
und Wust. 8, 358: Hinter der Viermeistere Vorwust nicht zu er- 
lauben. (1543.) 8, 494: Sol mit Vorbewust und Willen des Raths 
geschehen. (1615.) 

Wahle m. Wälscher, Romane, Italiener, mhd. walch, walhe. Vgl. Ztschr. 
1,66. 7,73: Quarze, die die umbstreiffenden Wahlen calciniren und 
auf Edelgestein- Art zurichten. Vgl. auch Reffträger und Terminirer. 

woalizend Geschoß Abgabe, die nicht dauernd an einem Besitze haftet, 
sondern mit dem Besitzer wechselt. 8, 297: Nachdem die Heuser 
odir Güter zu Roßwein nicht stehend besondern (= sondern) waltzend 
Geschoß haben. (1528.) 

waidtfarb Adj. waidfarbig, mit der aus Waid, mhd. weit (Farbepflanze, 
isatis tinctoria) hergestellten dunkelblauen Farbe gefärbt. 8, 365: 

4* 


52 Ernst Göpfert. 


Waidtfarbe Mittel-Tuch sollen mit zweyen Kleeblettern gezeichnet 
werden. (1543.) 

Waidtgeld n. das zum Ankauf der Waidfarbe von der Zunft bewilligte 
Geld. 8, 368: Wan mhan vor den Leipzigischen Märckten nach Waidt- 
gelde sitzet. (1543.) 

Waidtherren die mit Besorgung der Waidfarbe beauftragten Zunftgenossen. 
8, 367: Sol ein Sitz gehalden werden durch die Viermeistere, zweene 
Waidtherren und den Stadtschreiber. (1543.) 

Wandel m. Strafgeld, Buße, mhd. wandel. 8, 365: So das Tuch zu kurtz 
gefunden würde, sol er von ytzlicher ellen 6 neue Pfenning zu Wandel 
geben. (1543.) 

wandel Adv. schadhaft, baufällig, von mhd. wandel m. in der Bedeutung 
Makel, Gebrechen. 5, 27: Die Brücke ist der starcken Strasse wegen 
offters wandel worden. 

wandelbar Adj. fehlerhaft, untauglich, mhd. wandelbaere, wandelbar Tuch. 
zu dünn gewirkt oder flockig. 8,71: Welch Meister wandelbar Tuch 
macht. (1376.) — 8, 189: Welcher wandelbar schu macht. (1483.) 

wandeln Strafe zahlen, mhd. wandeln für büßen, vergüten. 8, 500: Wer 
dessen überwiesen wird, sol wandeln. (1623.) 

Wandelunge f. Verwandelung im Abendmahl, Transsubstantiation, zugleich 
Bezeichnung für den Schluß der Messe, mhd. wandelunge. 8, 141: 
Am Freytag nach der Wandelunge. 

Waschmaul n. derber verächtlicher Ausdruck für: gutes Mundwerk, in 
gewöhnlicher Sprache: böses, loses Maul, Schwatzmaul. Waschen 
bildl. für schwatzen schon mhd.: Ir kunnet vil smetzen und waschen. 
2, 142: Weil er von Natur ein gut Waschmaul und das donum in- 
pudentiae in summo gradu gehabt. 

Wassergeister die in Flüssen und Teichen lebenden menschenähnlichen 
Wesen des alten Volksglaubens, Nixen, mhd. wazerman, - wip, 
-vrouwe, -holde, -nixe. 1, 28: Nächst den Wasser -Thieren der 
Wasser- Geister zu gedencken, will man an etlichen Orten in der 
Mulde Wasser-Nixe in männlicher und weiblicher Gestalt gesehen 
haben. 

Wasserhund m. in der Jägersprache der Hund, der das erlegte Wild aus 
dem Wasser holt, im folg. ist mit dem Ausdruck der Biber gemeint. 
1, 27: Weil dergleichen Fisch-Räuber und Wasser-Hunde vormals 
in dieser Holtz- und Wasser-reichen Einöde eingenistet. 

Waxschläger m. Wachsbereiter. 4, 41: Waxschläger, die besondre Werck- 
stätte unter sich haben, die sogenannten Rost-Keulen weit und breit 
herum aufkauffen, selbige nach ihrer Kunst zurichten, prüfen nnd 
schlagen, und endlich das schönste geläuterte Wax herausbringen. 

Wechselbalg m. ein nach dem Volksglauben von bösen Wesen unter- 
geschobenes mißgestaltetes Kind, mhd. wwehselbale, -kint. Vgl. Kül- 
kropp. In einzelnen (tegenden des Erzgeb. läßt man ein Kind unter 
sechs Wochen nie allein im Zimmer, weil man sonst einen wakslboli: 





Beiträge zum obırsächsischen Wortschatz. 53 


vorfindet, oder man legt zur Abwehr ein Gesangbuch in die Wiege 
des Kindes. 1,29: Wie dergleichen Nixe hier und da ungetauffte 
Kinder umgetauschet und andre davor hineingelegt, daraus hernach 
unförmliche und unvernünfftige Wechsel-Bälge worden. 

weder vergleichende Konj. nach Kompar.: als, wie noch bei Luther. 
(Weisheit ist besser weder Gold. Spr. Sal. 16, 16.) 2, 248: Eine Libra- 
riam damahls weit schwerer fiel und höher kam weder heut zu Tage. 
2,282: Anitzo weit besser weder vorhin. 

Wefel n. Einschlag beim Gewebe im Gegensatz zum Aufzug oder der 
Werfte (s. d); das Gewebe selbst, mhd. wevel, wefel, webbe und weppe 
von weben. 8, 365: Ein Tuch, so ander Wefel hat auf der Haupt- 
seulen. (1543.) 

wefelstreifig Adj. mit Streifen im Wefel (o dl 8, 502: Würde ein Tuch 
würf- oder wefelstreifig befunden. (1623.) 

Wehmutter f. Hebamme, im Westerzgeb. weefraa, zusammenges. mit mhd. 
wewe, we Geburtswehe. 8, 524: Eine vereydete Wehmutter. (1632.) 

Wehr f. Währung, mhd. werunge gewährleisteter Münzwert, Gold- oder 
Silberwährung einer Stadt (eines Landes). 3, 294: Ein Darlehn von 
zehn milden Schocken Freyvberger Müntze der besten Wehr. 

Wehrd m. am Flußufer liegendes erhöhtes Land, mhd. wert geschütztes 
Land, von wern verteidigen, schützen. 1, 255: Schob in den Häusern 
am Wehrde die Eißschollen zum Fenster hinein. 

weitberuffen Adj. weithin bekannt, berühmt, mhd. beruofen Part.- Adj. 
1,5: Von dem gar alten weitberuffenen Bergstädtlein Siebenlehn. 

Wendelstein m. steinerne Wendeltreppe, mhd. wendelstein, -stiege. 5, 24: 
Das Seitengebäude hat einen aufgemauerten Schwibbogen und Wendel- 
stein. 

Werffte f. die Kette eines (iewebes oder der Aufzug = die aufgezognen 
Fäden, durch die das Webschiffchen hin und her geworfen wird. 
8, 363: Wann ein Meister eyne Werffte breit gnug scheret. 

INrehfasten f. die sogen. Quatember- oder Fronfasten, mhd. wichvaste. 
7, 91: Wichfasten, welches die gewöhnlichen 4 Quartale oder Qua- 
tember oder die im Calender theils vor, theils nach Reminiscere, 
Trinitatis, Crucis und Luciae angesetzten Mittwochs-Tage sind, daran 
man im Pabstthume zu fasten pflegt. | 

Wrdersetzigkeit f. aus mhd. widersetzer-heit, Widersetzlichkeit, im Freib. 
Ukb. (I, 283, 7) widersatz. H. 326: Wir verwundern uns ewer wider- 
setzigkeit. (1543.) 

Widersprach m. Widersprecher, Streiter; Sprach für Sprecher wie in 
mhd. vür-, vorspräche. 2, 143: Dieser Luthero -Mastix und wider- 
sprach göttlicher Wahrheit. 

Wi’llekor, Willkör f. Willkür, mhd. wwellekür freie Vereinbarung; auf Grund 
freier Zustimmung festgelegtes Stadtrecht. 8, 74: Daß dyse Willekor 
gehalten werde. (1377.) 8, 80: Der Stadt Rußwyn Willkör. (1385.) 


54 Ernst Göpfert. Beiträge zum obersächsischen Wortsohatz. 


Wissenschaft f. Wissen, Kenntnis (einer Anordnung, Bekanntmachung), 
mhd. wixzzen-, wizxzentschaft. 3, 355: Der Tax wird zu meniglichs 
Wissenschaft am Rathause angeschlagen. 

Wittwenstuhl s. verrücken. 

wohlständig Adv. am schicklichen, geeigneten Platze stehend. 3, 331: Ist 
das Rathaus hiesigen Orts sehr bequem und wohlständig angelegt. 

wurfstreffigk, würfstreifig Adj. streifig in der Werfte oder Kette, mhd. 
warfstrifeht. 8, 363: Würde ein Tuch wurfstreffigk funden. (1543.) 

xasig Adj. zaserig soviel wie faserig, von Faser fadenförmiger Teil eines 
Gewebes, Saugfaden einer Pflanzenwurzel. 7, 161: Ein Kind, an 
Händen wie zasige Wurtzeln. 

Zauckeroder Bezeichnung einer Birnenart, im Osterzgeb. tsukəroodnbern. 
1, 46: Zauckeroder (vulgo Zuckeraden) Pirnen. 

Zehrgarten schreibt Knauth irrtümlich für Zehrgaden in dem Ausdruck 
Zehrgartengebäude, das (Gebäude einer Burg, das den Zehrgaden = 
die Vorrats- oder Speisekammer, mhd. zergadem n. enthält. 5, 25: 
Das Zehrgarten-Gebäude hat eine Wildprets-Kammer, Zebr- Garten, 
Stall und einen Boden. 

Zelle f. Orts- und Klostername (Knauth führt über 30 an); Wohngemach 
der Insassen eines Klosters, mhd. zelle Wohn-, Klosterzimmer, kleines 
Nebenkloster. 1,6: Der Name und Invention dieser Zellen soll etwa 
von denen Bienen herrühren. Gleichergestalt viele Bienen mit ihrem 
Weiser in einem Stocke: also sind auch viele Mönche und Nonnen 
mit ihrem Abte, Probste, Prioren pp. in einem Kloster beysammen. 
darinnen ebenfalls jede Person ihre besondre Zelle oder Wohn- und 
Schlaf-Gemach hat. 

Ziegenbauch m..Wamme oder Bauchteil einer jungen Ziege als zinspflichtige 
Östergabe an Klostergeistliche. 8, 342: Jerlich uns und unserm Gottes- 
hawse (= Kloster) zcwene Junge Ziegenbäuche und zcwu schuldern 
zu zinsen. (1539.) 8, 389: Zwo Ziegenbäuche oder 4 Groschen davor. 

Zimmelt n. scheint einen Pelzschmuck der priesterlichen Amtskleidung 
zu bezeichnen, der zu dem mit Figuren und Sinnbildern geschmückten 
Umbral (s. d.) gehört. Eine Kloster-Zellische Urkunde vom 11. Juni 
1454 (mitget. von E. Beyer, Das Cisterc. Stift und Kloster Altenzelle. 
S. 688) führt auf: 12 Humerale, darunter 2 humeralia cum pelli- 
canis, 2 cum turribus, unum cum rosis, unum cum coronis, unum 
cum liliis et rosis. In der Form Zimmel gilt der Ausdruck bei 
den Pelzhändlern als Maßbezeichnung von Fellen: 20 Paar Zobel- 
felle nennt man ein Zimmel. S, 150: Ein blaw sammtnes Ornat mit 
einer Alm und zugehörung ein schwartz Zimmelt mit einem Umbral. 
(1505.) 

Zorngewitter n. plötzlich auftretendes heftiges Gewitter. 3, 271: Hat 
A. 1675 ein starckes Zorngewitter dreingeschlagen. 

zuheit f. was zur Ausführung eines Werkes, zu würdiger Ausstattung, 
zu nötiger Versorgung erforderlich ist: zusammengesetzt mit mhd. f. 


Hermann Teuchert. Aus dem neumärkischen Wortschatze. 35 


heit (got. haidus) Stand, Wesen, Art und Weise 8, 255: Daß wir 
das begengnis, zugehorunge und zuheit nicht in die lenge erhalten 
könnten. — Noch anders mehr zu Wax, Brodt und Wein und zuheit 
des Alters haben müssen. (1528.) 
Zumuße n. Zugemüse, mhd. zuwomüese, -muose Zuspeise und muos n. 
breiartige Speise, Gemüse. 8, 135: Fleisch und ein Zumuße. (1483.) 
Zusammenschluß m. für Zusammenfluß, Vereinigung zweier Gewässer. 
1, 26: Bis an den Zusammenschluß der Bobritzsch und Mulde. 
sweystlimmig Adv. eins mit dem andern nicht übereinstimmend, vonein- 
ander abweichend im Wortlaut. 2,149: Zwey Catalogi, welche ich 
selbst conferiret, aber auch beide zweystimmig befunden. 
Zwueetscher m., im Westerzgeb. kwuntsr Grünfink. 3, 142: Zwueetscher, 
Quäker, Gimpel. 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 
Von Hermann Teuchert. 


Nach geraumer Zeit des Sammelns und Verbesserns bin ich jetzt in 
der Lage, das in der Einleitung meiner Abhandlung über neumärkische 
Laut- und Flexionslehre (s. Jgg. 1907, S. 109) angekündigte Wörterver- 
zeichnis! der Öffentlichkeit zu übergeben. Entstanden auf Grund des 
von Rubehn für das Oderbruch in den Mitteilungen des historischen 
Vereins in Frankfurt a. O. 1873 S. 49— 64 bekannt gemachten Materials, 
das in Heft 15—17 derselben Mitteilungen von CL Jänicke ergänzt 
worden ist, hat sich diese Sammlung im fortgesetzten Verkehr mit 
Mundartsprechern und infolge mannigfacher Anfragen zu ihrem gegen- 
wärtigen Umfange ausgewachsen. Daß sie bei weitem nicht den An- 
spruch erheben darf, etwas Vollständiges zu geben, ist‘ mir selber am 
meisten klar. Indessen bietet sich in absehbarer Zeit keine ausreichende 
Gelegenheit zu erwünschter Vervollständigung, und das Muster eines der 
größten und wichtigsten deutschen Wörterbücher, die für die Zukunft 
zu erwarten sind, hat mir die Aussichtslosigkeit gezeigt, den Wortschatz 
einer Landschaft ohne die lebendigste Anteilnahme und Mitarbeit ihrer 
Bewohner ans Licht zu schaffen. Es mag sein. daß eindringliche Auf- 
rufe und wiederholte Hinweise mehr erreicht hätten, als es meinen An- 
regungen und Versuchen beschert gewesen ist, indessen kann meinen 
Landsleuten trotzdem der Vorwurf völliger Teilnamslosigkeit nicht erspart 
bleiben. Welchen Zweck eigentlich plattdeutsche Vereine haben, wenn 
es nicht der ist, Bestrebungen um die plattdeutsche Sprache zu fördern, 
ist eine Frage, zu deren Beantwortung in meinem Falle Gelegenheit we- 


— —_ ee 





‘ In der Abhandlung als Idiotikon zitiert. 


56 Hermann Teuchert. 


boten war. In kurzer Zeit ist für die Mark Brandenburg viel geschehen: 
der ndd. Osten und Norden, ganz zuletzt auch zwei Teile der Mittelmark 
sind grammatisch behandelt worden, und zwar der Nordwesten in einer 
Arbeit, die eine Zierde für die ndd. Dialektforschung ist; da lenken sich 
naturgemäß unsere Augen auf das weitere Ziel: ein Wörterbuch. Aber 
wie diese entsagungsreiche, und doch lohnende Aufgabe in die Wirk- 
lichkeit umgesetzt werden soll, wann zu ihrer Ausführung geschritten 
werden kann, das sind Fragen, die nach den bisherigen Erfahrungen 
zur Resignation zu stimmen geeignet sind. 

Darum ist Warten unnütz, und darum erscheint mein Wörterver- 
zeichnis wie es ist. Alle Wörter, die nicht aus Loppow stammen, haben 
die Bezeichnung ihres Herkunftsortes. Jedoch ist für alle ohne Orts- 
angabe mitgeteilten Wörter Verbreitung über das Gesamtgebiet anzu- 
nehmen. 

Der Schwerpunkt liegt in der wissenschaftlichen Bearbeitung. Aus- 
giebige Benutzung der ndd. Wörterbücher — obschon manches über- 
sehen, anderes aus Mangel an Zeit unberührt geblieben sein wird —, 
bescheidene Vergleichung mit den verklungenen Sprachstufen der alten 
germanischen Dialekte waren die Mittel, zu einer Aufhellung des Ur- 
sprungs und der Verwandtschaft der neumärkischen Mundart zu gelangen. 

In der Dissertation habe ich eine überwiegende Kolonisation der 
Neumark durch Niederländer bestritten. Diesen Standpunkt nehme ich 
auch jetzt noch ein. Aber ebenso bestimmt und sicher erkenne ich den 
ndld. Charakter einer kleinen Zahl von Wörtern und Formen und er- 
kenne ihn an. Aber viel zahlreicher muß die niedersächsische Bevöl- 
kerung gewesen sein. Und zum dritten wird sich — den ausführlichen 
Beweis behalte ich mir für später vor — ein verhältnismäßig am schwäch- 
sten vertretener Zuschuß mitteldeutschen Blutes nachweisen lassen. Das 
reichhaltige Material des Rheinischen Wörterbuches bot mir die Mög- 
lichkeit, Spuren einer Verwandtschaft zwischen Moselfränkisch und Neu- 
märkisch aufzufinden. Hin und wieder wird man Hinweise in dieser 
Richtung hin antreffen, jedoch bleibe die genauere Feststellung wei- 
teren Forschungen zuliebe aufgeschoben! Das hebräisch-rotwelsche Gut 
ist einigermaßen vollständig mitgeteilt. Polnisch-slavisches Eigentum 
konnte in den meisten Fällen gekennzeichnet werden. Man wird Grund 
haben, sich über den geringen Umfang dieses Bestandteils zu wundern. 
Und zwar erstreckt sich das polnisch- (wendische, russische, litauische) 
slavische Material auf eng ungrenzte Gebiete des kulturellen Lebens, 
und es ist nicht unwesentlich, sich deren Geltungsbereich vor Augen zu 
führen. Polnisch-slavische Wörter finden sich hauptsächlich 1. für das 
schlechte und baufällige Haus, ?. für einzelne Hantierungen und Ver- 
fahren in der Küche, 3. als Flüche. Ich werde am Schlusse des Wörter- 
verzeichnisses eine Zusammenstellung des slavischen Wortbestandes geben. 

Das Wörterverzeichnis bringt teils mehr, teils weniger, als man er- 
warten kann, selbst weniger, als mir bekanntes, der Mundart eigentüm- 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 57 


liches Material vorhanden ist, natürlich weniger, als noch im Munde 
alter Leute, namentlich in einem weiteren Umkreise leben mag. Im 
allgemeinen sind Formen, die weder nach ihrer Bedeutung noch nach 
ihrer Bildung vom Nhd. abweichen, fortgelassen, sodann auch meistens 
die, welche in der Lautlehre behandelt worden sind. Bisweilen sind ab- 
geleitete Wortformen nicht angegeben worden, besonders von Substan- 
tiven abgeleitete Adjektiva; jedoch ist Gewicht gelegt worden auf An- 
führung dieser Formen beim Mangel des Grundwortes oder des Simplex. 

Im einzelnen habe ich mich veranlaßt gesehen, einige Irrtümer der 
Hauptarbeit zu berichtigen und etliche Lücken zu ergänzen. Der schon 
in der Fußnote 1 des $ 359 angewendete Doppelpunkt wird im Wörter- 
verzeichnis öfters vorkommen. Er ist das von der rheinischen Mund- 
artenforschung allgemein angenommene Zeichen für den zirkumflektierten 
Akzent, d. h. die Vereinigung von Hoch- und Tiefton auf einer Silbe. 
Als Abkürzungen für Ortschaften gebrauche ich Lo. = Loppow, Hei. = 
Heinersdorf, To. = Tornow und Za. = Zantoch. Für die Abkürzungen 
der Titel von ndd. Wörterbüchern verweise ich auf die Einleitung zur 
Lautlehre; neu ist Fri. = H. Frischbier, Preußisches Wörterbuch. Berlin 
1883. 2 Bde., das für die Auffindung des nmk. Wortbestandes und auch 
für die Etymologie recht nützlich gewesen ist. Mit besonderm Dank 
nenne ich sodann die vorzügliche Arbeit von Emil Mackel über die 
Mundart der Prignitz (Ndd. Jb. XX XI [1905] — XXXIII), die mannigfache 
Anregung und Förderung gewährte. Möchte sich nach diesem Muster 
bald der Grammatiker des Havellandes finden! 

Mit TF sind Wörter und Formen bezeichnet, die jetzt als veraltet 
zu gelten haben. Über die Schreibung, auch die der Wörter aus an- 
dern Mundarten ist zu vergleichen, was hierüber in der Einleitung zur 
Hauptarbeit gesagt ist. Danach ist phonetische Schreibung, soweit sie 
mit Sicherheit durchführbar war, angewendet worden. Originalabschrei- 
bungen sind durch ° gekennzeichnet worden. 


a. 

aanıt, aavnt m. 1. Abend; 2. Westen. 

abee m. Abtritt, Abort. 

abresa f. Eberesche (sorbus). 

adar f. Schlange (aus as. nädra durch Verlust des anlautenden n im Satz- 
zusammenhange). 

geän refl. sich abhetzen, abmühen (alter Gerberausdruck, sich beim 
Hantieren mit »Äscher«, d.i. einer Mischung aus Lauge und Kalk 
außer Atem bringen). 

afhelln abgießen; da melk afhelln die Sahne abnehmen (zu hell?). 

afhiion abdringen, abspenstig machen (zu mnd. higen höhnen, zerren; 
identisch mit ahd. hiwen, as. gihiwjan heiraten; bekannte, kultur- 
geschichtlich wichtige Bedeutungsentwicklung). 

afholln 1. zurückhalten; 2. Kinder beim Verrichten ihrer Notdurft halten. 


58 Hermann Teuchert. 


afknapın jem. etw. entziehen, jem. knapp halten; daneben 

afknapsn dass., junge Weiterbildung nach dem Muster der ahd. ezzan- 

afknipsn abkneifen (s. knipsn). [ Verba. 

‘afleedarn das Fell abziehen. 

afluksn listig fortnehmen (durch Volksetymologie an Luchs angelehnt: 
wohl zu mhd. lucken locken, verlocken). 

afmadərn refl. sich abmühen (mkl. afmadIn); s. madarn. 

áfmaràxn refl. sich strapazieren; s. marden. 

afmurksn töten (zu mųrks Wicht, also eigentlich »klein machen«). 

afneemm 1. abnehmen; ?. photographieren. 

afpärt apart, besonders (durch Volksetymologie mit f < frz. à part). 

afpelln enthülsen, entschalen (zu pels f. Haut). 

afploostorn intrans. abblättern, abplatzen (zu plopstar n. Pflaster). 

afputsn abputzen, z. B. beetao Runkeln von Erde und Blättern befreien; 
jem. heruntermachen, tadeln. 

afriitn abreißen; intrans. aufhören, nachlassen. 

afroopm das Getreide hinter dem Mäher zusammenraffen und in Garben 
legen. 

afzetn 1. ab-, niedersetzen; 2. ein Kalb u.a. zur Zucht behalten. 

afsdooky abladen mit der Forke (Gabel), z. B. eine Fuhre Getreide; s. 

afsreky abschrecken, mit kaltem Wasser begießen. 

af$uuvn abschieben; im prt. und pp. auch intrans. »sich davonmachen;, 
für inf. und prs. scheint die miss. Zwitterform afsiibm im Gebrauch 
zu sein. 

aflapm abzapfen. 

afutarn (<.aff-) abfüttern, den Pferden das letzte Futter geben; vgl. 
upfidn. 

afvarts abwärts. 

a’an streicheln, besonders die Wange; wohl von der Interjektion «ar, die 
man dabei zu sagen pflegt. 

Tat Schmutz, in piadk pfui; vgl. wstf. aks, aaks in demselben Sinne und 
obersächs. «Ja Kot zu mnd. ek, eck, äk n. Eiter. 

al schon, z. B. įk hebm al js:tin ich hab ihn schon gesehen (neutr. von 
al all; vgl. mhd. allez, das aber meist immer bedeutet; Wermels- 
kirchen (Kr. Lennep) æ'l.t schon: aləs alles). 

alə zu Ende, nicht mehr vorhanden; do melk is al alə die Milch ist 
schon ausverkauft oder es ist nichts mehr übrig. 

alje alge Zuruf, Scheuchruf für die Gänse (von frz. allez? vgl. aln). 

alərhant allerlei, mit der seltsamen Nebenform alərjəhant, die wohl aus 
*allerleihant entstanden ist. 

aleevnt als Antwort: genau so, richtig, getroffen! 

alkooen m. Kammer, meist ohne Fenster (über frz. aleöve Bettgemach 
aus dem arab. al-kobba Kabinett). 


\ 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 59 


alksn grob anfassen (zu Fri. alkon suchen, streben; mkl. talksn < *te- 
alk-s-en zer..., vgl. Fri. taalkan »eralken«, nach H. Fischer zu Talg, 
s. schwäb. Wtb. s. v. Dalk; damit nicht verwandt ist Fri. talk m. frei- 
willige Hilfsarbeit, das gleich poln. tloka Frondienst ist). 

gien! vorwärts! (< frz. allons). 

alvern sich albern, kindisch zeigen, herumtollen (meist rim alvarn). 

ambarc m. Anhöhe (ebenso altm.). 

amblufsn anfahren, schelten; vgl. blufs. 

améņə vielleicht (< am Ende). 

amarn intrans. glühen (vgl. wstf. gomar m. n. glühende Asche); da a39 amart, 
dar heert amıart die Asche, der Herd glüht; wstf. op beweist altes a. 
Das lautliche Verhältnis des bei Scha. angegebenen emere? ist nicht 
klar. Schü. emern? heiße, glimmende Loderasche, dän. emmer, ags. 
&myrian; Prenden! 00%“ma, o0“mals von brennendem Stroh abfliegende 
Teilchen. 

dmi Hundename (< frz. ami). 

ampart m. Anteil (Bildung wie ambarc; mit Genuswechsel aus frz. part 
[oder lat. pars?]); s. part. 

ampin nach etwas streben; ursprünglich wohl mit kamp/|n identisch trotz 
jetziger Bedeutungsverschiedenheit. Woeste gibt an hampln = ampļn. 

andem: ti te andem es ist so, es ist richtig (uckerm. andeem). 

andorbitlkykintt Vetter, Base zweiten Grades; s. bkilkykint. 

anduun jem. etw. antun, jem. behexen. 

anjeeın anfangen, z. B. dumme Streiche. 

anransn anfahren (mhd. ranzen necken, anders H. Fischer schwäb. Wtb. s. v.). 

ansdoot m. plötzliches körperliches Leiden. 

anslax m. Anschlag (Ausruf beim Versteckspielen von seiten des Suchenden, 
während der Gesuchte, wenn er vor dem Suchenden am Mal ist, arleest 
erlöst ruft). 

antüidarn anpflöcken (ein Stück Vieh; mnd. tüder und tüdder m. Weideseil). 

anrarn trans. sich an etwas gewöhnen (Kompositum von varn werden). 

angluudern bös ansehen, s. gluudarn. 

aygluupm bös ansehen, s. gluupm. 

angoon anfangen; da buusrn goonst meran an die Bauern fangen an zn 
mähen. 

anka f. Edelreis; dim. eykl (s. d.); auch Setzreis von Topfpflanzen; dasselbe 
Wort wie mhd. anke swm. Gelenk, Genick, s. Ndd. Korr. XXVIII, 
28. 62. W. Seelmann kennt ẹnkə Pfropfreis aus dem Barnim, ebenso 
das Verb ¢ẹyky. 

ayk durch ein Edelreis veredeln. 

apartamay n. Abort (< frz. appartement unter Bedeutungsverengung). 

arftə f. Erbse (mnd. erwete). 

urgadərn erlangen (vgl. ne. to gather; nhd. ergattern). 


—. 


! S. s. v. baùr. 


60 Hermann Teuchert. 


arpl m. Enterich, Erpel. 

aren 1. erben; 2. intrans. anstecken (von Krankheiten). 

as als, wie; im Norden der Neumark noch als kausale Konjunktiun ge- 
braucht; zoo as jistarn so wie gestern, in der Frage: etwa gestern? 
t is ma as ty kolt es ist mir beinahe zu kalt; ber is as tu dii jə- 
koomm er ist in der Absicht, zu dir zu gehen, gekommen; det kan 
hee as nic xiin das kann er angeblich nicht sehen; ber ¿s al as tu 
olt er ist für diesen Zweck zu alt. 

asə f. Achse. 

asaremar m. Ascheimer (dagegen ass f. Asche), vgl. nhd. Aschermittwoch. 

atisa f. Eidechse (Grundform ist entweder eine dem ahd. egidëhsa nahe- 
stehende Form wie ndld. hagedis oder as. ewithössa; in beiden Fällen 
aber bleibt ? unklar, das auch Kreis Jerichow I eertison und altm. 
hätītsch? zeigen; a- kann Kürzungsprodukt aus einem Diphthong sein, 
veranlaßt durch die Tonverschiebung; -$- ist wohl durch Analogie 
des weiblichen Personalsuffixes (anfrk.) -essa > nmk. -)% zu erklären). 
Fri. bietet ardas und aidas; lipp. ẹrdasə; prign. heedkts. 

aulam kommt in einem Rätselvers als Bezeichnung für Hund oder Hunds- 
fell vor und hat daher kaum Beziehung zu mkl. aulam weibliches 
Lamm (ahd. ou, lat. ovis Schaf). 

aula f. schleimiger, zäher Auswurf, Syn. kvalstər; dazu leipz. austər f. 
Schleimauswurf? 

axl f. Granne (steht mit der nds. Form atlə (< *agile) im grammatischen 
Wechsel ar: az; vgl. mnd. age Granne, pom. aijn pl.; alem. agl; 
dazu mit anderm Suffix Fri. aimə f. Granne). 

axtərhof m. Hinterhof (axztər sonst veraltet). 


b. 

baaan die Zunge weisen (Verbalbildung von der Interjektion baa bah, die 
die Verachtung ausdrückt). 

baiar m. Eber (mnd. bêr, beier, mit germ. aj; über die lautgesetzliche 
Form deer vgl. 8105 Anm. 2). Nach E. Seelmann die Ma. von Prenden. 
Phil. Diss. Breslau 1908. $ 54e duiar, weil kontrabiert: langob. pahir. 

bakabeersa f. Backbirne. 

bakepl m. Backapfel. 

bakı) 1. trans. Gebackenes bereiten; 2. intrans. kleben, haften: dər snee 
bakt ballt sich. 

balə 1. bald; ?. beinahe (mnd. balde, bolde). 

balərn knallen, gegen etwas schlagen, daß es schallt, einen schwachen 
Laut hervorbringen (mnd. balderen). 

baml m. Zagen, Hangen und Bangen. 

bamln sich hin- und herbewegen im Hangen (das Verhältnis zu nhd. 
baumeln ist nicht klar; im Fränk. kommt bampəln vor). 

bante gewaltig, sehr; » bunjor keerl »Mordskerl« im eigentlichen Sinne, 
denn bange ist adj. zu as. bano Mörder (Scha. banie). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 6] 


bayka f. Bank (8 388b):; dere do banka der Reihe nach (die gleiche Rda. 
in Köln). 

barka f. Birke. 

barky adj. birken. 

barmə f. Bärme, Hefe vom Biersatz (ags. beorma). 

barmm klagen, besonders unnötig (ebenso leipz. < *be-arm-en? vgl. Kluge, 
Et. Wtb. s. v. barmherzig). 

barš barsch; strenge (vom Geschmack des Käses). 

bartl Koseform von Bartholomäus; wie -mats als zweites Glied von Zu- 
sammensetzungen verwendet, z. B. dreenbartl (s. d.). 

barvast barfuß (zu -t vgl. $ 251). Ä 

bast nı. Bast. 

bast{n hantieren, emsig schaffen (wohl zu mnd. basten mit Bast binden; 
Grimm, D. Wtb. I, 1152 vermutet besten flicken, rom. bastire, frz. 
bätir, ne. to baste). Schü. sick to mot hbastan” sich abquälen, sick hast 
basten’ sehr eilig tun, Hoefer, Märk. Forsch. I, S.158 mothbastern’ mit 
Anstrengung alle Kräfte aufbieten, wald. baastərən sich durch Schnee 
od. ä. hindurcharbeiten, Scha. sek afbastern” sich abmühen, gehören, 
wie Fri. moodbarsn, gewöhnlich farmoodbarsn sich abquälen beweist, 
zu bersten. | 

bauts Ausruf zur Nachbildung eines Schalles, eines Falles. 

buxa f. großes Mutterschwein (vgl. nfrk. bagə f. neugeborenes Schwein; 
verwandt mit mhd. bache m. Schinken ?). 

baxcərn wild umherlaufen (zu baxa?). 

beedəklokə f. das Anschlagen der Glocke nach Beendigung des Läutens, 
wenn der Pfarrer die Kirche betritt oder wenn der Gestorbene in das 
Grab gesenkt worden ist; s. puls. 

bedlar m. Bettler (selten), dafür meist bedlman, bedlviif. 

bealliida pl. Bettler. 

bedlpak Bettelpack, Gesindel. 

badriif m. Betrieb. 

bəduun refl. 1. sich beschmutzen; 2. sich beeilen. 

bafum|n besorgen (von fum/n tasten). 

bagnabarn benagen (s. ynabarn). 

bogoon 1. besuchen; 2. refl. sparsam mit etwas umgehen. 

bəgrabļn befassen, betasten (s. grabļn). 

baklikarn begießen, beträufeln (komponiertes Iterativ von klik}, s. d.). 

bakyborn refl. sich erholen (zu frz. recouvrir < lat. recuperare; schon 
mhd. erkoveren, erkoberen refl. sich erholen). 

beelam n. Bählamm, junges blökendes Lamm; für einen täppischen Menschen. 

balemarn refl. zu schaden kommen, sich in eine unangenehme Lage bringen; 
balemar da man (imper.): du tust gerade so, als ob du von Zucker wärst. 
p. p. balemart untauglich, unangenehm (vgl. ndld. belemmeren hindern). 

bell: schreien, blöken (k-Bildung zu mnd. böln blöken). 


62 Hermann Teuchert. 


beemie’y stumpf (von den Zähnen, wenn man herbes Obst gegessen hat: 
uckerm. böömie vom unangenehmen Gefühl nach dem Genuß saurer 
Speisen, stärker als doof, das etwa stumpf bedeutet; eigentlich »bäumig«, 
vgl. die von A. Gebhardt für ostfrk.-oberpfälz. im Ndd. Korr. XXVIU, 
S. 28 beigebrachte Redensart »die Zähne stehen auf«. Im Rip. gilt 
küürböömte wählerisch im Essen). 

bena f. Viehraufe (vgl. ne. bin, me. binne Behälter, Kasten; leipz. benne? ií. 
Bordell, Pferch; Saarbrücken pen Wagenkorb; Gr. Dt. Wtb. s. v. nennt 
das Wort gallisch; Grundbedeutung ist »ein aus Ruten geflochtener 
Behälter«e). ben» f. auch in Prenden. 

bensn unverständlich reden (nach Fri. »segnen«, jüd.-deutsch). 

banuutsa f. Minute (zeigt dritte Dissimilationsmöglichkeit der Konsonanten- 
gruppe mn, s. $165 Anm.). 

beyl m. 1. Junge, Knabe; 2. Knüppel (mhd. bengel von bange); vgl. auch 
rigabeyl Wirbelsäule. 

beer m. Bär (s. boor). 

beer (Za.) m. Eber (s. baiar und § 105 Anm. 2). 

barapm bezahlen, eigentlich einen »Rappen« (Münze mit Rabenkopf) geben. 
Nach Kluge, Et. Wtb. 

beera f. 1. Beere (über lautliche Form und Geschlecht vgl. $ 365, 2): 
2. Birne (mnd. bere f. zu lat. pirus). 

herja (selten börja) f. Trage für zwei Personen (mnd. *börie zu boren 
heben; s. Ndd. Jb. XX XII, S. 33, $ 271; Anm. und Ndd. Korr. XX VI, 
S. 30). 

beern heben (mnd. bören, as. burian). 

bersdn 1. bürsten,;, 2. dahinstürmen, vorwärtseilen (prign. böstn bürsten, 
eilig laufen; mnd. *börsten verb. zu börste Bürste; für die 2. Bedeu- 
tung vgl. das Syn. presn). 

baruupm bezaubern, besprechen. 

baxabarn begeifern (altm. bazabin; a xabar, xabarn). 

hbeeziya f. pl nu Erdbeere (prign. beexiyk, vgl. mnd. beseke und got. 
basi Beere). 

besn m. Besen (s. $$ 113, 194 Anm.). 

hašloon beschlagen (ein Pferd mit dem Hufeisen, ein Rad mit dem Reifen). 

bosypsn betrügen (Intens. zu beschuppen; nach Kluge, Et. Wtb. s. v. be- 
schuppen zu altn. skopa spotten, wozu ags. scop, ahd. scopf Dichter). 

basviimln intrans. ohnmächtig werden (zu mnd. swim Schwindel). 

bafvulky refl, sich bewölken (mkl., altm. swylky, vgl. Scha, swulk und 
mit Hochstufe swalk dieker Rauch; zu nhd. Schwalch m. Öffnung des 
Schmelzofens, dessen Bedeutung sich aus mhd. swalch m. Schlund 
entwickelt hat; Stammverbum ist ahd. swelahan schlucken, as. far- 
swelgan verschlucken, nhd. schwelgen). 

beevn beben (as. bibön). 

bovulky refl, sich bewölken. 

bhit bei; do kuua {s bii (= biijəbroxt) ist trächtig. 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 63 


bitan nebenan. 

bibarn stark beben, zittern (wstf. bivərən, wald. bivərən, Iterativ zu as. 
bibôn). 

tnifalln einfallen, auf einen Gedanken geraten (ebenso Scha.). 

Inika f. Buche (s. § 388 b). 

hiiklox (lox ist nhd.) n. Loch im ken Kübel, aus dem die Lauge aus- 
fließt; zu dem im Ndd. weitverbreiteten büükon in heißer Lauge ein- 
weichen, germ. *bükjan; über die weitere Verbreitung im Deutschen 
vgl. Kluge, Et. Wtb.® s. v. bauchen. 

biky buchen. 

biik Leinwand in heißer Lauge einweichen. 

biilkykintt Vetter, Base (von mnd. bôle Verwandter, mhd. buole Buhle, 
Geliebter; altm. böölky pl. leibliche Geschwister; Lallform zu germ. 
bröpar Bruder). 

hilin m., (Za.) billə, pl. bilin Staude Gras, Erhöhung in der Wiese, an- 
geschwemnite Stelle (Stro. bult kleiner Hügel, Ri. bülin ein Rasen 
oder mit der Erde ausgehobener Büschel von Kraut oder Blumen, 
ndld. bult Höcker, Erdhügel. Nach Fri. zu mhd. bühel Hügel, wenig 
wahrscheinlich; s. bülky). 

bimbam Ton der Glocke beim Anschlagen, auch bimbambum (ablautende 
Schallnachbildung). 

bimfoom m. Bindfaden (s. $ 167 a). 

bimlbaml n. Geklingel (vgl. baml), von 

brain klingeln. 

Inmzn schlagen, durchprügeln (rip. bimsə). 

binaboom m. Bindebaum (dient zum Festbinden des Heufuders). 

biirhoon m. (»Bierhahn«) Pirol. 

büixa f. 1. Binse; 2. wegen der Ähnlichkeit: erhabene Doppelnaht (mnd. 
bese; etymologisch mit dem nhd. Binse nicht verwandt). 

hizx(a)vorm m. Bremse, die das Vieh belästigt und zum 

irn »mit hoch erhobenem Schwanze laufen« bringt; auch »den Laut bi: 
[mit lang angehaltenem x] hervorbringen«, durch den man besonders 
Kühe gleichfalls zum Laufen hetzt; zu aschwed. bisa laufen. Hierzu 
nhd. Biese »Nordostwind«. 

büst n. Tier, Bestie (lat. bestia). 

bust f. Milch der Kalbin, colostra (Ri., brem. Wtb. beest, dithm. büüst; 

- ahd. biost m., ags. béost und býsting). 

biitüu 1. weiter, nach vorn; 2. nebenbei. 

bladarn pl. Blattern (mhd. blätere, mnd. bladder). 

blafn bellen (vgl. blufs), dazu belfern (mnd. blaffen). 

blarn plärren, weinen (mnd. blarren blöken, weinen). 

blaubeerə f. Heidelbeere. 

bleeky blöken (mnd. bleken, vgl. mhd. blaejen blöken). 

blesa f. weißer Fleck auf der Stirn der Kühe und Pferde (zu blaß, ne. 
the blaze) Auffallend ist prign. blis m. 


64 Hermann Teuchert. 


blüifeedar f. Bleistift (nie anders). 

bliyar in bi. Sbeeln Versteck spielen; für die Bildung vgl. hunsrückisch 
blindarmous (blinar -, blantor-) Schmetterling, besonders Nachtschmetter- 
ling. 

biiyareeice plinkend. 

bliyarn blinzeln, plinken (Denominativum von blint blind); Zwischenstufe 
ist biiyar, s. vorher. 

bliykarn blank sein, glänzen (altm. bleykern). 

blintsleepa f. Blindschleiche (s. $leep>). 

bltsn vor Hitze rot werden, ersticken (mnd. blosen, bloschen erglühen, 
ndld. blozen, ne. to blush < me. bluschen, ags. blyscan erröten; vgl. 
für das Nebeneinander von -s- und -sch- mnd. rüsen und rüsken 
rauschen). 

bloodn abblättern (die Blätter der Rüben entfernen, mnd. bladen). 

blookar m. Rußfänger über einer Lampe (ndld. blaker; verwandt mit mnd. 
black schwarze Tinte, ne. black, altn. blakkr schwarz). 

blookarn baken (Iterativ zum folgenden); mit Umlaut uckerm. blöökern 

und ags. blæcern. , 

blooky blaken, räuchern (mnd. blaken brennen, glühen; s. blọọkər). 

bluborn verb. 1. vom Geräusch der zerplatzenden Luftblasen des Wassers: 
det vootar blubart und Lt blubart eenar int voolter im Wasser; 2. Worte 
hervorsprudeln (vgl. ne. to blubber (veraltet) wallen, brodeln). Davon 

blybarmicl ein hastig sprechender Mensch, der die Worte nur so hervor- 
sprudelt. 

blyfs m. grober Mensch (im Ablaut zu blafn; ne. bluff rauh, plump, das 
wahrscheinlich ndld. Ursprungs ist, vgl. ndid. bluffen prahlen, auf- 
schneiden). Über die Bildung vgl. $ 381. 

blufsic roh, plump, grob (bezieht sich vornehmlich auf die Sprache). 

bluuma f. Nierenstück (mnd. wlöm m.; ein aus einem Dialekt, der «- 
vor ! in 5- verwandelt, eingeführtes Wort, das alsdann an Blume 
angelehnt wurde; die regelrechte Entwicklung von wlöm s. bei liömarte; 
vgl. mnd. van eren blomen Buch Sidrach (Jellinghaus, Tübingen 1904) 
S.156, Nr. 228 von ihrem Fett). 

bluusə f. Blüte, Knospe (altm. bloos, in der Magdeburger Gegend mit 
Umlaut bliisa, prign. bio? Baumblüte; -s- geht auf mnd. -ss- zurück, 
demnach ist, wozu auch der -Umlaut des zweiten Beleges stimmt, germ. 
*blôs-jô- anzusetzen; prign. -š ist nach Mackel, Ndd. Jb. XXXI, S. 152 
etwa < *blôseke zu erklären; den sg. blouš faßt er als Neubildung 
zu dem mißverstandenen pl. mnd. *blôsen < blôsem. Beide Annahmen 
bieten große Schwierigkeiten. — Das auffallende Geschlecht des mnd. 
blôsem blössem f. ist umgekehrt vielleicht durch die Einwirkung einer 
latent, d. h. unliterarisch bestehenden Form *blôsse f. zu erklären. 

bodic m. Bottich, großes Holzgefäß in Brauereien (vgl. ags. bodig, ne. 
body Körper; ahd. botahha f. Bottich). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 65 


boofka m. Strolch, Herumtreiber (bei Fri. s. v. böwke zu lit. böwyjus, 
böwytis die Zeit hinbringen gestellt). 

bol, in der Verbindung bot an bel hohl und schallend (dazu bularn). 

bola f. 1. Zwiebel (ahd. bolla Knospe, kugelartiges Gewächs, ne. bowl 
Kugel); 2. übertragen: Knirps. 

bolteya n. das Stoppelende (s. d. folg.). 

bolin pl. Stoppelende der Garbe (mnd. bolte Pfeil, Bolzen). 

boomeela f. Olivenöl (miss., s. § 365, 2). 

boms, pl. - m. Bonbon ($ 391); uckerm. boys. 

boor+ m. Bär (mnd. bare und bere; Fri. boer, pen, boot, md.-ostpr. 
(»breslauisch«) 5oov, Schü. baar; s. beer). 

boora f. Bahre (as. bära). 

borka f. Rinde, Borke (got. *barkus, vgl. altn. borkr). 

bore m. verschnittener Eber (prign. borc; as. barug, mnd. borch; wie beim 
vorhergehenden ist -g- bedeutsam; in beiden Fällen liegt die Buch- 
stabenfolge ar + Gutt. + x vor, denn auch dere ist ursprünglich, wie 
altn. borgr beweist, «-Stamm); vgl. polk. 

botar f. Butter. 

botarn buttern; übertragen: in einer dicken Flüssigkeit rühren, darin 
herumstochern. 

brabln viel reden (mnd. brabbelen). 

bramzie aufgeblasen (vgl. Fri. bramxzn knurren, murren). 

branstic verbrannt, ausgebrannt, brenzlich (branstijo sdela Brandstelle im 
Getreide, in der Saat). 

brazIn viel reden (nicht mit altm. brööx!n vom Braten des Fleisches, wenn 
darunter die Feuchtigkeit fehlt, verwandt; zu mnd. bras Lärm). Syn. 
brabļn. 

bradulja f. 1. große, breite Flasche zum Buttern; 2. Verlegenheit (dies 
von frz. être bredouille die Partie verlieren). 

hreejn (breen) m. Gehirn (mnd. bregen, ne. brain, ndld. brein). 

breek brechen; refl. sich erbrechen. 

brelln brüllen (< mhd. [mnd.?] *brellen, vgl. schwäb. bral m. lauter Schrei, 
brelə brüllen; im Ablaut dazu mhd. brüelen). 

breennt (Hei.) pl. Augenbrauen (mnd. brân pl., vgl. § 62 Anm. 1). 

breęzxic verrückt (eigentlich bedeutet das Wort nur einen unangenehmen 
Geruch beim Kochen; eine weitere Bedeutungsnuance liegt dem 
Reuterschen Onkel Bräsig zugrunde, etwa keck; altm. bröözie an- 
gebrannt riechend; Schü., Dähn. bräsig’ verwegen; dën. bresig groß- 
sprecherisch aus dem Ndd. S. Wilh. Braune Anm. zu den Ndd. Scherz- 
gedichten von Joh. Lauremberg [Hallesche Neudrucke] S. 88). 

breeidreSor m. Dreschmaschine, die layksdroo (s. d.) liefert. 

briis f. Beule (< *brüüsa, im Ndd. meist ohne Umlaut bruusa, Fri. bruus, 
brüüs; mhd. brüsche mit Blut unterlaufene Beule, vgl. altn. briösk, 
dän. brusk Knorpel). 


Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. D 


66 Hermann Teuchert. 


brok hinfällig, gebrechlich (von alten, schwächlichen Leuten; Tiefstufe 
vom Stamme brëk-, vgl. Kluge, Nominale Stammbildungslehre? $ 169; 
Fri. broktc leicht brechend; s. auch Sbrọk:). 

Inooka f. 1. a) subst. brach liegendes Land (durch wstf. brọọkə mit à er- 
wiesen, mnd. brâke), b) adj. brach liegend (über -ə vgl. § 367): 
2. Flachsbreche (tl. a, wstfl. f. braakə, mnd. brake f.). 

brokl m. selten im sg., pl. - kleines Stück, Brocken (eines der echt ndd. 
Diminutiva auf -el, vgl. ndld. brokkel, mnd. brockel; s. $ 382, 4). 

brooky Flachs brechen (2. Stadium, s. flas), mnd. braken. 

broom t (To.) Braue, ebenso Prenden oobrop®m sg., vgl. breenn. 

brooxn m. Dunst (mhd. brasem). 

bruuə f. Braue (geht auf wgerm. *brü zurück, vgl. dreenn, broom). 

brud!n brodeln (mkl., altm. prödln, altm. prudln und predin, mhd. bro- 
delen). 

bruma f. Bremse, Hummel, große Fliege. 

brumkrüzl m. hohler Kreisel (s. kri:z!). 

brumlin murmeln (Iterativ zu brymm). 

bruuzxa f. Brause, Gießöffnung der Gießkanne. 

bruut f. Braut, verlobtes Mädchen (die ursprüngliche germ. Bedeutung 
»junge Frau« ist verloren gegangen, nur daß der Natur der Sache 
entsprechend Begriff und Sache bei bruutjumfar und bruutslaior noch 
nach der Trauung vorkommen). 

hruutman Bräutigam. 

buu m. Bau, Gebäude. 

buu un baa, b. un b. zegy: von einem maulfaulen und unfreundlichen 
Menschen. 

budl 1. f. Flasche (aus frz. bouteille), Syn. pyls; 2. n. kleines Kind. 

budin graben (ebenso berlin.; Fri. hat noch die Bedeutungen 1. in Flaschen 
füllen, 2. aus der Flasche trinken; demnach zu bual?). 

byf m. Stoß (vgl. puf). 

buk m. Bock; dan sdet dar by%k den stößt der Bock sagt man von einem 
Kinde, das infolge einer Zurechtweisung weint und schluchzt, auch 
wohl böswillig ist; im selben Sinne dan byk hebm; s. buky. buk 
sdoon Kopf stehen (im übrigen Ndd. ist boom Soon sehr üblich in 
diesem Sinne, vgl. für diesen Gebrauch das rip. [Hüchelhoven-Rh. 
Rheinprovinz] na beirboom posa eigentlich »einen Birnbaum pflanzen«. 
d. h. Kopf stehen). 

buuk m. kollektiv für die Frucht der Buche (Eckern), vgl. in derselben 
Bedeutung Börssum (Braunschweig) bauk, Scha. bauk, moselfrk. buut; 
altn. bók n. sg. t.; mnd. bôk n. 

buukheedə f. Buchweizen; Syn. buukvects m. 

buk trans. pers. aufstoßen, schluchzen (von unartigen und bestraften 
Kindern; ne. to buck glucksen bei hastigem Schlucken). 

buksboort m. Bocksbart, Pflanze tragopogon. 


\ 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 67 


bukss f. die auf die Wagenachse aufgeschraubte Stulpe, die das Abgleiten 
des Rades verhindert (etymologisch gleich dem nhd. Büchse und durch 
dieses beeinflußt, da *byss zu erwarten wäre). 

huukveeto m. Buchweizen; Syn. buukheedə f. 

bula m. Stier (unkastriert). 

bularn knallen, schallen (mnd. bulderen; Iterativbildung zu bel hohl- 
klingend, vgl. nfrk. bolin rollen; im Ablaut stehen balarn und nhd. 
bellen). 

bülky (Berlinchen) Staude Gras auf Moorflächen, < *bültken, Diminutiv 
zu bilin (s. d.). 

bulinsdal m. (grob für) Hosenschlitz. 

bumbaisn verb. vom Läuten der Glocke (lautmalend). 

buml f. Gehängsel (zu bim/n; Grundbedeutung der Sippe ist pendelnde 
Bewegung). 

bumilic liederlich, von 

bumln sich umhertreiben. 

bunıs Interjektion, plötzlicher Laut, der durch einen Schlag hervorgerufen 
ist (vgl. bimbam). 

bumsdila mäuschenstill (zum vorigen). 

buunə f. Buhne, Einbau in einen Fluß zur Stromregulierung, (im Rhein- 
land) Krippe (das Verhältnis zu Bühne ist nicht klar; altm. buun, 
also mit altem 2). 

byrn burren, mit Geräusch auffliegen. 

buta f. Gefäß aus Holz, Bütte (ahd. butin f. Bütte, vgl. ne. butt großes 
Faß, altn. bytta; ags. bytt Schlauch). 

buuin außen (< bi-ûtan). 

butsn stoßen (ebenso Berlin, vgl. mnd. bützen küssen), Intens. zu mhd. 
bözen schlagen. 

byxt f. 1. Verschlag für Kälber, Schweine (stets mit der Bedeutung des 
Unsauberen, insbesondere muß der Mist hochliegen); 2. übertragen 
für Bett, besonders wenn es unordentlich aussieht; 3. auch Bucht, 
Einbuchtung der Meeresküste (3. Verbalnomen zu biegen, vgl. ae. byht 
m. Biegung. Das Ndld. bietet a) bocht f. 1. Bucht, Krümmung, 2. kleine 
Bai; 3. Verschlag für Schweine, besonders wo Mist gehäuft ist; b) bocht 
n. schlechtes Zeug, Quark [dies von Joh. Franck zu got. us-baugjan 
ausfegen gestellt]; im Ae. findet sich schließlich byht n. Wohnung, 
von buen bauen; hierzu gehört lipp. byxt Raum für Getreidevorräte, 
während lipp. byxt Niederwerfung, Einschränkung zu biegen zu stellen 
ist. Fri. hat boxt, buxt f. 1. Biegung; 2. Lagerstätte, Bett, Stall. Bei 
nmk. buxt 1.2 liegt sehr wahrscheinlich Ableitung von bûgen bauen 
vor; der Begriff der Unreinlichkeit ist wohl erst von ndid. bocht n. her 
übertragen worden; vielleicht wirkt auch noch mhd. bäht stn. Unrat, 
Kot, Morast, Pfütze mit). 

buxtn ein Bett aufwühlen, Stroh umherwerfen, mit der Schnauze im Kot 
wühlen (von Schweinen; Verbalbildung zum vorigen). 


Wb 


68 Hermann Teuchert. 


d. 

dak, pl. deekor n. Dach. 

daləs m. Geldnot (< hebr. dallüth Armut). 

dálii schnell (poln. daléj). 

dalš m. Schwätzer (nomen agentis zum folgenden, s. $ 381, a). 

dalšn unverständlich und töricht reden (< *dwal-skôn zu got deal, 
töricht, vgl. for-schen, wa-schen, wün-schen; zu dem Ausfall de: 
-w- vgl. fardooln und $142, Anm. 2, wo Fri. dwalisch® albern und 
prign. dwals verdreht nachzutragen sind); uckerm. fardal(t)3n hat die 
Bedeutung zertreten, ebenso nmk. {ndalsı. 

dalvarn albern schwatzen und handeln, sich läppisch betragen (ebenso 
Fri., der auch dalben® hat; vgl. gött. dalmarn, talmarn läppisch spielen, 
tändeln. Zum vorigen; das Suff. ist unklar). 

dam! m. Dummkopf (selten für deeml. s. d.). 

damlic dumm, zerfahren, verwirrt. 

dana f. Rot- und Edeltanne (pinus). 

danepl m. Samenzapfen der Tanne (pinus, meist dauntapm). 

 danntapm m. der Samenzapfen der Tanne. 

daxt (Ratzdorf) m. Docht, s. deet. 

deborn unverständlich oder wirr reden (< hehr. dibber reden). 

deela f. Diele, »Brett« (ahd. dili; das Wort »Dehle« [mnd. *dale, dele] 
existiert hier nicht). 

demarn dämmern, ahnen. 

deem! m. Dummkopf (zu einer germ. Wurzel pem-, vgl. lat. temulentus 
trunken; ob hier Hoch- oder Tiefstufe vorliegt, läßt sich nicht aus- 
machen; auf Hochstufe scheint dööml in Stargard (Pomn.) und in der 
Prignitz zu weisen; die Tiefstufe tritt sicher auf in daml). 

deemlak, deemfllak Dummkopf (mit der polnischen Endung -ak, vgl. sulnak) 

deemlic dumm (prign. doömlke). 

deepm untertauchen (as. döpian). 

derc (dörc) durch. 

deern n. Dirne, Dienstmädchen (s. §§ 94, 139 und 365, 5). 

deert n. Tier (mnd. dert, s. $ 94 Anm.). 

deezic schwachsinnig (tl. ö? < *düsig, ahd. tusig, ags. dysig töricht, altı. 
duzie, vgl. duzl). 

deets m. Kopf (verächtlich; Beziehung zu frz. tete ist sehr unwahrschein- 
lich; mkl. dööts; vgl. nfrk. [Süchteln] dits Kopf, Kindchen; Verwandt- 
schaft mit dads [s. d.) ist gleichfalls unwahrscheinlich). 

dect m. Docht (as. *däht, ahd. mhd. täht); s. dat. 

didaliya pl. (Hei.) die kurzen Rippen beim Menschen (s. denliya). 

dikda f. Dicke. 

edlikop m. »Dickkopf«, Vogel Wendehals, auch verjar genannt. 

dimpl m. sumpfiges Loch im Lande (nhd. Tümpel, mhd. tümpfel). 

dineezie (<-nn-) wählerisch beim Essen, eigentlich sdünnasig«, von der 
Gebärde des Naserünipfens. 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 69 


dinliyə pl. (Lo.) die kurzen Rippen des Menschen, eigentlich »Dünnlinge- 
(die Nebenform didaliya in Hei. ist nicht klar), Neudamnı dixiyya pl. 
Flanke. 

diyarice, diyariyk(s), diys, diyas n. Ding (die Formen mit r sind Weiter- 
bildungen vom pl.; s. §§ 381b und 382, Anm. 3). 

diyk n. selten für das vorhergehende, stets in dem Euphemismus für 
cunnus. 

dlüzllie schwindlig (< *üü, von duuzl, prign. düüxlic, mnd. düsich). 

diistl f. Deichsel (as. thisla, bereits mnd. distel, s. $ 247, 5). 

drei! L Distel, carduus (eine Erklärung des in einzelnen ndd. Dialekten 
vorkommenden z gibt Mackel, Ndd. Jb. XXXII, S. 8, § 194). 

dısar m. Tischler. 

disariia f. Tischlerei. 

disorn das Tischlerhandwerk betreiben. 

ditkn, diten n. Silbergroschen (poln. Münze, Dreigröscher; benannt als 
dudek [poln.] Wiedehopf; vgl. Edw. Schröder, Ndd. Jb. 33, S. 109 ff.). 

diivərik m. Täuber (über die Bildung vgl. $ 382, 2). 

dodar m. Nasenschleim (zu as. dodro, mnd. dodder m. Dotter?); Fri. dydəl 
m. getrockneter Nasenschleim. 

dọdərn den Nasenschleim hochziehen. 

doodic tot. 

loof taub; doovs neetl Bienensaug; hierzu gehört das nur im pp. vor- 
handene /urdeeft betäubt. 

dooksie neblig (zu Ri. daak: Nebel. Ob in diesem Adjektiv das im Nmk. 
sonst nicht auftretende, aber z. B. im Ripuar. häufige Suffix -zig 
[Neubildung nach Verben auf -xen] steckt?). 

doktarn. 1. aktiv: Arzt sein: 2. passiv: den Arzt gebrauchen (ebenso Schü.). 

doom!n sich dumm benehmen, unbesonnen handeln (vgl. dam! und deem!). 

dsotuu, dooty, bes d. bis heute. 

draabant m. Hosenträger (eigentlich Trageband). 

draf m. (miss. drap) Trab. 

dral drall, fest gedreht, gespannt, eng, fest, vgl. drelln. 

lraya eng (von gequollenen Türen; ist im $ 367 zu ergänzen). 

drank m. Getränk fürs Vieh; vgl. driyky. 

draspə f. 1. Trespe, Lolch, bromus secalinus, mnd. drespe, mhd. (träsp) 
trëfs, trëfse m. [nachzutragen im § 160, b]: draspa und drespa bei 
Scha.; a ist Ablaut, vgl. §15 Anm. 2); 2. Rispe (mit unaufgeklärter 
Bedeutungsübertragung). 

draspm in Rispen schließen (dar hauvor draspt). 

draväljn sich müde laufen, umhertollen (< frz. travailler arbeiten). 

draaveeda f. Verbindung der Runge mit dem liinsdaf, bestehend aus einem 
breiten, halbkreisförmig gebogenen eisernen Band, auf dem der obere 
Holm der Leiter des Erntewagens aufliegt, und zwei eisernen Ringen, 
die über rxya und binsdaf gestreift werden. Die Benennung deutet 
auf ursprüngliche Anfertigung aus Weidenruten. 


70 Hermann Teuchert. 


draxt f. Tracht (1. Last, Masse; 2. besondere Kleidung): s. drurt. 

drees trocken (< germ. *drauziz; da kuusa Sdeet dreeo: 6 Wochen vorm 
Kalben wird die Kuh nicht mehr gemolken). 

drekaric dreckig, Adjektivbildung vom verb. 

drekarn schmutzig werden, sein. 

drelarn oft zusammendrehen (Iterativ zu drelln). 

dreeliyk m. aus Weidenruten gedrehter Peitschenstiel. 

drelln drillen, drehen (mhd., mnd. drillen; ? vor ll gesenkt zu e, vgl. 
§ 21; dazu dral, s. d.). 

dremi m. 1. dickes, festes Exkrement (prign. drüml!; mnd. drümmel Baun- 
stumpf, hartes Exkrement); 2. sinnlose lange Erzählung (s. d. folg.). 

dremlar m. Mensch, der wie im Schlafe handelt und viel Törichtes redet. 

drem|n plappern, murmeln (gehört trotz old. dröömaln langsam sein nicht 
zu mnd. drümmel Baumstumpf, kleiner gedrungener Mensch, sondern 
zu schwäb. Gemia, tromla <= trümmlen, trummlen taumeln, langsanı 
sein; hierzu kaum schwäb. durmelig® schwindlig; eine Beziehung zu 
Trommel ist lautlich unmöglich). 

dreenbartl schwatzhafter Mensch (zum folgenden). 

dreenn 1. dröhnen; 2. viel sprechen, schwatzen (tl. ö?; vgl. got. drunjus 
Schall, altn. drynja brüllen). 

dreykyum (<-kk-) m. großer hölzerner, eckiger Trog, an dem das Viel 
getränkt wird (s. kym). 

dreyktuna f. Tonne, in der das Getränk fürs Vieh bereitet und auf- 
bewahrt wird. 

dreesn spritzen, in Strömen regnen (altm. dröötsn, rip. [Euskirchen bei 
Bonn, Aegidienberg im Westerw.] tröötšə, [Remagen a. Rhein] rot 
nfrk. [Geich, Kr. Düren] trööss spritzen, klatschen [vom Regen]; vgl. 
Aegidienberg trööt$ f. Jauche; von der Wurzel drüg- drücken [vgl. 
ahd. drüh Fessel], so daß die Formen mit öö< *draukisön, mit Ou 
und ö < drukisön entstanden wären. Jedenfalls ist Ableitung von 
ndld. druischen rauschen, dithm. drauzan gelinde regnen, got. driusan. 
as. driosan fallen, wozu Scha. draašən in Strömen regnen gehören 
mag, wegen des £ unmöglich). 

dreevs (Hei.) keck, aufgeheitert (Scha.) drëwisch? kühn, keck; mnd. *dre- 
visch zu driven. 

drift £. Trift, Viehweg. 

drifinsvemar m. Flösser (drift hat hier die weitere Bedeutung des mhd. 
trift Flötzen des Holzes: siemar besitzt Umlauts-e, da es von švemm 
schwemmen abgeleitet ist). 

drtkobarjar m. ein Mensch, der sich schweren Arbeiten und unangenehmen 
Verhältnissen zu entziehen weiß; mit ergötzlicher Versinnbildlichung. 
eigentlich »einer aus Drückeberg«. 

drinbliivn nachbleiben (in der Schule, ebenso am Niederrhein). 

drinky n. Getränk für Menschen. 

dripa f. Traufe (as. *druppea, mnd. drüppe swf., jön -Stamm). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 71 


dripln träufeln (Iterativ zum folgenden). 

dripm träufeln (zu as. driopan; as. *druppian). 

drybl m. 1. Haufen; 2. untersetzter Mensch (Diminutiv zu druuvs f. Traube). 

druksn mit der Sprache nicht herauskommen können (Intensiv zu drücken). 

dryp darauf; dran breyy jemand auf einen Gedanken bringen, dryp goon. 
Iootn draufgehen lassen, dran koomm auf etwas verfallen. 

dryzin leicht schlafen (ebenso Fri., prign. druu:n leise schlafen; zu ags. 
drüs(i)an hinfällig sein, faulig werden, langsam sein, dies von ags. 
dreösan, as. driosan, womit ahd. trür6n »schämig die Augen nieder- 
schlagen « zusammengehört; anders br. Wtb., Schü. drünsen, drünseln ® 
schlummern).t | 

drutsl f. eine dicke Frauensperson, deren Kleider den Eindruck des Un- 
förmigen noch verstärken (ebenso schwäb.); s. Jgg. 1908, S.199, Fußn. 1. 

drut3olice unförmig zusammengelegt, dick (Saarbrücken drutsahe dick). 

druzt (Lorenzdorf) f. Tracht, Last (mhd. truht; alter Ablaut der a-ö-Reihe, 
vgl. Furt zu fahren, got. slauhts zu slahan schlagen); sonst drazt. 

dublic, dubllic doppelt. 

duudin den Dudelsack spielen, überhaupt eine gleichförmige, eintönige 
Musik machen (von poln. dudy Dudelpfeife). 

dudin verb. vom Aufblähen der Betten in der Sonne (Etymologie un- 
bekannt); meist apdudIn. 

duusrn dauern (von lat. dürare, in frühmnd. Zeit ins Ndd. aufgenommen, 
mnd. düren). 

duuk m. Tuch (mnd. dok ml 

dul toll (Tiefstufe zu got. dwals töricht). 

dulbreen Tollkopf (s. breejn). 

dulln tollen, wild umherspringen. 

duum m. Daumen (ahd. dümo, mnd. mhd. düme swm.; wegen des Über- 
tritts zur starken Flexion [pl. diima, selten duumm] vgl. § 356 Anm. 3a). 

dempe stickig, den Atem benehmend (vgl. Scha. dymp schattig und feucht, 
ndld. dompig feucht, finster; Tiefstufe zu mnd. *dimpen, mhd. dimpfen 
dampfen, rauchen). 

dumpickeet f. erstickende Beschaffenheit von Luft oder Geruch. 

duunə f. die Daune (nord. Lehnwort, altn. dünn m. Daune). 

duuna vollgefressen, vollgestopft (meist nur vom Vieh; 2 durch die ndd. 
Dialekte bewiesen: altm., wpr. [Tiegenhöfer Niederung] duun betrunken, 
geschwollen; im Ndd. meist in der Bedeutung betrunken, vgl. uckern. 
duun betrunken, die nmk. Bedeutung findet sich bei Stro. donne® satt; 
mnd. düne, donne dick, betrunken; die Grundbedeutung hat neben 
der entwickelten noch Scha.: »nahe, dicht gedrängt«). Vgl. updiinn. 

duna dann (mnd. döne, done, don; s. $ 262). 





1 Vgl. Hermann Ritters Etymologische Streifzüge auf dem Gebiete des Nieder- 
deutschen. Progr. Hamburg 1899. 


72 Hermann Teuchert. 


dunar m. Donner, auch dundar; die vielen mit diesem Worte zusammen- 
gesetzten Flüche haben meist dundar: dundarvetar, dundarkitl, dundor- 
liten (-jn) [zweiter Bestandteil unklar], dundorvetsdeen [zweiter Teil 
»Wetzstein<, vgl. moselfrk. (Sulzbach) dundar - weissteen in derselben 
Verwendung). 

duuxzl! m. Taumel, Trunkenheit, Dummheit, übertragen auch für Glück 
[deer het duuxl] (mit dem folgenden) 

duzl! m. Dummkopf (zu mnd. dwäs töricht als Abstufung der Wurzel ge- 
hörig; hierher deezic; dabei ist uu auffallend, aber auch z. B. bei 
Scha. findet sich dieselbe Unterscheidung; die Länge ist bereits mnd. 
s. diixļlge). 

duxzIn sich dumm benehmen, geistesabwesend sein, auch in Gedanken 
verloren sein (zu mnd. dusen gedankenlos sein). 

duustər düster, dunkel (neben as. thiustri muß eine Form mit ù be- 
standen haben, denn rein lautliche Entwicklung wie in Naumburg 
statt Neuenburg u. a. ist kaum anzunehmen). 

dut n. Knirps, kleiner Mensch (verwandt mit dem im Rheinlande, z. B. 
Düsseldorf heimischen dots m. 1. kleiner Mensch, 2. Spielstein; nicht 
gleich nhd. Deut, ndld. duit kleinste Münze). 

duts m. Dummkopf (s-Bildung von dxt, gleich rhein. dots, vgl. dithm. 
dot ungeschickter Mensch, moselfrk. dotal dummer, gutmütiger Mensch 
und Düsseldorf u. a. dötsa 1. ins Blaue gehen, unbedachtsam darauf 
losstolpern, 2. mit Steinen spielen). 

dutsic dumm; s. fardųtst. 

duutsn duzen, du sagen. 

duuvnslax m. Taubenhaus, gewöhnlich unter dem Dach eingebaut. 


e. 


eefaa m. Efeu (ostmd. und ostfäl. Form, daneben auch [nicht nmk.) cefai 
mhd. ebehöu). 

ega f. Egge (individuell auch eej>). 

eekata, meist miss. eekalsa f. (< -kk-) Eichhörnchen (auch eekhörnkn). 

eeka f. Eiche (über -ə vgl. § 388, b). 

eekhöğrnkn n. Eichhörnchen (s. eekatə). 

eekl f. Eichel. 

eeknap m. Schale der Eichel. 

eek adj. eichen. 

eeky verb. (miss.) eichen (mnd. iken < lat. aequare). 

eksa f. Axt (got. aqizi, as. akus, mnd. exe, Dann. äcksch®; s. $ 388, b). 

ekspres eigens, tk bin ekspres diinstveean jakoomm ich bin eigens für dich 
gekommen. 

eela f. Öl (Fri. ölja f. und n.; s. $ 365, 2). 

erla n. 1. übertriebene Wichtigkeit, Lärm: eçliyə mooky groß Aufhebens 
machen (Ableitung von got. aljanön eifern, aljan stn. Eifer, ahd. ellian, 
ellen, as. ellean Mut, Kraft bietet wegen der Wortbildung Schwierig- 


i 








Aus dem neumärkischen Wortschatze. 13 


keiten. Es ist wohl an das unter 2 genannte Wort zu denken, wobei 
eine nicht unmögliche Bedeutungsübertragung anzunehmen wäre. Ob 
zum Stamm al-j- brem. Wtb. elaatsk® ungezogen, Stro. Schü. eelaaisch 
eigensinnig zu stellen sei, mag unentschieden bleiben); 2. Elend, z. B. 
hee zitt int eeliya er sitzt im Elend (as. elilendi, mhd. ellende, vgl. 
8 238). 

elza f. Erle. 

elstarooa n. Hühnerauge. 

een ein; eenn farzein einen Schlag versetzen; eena ploostern, taxtln (zu 
ergänzen ist oorfiis) eine Ohrfeige geben; eens eevartreky, duu kricst 
eens (auch eens) hinar da vorn, ina gusa (allgemeines Wort wie Hieb, 
Schlag zu ergänzen). 

eenduunt einerlei, gleichgültig, eigentlich subst. »ein Tun« (mnd. ên dönde 
inf.). 

eengool egal, gleichgültig, gleichmäßig (durch Volksetymologie aus frz. 
egal). 


epkl m. (n.?) kleines Reis (hd. gebildetes Diminutiv zu ayko). 

eer, eerar ehe, eher, bevor, zuvor. 

eerjtsiorn vorgestern. 

eertsnt mit Er anreden. 

ees einst, einmal (as. Enes gen.); nel ees mit einem Mal, plötzlich. 

eexa f. Öse, Nadelöhr (mnd. öse, etymologisch gleich Öhr). 

espa f. Zitterpappel. 

eetarte Verlangen nach Essen habend (Scha. eierig® vielessend; nach 
hunartc gebildet). 

eisiyk m. Essig (miss.[?]; mnd. etyk; s. §§ 189. 382 Anm. 3). 

eelSn ect? ect? sagen, verspotten (onomatopöetische Bildung). 

eevgrhen »überhin«, d. h. vorbei. 

eevarkoomm trans. über etwas hinwegkommen, etwas ertragen. 

eevarkooln sich den Huf vertreten, so daß sich eine Geschwulst unterhalb 
der Fessel bildet (vom Pferd und Rind; s. kootə). 

eevinçemš übelnehmend (über den Abfall der Partizipialendung vgl. § 291,11). 


f. 

faictə (miss.) feucht. 

faictnisa f. die Feuchtigkeit (eins der seltenen Wörter auf -nisa LL 

fak, pl. fekor n. Fach. 

fakln zögern, zaudern (Scha. ebenso; verwandt mit wstf. fäggelan® umher- 
laufen, umherborgen; vgl. nhd. dial. fatschen concursare). 

faksn pl. lustige Streiche (nicht von lat. facetiae, vielmehr zum vorher- 
gehenden; s. Kluge, Et. Wtb. s. v.). 

falš falsch; neben der nhd. Bedeutung ist der Sinn dieses Wortes 
‚empfindlich, aufgebracht, böse gegen jemand«, so fals zint, fals 
varn aufgebracht sein, werden (ebenso Stro. falsk werden’). 


74 Hermann Teuchert. 


faratst verloren (vgl. die Redensart doot wii nə ratsə; demnach pp. zu 
einem Verbum *verratzen?). 

farbelln verdröhnen, »verbällen« (vgl. moselfrk. [Völklingen a. d. Saar] die 
Bedeutung »eine entzündliche Aufwellung (Ball) bekommen «). 

farbeern refl. sich verheben (s. beern). 

farbiistərn intrans. und refl. sich verirren (von mnd. bister dunke). 

farbreeky refl. sich durch schweres Heben eine innerliche Verletzung zu- 
ziehen; Syn. farbeern, farheevn. 

farbytt verkümmert, verwachsen, klein (von nhd. Butt, »Kobold«, vgl. 
nhd. dial. Puz, Butz; berl. steekorbuts Stichling). 

fardarf m. Verderben (vgl. farlayk m.). 

fardeeft betäubt (zu doof taub). 

fardọọļn intrans. und refl. sich verirren (zu got. dwals töricht, ahd. dwalen, 
vgl. §142 Anm. 2; Fri. dwalen? 1. irre gehen; 2. alberne, läppische 
Streiche machen). Schon mnd. dolen = dwalen irren. 

fardraan ertragen. 

farduun refl. sich verfassen, sich versehen, falsch zugreifen. 

fardytst bestürzt, kopflos, betäubt, dumm (zu schwäb. dutso und dutšə 
stoßen, rip. dötsa unbedachtsam darauf losstolpern). 

fareedn refl. sich versprechen, falsch sprechen. 

fareevarn erübern, übrig behalten. 

farfayy refl. = duuna varn (in derselben Bedeutung moselfrk. [Schiff- 
weiler] sich fangen’). 

farfipsn den Anzug verschneiden und zu eng machen (ebenso Fri.; s. fipste). 

farhedorn verwickeln, verwirren (s. hedaern; vgl. schwäb. farhedaro zer- 
streuen, auseinanderwehen?). 

farheevn refl. sich überheben, eine zu schwere Last heben und sich dabei 
innerlich verletzen; als Mittel dagegen s. Sedern,; Syn. farbreeky, far- 
beern. 

farhisn übergehen, vergessen, versäumen (Etymologie unbekannt). 

farlıooln refl, sich erholen. 

farjeetaric vergeßlich (Adjektivbildung zu einem nicht vorhandenen * far- 
jeetarn, Iterativum zu farjeetn, wahrscheinlicher aber ist bloße Ana- 
logie zu drekaric, s. d.). 

farjoorn verjähren (mit stpp. farjperr). 

farkilin refl. sich erkälten (mnd. vorkülden). 

farkIn Ferkel werfen (vgl. kalen, lamm). 

farkloomm erfrieren (von klam starr vor Kälte). 

farknuusn auffressen, verdauen (nach Gr. Dt. With. V, 1372 bedeutet 
*knausen knaupelnd essen; hierzu knauserig). 

farlayk: m. Verlangen, Heimweh. 

farlayk, farlaıky entlang. 

farlany verlangen, begehren; mii val farluny, vat det vart mich soll wun- 

~ dern, was daraus wird (ebenso im Mnd.). 


Aus dem neumärkischeu Wortschatze. 75 


farleedn vergangen, nur noch in der Verbindung farleedn jopr vergangenes 
Jahr (-leedn pp. zu as. lidan gehen, vgl. nhd. geleiten). 

farlįišn intrans. erlöschen (trans. uutlisn, ahd. irlöskan; s. $ 19). 

farmidax Vormittag (noch mit der alten Betonung des präpositionalen 
Ausdruckes »vor Mittage«, daneben schon, aber seltener, färmidax, 
das, falls ursprüngliches Kompositum, *feermidax heißen müßte). 

farmoonn ermahnen (mnd. vormanen). 

farmgrjns früh morgens (entstanden aus »vor Morgen« mit adverbialem 
s, Ss. $ 380). 

farmoost famos, schön (die erste Silbe ist als Präfix ver- aufgefaßt; über 
-t vgl. 8 251). 

färnant Ferdinand. 

farpimpin verzärteln (s. pimpfn). 

farpiet up versessen auf etwas (gleich nhd. erpicht, d.h. eigentlich mit 
Pech überzogen). 

farplanin verpflanzen. 

farzeenn refl. sich sehnen. 

farseepm trans. ersäufen (altm. forzööpm, got. *saupjan). 

farzetn 1. versetzen a) aus einer Klasse in die andere, b) gegen Be- 
leihung als Pfand, c) los werden (absichtlich); Fehlgeburt haben (vom 
Rind und Schwein). 

farzuupm ersaufen, ertrinken. | 

faršlikərn refl. sich verschlucken (Iterativ zu farsluky). 

farsluudorn verschleudern (s. Sluudərn). 

fartelln erzählen (mnd. vortellen). 

fartelsl n. Erzählung. 

fartörn (selten fartörnn) erzürnen (mnd. vortörnen). 

fartrekn verziehen (Pflänzlinge). 

fartuntIn verzärteln (s. tuni!n). 

fartysn verheimlichen (vgl. altm. tasn tisn, nfrk. [Haan] tisan beschwich- 
tigen und nmk. tųys{n). 

farvogrn aufbewahren (mnd. vorwaren). 

farvorn 1. verworren; 2. durchtrieben, verwegen (pp. von ahd. [as.] fir- 
wërran verwirren). 

fastllaamt und fastəlaamt m. Fastnacht (Lauremberg, Scherzgedichte II, 505 
vastelaven; < */axl- von fäseln, vgl. mhd. vasenaht; wegen des 
t-Einschubs s. § 247, 5, wo dies Beispiel hinzuzufügen ist). 

faiskə m. ein Mensch mit anmaßendem und dabei dummem Gebaren (mit 
dem alten dim.-suff. -ka [s. $ 382, 3] vom frühnhd. verb. fatzen »spotten« 
gebildet; die Vermutung von F. Sandvoß im Ndd. Korr. XX VIII ,S. 49 
[< it. facivetta] ist abzuweisen, vgl. a. a. O. 8.572). 

feedar f. Feder. | 

fedor m. Vetter. 

fegin (miss.) == Gu coire. 


76 Hermann Teucheit. 


felln 1. Fell abziehen (altm. fillin [< germ. *felljan] scheint die Annahme 
einer Brechung des ursprünglich allein berechtigten { vor W zu ver- 
bieten und Beeinflussung durch das subst. fel n. Fell zu fordern): 
2. ein Fohlen, Füllen werfen (< *folln). 

feltflietar m. Feldtaube (eigentlich Feldflüchter, vgl. flicta f. Flügel). 

feerliidn verb. und subst. ein pxls (s. d.) von 10 Minuten bis zu einer 
Viertelstunde Dauer, zur Einleitung des Gottesdienstes, eine oder eine 
halbe Stunde vor seinem Beginn; stets ohne beedakloka (s. d.). 

feršdə f. First (mnd. verste [swm.?], dazu ablautend mnd. vörste, ndld. 
vorst f. < germ. *fursti-; das nmk. Wort ist wohl mit mpon. füst 
aus letztem abzuleiten). 

feeršmeesn vorreden, vorlügen (s. Smeesn). 

fesparn nachmittags, meist um 4 Uhr, Kaffee und etwas Brot genießen. 

Bidar n. Ruder (ebenfalls mt Umlaut prign. föära und fürı, as. föthar 
Wagenlast). 

fiidn in upfüdn aufziehen (s. d.). 

fikņ coire (md. mnd. viggen, aber auch bei Schü. Glo, 

fiks schnell, flink, hurtig (< lat. fixus; bei Schü. noch 1. stark, fest; 

2. gerade gewachsen): besonders in der Redensart tk bin fiks un fartie 

völlig fertig. 

fiņəriirn mit den Fingern spielen, pfuschen (vgl. ähnlich meypəliirn; han- 
tieren dagegen ist echtfrz. Fremdwort). 

fips m. kleiner, unbedeutender Mensch (vgl. das folgende). 

fipsie verschnitten, zu eng (vom Kleid; vgl. farfipsn; Fri. fipsie 1. schnell, 
unruhig; 2. eng (vom Kleid); zur ersten Bedeutung gehört Fri. fr peu 
schnell zugreifen, stehlen). 

fixoalke, fi:llie unordentlich, unruhig, gedankenlos (vgl. Fri. ftx>l» unruhige 
Bewegungen machen mit den Fingern, wirbeln; mit dem Strohhalm 
kitzeln und Oderbruch f?z3 unordentliches Frauenzimmer, ferner schwäb. 
fiislə rasche Bewegungen machen, genau durchsehen; wahrschein- 
lich verwandt mit ahd. fasöon aufspüren, hin und her suchen, wozu 
nhd. faseln gehört. Fri. bietet neben fi:!n auch fiev mut einer 
dünnen Rute leise kitzeln, dies und (ton Rutenstreiche geben ist mit 
ndld. ficken schlagen, ahd. mhd. vicken [s. nmk. ftky] reiben zu ver- 
einigen). 

fil:anatentn Fisematenten, dumme Streiche (eine ansprechende Erklärung 
ist noch nicht gefunden). 

ftspolie = flzalte (s. ftspln). | 

ftsplmiel jemand, der keinen Augenblick ruhig bleiben oder still sitzen 
kann; dann auch ein Arbeiter, der vor Hast nichts fertig bringt; s. 
das folgende. 

ftspln sich quecksilbrig hin und her bewegen (mit dem andern Frequen- 
tativsuffin Fri. fispsrn schnell und kurz treten, sich ungeschickt an- 
stellen und schwäb. /£sparo mit Händen und Füßen herumfahren; sehr 
merkwürdig ist Scha. fttso! = fispol m. Fitze). 


\ 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 17 

fitsa f. Abteilung eines Gespinstes Garn (10 fitsn zu je 40 Fäden = 1 tanspl; 
2 tanspln = 1 38dik oder Sdreena,; die kleine fitsa hat nur 20 Fäden; 
ahd. fizza, mhd. vitze f. Gebinde Garn; wohl zu as. fittea, ags. fitt 
Abschnitt im Gedicht; Scha. ftfsa! m. Fitze). 

ficta f. Bezeichnung der Kiefer (picea); Kiefer ist in der Mundart nicht 
vorhanden (s. danepl und taņərngoll); < as. *fiohta, die Annahme 
eines as. *fiuhtia (vgl. wstf. füctoe) fürs Nmk. wird durch die Nachbar- 
mundarten nicht gestützt. 

flaba f. Maul, breitgezogener Mund (hiervon flaps). 

Dodra, fladuuza f. Haube (Fri. fladruu:o). 

flak flach. 

flakorn flackern (altn. flokra flackern; Ablaut mit ags. flicorian, ne. to 
flicker flattern, ndld. flikkern flinmern und wahrscheinlich mit Flocke). 

flayyhuut m. große, weiße Kopfbedeckung für Feldarbeiterinnen; eine 
Anzahl aneinander gereihter dünner und biegsamer Holzstäbchen bildet 
das Gestell, von dem nach hinten die Leinwand herunterhängt (Her- 
kunft unbekannt). 

flaps m. unhöflicher Mensch, eigentlich einer, der eine flaba trekt den 
Mund verzieht; vgl. moselfrk. ap» mit den Lippen beim Saugen 
schmatzen. 

flapsic unhöflich, ungeschliffen. 

flas m. Flachs.! 

flax m. Flecken, Ort (mkl. flax n.). 

fleca f. Floh (s. § 388 b). 

fleesn »flöhen«, Flöhe suchen. 

fleems übermäßig, bösartig (prign. gewaltig, riesig; mnd. vlamesch flämisch; 
bedeutungsvoller Ruf, in dem die neuen Ansiedler gestanden haben!). 

flentarmicl ein unruhiger, hin und her laufender Mensch (zum folgenden). 

flentarn flattern nur in rimflentern (s. d.). 

flees n. Fleisch; roost flees der noch nicht geheilte oder mit einem Flaum 
überzogene Grund von Wunden; vilat flee? am Wundrande wuchernde 
Fleischwärzchen, die durch Bestreuen mit Zucker oder Salz beseitigt 
wurden. 

flesn von Flachs. 

fleets m. 1. unhöflicher Mensch, unverschämter Patron, Flegel (ndd. meist 
jlüöts, wstf. flets; von mnd. wlaten ekeln abzuleiten (Woeste), da wl/-, 
anders als wr-, in dem ganzen ndd. Sprachgebiete als fl- erscheinen 
kann [daneben A. und LL. vgl. bluuma, flüiza, liimaric. Wstf. e und 
gött. [brem.?] ee ist regelrechte Vokalisierung, das sonst auftretende 
OO ist durch Analogie des synonymen ynfloot |< @] entstanden zu 
denken); Grundbedeutung ist also »Ekel«; 2. mit merkwürdiger Be- 
deutungsverengung, die sich aus wörtlicher Auffassung der bildlichen 


! Nach dem Drusch wird der Flachs 1. joreett, 2. jaxduukt oder jabraakt, 3. jə- 
Sigett, 4. jexruyy, 5. johecklt (s. die einzelnen Ausdrücke). 


78 Hermann Teuchert. 


Redeweise nimm fleets af (eigentlich »lege den unhöflichen Menschen 
ab«) erklärt, auch für Hut, Kopfbedeckung (doch nur in dieser einen 
Redensart). 

fleetsie unhöflich, roh. 

fliidor m. 1. Syringe; 2. Holunder. 

fliidərkriidə f. Mus aus Holunderbeeren; wird zum Schwitzen eingenommen. 

flidərmicl m. unruhiger Mensch (vom folgenden). 

flidərn, meist rimflidərn umherflattern, sich rastlos hin und her bewegen 
(Fri. flidərn flattern, ahd. flëdaròn, mhd. vlëdern flattern, davon nhd. 
Fledermaus; ablautende Weiterbildung fludərn flunkernd flattern bei 
Fri., vgl. ne. to flutter flattern). 

fliixə f. 1. Nierenstück vom Schwein (altm. flee.. Berlin mit Abfall des 
anlautenden f-: bkiizə; daher [vgl. unter fleets] ist das Wort auf as. 
*wliosa zurückzuführen; vgl. limsrie zu mund. wlöm); 2. Platte aus 
Stein, Fliese (altm. fl, mnd. *flise, zu altn. flis Splitter, dän. flise 
Splitter, glatter Pflasterstein und verb. spleißen. spalten). 

Hui n. Fließ, Bach, oft als Eigenname (mnd. vlèt m. n.). 

flitarn intrans. vor den Augen flimmern (£ flitort mit far da ooon und 

det 00a fit: gleich mhd. vlittern flüstern, kichern, das nhd. Flitter- 

wochen verstehen läßt, während nhd. Flitter die andere Seite des Be- 
deutungskreises aufweist). 

flits m. in der Redensart: du hestn flits du bist verrückt; durch starke 
Metapher von 

fliisn eilen, huschen (mit großer Wahrscheinlichkeit zum folgenden zu 
stellen). 

flitsboogn m. Bogen, Spielzeug für Knaben (der erste Bestandteil < frz. 
flèche Pfeil, vgl. rip. noch flitsbo29; s. auch X 381a). 

flictə, pl. -n f. Flügel (Fri. flocht? f. und m., liv- und estld. fluxt f.) 

floodn m. Fladen, Kuhfladen (ahd. flado, mnd. vlade breiter Kuchen). 

flunkərn 1. flimmern, glänzen; 2. etwas vormachen, lügen; 3. mit den 
Augen zwinkern (Tiefstufe zu Stro. flinkorn schimmern, ndd. fliyk 
elänzend). 

fluns m. schiefes Gesicht (mit Hochstufe mhd. vlans stm. schiefes Maul 
und ahd. flannen das Gesicht verziehen, wozu nhd. flennen). 

fluur m. 1. Hausflur; 2. Tenne in der Scheune. 

flus m. (nhd.) Rheumatismus. 

fluus, pl. flaıs» m. Büschel, Bündel. zusammengeraffte Masse (z. B. Haare, 
Heu, Fri. flus, fluus, fliis n. und m. Flocke von Wolle, Hede, Klunker. 
Haaren, Wisch; zu mınd. vlüs, vlüsch Scehaffell, Vließ). 

fluusn fördern, vorwärts kommen, flecken (— mnd. *vlüsken einen Flausch 
bilden, flocken, vgl. Fri. flušon, flunson eigentlich sfluusan bilden «. 
flocken. Das Wort hat mit nhd. flutschen [vel. Wermelskirchen 
flatson] vorankommen, das eine erian-Bildung zu flucken [Hochstufe 
flecken] ist, nichts zu tun. Danach ist peen im $155 zu streichen. 
Fri. hat neben Json, dessen RKuürze übrigens durch frühzeitige Kür- 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 79 


zung vor -sk- entstanden ist, und fluuson auch flulsen und flaasen; 
über die letzte Form ist mangels genauer Kenntnis der von ihm 
bearbeiteten Mundarten in bezug auf ihre Zugehörigkeit zu dem einen 
oder dem andern Stamm nichts auszumachen). 

fvobm einstecken, meist tnfoobm (s. d.). 

foljn 1. falten, nur in p Verbindung da hena foljn die Hände falten 
(über die Lautform s. § 179a, vgl. auch prign. dei hen foly, Ndd. Jb. 
XXXII, S. 35, $ 273 Any 1); 2. folgen. 

foora f. 1. Furche, 2. Geleise im Wege (ahd. furuhi, ndld. voor, mnd. 
vor, vore stswf.). 

forkə f. Mistgabel, Heugabel (< lat. furca, bereits ahd. furcha). 

forš schneidig, stark (junge Adjektivbildung zu fọršə). 

foršə f. Schneid, Stärke (< frz. force in der Verbindung par force). 

foorts, foorts, fuurts sofort (prign. fooats, fooatsn, zu as. ford, s. § 82, 2 
und Anm. 1). 

fos m. nur noch als Eigenname Voß, sonst bereits nhd. Fuchs. 

fooxlšviīin n. junges, angemästetes Schwein (mit mnd. vasel stm. männ- 
liches Zuchtvieh zusammengesetzt). 

fooš heiser; stumpf (von Messern, Kämmen; erscheint im Ndd. gewöhn- 
lich in der Bedeutung schwächlich, kraftlos, zerbrechlich; vgl. ndid. 
voos kraftlos, schwammartig, porös, flau, norw. fos; vgl. norw. fösa 
aufblasen; mkl. foos, fooš taub [von Blüten], morsch; böse, falsch, 
Scha. fooš schwammig, weich, mürbe, Fri. fos und foos los, locker, 
porös; dazu Fri. fọzə f. kleine Faser, fox3n fasern und nmk. fuzl £. 
Faser? Über 5 vgl. $196). 

fotsa f. cunnus (rip. fot und fot Arsch: fots und fots pars muliebris, vgl. 
Fischer, schwäb. Wtb. s. v. Fud und Fotze; fotso und fot wie im Nmk. 
bei Schü.; mnd. fut, futte £.). 

franjə f. Franse (< frz. frange). 

fresak m. (miss. für *freetzak) Vielfraß. 

fresa f. (miss.) f. Mund, Maul (in dieser nhd. Form in Add weit ver- 
breitet). 

freęts Fritz (daneben fritsə und friidə). 

friidə m. 1. Friede (nhd.); 2. Friedrich (miss.). 

friiansvarvar m. Freiwerber (seltener friivarrar). 

friintšaft (häufiger miss. fraintšaft) f. 1. Verwandtschaft, 2. Freundschaft 
(meist kollektiv). 

friixlfiibər n. kaltes Fieber (zu frieren). 

fritsa Fritz (s. freets). 

friivarvər m. Freiwerber (häufiger fruonsvarvor). 

from 1. wie im Nhd.; 2. zahm (vom Pferde). 

froots m. 1. Fraß, Fresser (nomen actionis und zugleich agentis zu freetn, 
vgl. mhd. vräz stm. der Fraß und der Gefräßige, swäelch stm. das 
Schlemmen und der Schlemmer u. ä.; über -ts statt -t s. § 189). 


frootste gefräßig. 


80 Hermann Teuchert. 


frootsickeet f. Gefräßigkeit. 

fruuda f. Verstand (vgl. got. frödei Verstand, doch ist fruudo keine gleiche 
Bildung zu as. fröd erfahren [got. fröps klug, ahd. fruot verständig]. 
wie das Fehlen des Umlautes beweist). 

fruudn erraten (mnd. vröden, Verbalbildung zu as. fröd erfahren, alt; 
Ablaut zu got. frapjan verstehen, erkennen, mhd. vrat stn. Verstand). 

fuuds f. Staude Gras (bei Fri. verhochd. fauds f. für Wiepe als War- 
nungszeichen; Ableitung unbekannt, doch s. Fischer, schwäb. Wtb. 
II, 984 s. v. Faude). 

fuksn refl. sich ärgern (etwa eigentlich »rot werden«?). 

fuulbeerboom m. Faulbeerbaum. 

fuloment m. Fundament (hierbei ist durch Volksetymologie unterstützte 
Dissimilation von nm > Im zu beachten; sie findet sich ebenso z. B. 
in Neumagen a. d. Mosel; vgl. § 171 a). 

fulkoomm 1. vollkommen; 2. stark entwickelt, drall (von Mädchen). 

fum{n tasten, hantieren (zu mnd. fimelen, fimmelen, fummelen herum- 
tasten, ne. to fumble; Scha. hat neben (run, font noch die dritte 
Stufe famn tasten, grapsen). 

funsl 1. herabhängende Faser; 2. schlecht brennende Lampe; 3. lieder- 
liches Frauenzimmer; 4. TKaffeegetränk (Bedeutung 1—3 vereinigen 
sich in der Kernbedeutung des Herabhängens und Zerrissenseins: 
daraus scheint dann die vierte mit dem Begriff des Minderwertigen 
entwickelt zu sein, wahrscheinlich nur individuell, da dieser Sinn 
jetzt völlig unbekannt ist. Ableitung ist unklar). Vgl. Gr. Dt. Wib. 
IV, 1, Sp. 613£., der die Schreibung mit z für falsch erklärt. 

fuura f. 1. Fuhre, Wagenladung (mnd. vöre); 2. Eile, Hast (nur in der 
Verbindung ¿n fuurs, < lat. furia). 

fuurvark n. Wagen mit Gespann. 

fuurvarky 1. seinen Unterhalt durch Fuhrenleisten verdienen, auch nur 
für sich fahren; 2. unnütz arbeiten (vgl. rimfuurvarky). 

fuxl f. Faser (ob mit altm. fazl Faser, fix! Flachsfädchen zusammen- 
gehörig? Wahrscheinlicher ist Zusammenhang mit fooš, s. d.). 

fuuxl m. Branntwein (zur Bedeutungsentwicklung vgl. altm. da naps fyt 
der Schnaps ist schlecht: eigentlich mit furl, das den Begriff des 
Minderwertigen, Wertlosen angenommen hat, identisch; gleiche Be- 
deutungsentwicklung s. bei fynsl 4; nach Kluge, Et. Wtb. früher auch 
für schlechten Tabak). 

futs fort, entzwei (ursprünglich interjektionell gebrauchter Imperativ von 
md. fytšən schnell davon gehen ~ *fukezzen, vgl. kärnt., märk. fuky 
von der Hand gehen). 

fuxtie wütend, hat mit dem in einigen ndd. Dialekten vorkommenden fyzt 
feucht, Orsoy [nfrk.] fo:rtac feucht [vom Wetter], mnd. vucht, vuchtech 
nichts zu tun, sondern gehört zum folg.; vgl. Fischer, schwäb. Wib. 
II, 1812 fautie im Zorn schnell hin- und herfahrend, aufgeregt, zormig). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 81 


fuxtIn, besonders rim-, intrans. die Hände schwingen, aufgeregt mit den 
Händen oder einem Messer, Stock u. dgl. durch die Luft fahren (zu 
nhd. Fuchtel »breiter Degen« und dieses zu fechten). 


g. 
(g vor palatalen Vokalen s. unter J; vgl. auch E 

gadər n. Gatter, Wildgatter (hierzu wahrscheinlich Fri. gadel® f. Tür; ahd. 
gataro m.). 

gadərn, s. argadərn. 

gafl f. Dreschgabel (Tischgabel wird durch das nhd. Wort wiedergegeben; 
über die lautliche Form s. $$ 150. 151). 

gafln den Flegeldrusch mit der ga/l wenden und aufschütteln. 

gaala (La. und östl. Gebiet) f. Gabel, Forke (§ 150). 

galstrie ranzig (von Öl und Butter, Schü. galstrie faul schmeckend; durch 
Dissimilation aus mnd. garsterich ranzig, bitter, einer mit dem suff. 
-erich [vgl. eetoric] gebildeten Nebenform zu mnd. garst, garstich). 

gansngoor ganz und gar (Dvandvabildung, vgl. kọortnkleena). 

gat n. Loch (as. gat; hierzu kaum Fri. gadel? f. Tür, sondern zu gadər). 

gatsə f. Gasse, im besondern Nebenstraße in einem Dorf (-ts- bereits im 
Mnd., s. $ 189). 

glabric glatt (vgl. glibrie). 

glaux schmuck, rein (zu as. glau klug oder zu bair. glau, glaux < mhd. 
gelüch glänzend? s. $$ 65. 236. 390). Sicher zu letztem, vgl. mnd. 
glü fein, schmuck. 

glaviisr n. Klavier (s. $ 227). 

glibric glatt, gleitend (Adjektivbildung zu einem Verbum *gliboarn, das 
zu glipm gleiten gehört. glabrie ist hierzu wohl jung ablautende Neu- 
bildung). 

gliims finster blickend, tückisch (von gluum). 

glin glühend (eigentlich p. prs. zu gliiən glühen; s. $ 291, 11). 

glipın rutschen, ausgleiten (ebenso altm., dän. glippe); s. «uutglipm. 

glitšic glatt (vom Erdboden oder Eise, vom folgenden). 

glitšnņ gleiten, rutschen Je: au - Bildung zu glp). 

gloorn pl. Reineclauden (durch Volksetymologie aus dem Namen Claude, 
wobei der häufige Übergang von kl- > gl- auftritt und anderseits Ent- 
lehnung aus einer Mundart vorliegt, die intervokalisches d in r ver- 
wandelt). | 

gluudarn 1. böse schen, einen finstern Blick haben; 2. blaken (Fri. gluu- 
dern von der Seite verlangend sehen, samld. gluudora,; Etymologie 
unbekannt; das ú ist stammhaft). 

gluum finster blickend (verwandt mit dem vorigen?). 

glumarn glimmen (Frequentativ zum folgenden). 

glumm glimmen (wahrscheinlich Tiefstufe zur Wurzel gli-m-; dazu mnd. 
glum unter der Asche glimmendes Feuer). 

glumrie dämmerig, halbdunkel. 


Zeitschrift für Deutsche Mundarten. TV. D 


82 Hermann Teuchert. 


gluupm neidisch, scheel ansehen, schielen (Fri. ebenso; afrs. glüpa halb 
offen stehen |von der Tür], mit zugekniffenen Augen ansehen, ndld. 
gluipen heimtückisch sehen, mnd. glüpen mit halb geöffneten Augen 
sehen; vgl. ndld. glop n. Gäßchen, Schlucht, Loch). 

gluups scheelsehend (in der ndd. Etymologie bisher meist zu draven. 
glöupy jung, poln. glupi, lit. glupas dumm gestellt; jedoch liegt eine 
germ. Wurzel vor, s. d. vorhergehende; nınd. glüpesch heimtückisch). 

gluuxn glühen, schwelen (mnd. glösen: s-Erweiterung des Stammes glü 
glühen; Tiefstufe weisen auf uckerm., altm. glööxn, Schü. glösen". 
mnd. glösen glühen und mit grammatischem Wechsel Schü. Ri. glöörn, 
old. gloern schimmern). 

ylIutsn gleiten (von Fri. glupm gleiten, dessen Zugehörigkeit zu g/ipm rein 
lautgesetzlich unmöglich ist, das aber imınerhin durch unorganischen 
Ablaut neu entwickelt sein kann). 

gnaborn nagen (altm. gnabin, knabln und knaparn, Fri. gnabln, gnübln, 
gnabarn nagen; vgl. nhd. knappen < ndld. knappen essen, hurtig zu- 
greifen und Knappsack). 

gnarn knarren (mnd. gnarren knurren). 

gnarpsn beim Beißen. ein knirschendes (Gieräusch hervorbringen (vgl. 
ynarpm im nördöstl. Harz mit (reräusch abnagen und abknarpsan von 
etwas wegschneiden, abknausern an der mittleren Saar). 

gna:ln (zu trennen von xafln, s.d.) undeutlich reden, durch die Nase 
sprechen, auch Törichtes vorbringen (Fri. bietet zum Vergleiche yno:ol. 
gnuzal, ynaxol m. das Kurze, Dicke, gnoxolic, gnazalic unansehnlich, 
elend; er stellt diese Wörter zu lit. gnüsas Ungeziefer[?]; eher zu mnd. 
gnesen, den Mund zum Lachen verziehen). 

ynatsak (meist ynatzak) nm. ein mit ynatsa Behafteter (eigentlich (natzsack). 

gnatsa f. Gnatze, Krätze (mhıd. gnaz stm. Schorf, Ausschlag). 

gnatskop m. gleichbedeutend mit gnatsak. 

gnatsn die Nisse suchen und knacken. 

gnats m. einer der gehässig redet (nomen agentis zu gnatsn, vgl. dals. 
krats). 

ynatsn dumm und viel, auch gehässig reden (vgl. berlinisch knaats m. 
dummes (ierede, rip. Anaatsa weinen, schweiz. chnatschen® einen 
quatschenden Ton hervorbringen, knirschen beim Beißen, laut und 
hastig plappern). 

gnaumm plärren, leise weinen (Fri. guausr verdrießlich stöhnen, klagen; 
Meinersen gnauln verdrießlich sein; mnd. gnauwen). 

gnautsn wehklagen. nörgeln (verwandt mit dem vorigen). 

gneelarn mäkeln, zanken (gött. gnöltern®, Soest Anüstern, moselfrk. Ano- 
tərə, rip. |Bonn] Anofora murren weisen auf eine Wurzel but A 

gnidorie nörgelnd, unzufrieden (wahrscheinlich nicht zu gngetar; vgl. Fri. 
gnidoern heimlich kichern), auch gattarte. Vgl. mnd. gnittericheit mür- 
risches Wesen. 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 83 


gnifin ungeschickt schneiden (wahrscheinlich iterative Verbalbildung zu 
knüf m. n. schlechtes Messer). 

gin schlechte Musik machen (mit dem suff. -geln erweiterte Ablauts- 
stufe der Sippe knarren, vgl. das folgende). 

grirsn knirschen (mit den Zähnen, vom Sande, Schnee u. ä., ebenso Fri; 
mhd. *gnirsen, *knirsen, vgl. mhd. knirsunge f. das Knirschen; das 
Simplex bietet Fri: grirn knirren, d.h. hämisch und unter Zähne- 
fletschen lachen; jungen Ablaut zeigt Fri. gnyrsn knirschen). 

ynitarie s. gnidarie. 

gnüilsie knauserig, kleinlich; viel verlangend (besonders beim Essen), einer, 
der nicht genug bekommen kann. 

gneitsn kleinlich und ärgerlich handeln (verwandt mit altm. gnits der 
kleine Abfall von Werg?). 

gnuf m. Stoß (s. knuf). 

gnufn knuffen (ebenso uckerm., s. knufn). 

gnuk m. Stoß (junge Bildung zur Schallsippe knacken, gnuk Stoß schön 
bei Ri.). 

gnyukarn unwillige Laute von sich geben (Simplex im selben Sinne mkl. 
gnyuky; Ablaut dazu Scha. gnikərn kichern). 

gnųks = gnųk Stoß. 

gnuksn = gnukarn. 

gnurn knurren (Fri. gnorn, gnurn knurren, murren, vgl. as. gnornön weh- 
klagen). 

gnyrpl m. Knorpel (identisch mit Knorpel, vgl. gnurpsn). 

gnurps m. Geräusch, das beim gnyrpsn (s. d.) entsteht. 

gnųrpsn 1. mit den Zähnen beim Essen knirschen; 2. trocknes, sprödes 
Gebäck zerbeißen (Fri. gnorbsen®, gnorbschen?® vom Geräusch beim 
Kauen roher Wruken, Gelbmöhren (Intensivum zur Wurzel knusp-, 
die in nhd. Knorpel und knuspern auftritt). 

goppm. gähnen (mnd. japen; j ist ursprünglich; der einzige Fall, daß j- 
in g- übergeht, jedoch 7 in huujoopm und japsn). 

gerjt f. Gurgel. 

gorjIn gurgeln. 

grab[n grapsen, haschen, fassen nach etwas (ne. to grabble, allgemein 
ndd., s. grapsn). 

graf n. Grab. 

gram böse auf jemand (Ablaut zu as. grim grimmig). 

gramsaft f. Feindschaft (ersetzt dieses nhd. Wort). 

granzn weinen (Fri. granzn heftig weinen, mnd. gransen die Zähne weisen; 
Denominativum zu mhd. grans stm. Schnabel, Maul; hierzu als junge, 
ablautende Form altm. mkl. grynzn innerlich klagen). 

grapsn und grapsn greifen, oft und hastig zugreifen (Intensivum zur 
Wurzel grab-, zu der nhd. Garbe gehört; vgl. nhd. dial. grappen, 
greifen, nmk. grabļn; ne. to grab packen, lit. grópti raffen). 

y: 


HA Hermann Teuchert. 


grel glänzend, scharf (von den Augen, Stro. gral; kaum das mhd. grëll 
rauh, zornig). 

greeln schreien, kreischen (durch das Zeugnis des Mkl., Gött., Hamb. und 
Ostfrs. ist öö gesichert; dies wird durch das waldeckische ọọ als Um- 
laut von altem ö > oo [åå] oder als beeinflußter Umlaut von tl. a > o 
erwiesen; wstf. ee weist auf Umlaut von tl.a; demnach ist das Wort 
an mnd. gräl Lustbarkeit (Reineke Vos 3306) anzuschließen und 
< *gral-jan abzuleiten; verwandt ist grollen, grell. Auffallend ist die 
geschlossene Qualität des Stammvokals im Ostndd.: altm. grööln, samld. 
jreela. — \gl. ostfrs. gralen® oder grälen® laut lachen). 

greenary Kammer zum Aufbewahren von Häcksel (in der Gegend von 
Soldin; mnd. gräner < lat gränärium). 

gren:ar m. ein stets weinendes Kind (von yranzn). 

gribln häufiger als krtib/n (s. d.) Davon 

gribaliya pl. kleine Mücken. 

griüiflarn höhnisch lachen (ebenso altm. mkl., mit unklarem erstem Be- 
standteil; im Rip. griilaarə und griinlaarə, das mit griinn zusammen- 
gesetzt ist). 

griinn hämisch und schadenfroh aussehen (mnd. grìnen weinen). 

grinsl f. Goldammer (Magdeb. Gegend jrinsliyk, jrinsaliyk). 

grinzn das Gesicht aus Freude oder Schadenfreude verziehen (s- Bildung 
aus grinn). 

griipm greifen. Dazu 

grips m. 1. Verstand (aktiv, »der Begreifende.), 2. Kragen (passiv, was 
ergriffen wird«). 

grips graps lautmalende Interjektionen zur Bezeichnung schnellen Zu- 
fassens. 

griZalic kraus, rauh (vom Wasser, das der Wind kräuselt, von der Milch. 
die beim Kochen gerinnt, von der Haut, die sich vor Frost zusammen- 
zieht; s. krii{n, Fri. grizoln, grüzaln schauern, frösteln, Mayen [Hun«- 
rück] grizalo frösteln,; unter Vokalkürzung vor der Endung -eln = 
*krüseln kräuseln. Ob brem. Wtb. gräsen dazu gehört, ist zweifelhaft). 

griüva f. 1. Griebe, ausgelassener Fettwürfel; 2. Püstel, Pickel (mnd. 
grêve m., abd. griobo). 

grooda f. Gräte (mnd. gräde, wald. grood3). 

grof grob. 

groomm refl. sich grämen (mnd. gramen ärgerlich sein). 

groop m. gußeiserner Tiegel mit drei Beinen (Ri. grapen, mnd. grape swn..). 

grubar m. Ackergerät mit schuhförmig verbreiterten Zinken, zum Auf- 
lockern des Bodens (zur Wurzel grab- graben, ne. to grab graben; ne. 
the grubber; Bezeichnung aus dem Englischen entlehnt? Vgl. nhd. grü- 
beln). 

gruul m. 1. Gräuel, 2. Abscheu, abscheulicher Mensch. 

gruudle furchtsam im Dunkeln. 


`, 


\ 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 85 


grumlt n. Grummet (entstellt aus mhd. gruonmât; wstf. graumed®, mkl. 
mit einer auch in andern Mundarten vorkommenden Verkürzung grym; 
ein Zeichen für das Fortleben des Prinzips des Ablautes ist altm. gran). 

yrunsn grunzen (hd. Lehnwort, < ahd. *grunazzen, ne. to grunt). 

grunt, pl. grija 1. f. kleines Tal zwischen zwei Bergen (Scha. grynt m.; 
in Danzig als f. mindestens seit dem 15. Jh., in Hessen auch £.); 2. m. 
a) Abgrund; b) Boden, tiefster Teil; c) Land als Besitz; d) übertragen: 
Ursache (s. $ 365, 1a5). 

yruusy grausig. 

gruu: f. Rasen (uckerm. groos, Besten |Kr. Teltow] jruw:o, mhd. gruose 
junger Trieb, Grün der Pflanzen, mnd. gröse der durch Zerquetschen 
herausgepreßte Saft; Hochstufe zu Gras). 

yrunzie mit Rasen bedeckt (brem. Wtb. grös:g” grasig, unreif). 

gruuls m. Zerbröckeltes mnd. grùs n., uckerm. altm. gruus; -ts ist regel- 
rechte Entwicklung aus germ. *grüt; falsche Erklärung im $ 189). 
S. Nachtrag. 

yukarn verb. vom Kollern des Truthahnes. 

yuso f. Maul (duu kriest cens ins gusšə, ebenso Fri.; dazu mnd. gosche 
Einfaltspinsel?). 


h. 


habyta und hdaabuta f. Hagebutte (im Norden der Nmk. haybuts, altm. 
hambute,; diese beiden Formen weisen auf *hagenbutte). 

hai n. Heu. 

Ae? an Heu machen. 

hak, in der Verbindung bot: un pak Hab und Gut. 

haka f. 1. Ferse, Stiefelabsatz (mnd. *hacke, Graff IV, 763 haken calces): 
2. Karst (mhd. hacke f.). 

hakəbakə f. Rücken (in der Kindersprache, sicher verdreht aus *Aukabal: 
|vgl. Scha. kykobak m. gekrümmter Rücken]; daka ist ursprünglich m., 
as. mnd. bak m. Rücken, ne. back). 

hakı) 1. festsitzen; 2. buddeln, mit dem Karst arbeiten. 

halveea halbwegs (<< *halfwege). 

halra naxt, tuda oder ¿mə um Mitternacht (daneben ¿m midornazt). 

hamar m. Hammer. 

haml m. Hammel. 

kanıpln zappeln (wahrscheinlich mit awp/r identisch; immerhin wäre dies 
das einzige Beispiel, in dem Ak-Verlust vorkäme). 

hansa, pl. hansu m. Handschuh (mnd. hantsche -< hand-sköh; die ab- 

geschliffene mnd. Form ist frühzeitig als schwaches Wort behandelt 


! Die Angabe des brem. Wtb. II, 590 handsken, hansken Handschuh kann nur 
unter der Voraussetzung zutreffen, daß die im Ndld. und Nfrk. vorkommende Nebenform 
schoen früher bis nach Bremen verbreitet war. Jetzt kenne ich sie nur aus der Gegend 
von Solingen. Im brem. Wtb. findet sich nur scho (IV, 664). 


86 Hermann Teuchert. 


worden; s. die Nebenform hensko); dän. handske, Soest hanska; s. 
§ 382, 3. 

hap und seltener hapm m. Happen, Bissen (Fri. kap, hapə, hapm und 
haps m.; zu xártw). 

hapm nach etwas schnappen. 

haps m. Happen, Bissen. 

hapsn nach etwas happen, schnappen. 

hardjlic faserig (vom Flachs, der lange und gute Fasern hat). 

hardin pl. (f.? m.?) Fasern des Flachses (Gegensatz Seeva; am wahrschein- 
lichsten mit Konkretsuffix ?!ö [la] zu dem Stamme *hazd- in heed 
[s. d.] gebildet, nicht aus ahd. haru Flachs mit d-Einschub zwischen 
r und IL 

harjée Ausruf der Verwunderung (< »Herr Jesus»). 

harkə f. Rechen, Harke (vgl. altn. harka zusammenscharren). 

hark harken, mit dem Rechen hin und her fahren. 

hartfreet3 wählerisch beim Essen. 

harza f. Hirse (wegen ž s. § 195 b). 

hasl f. Haselstrauch (mkl. kazl; vgl. § 194). 

haspl f. Werkzeug zum Aufwickeln des Garns, besteht aus drei Stäben 
(s. hęspə). 

hatšíi Interjektion des Niesens (s. Ph. Lenz, Zs. f. hd. Maa. I, S. 138 ff.) 

hauə f. sg., ursprünglich wohl pl., Schläge, Hiebe, Prügel. 

haavəreetə f. ältere Form für hoovareeta (s. d.). 

haaviia und haviia f. Weihe.! 

haavik m. Habicht (mnd. havek, ostfrs. häfke, ags. hafoc). 

heedə f. 1. Hede, Werg (germ. *hazd-jö-, mnld. herde Flachsfaser, ags. 
heorde, ne. pl. hards Werg; s. hard/n; vgl. $ 51 Anm. 2 und Ndd. Jb. 
XXXIII (1907), S. 34, 8 37 Anm. 2); 2. Heide (got. haipi stf.); 3. Heide. 
meist nhd. kaidə (vgl. got. haipnö swf. Heidin). 

heedartl: m. Hederich (lat. hederäcea sc. glecöma). 

hedarn intrans. sich verwirren (rip. [Ägidienberg] kędərə das Haar zer- 
zausen, altm. fərhidərn; zu Hader; vgl. Fri. kedorn 1. hadern, zanken. 
zerren; 2. zusammenhaften, wirr werden). 

-heea f. Verlangen, Lustgefühl (prign. kööz m. Behagen, Freude < as. hugi 
m. Gedanke, Gemüt; interessant ist die Bedeutungsentwicklung im 
old. kööga Hochzeit; über den Geschlechtswechsel vgl. $ 365, 1b; dazu 
jeheean). | 

heeft n. Haupt (nur zur Bezeichnung eines Stückes Vich: heeft fee; mnd. 
höved, got. haubip). 

heekar m. Höker, Kleinkrämer (von mnd. *hoken hocken; mhd. hucke m.) 

heekarn als Krämer Waren, besonders Eßwaren verhandeln. 


m nn mn nn 


! Fr. Ad. Löffler, Ut'n Hangbuttenstrakh, S.104, bietet Hortieen® pl.; im Oder- 
bruch Aoorei. Hoefer, Märk. Forsch. I, 8.156 führt aus der Prignitz an haikwerhe". 
d. h. phon. kaaikraia. Diese letzte Form erklärt alle vorbergehenden als mnd. * havekwie. 


\ 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 87 


heekl f. Hechel (mnd. hekele f.; mhd. hechel und hachel LU 

heekin 1. hecheln (schon as. ihekilöd gehechelt, 5. Stadium der Flachs- 
bereitung); 2. häkeln (beides wahrscheinlich identisch und zu mhd. 
hecchen, hecken stechen, besonders von Schlangen); 3. brünstig sein 
(nur von Ziegen; Iterativ zu mhd. hecken fortpflanzen, vgl. mhd. hagen 
m. Zuchtstier und me. hacche, ne. hatch die Brut). 

heks! n. Häcksel (mit dem Kollektivsuffix -se! aus hacken gebildet). 

hela f. 1. Hölle, 2. Platz hinter dem Ofen (uckerm. Ahel in derselben Be- 
deutung; hier liegt, wie das Uckerm. beweist, keine Entrundung vor; 
beide Wörter sind im Grunde nicht zu trennen, sie gehören zur 
Wurzel hel hüllen). 

helie ausgedörrt, dürr, matt vor Durst (mnd. hellich ermattet, durstig, 
mhd. hellic erschöpft, vgl. nld. behelligen). 

hemp m. Hanf. 

hemparliyk m. Hänfling, fringilla cannabina. 

henska, pl. -n m. Handschuh (< *hendeskôh, wohl das einzige Wort, 
welches das alte k in der Verbindung sk erhält, jedoch ist ungestörte 
öntwicklung unwahrscheinlich; Nebenform hansə. Warum hkenškə nicht 
Diminutiv sein kann, s. im § 382, 3; Fri. kanškə m.). 

heyl m. Henkel (mnd., mhd. hengel). 

herdə m. Hirt (as. pl. hërdòs). 

heernmuus m. Sumpfschachtelhalm, equisetum palustre (in Za. kęermuus, 
Fri. kharmus?, hērmös?’, danach zusammengesetzt aus mnd. *here [vgl. 
mnd. herwen herbe machen], mhd. here, flekt. herwer herb [auch hare, 
harwer] und mnd. môs). 

heert TL 1. Herde, Haufen; 2. Menge, Masse (ebenso Düsseldorf Aeei f. in 
beiden Bedeutungen; nmk. heerdo Nebenform nur für die 1. Bedeu- 
tung; der e-Abfall ist sehr beachtenswert, aber in seiner Bedeutung 
noch nicht ganz aufgeklärt). 

hespə f. 1. Türangel (mit dem alten Stammvokal tritt noch das dim. haspl 
Garnwinde auf; mnd., mhd. haspe, hespe f. Türangel, Garnwinde; das 
Wort ist in dieser Doppelbedeutung gemeingermanisch); 2. (mit Be- 
deutungsübertragung, wobei *Aesa verdrängt wird) Hechse, Kniebug 
des Pferdes (diese Übertragung auch bei Stro. und im Prign.). 

heeš heiser (as. hès, mhd. heis, heise und heiser, mnd. hösch, heisch; 
md. [obers., thür.] keešər, danach die nhd. Form heischer des 17. 18. Jhs.; 
wstf. hoisk, uckerm. hees, hpom. hais, Fri. hees, ndld. heesch. Der 
Annahme, $ sei durch das Slavische eingeführt worden, widerspricht 
die weite Ausdehnung dieses Lautes und vor allem das Auftreten von 
sk im Wett: danach ist die Vermutung des $ 196 richtigzustellen). 


(Fortsetzung folgt.) 


88 Carl Müller. Entgegnung. 


Entgegnung. 

Die Besprechung der 1. Lieferung des Wörterbuchs der obersächsischen und 
erzgebirgischen Ma. in dieser Zs. 08, 375 f. muß den Eindruck erwecken, als sei in 
diesem Werke in sträflicher Leichtfertigkeit und Übereilung ein großer Aufwand schmäh- 
lich vertan. Zwar habe ich im Vorwort das Bewußtsein mancher Unvollkommenbeiten 
ausgesprochen, die aus der Entstehungsweise sich erklären, auch mögen Versehen und 
Unstimmigkeiten sich finden, wie in jedem größeren Werke dieser Art, aber um solcher 
Fehler willen braucht sich das hohe Roß der Wissenschaft nicht aufzubäumen. Vollends 
der Vorwurf schwerer Mängel in bezug auf Planmäßigkeit, Vollständigkeit und Richtigkeit 
kann nur aus mehrfacher Verkennung der Tatsachen heraus erhoben werden. Über die 
Behandlung der Ortsangaben gibt die Einleitung die nötige Aufklärung; wenn Literatur- 
nachweise als Ersatz für Ortsangaben angesehen werden, so ist daran nur die Nicht- 
beachtung der sie einführenden Abkürzungen (vgl., 8.) schuld, die doch nicht bedeutungslos 
sind. Angaben wie: bei Wurzen usw. sind nicht nur praktischer, sondern auch genauer 
als nordwestmeißnisch usw. Über den Geltungsbereich der auf Köhler zurückführenden 
Angaben gibt das Literaturverzeichnis Auskunft. — Die Anordnung entspricht neben 
Erwägungen, wie sie auch H. Fischer in der Einleitung zum schwäb. Wb. anstellt, der 
Notwendigkeit, dem einheimischen Laien die Auffindung seiner Ausdrücke zu erleichtern, 
am wenigsten durfte das 1. Heft ihm Enttäuschungen bereiten. Daß mit der Aufführung 
der (mit an, auf, aus) zusammengesetzten Zeitwörter unter A die der einfachen Wörter 
erledigt sein soll, ist eine willkürliche Annahme, die nicht nur durch den Hinweis S. IV 
widerlegt wird, sondern auch durch die Tatsache, daß der »Sprachforscher« bereits im 
1. Heft die Stammwörter als Stichwörter behandelt findet — selbst solche, die der Ma. 
nicht eigen sind. Wie kann man aus dem 1. Hefte folgern oder gar beweisen, daß Aal 
und Alaster nicht unter Elster, Backmule nicht unter Mulde, Fipschen nicht im F 
zu finden sein wird? (Dort natürlich mit dem Hinweis auf Pfockel, nicht Pforkel!). Berre- 
prätsch freilich wird »man« unter Birne vergeblich suchen — einfach weil es damit wie 
überhaupt mit dem Schriftdeutschen nichts zu tun hat; man müßte doch wenigstens noch 
brätsch abwarten. Andrerseits sind viele obersächsische Formen so leicht in die schrift- 
deutsche umzusetzen, daß die Anführung der letzteren nur leidige Peinlichkeit verriete 
(z. B. bei beherbrigt). Die (nicht mühelose) Zusammenstellung von sinnverwandten und 
auf ähnlicher Bildungsweise berubenden Ausdrücken schließt doch nicht aus, daß jeder 
einzelne noch an seinem Örte angeführt wird: bereits im 1. Heft findet sich: anbatallcht, 
angebieselt, angeprescht kommen unter den Stichwörtern batallchen, bieseln, anpreschen. 
Wo ist hier »volle Willkür« eingerissen? Und ist es vielleicht ein Beweis von Wissen- 
schaftlichkeit, wenn die Besprechung S. 376 f. hinsichtlich der lautlichen Darstellung 
völlig über die Tatsache hinweggeht, daß mein Verzicht auf eine solche sich nur auf 
die Beispielsätze erstreckt, und zwar nach dem Vorgange H. Fischers in schwäb. Wb.? 
(Sogar Beschreibungen von Mundarten werden für Nichtgermanisten eingerichtet, s. das- 
selbe 4. Heft der Zeitschrift!) Daß auch die Stichwörter nicht durchweg in Lautschrift 
wiederholt sind, liegt in der Natur der Dinge: wie oft stimmt die obersächsische Aus- 
sprache, deren Abweichungen übrigens zu Anfang der einzelnen Buchstaben erörtert 
werden, mit der allgemein üblichen überein! Dasselbe gilt von den Angaben über die 
Abwandlung und die Geschlechtsbezeichnung; etwaigen Zweifel hebt öfters ein Beispiel. 
bei Pframpf der Hinweis auf Pfampf usw. Mitunter beruht allerdings die Weglassung 
solcher Angaben zwar nicht auf einer »Mißachtung der elementarsten Anforderungen«, 
sondern auf der Mangelhaftigkeit der Quellen: im Zweifelsfalle ist doch wohl Nichtangabe 
richtiger als Durchführung eines Schemas auf unsicherer Grundlage. Zudem beschräuke 
ich mich überhaupt auf die Erscheinungen, die in irgend einer Hinsicht vom Schrift- 
deutschen abweichen (S. IV) oder irgendwie zur Ergänzung des D. Wb. beitragen (S. IV). 
Ohne solche Beschränkung wäre das obersächs. Wb. überhaupt nicht möglich geworden. 
Kenner der Verhältnisse stimmen auch der landschaftlichen Beschränkung zu; durch die 
gleichzeitige Behandlung der Ma. des Vortlandes und der Lausitz wäre doch die Last 
der Arbeit für die einzige Kraft nur vermehrt worden! Bochmes Vorarbeit (s. S. XH 


Schluß wort. 89 


übrigens bot für das 1. Heft kein halbes Dutzend Artikel; zu »Seitenblicken auf die 
obersächs. Harzma.« war überhaupt noch keine Gelegenheit. — Daß die angeratene weitere 
Ausgabe von »Probeheften«e nicht nur unbequem, sondern zwecklos gewesen wäre, ist 
im Vorwort gesagt, an das sich doch die Besprechung ebenso wie an einseitig aus- 
gewählte Stellen der Einleitung aulehnt. — Was die über die Zeitfrage abgegebene Mei- 
nung anlangt, so konnte ein Blick auf die Literaturübersicht den Schluß ermöglichen, 
daß meine Beschäftigung mit dem dargebotenen Stoffe nicht erst vom Zeitpunkte des 
Aufrufs zur Sammlung an zu rechnen ist. FEbensofern wie es mir trotz Lessings Aus- 
spruch liegt, mich »meines Fleißes zu rühmen«, ebensowenig äußere ich eine Meinung 
über die Zeit, die die Vorbereitung einer gerechten Bücherbesprechung erfordert. 
Dresden-Strehlen. Carl Müller. 


Schlußwort. 


Vorstehende Entgegnung 
vermag in keiner Weise meine Überzeugung, daß es dem Wörterbuch der obersäch- 
sischen Mundarten an Planmäßigkeit, Vollständigkeit und Richtigkeit gebrechen wird, 
zu orschüttern. Ich hatte u. a. die Unbestimmtheit der Örtsangaben bemängelt, muß 
jedoch offen einräumen, daß ich den in der Entgegnung enthaltenen Satz (Z. 10 ff.) betr. 
der Literaturnachweise nicht ganz verstanden habe; jedenfalls kann ich ihn nicht als 
eine Widerlegung auffassen. Über den Geltungsbereich der auf Köhler zurückführenden 
Angaben soll das Literaturverzeichnis Auskunft geben. Was finden wir aber unter 
Köhler (S. IX)? »M. Joh. Fr. Köhler, Pfarrer zu Taucha bei Leipzig. Obersächs. Pro- 
vinzial- Wörterbuch zur Aufklärung und Erläuterung der in Sachsen üblichen Volks- 
sprache. Eine Beylage zu Adelungs Wörterbuch der deutschen Sprache. Die Sammlung 
ist etwa von 1780 an entstanden und reicht bis 1819«. Das heißt doch den Leser in 
Jen April schicken! Was ferner die Anordnung betrifft, so muß ich ebenfalls bei 
meinem Tadel verharren. Es entspricht sicher nicht methodischen Grundsätzen, wenn 
in einem mundartlichen Wörterbuch derselbe Ausdruck einmal in seiner mundartlichen 
Form (Aad, Alaster, Ayelhetsch) und dann wieder in hochdeutscher Gestalt (Elster) nebst 
ınundartlichen Entsprechungen aufgeführt wird. Ebenso unmethodisch erscheint es mir, 
ein zusammengesetztes Wort zweimal zu verzeichnen, einmal nach dem Anfaugsbuch- 
staben in der alphabetischen Reihenfolge und ein andermal unter dem Stammwort: es 
müßte denn sein, daß etymologische Rücksichten mitsprechen. Nach wie vor halte ich 
es für falsch, wenn das Wb. S. 21a angebatallgt (daneben S. GU datallye, batallche, ba- 
talcht) mit ausführlicher Erklärung (»keuchend unter schwerer Last daher kommen«) 
angibt, S. 69b aber diese Erklärung wiederholt und durch ein Beispiel erläutert. Wohin 
führt das? Genügt nicht ein einfacher Verweis auf die Hauptstelle? — Nach welchem 
Prinzip ist denn nun der Wortvorrat angeordnet? Ist die hochdeutsche oder die mund- 
artliche Form bestimmend? lch möchte die Konsequenz und die »leidige Peinlichkeit« 
doch nicht so spöttisch von der Hand weisen. — Auch die Lautbezeichnung war in 
meiner Besprechung als ungenügend gerügt. Mit dem oben durch Sperr- und Fettdruck 
ausgezeichneten Satze in der Mitte der »Entgegnunge scheint der Verf. andeuten zu 
wollen, daß zwar nicht bei den Beispielen, wohl aber bei den Stichwörtern die Laut- 
schrift angewendet worden sei. Der nächste Natz hebt allerdings diese Behauptung teil- 
weise wieder auf. Ein Blick in das Buch tut nun dar, dal die Umschrift bei der großen 
Mehrzahl der Ausdrücke fehlt, so daß ein Fernerstehender hinsichtlich der Aussprache, 
insbes. hinsichtlich des Zeitmaßes der Selbstlaute in stetem Zweifel schwebt. Oder ist 
das Buch lediglich für die Obersachsen geschrieben, die zu ihrem Ergötzen hier ver- 
traute, aber noch nicht gebuchte Eigenwörter wiederfinden sollen? — Wenn meinen Vor- 
würfen bezüglich mangelnder Angaben über Abwandlungsart und Geschlecht entgegen- 
gehalten wird, daß die obersächsische Aussprache [bezw. -Gebrauchsweisee] oft genug 


90 Bücherbesprechungen. 


mit der allgemein üblichen übereinstimme, so ist auch dieser Rechtfertigungsversuch 
mißglückt. Es handelt sich ın erster Linie um Sonderwörter, die der Schriftsprache 
fehlen. wie Achel (Ib), Acke (10), After (11), Anputz, Anputzche, Anreim, Päcks un! 
tausend andere! Ist der Verf. wirklich der Meinung, daß diese Dingwörter den übrigen 
deutschen Stämmen ohne weiteres geläufig sind? 

Wenn die Quellen »mangelhaft« waren, so hatte eben der Verf. die Pflicht und 
Schuldigrkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen. Einen »Zweifelsfalle gibt es einfach 
nicht: jedes Wort, auch jedes Dialektwort trägt sein Geschlecht mit sich herum, so gut 
wie seine Lautgestalt; und es mußte hier unbedingt Vollständigkeit und Richtigkeit er- 
strebt werden, selbst wenn die Nachforschung — einige hundert Postkarten mit Antwort 
erfordert hätte! 

Daß der Verf. von einer Einbeziehung des gesamten erreichbaren vogtländischen 
Wortschatzes abgesehen hat, betrachte ich auch jetzt noch als einen Mangel. Wenn 
hie und da auf Greiz und Werdau Bezug genommen wurde, so konnte ebenso gut da 
benachbarte Reichenbach berücksichtigt werden. Und wenn man Erzählungen und Ge- 
dichte in vogtländischer Mundart ausnutzte, warum verschmähte man die gediegen«. 
wissenschaftlich höchst wertvolle Sammlung vogtländischer Idiotismen, die Böhme in dem 
gedachten Programm bietet? Es ist zwar in der Literaturübersicht angeführt. anschei- 
nend jedoch nicht verdientermaßen ausgebeutet. Nach Ansicht des Verf. lieferte es für 
das erste Heft »kein halbes Dutzend Artikele. Bei einer Nachprüfung fand ich, daß Böhme 
zu folgenden Stichwörtern heranzuziehen gewesen wäre: Aad, Anichle, auf-ähren, auj- 
geletscht, aeırer (üfer), auwer, Partiken, Bilmeschnitter, Biestkloß, Alme, abreißen. 
abschwelken, Sachwormsen (Ameisen) — das sind 13 Ausdrücke! Ob aber ein halbes 
Dutzend oder ein ganzes in Betracht kommt, ist gleichgültig: ich würde als Sammler 
nimmermehr auf eine wissenschaftliche Vorarbeit verzichten, auch wenn sie mir nur einen 
geringfügigen Zuwachs verspräche. 

Die persönlichen Spitzen der »Entgegnung« rühren mich nicht. 

Hildburghausen. Ludieiy Hertel. 


Bücherbesprechungen. 


Die Mundart des Dorfes Wachbach im Oberamt Mergentheim. I. Lautlehre. — Inau- 
gural-Dissertation, verfaßt und der hohen philosophischen Fakultät der Kgl. Bayer. 
Julius- Maximilians- Universität Würzburg zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt auı 
15. März 1906 von Franz Dietzel aus Wachbach, O.- A. Mergentheim. C. A. Wagners 
Hof- und Universitäts- Buchdruckerei, Freiburg i. Br. 1908. 8°. 648. 

Mit großer Freude muß cs gerade in Württemberg begrüßt werden, daß nun end- 
lich auch eine Mundart des fränkischen Teils unseres Landes einen wissenschaftlichen 
Bearbeiter gefunden hat. War doch, wie der Verf. mit Recht hervorhebt, dieses Sprach- 
gebiet früher fast ausschließlich ein Tummelplatz für Dilettanten; denn, abgesehen vou 
Fischers Geographie, bat ihm bisher nur O. Heilig in seiner Grammatik der Mundart des 
Taubergrunds nebenher einige sachverständige Pflege angedeihen lassen.! Von wesent- 
lichem Nutzen wird die vorliegende Arbeit auch für das im Erscheinen begriffene Schan: 

' Sehr unrecht tut der Verf., Heilig diese starke Berücksichtigung der Nachbar- 
mundarten zum Vorwurf zu machen. Denn einmal vermag man — crede experto’ — 
manche Erscheinungen einer einzelnen Ortsmundart nur dann richtig zu beurteilen, wenn 
man auch die Mundarten der weiteren Umgebung kennt. Sodann aber kaun ich nur ver- 
sichern, daß wir bei der Ausarbeitung mancher Artikel des Schwäbischen Wörterbuchs 
in den letzten Jahren an Heilies Angaben über seine S.-Mundart recht froh gewesin 
sind. Heilig konnte ja nicht darauf rechnen, daß jene (iegend verhältnismäßig so bald 
einen eigenen Bearbeiter finden würde. 


Bücherbesprechungen. 91 


bische Wörterbuch sein, das ja dem nichtschwäbischen Württemberg ebenfalls gerecht 
zu werden sucht, wobei aber gerade bei diesen Gegenden die Mangelbaftigkeit des vor- 
handenen Stoffes schon manchmal störend empfunden worden ist. Denn daß Fischers 
Geographie nur ein, freilich ganz unentbehrlicher, erster Aufriß, oder, wie Dietzel (S. 6) 
sich ausdrückt, ein Rohbau ist, war Fischer selbst, wie schon seine Vorrede (S. VII) be- 
weist, von vornherein klar und hat sich mit der Zeit immer mehr herausgestellt.' 

Also für überflüssig wird eine Arbeit wie die vorliegende wohl kein Einsichtiger 
halten. Und daß Dietzel der rechte Mann für ein solches Unternehmen war, das würden 
mir wenigstens schon seine einleitenden Bemerkungen erweisen: wer mit so von Herzen 
kommenden Worten wie der Verf. (S.?f.) das gute Recht ländlicher Sprache, Sitte und 
Art gegenüber dem »hochfahrenden Städter«e und seiner »eitlen Selbstüberhebung« ver- 
fichbt, der hat mehr als einer das Zeug, den Landleuten nahe genug zu kommen, um in 
die verborgensten Feinheiten ihrer Sprache eindringen zu können. Im allgemeinen kann 
ich da dem Verf. nur begeistert zustimmen; doch möchte ich folgendes bemerken: 8.9 
teilt Dietzel mit, daß es in Wachbach und Umgegend noch keine Industrie gibt, »so daß 
also die Reinheit der Mundart, wofern Industrie überhaupt eine Gefahr für den Dialekt be- 
deutet, von dieser Seite nicht gefährdet erscheint.< Glücklich der Mann, der so sprechen 
kann! Wer wie der Unterzeichnete schon versucht hat, in Fabrikorten Dialektaufnahmen 
zu machen, der weiß, daß die Mundart keinen schlimmeren Feind hat als eben die Industrie 
mit ihrem leidigen »Pöbelmischmasch «?. — Was den »jüdelnden Ton und Klang« des 
fränkischen Dialekts (8.8) anbelangt, so scheint mir da die Sache grade umgekehrt zu 
liegen: nicht der Franke jüdelt, sondern der (aus Franken nach nichtfränkischen Dialekt- 
gebieten eingewanderte) Jude fränkelt. Wer also z. B. in Hohenzollern aufgewachsen 
ist und den entschieden fränkischen Tonfall der dortigen Juden von Jugend auf kennt, 
dem mag ja allerdings das Fränkische zunächst etwas jüdisch vorkommen. 

Der Verf. sagt (S. 10), er habe u. a. eine Darstellung der früheren Lautverhältnisse 
seiner Mundart zurückstellen müssen, zu der er das nötige Material im Archiv der 
dortigen Grundherrschaft, der Freiherrn v. Adelsheim, zu finden hoffe. In diesem Punkt 
scheint mir seine Methode verkehrt: die urkundlichen Schreibungen in ihrer verwirrenden 
Vieldeutigkeit können zwar häufig nur mit Hilfe der lebenden Mundart erklärt werden; 
umgekehrt aber ist doch der Fall sehr selten, daß aus alten Urkunden irgend etwas 
Sicheres für die historische Lautlehre? einer Ortsmundart zu gewinnen ist. Wie statt 
dessen meines Erachtens die früheren Lautverhältnisse einer Mundart zu erschließen sind, 
dafür darf ich vielleicht ein Beispiel eben aus Wachbach anführen. Dort ist zu einem 
bestimmten Zeitpunkt nach Eintritt der nhd. Vokaldehuung ee (=< mhd. ä ë æ) und Qo 
(<< mhd. a) zu ee und 00, gleichzeitig aber bisheriges ee (< mhd. e) und oo (<< mhd. 
o) zu ej und 9% verschoben worden (s. Dietzel $$ 10, 13, 35; 4; 9; 27).* Daraus ergibt 

! Erst neuerdings wieder hat sich H. Fischer (im Korrespondenzblatt für die 
Höheren Schulen Württembergs 1908, Heft 3) in diesem Sinne geäußert. Vgl. dazu auch 
die Artikel von R. Kapff in der Neckarzeitung vom 11. April 1907, und von F. Veit im 
Schwäb. Merkur vom 12. Juni 1907. Nunmehr besteht gegründete Hoffnung, daß im 
Auftrage der württembergischen Regierung die Mundarten von ganz Württemberg in den 
nächsten Jahren von Ort zu Ort untersucht werden — soweit dies nicht bereits von 
anderer Seite geschehen ist. 

? Ich hatte unlängst Gelegenheit, diese Dinge mit dem Nestor der schwedischen 
Dialektforschung, Prof. J. A. Lundell in Upsala, zu besprechen. Dabei ergab sich, 
daß in Schweden als der bitterste Feind der Mundart der Volksschullehrer gilt. Mag 
sein, daß der Schwede den Einflüssen der Schule im allgemeinen zugänglicher ist, als 
der Deutsche; bei uns trifft das jedenfalls nicht zu. Und dann hat Schweden im ganzen 
doch auch noch wenig Industrie! 

3 Daß für die Formenlehre, und besonders fürs Wörterbuch dabei eher etwas 
berauskommt, gebe ich natürlich gerne zu. In der Lautlehre kann aus urkundlichen 
Schreibungen höchstens etwa die absolute Chronologie einen ferminus ante quem für 
bestimmte Lautveränderungen gewinnen. 

‘ Heiligs Aufstellungen über den allgemeinen Gang der lautlichen Entwicklung der 
ostfränkischen Mundarten ($ 281 f. seiner Gramm. der Ma. des Taubergrunds) setze ich 


92 Bücherbesprechungen. 


sich nun weiter: 1. daß mhd. &@ in Wachbach seinen alten Laut «a« bis weit in die nhd. 
Zeit herein behalten haben muß!: denn wäre die Trübung zu ọọ schon zu dem oben er- 
wähnten Zeitpunkt eingetreten gewesen, so hätte dieses mit dem ọọ < mhd. a zu au weiter 
verschoben werden müssen. 2. aber erhebt sich die Frage, wie die heutigen ee und « 
<< mhd. ê und ô zu erklären sind? Denn hätte mhd. é ð zu dem mehrfach erwähnten 
Zeitpunkt noch ee 00 gelautet, so hätte es mit den ee oo «Z mhd. e o zu er gu werden 
müssen; hätte es aber damals schon ee oo gelautet, so bliebe unerklärt, warum es nicht 
mit den e oo < mhd. ë (ä æ) a wieder zu ee oo geworden ist. Hier bleibt meines 
Erachtens nur ein Ausweg: mhd. é ð muß zur Zeit jener Verschiebung in Wachbach 
denselben diphthongischen Laut gehabt haben, durch den es noch jetzt weiter nördlich 
und östlich (in Heiligs S.- und O.-Maa.) vertreten ist, nämlich es ẹọə. Dadurch wurde 
es natürlich den sonstigen Verschiebungen der langen e- und o-Laute entzogen. Erst 
späterhin, als jenes frühere Lautgesetz nicht mehr wirkte, wurden diese fallenden Diph- 
thonge, entsprechend der gerade den fränkischen Mundarten eigenen Neigung, »gestreckt«, 
d. h. zu ee 00 monophthongiert.” Nur vor Nasal hat sich der Diphthong noch erhalten, 
also tsin < zwên , luon << lön usf.? — So schreibt man die Lautgeschichte einer Mundart. 
nicht aber, indem man aus staubigen Aktenbündeln einen wertlosen Wust von orthogra- 
phischen Varianten zusammenträgt! 

Auch sonst scheint mir der Vf. manchmal etwas zu sehr am Buchstaben, an der 
urkundlich überlieferten Form zu kleben. Hierher rechne ich z. B., daß er § 8 Abs. 1 
sich mit der widerspruchsvollen Schreibung von & und e im Hd. auseinandersetzt: als 
ob der Mundartforscher sich überhaupt um das orthographische Elend unserer Schrift- 
sprachen zu kümmern brauchte! Oder wenn Dietzel $ 65 Büsch die seltsame Behaup- 
tung nachschreibt, »um das Wort leichter ausklingen zu lassen«, werde oft am Schlul 
l angefügt: in kraitl, wartsl, traiwl liegt doch einfach sekundäre Anfügung des Nominal- 
Suffixes -l vor. Der Verf. scheint sich aber darüber nicht klar zu sein, daß es sich Ja 
nicht um eine Erscheinung der Laut-, sondern der Wortbildungslehre handelt: die 
mundartlichen Wörter sind lautlich eben nicht auf das überlieferte mhd. krid., 
wartze, trübe, sondern auf ein zu erschließendes *kridel, *wartzel, *triubel zurück- 
zuführen.* 

Ferner vermissen wir eine zusammenfassende Darstellung der Umlautverhält- 
nisse, sowie einen besonderen Abschnitt über den Vokalismus der unbetonten Silben. 
Wichtige Tatsachen, wie z. B. den gänzlichen Abfall der Endung -ĉ, neben Erhaltung 
von -in als -3, erfahren wir nur gelegentlich. 

Schließlich noch ein paar Einzelheiten. $ 32: tool gebt nicht auf mhd. stål, 
sondern auf stahel zurück und darf daher so wenig auffallen als unser schwäbisches 
staal. — $ 50: knap ist gewiß nicht mhd. genowsre, sondern mhd. *knap, das der mittel- 
alterlichen Volkssprache deshalb noch lange nicht gefehlt zu haben braucht, weil es (nach 
Kluge) zufällig in der mhd. Literatur nicht belegt ist! — Beachtenswert ist ($ 77 Schluß) 


hier als zutreffend und bekannt voraus. Der Verf. hätte sich in diesen Dingen lieber 
Heiligs Methode zum Vorbild nehmen sollen, anstatt sich durch die nichtigen Einwände. 
die in der Besprechung im Lit. Zbl. (1899, S. 630) dagegen erhoben werden, irre machen 
zu lassen! 

ı Also zanz anders als im Schwäbischen, wo die Verschiebung von ahd. ë > & 
zu den ältesten Lautveränderungen der Mundart gehört. 

? Dabei fällt allerdings auf, daß mhd. ve, ie, vo gerade in Wachbach im all- 
gemeinen nicht gestreckt erscheinen. 

® Die zwischen Wachbach und Heiliges p-Mundart hindurchlaufende Grenze 
zwischen ee 009 und ei ome << mhd. č ò ist demnach nichts anderes als die nördliche 
Fortsetzung der ganz Schwaben von Süd nach Nord durchziehenden Grenze zwischen # v2 
und ae ao «Zmhd. € o. Aber man darf freilich nicht an der Oberfläche der heutigen 
Verhältnisse haften bleiben, um dergleichen zu erkennen. l 

3 Ein Gegenstück: in gewissen Teilen Schwabens heißt die Wurzel æuufrjts: hier 
würden dann Leute wie Büsch und Dietzel wohl einen lautgesetzlichen Abfall des 
l am Wortende annehmen. 


Bücherbesprechungen 93 


Sar$ant — Sergeant, weil es eine bübsche Parallele zu frz. chercher bietet. — § 83: 
impeer, das man neben htimpeer hört, ist wohl. ebenso wie das in Schwaben in gleicher 
Bedeutung vorkommende ernpeer, ein ganz anderes Wort, nämlich Ingwer (mhd. ingewër). 
s 114: krap könnte ja schließlich im Anlaut durch Arähe beeinflußt sein; aber die von 
Heiligs angeführte Parallele rıy: kriyl usf. ist jedenfalls sehr beachtenswert, und das im 
Lit. Zbl. dagegen Vorgebrachte so wenig überzeugend, daß es seltsam anmutet, wenn der 
Verf. Heiligs Erklärung mit einem Hinweis auf jene Rezension abtun zu können glaubt. 
All diese Ausstellungen sollen aber nur mein lebhaftes Interesse für die treff- 
liche und nützliche Arbeit des Verfassers dartun, zu der nicht nur er selbst, sondern 
auch die deutsche Mundartforschung zu beglückwünschen ist. Möge es ihm recht bald 
vergönnt sein, auch den II. Teil zu voilenden und an die Öffentlichkeit zu bringen! 
Tübingen. Friedrich Veit. 


Emanuel Friedii, Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums. 2. Band: Grindel- 
wald. Mit 197 Illustrationen und 17 Farbdrucken. Bern, A. Francke, 1908. 

Kaum drei Jahre sind vergangen, seitdem Friedli sein erstes Werk über Bärndütsch 
iLützelflüh) in die Welt sandte. Nun läßt er über Grindelwald einen 2. Band folgen, 
der dem ersten an Gediegenheit durchaus nicht nachsteht. Es ist zu verwundern, mit 
welchem Fleiße er in der kurzen Zeit den mächtigen Stoff anzusammeln und zu verar- 
beiten verstand. Die Anlage hat sich nicht schablonenmäßig an die einmal gegebene des 
l. Bandes angelehut, doch blieben im ganzen die Gesichtspunkte dieselben. Es wird uns, 
wie das Vorwort hervorhebt, »ein Bild bernischen Volkstums im Rahmen einer einzelnen 
Gemeinde und mit ausgiebiger Verwendung der örtlichen Mundart« geboten. So wird 
vor allem das Schweizer. Idiotikon mit seinen noch ausstehenden Teilen den größten 
Vorteil von Friedlis Werke haben. Auch für die kommende grammatische Darstellung 
der Mundarten der Schweiz werden die Bände Lützelflüh und Grindelwald feste 
Handhaben bieten. Denn das muß hervorgehoben werden, daß Friedli gründliches phone- 
tisches Rüstzeug besitzt und seine Wiedergabe der Laute zuverlässig erscheint. Zustatten 
kam ihm bei der Erforschung von Grindelwald die Unterstützung einer Reihe von Mit- 
arbeitern und nicht in letzter Linie der Berner Regierung, an der manche deutsche sich 
ein Muster nehmen könnte. 

Friedli behandelt auf 700 Seiten Grindelwalds Bergwelt (Gletscher, Lawinen, Schnee, 
Föhn usw.), Grindelwalds Himmel, Wetter und Klima, Alpenwald, das Gehege, das 
\svicht (den Viehstand), Haus und Häuslichkeit, Verkehr, Eigentum, Phantasie, Märchen usw., 
Kirche und Welt. Man wird hier leicht manche Lücke finden und hat dies auch in Be- 
sprechungen schon öfter hervorgehoben. Spiele, Lieder, das Jahr und seine Feste, viele 
Seiten des Aberglaubens sind nicht. behandelt. Doch verspricht die Einleitung, daß diese 
Lücken ausgefüllt werden. Schweizerische Volkslieder werden ja ohnedies von anderer 
Seite mit großer Mühewaltung und großem Erfolge gesammelt. 

Für unsere Mythologie von großer Bedeutung ist vor allem der Abschnitt über 
Märchen, Sage und Geschichto. Hier zeigt es sich, daß im Gebirge sich uralte germa- 
nische Vorstellungen erhalten haben. Bei der Besprechung der drei Mareien wäre noch 
auf Rochholz’ Abhandlung hinzuweisen. Ein eingehendes Werk hierüber hat G. Züricher 
in Aussicht gestellt. Zur deutschen Namenkunde liefern der Abschnitt »Heilige Namen 
und profane Deutungen« viel neuen Stoff. 

Ein sorgfältiges Inhaltsverzeichnis erleichtert die Benutzung des Werkes. 

Vom Verlage ist der 2. Band wie der 1. geradezu prächtig ausgestattet, kaum 
wird ein volkskundliches Werk sich mit ihm darin messen können. 

Hoffentlich gelingt es dem Verfasser in seinem rastlosen Streben, auch den 3. Band 
»Guggisberg«), mit dem er jetzt beschäftigt ist, bald zum Abschluß zu bringen. Einer 
freudigen Aufnahme wird auch er gewiß sein. So wünsche auch ich dem Verfasser, 
daß er's megi gfäcknen«. 

Lörrach. Othmar Meisinger. 


94 Bücherbesprechungen. 


Haller Doovelich, Erzählungen, Gedichte und Redensarten aus alter und neuer Zeit iu 
Hällischer Mundart. Gesammelt und herausgegeben von Wilhelm German. Hall, 
Germans Verlag. 2. Auflage. 1,50 Mk. 

Atsch Gäwele, Allerhand Lustichs und anders aus’m Frankeland. Hall, Germans Verlag. 
2. Auflage. 2 Mk. 

Wer Hohenloher Art in anschaulicher Weise kennen lernen will, der möge die 
»Geschichtlich und Gedichtlich« lesen, die German in den beiden Sammlungen Haller 
Doovelich und Ätsch Gärele erscheinen ließ. Das zweite Bändchen enthält daneben noch 
Lustiges aus den Oberämtern Öhringen, Crailsheim, Gaildorf, Gerabronn, Heilbronn. 
Künzelsau, Mergental, Neckarsulm und Weinsberg. Es ist ein reiches Bıld echten, 
gesunden Humors, das uns hier entfaltet wird. Der Verleger German selbst zeigt sich 
in vielen Beiträgen als trefflichen Erzähler und guten Kenner des heimischen Volks- 
tums, vor allem der Salzstadt Hall. So wird gerade der Volksforscher aus den Haller 
Doorelich reiche Belehrung schöpfen können. Die Wiedergabe der Mundart scheint. 
soweit ich es beurteilen kann, zuverlässig zu sein. Sie bietet viel Interessantes; besonders 
auffallend sind die Dehnungsverhältnisse, die einer genauen Erforschung wert wären. 
Häufig dürfte es sich empfehlen, weiter zu gehn in Erklärung der Dialektwörter, da die 
Gedichte doch in weiteren Kreisen Verbreitung finden werden und gefunden haben. So 
vermisse ich eine Erläuterung zu S. 10 Goore (Garn), zu S. 11 Narre, das im Volks- 
mund auch im Wachstum zurückgebliebene Zwetschge bedeutet, zu 8.16 Lerfiedle, zu 
S. 26 Gollliacht. Sollte S. 20 unten nicht 4’ Simbelsfranze zu schreiben sein, oder ist 
der Artikel hier angewachsen, wie in Nast? 

Den Schluß der Sammlung bilden kernige Sprüche »der Siader«, Sprüche auf 
Teller und Bettladen, Häuserinschriften, Tanzlieder, die sich ähnlich auch im nördlichen 
Baden finden. ` 

Die. Sammlung Atsch Gäwele enthält neben Dichtungen Germans reiche Beiträge 
älterer und jüngerer Dialektdichter. Neben manch wenig Bedeutendem finden sich Ge- 
dichte ernsten Gehaltes in echtem Tone des Volkslieds, ich hebe vor allem die Beiträge 
von Th. Bechmann und H. Sausele hervor. Es zeigt sich hier, daß die Schwaben eben 
eine große Überlieferung des Volksliedes haben. 

Altes Volksgut enthalten die »Rüwwlinger Straach«, von German erzählt, es sind 
Schildbürgerstreiche, ferner die Schelmenstücke »vum Päter Düssebach«. Feinern Humor 
enthalten die Erzählungen eines alten Gaildörferss. Den Schluß bildet ein Lustspiel von 
Noopf (Heilbronn), das sich wohl zur Aufführung auf kleinen Bühnen eignet. Es wäre 
zu begrüßen, wenn auch die Schwaben auf dem Wege zu einem landständischen Theater 
weiter schritten. An Bemühungen von vielen Seiten hat es in letzter Zeit nicht gefehlt. 
Auch in diesem Bande könnten manche Dialektwörter noch erläutert werden, so 8.112 
saafeln, 8. 82 Gaichel (ein beliebtes Spiel, außerhalb von Württemberg wenig bekannt). 
Verdruckt ist die Stelle S. 120: 

sticht doo noch schnell 
In ihr Gsangbuch mit Respell. 


Es muß heißen saugt re Spell, d. h. mit einer Stecknadel. 

Den beiden gut ausgestatteten Bändchen ist zu wünschen, daß sie recht weite Ver- 
breitung finden und besonders in den nordschwäbischen Landen dazu beitragen, den Sinn 
für die echte Art der Heimat zu stärken. 

Lörrach. Othmar Meisinger. 


Arno Schlothauer, Dear Rühler Kirchenstriet. Volksstöck in fönf Akten mit 
Saangk un Taanz. Ruhla, Heimatverlag des Museum -Vereins. 

In der Mundartliteratur Thüringens nimmt der durch seine Lage und Industrie, 
seinen Sagenreichtum und eigenartisen Menschenschlag auch sonst berühmte Ort Ruhla 
eine bedeutende Vorzugsstellung ein. Dort isf einerseits die mundartliche Produktion schon 
sehr früh rege gewesen und mit Ludwig Storch. einem vortrefflichen Heimatpoeten, auf 


u 


Bücherbesprechungen. 95 


eine außerordentliche Höhe gelangt, andrerseits hat die wegen ihres halb hennebergischen, 
halb tbüringischen Gepräges sehr merkwürdige Mittelmundart ebenso früh auch die Be- 
achtung der Wissenschaft und durch Karl Regel eine bekannte, eingehende Würdigung 
und Darstellung gefunden. Seit einigen Jabren hat »die Ruhl« nun wieder einen be- 
rufenen, Storch ebenbürtigen Heimatdichter, der nach einigen kleineren dramatischen 
Versuchen in dem oben gevannten, unter großem Beifall mehrfach in Ruhla aufgeführten 
Volksstücke ein getreues Bild von dem Leben und Treiben in seiner Heimat und ihrem 
kernigen Volkstume entwirft. Neben der Bühnenwirksamkeit und der scharfen Charakter- 
zeichnung verdient auch vor allem die Wiedergabe der Mundart, obwohl die veraltete 
Schreibweise etwas störend wirkt, und die große Fülle volkstümlichen Sprachgutes, die 
hier geboten wird, vollste Anerkeunung; dem zukünftigen Thüringer Idiotikon wird bier 
eine neue, reich sprudelnde Quelle geboten. Beigefügt sind außerdem einige interessante, 
ortsgeschichtliche Nachweise, eine etwas dilettantische Besprechung des Lautcharakters 
der Mundart und ein kurzes Wörterverzeichnis. Alles in allem ist das Werkchen eine 
recht wertvolle Bereicherung unsererer Volksdichtung. 


Kassel. l A. Fuckel. 


Albert Heintze, Die deutschen Familiennamen geschichtlich, geographisch, sprach- 
lieh. Dritte verbesserte und sehr vermehrte Auflage, herausgegeben von Dr. P. Cas- 
corbi. Halle a. S., Waisenhaus, 1908. 8°. 2805. 7 Mk. 


Noch bei Lebzeiten hat der hochbetagte, verdienstvolle Verfasser des in dieser 
Ztschr. 1904 8.220 f. in zweiter Auflage besprochenen ausgezeichneten Buches den nun- 
mehriren Herausgeber mit der Vollendung einer Neuauflage betraut. Er selbst hatte den 
Namenvorrat bereits um rund tausend abermals vermehrt und die Formen der altdeutschen 
Namenstämme der zweiten Auflage von Förstemanns Nainenbuch angepaßt. Die gleiche 
Zahl etwa hat dor Herausgeber noch eingereiht, so daB der Beisatz im Titel »sehr ver- 
mehrt« wohl berechtigt ist. Aber auch sonst ist bei aller pietätvollen Schonung des ur- 
sprünglichen Textes manche vorteilhafte Veränderung vorgenommen. Io dem neu ein- 
»efügten Verzeichnis der benutzten Schriften vermißt man Tobler- Meyer, auf den allerdings 
im Text (z. B. S 111 u. 118) öfter hingewiesen wird, und vor allem Chr. Schnellers 
Innsbrucker Namenbuch. Fremdwörter sind, wo es anging, weiterhin ausgemerzt, so 
daß auch das »Namenlexikon« jetzt als »Namenbuch« erscheint. In der Abhandlung hat 
der Abschnitt über die Verteilung der Geschlechtsnanin aın meisten Veränderung er- 
ıshren; man wird sagen dürfen, daß der Charakter der Namen, wie er sich in den ver- 
schiedenen Gauen deutscher Zunge zeigt, jetzt voll befriedigend geschildert ist. Einer 
kleinen Nachhilfe bedürfte höchstens noch das bajuwarische Land, wofür gerade Schneller 
gute Anhaltspunkte böte. Wenn S. 83 gesagt ist, in München habe man die e und ö 
für gleichbedeutend gehalten und daher bald Beck bald Böck geschrieben, so trifft dies 
nicht ganz das Richtige. Der Umlaut von » ist im Altbayerischen ziemlich breit: die 
Kepf, die Hef. Ein gerundetes ö vermag der richtige Altbayer überhaupt nicht zu 
sprechen; ich habe mich mit Schülern oft vergeblich bemüht, ihnen das beizubringen 
(vgl. übrigens ergötzen, Löwe usw.). Was S. 36 von den Bildungen auf -er gesagt ist, 
die vom ersten Besitzer entlehnt, an dem Grundstück (Hof) haften blieben und auf die 
Nachfolger übergingen, das gilt auch von Altbayern. Und wenn Steub, Obd. Fam.-N. 
3.68 annimmt, daß z. B. die Raßler auf einem Hofe sitzen, der einst einem Rassel ge- 
hörte, so kann ich das nachweisen an noch lebenden Hausnamen, deren umfassendere 
Sammlung noch manche Aufklärung in die Namengebung bringen könnte. No gehört 
z. B. ein Hof »zum Heißer« 1650 einem Georg Heiß, ein »Zechere einst einem Zech, 
ein »Donisere einem Dionys Deininger, der »Doreser«e einem Dores (.-- Isidor) Fichtl, 
ein »Merxler«e dem Marx (== Markus) Ried, ein »Fränzler« dem Franz Fichtl oder der 
Hof »zum Gredler« liegt an der Grede (= Treppe), der »Stiegler« an der Stiege (1650 
uf der Stieg) usw. — Die schwäbischen Verkleinerungsnamen wechseln bis ins 15. Jahrh. 
herein mit der Endung, so daß also die gleiche Person bald als Häberlin bald als Häberle 


96 Presaun (eine Umfrage). 


-© erscheint; seltsamerweise wird die weibliche Form dazu auf -lerin gebildet: also »die 
Frau Häberlerin«. 

Was 1904 zur Aufnahme empfohlen wurde, findet sich gewissenhaft nachgetragen. 
Für künftig seien auch diesmal wieder mehrere Berufsnamen beigesteuert: der Ammanin) 
war in den Reichsstädten die höchste Richterperson; auch die Dorfschulzen führten bis 
ins vorige Jahrhundert herein diese Benennung. Beim Stadtrat tat Dienste der Amts- 
knecht; Roßknecht erklärt sich von selbst. Bleicher ist der Besitzer einer Tuch- 
bleiche, Schleifer (»saricwlarius«) der einer Schleifmühle, Eisenmann und Eisen- 
meister heißt der Büttel an Gefängnissen; der Nestler macht Nesteln oder Bänder. 
der Ringler oder Ring(el)macher Beinringe. Ungeolter (seructor«) ist der Ein- 
nehmer der »Ungelt« genannten Abgaben auf Lebensmittel. In dem Namen Bedall dürfte 
sich die lateinische Bezeichnung pedellus erhalten haben. 

Der Druck ist äußerst sorgfältig; an Druckfehlern konnte ich nur zwei Punkte 
entdecken: des Deutschen Reiches südlichster Gau heißt Allgäu, nicht Allgau. Die 
äußere Form ist gediegen und vornehm. Das Buch empfiehlt sich selbst. 

Memmingen. Julius Miedel. 


Presäut. 


Eine Umfrage. 


Das französische Wort prison, Gefängnis, kommt in mehr als einer Mundart 
Deutschlands vor, z. B. in der rheinpfälzischen: duch wird es hier nur mit scherzbafter 
Färbung gebraucht und gehört zu den Lehnwörtern aus dem Französischen, die bereits 
dem Absterben nahe sind. Auch im Wortschatz dor Mundarten Bayerns treffen wir es 
an, vgl. Bayr. Wbch. I, 471: »Die Presön, Presaun, la prison (mhd. prisûn Benecke- 
Müller II, 533, vgl. Diez, Wbch. 273) Gefängnise. »Presuna, presawn Clm. 5877 (von 
1449), f. 135. Prisawn, Cgm. 714, f. 193. Diefenbach 458a (Nürnberg, Hsl.), Ver- 
wahrungsort der Irren, Irrenhaus«. Wo kommt das Wort jetzt noch in dieser 
Bedeutung vor? Darüber liest man bei Schmeller-Frommann nichts. Mehrere biesige 
Herren, geborene Altbayern, die ich hierüber befragte, erklärten noch nie etwas davon 
gehört zu haben, daß presaur Irrenhaus bedeute. 

Auf eine andere merkwürdige Bedeutung des Wortes machte mich Herr Sanitätsrat 
Dr. Niedermeier dahier aufmerksam. Ich gebe seine Mitteilung im Wortlaut wieder: 
»Mir ist es. als ich in der südwestlichen Oberpfalz meine ärztliche Praxis ausübte. 
häufig vorgekommen, daß ich auf meine Frage: »Wo ist heute die Bäuerin?« die Ant- 
wort erhielt: »0s (= ‘es’ statt ‘sie’ von der Frau gebräuchlich, ebenso in der nörd- 
lichen Rheinpfalz; es schwebt dabei vor: "das Weib‘) is in da (der) presaun, d.h. im 
Kindbette. In der Bedeutung »Gefängnis« oder »Irrenhaus« kennt Jas dortige Land- 
volk das Wort nicht. 

Begegnet man dieser Bedeutung des in Rede stehenden Wortes vielleicht noch in 
einer andern Gegend Deutschlands? Hiermit läßt sich etwa vergleichen der studentische 
Ausdruck »Korb« in der bekannten Redensart »im Korb liegen», oder »Käfig«e: so nennt 
Bruder Martin in Goethes »Götz von Berlichingen« das Kloster (»Wenn ich wieder in 
meinen Käfig zurückkehren muß«). 

Regensburg. Philipp Kerper. 


Die Mundarten des Grossherzogtums Hessen. 


Von Hans Reis. 
(Fortsetzung.) 


Ersatz von b und f durch vw, 


Die Entwicklung, die das alte einfache ?, ferner die Laute d, b, o, 
ch und das altgermanische f zwischen zwei Vokalen eingeschlagen haben, 
muß im Vergleich mit der Schriftsprache ebenfalls als eine entschiedene 
Abschwächung bezeichnet werden. Alle diese Laute erscheinen so sehr 
geschwächt, daß sie meist durch die ihnen am nächsten stehenden Halb- 
vokale ersetzt, zum kleineren Teil sogar vollständig ausgefallen sind. So 
erscheint w an Stelle von 5 und urdeutschem f, an Stelle von d und { 
tritt r, und j oder ein kaum hörbarer Übergangslaut steht für schrift- 
deutsches g. 

Unter allen diesen Lauten ist w an Stelle des schriftdeutschen A 
wahrscheinlich bereits im ältesten Deutsch vorhanden gewesen, so daß 
auch hier die Mundart den ursprünglichen Bestand wiedergibt. Vgl. 
Gaww'el (Gabel), gewwe (geben), hawwe (haben), hewe (heben), lewe (leben), 
Lewwer (Leber), lowe (loben), newer (neben), Newwel (Nebel), Rawe 
(Raben), Rewe (Reben), owwe (oben), klewe (kleben), drowwe (droben), 
schiewe (schieben). 

Auch zwischen Vokal und Halbvokal steht w und nicht b: Vgl. 
halwer (halber), selwer (selber), salwe (salben), Kelwer (Kälber), sehderwe 
isterben), Kerwelsupp (Kerbelsuppe), Kerwer (Körber), Erwet (Arbeit). 

Scheinbar steht w für b auch im Auslaut, z. B. haw ich (habe ich), 
glaw ich (glaube ich), ich haw en (ich habe ihn). In Wirklichkeit steht 
w auch hier im Inlaut; denn das zweite Wort hängt inhaltlich mit dem 
ersten eng zusammen und wird ohne die geringste Pause an dieses an- 
gefügt. Diese zwei Worte werden also gesprochen, als ob sie nur ein 
Wort wären; dann aber steht «“ tatsächlich im Inlaut zwischen zwei 
Vokalen. 

An Stelle des urdeutschen f im Inlaut erscheint w in Owe (Ofen), 
Kewwer (Käfer), Zweiwel (Zweifel), verzweiwele (verzweifeln), Schiwwer 
(Schiefer). Auch die Wörter Kewwig (Käfig), Schdiwwel (Stiefel), Duiwel 
(Teufel), welche romanischen Sprachen entlehnt sind, seien hier erwähnt, 

Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 7 


98 Hans Reis. 


ferner das in einigen Landgemeinden noch vorkommende boriwes, das 
aus Dorf entstanden ist. Auch in den Wörtern Hafer, Schwefel, Hefe, 
die im Mittelhochdeutschen b haben können und insofern schon oben 
hätten behandelt werden dürfen, muß w gebraucht werden; vgl. Hawwer, 
Schwewwel, Hewekuche. 

So steht w im Wortinnern zwischen zwei Vokalen für 5 und f. 
während letztere im Auslaut und vor Konsonanten sich finden. In den 
Formen desselben Wortes kann daher w mit b und f wechseln; es steht 
neben Owe (Ofen) die Verkleinerungsform Efche, Fürbehe neben Faru. 
gibt, geb neben gewwe, lebt neben lewe usw. Nach Analogie dieser 
Formen wurden nun auch zu Wörtern mit ursprünglichem ze Formen 
mit b oder f gebildet; so steht b in Leeb für Löwe und f in Pilf für 
Pfühl (früher pfülwe). Durch eine ähnliche Analogiewirkung ist f in 
vielen Worten durch b verdrängt worden; so heißt es Ebche für Öfrhen 
in der Nähe von Mainz, und in Oberhessen finden wir Hob für Hof, Heb 
für Höfe, Bräib für Brief und Hub für Huf.! 

Von dem urdeutschen f ist jenes f streng zu scheiden, das sich im 
Althochdeutschen aus p entwickelt hat. Dieses f ist in dem ganzen 
Mundartgebiet von Mittel- und Oberdeutschland durchgedrungen, und in 
den Worten schlafen, laufen, pfeifen, Seife, schleifen, saufen, Affe usw. 
unterscheidet sich das mundartliche f nicht im geringsten von der Schrift- 
sprache. Noch im Mittelhochdeutschen werden diese beiden Laute ver- 
schieden geschrieben — an Stelle des alten p erscheint f, an Stelle des 
andern Lautes v —, und daraus geht hervor, daß auch damals diese 
beiden Laute verschieden gesprochen worden sind. 

Bei dem Übergang von der Mundart zur Schriftsprache hat sich 
w für b in weitestem Umfange noch erhalten, dagegen ist es zugunsten 
des schriftdeutschen f schnell und leicht beseitigt worden. Die diese 
Mischsprache Sprechenden sitzen also newe dem Ofe (neben dem Ofen). 
Die Ursache für diese Verschiedenartigkeit dürfen wir zum Teil darin 
finden, daß der schriftdeutsche Laut f schärfer gesprochen wird und 
mehr ins Gehör fällt als d; das Nichtvorhandensein von f wird also von 
dem, der schriftdeutsch sprechen will, störender empfunden, als das von 
b, und daher wird auch das schriftdeutsche f an Stelle eines ihn ver- 
tretenden mundartlichen Lautes eher treten als b. 

Der altgermanische Laut v findet sich für b fast im ganzen deutschen 
Sprachgebiete; nur der Südwesten und ein Teil Thüringens hat dafür b, 
und dem hat sich die Schriftsprache angeschlossen. Dagegen ist w für 
f eine neuere Entwicklung, die sich auf das Nieder- und Mitteldeutsche 
beschränkt. Der südlichste Teil des Mitteldeutschen hat jedoch schon f: 
die Grenze zwischen f und = bildet eine Linie, die zwischen Worms 
und Frankental den Rhein überschreitet und sich am Ostfuß des Oden- 








ı Vgl. Alles, Beiträce zur Substantivflexion usw. in der Zeitschrift für Deutsche 
Mundarten 1907, 8. 237. 


Die Mundarten des Großherzogtuns Hessen. 99 


waldes nach Norden wendet. Der südlichste und östlichste Streifen der 
Provinz Starkenburg und auch ein östlicher Zipfel der Provinz Oberhessen 
bei Büdingen haben also schon f. Vielleicht erklärt sich auch die oben 
erwähnte Leichtigkeit, mit der die Halbmundart f statt w gesetzt hat, 
aus der Nähe der Sprachgrenze; gab es doch südlich von derselben für 
das schriftdeutsche f in reichlichem Maße Vorbilder, die leicht nach- 
geahmt werden konnten, da der Verkehr zwischen den Gebieten nördlich 
und südlich von dieser Grenze ziemlich stark ist. 


° Entwicklung von d und £ zu vr. 


Wie für schriftdeutsches b und f der Halbvokal w, so tritt auch 
für d und ? im Inlaut zwischen Vokalen der diesen nahestehende Halb- 
vokal r ein. Während aber w für b den älteren Sprachbestand wieder- 
gibt und noch heute über den größten Teil des deutschen Sprachgebietes 
sich ausdehnt, sind d oder ? im ganzen oberdeutschen und dem größeren 
Teile des mitteldeutschen (Grebietes erhalten; nur durch die Stärke der 
Hervorbringung dürfte sich in diesen Gegenden der jetzige Laut von dem 
früheren unterscheiden. Die Grenzlinie jenes ” geht von Saargemünd 
aus nach Osten, überschreitet den Rhein zwischen Worms und Franken- 
tal, geht weiter östlich bis Amorbach, von da über den Spessart nach 
Norden, schneidet das Niederhessische und verläuft dann ungefähr mit 
der niederdeutschen Sprachgrenze nach Osten. Doch sind d und ? in 
zahlreichen Sprachinseln, besonders in Städten und Vororten und auch 
in den dem Verkehr seit alters recht zugänglichen Orten am Rhein und 
Main erhalten. Sieht man also von den südlichen und östlichen Grenz- 
orten, ferner von den Städten mit Umgebung, insbesondere auch von 
dem Dreieck zwischen Mainz, Darmstadt und Frankfurt ab, so wird in 
ganz Hessen r anstatt d und £ gesprochen. 

Für ? steht r in Dorehemmer (Totenheniden), verrore (verraten), 
gure (guten), Wärreraa (Wetterau), Soldore (Soldaten), vun weirem (von 
weitem), Brerrer (Bretter), huuchmoirich (hochmütig), berre (beten), 
Schlirre (Schlitten), laurer (lauter), Brore (Braten), hoire (hüten), Fourer 
(Futter), Zairing (Zeitung). 

Eine Einwirkung der Schriftsprache oder benachbarter Mundarten 
zeigt sich in der Wetterau darin, daß im Gegensatz zu den älteren 
leuten, die Fore und Moire für Vater und Mutter sagen, die jüngeren 
dafür Fodder und Modder gebrauchen. Letztere Formen, die in be- 
nachbarten Städten gesprochen wurden, mögen wohl auch früher der 
Mundart nicht unbekannt gewesen sein, konnten aber erst in der neuesten 
Zeit durchdringen, einmal unter dem Einfluß des größeren Verkehrs der 
Gegenwart, dann aber auch, weil sie der Schriftform ähnlicher sind. 
Auch Ge:cidder (Gewitter) wird vielfach für das alte Gewirrer gebraucht, 
und zwar bedient man sich der alten Form bein Fluchen, da man hierzu 
überhaupt gern die krüftigere und urwüchsige Mundart verwendet, wäh- 
rend die neuere Form in der wörtlichen Bedeutung angewandt wird. 


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` 


100 Hans Reis. 


Beispiele von r für d sind lerrich (ledig), Schare (Schaden), gelare 
(geladen), Lerrer (Leder), nirrer (nieder), Alaarer (Kleider), Ortsfrirre 
(Ortsfrieden), Ferrer (Feder), lairer (leider), Forem (Faden), Borem 
(Boden), dore (baden), Schdurent (Student). Auch hier findet sich d: so 
sagt man in der Wetterau neben lairer auch laider wink (leider wenig). 
Ältere Leute gebrauchen dort noch das mundartliche ärer für jeder: 
»jetzt aber wird und ist es schon vielfach verdrängt durch die schrift- 
deutsche Form jeder« (Leidolf). In Rheinhessen sagt man neben Märercher 
auch Meedercher, und neben or, orrer steht odder für schriftdeutsch oder 
und aber. Vielleicht war in keinem Dorfe Hessens jemals der Laut r 
für d und ? allein herrschend geworden, sondern unter dem Einfluß der 
benachbarten Städte haben sich immer einige Worte mit d gefunden. Es 
ist auch nicht anzunehmen, daß in den Städten der Laut r für d und ? 
in größerem Umfang je durchgedrungen ist. Der starke Verkehr, der 
bei diesen Städten untereinander und mit anderen Gegenden Deutsch- 
lands schon seit mehreren Jahrhunderten gepflegt wurde, hatte eine ge- 
wisse Einheit in der Sprache wenigstens insofern eingeleitet, als eine 
Aufnahme von allzu ausgeprägt landschaftlichen Spracheigentümlichkeiten 
erschwert war. Die Annäherung an die Schriftsprache ging jedoch nie 
so weit, daß der Hauchlaut t gebraucht wurde (vgl. S. 315, Jahrg. 1908). 

Auch bei d und £ gelten die Spracherscheinungen des Inlauts für 
den Auslaut, wenn das folgende Wort sich so eng an das vorhergehende 
anschließt, daß beide ohne Pause gesprochen werden. In solchem Falle 
kann d und ? auch im Auslaut zu r werden, vgl. saor eich für sagte 
ich, dour e für tut ein, groar om. für gerade am, horr er für hal er. 
harr eich für hatte ich, säre für sagt er. 


Schwächung und Beseitigung von g und ch. 


Am weitesten ist die Schwächung im Inlaut bei 9 vorgeschritten. 
Auch hier bildet wieder die Linie, die zwischen Worms und Frankental 
den Rhein überschreitet, dann nahe der Süd- und Ostgrenze Hessens 
verläuft und einige Grenzorte (Erbach, Neustadt, Büdingen) abschneidet. 
cine wichtige Grenze. Nördlich und westlich hiervon, also im größten 
Teil Hessens, ist g zwischen Vokalen vollständig weggefallen. Wenn em 
anderer Vokal vorhergeht, erscheint nur selten ein kaum hörbares j, be- 
sonders nach e und 2. Nach Konsonanten dagegen ist g stets zu einem 
deutlich wahrnehmbaren 7 geworden. 

So ist g vollständig weggefallen in Arie’e für kriegen, schla’e für 
schlagen, sa’e für sagen, rene für regnen, sene für segnen, kla’e für 
klagen, Ausla’e für Auslagen, Aa’e für Augen, Bo’e für Bogen, gelee 
für gelegen, ygelo’e für gelogen, gewo’e für gewogen usw. Wenn nun bei 
langsamerem Sprechen auch die Formen krige, rejene, geleje u.ä. vor- 
kommen, so haben wir es hier scheinbar zunächst nur mit einem Gleite- 
laut zu tun, der eine Unbequemlichkeit des Sprechens (Hiatus) beseitigt, 
ähnlich wie man auch bei langsamem Sprechen seje für sehen, geje für 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 101 


yehen, schleje für stehen sagt, obwohl in diesen Worten niemals früher ein 
g oder j gestanden hat. Also ist in letzteren Worten „) neu entstanden; 
in krieje, rejene usw. aber können wir 7 vielleicht auch als Rest eines 
früheren j ansehen, das in allen oben angeführten Beispielen zweifellos 
früher einmal gesprochen worden ist. 


Jenseits der oben angegebenen Grenze ist y vor Vokalen erhalten, 
und zwar als cin Dauerlaut gleich dem schriftdeutschen ch. Zu diesem 
Gebiet gehört auch Wimpfen, wo man saache (sagen), leeche (legen), 
Bouche (Bogen) spricht. Doch ist y vollständig geschwunden in Maat 
(Magd), gesaat (gesagt), lart (liegt), die aus altdeutschem meit, geseit, lit 
entstanden sind. 

Nach l und r wird g zu j, z. B. Galje für Galgen, folje (folgen), 
nerjets (nirgends), ärjer (ärger), morjels (morgens), morje (morgen), sorje 
(sorgen), Borjemaster (Bürgermeister), Berjelche (Bergelchen, Berglein). 
Diese Entwicklung dürfte fast in ganz Hessen eingetreten sein. 

Die Sprache der gebildeten Bevölkerung hat für g im Inlant durch- 
weg die Aussprache ck, also abweichend von der Bühnensprache, die y 
in Inlaut wie im Anlaut als Augenblickslaut spricht. Da letzteres auch 
durch die hessischen Mundarten, wie wir später bei der Behandlung des 
Auslauts sehen werden, nahe gelegt wird, so erscheint die Aussprache 
der Gebildeten als ziemlich befremdend. Bei der Erklärung dieser Er- 
scheinung müssen wir vor allem die Nähe der Sprachgrenze in Betracht 
ziehen. Die Nachahmung der Aussprache des Nachbargebietes ist ja 
auch in der Halbmundart nicht selten. Nun war außerdem der Laut ch 
noch durch die Aussprache der Endung iy vorbereitet, ferner dadurch, 
daß j bei starkem Sprechen eine gewisse Neigung hat, sich nach ch zu 
entwickeln. So kam es, daß bei dem Übergang zur Schriftsprache im 
Auslaut nicht das auch von der Mundart gebrauchte auslautende k und 
auch nicht im Inlaut das diesem nahestehende g gewählt wurde, sondern 
rh. Diese Aussprache war schon im 18. Jahrhundert in unserer Gegend 
bei den Gebildeten üblich Daher konnte auch Goethe reimen: Ach neige: 
Du Schmerzensreiche. 


Auch bei der Endung :g ist die Aussprache ch durchgedrungen. 
Doch ist hier nicht zu entscheiden, ob diese Aussprache lautgesetzliche 
Entwicklung oder durch Anlehnung an die Endung lich entstanden ist. 
Zunächst mag sie nur für den Auslaut gegolten haben, doch im Anschluß 
an diesen drang sie auch in den Inlaut ein, obwohl im Wortinnern nach 
der allgemeinen Lautentwicklung g hätte wegfallen müssen. Vgl. ferdieh 
(fertig), kordich (hurtig), naggich (nackt), dichdich (tüchtig), goldieh, 
dreckich (schmutzig); daneben im Inlaut en naggicher Bub, en dichdicher 
Mann, en dreckicher Kerl, des goldiche Meenz. 

Eine gewisse Ähnlichkeit mit der Entwicklung von y zeigt ch, in- 
sofern als es nach l und r zu j wurde; z.B. horje für horchen, Lerje 
für Zerchen. Auch in der Verkleinerungsendung chen ist ch nach a 


\ 


102 Hans Reis. 


sch und z zu j geworden; vgl. Helsje (Hälschen), Hel:je (Hölzchen). 
Haisje (Häuschen), e bifje (ein bißchen), Berschje (Bürschlein). 

Selten ist ck weggefallen. Im ganzen Sprachgebiet, und zwar schon 
in sehr früher Zeit, wurde ch in dem unbetonten Wörtchen nicht be- 
seitigt; net, seltener (z. B. in Mainz) nit, ist die übliche Verneinung. 
Auch am Wortende ist ch ebenfalls in einigen unbetonten Wörtchen 
geschwunden, wie glei (gleich), aa (auch), noh (nach) und seltener cel 
(welch). Wahrscheinlich ist jedoch in diesen Wörtchen der’ Wegfall von 
ch nur dann eingetreten, wenn sie eng mit dem folgenden Wort ver- 
bunden waren und mit diesem eine in einem Atem gesprochene Laut- 
masse bildeten. Auch hier dürfte also der Wegfall von ch durch die 
Stellung im Inlaut zu erklären sein. Es darf jedoch nicht unerwähnt 
bleiben, daß ch nur in unbetonten Wörtern oder Silben weggefallen ist: 
in betonten Wörtern dagegen ist es, wie in der Schriftsprache. stets 
erhalten. 


Die Leiden der armen Buchstaben r und n. 


Im Jahre 1882 hat der Stuttgarter Ästhetiker F. Vischer eine Ah, 
handlung veröffentlicht über die »Leiden des armen Buchstaben r auf 
seiner Wanderung durch Deutschland«. Der Verfasser hatte hauptsäch- 
lich norddeutsche Verhältnisse im Auge; aber auch in unserm Lande 
hat dieser arme Buchstabe starke Leiden durchmachen müssen. Ur- 
sprünglich war er durchgehends ein sogenanntes Zungenspitzen-r, das 
durch die Schwingungen der über das Zahnfleisch des Oberkiefers gı- 
hobenen Zungenspitze entsteht und mehr oder weniger scharf gerollt 
(geschnurrt) wird. In manchen Gegenden, besonders den Städten und 
ihren Vororten, ist es jedoch stark geschwächt worden; am Wortende 
und vor Konsonanten wird es auf einen Zungenschlag eingeschränkt, oder 
es treten kurze a- oder ä-Laute an seinen Platz. Mußte nun dieser 
nur schwach hörbare Laut deutlicher gesprochen werden, wie es in der 
Schule oder auch sonst beim Lesen wünschenswert war, so wurde nun- 
mehr das Zäpfchen-r verwendet, das durch die Schwingungen des 
Zäpfehens hinten im Rachen gebildet wird. Während dieser Laut in 
den deutschen Städten, besonders auch in unsrer Gegend, im Gebrauch 
ist und sich immer weiter verbreitet, verlangt die Bühnensprache das 
Zungenspitzen-r. Auf dem Lande findet man dies noch weithin ver- 
breitet; besonders scharf wird es z. B. in Kastel (im Gegensatz zu Mainz), 
außerdem in einigen Gebirgsorten des Odenwaldes gesprochen. Im 
Niederhessischen und im östlichen Teil des Oberhessischen wird eben- 
falls noch ein deutliches Zungen-r gesprochen. In der Gegend von 
Fulda z. B. wird r sehr scharf gerollt, minder scharf, aber immer noclı 
deutlich genug in den hessischen Orten Herbstein, Lauterbach und Schlitz. 
In einem abgeschlossenen nordwestlichen Teil Oberhessens ist es aber zu 
a geschwächt worden. Dieses Gebiet hat als Grenzorte Kirtorf, Grün- 
berg, Laubach, Schotten, Wenings, Ortenberg, Windecken, Bad Nauheim, 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 103 


Butzbach. Hier sagt man Koab (Korb), Doaf (Dorf), während bei Fulda 
infolge des scharfen Zungen-r das vorhergehende o zu u gewandelt 
worden ist und daher Kurb, Wurt gesprochen wird. 


Das nur schwach hörbare r ist in manchen Orten, unter denen 
Darmstadt besonders bekannt ist, völlig geschwunden; man sagt Damm- 
stadt, Katt für Karte, Nannsahl für Narrenseil, Hänngadde für Herren- 
garten, fahn für fahren, moje für morgen. Die Endung er wird wie a, 
doch mit einem kleinen Anklang von ö, gesprochen, so in Vada (Vater), 
Modda (Mutter), weida (weiter). »Ihre Unfähigkeit, » zu sprechen, ist 
den Darmstädtern schon 1820 von einem Frankfurter vorgeworfen worden. 
Trotzdem ist dieser Vorwurf nur beschränkt richtig; die Darmstädter 
sprechen ein Rabe krächzt zweimal mit gutem r, nur im Auslaut und 
vor Konsonanten vernachlässigen sie es.« (Horn). 


Übrigens sprechen es die Bewohner der benachbarten Städte (Frank- 
furt. Mainz, Offenbach) nicht viel besser. Hier tritt an Stelle des 
schwachen ” ein schwaches, recht kurzes a, es heißt also Woascht für 
Wurst, Doascht für Durst, moaje für morgen, Konb für Korb, wäaklich 
für wirklich, Weascht für Würstee Wenn aber schon ein a vor dem r 
stand, so wird dieses zu a gewandelte r mit dem vorhergehenden zu 
einem langen «a zusammengezogen; man sagt also Gaade (Garten), Kaat 
(Karte), waam (warm), aam (arm). 


In letzterem Fall ist beim Übergang zur Schriftsprache eine Ver- 
kürzung eingetreten, so daß ein großer Teil der Hessen nunmehr, wie 
in Darmstadt, Gadde, Kalt, wamm, amm spricht, während die Eltern 
noch r oder den langen Vokal gebraucht haben. Die kurze Aussprache, 
wenn auch ohne 7, scheint nämlich der Schriftsprache ähnlicher zu sein 
als der lange Laut. 


Man könnte nach Vischers Vorbild vielleicht auch einmal einen 
Aufsatz über die Leiden des armen Buchstaben » schreiben. Dieser ist 
in einem großen Teil des Ober- und Mitteldeutschen nach einem Vokal 
im Auslaut völlig geschwunden. Als Ersatz für ihn wurde der vorher- 
gehende Vokal zu einem Nasenlaut, wie im französischen mon, ton, son. 
Wir haben solche Nasenlaute mit Wegfall des auslautenden » in einer 
großen Zahl von Wörtern, z. B. Wei (Wein), mei (mein), Rhei (Rhein), 
Ma (Main), Eisebä (Eisenbahn), ki (hin). 

Bei der Aussprache von » geht nämlich immer ein Teil des beim 
Sprechen verwendeten Ausatmungsstromes nicht nur durch den Mund, 
sondern auch durch die Nase. Indem nun der durch die Nase gehende 
Atem schon beim vorhergehenden Vokal einsetzt, erfährt dieser eine 
merkliche Änderung der Klangfarbe und allmählich auch eine so ent- 
schiedene Verlängerung, daß der Ausatmungsstrom schließlich für die 
Aussprache des folgenden » nicht mehr hinreicht und dieses daher wer- 
fallen muß. Bei unsern süddeutschen Nasenlauten geht jedoch ein ge- 
ringerer Teil des Atems durch die Nase als bei den französischen. Der 


104 Hans Reis. 


Anteil der Nase und dementsprechend die Trübung des Vokals ist alsu 
bei den Franzosen bedeutend stärker als bei uns. 

In den Vorsilben un und an ist n nur dann weggefallen, wenn 
die folgende Silbe mit einem Konsonant beginnt, z. B. ugut (ungut). 
afange, uglicklich. Beginnt diese Silbe aber mit einem Vokal, so ist ~ 
erhalten, z. B. in unartig, unausstehlich. Auch im Auslaut konnte n 
erhalten bleiben. So hat jemand ein Kleid @ (an), aber er hat etwas 
annem (an ihm) auszusetzen. Der Ausfall von n unterblieb hier, weil 
das folgende Wort sich so eng an das vorhergehende anschloß, dal 
beide in einem Atem gesprochen wurden. Der Laut n konnte also zu- 
gleich als Anfangslaut für das folgende Wort in Betracht kommen, be- 
sonders dann, wenn dieses mit einem Vokal anfing. ‘So schließen sich 
die Präpositionen an, in, von, ferner ich bin und andere Zeitwörter vun 
allgemeiner und wenig ausgeprägter Bedeutung leicht sehr eng an das 
folgende an. Dazu gehören auch die Wörter gehen, stehen, tun, haben, 
können, gönnen, bei denen es im Mittelhochdeutschen ch gen, ich sten, 
ich tuon, ich hin hieß, und so hat dieses alte » sich in den Mundarten 
abweichend von der Schriftsprache erhalten. Daher heißt es in Hessen 
eich giehn, eich schtiehn, eich dun, eich hun; ja, nach dem Vorbilde 
dieser Formen sind noch andere Formen in der ersten Person mit n am 
Schlusse gebildet worden, wenn der Stamm auf einen Vokal oder r aus- 
lautet, z. B. ich sehn (sehe), ich sahn (sage), ich warn (war). 

Die lautliche Entwicklung war in allen jenen Wörtern ursprünglich 
derart, daß » erhalten blieb, wenn das Wort mit dem folgenden eng 
verbunden gesprochen wurde; dagegen wurde es in den selteneren Fällen 
ausgestoßen, in denen das Wort allein stand oder durch eine größere 
Pause von dem folgenden getrennt war. So entstanden für ein Wort 
zwei Formen, ein Zustand, der noch in manchen Orten erhalten ist, wo 
man Wei sagt, aber Weinabbel (Apfel. Da die Sprache aber stets un- 
nötige Unterscheidungen beseitigt, mußte eine von diesen Formen auf- 
gegeben werden, und dies war diejenige, die weniger oft vorkam. Su 
erklärt sich auch, warum in vielen Orten z in den persönlichen Zeitwort- 
formen erhalten blieb, im Infinitiv dagegen, der meist am Satzende steht 
und daher nur sehr selten mit einen folgenden Wort zusammen ge- 
sprochen werden kann, weggefallen ist. Neben cech hun (ich habe) helt 
es in Oberhessen eich kann's net hü (ich kann es nicht haben), ich sahn 
der’s (ich sage es dir) sagt man neben ch kann ders net säh (ich kann 
es dir nicht sagen). Allerdings wird dieser Zustand durch Angleichungen 
der Formen aneinander noch jetzt geändert; in rheinhessischen Orten 
z. B. ist hun auch Infinitiv, dagegen ist der Infinitiv se? für seen auch 
in den persönlichen Zeitwortformen in langsamenı Durchdringen begriffen. 
So steht eich sei lang yut neben eich seins (ich bin es). 

In der unbetonten Endsilbe ev ist n völlig weggefallen, ohne dali 
als Ersatz ein Nasenlaut eintrat, so in wache (machen), Schduwwe (Stuben), 
yesse (gegessen). Während aber bei dem Übergang zur Schriftsprache 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. | 105 


das auf einen betonten Stamnıvokal folgende n (z. B. in Wein) schließlich 
eingeführt worden ist und es jetzt kaum einen Gebildeten gibt, der dieses 
n nicht spricht, wird das n der Endung in der Umgangsprache auch von 
den Höchstgebildeten vernachlässigt. Allerdings nur in der Umgang- 
sprache; bei sorgfältigem oder nachdrücklichem Sprechen wird dagegen 
dieses n von Gebildeten stets und von Ungebildeten häufig gesprochen. 

In zwei Fällen ist in der Mundart das » der Endung erhalten: 
Erstens im Oberhessischen, wenn ein vorhergehendes / im Inlaut beseitigt 
worden ist; vgl. kween (quälen), schdään (stehlen), moan (malen), fahn 
(fallen), schdeen (stillen), schdenn (stellen), feen (füllen), wohn (wollen). 
In diesem Falle ist die Nasalierung kaunı eingetreten oder doch nicht 
stark vorgeschritten, weil sie ziemlich spät erst, nämlich nach vollstän- 
diger Beseitigung von ! und dem folgenden Laute, hatte eintreten können, 
und mit der geringen Nasalierung hängt die Erhaltung des » zusammen. 
Außerdem ist mn erhalten, wenn der Endung er ein r vorhergeht, z. B. 
wern (werden), fahrn (fahren), warn (waren), worn (worden), schmiern 
(schmieren), Hoorn (Haaren). Im südlichsten Teil Hessens, besonders im 
südlichen und westlichen Rheinhessen, gilt diese Ausnahme jedoch nicht: 
hier sagt man für obige Wörter cerre, fahre, ware, worre, schmiere. 
Nördlich und östlich davon liegt ein ziemlich großes, noch bis Mainz 
reichendes Übergangsgebiet, in welchem beide Formen, werre und ern, 
worre und worn nebeneinander vorkommen. 

Auch in dem Worte Mann (altdeutsch man) hätte das auslautende 
n wegfallen müssen. Tatsächlich verhält es sich so in andern Teilen des 
fränkischen Sprachgebietes. Wenn bei uns n erhalten blieb, so geschah 
dies durch Anlehnung des Nominativs an die Objektsfälle, in denen a 
wegen seiner Stellung im Inlaut geblieben war. 

In einem kleinen Teile des Oberhessischen ist n auch im Inlaut 
hie und da beseitigt worden, ohne daß sich auf den ersten Blick eine 
bestimmte Regel darüber aufstellen ließe. So ist südlich und westlich 
von Gießen, in der Gegend von Staufenberg und Bad Nauheim, » vor 
d, t, s und x in vielen Worten weggefallen. Vgl. Wät für Wand, Sat 
für Sand, Pat für Pfand, Schnät für Schmand (Milchrahm), Hät für 
Hand, bekât (bekannt), verstät (verstand), Aräz (Kranz), Däx (Tanz), däze 
(tanzen), Gäs (Gans), Geis (Gänse). Dagegen findet sich n bei manchen 
Wörtern in derselben Mundart erhalten, z.B. in Land, Rand, Gewand, 
Baul, Kren: (Kränze), Denz (Tänze), Ranze (Ranzen), Blan: (Pflanze), 
Schwanz, ganz, Glanz, Kanzel. In der Gegend von Nidda und Salz- 
hausen ist z auch in saüft (sanft), gäse (ganze), ûs (unser), mäche (manchen), 
Fester (Fenster), Hoierstall (Hühnerstall) weggefallen. So ist u bald er- 
halten bald weggefallen, und zwar dürfte dies mit der Länge und Kürze 
des vorhergehenden Vokals zusammenhängen.! Wo der Vokal verlängert 
wurde, schwand auch später das folgende n; dies geschah aber in cin- 


! Alles, a. a. O. N 351f. 


106 Hans Reis. 


silbigen Wörtern, während in mehrsilbigen Wörtern die alte Kürze und 
auch n erhalten blieb. Nun hatten aber viele Wörter zugleich einsilbige 
und mehrsilbige Formen (vgl. Tanz, Tänıie), und indem alsdann mannig- 
fache Angleichungen vorgenommen wurden, ist der heutige, wenig über- 
sichtliche Lautzustand entstanden. Außer diesem kleinen hessischen Ge- 
biete weisen noch das Niedersächsiche und das Südalemannische die 
gleiche Entwicklung auf. Ob dieselbe in der gleichen Weise zu erklären 
ist, wie der Wegfall des auslautenden n, ist sehr fraglich. Für das 
Niedersächsische, das gar keine Nasenlaute kennt, dürfte es entschieden 
zu verneinen sein. Wir müssen auch die Frage aufwerfen, ob sich diese 
Entwicklung in dem kleinen hessischen Sprachgebiet selbständig voll- 
zogen oder ob einmal ein Zusammenhang mit dem großen niedersäch- 
sischen Sprachgebiet bestanden hat. Wahrscheinlich ist das erstere der 
Fall; dafür spricht außer dem, was über das Fehlen der Nasenlaute gesazt 
worden ist, noch die Tatsache, daß heute diese beiden Sprachgebiete 
durch weite Strecken getrennt sind. Da das hessische Gebiet rings von 
anders sprechenden Landesteilen umgeben ist, kann es auch nicht wunder 
nehmen, daß diese Lautentwicklung so viele Ausnahmen hat und cin 
fostes Gesetz hierfür sich nicht mehr aufstellen läßt. 

Aber auch der Wegfall des auslautenden n hat seine Grenze schun 
innerhalb unseres Landes. Denn einige Orte im Nordwesten Rheinhessens. 
in der Nähe von Kreuznach und Bingen (jedoch nicht die Stadt Bingen) 
haben » nach betontem Vokal erhalten. Dieser Laut ist nämlich nicht 
im ganzen süddeutschen Gebiete weggefallen, sondern in einem west- 
lichen Teil bis zur französischen Sprachgrenze hin erhalten. Zu diesen 
Westland gehören der größte Teil des Elsaß, einige Orte Badens, Lothringen. 
der westliche Teil der bayrischen Pfalz, die preußischen Rheinlande mit 
einigen angrenzenden rheinhessischen Orten und der nordwestliche Zipfel 
des Regierungsbezirks Wiesbaden. Die Sprachgrenze verläuft zwischen 
Rastatt und Weißenburg, Kaiserslautern und Kusel, Bingen und Kreuz- 
nach, Braubach und St. Goar, Ems und Lahnstein nach Norden bis zur 
Höhe des Westerwaldes und zieht von da östlich nach Chemnitz in 
Sachsen. | 

Diese Sonderstellung des südwestlichen Gebietes ist besonders denen 
gegenüber hervorzuheben, die in dem Wegfall von n und den hierdurch 
entstandenen Nasenlauten keltisch- französische Einwirkungen sehen wollten 
und demzufolge die Behauptung aufstellten, daß Süddeutschland in starkem 
Maße von Nachkommen der alten Kelten bevölkert sei. Es fehlt aber 
der unmittelbare landschaftliche Zusammenhang zwischen dem deutschen 
und französischen Nasalgebiet, und daher sind wir auch nicht berechtigt. 
in den süddeutschen Nasenlauten eine keltische Rasseneigentümlichkeit 
zu sehen. Bedenken wir ferner, daß die Nasalierung nichts anderes ist 
als eine Beeinflussung eines Lautes durch seinen Nachbarlaut, und dat 
solche Beeinflussungen in der Entwicklung aller deutschen Mundarten auf- 
zuweisen sind, so dürfen wir in diesen Nasenlauten nichts Fremdartigis 


Die Mundarten des Qroßherzogtums Hessen. 107 


schen, sondern wir erblicken in ihnen eine selbständige deutsche Sprach- 
schöpfung. 

Nasenlaute entstehen nicht nur durch ein folgendes n, sondern auch 
durch ein vorhergehendes » oder m. Vgl. Mäschder (Meister), Mödche 
(Mädchen), Maüs, mi (mehr); Näs (Nase), gen®l: (genug), nau für alt- 
deutsch n (nun). Wenn nun in der Lautentwicklung der lange Nasal- 
vokal verkürzt wurde, so entwickelte sich hinter diesem verkürzten 
Vokal ein neues »; vgl. das schriftdeutsche nun, ferner die mundart- 
lichen Emens (Ameise), minste (meiste), genunk, genung (genug), min 
(mehr. Durch die Verkürzung hört nämlich der Vokal teils ganz auf, 
Nasalvokal zu sein, teils wird die Nasalierung mehr oder minder ge- 
schwächt; wenn nun trotzdem der Übergang von diesen Vokal zu dem 
folgenden Teil des Wortes oder Satzes in der gleichen Weise nicht ohne 
Teilnahme der Nase geschieht, wie vorher, so muß sich notwendig ein 
solches neues » entwickeln. Vgl. Behaghel in Pauls Grundriß ? I, 697, $ 44. 

Für die Wörter Esel und eher finden wir in Rheinhessen die Formen 
Ensel und ehnder. Ob bei dem ersten Wort das lateinische asinus mit- 
gewirkt hat, soll dahin gestellt bleiben. Möglich wäre auch, daß bei der 
häufig vorkommenden und in einem Atem gesprochenen Wortfügung 
enesel (ein Esel) das vorhergehende n die Nasalierung und das auf die 
Nasalierung folgende n hervorgerufen hat, zumal da, wenn überhaupt 
eine Silbentrennung in der Aussprache dieser Wortfügung stattfindet, sie 
vor und nicht nach » eintritt. Bei der Entstehung des mn in ege 
denken wir an die altdeutsche Verneinung en oder ne; denn kaum ein 
Wort wird so häufig verneinend gebraucht wie eher. Doch kann auch 
die Analogie von mehr gewirkt haben. 

Statt des schriftdeutschen n hat der Auslaut m in Wörtern, wic 
Boddem (Boden), Faddem (Faden), Bessem (Besen). Hier ist m das Ur- 
sprüngliche, un dagegen ist erst durch Angleichung an die Endung en 
in der Schriftsprache und in vielen deutschen Mundarten neu entstanden. 
Der frühere Laut ist im größten Teil Hessens erhalten, nur in südlichen 
und östlichen Grenzorten, wie im benachbarten Baden, Bayern, Fulda, 
ist zuerst n eingetreten und dann, wie das auslautende n überhaupt, 
weggefallen; vgl. Bode, Fade, Bese. In den übrigen Gegenden Hessens 
kommen letztere Formen auch vor, doch erst auf einer Übergangsstufe 
zwischen Mundart und Schriftsprache. 

Übrigens ist wahrscheinlich, daß in allen unsern Mundarten Bude, 
Fade usw. die lautgesetzliche Entwicklung darstellt. Das alte m ist aber 
im Dativ und Genitiv, die einst bodmes, bodme, fadınes, fadme lauteten, 
erhalten worden, und erst durch Angleichung des Noniinativs an jene 
Formen von neuem in diesen eingedrungen. Durch Anlehnung an bode, 
bodmes, bodme bildete man auch zu Wase die Formen Wasınes und Wasmr, 
und schließlich dann den Nominativ Wasem.! Wie zwischen Wusen und 


nn nn ER a, 


! Alles, a.a. O. S. 236 f. 


108 Hans Reis. 


Boden eine gewisse Bedeutungsverwandtschaft besteht, so auch zwischen 
Kette und Faden, und so ist in ganz analoger Weise das vberhessische 
Kerren für Kette entstanden. 


Angleichung von Konsonanten. 


Die Angleichung von Konsonanten besteht darin, daß der eine dem 
andern gleich geworden ist. Da nun zwei gleiche Konsonanten hinter- 
einander nicht mehr gesondert gesprochen werden (wie r im französischen 
je pourrai, mourrai, courrai), so ist das Ergebnis der Angleichung schließ- 
lich der Wegfall eines Konsonanten. Besonders häufig findet man dies 
im Oberhessischen. Dort wurde ? beseitigt in Loi für Leute, Beul für 
Beutel, lau für laut, Kil für Kittel, d in Brour für Bruder, moi für 
müde, b in Lei für Leib, gê für geben, blei für bleiben. Lautangleichungen 
haben wir dabei insofern, als Brour verkürzte Form aus Brourer ist, 
der lautgesetzlichen Entwicklung des altdeutschen bruoder. Ferner ist 
gi aus altdeutsch goën entwickelt und dieses durch Angleichung von b 
an % entstanden. In derselben Weise könnten Leuten, lauten, müden 
durch Angleichung von £ und d an n zu Loin, laun, moin geworden 
sein, und ähnlich wie Brour könnten auch laur und moir aus lauter und 
müder entstanden sein. Nach Analogie dieser Formen dürften sich dann 
die endungslosen Lot, lau, moi gebildet haben. Begünstigt wurde die 
Angleichung oder der Wegfall der inlautenden Konsonanten dadurch, dafi 
diese, wie wir in den früheren Abschnitten gesehen haben, sehr ab- 
geschwächt worden waren. 

Den nördlicheren Mundarten Hessens sind außerdem noch zwei 
Arten der Lautangleichung vorbehalten. Erstens wird chs (altdeutsch As) 
durch Angleichung von k an s zu ss. Vgl. wasse (wachsen), Osse (Ochsen). 
wisst (wächst), kräst (krächzt), Floas (Flachs), wesse (wechseln), Daise! 
(Deichsel), -Volebesse (Nadelbüchse). Die schriftdeutschen Ausdrücke sind 
jedoch in schnellem und siegreichem Vordringen begriffen; man hört 
z. B. in den Wörtern Fuchs, Dachs, sechs nur noch die schriftdeutsche 
Sprechweise, und diese ist wiederum noch durch die Nähe der Sprach- 
grenze begünstigt. Dieselbe verläuft lahnaufwärts bis Runkel, das ss be- 
vorzugt, geht zwischen Kamberg (ks) und Usingen (ss), Homburg und 
Oberrosbach, Hanau und Windecken, Büdingen und Ortenberg, Steinau 
und Schlüchtern, Gelnhausen und Orb, Lohr und Gemünden nach Osten. 

Die zweite Art der Angleichung, die nicht so weit nach Süden 
geht wie die erste, ist die von in zu n. Vgl. fan (fallen), bexahn (be- 
zahlen), foin (fühlen), dbefähn (befehlen), Wehn (Willen), won (wollen). 
schpen (spielen), rerfaun (verfaulen), Zun (Eulen), Mihn (Mühlen), Kohn 
(Kohlen), Hohn (Hohle, Hohlweg). In Bellin (Bettlerin) hat sich ? zuerst 
an l und dieses hierauf an n angeglichen; ebenso in erkenn (erkälten), 
sehenn (schütteln), renn (rütteln). 

Die Lautangleichungen nehmen nach Süden hin ab, finden sich 
aber gleichwohl durch ganz Hessen hindurch in recht beträchtlichen 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 109 


Maße. Allerdings sind die jetzigen Lautverhältnisse so verwickelt, daß 
mit jeder Regel zugleich sehr viele Ausnahmen verbunden sind. Die 
lautgesetzliche Entwicklung war wahrscheinlich derart, daß im Wort- 
innern zwischen Vokalen allgemein die Angleichung vollzogen wurde, 
in andern Fällen aber, besonders im Auslaut, unterblieb. Die auf diese 
Weise bei demselben Worte entstandenen Verschiedenheiten wurden aber 
meist durch Analogiewirkung beseitigt, so daß sich Inlaut und Auslaut 
nur selten unterscheiden. Nur hie und da finden wir noch einen solchen 
Unterschied, so z. B. in einem kleinen mittleren Gebiet bei lt. Im Norden 
heißt es mit Angleichung von # an l auch im Auslaut ahl für alt. Die 
Grenze zwischen ahl und alt geht durch Oberhessen, und zwar sagt man 
ahl noch in Kirtorf, Alsfeld, Herbstein und Wenings, alt dagegen schon 
in Staufenberg, Schotten, Büdingen und Windecken. Im Inlaut dagegen 
findet sich die Angleichung in ganz Oberhessen sowie in einem nörd- 
lichen Teil der Provinz Starkenburg nördlich von einer Grenzlinie, die 
von der Mainmündung über Dreieichenhain nach Seligenstadt verläuft. 
Zwischen diesen beiden Grenzlinien sagt man also ahle und alt, während 
es nördlich von der ersteren ahle und ahl und südlich von der letzteren 
alde und alt heißt. In den Worten kall (halt) und gell (gelt) hat man 
auch im Auslaut die Angleichung vollzogen; jedoch nur scheinbar, da 
diese Wörtchen meist in sehr enger lautlicher Verbindung mit dem fol- 
genden Wort, also gewissermaßen im Inlaut stehen. 

Für die Verbindung ld sagt man l in Gille (Gulden), Holler (Ho- 
lunder), schullig (schuldig), ball (bald); dazu in den oberhessischen Wörtern 
well (wilde), elloh, loh (allda = da), ellurt, lurt (alldort = dort). Das 
weichere d steht dem Halbvokal Z näher und konnte sich daher diesem 
leichter angleichen als das härtere {. Daher findet sich diese Erschei- 
nung auch fast in ganz Hessen; nur im allersüdlichsten Teil ist in be- 
tonten Worten ld erhalten, vgl. Holder, Gulde, schuldig; das unbetonte 
ball findet sich dagegen wie im Norden. 

Auch bei nd unterscheidet sich der südlichste Teil Hessens von 
dem übrigen Gebiet durch Beibehaltung der alten Lautverbindung, aller- 
dings nur im Auslaut; vgl. Schand, Sind (Sünde), End, Kind, Hand, 
Wand. Im Inlaut dagegen ist auch hier nd zu n geworden, z.B. finnr 
(finden), binne (binden), annerscht (anders), gschdanne (gestanden), Bennel 
(Bendel), Wennel (Wendelin. In dem größten Teil Hessens hat sich 
jedoch die Angleichung von d an n auch auf den Auslaut ausgedehnt, 
vgl. Kinn (Kind, Kinder), Enn (Ende), Hann (Hand), Winn (Wind), 
un (und). 

Auch kinne (hinten) und unne (unten) seien hier erwähnt, da in 
diesen Wörtern im Mittelhochdeutschen abweichend vom Neuhochdeutschen 
nd stand. Dagegen sagt man Winder für Winter, da hier im Altdeutschen 
t nicht zu d erweicht worden ist. 

Von andern Angleichungen führen wir noch an die von Ib zu / in 
sell (selbe, derselbe), seller (selber); von mb zu m in Ims (Imbiß), Wenns 


110 Š Hans Reis. 


(aus früherem wambes); md zu m in fremm (fremd), Hemm. (Hemd); db 
zu b in Wilbert (Wildbret); nem zu m (schon altdeutsch) in eim (einen), 
meim, seim; chts zu ks in niks (nichts), tw zu b in ebbes (etwas); db 
zu w in Friwwrig, Friwwerg (Friedberg), nw zu m in hammer (baben 
wir), gehmer (gehen wir), schtehmer (stehen wir); ns zu s in Schreiwes 
(Schreibens); chf zu ff in Hoffert (Hochfahrt, Hochzeit); rd zu r in Erre 
(Erde), wern (werden), worn (worden); kt zu k in Mark (Markt); st zu 
s in is für jst (eine schon 1000 Jahre alte Angleichung), Chriskind, Chris- 
baum; bt zu t in bleit (bleibt), gitt (gibt). Die beiden Laute sind in 
einigen Fällen nicht einander gleich, sondern nur ähnlicher geworden 
als vorher; so wurde nf zu mf in fimf (fünf), fimfzig (fünfzig), Semft 
(Senf) und mg zu ng in Bangertsgass (Baumgartengasse). 

Auf Oberhessen beschränken sind folgende Angleichungen: Nol 
(Nadel), Arwel (Armvoll), Waisloi (Weibsleute), Schuhmaschder (Schul- 
meister), schdraiwer (streitbar), sealt (selbdort), säldrett (selbdritt), hal- 
le (halbwegs), efersch (öfters), ass (als), kiasch (hübsch). 

Im Pfälzischen ist st zu scht geworden, und dieses dann durch 
Lautangleichung zu sch in Dischl (Distel), Mischgawwel (Mistgabel), Krisch- 
kind (Christkind), Ärischbaum. Auch in der Abwandlung des Zeitworts 
steht am Neckar sch für st, vgl. kosch (hast), sosch (sollst), gaisch (gibst). 
Dagegen bleibt ? im Superlativ, z. B. schennscht (schönste), kleenschl 
(kleinste. Im Norden ist jedoch nicht nur beim Superlativ niemals / 
beseitigt worden, sondern auch nicht beim Zeitwort. Hier erscheint also 
die Regel, wonach Nordhessen die Angleichung in viel größerem Um- 
fange vollzogen hat, durchbrochen. Allerdings nur scheinbar, denn es 
fand im Süden Anlehnung an die Fälle statt, in denen das Fürwort du 
dem Zeitwort folgte. Dann war der Auslaut der Zeitwortform zugleich 
Anlaut des Fürworts; vgl. hoschde (hast du), soschde (sollst du), gaischdr 
(gibst du). Wenn nun bei diesen Formen du vorangestellt werden sollte, 
so entstand du hosch, du sosch, du gaisch. 

In der Halbmundart ist die Angleichung von nd zu n in ton- 
schwachen und häufig vorkommenden Wörtern beibehalten worden, so 
in un, hinne, unne, Kinner. Dagegen sagt sie Kind, Wint, wie in der 
Schriftsprache; auch in finde (finden), binde (binden), anderst (anders) 
kann d noch gesprochen werden. Außerdem hat die Halbmundart noch 
die Angleichungen nf zu mf, nem zu m, chts zu ks, nw zu m, rd zu 
r, kt zu k, zt zu z, st zu s beibehalten. Dagegen sind die übrigen An- 
gleichungen in der Regel beseitigt worden. 

Wenn in der Halbmundart solche Lautverbindungen gesprochen 
werden, so entsteht an zweiter Stelle in der Regel ein sehr leichter 
Augenblickslaut, wenn auch die Stimmbänder kaum mitschwingen; z. B. 
Garden (Garten), ferdig (fertig), Winder (Winter), kinden (hinten), halden 
(halten). Ein Hesse, der durch norddeutsche Einflüsse die echten stimm- 
haften Laute gelernt hat, kommt leicht dazu, in den angegebenen Worten 
diese stimmhaften, überaus weichen Laute zu verwenden und entfernt 


\ 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 111 


sich also recht weit von der schriftdeutschen Aussprache, obwohl oder 
weil er besonders gut sprechen will (überhochdeutsch). 


Verstärkung von Konsonanten. 


Je weiter wir in unserm Lande nach Süden vordringen, um so 
häufiger begegnen uns kräftiger gesprochene Konsonanten, während im 
Norden dieselben Laute teils abgeschwächt, teils beseitigt worden sind. 
Die Verstärkung der Konsonanten ist ja das eigentümliche Kennzeichen 
des Oberdeutschen, dem sich hierbei auch meist die Schriftsprache an- 
geschlossen hat. Hie und da ist das Oberdeutsche sogar noch über die 
Schriftsprache hinausgegangen; so findet sich im Südalemannischen, also 
in einem kleinen Teil des Oberdeutschen, die Verschiebung des urdeut- 
sehen k zu ck am Wortanfang. Die Worte C'hind (Kind), chomme (kommen) 
und andere, in denen für das schriftdeutsche Ak ein wie in dem Worte 
ach zu sprechendes ch steht, kann man in der Schweiz und im südlichen 
Baden des öfteren vernehmen. 

Über ein größeres Gebiet, nämlich über das ganze Alemannische, Süd- 
fränkische und das zum Mittelfränkischen gehörige Pfälzische erstreckt sich 
eine vom Schriftdeutschen abweichende Entwicklung des alten at und sp. 
Im Anlaut ist s in diesen Lautverbindungen auch in der Schriftsprache 
zu sch geworden; in den genannten Mundarten aber hat es überall, im 
Anlaut nicht minder als im Wortinnern und im Auslaut, diese Entwick- 
lung zu sch erfahren. So steht scht in hascht für hast, kimmscht für 
konımst, Lascht für Last, meischt für meist, geschdert für gestern, Kischt 
für Krste, Koscht für Kost, Moscht für Most, Nescht für Nest, Ascht 
für Ast; schp steht in Kaschber für Kaspar, hnoschbe für Knospen, 
Haschbel für Haspel, Eschbelaab für Espenlaub, und der Hosp geschrie- 
bene Eigenname wird Hoschp gesprochen. 

Wenn die Konsonantenverbindung st erst später durch Anfügung 
einer mit + beginnenden Endung an einen auf s auslautenden Stamm 
entstanden ist, so ist in einem kleinen Übergangsgebiet und zwar im 
nördlichen Rheinhessen dieses s zu sch geworden, sonst jedoch erhalten. 
Man sagt also dort beischt, fliescht, gepascht, gefascht usw. im Gegensatz 
zu dem südlichen beißt, fließt, gepaßt, gefaßt.‘ Dieser Unterschied 
ist ähnlich zu erklären, wie unten (S. 112) der von mirsch und mirs. 
Im Norden nämlich verschmilzt die Endung mit dem Stamme und daher 
auch mit dem vorhergehenden Laute s zu einer fast unteilbaren Einheit, 
während im Süden für das Sprachgefühl die Endung ? eine gewisse Selb- 
ständigkeit behalten hat. 

Wie die übrigen Konsonantenverstärkungen, so dürfte aüch die Ver- 
stärkung von si zu scht ihren Ursprung im südwestdeutschen, d. h. ale- 
mannischen Sprachgebiet haben. Von da aus kam sie zu den benach- 


IT Vel. Erdmanns Aufsatz über die Binger Mundart in » Zeitschrift für «deutsche 
Mundarten e 1906, S. 154 f. 


112 Hans Reis. 


barten Mundartgruppen, und am Wortanfang, der einer Lautverstärkuns 
besonders günstig ist, dehnte sie sich auf ein weites deutsches Gebiet 
aus. Im Inlaut, der einer solchen Verstärkung nicht so günstig ist, trat 
scht von vornherein erst später auf und konnte sich daher auch nur über 
einen kleineren Teil des Deutschen erstrecken als im Anlaut. Die Grenze 
zwischen scht und st im Inlaut ist die S. 309, Jahrg. 1908 angeführte 
Grenze zwischen pfälzisch und binnenfränkisch. Man hat geglaubt, diese 
Grenze sei auch zugleich die Stammesgrenze zwischen Franken und 
Alemannen; jedoch läßt sich für diese Annahme kein stichhaltiger Grund 
beibringen. 

Ganz anderer Art ist die Entwicklung von s zu sch nach r. In 
einigen Wörtern ist auch in der Schriftsprache diese Entwicklung einge- 
treten, z. B. Kirsche für älteres Kirse, Kürschner für Kürsener. Unsere 
Mundarten haben diesen Lautübergang 7s zu rsch jedoch in allen Wörtern 
durchgeführt; vgl. Dorscht (Durst), Worscht (Wurst), Wersching (Wirsing. 
lateinisch viridia), Persching (Pfirsich, lateinisch persica), erscht (erst), 
Gerscht (Gerste), Ferscht (Fürst), Berscht (Bürste), Borschde (Borsten). 
garschdich (garstig). Diese Erscheinung findet sich im ganzen Sprach- 
gebiet und erstreckt sich noch weit nach Norden bis an die niederlän- 
dische Grenze. 

Ist dieses s eine Flexionsendung, so ist es in einigen Orten er- 
halten geblieben; z. B. in Mainz, wo man ins Müllers, ins Wi ‚ins 
Beckers zu Besuch geht, während man in Oberhessen ins Millersch, Wag- 
nersch, Beckersch geht. Ebenso heißt es in Mainz anners oder annerst 
(anders), in Gießen annersch oder annerscht. Bei den Fürwörtern das 
und es, welche bei Tonschwäche zu bloßem s geschwächt worden sind, 
finden wir dasselbe, wenn dieses s hinter die Fürwörter er, der, mir, 
dir, ihr tritt. In Darmstadt und Gießen sagt man dann mirsch, dorsch 
ersch, in Mainz dagegen heißt es mirs, dirs, ers. Diese Verschiedenheit 
ist darauf zurückzuführen, daß im ersten Fall die Fürwörter zu einer 
einheitlichen Lautmasse, ja gewissermaßen zu einem einzigen Wort zu- 
sammengezogen worden sind; im zweiten Fall dagegen das zweite Fürwort 
trotz enger Verbindung mit dem vorhergehenden noch in seiner Beson- 
derheit, getrennt von dem ersten, festgehalten wird. Bei der zweiten 
Auffassung wird aber das zweite Wort nicht so leicht einer lautlichen 
Beeinflussung durch das erste unterliegen können und daher in seinen 
ursprünglichen Lautbestand auch nicht so schnell geändert werden. Wenn 
auch schließlich das zweite Wort aufgehört hat, als besonderes Wort zu 
gelten, die besondere Bedeutung, die dieser Laut s hat, wurde im Sprach- 
gefühl festgehalten, und so unterblieb jede Änderung dieses s. Auch 
die Beibehaltung der Endung s in Müllers, anders ist ähnlich zu er- 
klären; sie könnte übrigens auch in der Analogie anderer Genitive mit 
s eine Unterstützung gefunden haben. 

Diese Absonderung von Wörtchen oder Wortteilchen im Sprach- 
gefühl scheint den südwestdentschen Mundarten überhaupt eigentümlich 


Die Mundarten des Großherzogtumns Hessen. 113 


zu sein. So findet sich im Südfränkischen ers für er es, während es in 
dem benachbarten Ostfränkischen ersch heißt. Im südlichen Rheinhessen 
sagt man Borjemoschters (Bürgermeisters), meers (mir es), ehrs (ihr es), 
und ebenso im südlichsten Teil der Provinz Starkenburg, während man 
im größeren Teil des hessischen Odenwaldes sowie in Darmstadt und im 
nördlichen Rheinhessen (außer Mainz) sch gebraucht. Die Entwicklung 
der Endung s zu sch nach r hört also in unserer Gegend fast gerade da 
auf, wo die von st und sp zu scht und schp beginnt, nämlich nicht 
weit von der Grenze zwischen pfälzisch und binnenfränkisch. 

Die Wandlung von rs zu rsch wurde durch die Beschaffenheit des 
vorhergehenden r hervorgerufen. Wer ein Zungen-r spricht, kann leicht 
bemerken, daß es ziemlich unbequem ist, hinter einem solchen 7 ein s 
zu sprechen, und daß rsch um vieles leichter sich sprechen läßt. Wo 
aber schon in alter Zeit nicht ein Zungen-, sondern ein Zäpfchen-r ge- 
sprochen wurde, ist auch rs erhalten. Also ist rsch mehr durch Be- 
wuemlichkeit entstanden, und nicht, wie scht usw., durch das unbewußte 
Streben, den Laut zu verstärken. 

Da z soviel wie fs ist, unterliegt es den gleichen Veränderungen 
wie s; daher sagt man im Pfälzischen danscht für tanzt und letscht für 
letzte und im Öberhessischen gorsche domm für gar zu dumm. 

Eine Lautverstärkung im Anlaut findet sich bei den Fragefür- 
wörtern wer, was und bei den von diesen abgeleiteten Unistands- und 
Bindewörtern wo, wie, wann, warum u. a. Diese haben im Nieder- 
hessischen und in einem angrenzenden Teil des Oberhessischen, der 
durch eine Linie von Homberg bis Schlüchtern vom übrigen Gebiet ab- 
getrennt ist, für w den Laut b; vgl. bäm (wem), bu (wo), be (wie), bos 
(was), bär (wer) Das schriftdeutsche w geht in diesen Wörtchen auf 
früheres chw zurück, aber nur die Fragewörter, nicht die übrigen Wörter 
mit diesem früheren Anlaut haben b. Sicher ist, daß dieses b aus Ar 
nur durch Einfluß des vorhergehenden ch entstanden ist; bei den Frage- 
wörtern kam noch hinzu, daß diese in der Regel am Anfang des Satzes 
oder, wie bei Fragen des Erstaunens, des Ärgers usw., für sich allein 
gebraucht werden, also immer da, wo die Betonung stärker und die 
Aussprache kräftiger ist. In solchem Falle mußte aber ch länger er- 
halten bleiben und hat sich dann mit dem folgenden w zu dem mittleren 
Laut b vereinigt. 

In den Vorsilben ge und be tritt südlich von der Linie Worms — 
Klingenberg k und p an Stelle von b und g, wenn die folgende Silbe 
mit h beginnt. Die Konsonantenverstärkung ist jedoch hier nur scheinbar; 
in Wirklichkeit ist e weggefallen und dadurch sind g und b unmittelbar 
mit k verbunden worden, so daß die Hauchlaute k und p entstanden 
sind. Z.B. kalde (gehalten), katt (gehabt), korikt (gehorcht), palde (be- 
halten), paubde (behaupten). 

Schon im Mittelhochdeutschen wurden die auslautenden b, d, g 
zu den entsprechenden harten Konsonanten p, t, k gewandelt. In unserer 

Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 8 


114 Hans Reis. 


Schriftsprache gilt dies noch für 5 und d, dagegen nicht mehr für o 
Die hessischen Mundarten haben jedoch, wie die frühere Sprache, im 
Auslaut g zu k verstärkt; vgl. Dook (Tag), mokk (mag), Dark (Teig). 
Schloak (Schlag), Wäk (Weg), Schdäk (Steg), Kriek (Krieg), Zuck (Zug), 
Wärk (Werg), Berk (Berg), Zeul (Zeug). Auch genunk ist hier zu er- 
wähnen, das dem altdeutschen genwoc entspricht. In ganz Hessen sagt 
man ferner wink für wenig und im Vogelsberg Hink für Honig und 
mißk für müßig; sonst wird jedoch die Endung ig wie ich’mit Dauerlaut 
gesprochen, wahrscheinlich unter Einwirkung der Schriftsprache und der 
Nachbarmundarten. 

Ähnlich ist die Entwicklung von g im Inlaut vor Konsonanten. 
Auch hier steht A oder doch wenigstens ein dem %k sich näherndes 
starkes g (Augenblickslaut) in Arzekst (kriegst), krickt, sehkt (sagt), schlehkt 
(schlägt), gewockt (gewagt), lehkt (legt), freekt (fragt), gereekt (geregt). 
schderkt (steigt). 

Diese Lautentwicklung ist aber in manchen Gegenden, besonders 
in Rheinhessen, durch Anlehnung an die Formen, in denen g einst vor 
einem Vokal stand und daher beseitigt wurde (vgl. S. 100), gestört. So 
sagt man infolge einer solchen Analogie (Infinitiv) kriet, seet, schleet, 
leet für kriegt, sagt, schlägt, legt, und nach dem Vorbilde gewisser Ob- 
jektsfälle heißt es Dah (Tag), Schlah (Schlag), Schleh (Schläge), , Weh 
(Weg), Pluh (Pflug). Bei vereinzelten Formen, die vom Sprachgefühl 
nicht mehr in Beziehung zu andern Formen gesetzt werden konnten, 
hat sich auch in Rheinhessen k% erhalten, so in eek (hinweg), wink 
(wenig). Seltener finden sich diese Angleichungen im Osten unseres 
Landes; wir erwähnen hier z. B., daß in Oberhessen das lautgesetzliche 
seekt (sagt) neben der angeglichenen Form gesaat vorkommt. 

Die Halbmundart hat ewei: erhalten, gebraucht jedoch sonst für 
dieses * im In- und Auslaut den Laut ch, wie er südlich und östlich 
von der 8.100 angeführten Grenzlinie gesprochen wird. Die jenseits 
dieser Grenze in Starkenburg und Oberhessen gelegenen Orte sprechen 
g im Inlaut und Auslaut durchweg wie ch, so daß dort Tag wie Dooch 
und Berg wie Berch gesprochen wird. 

Auf die nördlicheren Mundarten in Ober- und Niederhessen scheint 
sich die bereits im Altdeutschen eingetretene und im Niederdeutschen 
weit verbreitete Verstärkung des auslautenden ng zu nk zu beschränken. 
Vgl. junk (jung), Dink, lank, Gank, funk (fing), honk (hing), Rink. Es 
ist dies eine Teilerscheinung der allgemein durchgeführten Konsonanten- 
verstärkung im Auslaut; in den südlicheren Mundarten hat diese, wie 
wir aus den Dichtern des Mittelalters ersehen, ebenfalls stattgefunden, 
ist aber durch Angleichung an den Inlaut ng wiederum beseitigt worden. 

Das urdeutsche k, das wohl wie ein sanftes ck gesprochen wurde 
und streng zu scheiden ist von dem aus & durch die hochdeutsche Laut- 
verschiebung entstandenen, viel kräftiger gesprochenen ch, ist in den 
meisten süddeutschen Mundarten (vgl. dagegen S. 108) und demgemäß 


Die Mundarten des Großherzogtuns Hessen. 115 


auch in der Schriftsprache vor s zu A geworden. Der Schreibung chs 
entspricht in den Wörtern Fuchs, Luchs, Wachs usw. die Aussprache Ks. 
In dem Worte kräckzen spricht die Schriftsprache noch ch, die Mundart 
jedoch Ärekse; ferner ist schnarchen durch Einfügung eines s zu schnarchsen 
geworden und wird in der Mundart schnarkse gesprochen. 

Unsere Mundarten haben das urdeutsche A anch noch außer der 
Verbindung As zu k entwickelt; z. B. Stork, Storik für Storch, hok, huk 
für hoch, Schuck für Schuh, Flok für Floh, saak für sah, sikst für 
siehst, zäikt für zieht. Nach vorhergehendem ż blieb aber die Aussprache 
ch beibehalten (außer vor s); daher heißt es gesckicht (geschieht), sicht 
(sieht), szch (sieh), ziecht im Süden für das oberhessische zäikt. 

Auch hier hat zunächst die Formenangleichung und dann die Ein- 
wirkung der Schriftsprache die Lautentwicklung gestört. Neben kok stand 
einst lautgesetzlich hohe oder koche, und indem man sich an letztere 
Formen anschloß, sagte man auch koh oder koch. Auch hoche für hohen 
und höcher für höher sind auf ähnliche Formenangleichungen zurück- 
zuführen. Wenn man aber heutzutage nur selten noch Schuck, Fol: für 
Schuh, Floh hört, so liegt hier wohl außer der Formenangleichung auch 
Einfluß der Schriftsprache vor. Während nun in vielen Mundarten Schuck 
beseitigt worden ist, hat sich die Verkleinerungsform Schickelche in den- 
selben Mundarten noch erhalten, denn in der Schriftsprache ist die Ver- 
kleinerungsform verhältnismäßig selten, in der Mundart dagegen recht 
häufig, und so konnte hier einmal die Mundart ihren Bestand siegreich 
behaupten. 

In der Schriftsprache ist altdeutsches w im In- oder Auslaut weg- 
gefallen. Hessische Mundarten haben jedoch dieses x’ manchmal erhalten 
oder in einen andern stärkeren Laut gewandelt. So heißt es im Nieder- 
hessischen buwe für bauen; im Oberhessischen konnte das alte e vor t 
oder im Auslaut zu 4 werden, vgl. daakt (taut), geschneikt (geschneit), 
gebaukt (gebaut), froikt (freut), kikk (hieb). Im Mittelhochdeutschen hatten 
diese Zeitwörter bouwen, sniwen, büwen, vröuwen, houwen gelautet; in 
ihnen ist also ein inlautendes or ausgefallen. Ähnliches haben wir oben 
(S. 100) bei g gesehen, das bekanntlich im größten Teile Hessens be- 
seitigt worden ist, nachdem es vorher zu einem sehr schwachen j geworden 
war. Die sehr schwach gesprochenen fast verschwindenden Laute 7 und 
w sind aber schon im Mittelhochdeutschen einander so ähnlich geworden, 
daß sie kaum noch unterschieden werden konnten und häufig verwechselt 
wurden. So standen nebeneinander blüen, blüejen, blüegen, blüewen 
(blühen; oberhessisch gebleukt) und naen, naejen, naegen, naewen (nähen; 
oberhessisch newe). So konnte nun auch bei den oben erwähnten Zeit. 
wörtern besonders bei kräftigem Sprechen g oder 7 anstatt 20 eintreten, 
während bei bequemem Sprechen der Konsonant ausfiel. Wenn nun 
dieses eingetreten war, so konnte es dann vor Konsonanten und im 
Auslaute, ebenso wie die übrigen g, zu k werden (vgl. S. 113f.), und 
so sind denn daakt, geschneikt usw. entstanden. 

Hä 


116 Hans Reis. Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 


Im Wortinnern vor Vokalen ist w, wie sonst g, zu eh geworden 
in haache (hauen), das neben kaa’e im größten Teil Hessens gebraucht 
wird, und in schneiche, das man im östlichsten Teil Starkenburgs östlich 
von Dreieichenhain, Groß-Umstadt, Michelstadt, Erbach sagt, während 
Frankfurt, Babenhausen, Neustadt, Eberbach schneir sagen. Es ist dies 
nicht weit von der S. 100 erwähnten Grenzlinie, die saa’e und saache 
(sagen) scheidet, doch kommen in der Nähe einer solchen (rrenzlinie 
beide Formen nebeneinander vor; in einem Ort wird diese, in dem 
andern jene bevorzugt. Auch die Art des Sprechens kann dabei einen 
Unterschied bewirken; bei lässigem und bequemen Sprechen sagt man 
schneie, bei kräftiger und betonter Aussprache schneiche. 

Das oberhessische schnerre ist dadurch entstanden, daß das alte 
schwache w nicht nur mit g, sondern auch mit d vertauscht werden 
konnte. Dieses d ist nämlich, wie oben (S. 99 und 108) gezeigt worden 
ist, teils zu r geworden teils weggefallen, und so stehen hier schließlich 
schneire und schneie nebeneinander. 

Eine andere Art der Konsonantenverstärkung finden wir im Nieder- 
hessischen. Wie wir S. 104 gesehen haben, findet sich Nasalierung mit 
Wegfall des auslautenden n und Beibehaltung des n in denselben Orten 
nebeneinander. Auch in dem niederhessischen Anteil unseres Landes 
finden wir dies, jedoch ist hier » durch Verschiebung der Artikulations- 
stelle im Munde nach hinten zu ng geworden. Vgl. Wing (Wein), Rhing 
(Rhein), sing (sein). Auch für nd, das sonst durch Angleichung im 
Inlaut zu n wurde, konnte ng eintreten, z. B. Keng (Kinder), Hong 
(Hund), Pong (Pfund). Durch Formenangleichung ist diese Lautentwick- 
lung jedoch mehrfach gestört worden. In Schlitz sagt man Wre für 
Wein, aber Keng (Kinder). In andern Orten findet sich neben Keng 
die Einzahl Keind. Der niederhessische Grenzort Grebenau hat noch 
durchweg nasaliertes ¢ ohne folgenden Konsonant; neben Wie (Wein) 
heißt es dort auch ai (sein). 

Der Auslaut ist ferner durch Anfügung von 2! an auslautendes ch. 
s, sch, n und r verstärkt worden. Vgl. annerscht (anders), Johrt (Jahr). 
selwerscht (selber), Äliescht (Klöse), dernocht (darnach), dernochert (da 
nachher), Ferscht (Ferse), zmmert (immer), geschdert (gestern), schunt, 
schont (schon), aert (neun), vorhint (vorhin), Leicht (Leiche), ehbscht 
(verkehrt, auf früheres ebech zurückgehend). Auch ehnder gehört hierher, 
insofern es durch die Steigerungsendung er aus ehnt (altdeutsch ë mit 
zuerst angefügtem n — vgl. S.107 — und dann angefügten ?) ent- 
standen ist. Ein solches ? findet sich vielfach auch in schriftdeutschen 
Wörtern, in denen es früher nicht stand, so in Art, Obst, Palast, 
Habicht, jetxt. Ob diese Anfügung von ? lautgesetzlich ist, oder ob 
durch das Nebeneinander von Aan, Kind; Erre, Erd; hasch, hascht 
(hast) Analogiewirkungen hervorgerufen wurden, läßt sich nicht mehr 
entscheiden. Wenn die Entwicklung aber lautgesetzlich ist, so traten 
sehr starke Störungen derselben ein, nicht nur erst neuerdings durch 


Hermann Teuchert. Aus dem neumärkischen Wortschatze. 117 


die Schriftsprache, sondern auch schon früher durch allerlei Analogic- 
wirkungen. 

Auch bei der Entwicklung von mb scheinen sich Analogiewirkungen 
mit dem Lautgesetz derart zu kreuzen, daß eine klare Übersicht über 
die Lautentwicklung sehr erschwert ist. Das alte mb ist in der Schrift- 
sprache zu m geworden, im Oberdeutschen jedoch teilweise erhalten ge- 
blieben. Auch unsere Mundarten stimmen meist mit der Schriftsprache 
überein, jedoch findet sich mb noch in einigen Wörtern. Vgl. Schlamlı 
(unordentliches Mädchen), das davon abgeleitete Wort Schlamberer, das 
in Mainz für Schlamm gebrauchte Wort Schlambes, bambele (baumeln), 
(rehemlel (Gebimmel), benzbele (bimmeln), verkrumbelt (krumm geworden), 
Gerumbel (Rummel), Arembelmark (Krammarkt). Möglich ist übrigens, 
daß allen diesen Beispielen früheres mp zugrunde liegt. 

In den letzten Jahrzehnten sind in Mainz, Darmstadt und andern 
Orten g, ch, sch einander gleich gemacht worden.! Zunächst ist sch für 
g und ch da eingetreten, wo die Mundarten dafür j oder gar keinen Laut 
hatten, in gehorsche für horje, masche für morje (morgen), gleisch für gle:. 
Dies geschah wahrscheinlich in dem Bestreben, den in der echten Mundart 
ausgestorbenen oder recht schwach gesprochenen Laut gründlich hervor- 
zuheben. Bald aber sind g und ch durchweg, soweit sie wie in selig 
und del (nicht wie in geben oder ach) gesprochen wurden, dem sch immer 
mehr angenähert worden. Als man nun zum Bewußtsein kam, wie »un- 
richtig- dieses sch ist, folgte die Gegenwirkung, zunächst mit dem Erfolg, 
dab eine vollständige Unsicherheit im Gebrauche dieser Laute eintrat. 
Sn sagte man Fich und Fleich, aber xwanxisch und dreifpisch. Heut- 
zutage scheint jedoch im jüngeren Geschlechte der schwächere Laut voll- 
ständig durchgedrungen zu sein. 


(Fortsetzung folgt.) 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 
Von Hermann Teuchert. 
(Fortsetzung.) 


hechan mit heraushängender Zunge hastig atmen (von Hunden; Stro, Aren 
nach Atem schnappen, Scha. kazin, rip. [Agidienberg] becan hauchen; 
neben dieser o ` ö-Lautung tritt eine n-Wurzel auf: rip. |Ag] Roran 
hauchen, mkl. auxin in sich hineinlachen, die im mhd. hùchen und 
nhd. hauchen langen Vokal aufweist: schließlich erscheint 7 und ¥ bei 


— 





! Vgl. meinen Aufsatz in der Wiener Germania, 1692, N. 123 ff. 


118 Hermann Teuchert. 


Fri. in hen kurz und scharf atmen infolge raschen Herzschlages, be 
sonders von Hunden (vgl. ndld. Aujgen) gött. [Scha.] kiche? f. Herz, 
hichen? und kichepachen® kurz atmen. Der lautmalende Charakter 
der Sippe tritt in der Vokalisierung durch alle fünf Vokale hindurch 
deutlich hervor; das zweite Element dieser onomatopöetischen Bildung 
ist der k- und ch-Laut, demnach ist eine Betonung der Überein- 
stimmung des Wurzelauslautes im Ndd. |Stro. een] und Md. Ion 
hcecan) zu vermeiden und nicht Variation des Wurzellautes mit ch:k 
anzunehmen. Es liegt nichts weiter zugrunde als das physiologische 
Moment eines Hauches, der je nach der Artikulation in den Klang. 
farben der einzelnen Vokale auftritt). 

hibl m. Hügel (mnd. *hövel, mhd. hübel, wstf. küaval). 

hüdn hüten (besonders das Vieh). 

hifa f. Hüfte (mnd. hüffe, hüf, Prenden Aufa; mit Wurzeldetermination 
mnld. höpe, ndld. heup, wstf. dat. kẹəpə m., got. hups, ags. hype: 
vgl. 8151); s. auch baut 

hilpa f. 1. Hilfe, 2. Tragband für die Karre (vgl. rip. helap Hosenträger. 
Tragriemen). 

hilšuux, pl. -3uuə m. Holzschuh, auch ọsə genannt (< *hültšuur). 

kıltaorn hölzern. 

htmpl m. Haufen (Fri. höimp! m. Erdhöcker, kleiner Haufen, ne. hunp 
Buckel, Höcker). 

hiinerrik n. s. rik n. 

hinast m. Hengst (lex Salica: hangisto; s. §16 b, wohin das Wort von 
§ 18 zu übertragen ist). 

hiyka f. Krankheit der Schafe, Klauenseuche (as. *hinki). 

hüpte in Haufen, gehäuft (von kuup). 

hiipm Erde um die aufgehenden Kartoffelpflanzen häufen, trans. gebraucht: 
da kariof[n hiüpm; Fri. hüüpaln. 

hipm s. inhipm. 

his oder be Hetzruf für den Hund. 

hisky = husky. 

hitsn 1. heizen (durch Ausgleich mit nhd. Hitze); 2. hetzen (Fri. kitsn, 
ndld. hitsen, mnd. hitzen und hissen [dies häufiger], mkl., vorpom.. 
altm., Ri., Scha., lipp. Aktsn; ob hitsn hetzen mit ahd. hetzen < *hatjan 
verwandt ist oder die Grundform Akten die Affrikata aus dem Hd. ent- 
lehnt hat, ist unaufgeklärt). 

hiia links! Zuruf ans Zugvieh (deutlich wird davon Air oder htia hier 
unterschieden; die nhd. Form mit -r ist beibehalten. Ähnlich ist im 
Rheinlande die den Mundarten nicht entsprechende Form haar links 
[ahd. hara] üblich); vgl. $ 96 Anm. 

khoky n. Verschlag für Hühner, Enten (Fri. kok m., hoka f. Verschlag, ein- 
gezäunter Raum fürs Vieh, vgl. Fri. kyk m., kųkə f. Sitz, Wohnsitz, 
Heimwesen, bahuk m. kleines Wohnhaus, bahykan besitzen, old. huk 
Gelaß). 


XK 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 119 


hel hohl, bei wn bel völlig hohl, so daß es dumpf widerhallt. 

helsdeen m. »Hohlstein«, das Ziegeldach auf dem First abschließender 
Stein (mnd. holsten). 

holtbuk m. Holzzecke (vgl. Scha. deekobok m. und nmk. smel und Sineedobuk). 

holin Holz fällen. 

holtseera f. Holzhäher, garrulus glandarius (Benennung unklar; mkl. holt- 
schrag’). 

hoom, pl. heema m. Hamen, Nachgeburt ($ 356 Anm. 3 a); prign. hopn 
(zu as. hamo Kleid, mnd. ham Hülle, Nachgeburt). 

hoonaky höhnen (mit der slavischen Endung -ak aus Hohn erweitert). 

hopnsballa m. oberster Dachbalken, als Versteifung. 

honiylk m. Honig (mnd. honeg, honnich, § 115). 

koop m. Haufen (as. hòp, ahd. houf; dazu ablautend kuup). 

họps m. Sprung, auch als Interjektion (mit der Nebenforn Appsa), zu 
hopsn (in den deutschen Mundarten ist die Form Aopas, hupas (vgl. 
Fri. hepas, Dähn. khupas] sehr häufig). 

hopsar m. Schnitzer, Fehler. 

hepsn oft hüpfen (mit der hd. Intensivendung -ex:ian zur Wurzel hup- 
gebildet, s. Aarm), 

horky horchen (mnd. horken, as. *hör(a)kön). 

horntsa f. (nhd.) Hornisse (Fri. noch Aoratz f.). 

hopznbroot n. gestrichenes Brot, das Erwachsene Kindern bei ihrer Heim- 
kehr geben, wobei diesen gesagt wird, es stamme von Hasen. 

hooznkruut n. Ginster, Besenstrauch. 

hooznsopria f. Hasenscharte, nicht zusammengewachsene Öberlippe. 

hota rechts! als Zuruf an das Pferd; kọtəhüü Bezeichnung für das Pferd 
selbst (s. küü). t jeet noo hotatuula es geht dahin, wohin das Pferd 
will (s. Zuuls). Einem schlechten Reiter singen die Kinder nach: kọtə 
rit npp tuula »Rechts reitet nach links«e. — het wie im Nmk. »rechts« 
z. B. auch im Luxemb. 

kopt3]n sich mit den Kindern abgeben, mit ihnen spielen, sie verhätscheln. 

hoovareeta f. die Hofanlage, die Gesamtheit der Gebäude, die zu einem 
Bauerngehöft gehören, der Hofraum mit den Gebäuden (md.-mid. 
hoverede, mhd. hovereite; -2- deutet auf hd. Herkunft!); ältere Form 
haavsreeta. 

hs = his. 

bah! m. Anschwellung, Beule, Knollen (identisch mit Aibl). 

huubl m. Hobel (Scha. höwel®, brem. hövel®, altm. bont, dën. hevl, wald. 
hüvl Hügel, Hobel, Soest hüüəvl, mnd. hövel; daneben tritt @ und u 
auf: altm. khuuvl [nur huurln verb.], prign. huurl, Glekstdt. kuurtl, 
Fri. kuubl, nfrk. [Wermelskirchen] kubalr statt *hobaln; s. $S40 Anm. 3 
und Ndd. Jb. XXXII S. 7, §191 Anm. 3). 

huubln hobeln. 

huft f. Hüfte (seltene Nebenform zu bit beachte die gleiche Bildung 
in auf f. das Blatt des Rindes, Schweines). 


120 Hermann Teuchert. 


hupppm gähnen (uckerm. koojoppm; die nnık. Form verbietet des alten 
Richey Deutung »hoch gähnen«; diese trifft jedoch zu für Scha. haa-, 
hoojeenan; ö! wieder bei Fri. huujapm, hüjenen, höjanen?, janen’). 

hyka f. 1. Nacken, Rücken: da hyka ful kriian Prügel bekommen (s. kak- 
bako); 2. Haufen, Masse, z.B. na huka holt, hai ein Bündel Holz, 
Heu, das man auf dem Rücken trägt (auch gleich kapitsa,; vgl. Schü. 
hola Korngarbe, Mandel, prign. hol: f. Getreidehocke); 3. hockende 
Stellung. 

hukortie brünstig, ochsig (von der Kuh, zum folgenden). 

hukorn coire (von Hunden, Frequentativ von bukal 

huky hocken (ebenso Fri.). 

hular di bular mit Gepolter (zu Aol und bel). 

huistarie holprig, uneben (unbekannter Herkunft; in Hei. Aurlsporie). 

hump!n lahm gehen, hinken (ebenso Fri., Scha., bair. humpen?; möglicher- 
weise mit hinken verwandt, falls idg. q vorliegt). 

humplipeetezr m. hinkender, lahmer Mensch. 

hųņər m. Hunger. 

hunyarharka f. ein großer Rechen zum Aufharken des Abfalls von Getreide- 
- halmen (jaress, s. d.), der von Pferden gezogen wird (ebenso bei Schü.); 
eine treffende PEZANT (vgl. Scha. smaxtharkə in derselben Be- 
deutung)! 

hųņərn 1. hungern; 2. mit der kyyərhkarkə harken. 

huup (selten huupm) m. Haufen (davon hiipie,; adh. hüfo). 

huporn auf einem hupart blasen. 

hupart m. Blasinstrument aus Weidenrinde, wird als Zungenpfeife in das 
Waldhorn (auch aus Weidenbast) gesteckt (altm. prign. kupyp Flöte, 
s. hyupup,; hupart im südlichen Teil des Kreises Jerichow I, wstf. 
hupalto, Völklingen a. d. Saar hyp,; über das Suffix -te an Namen 
von Tieren, Pflanzen, Geräten u. a., vgl. Holthausen in PBrB. XXXII 
S. 293); ein lautmalendes Wort. 

hupup hupup fleeta Anfang des Liedchens, das die Knaben beim Be- 
klopfen der Weidenrinde singen, wenn sie einen hxpart oder eine 
Weidenflöte herstellen. 

hųrjće Ausruf der Verwunderung (= harjee); ebenso mkl. 

hųxəbiila f. Beule der Made des bixəvorms (s. d.) in der Haut des Viehes, 
besonders der Kühe. 

husa f. 1. Weile, Zeitdauer; 2. Regenschauer (altm. kys; aus der Inter- 
jektion husch gebildet). 

huso f. das Zausen, besonders am Haar (as. ahd. ug Spott; Fri. hus f 
Ohrfeige, Scha. kyšo pl. Schelte, Schläge). 

hušky n. Weilchen (Diminutiv zu iso : auch gsky). 

husn zausen (Syn. istipm; Saarbrücken Aausa schlagen). 

hust n. unsauberes Mädchen (wald. Arıtsl altes Weib, Fri. hutsl f. nicht 
ausgewachsenes Obst: mfrk. vertrocknete Birne und altes Weib: mhd. 
hutzel getrocknete Birne, dies die ursprüngliche Bedeutung). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. | 121 


hüü Zuruf an das Pferd zum Anziehen; bisweilen auch in der Verwen- 
dung von Aa fe d.). 

huuva f. Hufe (die große zu 60 Morgen, die kleine zu 30: die Bezeich- 
nung ist jetzt völlig veraltet; as. höba). 


i. 

i voo Ausdruck der Ablehnung. 

där n. Euter (as. üder, altm. üüder). 

tlorleista allerletzte (daneben auch alar- und aldar-, tldarletsto; < mnd. 
*elkerleste? s. 850 Anm. 6). 

in um (as. umbi); atioun auf allen Seiten, ganz und gar (die einzige 
Verbindung, die noch das -d von und aufzeigt, vgl. Mackel, Ndd. Jb. 
XXXII S. 39, $ 283 Anm. 2). 

imbįilšn eingebildet (eins der seltenen Adjektive auf -en, aber nur noch 
in prädikativer Verwendung mit dieser Endung). 

indrux[n sanft einschlafen (s. dryz!n). 

infeemm einfädeln (von foom Faden, § 179 ©). 

infoobm in die Tasche stecken (Fri. fypm in die fupə f. Tasche stecken; 
vgl. hpom. foob, samld. fup Tasche). 

(kt pm aufreizen, zureden (etymologisch unbekannt). 

injųksn einschmutzen (s. juks). 

inlet n. Bettbezug, in den die Federn kommen (ebenso Fri. neben verhochd. 
einlatt? in Danzig; mnd. inlede). 

inliidn den Gottesdienst einläuten, selten trans., meist absolut oder mit tuu zu. 

ınmeeln einrühren (s. meeln). 

inmum!n verkleiden, einhüllen (s. mumalak). 

inpitn (nie *timpitn) Wasser aus dem »itloxr, einem gegrabenen Loch von 
geringer Tiefe, in dem sich das Grund- und Regenwasser sammelt, 
in den dreykum (s. d.) einschöpfen. 

inzaky 1. trans. in einen Sack oder eine Tasche stopfen; ?. intrans. ein- 
sinken (Denominativum von Sack). 

Inzoomm einsämen, ein Stück Ackerland mit Samen besäen. 

insbunn einsperren, ins Gefängnis setzen (zu Spund, vgl. altm. span 
mit einem Spundloche versehen, aber nicht aus der Form sbunt [s. d., 
mhd. spunt] abgeleitet, deren auslautendes 2 sich aus lat. puncta Stich 
erklärt, sondern aus einer dem ndld. spun, spon entsprechenden ndd. 
Nebenform zu nnık. Sbunt). 

inšdipm eintauchen (s. šdipm). 

inslax m. der Einschlag eines Gewebes (mnd. inslach, bei Linnen von 
Werg, s. upisux). 

tzagrim m. grimmiger, mürrischer Mensch (ursprünglich der Name des 
Wolfs in der Tierfabel, später als Bauernname verwendet). 

uxərkasin m. Kasten mit Eisengerät und Nägeln (neben € -2artiie das cin- 
zige Wort, das noch das alte iser Eisen erhalten hat, vgl. noeh mkl. 
tsorboon Eisenbahn). 


122 Hermann Teucohert. 


sizartiic n. eisernes Geschirr. 
tiznboonar m. Eisenbahnarbeiter, seltener für den Bahnbeamten. 
ttste jüdischer Name (hin und wieder als Appellativ gebraucht). 


j. 

jampərn eifrig nach etwas verlangen, besonders vom Hund, wenn er 
Hunger hat (lautmalend). 

jampin = jampərn. 

jepsn fassen, haschen, besonders nach Luft schnappen (s- Bildung zu ndd. 
[hamb. o. al japm, dem Intensiv zu mnd. japen gähnen). 

jauxə f. Jauche (nhd.; mnd. jüche). 

jaxarn wild umhertosen, = laufen, so daß man dabei außer Atem kommt 
(besonders vom Hunde), auch Synonym für hukarn (vgl. Jerichow | 
jaxjn vom schnellen Atmen des Hundes, Fri. Jararn, jakorn aus Lust 
lärmend umherjagen, Jar/n, jakin Freq. zu jagen; es erscheint zweifel- 
haft, ob Fri. jakərn und jakļn zu domselben Stamme gehören. Diese 
sind wohl von jagen abzuleiten, während die {x-Formen mit mehr 
Wabrscheinlichkeit zu mnd. jäch, mhd. gäch, gäche jäh zu stellen sind). 

jaxt f. Jagd; vir da vela jaxt vom Umhertollen der Kinder; mepk: nic zoons 
jaxt sei nicht so wild. Als Verbum wird in diesem Sinne (umher- 
jagen, = laufen) jaaən gebraucht; s. jaxtn. 

jaxlor m. Jäger. 

jaxin jagen, auf die Jagd gehen; vgl. jaaen. 

jeian (Za) mit jit »Ihr« anreden (mkl. jeisn). 

jəfadər m. Gevatter. 

jəhanə, tų am Johannistage, 24. Juni. 

joheesn gefallen, behagen (zu as. huggian denken, hoffen, mud. högen 
erfreuen, trösten, vgl. köln. kögə? gedenken, sich erinnern); dẹet jəkęçət 
dii vọl das gefällt dir wohl; vgl kee f. 

jəkęykə n. Gehängsel. 

jaheysl n. = jaheyka. 

jeel gelb (as. gelu); i jeela fant ai Eidotter. 

jeel geil (vgl. as. gel übermütig). 

jel nicht trächtig, »Übergänger«, von einer Kuh, die nicht empfangen 
hat (mnd. *gald, *gelde, mhd. galt unfruchtbar; der Abfall des -d 
ist sehr auffallend, findet sich aber auch bei Fri. jel, jelo, der noch 
eine hd. Form Zelt angibt). 

jeeminee, jeemars (meist mit oo davor) Ausruf der Verwunderung (entstellt 
aus Jesu Domine). 


Bedauern: zum Stamme jam- in "ha. nme | 
jeenn gähnen (nicht < mnd. janen, sondern < mhd. gänen); häufiger Ist 
gJEEpm. 
jentərik auch Jentər m. Gänserich (§ 382, 2 
jeeya 1. gegen, 2. neben. 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 123 


jeera £. Göre, unartiges Mädchen (literarisch zuerst bei Lauremberg, Scherzged. 
II, 11 gör f.; von Braune zu dieser Stelle von mnd. göre f£., ndld. 
geur Gährung, Duft abgeleitet; mit ne. girl nicht verwandt). 

jəręsəa n. bei der Ernte geharkte, nicht in Garben gebundene Halme (altm. 
res; im Mfrk. und Nfrk. bedeutet jares Ia B. Wermelskirchen] < *ge- 
risse Asche, Kohlenreste, die durch den Rost gefallen sind; zu as. 
risan fallen, sich erheben; also beim Binden »fallengelassene« Halnıe; 
e ist bei altem ja-Stamme auffallend; vgl. mit grammatischem Wechsel 
Scha. rer n. die ausfallenden Körner und rip. rero ausfallen lassen, 
ausfallen [vom Korn)). 

jerstvorn m. Maulwurfsgrille, gryllotalpa vulgaris (= verə). 

Ja? n. Geschwätz (< hebr. gesera, geseira Verhängnis, Beschluß). 

jes m. Gischt, Geifer (mnd. gest, mhd. jöst, gist, zu mnd., mhd. jüsen, 
geschen gären; t- Abfall unerklärt, vgl. jel). 

JsSekt mit buntgefleckter Haut (von Pferden, Kühen), s. sea. 

join geschehen ($$ 54. 135. 314). 

Jespa f. Handvoll (verhält sich zu Scha. g6p3a, Oderbruch jeps, Fri. jeps, 
jepsə f. wie nhd. Wespe: mhd. wefse; < mnd. *göpse, vgl. mhd. goufe 
swf., ahd. coufan hohle Hand; mkl. g96ps, prign., altm. gps, watt, 
gëöpəlšə; der Stammvokal ist vor der Doppelkonsonanz gekürzt worden; 
überliefert ist mnd. gepse, gespe, dessen Echtheit zu prüfen ist). 

Jotsyndar$ jetzt (s. tsųnt; vgl. § 380); daneben jatsynt (< mhd. iezuo > 
lezunt). 

Javarft n. Anliegen, Vorwand (ebenso Börssum [Braunschweig] varf; vgl. 
nhd. Gewerbe; zu as. hwörban sich wenden). 

Javenn gewöhnen (mkl. gavenn, mnd. gewenen, as. wennian; § 118). 

jeevl m. Giebel. 

bl m. Verlangen, Begierde (besonders nach Essen; ebenso altm., Oder- 
bruch ztbar; Fri. bl om Mund, mäin 1. schwatzen, 2. schnell angreifen 
und unausgeführt lassen; vgl. ndld. gijbelen kichern, ne. to gibber). 

Adorıc zum Lachen geneigt. 

dern viel und gern lachen. 

Aftic 1. giftig; 2. zornig, böse auf jemand. 

Jüksn rülpsen (Etymologie?). 

Jiümm schwer atmen (vgl. altm. gm? engbrüstig, Fri. jiamm asthmatisch 
keichen; mit ableitendem -m, das aber von Nominalbildungen wie 
altm. 922° entlehnt ist [statt -n, vgl. kiimm keimen statt *kiinn], aus 
der Wurzel gi- gebildet [vgl. ahd. giön, ginön gähnen)). 

Jjtipərn verlangen, begierig nach etwas sein (ebenso mkl.; Simplex ndld. 
gijpen gapsen, nach Luft schnappen). 

Js! n. kleine, junge Gans ($ 108). 

jiistə geil oder unnütz (von Reisern; mnd. güst; im Ndd. sonst wohl überall 
im Sinne »keine Milch gebend, troken«, von der Kuh). 

Jüls m. zweiter Trieb des Tabaks (Fri. jrits m. schlechte Sorte Rauch- 
tabak, auch Auswuchs an der Tabakspflanze; nhd. »Geiz-). 


‚124 | Hermann Teuchert. 


x 


jiilsn Tabak beschneiden. 

jtelns irgendwie (ebenso mkl. und altm., Soest (r/us; s. S 210). 

joorn refl. sich jähren. 

3o.rn (Lorenzdorf) eilen, schnell fahren (in Besten, Kr. Teltow jorsn jagen: 
hat mit jagen nichts zu tun). 

juks m. Schmutz, Dreck (s- Erweiterung zu mhd. jucke pruritus, vgl. ahd. 
jukkido prurigo, scabies; jJuks Spaß, schlechte Ware (Fri.), Scherz- 
artikel (Berlin) < lat. iocus ist unbekannt). 

juksie schmutzig. 

Taken schmutzen. 

(On Junge our Welt bringen (von Hund, Katze, Mäusen u.ä. kleinen 
Säugetieren; s. auch farkln, felln, Aalen, lamm; mnd. jungen). 
Juurkd f. Gurke ($ 87 Anm., < poln. ogurek als ursprünglich *agurike 
‘“ entlehnt; nach Kluge, Et. Wtb. frühere Nebenformen Ajurke, Aujurke: 

daher erklärt sich also J, $ 213). 
Juuxn jauchzen, schreien, aufschreien (mnd. jüchen). 


k. 


kabļm refl. sich streiten (selten mit Worten, obwohl dies die Grundbedeu- 
tung ist), ringen (< *kavin |s. $ 148], Iterativrum zu ahd. kiuwan kauen 
durch die Ablautstufe kau-; Scha. kavin Wortwechsel haben, ndld. 
kabbelen murmeln). 

kabüuar n. Käfig, Gebauer (lautlich nicht zu erklären, entlehnt aus einem 
hd. Dialekt?). Sehr wahrscheinlich ist Zusammensetzung aus mnd. 
kau < lat. cavea und mnd. bûr n., die beide Bauer bedeuten. 

kabúuxə f. schlechtes Haus, Hütte (mnd. kabûse; vgl. hpom. kabárə < 
poln. kabak Krug, Schänke). 

kaf n. Spreu (im westl. Deutschland ist allgemein kaava f. gebräuchlich 
[gött., wstf.; mfrk. kaa: f]; im Ablaut damit ahd. chöva Schote). 

kafər m. dummer Mensch, eigentlich Bauer, Dörfler (gehört zu dem in 
der Mundart nicht vorkommenden, aber z. B. in Berlin häufigen kaf n. 
Dorf < hebr. kophar). 

kailə pl. (nbd.) Prügel (nie in diesem Sinne das ndd. Ņiilə Keile gebraucht: 
stammt aus der Gaunersprache). 

kalášn durchprügeln (ebenso altm. und Fri.). 

kala f. Liebste, Geliebte (verächtlich, hebr. kalläh). 

kalęšə f. Staatswagen (< poln. kolasa verdeckter Wagen). 

kalesu wie ein großer Herr einherkutschieren. 

kalmuus m. acorus calamus; Stengel und Blätter werden zu Pfingsten 
gekauft und in die Wohnungen gestellt: die Jungen blasen darauf. 

kaltpo (und salıpo) f. Strohhaus («< poln. chałupa Bauernhaus, vgl. lit 
kalupa). 

kalvarı sich albern zeigen, umhertollen (zu kalf Kalb). 

kalvoskuns f. Kuh, die kalben soll oder soeben gekalbt hat. 

kalvn ein Kalb zur Welt bringen., 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 125 


kamila f. 1. Kamille, 2. pl. alte Geschichten (dasselbe Wort, wie die 
Redensart ola kamelln yp varmım »... aufwärmen« zeigt). 
kampln wackeln (lautlich kaum zu obhess. [Crecelius] Aampeln zanken, 
streiten, das von mhd. kamp Kamm abgeleitet ist, zu stellen). 
kamyf m. Tölpel (vgl. ebenso in Sulzbach, Kr. Saarbrücken, in der Be- 
deutung Dummkopf). 
kamúrkə f. schlechtes Lehmhaus (< poln. komórka kleines Gemach). 
kanddra f. Pferdegebiß, zum Zügeln wilder Pferde. 
kandel m. Zimmtholz, Gewürz (mnd., mhd. kanêl < it. canella, Dim. zu 
lat. canna Rohr). 
kantkl n. Kaninchen (Lehnwort aus lat. cuniculus). 
kausunz, kantsuu m. bedeutet ursprünglich eine Peitsche oder jedenfalls 
ein Instrument zum Durchprügeln; irrtümlich wird aber auch der 
kant! so benannt, weil es damit die Prügel gibt, die früher der kan- 
sunz austeilte (in Za. kansuk, Fri. kantsyk m., < poln. kanczug Riemen- 
peitsche, aus dem Türkischen). 
kant n. Brotende (uckern:. kantn, identisch mit dem eigentlich ndd. Kante). 
kunthooka m., biin kanthooka kriion am Kragen fassen (von der ndd. See- 
küste eingedrungen). 
kant! m. vierkantiger Stab zum Linienziehen (mit dem Instrumentalsuffix 
-el neu zu kanta f. Kante gebildet). 
kapttlfesta sicher in einer Sache (aus dem geistlichen Leben entnommen). 
kapitsə f. Heuhaufen (Fri. hat keps, AkGöps m. f. kleinerer Heuhaufe, auch 
kups und kųks, er lehnt poln. kupa, lit. küpet& Haufe ab und denkt 
an Kopf, was natürlich unmöglich ist). 
kapooras entzwei, zerbrochen (von hebr. kapporeth das Sühnopfer). 
kapút entzwei, zerbrochen (bei weitem häufiger als das vorhergehende; 
von frz. être capot verlieren beim Spiel; in den Rheinlanden fast all- 
gemein kapgt). 
karbátšə f. Ohrfeige (eigentlich »Hetzpeitsche«, poln. karbacz). 
kordeeiä f. Kratze zum Putzen der Pferde (von gleichbedeutendem poln. 
kartacz zu lat. carduus Distel). 
karéetə f. schlechter Wagen (zunächst von poln. kareta, lit. karėta Wagen 
übernommen, doch altes Kulturwort; vgl. den keltischen Ursprung des 
lat. carrus). 
kareetərn auf schlechtem Wagen oder Weg schnell fahren. 
kariina f. Tragkorb (mnd. karine Gefäß[?], uckerm. [Warthe] kri) 
karjeer m. schnelles Reiten, Fahren (< frz. carriere). 
karjeern schnell reiten, fahren. 
karjooln schnell fahren (zu it. carriola f. Schiebekarren). 
karmanaada f. Karbonade (ebenso Fri.; interessante Dissimilation Ju > 
mn; über den umgekehrten Vorgang vgl. $165 Anm.). 
kdaroo Hundename (< it. caro teuer). 
bur? aufrecht, gerade (Fri. karš 1. munter, 2. stolz, 3. erzürnt: altın. 
ka(r)$ frisch, stark; Magdeb. Gegend Aars unangenehm, unpassend: 


126 Hermann Teuchert. 


wstf. kaš geschwind; hamb. kaš mutwillig; gött. kasə schnell: Schü. 
br. Wtb. kask; dān. karsk gesund, wohlauf; mnd. karsch, kask, kasch 
munter, frisch; von dunkler Herkunft, die Etyma *karlisk [Hildebrand 
in Gr. Wtb.] und *kradisk [zu ags. hrad, Woeste] sind lautlich an- 
fechtbar). 

kastrgla f. Schmorpfanne (ndld. kastrol < frz. casserolle f.). 

katapalt n. Schleuder, Knabenspielzeug (bestehend aus einer Holzgabel, 
an deren Zacken zwei Gummischläuche befestigt sind, die amı andern 
Ende durch eine Lederschleife verbunden werden: < lat. catapulta, 
greh. xararéhtys) 

katnšdart m. Wiesenschachtelhalm. 

kauza f. (Za.) Backenzahn (Stro. kuuzə, mnd. kûse). 

kaavl f. Ackerlos (mnd. kavel zugerichtetes Holz zum Losen, ein weit- 
verbreitetes Wort von altgermanischem Ursprung; s. Gr. Dt. Wtb. V, 7). 

kaxl f. Kachel (mit ch wohl jetzt im Ndd. allgemein, mnid. kakele, mnd. 
schon kachel). 

kaxļn, meist inkaxln stark heizen. 

kelarhals m. Herbstzeitlose (unverständliche Benennung). 

kentkn n. Brotende (Diminutiv von kant). 

keern kören, den Zuchtstier aussuchen (ndd. Lautform des nhd. küren, 
< as. kurian > mnd. kören). 

keexa m. Käse. 

keezapepl f. Malve (dieselbe Bezeichnung stellenweise in der Rheinprovinz). 

keexic käsig (von der Butter, übertragen vom Aussehen eines blassen 
Menschen). 

kesta f. Festlichkeit mit Essen, besonders oostkesta (s. d.), von mnd. köste 
Speisung, Schmaus, mhd. koste Zehrung, Speise. 

Eeër m. Handnetz mit Stiel (mkl. kesar, altım. Leier, Schü. ketr, Fri. 
keSar, kętšər, kelsar; nach Gr. Wtb. V, 248 Fischerwort der Ostsee, zu 
lit. kaszus Korb?). 

ke3arn jagen, besonders Tiere, scheuchen (ebenso Fri.; eigentlich fischen 
mit dem Äesar). 

keetl 1. m. Kessel (got. katils); 2. f. Kötel, Exkremente der Schafe, Ziegen, 
Rehe, Hasen usw. (altm. Avtl, wstf. [Soest] kiətl, old. Aöötl Schi, 
prign. köödl festes Exkrement; nınd. kötel m., ndld. keutel m.; un- 
möglich zu nhd. Kot zu stellen). 

ketl f. Türhaken (Diminutiv zu Kette), dazu tuuketln. 

keetər m. Hund, Hofhund (nicht direkte Herleitung aus mnd. kote als 
»Bauernhund«, sondern erst wieder aus dem Nhd. aufgenommen; 
direkt zu kote gehörig, müßte das Wort *Akööter > *keetar lauten). 

kiikl n. Küchlein (vgl. echt ndd.: mkl. kizüly, mnd. küken und dazu ags. 
cýcen, ne. chicken und das Stammwort ags. coce, altn. kokkr Hahn; 
das Diminutivsuffix -el in diesem Worte ist für die Neumark und 
den ganzen Osten des ndd. Gebietes charakteristisch, vgl. Fri. Hiel, 
keichel?, keuchel?’). 


Aus dem neamärkischen Wortschatze. 127 


kiky gucken (ebenso Fri., mnd. kiken, über die Vokalkürzung vgl. $ 117). 

ba f. Kälte (mnd. külde f., altn. kulpe m., prign. kl f.). 

bat sagt man beim Kitzeln von Kindern. 

ktlksn kotzen, sich erbrechen (altm. kolks», Oderbruch kyiksn, Fri. ohne 
Erweiterung Aglky erbrechen; doch wohl mit k-suff. aus Kehle ge- 
bildet, vgl. lat. gula). 

kimm keimen (Scha. kimn, as. kinan, s. $167 d und vgl. jiimm). 

kün m. Kien, harziges Kiefernholz (ags. cén, ahd. kên, kian, mnd. kên). 

künepl m. Kiefernapfel (von der fictə picea). 

kinlooda f. Unterkiefer. 

kiyarkas pl. Kindchen ($ 382, 1). 

kinorlitscos, -j9s Fisematenten (vgl. dundarkitcean). 

kiipə f. Kiepe, Tragkorb, in Za. Zweihenkelkorb (hamb. kščpə, mkl. kiip, 
mnd. ktpe, wahrscheinlich aus dem Ndld. m das ursprünglich 
ü besaß, mnid. cüpe, vgl. ags. cypa). 

kipa f. Schwebe (vom Zünglein der Wage, das auf der kipo steht, dann 
von gefahrvoller Lage: ? 3deet ypa kipa,; eigentlich Spitze). 

kiplic schwankend, wacklig (vom folgenden). 

kipin sich schwankend bewegen, weil nicht fest aufstehend (Iterativ zu 
pm) 

kipm trans. zam Schwanken bringen, intrans. schwanken (zum vorigen, 
vgl. altn. kippa, ags. cippian schlagen). 

küizeet$, küizeette wählerisch im Essen (von as. kiosan wählen und ötan 
essen, uckerm. [entlehnt] kirzeettc). 

kitso f. weibliche Katze (frühnhd. kitze, ndd. kitte, vgl. me. chitte Kätzchen, 
< urgerm. *kötjön; die Entlehnung aus dem Nhd. muß frühzeitig er- 
folgt sein, da sonst nicht abzusehen wäre, warum sich nicht auch das 
-tz- von nmk. katsə zu -tš- entwickelt haben sollte; wegen is. — 
-t!- vgl. nhd. quetschen > mhd. quetzen). 

kürik Ruf des Kiebitz und Bezeichnung für ihn (ebenso Prenden; mnd. 
kivit, mhd. giwiz mit t- Auslaut). 

kvn schlagen, kämpfen (mnd. kiven, mhd. kiben; also eigentlich nhd. 
»keiben«e). ` 

kivn n. Kübel (as. kübin, mnd. Aüven, mit dem Suffix -el mhd. kübel, 
ahd. kubil, ohne Suffix ndld. kuif, ags. cyf Faß). 

klabästern sich abmühen (vgl. Fri. klabastor m. dicke, klebrige Flüssig- 
keit, klabastorn 1. geräuschvoll klopfend arbeiten, 2. polternd gehen, 
3. schmutzen, drecken; der zweite Bestandteil erinnert an bastin emsig 
arbeiten; Schröders »Streckformen« mache ich mir nicht zu eigen). 

klabern klettern (Aachen klaavərə, vgl. mnd. klouweren, Scha. klauərn 
klettern von mnd. klâwe Klaue; s. §§ 144. 148 b). 

klaas f. 64 Hände voll gebrochenen Flachses; 2 klaasn sind Tagespensum 
beim škæctn für eine Person (Etymologie?). 

kaam klagen; prägnant: 1. über Schmerzen klagen, 2. prozessieren. 

klaftər m. Klafter (nur als Holzmaß; ahd. kläftra f., mnd. klachter n.). 


128 Hermann Teuchert. 


klakərn Frequentativ zu Alaky: stark, dicht fallen. 

klaky platschend hinfallen (ebenso mıkl.; onomatopöetisch, vgl. ku klitsn, 
klukarn klutsn). 

klaks m. Klecks (zum vorigen). 

klam feuchtkalt, erstarrt (mnd. klam, s. farkloomm). 

klans m. Wasserstreifen im Brot (vgl. jung ablautend kluns; nicht zu 
mhd. chlönster Kleister, das eine Wurzelvariation zu mhd. klister 
Kleister ist). 

klansie mit Wasserstreifen versehen. 

klaparn klappern. 

klapm klappen, schlagen, daß es schallt. 

klaps m. Schlag, Klaps. 

klara f. 1. schlechte Handschrift, unsaubere Zeichnung; 2. Mädchen, das 
alles, was sie anfaßt, beschmiert (f. Verbalnomen zu klar). 

klarn schmieren, durch Tinte, Fett, flüssigen Schmutz unsauber machen 
(Mi klaren” kratzen, rühren, anklaren® anrühren, streicheln; Dähn. 
klaren’ mit den Fingern an etwas rühren, mit beschmutzten Fingern 
etwas besudeln, mit unsaubern Fingern jemand die Backen streicheln; 
Fri. Alara f. Hand, klarn 1. langsam und schlecht arbeiten, 2. in Un- 
ordnung bringen, bəklarn mit den Händen befassen, betasten, sich 
mit Putz behängen. — Die übrigen ndd. Wörterbücher bieten nur 
kladdern® (br. Wtb. unreinlich schreiben, Dann. von Schmutz kleben); 
im Mnd. kommt nur kladderen schmieren, beschmieren vor. Rein 
lautliche Entwicklung Aladdern > klarren erscheint unmöglich; Ver- 
wandtschaft ist indessen anzunehmen). 

klekarn einen oder mehrere Kleckse machen (Iterativ zu mhd. klecken 
klecksen; von klak). 

kleenn schwatzen (altm. Alöönn, br. Wtb. klöönn mit durchdringender 
Stimme reden, schallen; ein weitverbreitetes Wort, s. Gr. Dt. Wtb. 
V, 1221). 

kleęçpər m. Glockenklöppel (identisch mit Antpl [s. d.], mnd. klüppel, knüppel, 
mhd. klüpfel; zu der im Ndd. auch vorhandenen Sippe kleppen mit 
dem Klöppel schlagen (vgl. z. B. Schü. Äneepel® Klöppel) gehört ags. 
clipol, celipur, mnd. kleppel Klöppel); wegen der Dissimilation der 
Endung -əl œ -or vgl. leepor, Slectar S 205. 

kleet> f. Hode (wstf. HA? runder Körper, Kloß, pl. klöte® Hoden, in 
Meinersen schon im sg. die Bedeutung Hode: das weibliche Geschlecht 
hat das Wort dadurch erhalten, daß der alte pl. *Aleeto als sg. auf- 
gefaßt wurde: jetzt lautet der pl. Alretn). 

klertorte schmutzig, erbärmlich (old. Alootorie erbärmlich zu klogtn nı. 
Fetzen und wstf. Adaator Klunker: vgl. mnd. klatte f. was lose zu- 
sammenhängt, Fetzen: dazu nhd. Klette; das altm. bəklöğtərn sich be- 
schmutzen und uekerm. Klöntarie mit Klunkern behangen. sind Fälle 
eines dureh oo- Formen beeinflubten Plurals mit tl. el: besonders ein- 
leuchtend beweist dies der uckerm. pl. Dain Anhängsel zu dem 


PAGE NOT 
AVALLABLE 





130 Hermann Teuchert. 


kloka f. Glocke (die anlautende Tenuis ist ursprünglich: vgl. ne. clock: 
nhd. Glocke ist Sonderentwicklung [kl- > g/-, vgl. u. a. nmk. glarıtar 
Klavier] nach Entlehnung aus dem Ndd.). 

klopbuk m. Gestell zum Dengeln der Sense. 

klopa sg. f. Schläge, Hiebe (ursprünglich pl. m.; Fri. Alopa f. Schläge; 
vgl. haus); in lopa jiftt klopa rühmen die Knaben meines Heimatdorfe:. 

klopm klopfen; da xeesa k. die Sense dengeln. 

klotsn pl. grobe Schuhe, meist Holzschuhe (mnd. klotze < gallotze < frz. 
galoche; mkl. klọtsn). 

kluuk, flekt. kluukər klug (mnd. klôk). 

kluk kluk 1. Lockruf für die Bruthenne; 2. Geräusch, das beim Aus- 
gießen einer Flüssigkeit aus einer enghalsigen Flasche oder beim 
Trinken entsteht. 

klukə f. Glucke, Bruthenne (k ist im Ndd. und Ags. fest, auch im Mhd. 
gilt klucke; onomatopöetisch). 

klukarn von dem Geräusche, das beim Ausfließen einer Flüssigkeit ent- 
steht, wenn der Strom durch eindringende Luft unterbrochen wird, 
z. B. aus einer Flasche oder Faß, auch beim anhaltenden Trinken 
(onomatopöetische Neubildung). 

klykn Trieb zum Brüten haben (von Hennen). 

kluukšiitər m. naseweiser Mensch, Besserwisser. 

klump m. Haufen (ursprünglich wohl x»-Stamm, $ 356 Anm. 3a). 

klumpat$ m. ungeschickter, dicker, unbeholfener Mensch (in Berlin gilt 
neben dieser Bedeutung, die gegen Ndd. Korr. XX VIII S.84 als Grund- 
bedeutung anzusehen ist, auch der Sinn dummes Gerede und Streit. 
Zank; wahrscheinlich aus kluamp mit slav. Endung entstanden. vgl. 
0. Knoop, Gymn.-Progr. Rogasen 1890, s. v.; Ursprung aus it. com- 
piacenza ist abzulehnen). 

klumpatstc unbeholfen, ungeschickt (so auch nur in Berlin). 

kluun m. Knäuel (mnd. klüwen, klügen). 

kluns m. Wasserstreifen im Brot (wahrscheinlich unorganischer, junger 
Ablaut zu klans). 

kluynter m. Anhängsel aus Schmutz, besonders an der Schafwolle, auch 
an Kleidern (vgl. mnd. kluntermelk dicke Milch zu br. Wtb. Alunt 
Klumpen). 

kluntarie schmutzig, zerlumpt, in Klumpen hängend. 

kluntorvula f. Abfallwolle des Schafes. 

klunste = klansie. 

kluut m. Kloß (von Erde, Schnee u. a., mnd. klüt; im Ablaut damit 
kleeta |s. d.|, vgl. ndld. kluit : kloot). 

klutsn platschen, klatschen (Intensivum zu dem in klukarn steckenden kluky). 

knaks m. das Knacken, ursprünglich [und auch jetzt noch] Interjektion 
(zu Anakny knacken, mnd. knaken, mhd. knacken; Schallwort). 

knast m. knorriges Stück Holz, Aststelle; großes Stück (ebenso altm.: 
dm. schwed. Knast: dazu ablautend ndld. knoest). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 131 


knastar m. Art Tabak (von ndld. knaster Kanastertabak < span. canastro Korb). 

knastarn knastern (lautmalend, vgl. kngstərn). 

kneedlikas pl. Sorte kleiner Birnen (Syn. Aruskas; Lehnwort aus dem Hd., 
Diminutiv zu Knödel, doppeltes Diminutiv zu mhd. knode Knoten; 
ndd. ist knudl, s. d.). 

kuceksl m. Knöchel (zu kngşkə mit dem suff. -sl gebildet wie Gehängsel 
zu Gehänge). 

kneekscelie mager (Dann. knoolsößkke, Fri. knälschälig”, knöckschalig®, verhd. 
knickschalig’, Inickschälig’, Dähn. Äineekseelice was am Knochen sitzt; 
vgl. Ndd. Korr. 1902 S. 46). 

knelar m. altes, schlechtes Buch (vgl. Fri. knäller’, Iiniller, knöller” m 
schlechter Rauchtabak). 

kneepka m. kleiner Mensch (isolierte alte männliche Diminutivform, Dim. 
zu knoop; s. $ 382, 3). 

kneepkn, -ky n. Knöpfchen (Dim. von knoop). 

kneepnootl f. Stecknadel, eigentlich Knopfnadel (mit auffallendem Umlaut 
des ersten Bestandteils). 

kneevl m. Fingergelenk, Knöchel (mnd. knövel, mhd. knübel, ohne suff. 
Mülheim a. R. knuurə pl. Knöchel, Wermelskirchen knuu:f f. sg. 
Knöchel, Faust). 

knidərn knittern. 

kniif m. n. schlechtes, unbrauchbares Messer (wohl altes ndd. Wort; ags. 
cníf stammt aus altn. knífr, ins Frz. als canif übergegangen; Stro. 
kniif Taschenmesser mit Holzschale, knif ebenso bei Ri; im Hd. 
und md. Mundarten mit -p, auch bei Scha. kniip, nhd. Kneip); pl 
knüva Schneidemesser der Häckselmaschine. 

knikər m. Geizkragen (nach Gr. D. Wtb. < Läuseknicker). 

knikarbeenic unsicher auf den Beinen. 

knikorie knauserig geizig (vom folgenden). 

Inikarn sich geizig zeigen (Iterativ zu kniky, wobei der die Bedeutungs- 
verengung vermittelnde Ergänzungsbegriff nicht mehr oder noch nicht 
festzustellen ist; nach Gr. D. Wtb. wäre Läuse zu ergänzen). 

kniky knicken (mnd. knicken, ne. to knick knicken, knacken; onomato- 
pöetische Bildung). 

Iniks 1. Schallwort, das beim Brechen eines Stabes od. ä. erzeugte Ge- 
räusch; 2. m. Verbeugung als Ehrenbezeugung. 

kniuln knieen (mnd. knêlen, vgl. to kneel). 

kniparn knüpfen, auch einen Knoten aufzuknüpfen versuchen (Frequen- 
tativ zu *kntpm knüpfen, einem Denominativ zu Änupnz, s. d.; moselfrk. 
knupala). 

knipl m. Knüppel (trotz des p keine echt ndd. Lautform, denn das Wort 
ist seinem Ursprunge nach mit Klöppel [nmk. kleepar| identisch, wobei 
Dissimilation wie in nhd. Knäuel statt * Kläuel erfolgt ist), vgl. Werniels- 
kirchen Alöpal Knüppel; Ri. und Fri. kneepl Klöppel gehören mit ags. 
clipur zu nınd. mhd. kleppen mit dem Klöppel schlagen, klappen). 

Or 


132 Hermann Teuchert. 


knıtipnt kneifen. 

knipsaor m. Bahnsteigschaffner (weil er die Fahrkarten »kntpste). 

knipsn durchkneifen, -lochen; fortschnellen, schnippen (Intensivun zu 
kniipm kneifen). 

kniiptaņə f. Zange (häufiger als taya f. allein). 

knirps m. Knirps, kleiner Mensch (md. Lehnwort, < *knürbes, scheint 
zu ndld. knorf Knoten zu gehören; ndd. Mundarten bieten ein Kom- 
positum [Schü. Anirfikor kleiner, schmächtiger Mensch, Ri. knirfiker, 
br. Wtb. knirfik|, dessen Bestandteile nicht klar sind; Fri. [kninnfikor, 
knörkeficker”, knirfikar 1. Knicker, 2. Mensch, der andern nichts gönnt, 
3. Knirps, »den man in die Tasche stecken möchte«] denkt an kngrn 
knurren und ftka Tasche). 

knistorn knistern (lautmalend; mhd. ist das subst. knistunge belegt, mnd. 
gnisteren, Knisteren). 

knitern stricken, »knütten« (Frequentativ zum folgenden). 

knitn stricken, »knütten« (mnd. knütten, ags. enyttan, ne. to knit stricken: 
vgl. Voß knütte Stricknadel; zur Sippe Knoten mit Wurzeldetermination: 
etymologisch besitzen den gleichen ?-Laut nmk. Anetn Te dl ags. 
‘enotta, ne. knot Knoten und mhd. knotze f. Knorren). 

knokyt pl. (sg. Anoka? m. n-Stamm?) Flachskopf, bestimmtes Maß ge- 
hechelten Flachses, der auf Stöcke gebunden wird (mnd. knucke, 
knocke f£., uckerm. /noky m. (Juantum Flachs, prign. knok f.. Ri. knuk. 
Fri. knoko f. m.). 

knoop m. Knopf (der Stamm zeigt dreifachen Auslaut: 1. Aneerl, s. d. 
2. knųba, knybl [< germ. bb], 3. knoop, Knopf, Knauf, knupm: hierbei 
sind die Fälle unter 1 und 2 auf idg. bh zurückzuführen, die unter 
3 gehen auf idg. b zurück). 

knornhauar m. ungelernter Mühlenbauer (für die Einengung der ursprüng- 
lichen Bedeutung vgl. soorvark'y). 

Inotn pl. Fruchtkapsel des Flachses (zu Anooda m. Knoten; wegen des 
Auslautes vgl. mhd. knode : knote : ags. enotta, mhd. knotze: nass. 
knot, knota sg., Scha. Anude, knutə m.; mnd. knutte m., ndld. knot. 
knut m.). 

I:nuba m. Knoten, Knorren, kräftiges Stück, z. B. knubə broot (mnd. knobbe 
Knorren, Knoten auf der Haut; Intensiv- oder Kosebildung zum Stamm 
*knub- Ca, beer!) wie Knabe : Knappe; Grundform bei Stro.: knunf 
kleiner Haufe, een lütkn knuuf ein kleiner Knabe: vgl. auch mhd. 
knûpe Knöchel). 

knubl m. knorriges Holz, Stück Brot, Beule (Diminutiv zu knųbə; im 
Oderbruch /Anabl als Neubildung im Ablaut, vgl. ähnlich altn. knappr. 
ags. cnæp Knopf); Fri. knubl m. | 

I:nzedl m. Anschwellung, Beule, hervorstechender Teil am Leibe (Dimi- 
nutiv zu einem von knooda Knoten gebildeten Intensiv *inzda, daher 
lautlich nicht völlig mit nhd. Knödel identisch). 

knuf m. Stoß (zum folgenden). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 133 


knufn stoßen, meist mit der Faust, dann auch z. B. mit dem Ellenbogen 
(Etymologie unbekannt). 

knyflok m. Knoblauch (s. §§ 206 u. 129; as. kluflök, mnd. bereits knuflök; 
altm. knuflook). 

knukarn = gnukarn (S. d.). 

kuulin m. Knolle (Fri. Anol», knulfo] m.). 

knupm m. Knoten, Knospe (ebenso mpon.; vgl. Scha. Anobo f.5 Fri. hat 
knopə m. Knoten, Knospe; mnd. knuppe, knoppe Knospe). 

knuuxn mit vollem Munde kauen (meist als Kompos. farknuuxzn verdauen; 
Fri. forknuu:n ertragen, dulden, Scha. verdauen, ertragen, hess. 
[Vilmar] ebenso. Nach Gr. Dt. Wtb. V, 1375 mit schweiz. knanseln® 
in kleinen Bissen essen zusammengehörig; ein noch nicht recht auf- 
seklärtes Wort). 

Anuust m. Stück, Ende, Knorren, besonders Stück Brot (mnd. knüst 
Knorren, Knollen, vgl. auch mnd. knoster Knorpel; 2-Ableitung von 
knüs [schwäb. Knaus], womit mhd. knùre m. Knoten, Knorren im 
grammatischen Wechsel steht). 

kunuutsšsn 1. knüllen, quetschen (zu Knoten, cf. altn. knútr Knoten), 
2. durch Betasten liebkosen. Neben ù tritt in deutschen Maa., zur 
selben Ablautsstufe gehörig, o auf: alle anderen Vokalisierungen (a, ©) 
gehören nicht organisch zur 2-0- Reihe. 

koohar (Za.) = koorar (Lo.). 

koobərlçet (Za.) n. Koberdeckel (vgl. Prenden tgọbəlitə Koberdeckel). 

kobglt sritn (aber af kóbolt imper.) kopfüber schießen (Berlin kabgls). 

kodər m. Brechlust, Ekel (identisch ist damit mnd. koder Auswurf, Qualster 
und mfrk. kodar Rachenschleim; möglicherweise gehört auch Fri. kodar n. 
Lappen, Lumpen hierher. Das Mhd. vereinigt für die Formen koder, 
köder, këder, korder, körder, kërder, quërder m., deren letzte, wie 
ahd. quërdar Lampendocht beweist, die ursprüngliche ist, die Bedeu- 
tungen »Lockspeise und Flicklappen «). 

kopdar m. Doppelkinn (mkl. kọọdər, altm. kọọdər und kööder, Fri. kopdar 
m. n. Unterkinn, Kropf, Wamme; prign. kootar; aber Ri. ködər Kropf, 
starkes Unterkinn, Scha. kodn Wanıme, Unterkinn. Das Etymon steckt 
wahrscheinlich in ne. cud < ags. cudu, cweodu der innere Schlund 
eines Wiederkäuers, wobei aber die Bedeutung cud Köder Schwierig- 
keiten bereitet). 

kodarie übel, unwohl, zum Übergeben geneigt (von kọdər). 

Login 1. schwatzen (wstf., wald. kaakolan schwatzen; dazu mnd. kakelen 
rackern, wstf. kakalon. ue. to cackle gackern. Das Wort stammt von 
mnd. kēkel das Zungenband; vgl. Fri. keekal m. n. Mund, Schwätzer, 
Plaudertasche, ebenso bei Schü. [TI, 213]: br. Wtb. II, 717 Maul, 
Plaudermaul, eigentlich Gurgel, Kehle; s. auch Ri. 107; vgl. lit. käklas 
Hals): 2. mit Feuer spielen (Iterativ zu mnd. koken kochen). 

kolar m. Verrücktheit, Pferdewut (ahd. kolero m. < lat. cholera -< xoA8ga). 


134 Hermann Teuchert. 


kolk-r m. stehendes Wasser (mnd. kolk m. mit Wasser gefüllte Vertiefung. 
mkl. Aölk, Scha. kolk tiefes Wasserloch: bei Fri. kọlk auch allgemein 
Erdloch, dann Loch im Damm). 

koltar m. Pflugmesser (lat. culter). 

kopl f. Hürde, meist nur für ein paar Pferde oder Jungvieh und zur 
zeitweisen Unterbringung der Kuhherde benutzt (mnd. koppel f. ~ 
lat. copula durch mlat. cupla). 

kortnkleena kurz und klein. 

koošar rein, zum Genuß erlaubt (vom geschächteten Fleisch, — hehr. 
käschör rein); selten und mit deutlicher Erinnerung an den jüdischen 
Ursprung »in Ordnung, wohl, gesund«. 

kootə f. Huf des Rindes (mnd. kôte f. Huf, Klaue; Stro. kauta; ò?:; hierzu 
eerarkootn). 

koptor m. 1. Kater; 2. Katzenjamnıer. 

kotsn sich erbrechen (rip. |Aegidienberg] Aytsn und Aötsı). 

kovrentbüry n. Dünnbier (von mnd. kovent Konvent, Kloster, auch Dünn- 
bier). 

koorar m. Kober, Eßkorb mit Deckel (mnd. kover; vgl. ags. cofel Korb: 
Syn. toobl), aus Sbreelnholt geflochten (s. d.). 

koorn (vor etwa 60 Jahren kaan, s. §37 und Erich Seelmann, Die 
Mundart von Prenden. Phil. Diss. Breslau 1908. $$ 69a und 90) m. 
Verschlag für Schweine (mnd. kove m., mhd. kobe m. Stall, Verschlag. 
ursprünglich Hütte, Gemach, wie ja die Kobolde die *kubawaldös »die 
Hauswalter« sind). 

krabs f. 1. Krabbe, 2. kleines Kind, kleiner Mensch (vgl. kreet). 

krabln kribbeln, kriechen (old. kraualn, Frequentativ zu krauen, ne. tu 
crawl, mnd. krabbelen; vgl. klabərn). 

krabm kratzen (mnd. krabben, Intensiv zur Wurzel kraw- krauen; v 
ähnlich snybm schlafen). 

krabufka (Za.) f. große Flösserhütte, Bretterbude für den Floßmeister. 

krabütsa (Wepritz) kleiner Mensch. 

kraka f. altes Pferd (samld. krag, wstf. krakə; vgl. norw. krakje m. kraft- 
loses Tier oder Mensch, schwed. krake m. kraftloser Greis). Anders 
kruka f. (Hei.), s. d. 

krakeel m. Lärm’ (nınd. krakele, ndld. krakeel; durch die Analogie vun 
krachen aus frz. querelle). 

krams £. Türhaken (ndld. kram, mnd. krampe f.; zu erwarten wäre dieses 
Irampa, denn im Hd. steht dafür nt vgl. ahd. krampf m. Haken: vgl. 
ebenso «das verwandte krumm neben mhd. krumpf. Die Sippe hat 
ihren Ursprung in dem Verbum mnd. krimpen sich zusammenziehen). 

krank krank sein (ebenso Scha., mnd. kranken schwach werden). 

krapə f. Krapfen, ausgebratene Fettwürfel (ahd. chrapfo, mhd. krapfe 
Festgebäck; die nmk. Form widerspricht dem Ansatz mit â; s. GT 
Dt. Wtb. V, 2063). 

kratslbeexiyə f. die (vor der Reife) rote Brombeere, rubus caesius. 


rl. 


D 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 135 


kreefty m. 1. Krebs (mnd. krevet); 2. Befestigungsstelle des Zugzeuges 
am Vorderpflug. 
kreekalic kümmerlich (von *Areekfx = schweiz. krecheln® seufzen, oder zu 
mnd. kroke f., krökele f. Falte? s. krukalic). 
kreek{n rechthaberisch sein (Fri. kreçkin: alem. krecheln’ seufzen, ne. to 
crackle knacken). 
kreksn andauernd husten (entspricht dem nhd. krächzen < ahd. *chra- 
chezzan = ags. cracettan, das eine Intensivbildung zu krachen, mnd. 
kraken [nmk. nur noch krazn] ist. Die Sippe stellt sich ihrer laut- 
malenden Natur entsprechend in den verschiedensten Formen dar. 
Erstens besteht Ablaut nach der o-Stufe hin und zweitens variiert 
der Wurzelauslaut. Danach ergeben sich folgende Formen: 1. mnd. 
kraken, nhd. krachen, nmk. kreekln, schweiz. krecheln® seufzen, mnd. 
krakelen lallen, gackern, Fri. krak/n schwer atmen: mit Ablaut tirol., 
nürnb. Aröcheln® husten, mhd. krochzen krähen, krächzen; 2. mit 
Ablaut mnd. kröchen grunzen, krächzen, Stro. Aröcn schwindsüchtig 
husten, Soest kröen, altm. kröc/n viel husten, Dähn. krücheln®, holst. 
kroxļn husten, keichen; ohne Ablaut schweiz. kragaln < ahd. chra- 
gilön schwatzen, plappern). Die Form kreksn begegnet außer in der 
Neumark in Posen, Thüringen und Obersachsen. 
kreyka f. Fallsucht (<< *kranki). 
kreyl m. Kringel, Backwerk (zu altı. kringr Kreis, vgl. mkl. Arink Kreis, 
mnd. krink m. Ring, Kreis). 
krepor m. Kropftaube (Mülheim a. R. kröpar). 
kreepl m. Krüppel (Soest krüspl, mnd. kröpel: zu kruupm kriechen, vgl. 
daneben mnd. krepel). 
kreeplie krüppelig. 
krepm 1. Bäume verstutzen (vgl. ags. cropp Kropf, Gipfel), 2. stopfen, 
im Halse zusammenziehend wirken (von herben Speisen); in beiden 
Bedeutungen auch im Mfrk., 2. im Mnd. kröppen den Kropf füllen, 
voll füttern. 
kret n. Schoßkelle (vgl. ndld. krat, ags. criet, ne. cart Wagen, mhd. kratte 
Korb). 
kreet n. 1. kleiner Kerl (ren: lüt krööt kleiner Kerl, Prenden kröğətə 
unartiges Kind, altm., holst. krööt; Differenziierung zu Kröte, nmk. 
kreeta), 2. pl. kreetn Geld (in dieser Bedeutung besonders in Thüringen., 
Sachsen und Schlesien üblich. dasselbe Wort, wald. kröötn, das an 
sich auf ¿ë? weisen könnte, ist entlehnt). 
kreeta f. Kröte (Fri. kreet m. Lu 
kreelic eigensinnig, wütend (prign. kröötie klein, aber keck, zu kreet). 
kreisa f. Krätze (vgl. schon mnd. kratz Kratz). 
kretúur n. Geschöpf, Kreatur (aus dem lat. Wort durch nachträgliche An- 
lehnung an kreet entstanden, nachdem -a- infolge Unbetontheit der 
ersten Silbe geschwunden war; das (teschlecht stammt ebenfalls von 
kreet). 


136 Hermann Teuchert. 


rceris vorlaut (zu mınd. krevelen kribbeln? vgl. mnd. krevelsch gereizt. 
zornig und bribbisch streitsüchtig, reizbar). 

krebln (seltener als gribln) 1. wimnieln, durcheinander fliegen, oder laufen. 
2. jucken (vgl. mhd. kribeln kitzeln, ndld. kribelen jucken. ndld.kıil- 
belen murren und mnd. krevelen kribbeln und kribbisch streitsüchtir: 
S. kreevis). 

kribm:etar m. ein Pferd, das sein Maul auf den Rand der Krippe auf- 
setzt und die aufgenommene N ahrung erbricht; ein gesetzlicher Fehler. 

kriko f. 1. Krücke; 2. Gerät zum Auskratzen der Asche aus dem Back- 
ofen (ebenso mınd. krücke f.). 

kriikl, pl. -n, auch Dim. kriklin, pl. -əs kleine, runde Pflaumen. Art 
Hundepflaumen (mnd. kröke Scehlehenpflaume, mhd. krieche: die Be- 
deutung »griechische« Pflaume ist wahrscheinlich). 

kriiįjər m. Krüger, Gastwirt (von kraur m.). 

krimər m. häufigere Nebenform zu krumər, $. d. 

krimm jucken (mhd. krimmen, grimmen die Klaue krümmen; sich krümmen, 
mnd. grimmen klettern. Im auslautenden Labjal vom folgenden ab- 
weichende Gruppe, zu der auch kramo [s. d.] gehört). 

krönpm sich zusammenziehen, einschrumpfen (mnd. krimpen, mhd. krimp- 
fen; Grundform für Krampf, Krampe [nnık. kramo], krumm usw.) 

krütsl m. 1. Kreisel, Spielzeug der Knaben. eigentlich »Kräusel« (Prenden 
kriiüxl; Diminutiv zu kruu:ə f Krug); ?. Haarwirbel (zu nmk. kruus 
kraus). 

kriiskte, seltener als yrièəlie ($. d). 

krilu zusammenlaufen (von der Milch), eigentlich »sich kräuselns, - 
*krüüstn wie jebln: ndld. sijbelen; vgl. Wermelskirchen krüsaln sich 
kräuseln. | 

kriišn kreischen, laut und gellend aufschreien (zu mnd. kriten schreien, 
heulen stv. mit der Endung -sken gebildet, vgl. köln. Areitsa; dem 
mnd. kriten, ndld. krijten entspricht mhd. krizen »kreißen.«). 

kristiir n. Klistier (ebenso in Prenden, mnd. kristèr). 

krooka (und auch mit hd. Guttural kro.0) f. Krähe (altn. kráka, fem. zu 
altn. krökr; hess. kräke®). 

Kroomm kramen, d.h. 1. umhersuchen, 2. heimlich tun mit jem. 

kroono f. 1. Krone, ?. Kopf, z. B. det is dii vol inə k. Jasdeean?, d.h. du 
hist wohl stolz? | 

Kroonnzoon, nur in der Verbindung olor E, scherzhaft drohende Anrede. 
Die Anfrage Frensdorffs im Ndd. Korr. 1906 8.77 hat eine be- 
friedigende Antwort nicht gefunden. 

krop m. 1. Kropf (mnd. krop); 2. kurzer. rauher Husten der Pferde 
(~ frz. croup Kehlkopfdiphtherie, vel. moselfrk. [Saar] krups kurz und 
rauh husten, Fri. Arepa f.) 

kroptiie n. Kroppzeug (weit verbreitetes Wort, geringschätzige, meist aber 
scherzhaft vemeinte Bezeichnung von Kindern: zu mnd. kröp Vieh, 
eigentlich kriechendes Wesen). 


Aus dem nenmärkischen Wortschatze. 137 


kroolslu gackern (von Hühnern: verschoben aus mnd. krätelen gackern, 
Iterativ von kräten schreien; der Stamm steckt in krähen, desen 
Wurzel krew- auch ohne -w vorkommt). 

krundn die Gräben von Kraut säubern. 

kruks f. 1. Krug (as. krüka, mnd. krüke, wegen der Verkürzung s. $ 117: 
ahd. mit oi kruog): 2. altes gebrechliches Pferd (wie berl. krora f. 
altes Pferd und alte, gebrechliche Person zu ahd. kriochan, das mit 
einer Nebenform *krükan in diesen Teil des ndd. Gebiets hineingeragt 
haben muß, zu stellen). 

krukllice kümmerlich, schief (wohl zu mnd. krökele f. Falte). 

kruksn nachlässig gehen, die Beine schleifen lassen (erweitertes Intensiv 
zu ahd. kriochani 

krularn rollen (Iterativ zum folgenden). 

Krulln rollen (nicht identisch mit mnd. krullen kräuseln, das zu mnd., 
ndid. krul, mhd. krol, krul, krolle Locke gehört, sondern wahrschein- 
lich zu rhein. klugel, krugel [so Kluge] zu stellen). 

krumdresar m. Dreschmaschine mit Zahnwalze, die Arumsdroo liefert (s. 
breetdresor). 

krumdubllic krumm und zerknittert, durcheinander. 

kruumə f. Krume (Prenden kruusma, prign. kroum, mnd. kròme f. mit 
o!, ndld. kruim, ags. crüme mit &, ein Wechsel, den die Wurzel 
kraww- krauen leicht erklärt). 

krumar m. starke und große Egge von dreieckiger Form (zum vorher- 
gehenden gebildet wie ne. to crumble zerkrümeln zu crumb Krume). 

krumholt n. Holz zum Aufhängen eines geschlachteten Tieren. 

krunsolte faltig, nicht glatt gelegt (wahrscheinlich palatalisierte Bildung zu 
mnd. krunkelen faltig machen [von krunke f. Falte] wie mansn zu manb). 

kruupm kriechen (das ags. créopan existiert auch im mnd. krèpen, der 
selteneren Nebenform zu krüpen). 

ben zat TL Krug (mnd. kròs m. Trinkkanne, Soldin kruus, uckerm. kroos 
mit ö!: hd. hiit a: mhd. krüse f. irdenes Trinkgefäß). 

kruškə f. Art halbwilder Birnen (von poln. gruszka wilde Birne: Syn. 
kneedlkəs pl.). 

kuudə f. drei bis vier Zöpfe Flachs, zwölf Hände voll (zusammengehörig 
mit nhd. dial. Aauder Werg, das im Schwäb. auch eine bestimmte 
Menge Werg bedeutet, s. Gr. Dt. Wtb. V, 306): Scha. kuus. kaws f. 
Bündel Flachs (mit d-Schwund). 

kundarvels (Hei.; vgl. mnd. küderwalischen kauderwelsch sprechen; gleich 
dem folgenden). 

kundarreys (Lo.) kauderwelsch, eigentlich kauderwendisch, d.h. zu nhd. 
dial. Zeien hausieren und wendisch (s. Gr. Dt Wtb. unter kauder- 
welsch V, 308). 

kunaorn intrans. kränkeln (vgl. altn. kúra untätig sein, prign. kuuan kränk- 
lieh, bettlägerig sein; me. couren œ ne. to cower sieh niederhocken., 
nhd. kauern). 


138 Hermann Teuchert. 


kuuhards m. Kuhhitt. 

kuulə kühl (mnd. kôl; s. & 367).! 

kulər f. kleine Kugel (aus md. kùle f. Kugel weitergebildet). 

kuleer f. Farbe (frz. couleur). 

kularn 1. rollen; 2. auch von Darmgeräuschen: ¢ kulərt mii im buuk: 
3. vom Geschrei der Truthühner (diese Bedeutung schon bei Stro... 
Von kuųlər. 

kulpə f. grünes Obst (mkl. pØ. kälpm), auch adj. unreif. 

kulpsoos n. Kalbsauge (das Wort kulpa findet sich im Ostfäl. und Ostndi. 
für unreifes Obst und Glotzaugen: vgl. mkl. kilpm anglotzen, Stro. 
kölpm große Augen machen). 

kum m. Krippe, meist von Holz und dann bei Pferden mit Blech he- 
schlagen, um das kriömxein (s. kribmzetar) zu verhüten: in andern 
Gegenden Deutschlands bedeutet das Wort nur (Holz)gefäß, vgl. rhein. 
komp meist Schüssel, prign. kum n. Trinkschale ohne Henkel (mnd. 
kump, kum m. größeres Gefäß, meist von Holz, mhd. kumph m. 
Schüssel, Napf; vgl. auch ne. dial. und schott. coomb Talmulde). 

kumat n. Kummet, besondere Art Pferdegeschirr (aus dem Slav., poln. 
chomąt, dies seinerseits wieder aus dem Germ.: *hama-, vgl. wstf. 
ham, ndld. haam, ne. hame in der gleichen Bedeutung). 

kumkarə f. eine Kastenkarre (von kum). 

kuntərbunt wirr durcheinander (ursprünglich »vielstimmig«, << contra- 
punct, s. Kluge, Et. Wtb. s. v.). : 

kuupln Tauschhandel treiben (Berlin kaupin, Schönlanke kupn; ~< lat. 
cauponari, frühe Entlehnung mit ö, das wie in Uhr behandelt ist). 

kura zahm (zu got. gafrrus sanftmütig, as. *kurri, fries. [Outzen] quer, 
dän. qvær still, ruhig). 

kurkin pl. Holzschuhe mit Lederbezug (uckerm. einfache Holzschuhe. 
hpom. und Fri. kọrkə Pantoffel; vgl. wprß.-slav. korek Pantoffel; ur- 
sprünglich aus Kork gemacht; lit. kùrkė ist aus dem Deutschen ent- 
lehnt). 

kuuxə Í., s. kuuĘ:ə. 

kušdic zahm (nur prädikativ gebrauchtes adj., ursprünglich imper. *kušdii 
nach frz. couche-toi mit der Endung -¿c; die Auffassung als adj. trat 
ein, als *kyųušdii nach dem §§ 56 Anm. 1 und 96 Anm. vermerkten 
Bestreben das nhd. pron. pers. |die statt di] annahm). 

kusee zahnı (prädikativ und adverbial gebraucht, > frz. couchez), wit 
das vorhergehende aus der Jägersprache. 

ku:l f. niedriger Kiefernbusch (Oderbruch kwsl, altm., Prenden kzl: 
Fri. hat kul m. n. das Kleine, Kurze und stellt es zu poln. kusy 
gestutzt). 

kuuta f. Erdloch, Grab, Grube. 

! Das sonst im Ndd. so häufige (auch in Berlin übliche) keeda f. Grube ist meh! 
vorhanden. 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 139 


kuta f. cunnus (brem. Wtb. kute?, kunte?, ebenso Schü.; Dann. kat, < got. 
yibus Leib, Mutterleib). 

krabllice schwammig, geschwollen, weich (von einem vorauszusetzenden 
*kwabə, jetzt nhd. Quappe —= Aalraupe; Fri. kuwab/n beben, schaukeln 
vor Weichheit, vgl. mnd. quabeldrank das Eintauchen in Schlamm; 
einen unorganischen Ablaut bietet Ri. kwublic quabblig). 

kvadern im Wasser pantschen, stark regnen im lautmalenden Ablaut zu 
kvidərn [s. d.], denn uckern. kvadarn bedeutet schlecht reden, ebenso 
Berlin Avad/n unnötig viel reden; vgl. Fri. kwadər m. flüssiger Straßen- 
schmutz, kwadarn 1. brodeln, 2. quatschendes Geräusch beim Brot- 
kneten. Ob hierzu auch Fri. kwadl f. Blatter, kleine Pustel gehört, 
läßt sich nicht ausmachen). 

kvaklliia f. unnützes Geschwätz, unbesonnene Handlung (mnd. quackelie 
unnützes Geschwätz; s. das folgende). 

kvakllic weichlich, zaghaft, unbesonnen (vom folg.). 

Erokin täppisch und unbesonnen reden und handeln, auch furchtsam sein 
(Frequentativ von altm. |[vgl. ne. to quack quaken] kwaly, ndld. 
kwakken Geräusch machen; Fri. kwakln Unnützes schwatzen, mnd. 
quackelen schwatzen, krächzen). 

‚vaakı) quaken (ein Wort, das sich wegen enger Beziehung zu dem Natur- 
laute, dem es seine Entstehung verdankt, dem Quaken der Frösche, 
der lautgesetzlichen Entwicklung |@ > oe] entzogen hat; mnd. quaken, 
ndld. kwaken; das im vorhergehenden angeführte kwaky ist hierzu das 
Intensiv). | 

kralstor m. Speichel, zäher Schleim (ebenso altm., mkl.; ndld. kwalster, 
mnd. qualster m., ags. geolster, zu as. quällan quellen, vgl. ndld. 
kwalster Person mit dickem Bauch). 

kransn im Wasser pantschen (unbekannten Ursprungs). 

Kvantuiıxy andeutungsweise (mkl. kwantveixz ungefähr; möglicherweise aus 
einem ndd. subst. quant Tand, Schein und zer: Weise: wahrschein- 
licher aber ist Herleitung aus mnld. quans quanses quansuus quansijs, 
das seinerseits aus afrz. quanses quainses quenses »comme, comme 
si« herstammt; s. Franck, Jgg. 1908 S. 297 £f.). 

kvard! m. Quirl (mnd. dwerl m. Wirbel, Locke, mhd. twirel, ahd. dwiril 
Rührstab, zu ahd. dwöran rühren; hiernach ist as. quärın § 74, 2 zu 
streichen). 

kvaro f. quarrendes, plärrendes Kind. 

kvarn weinen, plärren (mnd. quarren grollende, brummende Töne aus- 
stoßen, Fri. kvern quaken, weinen, prign. kwaarn quengeln, von 
Kindern). 

keare m. 1. Quark: 2. unbrauchbares Zeug, nutzloses Gerede, vergehb- 
liche Arbeit (mhd. twarc, Fri. dwary°®, twarg®, md.-ostpr. pbres- 
lauisch«e] twook, << poln. tvarög weiche Käsemasse, Glumse). 

kra:In dummes Zeug reden (ebenso Fri., von mnd. dwäs Narr): hiervon 
krvazlınicl; vgl. Prenden kwöö:rc dumm, d.i. mnd. dwäsich töricht). 


140 Hermann Teuchert, 


kvats m. 1. dummes Gerede, 2. schwatzhafter Mensch (vgl. zu Ar Ju: 
s. kvalsn). 

kratsnat pudelnaß (zum Verbum *quatisôn > quetschen. neben dem sich 
cin *quatskön > kratsn entwickelt, vgl. Stro. yrasken?, quassen" plat- 
schen; dazu mit onomatopöetischen Ablaut kvitsnaut und krutsn [s. d.) 
Das Stammwort ist in nınd., münsterisch quetten quetschen erhalten). 

kratsn viel und dumm reden (wegen der Beziehung von klatšsn zu klakı 
kann man geneigt sein, an kvaky als Ursprung zu denken; doch 
scheint sich Ableitung aus der Wurzel *quäp- sprechen [s. Aradsrn) 
wegen des gleichen Falles von schwatzen zur Wurzel *swap- [mlıd. 
swatern schwatzen, klappern] mehr zu empfehlen. Scha. will sein 
adj. kvats unsinnig aus *quädisk >> *quadisch herleiten. Fri. hat 
ddırats närrisch, albern und dwatsn albern scherzen, Späße machen, 
was große Schwierigkeiten macht). 

keautlsn heulend bellen (Fri. kautson). 

kreba f. nasser Wiesenboden (nınd. quebbe Sumpf, altm. Aach, Fri, buch 
f. grasiger Moorboden). 

kvcha f. (Wepritz) Unkraut im Boden, agropyrum (von queck >lebendig - 
prien. kurcek). 

kvelln trans. aufkochen, z. B. Kartoffeln in heißem Wasser. 

krein drängen, quälen (mnd. *dwengelen, Frequentativ von dwengen 
zwängen, drängen). 

krerl m. Quirl, seltener als Avardl (s. d.). 

kvibie weich (von einer Wiese, adj. zu Arca, 

kridarn kichern, unter Lachen reden (Iterativ zu as. quödan sprechen, 
as. *quidiron. Wangeroog quidderen”, Soest huran, Fri. kicidərn, ki- 
daa unterdrückt kichern. nnd. köderen, ködderen). In Berlin lebt 
die gewöhnliche mnd. Form in kodarn viel, dumm und unnütz reden 
fort. 

Keik n. häßliches Frauenzimmer (vgl. Fri. eik n. Vieh, mnd. quik, quek 
n. Vieh als lebende Habe, Schü. Ark junges Vieh; von as. quik 
lebendig, das sich im Altm. zur Bedeutung aufgetrieben entwickelt). 
seltener unangenehmer Mensch von Männern; Syn. Sazust! nur von 
Frauen. 

kviiarnr durch Krankheit herunterkommen (ebenso im Oderbruch. vgl. 
kriinn). 

kviiky quieken (mnd. quìiken). 

kviinn (in Hei. Arie) kränkeln (mnd. quinen hinschwinden, prien. 
kriinn dahinschwinden; wegen des Wechsels von » und m vgl. kiimm 
statt des allein berechtigten as. kinan, pruumm statt *pruunn u.a.: 
Fri. hat keciinn und Kvelöimm: vgl. Düsseldorf forkoeiimalt verkommen. 
verkatert. durchnächtirt aussehend. In den germ. Dialekten sind ver- 
wandt sot. qainòn weinen und aisld. kueina, zu dem sich Schü. kweenn 
stellt; vgl. ags. äcwinan schwinden: se findet sich im Altm. und Mkl). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 141 


kvit, in der Redensart ¢ jeet vat krit es geht etwas verloren (mnd. quit, 
ndld. kwijt, auf frz. Umwege aus lat. quiētus, mlat. quītus; das Wort 
hat im westlichen Deutschland noch langes č; prisen, bei und kit). 

keitšnat = kvatšnat (junge Ablautbildung; vgl. auch kvutšn; Nebenform 
kritSanat, die um so beachtenswerter ist, als sich dieses Kompositions-e 
sonst nur in den fränkischen Mundarten findet), vgl. noch pitsanat. 

kviiišnņn quieken, kreischen (< *quik-esen). 

v00:3 f. Quetschblase (mnd. quèse f., ebenso Scha., Jerichow I, altm., 
mkl., prign. mit ee, nur Prenden besitzt kwov@:a, wozu Erich Seel- 
mann, Die Mundart von Prenden. Phil. Diss. Breslau 1908, $ 24 
mnd. quâse, das ich nicht finden kann, anführt. Mackel denkt an 
ë?, d. h. wgerm. ai, doch erlauben die nmk. und die prendensche 
Form nur ei, d. i. ¿-Umlaut von d Beziehung zu schwed. quäsa 
quetschen ist wahrscheinlich). 

kvoot klein, kränklich (mnd. quâd; im westlichen Deutschland mit c- 
Verlust, vgl. rip. kọọ : t). 

kruky, meist keykvuky mit kläglichem Ausruf hinfallen (mkl., altm. kewuk 
der Ton beim Fall oder Niederwerfen); offenbar onomatopöetische 
Neubildung, die sich ablautend an *Arakıyy anlehnt. 

kvurks m. kleiner, unbedeutender Mensch (mit merkwürdiger Bedeutungs- 
veränderung von altm. kwurksn, das einen Ton bezeichnet, der beim 
Pressen des Wassers entsteht, z. B. in Stiefeln; krurks also einer, der 
nur einen solchen Ton hervorbringen kann). 

krusn mit vollem Munde essen, das Essen hinunterwürgen (mnd. quäsen 
unmäßig essen, schlemmen, Scha. guäsen” unmäßig essen, prign. fv- 
kwooxn verschwenden, Prenden forkwopzn u.a., mhd. quâzen; nach 
s47 Anm. 2 ist wahrscheinlich an got. qistjan verderben zu denken, 
das sich als vergeisten® im Aachenschen, Osnabrückischen und rhei- 
nischen Mundarten erhalten hat. Ri. ingwösen” allmählich hinein- 
fressen gehört mit Ri. guösen zermalmen, quetschen und Schü. gwosen." 
langsam kauend, widerlich die Speisen hineinessen zu ags. ewYsan 
quetschen). 

krutsn wird vom Ton des Wassers gesagt, das in einem Gefäß, z. B. 
beim Waschen gepreßt wird, auch von Stiefeln, die Wasser ein- 
gelassen haben (vgl. Fri. kwyųtšn in der gleichen Bedeutung vom 
Schuhwerk, /vzds feuchter Straßenschmutz; junger, lautmalender Ah- 
laut zu *Aratsn in kratsnat, Syn. zu altm. kuesrksn). 


l. 


Inaban, laabant m. ungeschlachter Mensch (schles. Labander, ein Wort 
unsicherer Deutung, das jedenfalls mit dem folgenden nichts zu tun 
hat; Ri. gibt /akeband” an). 

labarie weichlich, glatt (von as. *lahban schlaff sein, vgl. lat. labare gleiten, 
wozu auch slap und stoopm gehören). 


142 Hermann Teuchert. 


labarn lecken (lterativ zu mnd. labben lecken, ahd. laffan lecken, vel. 
mit n-Infix lat. lambere; Fri. hat umgelautet /ebarn und unter An. 
lehnung an Lippe kbarn). 

laas f. Lage: Lage Garben zum Dreschen. 

laky ärgern (mnd. lacken verachten, tadeln von mnd. lack n. (m.?) Fehler. 
mkl. lak m. Makel, altm. /ak Mangel, ndld. lak, ne. lack Makel; vgl. 
brem. laks (laaks) fauler Schlingel; auch rip.-moselfrk. /al: Fehler. 
Mangel; vgl. Meinersen lak anhęņy jemand verleumden). 

lal:nogma m. Spitzname (vom vorhergehenden). 

lımın ein Lamm werfen (von Schaf und Ziege). 

layksdroo n. Stroh des Flegeldrusches oder vom brretdresar (s. d.). 

laykvaan m. Stück Holz zur Verbindung des Vorder- und Hinterwagens 
(ebenso bei Stro.). 

drun holen, erreichen, hinreichen; ausreichen, genügen (ebenso Scha.). 

kaf n. Land: 1. Gebiet, Bezirk, 2. Gegensatz zur Stadt, 3. Feld, Acker- 
land; tx lands hooln zur Benutzung herbeiholen. 

las m. Lachs (mnd. las m.) 

lastər n. 1. Laster (wie im Hd., ahd. lastar); 2. Bezeichnung für einen 
großen, schwerfälligen Menschen, aber nur in der stabreimenden Ver. 
bindung /ayat lasior (wahrscheinlich aus mnd. last, ahd. hlast fort- 
gebildet, vgl. moselfrk. [Sulzbach] ə laštə biirə eine schwere Menge 
Birnen und lästig’ im Ripuar. in der Bedeutung schwer). 

lıta f. Latte (nur auf dem Dach, zum Tragen der Ziegeln; mnd. latte Í. 
< wgerm. *latta, nicht laąþþa, wie rip. lats beweist, vgl. ags. ketta 
und læþpþa). 

leestsitjInt pl. Schiefer, Ziegeln (zu as. leia Fels, mnd. leie Fels, Stein. 
besonders Schiefer, mhd. leie Schieferstein). 

leedarn sich biegen wie Leder (vom Eise). 

ledic leer (mhd. lëdic > ledic, mnd. leddich, altn. lipugr, me. lethry). 

Leg legen; kartofln legy. 

leky lecken (mnd. licken, Schü. liky). 

leely leck sein (Ri., Schü., mkl. /eky, mnd. lecken tröpfeln, destillieren: 
< germ. *lakjan). 

leeky laichen (vgl. mnd. lek m. das Laichen, wozu wohl auch mınd. leken 
springen, got. laikan springen und somit auch Leich gehören). 

lemar n. Klinge eines Messers (mnd. lemmel < lat. lamella Metallplättehen: 
durch Dissimilation wie lgepar, kleepor und Sleetor; s. $ 205). 

leydə f. Länge (mnd. lenglelde £.). 

leykšeęml m. Lenkschemel am Wagen. 

leepar m. Löffel (mnd. lepel, durch Dissimilation, vgl. lemar; Prenden 
ebenso lee®par). 

/eparn, meist nur in der Redensart £ /epart zie tuzama es kommt etwas 
zusammen (von mnd. lappe m. Lappen, vgl. lapper m. Flicker, lapperie 
Flickstücke, Kleinigkeiten; altın. lapərn und Ieporn klein anfangen). 

/reps brünstig (von der Hündin, adj. zu /oopm laufen; Syn. ransie). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 143 


let m. steifer, fester Lehm (mnd. lite, mhd. lëtte, im Obd. noch jetzt 
n-Stamm; mit Lehm nicht in Verbindung zu bringen). 

[cevic lebendig (ebenso prign., wohl an doodic angeglichen [Mackel]; mnd. 
levendich). 

lee niedrig (mnd. *löge, mhd. laege niedrig, ndld. laag, altn. lägr niedrig, 
ne. low; zu liegen; im Ndd. meist in der Bedeutung frech oder schwach 
[z. B. Wermelskirchen lee:r böse, frech, Soest Z/eez# schwach, prign. 
leec mager, im Süden der Östprignitz auch niedrig, Mackel)). 

liidərjaan m. liederlicher Mensch. 

likə f. Öffnung in der Koppel zum Ein- und Auslassen des Viehes (nıhd. 
lücke f., mnd. [schlesw.] lücke ein eingekoppeltes Stück Land). 

lüklooky n. Leichentuch, Bahrtuch. 

liimaric trübe, vom Wasser (Prenden lüümarice, prign. löifmarte, Dann. 
noch flöömrice neben löömric; zu mnd. wlöm trübe, das zu brem. 
hamb. flömen, ostfrs. lôm?, Soest laom, altm. flööm Nierenfett, Sahne 
gehört; vgl. nfrk. [Haan] floom unklar [vom Wasser], trübe [von den 
Augen]; zur Bedeutung vgl. ahd. floum Schmutz und nmk. bluuma). 

liimərn trübe machen (prign. Küman). 

lünsdaf, pl. -Sdeevo m. die vier spitzen Stäbe, die beim Erntewagen an 
den Achsen und Rungen befestigt werden und mittels der draa- 
reedn die Emteleitern aufrecht halten (< *lün-staf, Lehnwort aus 
dem Hd.. oder < *lüns-staf, indem erst nach der Assimilation des 
-s an st Tonlängung eingetreten wäre, wobei keine Senkung zu *üö 
erfolgt wäre; das Prign. bietet /üüsta, mit noch größeren Schwierig- 
keiten, s. Mackel, Ndd. Jb. XXXI, S.140; vgl. das folgende). 

inzs f. Achsnagel (mnd. lünse, as. lunisa, lunis, nien, (nz: die hd. 
Mundarten entbehren des s: mhd. lun, lune). 

liixə f. Nierenstück (selten für flöza gebraucht, dagegen in Berlin häufig; 
S. fliiza). 

lit n. nur sg. 1. Glied (as. lið n.); 2. Augenlid (ahd. hlit n. Deckel, mnd. 
lit, let n. Deckel; in dieser Bedeutung in Za. auch noch in kooborlet n. 
Koberdeckel). | 

litkn n. kleines Wesen, kleiner Mensch (zu mnd. lüttik klein). 

Iooda £. 1. Fensterlade, "2 Truhe der Dienstboten, 3. helstlood» an der 
Schneidemaschine für Häcksel. 

Iodorak m. mit slav. Endung, = lodarjaan. 

lodaric unordentlich (adj. zu mnd. lodder m. lockrer Mensch, Taugenichts; 
ahd. lotar leer, eitel; im Ablaut zu liederlich, mit dem erch, ¿łev- 
Fegós frei gleichsteht). 

lọdərjaan m. liederlicher Mensch. 

looə f. 1. Lohe (mnd. lö, gen. löwes n. Gerberlohe); 2. Lauge (mnd. lüge f. 
Lauge). 

Iooko f. salzige Flüssigkeit zum Einlegen und -pökeln (< mnd. lake f. 
Salzbrühe, Lache, Pfütze, das Lehnwort aus lat. lacus See ist und 
das germ. Wort lago Wasser des As. verdrängt hat). 


144 Hermann Teuchert. 


lọrbas m. Schimpfwort für einen rohen, flegelhaften Menschen (= lit 
lürbas dummer Mensch). 

lorva f. eiserner Ring mit Öse, mit dem der /önsdaf auf der Radachze 
befestigt wird (unbekannter Herkunft). 

loots m. schläfriger, ungeschickter Mensch: von 

lootsa f. Filzpantoffel ohne Fersenkappe (Düsseldorf laatsə nur pl. Pan- 
toffel ohne Fersenkappe, Fri. /ootsa, latšə 1. plumper, großer Fuh. 
2. niedergetretener Schuh); unbekannten Ursprungs; dazu | 

loot$n nachlässig gehen, die Schuhe schleifen lassen. 

luudər n. 1. Aas, "2. unordentlicher Mensch (mhd. luoder n. Lockspeise: 
Schlemmerei). 

luuko f. verschließbare Öffnung im Giebel oder Dach (mnd. lüke). 

lukor locker. 

luksn, s. afluksn. 

uuloots = loots (ebenso in Saarbrücken Zarulaats: dunkele Bildung, duch 
vgl. suulooks : Sloolks: bei Fri. Iprlgots = lor lau, laß, träge + lot). 

luumə f. Eisloch (Etymologie unbekannt). 

luyorn faulenzen mit dem Nebenbegriff des gierigen Aufpassens (vgl. 

= mad. lungerie müßiges Umhertreiben, Bettelei; zu ahd. lungar hurtig. 
von der Wurzel *ling-, zu der auch Lunge und leicht gehört, vel. 
noch ne. to linger zaudern). 

lurcə f. Sauce, wegwerfend für schlechten Kaffee (vgl. Hoefer, Märk. 
Forsch. I, S.156 lurike? ein Getränk, das die gemeinen Leute aus 
Obst machen [aus der Prignitz], jetzt prign. ląrk dünner Kaffee: 
uckerm. [Warthe] lork f. schlechter Kaffee; Diminutiy zu mhd. Jun 
Nachwein < lat. löra; vgl. § 102 Fußnote). 

lutsn leckend saugen (lautmalende Neubildung). 

lnuxa f. tiefe Wiese im Warthebruch (slav., vgl. russ. luscha < slav. lug 
Sumpf; s. Ndd. Korr. XXIX S. 46). 

liietn. (To.) lüften (prign. wwrtluxtn auslüften, s. Ndd. Jb. XXXI S. H4. 


m. 
madər m. 1. Moder (Nebenform zu mọdər, wahrscheinlich regelrechter 


Ablaut, wenn das u in ne. mud unursprünglich ist); 2. Marder 
(Prenden ebenso mit Dissimilation »nadar: prign., dem mhd. matt. 
ags. mearp entsprechend, »nooaf). 

madorn 1. stämperhaft arbeiten, im Wasser oder flüssigen Schmutz pant- 
schen (von madsar m. Moder); 2. Tiere «uälen (altm., mkl. mad, 
Schü. madin martern, Scha. madin, madərn; kaum mit 1 identisch). 

maaar mager (mnd. mager). 

ma!ta f. Birkenzweig, meistens pl. maron; zur Ausschmückung von Türen 
und Stuben am Pfingstfest. 

mair, lanta mair lustige Bezeichnung des Abtrittes (Syn. apartoman. 
tsikareets). 

mairo Majoran, origanum maiorana (ebenso Prenden). 


Aus dem neumärktschen Wortschatze. 1:45 


majoren, -endo großjährig. 

maleern unglücklich ablaufen (von frz. malheur). 

man nur (< niwan? die Bedeutung »aber« ist nicht mehr vorhanden: mnd. 
meist men, doch auch man). 

mank unter, zwischen (mnd. mank. mangt, manket u. ä.). 

maykiyor bisweilen. 

mansn mischen, mengen (< mantèn, das bisweilen aueh noch zu hören 
ist; $-Bildung von dem Stamme *mang-). 

maráxn angestrengt arbeiten, mit der Nebenbedeutung des Unsauberen 
(ebenso Ri. und Dann., < br. Wtb. marakken® im Kot arbeiten, d. i. 
köln. mar n. Pfuhl -- mnd. raken zusammenscharren). 

markln ein Tier quälen (möglicherweise rein lautlich aus mnd. martelen 
quälen entstanden). 

marks m. Mark (as. marg, mnd. march n.: Prenden marks, ebenso md.- 
ostprB. [»breslauisch-] marks m. und bei Fri.; s. $§ 217 Anm., 250 
und 381b). 

martiina, tu m. am Martinstage, 11. November. 

maret m. der Markt: 1. Ort, 2. Tätigkeit des Marktens (vgl. Ndd. Korr. 
XX VIII S. 50). 

malə f. Metze (mnd. matte). 

matreriyə f. Eiter (ebenso Prenden; lat. māteries, schon mnd. materie in 
dieser Bedeutung: s. 8 382,4 Anm. 3). 

matis m. dummer Mensch, meist in Verbindungen wie kans mals, sdoor- 
mats sprechender Star (Kurzname, etwa zu Maganfried. vgl. Fritz zu 
Friedrich und Metze). 

mats m. nasser Brei, besonders schmutziger, schmelzender Schnee (ein 
etymologisch nicht recht zu fassendes, weit verbreitetes Wort). 

malsite dickflüssig schmutzig (zu mals). 

matsu «wetschen, zerpressen (zu mals). 

man f. Armel (mnd. mouwe). 

munan == Miauan (vnomatopöetisch); mnd. mauwen. 

muukə f. FuBkrankheit (seltener ist das berechtigte muuko, mnd. mùke, 
mhd. mùche). 

mauky pl. große Schuhe (Diminutiv zu mnd. mouwe Ärmel). 

meh mel Laute, die die Ziege ausstöbt; werden gern den Schneidern zu- 
gerufen (vgl. mhd. mecke Ziegenbock; s. mgkorn). 

meekju tadeln (es liegt Bedeutungsverengung von dem Begriff des Feil- 
schens und Handelns vor; Frequentativ zu mogky machen, vgl. mnd. 
mekeler, makeler Mäkler, ndld. makelen handeln). 

mecky n., pl. meeks und meehssd Mädchen ($ 364). 

mela f£. Mühle (ahd. muli, mnd. möle, mölle swf., mkl. mööl, prign. möl: 
5. $ 118). 

melaru Müller sein, eine Mühle betreiben. 

neeln einrühren, mischen (mhd. meilen beflecken, beschmutzen, von ahd,, 
mhd., mnd. meil stn. Fleck, Mal, got. mail Mal, Falte, ne. mail Fleck). 
Zeitechritt für Deutsche Mundarten. IV. 10 


146 Hermann Teuchert. 


meyəliirn vermischen (moderne Weiterbildung von mey mengen); men- 
liirt boor: Haar, das schon einige graue Stellen aufweist. 

meyamuus m. Mischmasch, ursprünglich nur von Speisen. 

meerbrooda m. Filet (erster Bestandteil mnd. mörwe, mör, ahd. muruwi 
mürbe, vgl. mnd. mörbrôt Art Kuchen). 

mes m. Mist (mnd. mes m. < wgerm. *mihst: t-Verlust auch im ags 
meox; ein Ansatz ohne -/ ist technisch unmöglich). 

meexa m. Meise. ' 

meshoop m. Misthaufen. 

mesic 1. mistig, d. h. mit Mist bespritzt; 2. = mitstie (s. dl 

meskuuta f. die Grube zur Aufnahme des Dungs und der Jauche 

mesnat stark naß (mut mes wie in mesveedaer zusammengesetzt). 

mesreeder n. schlechtes, unfreundliches, naßkaltes Wetter (im ersten Be- 
standteil liegt das mnd., ne., ags., ndld. mist Nebel vor, das aber 
nach zes umgebildet ist; vgl. mistře). 

nethüan. mitlocken (zu nnd. hien, higen höhnen, eigentlich stuprare, vgl. 
(las interessante prign. hei het nie hint ora kint keine Angehörigen. 
«< as. acc. hìwun Gattin; Mackel). 

metis n. Messer (ebenso prign.; verkürzte Form für das folgende). 

metsar n. Messer (as. mezas -< *metsahs, got. *matisahs Speisemesser, 
ahd. mezzirahs; sonst ist ft im Ndd. meist fortgefallen, vgl. mnd. 
mest wie lest letzte). 

miauon vom Geschrei der Katzen (wie mauan onomatopöetisch). 

midar m. Mittag, d. h. 1. Tageszeit, 2. Himmelsrichtung: Süden. ! 

midornäzxt f. Mitternacht, d. i. 1. Tageszeit. 2. Himmelsrichtung: Norden. 

miflic = mufte müffig. 

migyfet n. euphemistisch für Prügel (» Mückenfett«): Scha. hat dafür jakyfet. 

mikarn vom Meckern der Ziege (von mek mek). 

mikrie verkümmert, körperlich heruntergekonmen (Fri. mikarn, mükorn. 
mukarn kränkeln, verkümmern; zu mnd. mucken murren. Wah- 
scheinlich gehört altm. mx/ altes schadhaftes Hausgerät hierher). 

mil n. Müll (mnd. mül n., prign. miil m.). 

militshai n. Heu von Milisgras, Waldhirse, milium effusum (nachzutragen 
§ 189 wegen s> ts). 

minorgn, minoréndə (seltner minarjeeric) minderjährig. 

müre f. die kleine Ameise (mnd. mire ist wahrscheinlich aus dem Mnlı. 
miere entlehnt, denn ags. myre, dän. myre und altn. maurr würden 
mnd. *möre verlangen; vgl. ktips; ein in Europa weitverbreitetes Wort. 
vgl. noch greh. utgun5; s. Gr. Dt. Wtb. I, 277). 

mirrte 1. schmutzig, 2. keck (1 scheint Grundbedeutung; 2 ist daraus 
entwickelt, wie auch nhd. dreckig den Sinn frech gewinnt. Uber 
etwaige Herleitung von ndld. moer Hefe [s. modar]) oder mhd. mies 


— 


' Die wissenschaftlichen Bezeichnungen für die Himmelsrichtungen werden in der 
reinen Mundart nicht gebraucht. 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 147 


Moos, Sumpf [mit grammatischem Wechsel, vgl. altn. myrr Schlamm 
> ne. mire Schmutz] läft sich erst etwas sagen, wenn die Formen 
aus Mundarten bekannt sind, die ö! nicht in ux verwandeln und in. 
denen e nicht zu i wird). 

miirnbanykay f. Ofenbank (dunkle Bezeichnung). 

miis miis 1. Lockruf, 2. Kosename für Katzen (Fri. mis und mes 
moselfrk. miits, gött.-grubenh. minzo,; die nmk. Form beweist ono- 
matopöetischen Ursprung auch für das nhd. Mieze, s. Kluge, Et. 
Wtb. s. v.). 

miis schlecht, unwohl (kauderwelsch; Fri. miis weh). 

miixəpeelar m. kümmerlicher Mensch (erster Bestandteil das vorhergehende). 

mirzapeetaric erbärmlich, unwohl, mit schlechtem Gewissen. 

miizorie kümmerlich (wahrscheinlich von lat. miser, von dem kauder- 
welsch iis mies eine Verkürzung ist). 

mistic naBkalt, vom Wetter (mnd. mistich neblig; dafür dringt jetzt mesie 
ein, weil man istie für nhd. mistig hält). 

miitə f. Heuschober, Fruchtgrube (lat. mētąa > mnd., mnld. mite, s. dazu 
Mackel, Ndd. Jb. XXXI S.111). 

mireela, tų m. zum Michaelstage (29. September). 

modar m. Moder, Morast, Dreck (mnd. modder m., ndld. modder, dän. 
mudder n. Schlamm, ne. mother, ndld. moer Hefe; ohne suff. mnd. 
mode f., mhd.-md. mot, ne. mud Schlamm; im Ablaut dazu wohl 
madar). 

mod»rie schmutzig (Syn. drekarte). 

moodie keck, niederträchtig, unverfroren (zu wooda f. Made? Vgl. für 
die Bedeutungsentwicklung nhd. dreckig »keck«; s. auch mitrie). 

moozIn betrügen (rotwelsch -studentisch). 

mol m. Maulwurf (mnd. mol, mul m. «< as. molo, d. i. nomen agentis 
von malan mahlen wie ahd. scöro Maulwurf von scëran scheren). 

mola f. kleiner Backtrog, nhd. Mulde (von lat. mulctra Melkkübel? mnd. 
molde, molle f.). 

molhoop m. Maulwurfshaufen. 

police behaglich, bequem (spätmhd. molleht, wohl zu ahd. molta Erde; 
vgl. mnd. mol weich, mürbe). 

molt m. Malz (as. malt n. > mnd. malt, molt n.; zu ags. mëltan zer- 
fließen, schmelzen; 3. Ablaut ist mnd. multen malzen). 

morja f. Ackermaß, 1/, ha. 

morjn m. Morgen, d.i. 1. Tageszeit, 2. Himmelsrichtung Osten. 

mooxar f. 1. Äderung des Holzes (ahd. masar, mhd. maser m. knorriger 
Auswuchs am Ahorn, mnd. maser m. Knorren am Holz, Ahorn, ags. 
maser Knoten im Holz, altn. mọswrr Ahorn; verwandt mit mnd., mhd. 
mäse Fleck von einem Schlage, Narbe): 2. pl. meoxarn Masern, Kinder- 
krankheit (mhd. masel stf. Blutgeschwulst an den Knöcheln, mnd. 
masele. f. roter Hautfleck, Diminutiv zu mäse). | 

10* 


148 IIermann Teuchert. 


mooxarpuul m. Flurname, freier mit Buchen bewachsener Platz zwischen 
Gennin und Loppow; früher müssen dort Ahorne gestanden haben (vgl. 
mọọxər). | 

moot f. Magd, Dienstmädchen (mnd. maget; § 31 Anm. 2). 

mootsa f. Lockruf und zugleich Bezeichnung für die Kuh (~ gem. 
*mauk-u-s-jö-? zur Wurzel mük- brüllen, erch uvzdosda, vel. 
spätmhd. mügen brüllen; vgl. henneb. mokkele® und mut -tš- mut- 
schele? Kuh; Fri. hat auch noch den #-Laut beseitigt [s. nmk. dreen 
spritzen, mkl. bisn bißchen u. a, § 185b]: mutə, možə, ebenso samld. 
mo: mo: als Ruf, wstpr. [Dt.-Krone] muusə). 

muudarvindicaleens mutterseclenallein (eine der vielen Entstellungen der 
Verstärkung von allein, deren Grundform noch nicht entdeckt ist: 
die Prignitz bietet mowtxeeltcaleen). 

muudika mürbe (vom Obst; gehört zur Sippe Moder, zu mnd. mode Í. 
ne. mud Schlamm, vgl. mhd.-md. moten modern, mnd. mudderen - 
muddich, d. i. schimmlig werden, mkl. muądļn mürbe werden, Fri. 
verhd. eenmotteln unreifes Obst zur Nachreife in Heu oder Stroh hüllen: 
die Länge des « kann nicht ursprünglich sein, auch nach seiner Bil- 
dung ist das Wort ein Rätsel: es kann nämlich schlechthin nur gleich 
dem mnd. mudeke [f.?] Aufbewahrungsort für Obst sein, wofür Seha. 
modek? n. und die mfrk. Mundarten auf? oder muut bieten. Woher 
sollte z. B. nur, abgesehen von allem andern, das -ə der Endun: 
stammen ?). 

muuən vom Brüllen der Kühe (junge lautliche Bildung). 

mufə f. Muff (ndld. mof, ne. muff Pelzmuff; wohl kaum zu mnd. mouwe 
Ärmel gehörig). 

mųfic unangenehm riechend (vgl. ndld. muf dumpfig). 

muk m. halbunterdrückter Laut des Widerspruchs, Muck (auch muks: 
dän. muk n.; s. muks). 

muuka f. Fußkrankheit (s. mauka). 

muky pl. Launen, Grillen (mnd. mucke pl., dessen Beziehung zu mh. 
muoche swm. verdrießlicher Mensch unklar ist). 

uk) widerreden, sich widersetzen (mnd. mucken, Scha. muky: gehört 
zur Wurzel mük heimlich tun, von der mák brüllen unter moots? z! 
trennen ist). 

muks m. = muk (muks kann Neubildung aus dem Verbum »ucksn, ebenso 
muk aus muky sein, doch ist die Annahme alter Interjektion wahr 
scheinlicher. vgl. § 381a). 

muksn - muky (Ncha. myksn: < mhd. muckzen, ahd. muckazzen heimlich 
reden, von dem mhd. mutzen schmücken in nhd. aufmutzen. das sch" 
im Mnd. als Lehnwort mutzen erscheint, zu trennen ist). 

muul n. Maul (pl. miiləar, mnd. mùl n.). 

muula f. Mund (ohne pl., mnd. mùle f.. s. § 359, 1 Fußnote 1). 

pinala maulen, den Mund verziehen, schmollen (mnd. mülen). 


Aus dem neumärkischen Wortschätze. 149 


mum mum Austuf beim Verhüllen des Gesichtes, um Kinder zu er- 
schrecken. 

munalak, mumfjlak m. ein verkleideter oder völlig eingehüllter Mensch, 
als Schreckgespenst (vgl. mnd. mummer vermummt, ndld. mom Maske, 
nhd. Mumme »Maske«, auch afrz. momon Maske; das Grundwort 
scheint eine Lallbildung wie Mama; die Endung -a4 ist polnisch wie 
in lodarak). 

mumn, s. inmyųym{n verkleiden (mnd. mummen verlarven, ne. to mum 
sich maskieren). 

mumalzak m. völlig deutsches Wort für mymoəlak. 

mumpils m. Unfug, Unsinn, dummes Gerede (eigentlich -Mummbotz, 
d. i. Schreckgestalt; Kluge s. v.). 

muykln mutmaßen, Gerüchte verbreiten (mnd. munkelen heimlich sein 
und handeln; wird mit mw4y und nhd. Meuchel- zusammengebracht: 
germ. Wurzel măk-, munk- heimlich tun). 

mupə Spitzname einer bestimmten Person (hängt zusammen mit dem rip. 
fii:3 möp ekler Kerl und mit Mops, Grundbedeutung »Fratze«. vgl. 
ndld. mopperen ein mürrisches Gesicht machen). 

mur m. Mark, medulla (Fri. mur f., mkl. mur n.; besonders in der Re- 
densart mur inə knooky hebm Mark im Leibe haben; Etymologie un- 
bekannt). 

murki m. kleines, kümmerliches Geschöpf, Kerlchen (vgl. afimurksu und 
murks). 

murkliic kümmerlich (von Personen und Sachen). 

murkln geringfügige Arbeit verrichten. unnötig arbeiten (vgl. Seha. mörkən, 
mörkalaon sich abmühen; s. murks). 

murks m. =- murkl (ebenso altm. murks; hamb. murk unfreundlicher, 
mürrischer Mensch: diese Bedeutung des hamb. Wortes scheint die 
ursprüngliche, wie afmyrksn heimlich abtöten, morden und holst. 
murkan, murksaon morden vermuten lassen. Dadurch empfiehlt sich 
Zusammenstellung mit as. mirki finster, schott. mirk dunkel, ne. murky 
finster. Die Bedeutung »kümmerlich arbeiten« paßt zu dieser Ety- 
mologie). 

murml f. kleine Steinkugel zum Spielen für Kinder (-.- Marmor durch 
Dissimilation; das Geschlecht ist auffallend). 

muus f. 1. Maus (mnd. müs); 2. m. Mus (mnd. mòs n. Kohl, Gemüse: 
ahd. muos Speise); 3. f. Muskelballen des Daumens (ebeuso prign.: 
gleich 1: mnd. müs und müseken). 

munzie mausig, keck (nhd. Lehnwort, zu mausern, mhd. muüzern). 

ua "nu schlecht fressen, eigentlich mit dem Maule im Fressen wühlen 
(vgl. Fri. muin 1. zweckwidrig arbeiten, 2. unsauber zusammen- 
patschen, 3. betrügen; mkl. mus!n 1. fuschern, 2. betrügen; altm. 
mųšin heimlich mit jemand reden; altm, mazfu 1. herumkramen, 
2. leicht regnen; uckerm. muzin leise regnen. Nach dieser Übersicht 
ergibt sich als Grundform *muselen. Dic drei Bedeutungen: fuschern 


150 Hermann Teuchert. 


[Fri. 1, mkl. 1, altm. mrin 1], betrügen [Fri. 3, mkl. 2, altm. musin 
und leise regnen [hierher Fri. 2.] lassen sich nicht recht auf eine 
Wurzel zurückführen; man könnte für fuschern und betrügen an eine 
Iterativbildung zu mnd. müsen auf Mäuse gehen, stehlen [s. muuzn 1| 
lenken und die Form für leise regnen aus der Wurzel *meus, zu 
der nhd. Moos, mhd. mies gehören, herleiten). Vgl. zu 1 rip. mw:sl 
Mischmasch. 

muuzn 1. mausen (von der Katze; Denominativ zu mnd. müs Maus: mnd. 
müsen auf Mäuse gehen, stehlen, im Mhbd. auch listig betrügen): 
2, auswählen, aussuchen beim Essen, eigentlich nur »essen- (vgl. 
Ntro. mooxn essen; zu mnd. môs; mnd. mòsen Gemüse holen, raffen.. 


n. 


nabə f. Nabe, sNases (mnd. nave, mhd. nabe; offenbar nhd. Konsonant: 
doch ist der kurze Vokal auffallend). 
naris (Hunde u. a. Tiere) reizen; auch Menschen zum besten halten (dän. 
narre foppen, quälen; eigentlich zum Narren machen). 
wun ln undeutlich sprechen (Kreis Jerichow I na:ln und nailn; s. nulu 
und Au ia: iteratives Denominativ zu Nase, das, wie mnd. naselwort 
Nieswurz beweist, auch imm Mnd. unumgelautet vorkam, also eigent- 
lich »näseln«). 
nauka m. durchtriebener Junge, ursprünglich nomen proprium. 
ncedijn zu Gast laden, nötigen (mnd. nödigen). 
neea f. Menge, grobe Anzahl (vgl. mnd. eine nège holtes als MaB = nege 
Neige, Rest; mhd. neige stf. Neigung, Tiefe). 
necloky n. langsamer Mensch (vom folgenden). 
neeln langsam und träge sein, zögern (die ndd. Dialekte weisen auf um- 
gelautetes @ oder beeinflußtes tl. «: wald., wstf. nöölon [ebenso holst. 
altm., mkl., prign., ostfrs.]; ndld. neulen und dän. nele sind demnach 
Entlehnungen aus dem Ndd. Wie sich hierzu ndld. neutelen, br. Wtb. 
IL, 233 neteln®, nöteln” verhalten, ist unklar: das br. Wtb. bietet auch 
nölen”. Weitere Beziehungen sind nicht bekannt). 
neerte nach Essen verlangend (ebenso Prenden; mnd. nerich auf seine 
Nahrung bedacht). 
necz9 f. Nase (mnd. nese, daneben ablautend nose, ags.- westsächs. nosu: 
altkent. nasu). 
necto f. sg. und pl. 1. Nuß (mnd. nöte, not £f.); 2. Niß, Lausei (mınd. nete, 
nit f.: s. für beides $ 352 Anm.). 
nibo f. alter, gebrechlicher Mensch (nur als Schimpfwort gebraucht, daher 
fast stets in der Verbindung olo niba: die Bedeutung scheint aus mnd. 
nibbe, nebbe f. Schnabel [vgl. ags., dän. neb n., ne. neb nib Schnabel] 
auf dem Umwege über ¿bln entwickelt zu sein; jedenfalls liegt mnd. 
nibbe vor; beachte schon mnd. kivenibbe f. Zänker, also schon Dt 
sönlich). 


5 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 151 


niblu mit zahnlosen Kiefern nagen, auch vom Saugen des Kindes an der 
Mutterbrust (altm. nagen, ne. to nibble nagen; von mnd. nibbe f. 
Schnabel). 

niia (nii, miss. nat) neu (§ 64 Anm. 1). 

nikl m. tückisches Wesen (ursprünglich ein Kobold; vgl. mnld. nicker, 
mnd. necker Wassergeist, ne. nick Kobold, Teufel und nhd. Nixe). 

niky pl. Launen (mnd. nuck m., nücke f., prign., altm. näky pl., Soest 
nuky, vgl. Ri. nykərn stets zanken, old. nekarn nörgeln). 

nilə f. penis (dazu mnd. nelle f. pellex?). 

nüllekarıc lecker, nach guten Speisen verlangend. 

nilik w. Iltis (mnd. üllik m., Soest älok, prign. ülk, pom. ultyk, Jerichow I 
(dk: a 8 240). | 

niiļn, in der Redensart keç iit niiln uut er sieht wohlgepflegt aus (Ety- 
mologie unklar). 

niimm* nennen (as. #nòmian > mnd. nömen, prign. nğijmm benennen). 

uipa genau, wohl nur noch in der Verbindung n¿po tuuk¿ky genau zu- 
sehen (prign. nip; mnd. nìp, mit o in vielen ndd. Mundarten, s. Ndd. 
Jb. XXXII, S. 18). 

niišiiric neugierig (< mnd. *nìges girich, s. § 198; die Erhaltung des 
im Mnd. ist übrigens recht auffallend). 

niillice niedlich, zierlich, schmuck (mnd. nütlik, prign. nüätlie; von mnd. 
neden sich erkühnen, mhd. nieten streben und as. niud Verlangen; 
vgl. as. niudsam angenehm, hübsch, dagegen bedeutet niudliko noch 
eifrig). 

nitè it! Lockruf für Schweine (wahrscheinlich Umlaut, nicht Ablaut zu 
nutš, s. d.). 

oola f. Nadel (< mnd. [durch nfrk.-ndld. Einfluß?] nälde; s. 179c, 
wo »ọọlə zu lesen ist, und Anm.). 

noomtdar m. Nachmittag, daneben schon »yonudar, vgl. farınıdar. 

nooplantn nachpflanzen (junge Gemüsepflänzlinge). 

nootl f. Nadel (mnd. nätele, got. nepla; über £ vgl. § 177: s. noola). 

nud/n Leierkasten spielen (Iterativbildung zu nwl nut, was die Kinder 
dem Leierkastenmann zurufen). 

nuud!n (sänse durch Einstopfen von Kleierinudeln mästen. 

nuk nyk == nulS nuts (vgl. nugos Koseruf für Schweine in der Eifel, s. 
nuts). 

nükl, nukikn n. kleines, junges Ferkel (s. muts). 

nurkln saumselig arbeiten, trendeln (unbekannter Herkunft). 

nuo f. langsamer Mensch (vgl. wend. nuzlis zögernd, das aber wohl aus 
dem Germ. stammt; nach dem Muster von nıba aus nuiln zurück- 
gebildet). 

nusie saumselig, von nha. 

nuiln undeutlich reden (dies die (arundbedeutung des Wortes, die Be- 
deutung des langsamen Arbeitens ist nicht vorhanden: vgl. Scha. 
wln, nilu nmäseln, Fri. ruiln 1. mit der Nase wühlen [bren.. »ug:[n, 


152 Hermann Teuchert. 


pom. nijn], 2. saumselig arbeiten, 3. unsauber arbeiten [für 3 auch 
našin], Prenden vwų4xļn nusseln [d. h. wohl langsanı sein], prign. nu:ln 
langsam sein; ne. to nuzzle mit der Schnauze wühlen < me. nosclen. 
dän. nysle mit Kleinigkeiten kramen. Hiernach ergibt sich Ableitung 
von Nase und zwar von der Form mnd., ne. nose). 

nul nųtš Lockruf für Schweine (daneben nts nitš und nuk nuk, das die 
ursprüngliche Form darstellt, vgl. klaky : klatšn u. a.; Gerland, Kuhns 
Zs. XXI, S. 67—78. Scha. bietet »utsn saugen; vgl. auch nukl). 


0. 

oobarkop m. (miss.) Obertasse. 

onandit n. Augenlid (s. gé). 

oohä beruhigender Zuruf an Kühe (Fri. kohaa ebenso, oohd Ausruf der 
Ruhe auch bei Schü.; altm. ooha und in dieser oder in der Form 
oohiiii im westlichen Deutschland weit verbreiteter Zuruf an die Pferde: 
oo ist Überlänge). 

oldaais, pldaaš alltäglich, besonders von der Kleidung, auch von der Ge- 
mütsstimmung: tk heb mii ọldaaš anjətrçkt. 

ollndeel n. Altenteil. 

olm m. mürbes Holz (ebenso Dann., vgl. mnd. ulm Fäulnis). 

olmie mürbe (nur von trockenem Holze, Fri. olnie vermorscht, Prenden 
olmir verrottet, mnd. olmich, ulmich vermürbt, verrottet, mıhd. ulmic 
verrottet, faulig). 

ot alt: den ollu brong oder hebm den letzten Schlag beim Spiel erhalten 
oder haben, worauf man genötigt ist, Spieler zu werden; den ollı 
«fsioon durch Abschlagen feststellen, wer beim nächsten Spiele -dran: 
ist. Die Redensart geht auf den Schnitterbrauch zurück, daß der. 
welcher bei der Ernte die letzte Garbe bindet, den glin, den Alten. 
d. h. eine ursprünglich als alter Mann ausgeputzte Garbe zum Tragen 
erhielt und dann ausgelacht, aber dafür auch mit 25 Pf. bedacht 
wurde. Von hier auf anderes, z. B. auch auf das Kartenspiel über- 
tragen. 

omdabus m Omnibus (interessante Dissimilation von mx, s. $165 Ann.) 

oonarte ahnungsvoll (vgl. zur Bildung farjeetorte vergeßlich, drekaric dreckig). 

oors f. Ähre (prign. ooa f, ndld. aar, as. ahar). 

oort n. Pfriem (vgl. mnd. ort m. Spitze). 

oortserdo f. das Querholz, an dem die Stränge (Sielen) der Geschirre be- 
festigt werden (die Bedeutungsentwicklung aus as. ord, mnd. ort Spitze 
und as. skèđia Scheide ist nicht leicht zu begreifen). 

oos n. 1. Aas, 2. wie Luder als Schimpfwort gebraucht (pl. e¢stər und 
restors 3. SE 347 und 362); mnd. âs, mhd. âs, dagegen ist mnd. àt. 
mhd. àz Speise nicht mehr vorhanden. 

oss m. Ochse. meist kastriert (as. ohso. mnd. osse); der pl. ọsn ist eine 
scherzhafte Bezeichnung für Holzschuhe, deren Ursprung in dem 
schwerfälligen Gang zu suchen ist, 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 153 


osie brünstig (von der Kuh). 

osn nach dem Bullen verlangen. 

oon verschwenden (im Mnd. äsen noch atzen, speisen, ebenso noch nhd. äsen). 

oost m. Ernte (mnd. ögest, öwest, vom Monat August; mkl., altm. gust 

onstbeera f. bereits zur Erntezeit reifende Birnensorte. 

oostarn Ostern. 

„ostaruudn pl. = pütsruudn, s. d. 

oostkesta f. Erntefest (mnd. ouwest und köste f. Beköstigung, Schmaus, 
Festlichkeit); dabei findet unter Vorantritt einer Musikbande ein Umzug 
durch das Dorf von Hof zu Hof statt; die Erntekrone wird vorweg 
von einem dazu erwählten schmucken Mädchen getragen. Im Gast- 
haus gibt es nachher (relage und Tanz. 

vostn ernten (mnd. ouwesten). 


p. 

pads f. Frosch (mnd. padde, pedde swf. Kröte, nom. ag. zu mnd. pedden 
treten, das zu nhd. Pfad gehört; die sonst im Ndd. vorkommenden 
Synonyma hüpper” u.ä. und poyge” sind unbekannt. Für padə gilt 
im Nfrk. pedde°). 

padnaisr pl. Froschlaich, 

paduks f. (seltener als pads) Frosch; nach C. Walther -  padde -- hucke 
(d. i. Kröte) + s. 

paf Schallwort (im Ablaut pif paf puf). 

pafn Rauchwolken hervorstoßen, stark rauchen va vorigen). 

pakaa:o f. Gesindel (von frz. bagage, wegen p s. $157). 

puns m. Brei (< pamps; altm. pamps und pamp: gehört wohl schwerlich 
zu mnd. ndld. usw. pap Mehlbrei, nhd. Pappe). 

pamsie breiig (vom vorigen). 

panztskıy pl. getrocknete Mohrrüben (gleich »Herrehen  ? vgl. poln. panicz 
Junker, junger Herr). 

puykrot bankerott, zahlungs- oder leistungsunfähig (wegen p s. § 157). 

pansar m. fettige Stelle auf dem Anzuge. im Ndd. sonst wohl kniist ge- 
nannt (< mhd. panzer). 

pansar m. ein Mensch, der panust. 

Dousen in Wasser und fochten Schmutze klatschend arbeiten (mit n-Infix 
aus palsı wie mansn aus malsn). 

papte schlecht ausgebacken, eigentlich breiig (vgl. mnd. pap m. Mehlbrei). 

prpln essen (von Kindern; Iterativ zu mnd. pappen Mehlbrei zurecht- 
machen und sich damit füttern, sich damit vollstopfen. -< lat. pappare 
essen). 

papm essen (wie vorher, mnd. pappen). 

parjln brodeln (vgl. Fri. einprägeln® an einer Flamme schmoren lassen 
und bair.-alem brügle* gelinde braten und brodeln, s. Fischer. Sehwäb. 
Wu I, 1341, wo die übrige Literatur verzeichnet ist. Weitere Be- 
ziehung unklar). 


154 Hermann Teuchert. 


parmindtikl m. Perpendikel (Witzerath a. d. Mosel permatehl). 

part m. Teil, Anteil; 74 far meimn part ich für meinen Teil (mit Genus- 
wechsel aus frz. part, oder direkt aus lat. partem? Schon mnd. part nì. 

paš n. ein Paar von Arbeitern (wohl identisch mit Gr. Dt. Wtb. VII, 1481 
;‚Pasch« ein Wurf mit gleichen Augen auf zwei oder drei Würfeln, 
< frz. passe-dix). 

pusgl vorwärts! (< poln. pozed}). 

pats m. Schmutz (ebenso Fri.; ursprünglich Inter;.). 

patsa f. in der Redensart: na patso xttn in der Falle, Klemme sitzen 
(ebenso Fri.; zum vorhergehenden; s. Gr. Dt. Wtb. VII, 1507). 

patšə f. Hand (ebenso Fri.; ursprünglich bedeutet das Wort den mat. 
schenden« Fuß). 

patsn mit bloßen Füßen im Schmutze herumtreten, daß es klatscht (aus 
der Interj. pats = klats gebildet: dagegen gehört Scha. patjen® mit 
bloßen Füßen gehen zu mnd. pedden, ags. pæđđan treten; in Deutsch, 
land weit verbreitet: dazu nasaliert pan:n). 

pazıylka m. Strolch (ebenso im Oderbruche, aus dem Hebr., vgl. rotwelsch 

 bochur, bacher Student, ausstudierter Gauner). 

peeda f. Quecke (Prenden persda Quecke, Fri. peed Quecke, triticum repens. 
altm. pl. peejn, uckerm. pecedn pl. Kartoffelkraut; das Wort scheint 
Wurzel zu bedeuten, denn peednkörva sind Körbe, die aus gespaltenen 
Kieferwurzeln hergestellt sind; wahrscheinlicher aber ist Annahme 
zweier Wörter und das zweite vielleicht zu mnd. pit, pitte Mark, Kem. 
ags. piða Mark von Pflanzen, wozu mit suff. -ik mnd. peddik, Scha. 
pedək m., Fri. pedie |- įk, - iyk] m. Eiterstock in Geschwüren, Pflanzenmark 
gehören, zu ziehen. Das erste Wort bleibt unklar. Piidergras’ triticum 
repens bei Fischer, Schwäb. Wtb. I, 570 scheint hierher zu gehören). 

peekl m. Pökel, Salzbrühe (hat nach Ausweis der Dialekte [brenı., hamb. 
holst. u. a. peekl] und besonders dos watt poli alte j, vgl. ne. pickle 
Salzbrühe; mnd. pekel; Mackel bietet Ndd. Jb. XXXII S. 4 und IH 
prign. peek f. — as. *piki Salzbrühe als Stammwort für peekl). 

pel f. Haut, Schale, Hülle, Hülse (prign. pel f., ndld. pel, ne. peel und 
pell, =~ afrz. pel ~ lat. pellis). 

pelln abschälen (besonders Kartoffeln). 

peçrž{nņn im Feuer stochern, scharren (vgl. Fri. pergel? m. Kienspan zum 
Anzünden des Feuers, das Fri. zu lit. pirksznis glühende Asche stellt). 

peeser(k m. Ochsenziemer (mınd. peserik, Fri. peezrik, vgl. in derselben 
Bedeutung rip. pizol und ne. pizzle: zu ndd. pees Sehne, mnd. pese!. 
Schne des Bogens). 

peezaərn sengen, brennen, mit Feuer spielen (Hei. pooxarn, Fri. poo: sn, 
pooxarn, peezorn, Dee - Ap, pöösorn; zu poln. poar Brand: Lo. pte 
sarn -< "pöörorn). 

peesn rennen, laufen (wegen Berlin per:ə f. Treibriemen wahrscheinlich 
aus mnd pese Sehne eines Bogens herzuleiten. Br. Wtb. hüsepesen‘ 
voschäftig sein kann wegen Scha. besse pnessen® eilfertig arbeiten nich! 


\ 


Aus dem neumärkischen Wortschatze 155 


verwandt sein. In Berlin kommt als Schülerausdruck für pres» auber 
schnell laufen auch die Bedeutung lügen vor). 

pelərn stochern, hantieren (prign. pööt.ın Obst mit der Stange abschlagen, 
ndld. poteren, peuteren in etwas herumstochern). 

peets{n im Wasser herumtappen (vgl. nhd. dial. Pätschel »die kurze Ruder- 
stange«; Syn. voots/n); zu patsn. 

priäk pfui (s. *ak). 

pükant m. Groll, Zorn; ın pükant up eenn hebm (mit völlig unbekanntem 
suff. aus frz. pique gebildet). 

piikə f. Pike, Spitze (altm. peek, Schü. peek, mkl, prign. peik f. Eispike, 
mnd. pêk peik m. n. Langspieß, Lanze; dies Wort kann aus dem 
frz. pique über mnld. pieke pike pycke nur so entlehnt sein, daß im 
Mnd. die Möglichkeit zu der Vokalisierung € gegeben war. Inter- 
essant ist die Scheidung bei Schü., der neben peek Pike piik [später 
noch einmal < frz. pique entlehnt] Groll bietet). 

pikl m. Mitesser, Eiterbläschen (Fri. ptkl, rip. pökol). 

piky stechen (mkl. ebenso. Erklärt sich mkl. od im Verbum und e im 
Substantiv ebenso wie bei Schü.? as pol 

piky picken (im Wgerm. bestehen zwei Stämme nebeneinander, vgl. mnd. 
bicken mit der Spitzhacke klopfen, picken und pecken mit dem Schnabel 
picken, ags. pician stechen, ne. to pick picken; schwäb. gilt bëcken? 
und picken’). 

pimpəlje verzärtelt, von 

pimpln weichlich tun (wahrscheinlich mit Entrundung für *piimpln, wozu 
vgl. Fri. pympln einhüllen, »umpalic weichlich; übrigens bietet Fri. 
auch pimpin empfindlich sein; Berlin pumpin; Scha. pemln langsam 
und nachlässig arbeiten und Dann. pemn verzärteln bieten dazu wohl 
die Hochstufe, die ohne p- Erweiterung auftritt; vgl. dbamln: nhd.-dial. 
[z. B. fränk.] bamplu u.a.) Hierzu schwäb. forpampla mit Decken 
verhüllen, auch einpamplen®” warm in Decken einhüllen und mit ver- 
ändertem Konsonantismus errbiempfen" einmummen vor Kälte. 

pbyastn Pfingsten. 

ptyk den Hammerschlag auf dem Amboß nachbildendes Schallwort; schon 
nınd. pinkepanken taktmäßig den Amboß schlagen; s. piyky: vel. ne. 
pinkpank. 

piykln 1. pissen; 2. (Za.) plinkern (Etym.?). 

pipky den Amboß schlagen (von pyk). 

ptyl m. Bündel, stets eingeschnürt oder in einem Beutel (gut. acc. pugg, 
mud. punge m., dän. pung Beutel, Fri. payl päyl n. und m., mfrk. 
pöy»l, Besten päyl Bündel). 

püphoon m. penis. 

ptipin pfeifen (mnd. pipen, von lat. pīpare piepen). 

prpsn piepsen (von jungen oder kranken Hühnern, auch übertragen von 
kränklichen Menschen: intens. zum vorhergehenden): dazu prpste 
kränklich. 


156 Hermann Teuchert. 


pürggxa f. Regenwurm (mud. piräs n.? Fischspeise; vgl. wstf. piir piirek" 
kleiner Fisch, ndld. peer, ostfrs. pier® Wurm, < lat. *pera? |s. Ndd. 
Jb.XXXIS.111]; auffallend ist der Geschlechtswechsel; Silbentrennung 
pül-ro0x9). Uckerm. (Warthe) pčirats (mit -ats Speise zusammengesetzt, 
das aus mnd. at [warum das Mnd. Handwtb. nur àt n. ansetzt, ist 
nicht abzusehen, vgl. mhd. atz m.] regelrecht entwickelt ist) und 
püree:T (eigentliches Dim. von der neumärk., ursprünglich vielleicht 
aber sächlichen Form, mit Anlehnung an Esel als bekannter mund- 
artlichen Nebenform für Assel, vgl. Kluge, Et. Wtb. s. v. Assel). 

püzaky quälen (Fri. piizaky, mit slav. Endung; schon bei Ri.). 

pisak m. (eig. *piszak) ein Mensch, der im Schlafe einpißt; ptsak rufen 
auch die Kinder der Krähe zu, hier rein lautliche Nachahmung. 

pismiirə f. gewöhnliche Bezeichnung der kleinen Ameise, daher man denn 
miirə auch mit der Wurzel meigh- lat. mingere zusammenbringt, s. 
jedoch miira. 

pisn mingere (auch im Rom. verbreitet: frz. pisser, it. pisciare; mnd. 
pissen). 

ptta f. Schöpfbrunnen (nınd. pütte f. und m., nhd. Pfütze, < lat. puteus; 
in Wstf. tritt dieses Lehnwort mit langem Vokal, der altem ô? ent- 
spricht, auf: peot m.), nur fürs Vieh, von geringer Tiefe. 

pttlor n. (miss.) = ptta. 

ptln verb. a (min. 

piitšə f. Peitsche (< böhm. bic). 

pilsonat völlig durchnäßt (der erste Bestandteil eine im lautmalenden 
Ablaut zu palsn stehende Bildung, die mit mfrk. petlson pilSan schlagen 
identisch ist, s. Gr. Dt. Wtb. VIL, 1694 pfetzen und VII, 1872 pitschen 
kneifen letztes auch kneipen, trinken]; wichtig ist das Kompositions- e). 

pilSkunat völlig durchnäßt (interessant ist die Diminution des ersten Be- 
standteils, die sich außerdem in der Mundart kaum noch findet). 

piitšn 1. mit der Peitsche schlagen. 2. am Ostermontage früh die Familien- 
mitglieder, auch wohl Verwandte und Bekannte mit den piitšruudn 
aus den Betten peitschen. 

piitšruudn pl. für das pütsn einige Zeit vor Ostern ins Wasser gestellte 
und daher grünende Birkruten, auch vosturuudn genannt. Vgl. bei 
Fri. s. v. schmackostern. 

pteie schmutzig, eigentlich pechig (md. Lehnwort; zu as. mnd. pik Pech, 
auch prign. noch pik). 

ptel m. Latz (ebenso Fri., Instrumentalbildung zu md. pech). 

pladäuts Interjektion zur Nachahmung eines Falles (vgl. bants). bei Fri. 
pladauts und pladauks. 

plador m. dünner Kot, bes. von der Kuh (ebenso Oderbruch, Fri., schwäb. 
pflaador Kot. bes. nach Tauwetter, pflator dünne, zerfließende Masse, 
Kuhfladen). 

pladsarn trans. und intrans., vom Geräusch des klatschenden Wassers 
(ebenso Fri., vgl. mnd. pladderen plappern; schwäb. pflaadaro plätschern, 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 157 


pfletara etwas Weiches oder Flüssiges auffallen lassen; Mi pliddern ® 
ist junger, lautmalender Ablaut). Verwandtschaft mit Fladen erscheint 
ausgeschlossen. 

plaitə subst. und adj. bankerott (< hebr. peletäh Fluch). 

planšn = pladərn (für *planišn; ob mit n-Infix, über dessen Vorkommen 
in deutschen Mundarten eine Untersuchung nötig ist, zu platšn? Vgl. 
pansn). 

plauts interj., schallnachahmend, beim Fall (Fri. plauks; vgl. pladauts). 

plek m. Fleck, Schmutzfleck (prign. plak, plæky m., mnd. plack). 

pletn 1. plätten, glatt machen (mnd. pletten); 2. eenə pl. jemandem eine 
Ohrfeige geben (zu ags. plættan schlagen, wozu nhd. platzen, platschen 
und plätschern gehören). 

pliky pflücken (von vulgärlat. piluccare; flektiert stark: pluk, japlukı)). 

pliykorn blinzeln, plinken (mnd. plinken). 

plins, pl. plinso m. im Tiegel gebackener Kartoffelkuchen, im Rheinland 
Reibkuchen genannt (aus dem Slav.; vgl. poln. bliny, russ. blin blince, 
lit. plincai, altpreuß. plinxne Fladen; in Torgau sind plinsən Hefe- 
kuchen in viereckiger Form mit Korinthen bestreut). 

plinsn plärren, weinen (ebenso prign., Fri. plintsn und pkinzn;, Ety- 
mologie?). 

ploon m. (ostmd. Kontraktionsform für mhd. blahe swf.) Plan, Wagen- 
decke, Blahe; benutzt zum Decken der Wagen der Kohlbauern, dann 
der sogen. sleexiyar, die mit Leinen und Wäsche Handel treiben, auch 
auf Erntewagen, um das Durchfallen des Korns zu verhüten. 

ploostar n. Heilpflaster (<< mlat. plastrum < &urrAaorgov; die Erklärung 
der Tonlänge gibt E. Mackel, Ndd. Jb. XXXII S. 8: für das Straßen- 
pflaster existiert nur das nhd. Wort). 

ploostərn 1. intrans. sich wie ein Pflaster ablösen, in Schuppen abgehen: 
2. trans. eena pl. eine Ohrfeige geben. 

pluga m. Pflock, Splitter, auch von der Wurzel einer Warze oder eines 
Hühnerauges (Stro. plays Schusterpinne, mnd. plugge swm. Pflock, 
hölzerner Nagel, ne. plug Pflock, altm. plüg). 

plumpa f. Pumpe (prign. plamp f., mit l im Ostmd. und Ostndd. ver- 
breitet, wahrscheinlich wegen der lautmalenden Interj. plamps; ndld. 
pomp, ne. pump) 

plumpm pumpen (vom vorigen). 

plumps (plums) Interj., Ton eines ins Wasser fallenden Gegenstandes; 
vgl. schon mnd. plump Interj. 

plumpzak m. Spiel der Knaben, wobei einer mit einem zusammengekno- 
teten Taschentuch um den Kreis, in dem die übrigen stehen, herun- 
geht. Dabei sagt er den Spruch auf: 

kikt juu nic im 
dər plumpzak jeet rim. 

Auch plumper Mensch. 


plumpsn (plumesn) mit lautem Schall ins Wasser fallen (zu plemps). 


d Hermano Teuci ert 


plundarfiidsr m. Hader-. Lunipenhändler (zweiter Bestandteil unklar). 

plundermats m. Lumpensammler. verlumpter Mensch (wegen plundarm pl. 
Lumpen vgl. mnd. plunde stm. swf. Hausgerät. Kleidung: wegen 
mats s. d.). 

pbrustwie zerzaust (mnd. plüsterich), von 

pluustarn zerzausen (Frei. zu altm., Schü.. Ri pluurn zausen: Fri. pluns- 
Lara und plastorn, mnd. plüsteren). 

pInts plötzlich. adv.. eigentlich Schallwort: schnell auffallender Schlag: 
auch substantivisch: pm pluts auf der Stelle. sofort (ebenso Fri.: 
nınd. plutzich. meist plutzlik und pluslik: hierher gehören mfrk. plotso 
durch Aufschlagen zum Platzen bringen und schwäb. dote: stoen, 
»chlazen. ferner nhd. plötzlich). 

pluutzs $. Leib. Kaldaune (< lit. plaurze? Lunge, vgl. md.-ostpr. |»bres- 
lauisch ] plauts Lunge). 

pluuss Í. Pflug (mud. plòg m f.s. SS 355 Anm.1 und 3S8 b). 

pluussdert m. die Gabel am Pfluge (wichtig ist das Fehlen des -2, wodurch 
die Form pluuxə als jünger als die Zusammensetzung erwiesen wird). 

pluussoor n. Pflugschar (ahd. m. Int 

pvofris m. Bovist (prign. boofiist: ob gleich Pfauenfiest?). 

poiats m. bunt gekleideter Puppenspieler« (in Berlin hölzerne, bunt 
anrestrichene Figur , -< it. Bajazzu). 

poliits >hell: , aufgeweckt, munter (eine für die politisch noch wenig 
rege Landbevölkerung bezeichnende Bedeutungsübertragung). 

polk m., pl. pella 1. Faselschwein (ebenso mkl.). 2. plumper Mensch (-- lat. 
poreus”). 

poll:y klauben. ungeschickt mit den Fingern zugreifen, in der Nase klauben 
(wie korky horchen aus as. hörian so aus mnd. pülen klauben, die 
Hülsen abmachen gebildet, s. puuln: vgl. prign. pulkan mit den Nägeln 
klauben, Fri. polky pellend ab- oder herausziehen und pulkərn iM 
Erdboden scharren). i 

pooln Pfahl einschlagen. 

pooml f. rundes Gebäck, wird aus dem Rest des Brotteiges hergestellt 
(vgl. Fri. prmtl pfannkuchenartiges Gebäck. mkl.-vorpom. Semmel, 
altm. pumi breites, an beiden Enden zungespitztes Weizenbrot: vg! 
übertragen puul kleine, dicke Person [Ndd. Korr. XXVIII S. 53] für 
Glückstadt). 

pos m. Mos, muscus (Etym. unklar: ob mnd. porst wilder Rosmarin, ledum 
palustre oder der fälschlich damit bezeichnete Gagel, myrica gale 
sprachlich, infolge falscher Übertragung, dazu in Beziehung steht. 
läßt sich nicht ausmachen). 

povx3 f. Federspule (ebenso Ri.. Dähn.: etymologisch unbekannt). 

poozarn (Hei.) brennen, mit Feuer spielen (Nebenform zu perzorn, > d.) 

pvstbvoda m. Briefträger. 

pot m. Topf (wird bereits durch miss. Jon |mnd. dop Eierschale] ver 
drängt): mnd. pot m. 


Aus dem neumärkischen Wortschatze., 159 


pootə f. Pfote (mnd. pôte). 

pral m. Stoß, von dem man zurückfliegt (vgl. das folg.). 

pral drall, eng (zu mhd. prellen anprallen). 

prastIn knistern (vom Speck über dem Feuer, vom Holz, vom Hagel: 
vgl. schwäb. brasta, brastla [Fischer I, 1354] prasseln, krachen, knistern: 
< mhd. brasten, brasteln, prasteln prasseln zu brösten brechen; vgl. 
mnd. bröst Gekrach, Lärm). 

pracar m. Bettler (slav. Wort; klruss. prochaty bitten, vgl. aslav. prositi, 
lit. praszyti bitten). 

prararn betteln. 

premxn vollstopfen, hineinstopfen, nachdrücken (ebenso mkl.; zu mnd., 
ndid. pramen bedrücken, von mnid. prame Zwang, wozu mnd. pre- 
mese Bremse; vgl. altm. prampm und prampsn, die ihr p nach dem 
Muster etwa von plaumpsn angenommen haben und nmk. prumzn mit 
jungem Ablaut). 

preyl m. Knüppel, groBer, schwerer Stock (vgl. Schü. [hamb. Vierlande], 
hess. und prign. prayal großer Knüppel; zu got. anapraggan bedrängen, 
zu dem mnd. prange Pfahl und prangen jem. einengen gehören). 

prepkə m. kleiner, dicker Mensch (dim. mit persönlicher Bedeutung zu 
prop m. Pfropfen, vgl. sdępkə und § 382, 3). 

preępin essen, langsam hineinstopfen (Dim. zu propm pfropfen, stopfen). 

presn jagen, zu Pferde oder auf Wagen, hastig laufen, eilen (mkl. »jagen, 
eilen«, altm. »auseinanderstieben«, ndd. Harz »birschen«, demnach, 
mit Metathesis, wie z. B. vrats f. Warze < idg. *wordä-, < mnd. 
bersen < afrz. berser < mlat. bersare nhd. birschen; im Alumnat des 
Joachimsthalschen Gymnasiums in Berlin gilt die Form persn durch 
die Korridore |bes. Nachts] laufen«; zu altenb. breisn jagen, hetzen 
vgl. Jgg. 1908, S. 199; Fri. presn 1. pressen, 2. prügeln, 3. refl. sich 
drängen ist gleich nhd. pressen, das von ihm mitgeteilte peersn, pürsn 
dagegen, das »sich brüsten, prunken« bedeutet, ist infolge Sprach- 
unsicherheit für *börstn |s. nmk. bersdn] eingetreten; zu dem nmk. 
presn ist Fri. angeprescht kommen? angejagt kommen zu stellen); vgl. 
Syn. bersdn. 

presraan m. ein schnell fahrender Wagen, Kutschwagen. 

preetsl f. Bretzel (< mhd. brezel; s. § 157). 

prüjln (miss) prügeln. 

prik genau, scharf, bes. vom scharfen Sehen (altm. »rund und fest«, mnd. 
pricke adv. genau, scharf; hierzu) 

prikln stechen, jucken (Iter. zu mnd. pricken stechen, stacheln; ndld. 
prikkelen, ne. prickle Stachel, dän. prikke punktieren). 

priim m. 1. Pfriemen, Ahle (mnd. prême swm., woneben mit dem ver- 
balen Stammauslaut [mnd. prünen, prünen, s. praumm)] auch prèn 
stm. und prêne swm. vorkommen, mhd. pfrieme, ndld. priem, ags. 
préon; über -m statt -mm s. § 356 Anm. 3a); 2. Kautabak (im Ndd. 
und entlehnt im weiteren Deutschland weit verbreitet, mit è wahr- 


` 


160 Hermann Teuchert. 


scheinlich aus dem Ndld. entlehnt wie Luna und miira; als Beweis 
für diese Entlehnung läßt sich die Bezeichnung des Kautabaks als 
šdift anführen). 

priimm Tabak kauen (ebenso altm., mkl.). 

priizə f. Portion Schnupftabak (in Deutschland weit verbreitet, z. B. schwäh. 
briis m.; < frz. prise f. das Nehmen, Portion Schnupftabak). 

pritsl m. Brocken, kleines Stückchen (ebenso berlin.; Fischer, Schwäb. Wtb. 
1, 1426 pritsələ n. Klümpchen, Gr. Dt. Wtb. VII, 2137 pritsəl Kram, 
Krempel). 

profendiirn und prọfentiirn profitieren (wegen des n-Einschubs in un- 
betonter Silbe s. § 245 Fußn.). 

prooln 1. sich rühmen, prahlen, 2. in die Augen fallen (die dritte und 
ursprüngliche Bedeutung laut reden ist nicht vorhanden; mnd., mhd. 
prâlen, ne. to brawl lärmen). 

proom m. Fähre (andld. prame f., mnd. pràìm m., ndld. praam f. ~x aslov. 
pramu, poln. pram, zur idg. Wz. par- fahren). 

prop m., pl. prepa Pfropfen, Stöpsel. 

props m. kleiner, dicker Kerl (§ 381 a). 

pruudi m. übersprungene Masche im Strickgewebe (s. d. folg.). 

pruud(n ungeschickt arbeiten, nachlässige Handarbeit leisten, im bes. 
einen Fehler beim Stricken oder Häkeln machen (ebenso Scha., Dann., 
Mi: mkl. auch brudln: Fri. pruud|n und prudln ungleich nähen). 

pruumm schlecht nähen (wstpr. |Tiegenhöfer Niederung| pruunn, altm. 
mkl., Stro., Schü., Ri. prüünn, prign. prüünn Därme zustecken. 
schlecht nähen, mnd. prünen und prünen schlecht und eilig nähen: 
hierzu mit dem substantivischen m-suff. mnd. pr&me, mhd. pfrieme 
swm. Pfriem; das »-suff. tritt aber im germanischen Norden bei 
diesen Stamme am Subst. häufiger auf als -m, s. altn. prjönn Strick- 
nadel. ags. préon Pfriem, mnd. prên stm. und prène swm. Pfriem. 
prign. prüün f. Weißdornstachel zum Zumachen von Wurstdärmen). 

prumzn stopfen (ganz junger Ablaut zu premzn). 

pruusn niesen, schnauben (mnd. prûsten, dän. pruste, altm., mkl.. Ri. 
Schü. pruustn, Stro. pruusn, Fri. pruustn pruuzn pruušn, Prenden 
pruusn: über $ vgl. § 196, es hat sich besonders im Osten des ndd. 
Gebietes entwickelt, wodurch der slav. Einfluß klar wird). 

pii (Za.) neben pfui pfui. 

pitkərn heftig pochen (besonders vom Herzen; Sehü. pukərn leise klopfen: 
iterative Verbalbildung zu mnd. puck m. Puff, Schlag; s. purn). 

pukl m. Buckel, Rücken (md. Anlaut, s. § 157; zu biegen). 

puul m. Pfuhl (mnd. pôl m.) 

puul puul Lockruf für Gänse (es ist interessant, wie weit diese oder eine 
ähnliche Reihenfolge von Lauten als Lockruf für Geflügel verbreitet 
ist, vgl. Düsseldorf pul f. Ente [ursprünglich sicher Lockruf], bair. 
pul pul Lockruf für Hühner, brem. und gött puul puul für welehe 


i 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 161 


Hühner; nfrk. |Haan] gilt prl® [wohl pxl] Ente und [Eschweiler, Kr. 
Aachen] di ẹntə pilt von der Stimme der Ente; vgl. auch vgl). 

pul f. Flasche (vulgär, < lat. ampulla). 

pulln pissen (aus der Kindersprache, lautmalend). 

puuļnt intrs. locker werden (von Betten, die in die Luft und Sonne ge- 
bracht worden sind; die Bedeutung entfernt sich stark von der, die 
dies Wort ursprünglich hat. vgl. mnd. pülen die Hülsen von der 
Frucht abmachen, mit den Nägeln klauben, altnı. mkl. puu/n abnagen, 
herauskratzen, wstpr. |Tiegenhöfer Niederung] puulən klauben, ebenso 
Schü. puuln, Ri. »rupfen« und mit Tiefstufe brem. altm. pppfn (tl. o?) 
enthülsen. Vgl. ferner mnd. püle f. und als Tiefstufe pole f. Schote, 
Hülse, ndld. peul Schotenerbse, dän. pølse Wurst; Ri. bietet pahle? 
und Schü. paal’ f. Hülse. S. das Dim. polky). 

puls m. 1. das Schlagen des Herzens, das man in den Adern spürt, 
2. ein Abschnitt des (reläutes der Kirchenglocke, z. B. wird bei An- 
lässen, die das Kaiserhaus betreffen, in 3 pwulzn von längerer Dauer 
geläutet. Auch die sogenannte beedakloko (s. d.) besteht aus 3 pulzn 
zu 3 kurzen Schlägen, die gewöhnlich auf der einen Seite angeschlagen 
werden. Die Glöckner jedoch sehen es als einen Beweis von Geschick- 
lichkeit an, wenn sie sie so hervorbringen, daß der kleepor (Klöppel) 
beide Seiten der Glocke berührt; vgl. auch feerliidn (beides mnd. puls 
von lat. pulsare schlagen; ebenso uckerm. mkl. u. a.). 

pulsvarmar m. gestrickte Mauen zum Erwärmen des Handgelenkes, im 
Winter getragen. 

pult n. Gestell zum Schreiben, auf den Dörfern meist nur als Lesepult 
in der Kirche bekannt (mnd. u. a. Formen pulpt, pult n. < lat. pul- 
pitam Brettergerüst). 

pultəraamt m. Vorfeier der Hochzeit am Abend vorher, wobei die Hoch- 
zeitsgeschenke von den (reladenen unter Sprüchen oder kleinen Auf- 
führungen dargebracht werden, während draußen recht viele Töpfe 
in Scherben geworfen werden. Benannt nach 

pultəru poltern (rein ndd. ist bųlərn, mnd. bulderen). 

puup m. Furz (ebenso altm. und bei Fri., im Rip. »der Hintere«, mnd. 
*pûp m.). l 

puparn pochen (vom Herzen), vor Ungeduld verlangen (gleich schwäh. 
pfupfors 1. aufsprühen, aufwallen, 2. erregt, gespannt sein, verlangen; 
bubarn |s. Nachtrag] ist hiernach Neubildung unter Anlehnung an 
biborn, doch entspricht ihm auch ein schwäb. puparo popora oder ge- 
nauer [mit stl. Lenis] bubərə bobərə rasch hintereinander klopfen, 
schnell schlagen). 

pupie durchwachsen (von Kartoffeln, deren Keime schon zu treiben an- 
gefangen haben; Etymologie? Zum folgenden?). 

puupl m. 1. Keimauge der Kartoffel; 2. trockener Nasenschleim (2 ebenso 
uckerm. altm. in der Form poonpl, schwäb. boobl; an Beziehung zu 
Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 11 


162 Hermann Teuchert. 


nhd. Popanz und Gleichstellung mit schwäb. boobl Teufel [s. Fischer. 
Schwäb. Wtb. I, 1292] ist nicht zu denken). 

puupln sich in der Nase klauben (uckerm. poop/n). 

puupm furzen (mnd. püpen; wichtig ist die Bedeutungsentfernung des 
rip. popm coire). 

pupmsbelar m. »Puppenspieler«, d. i. Gymnastiker, Akrobat. 

purksn erfolglos hantieren, umherarbeiten (ebenso altm.; doppelte [dimin.- 
intens.] Weiterbildung von mnd purren herumstochern. das im nmk. 
ampyrn auftritt). 

purn Ss. ampyurn. 

purts[n hinfallen, kopfüber hinschießen (im Add. weit verbreitetes nhd. 
Lehnwort; wie schwäb. gleichbedeutend buurtsla beweist, zu Bürzel und 
mit diesem zu alem. bortss emporragen [zu mhd. embor] zu stellen, also 
eigentlich »Kopf über Arsch« fallen); »- ist md. Anlaut. 

pus m. Kuß (ebenso hpom., vgl. bair. busəl Kuß, ebenso tirol. und kärnt. 
an Identität ist nicht zu zweifeln. Ein anderes Wort ist samld. buts 
Kuß, rip. bois 1. Kuß, 2. Stoß, ndld. bots, zu mhd. bôz, boz Stoß). 

puxi m. ein stilles und angenehmes Mädchen (Fri. pul m. 1. Magd für 
die niedrige Arbeit, 2. unsauberes Mädchen; zum folgenden). 

puxin still für sich arbeiten (prign. puz{n kleine Arbeit verrichten, altm. 
mkl. pusin, altm. auch pọözln, zu dän. pusle leise aufrühren, kramen: 
wahrscheinlich mit parn verwandt). 

Dien küssen (vom vorigen; ebenso samld.: berlin. pusdrn eine Liebschaft 
haben ist von frz. pousser abzuleiten). 

psn pl. Possen, lustige Streiche (mnd. pusse m. Posse, Schelmenstreich). 

puustbako f. Pausbacke (ebenso prign.). 

puusto f. Atem (prign. puust m., vgl. mnd. püst m. das Blasen). 

puustn pusten, blasen, stark atmen (mnd. pûsten, altm. puustn: vgl. 
mhd. phûsen schnauben, sehwäb. pfčiusə schnauben, mhd. phiusel m. 
Schnupfen). 

put put Lockruf für Hühner (ebenso Fri. und lit.. altm. puut puut: Scha. 
gibt puut puut als Loekruf für Puten an). 

put put unter gleichzeitiger charakteristischer Fingerbewegung als An- 
deutung von Geld gebraucht (botja? bedeutete im Friesischen eine 
kleine Münze: vgl. über die Verbreitung und Doppelsetzung Hauschild 
im Ndd. Korr. XXVII S. 37 prttje bi puttje). 

putste possenhaft (ebenso Fri.: mit md. Anlaut, zu dat [s. d.] zu stellen, 
vgl. schwäb. butsic kurz, klein [von Menschen und Tieren], in ab- 
geschabtem (rewand und bufsar sich unkenntlich machen, die beide 
zu schwäb. burtsa m. vermummter Mensch. Maske gehören). 

putsmelsa f. Reinigungsmühle für Korn. 

pntsn aufwiegeln (nhd. Lehnwort aus dem Hochalem., eigentlich »stoßen :). 

puxn schimpfen. schelten (mnd. puchen pochen, trotzen, drohen, puch 
Pochen, Trotz, Fri. puro f. Schelte: trotz mnd. boken pochen braucht 
keine Entlehnung aus dem Hd. angenommen zu werden. Für das 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. i 163 


Schwinden der physischen Bedeutung »laut klopfen« vgl. schwäb. 
Dora 1. intrs. stolz sein, trotzen, 2. trs. necken, plagen). 


r. 


raf, rafər herab, hinab (§ 378 Anm. 3). 

rafkrulln herabrollen (s. krulln). 

rajooln rigolen, umgraben, die Erde von unten nach oben kehren (ebenso 
mkl., < frz. rigoler Rinnen machen). 

rakor m. verwegener Kerl (< mnd. racker Abtrittsfeger [von raken scharren |, 
Schinder, Abdecker). | 

rakarlatiin$ »rackerlateinisch«, unverständlich (hat mit dem vorigen nichts 
zu tun, sondern gehört zu altm., Fri. rakor m. coracius garrula Mandel- 
krähe, zu dem mnd. rök, röke m. Saatkrähe, Kolkrabe, Ri, Schü. rook, 
wstf. rauk und ahd. hruoh die Hochstufe darstellen). 

ramdeezie überaus dumn, kopfscheu (altm., Fri. ramdöüözic, der erste Be- 
standteil ist mnd. ram m. Widder, Schafbock). 

rumin bespringen (verbale Bildung von mnd. ram Bock, vgl. schon mnd. 
rammelsberch Hurenwinkel; mit mnd. ram gehört mnd. rammen 
rammen, stoßen und ramme f. Ramme zusammen). Vgl. remzn. 

rampə f. Rampe, Treppenvorbau vor der Haustür (< frz. rampe). 

rams m. zusammengeraffter Rest von Waren (Fri. ramš und ramp, vgl. 
mnd. im rampe köpen in Bausch und Bogen kaufen; Fri. rump ist 
durch rumi, s. d., beeinflußt). 

ramsn zusammenkaufen, alles Mögliche einkaufen (ravensberg. ramm < 
mnd. rampen im Bausch und Bogen kaufen, Fri. rampm und rumpm 
rümpm). 

ransie brünstig (von einer Hündin, zu nıhd. ranzen ungestüm hin und 
herspringen; Syn. leeps). 

raya f. Range, Scheltwort für ein ausgelassenes Kind (zu mnd. wrangen 
ringen, aber schon mnd. tritt range m. böser, wilder Junge ohne ar. 
auf: s. vrany). 

rank schlank, lang und dünn (schon mnd. rank in gleicher Bedeutung: 
zum Stamme *wrank-, vgl. ne. wrench Verrenkung, mhd. renken 
renken; mit Wurzelvariation dazu nhd. ringen, s. riyy). 

raphina f. Rebhuhn (mnd. raphön n., prign. raphoun: geht wie das nhd. 
Wort wahrscheinlich auf aslov. rebu bunt zurück, wovon russ. rjabka 
Rebhuhn; vgl. 815 Anm. ?). 

rapl m. Verwirrtheit, von 

rapin 1. rasseln, klappern, 2. unpers. irr sein, verrückt sein (bi dii 
rapltət), 3. refl. sich beeilen, sich aufmuntern, meist vprapin, s. d.: 
Scha. gibt ebenfalls drei Bedeutungen an: 1. rasseln, 2. verrückt sein, 
3. sich beeilen, die auf drei verschiedene Wörter zurückgehen: 1. mhd. 
raffeln lärmen, me. rappen, ne. to rap klopfen; 2. mhd. röben ver- 
wirrt sein, old. reev»u rasen (tl. *), ne. to rave rasen, mnd. reven un- 
sinnig denken und reden: 3. mnd. rap schnell. Wie schon bei 1 

bk? 


164 i IIermann Touchert. 


zwischen Hd. und Ndd.-Engl. Variation des Wurzelauslautes auftritt. 
so zeigt sich diese Erscheinung auch bei 2; dem Mnd., Old. und Engl. 
entspricht genau altm. rab{n verrückt sein; auch bei 3 ist sie zu beob- 
achten, vgl. Fri. rab/n rebln sich bemühen, emsig bestrebt sein. Im 
übrigen findet häufig Vermischung der drei Stänme statt, so von ? 
und 3 in brem. Wtb. rab/n geschwind und unbedacht plaudern = gött. 
rav[n, ndld. rabbelen. Fri. gibt für rapln an 1. rasseln, klapper, 
2. nicht bei gesunden Verstande sein, 3. sich zusammennehmen, 
herausarbeiten (hier auch xprap/n).. Für 3 ist auch Ableitung von 
mnd. rapen raffen möglich. 

raps o, rte, 

rap$ m. Raps (nach lat. rapicium). 

raspl f. Löcherfeile (vgl. mnd. raspe f. Reibeisen, ne. rasp Raspel: rasper 
Reibeisen), 

rat$ lautmalende Interjektion, wohl erst nachträglich zu rzis in Ablaut 
getreten, denn ratš kann zu ahd. rato schnell, mhd. rat gerat gewandt, 
schnell. mnd. rat, gen. rades bezogen werden. 

racn l. treffen (nur in eens ẹçvararn jem. einen Hieb versetzen, mnd. 
raken treffen, erreichen), ?. a) scharren, fegen, kratzen, schaben, 
b) schwere Arbeit verrichten (mnd. raken kratzen, zusammenscharren. 
prign. raky raffen, Scha. räken® zusammenscharren. Mnd. rache swf. 
Kot, Unrat scheint davon zu trennen zu sein, wie Scha. anzeigt, der 
auch razn schmutzige Arbeit verrichten bietet. Es ist möglich, dal 
nmk. 2b zu Scha. rarn gehört. Ein drittes Wort tritt in mnd. rachen 
quaken [vom Frosch] auf. Ob hierzu Scha. rarn zähen Schleim aus- 
werfen zu stellen oder mit dem andern ra.rn zu verbinden sei, mub 
unentschieden bleiben). 

ref n. dürrer Mensch, bes. von alten, gebrechlichen Frauen (ahd. href n., 
gen. hröves, ags. hrif, mhd. ref rif n., mnd. rif ref, gen. reves Leib. 
Mutterleib, bes. Leichnam, verwandt mit lat. corpus; Stro. rẹf magerer 
Mensch, altm. ref Körper, Rücken, Fri. ref n. altes Weib. Hiermit 
konkurriert eine Bezeichnung nach Rippe, vgl. schwäb. rip. mageres 
Frauenzimmer, wozu Ri. und Schü. rift Gerippe und altn. rif Rippe zu 
nehmen sind. Altn. rif scheint auch in mnd. rif ref Gerippe fortzuleben). 

reef m. (miss.) Reifen (mhd. reif stm., mnd. rèp). 

reefIn s. upreefIn. 

reeka f. 6 Stück oder Strähnen Garn (mnd. reke f. 1. Reihe, Ordnung. 
Strecke, 2. Dornhecke, 3. technischer Ausdruck in der Weberei; zur 
Sippe rike Reich, König, < kelt. rig- = lat. reg- König). 

reekarkamar f. meist auf dem Boden über der Küche angebrachte Kammer 
zum Räuchern von Fleischwaren. 

reekln refl. sicb recken (mnd. reken recken zu got. ufrakjan in die Höhe 
recken, ausstrecken; prign. reckln). 

reem, pl. -> m. 1. Rahmen, 2. Streifen Land (vgl. altm. reeml Dornstreifen. 
mkl. »erml Rain: beides von mnd. reme rem Rahmen). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 165 


remain schlagen, einschlagen, prügeln (hamb. samın, zu mnd. ram Bock, 
¿sôn - Bildung zu rammen). 

reeyk m. Regen (§ 220). 

reeyy regnen (§ 220). 

reeplint den Flachs durch eine Kratze ziehen, um ibn von den knotn, 

d., zu befreien: in der letzten Zeit des Flachsbaues, der jetzt völlig 
seschwunden ist, durch den Drusch ersetzt (mnd. repelen »reffen« zu 
mnd. repe, repel f., ndld. repel Flachsriffel, prign. reep f., Scha. 
reeps f.. Stro. repa f. und verb. repm ohne Tonlängung; vgl. mhd. 
raffen reffen zupfen, rupfen, raffen; Schü. rópeln? reffen gehört zu 
raufen, got. raupjan). 

reerd f. Röhre, im bes. Ofenröhre. 

reexa f. 1. Reise, 2. eine Tracht, d. i. zwei Eimer Wasser oder einer an- 
dern Flüssigkeit (reezə vogtər; beides identisch und eigentlich gleich 
nhd. Reise, von as. risan sich heben; in beiden Verwendungen in der 
Forın ra?za auch in Berlinchen [nördl. Nmk.], Prenden, Quedlinburg. 
Zur Bedeutung vgl. rip. jay »Gang« im Sinne von »Tracht von zwei 
Eimern:. Nach Ndd. Korr. XXVIII 8. 28 raaxə in Bedeutung 1 und 
2 auch in Lüethorst, Kr. Einbeck, S. 46 raiza aus Hertel thür. Sprach- 
schatz für den Harz, s. auch S. 56. 57). 

reskürn wagen, aufs Spiel setzen (zu frz. risque m. Gefahr, Risiko). 

reeta f. die Flachswässerung (s. reetn). 

reelsorn rasseln (mnd. rettelen, wstf. reetalan, ndld. ratelen, mhd. razzeln, 
nhd. rasseln, Scha. reetarn rasseln: vgl. altm. vtarn schnell sprechen 
und ags. hrætele Klapper). 

reetn den Flachs auf die reetə bringen, d. h. ihn 6 Wochen lang auf Rasen 
wässern (vgl. ahd. rözzen faulen; altm. röötn, Schü. röötn und rortu., 
wstf. rostolen, Fri. reein;, die Tiefstufe erscheint in as. rotön, mnd. 
rotten nhd. »verrotten«, verfaulen, ron im Altm., bei Schü. und Ri. 
rötn bei Fri.). 

ribin stark reiben (häufiger ist noch vribln, s. d.; im Oderbruch mit sekun- 
därem Ablaut rubin). 

riia f. Reihe (mnd. rige Reihe, Ordnung: der nhd. term. techn. der Turner- 
sprache :Riege« ist gleich mnd. rige, wie auch »Reck: dem Ndd. ent- 
stammt: mnd. -y- steht zu -h- in mhd. rihe in grammatischem Wechsel: 
dieser tritt übrigens auch im Hd. auf., vgl. ahd. miga riga Linie, mhd. 
rige Linie). 

rga m. Rücken (mnd. rügge m.). 

rigabeyl m. Rückgrat, Wirbelsäule (zusammengesetzt mit beyl 2). 

rik n. 1. Stange, auf die sich die Hühner im Stall setzen (mnd. rick. 
reck n. lange Stange, altm., Fri. rik n. lange Stange, Ri. rkə, sonst 
auch ndd. rek, wovon nhd. Reek); 2. Ruck (im bes. upm rik im Nu, 
prign. 4pm rük; nmk. y ọrntlijun rik mooky viel vor sich bringen, 
«< mnd. *rück). 


Wé 


J3 


166 Hermann Teuchert. 


riikə f. Geruch als Sinn (mnd. rüke stm. Geruchssinn, daneben auch und 
zwar häufiger röke stm. Geruch, Geruchssinn). 

riikər m. Riecher, zur Bezeichnung der Nase (altm. rüükər). 

riik riechen (ndd. meist ruuky, doch kommt im Mnd. auch rêken neben 
rüken vor, man braucht also nicht an Ausgleich nach der 2. 3. sy. 
zu denken). 

rtmalvarn herumtollen (s. ulvarn). 

imflentern umherflattern, sich herumtreiben (vgl. Fri. auflentorn schnell 
herankommen, bair. fländern® flandern? hin und her bewegen, wehen. 
ziehen, meist in Kompos., brem. flentarn Diarrhöe haben, schwäh. 
flandərə flattern , fle”dərə 1. intrs. a) sich hin und herbewegen, b) schim- 
mern, flimmern, 2. trs. schleudern; vgl. moselfrk. flantermous f. Schmetter- 
ling). 

rimflidorn umherflattern, sich herumtreiben (s. flidərn). 

rtimfuurvarky unnötig hantieren, z. RB mel» heya dere da luft fuurvarky 
(rimf.); die wörtliche Bedeutung kommt bei diesem Kompositum 
kaum vor, 

rimfurtin mit den Armen durch die Luft fahren, die Arme heftig be- 
wegen (e, fuxtin). 

rtmleepar m. einer der sich herumtreibt, Vagabund, bes. von Kindern, 
die nicht nach Hause finden können. 

tmtrobln umhertorkeln, -stolpern (s. trobin). 

rimvreedIn intrs. sich unruhig hin und her bewegen (s. vreedln). 

riip m. Reif (as. hripo, mnd. ripe swn.). 

rtpln refl. sich rühren, regen (diethn. rpm refl. sich regen, bewegen). 

"tips raps Interjektionen zur Bezeichnung schnellen Zufassens (vgl. schon 
mnd. ripsrapper einer der etwas rasch wegreißt). 

riis 1. m. Reis (mnd. rìs oryza); 2. n. Reis, Zweig (mnd. ris n.); 3. n. 
Ries (mnd. rìs n.). 

ristə f. 2 Hände voll gebrochenen Flachses (prign. rist f. durch die Hechel 
zu ziehende Handvoll Flachs; mnd. riste f. Strähne Flachses oder 
Hanfs, zu as. writan reißen. Ob wirklich mnd. è anzusetzen ist, er- 
scheint mir zweifelhaft). 

riistər 1. m. Riester, Fleck am Stiefel (altm., Fri. reestor, schweiz. riestor, 
vgl. mhd. altriuze Schuhflicker): 2. f. Rüster, Ulme (mhd. rüster; altm. 
rööstər ist entlehnt aus dem Hd.: s. Gr. Dt. Wtb. VIII, 1548; ein spe- 
ziell hd. Wort). 

ritts Interjektion zur Bezeichnung des beim Reißen hörbaren Greräusches 
(von riitn reißen), auch für überraschende Schnelligkeit, zs RB vi 
dog is her! 

rits rats (rutš) lautmalende Interjektionen, wovon die letzte offenbar mit 
rulsn zusammengehört; sie drücken raschelnde schnelle Bewegung aus. 

riitúut: upm r. voonn auf dem Ausbau wohnen (imperativische Bildung: 
Reißaus): x. ist der ausvebaute Teil eines Dorfes (auch in Mecklen- 
burg üblich). 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 167 


rtelkest3 f. Richtefest (s. d. folg.). 

rieln: n huus r. das Balkengerüst eines Gebäudes aufstellen, was unter 
der Beihülfe der Nachbarn zu geschehen pflegt. Der Polier oder 
Zimmermeister spricht dabei den Richtspruch. Nachher wird die 
rictkęstə gefeiert. 

rovat fleeš s. flees. 

roka m. Spinnrocken (mnd. rocken m., ahd. rocko, mhd. rocke, ndid. rok 
rocken, ne. rock, altn. rokko; das häufigere Nyn. ist vgky). 

rookfaņnk m. Rauchfang, der in der Küche über dem Herde angebrachte 
dachartige Überbau zum Auffangen des Rauches; wenn er groß genug 
ist, hängen Würste darin; jetzt besitzen die meisten Bauernhäuser 
eine reekarkamor, sg. d. 

room m. Ruß (im Gegensatz zum mhd. räm Schmutz bedeutet mnd. ràm 
Ruß, doch kommt das Wort auch im Schwäh. in der Bedeutung 
Ruß vor). 

roomaric rußig. 

rpomarn ruben. 

roppm raffen, zusammennehmen (mnd. rapen). 

rosvark n. Göpel. 

rots m. Rotz, im bes. Pferdekrankheit (mhd. rotz). 

rotste l. rotzig, 2. vorwitzig, 3. unerfahren. 

ro.r m. Fischrogen (mnd. rogen, mhd. rogen, ahd. *hrogan, altn. hrogn 
n. pl., doch tritt schon frühzeitig Vermischung mit den »-Stämmen 
ein: ahd. rogo, mhd. roge, mnd. roge rogge. Ob die nmk. Form im 
Verfolg dieser Entwicklungsrichtung zu den stark flektierenden Stämmen 
[s. § 356 Anm. 3a: hogn usw.] übergetreten ist oder ob sie sich regel- 
recht aus einer dem ags. hrog Nasenschleim, das womöglich verwandt 
ist, nahe stehenden Form entwickelt hat, läßt sich nicht entscheiden. 
Denkbar ist Entstehung aus mnd. roge jedenfalls, wie z. B. tsar ~< 
mnd. sage ~ mhd. zage beweist). 

ruubeerə f. Stachelbeere (< mnd. *rùchbere). 

rabllice rauh (wohl zu Oderbruch, Fri. rab/n reiben, scheuern, worüber zu 
vgl. ribin). 

rudln rütteln (ebenso altm., wstf. ruəłHon, scehwäb. rudlo: es wechselt 
offenbar -dd- und -tt-). 

ruuə f. Ruhe (mnd. ròwe, rouwe. ràwe f. kann unmöglich die nmk. Form 
ergeben, vielmehr ist sie aus dem Nbd. entlehnt. Wie aber erklärt 
sich au [ou] im subst. und wu im verb. ruu im Mkl. und run im 
Prign.? An Entlehnung ist hier nicht zu denken, da doch das subst. 
regelrecht nach dem ndd. Lautstande entwickelt ist. Vgl. $ 62 Anm. 2 
und Ndd. Jb. XXXIII S. 37 $ 51. 

ruun und ruusn 1. ruhen (nicht aus mnd. ròwen, rouwen, ràwen: mkl. 
ruun, prign. uutruun): 2. mausern, Federn, Haare abwerfen (mnd. 
rügen rauhen, mausern, Schü. regen®: uckerm. rauın vom Stamme 
hraw- roh). 


168 Hermann Teuchert. 


rugln. rütteln (wahrscheinlich nicht von mnd. rucken rücken zu trennen, 
obwohl auch altn. -kk-: rykkja schaukeln: vgl. ne. to rock schaukeln, 
wiegen: jedoch ist dann Annahme einer Variation des Wurzelaus- 
Jautes notwendig). 

ryky rücken (mnd. rucken, mhd. rücken). 

rum! m. Lärm, Wirrwarr, wirrer Haufen (die Angabe, rumi sei ndd. und 
rumpt hd. trifft nicht zu, s. rump/n; es müssen zwei Stämme neben- 
einander bestanden haben: rumm- und rump-, wie bei bemlhnr: fränk. 
bampalan; für die Bedeutung vgl. ndld. rommelen lärmen, durchein- 
anderwerfen, ne. to rumble poltern, durcheinanderrühren). 

rumpin rasseln, lärmen (ebenso Fri., mnd. rumpelen poltern, polternd 
fallen). 

ruya f. Runge (mnd. mhd. runge f., vgl. got. hrugga f. Stab). 

ruyanirn, ruynirn ruinieren ($ 170). 

ruyks m. tölperhafter Mensch von böswilligen Wesen (bei Ri. auch großer 
Hund«; s.d. folg.). 

ruyksn sich flegeln, sich strecken, auch poltern, lärmen (kann trotz des 
letzten Teils der Bedeutung nicht zu mnd. runken ronken, ndld. ronken 
schnarchen gehören; Stro. hat ruyky (ruunky) verliebt spielen, Scha. 
ruyksn wie nmk. Die Form ruyks kann trotz des bei Frisch 1741 
gebuchten Runcus im Nmk. als nomen agentis aus ruyksn gebildet 
sein, vgl. § 381 a). 

runyseeml m. Balken des Wagengestells. in dem die Rungen sitzen. 

ruptc frech, keck, eigentlich struppig (vom folg.). 

rupm rupfen. 

ruupm l. rufen (mnd. röpen); 2. raupen, Raupen absuchen (mnd. rüpen). 

ruupmsiitar m. Kohlweißling (mnd. rüpenschiter). 

rupzak: m. frecher Patron (zu rupm). 

ruuriip m. Rauhreif (mnd. rürip; das mnd. rörip ist mit row rouw roh 
zusammengesetzt). 

ruust m. Rost (nmk. uu kann altes öl oder ú sein; für beides ergeben 
die Nachbarmundarten Beispiele, 1. uckerm. roost m., 2. Prenden 
ruust m.; diese müssen als Beweise gelten, da in beiden ö! und & 
geschieden werden; Kürze und Länge bietet Jerichow I in rast und 
ruust; sicheres ö! zeigt sich ferner in prign. roust m., roustric, fii- 
rouslän füroustu — diese Belege verdanke ich E. Mackel, dem Gramma- 
tiker der Prignitz — und ndld. roest; tritt auf in ags. rúst. Das 
as. rost setzt sich in mnd. rost fort, das aber ein *rôst neben sich 
haben kann; sodann ist die mnd. u-Form, die bei weitem am häufigsten 
ist, als rüst anzusetzen. Das Wort gehört zum idg. Stamme rùdh- 
rot sein. Vgl. § 25 Anm. 4 und Ndd. Jb. XXXIII S. 35, § 41). 

ruustərw rostig (mnd. rùsterich, prign. roustric). 

ruustərn rosten (mnd. rüsteren). 

rusiln rascheln (ebenso Berlin: entweder -< *rųsln, freq. zu mnd. rùsen. 
ostfrs. suuzn rauschen, einer Nebenform zu mnd. rùsken rùschen 


Aus dem neumärkischen Wortschatze. 169 


|Vokalkürzung wie bei er¿bln, t zwischen sl wie in dustl, suustl], 
oder < *rusin < *ruskIn < mnd. *rusk-elen, freq. zu rusch rusk 
rasch [Ausfall von A wie in mkl. rusbte, sa ruiälie, dann Einschub 
von (IL Mitgewirkt hat möglicherweise eine Anlehnung an prastln, s.d. 

rus (mit eigentümlicher Längung des + gesprochen, so daß deutlich die 
Absicht zu erkennen ist, »russisch« zu bezeichnen, das übrigens ohne 
diese Hervorhebung des 5 gesprochen wird) werden Querköpfe, eigen- 
sinnig oder unverständlich handelnde Leute genannt, seltener von Be- 
trunkenen. Es liegt wohl Volksetymologie vor, und das Wort ist zu 
ruZole (< mnd. rusch) zu stellen. Anderseits wird die Gleichsetzung 
mit ;russisch« dadurch erleichtert, daß dies Wort im Mond. langen 
Vokal zeigt. Indem nämlich dieser gekürzt wurde, bekam $ zur Er- 
haltung des Gleichgewichtes stärkere Exspiration. Diese Annahme 
ist die wahrscheinlichere. Das gelängte s stammt dagegen nicht von 
der Konsonantenfolge ss -- sch her, diese ist bereits im Mnd. zu sch 
vereinfacht: mnd. rüsch. Daß rus in der Bedeutung »russisch« meist 
nicht mit ausgehaltenem <% gesprochen wird, liegt an der Verwendung 
als attributives adj. in diesem Falle, während es in der übertragenen 
Bedeutung meist prädikativ und am Schluß des Satzes steht, also den 
vollen Ton aufnehmen kann. 

rużəlic unruhig, quecksilbrig (adj. zu ruzin;, mkl. ruslie < #rusklic, vgl. 
eylsman [holst.?] < *englisk man Engländer). 

ruušic brünstig (von der Sau, s. ruusn). 

ruilbužl m. unruhiges Kind (vgl. altm. ruzəbuzo Wirrwarr). 

ružin rascheln (iterat. Verbalbildung zu mnd. rusch raseh: old. rustu, 
Fri. rułłn:; altm. mkl. ruzin gehört wohl als verb. zu ruslie und ist 
nicht von mnd. rüsen rauschen herzuleiten). 

runsan 1. rauschen (mnd. rüschen rauschen, klirren, heftig lusstürmen, 
md. rüschen rauschen, sich eilig mit Geräusch bewegen, ndld. ruischen, 
ne. to rush stürzen); 2. brünstig sein (von der Sau; verwandt mit mnd. 
rüser Schlemmer, ne. rouse Zechgelage?). 

ruuls m. Ruß (as. hröt, mnd. rôt, prign. rout m.: s. S 189). 

ruutsic rußig. 

ruts Interjektion und ebe der Rutsch (von rutsn). 

rutsa f. Fußschemel (Fri. ruts» rätso f.: wie gleichbedeutend Oderbruch 
hutsa zu huky so rutsa zu ruky). 

ruisn rutschen (mhd. *ruckezzen > *rutzen, überliefert ist mit Umlaut 
spätmhd. rütschen und rützen gleiten). 


(Fortsetzung folgt.) 


170 


Peter Wimmert. 


Rätsel aus der Eifel 


(mit Zugrundelegung der Mundart von Laubach. Kreis Cochem). 


D 


Von Peter Wimmert. 


et heyt an dọ wand 
on hal tsırrin dalo on dou hand? (Die Kohlenzange.) 


et heyt an do wand 
on hat ds aas fobrant? «Die Pfanne.) 


ct heyt an do wand 
on hat tswiin knebal on do hand? 
(Die Uhr: Anebal -- Gewichtsteine.) 
et heyt an do wand 
on hat tswiin klis on dọ hand? 
(Das Schneidmesser; ein Handwerkszeug des Schreiners.) 


. et os net deko as on kalsokop 


on dox breyanst tswai perd nət də berw srob? 

TE (Ein Knäuel Garn; es geht auf.) 
et os net miijalic, 
on aal frou probwert ət dox? 


(Sie versucht wohl, den Zwirnfaden in die Nadelspitze zu bringen.) 


i 
5. 
9. 


bat maaren di tsicelof apostol om himsl ous? (Ein Dutzend.) 
bi lict di kats of dọ mouọ? (hart 


swarts setst of swarts, gukt en swarts on denkt: het ce Sswarts 


doru: dat Swarts vous dem swarts, da freeces ve swarls” 
(Ein Rabe begehrt den im Schornstein hängenden schwarzgeräucherten 
Schinken.) 


10. 


11. 


ES 


et kooman finef Jayon, 

di holta œænə jəfayən. 

sə fiirtən ən of riməlbaa.r, 

dan of di ang seit no noolbau.r 

on do wuura imbroawt. (Floh.) 

e eiso moul, en heltsə pans Ä 

on ən Striiswants? (Eine mit Stroh gefüllte Häckselmaschine.) 
et setst of om bleecaleo, 

gukt dorw e leeeale 

on dekt: khet ie dæ lupo dodoru? 


(Eine schlecht sehende Frau sitzt auf einem Stuhl und versucht die 
Nadel einzufädeln.) 


13. 


hu heey er, 

hu feel ve, 

do hoomm for hyorico bæeæen 

on troogən de hüheeyec heem: «Eichel und Schwein.) 


14. 


18. 
19. 


20. 
Zi: 


23. 


Rätsel aus der Eifel. 17! 


lyx doriw lgs 
on helt dor? (Die Kette.) 


. onam Štælcə 


sein 32 Joseleo 
on an ruuda frou drbei? 
(Mund mit den Zähnen und der Zunge.) 


. am dauz bi an legdo, 


naws bi an stay? (Der Schuhriemen.) 


. rond fleeict at of da daaz, 


lay .kit ot aroof? (Ein Knäuel Garn.) 

mo werft et weıs of da daaz 

on jel kit ət aroof? (Kin Ei.) 

bifil foi mom of an sefol? (Keine, sie hüpfen alle davon.) 
bohin hat abraham da üsto nool jaswvon? (Auf den Kopf.) 
ri, ri ripal, 

Jel os de Isipol 

swarts os at Jor 

borous de jela jipal kror? (Kine Möhre.) 


2. of tswai stempalco lict e hletsjo; 


of dem kletsja sein Iswai leeico; 

of de letco setst wido e kletsja 

mot am bišəlce. (Der menschliche Körper.) 
ber os on do kerue am freaxstan? 


(Die Fliege; sie setzt sich selbst dem Pastor auf den Rücken.) 


24. bat hat de jeajo, ben e jesos hat? (Ein stinkiges Rohr.) 

25. tswai bean waeoson u been, nyu kun fenor bean on hulan 
de tswat bean da bean oof, | 

do jin di iswai been on hulan drei been, on werfon dena fevr 
been drei bean ngo. 


bat os dat? 


(Ein Hund stiehlt einer Frau ein zu putzendes Kuhbein: ärgerlich 
wirft die Frau dem Hund den dreibeinigen Schemel nach.) 


26. 


en meine juya jooraen wor elc grün on Sün: so han mec bloo ou 


bramsalic jasiwon; 
of haaern selern sein eic wur Jedroon, of hewran stool han Jg 
meie broaut on dọ han tsə alọlai Stins vous mer jymaa.rt. (Der Flachs.) 


[ar 
al 
IS 


Peter Wıimmert. Scherzreime aus dem Volksmund in Eifeler Mundart. 


Scherzreime aus dem Volksmund in Eifeler Mundart 


(mit Zugrundelegung der Mundart von Laubach bei Kaisersesch). 


KE) 
eg 


D. 


=] 


D. 


Von Peter Wimmert. 


. pombəkloys hut wel jahak, 


onəm aala hozosulk. 

onavenie deeer, 

ousavente blerceec, 

dat sein dem pombakloos sein 
stree@r. 


fedn doorss, fedn dooros jey iwn 
do stroos 

do hadn e Jor en seinn hons. 

do sollan ol flekun, do stooxon scc, 

do solton ət strekon, dọ kona net. 


frdu mudas, fedi madəs hat jald 
om sak. 

fedo jokom. fedo jokom haut amt 
arous jJašwat. 


. pida, pida, nou spriy net osu hun. 


et beist dec dor kæen fluu. 


© ANA MAYEI 


spun du Jet, 

span xə net feu bit, 
sos kit an dek fluu, 

de beist dec ont bauen, 
da kis də net mi heæmn. 


madəs kox kapos, 

kos souv, kox sex, 

kor deino modno pon heeykol- 
dcasfees. 


. re sein de henr pastıtn 


on predijan uc jat fun. 

om wen er nel mi weidv kan, 
dan feenkon er wer fan fürs un: 
ee «ein de henr pastıtn ust. 


hanspiteon dans 

dein soon do sein nor jans. 
brouxs nel drim eu heeilan, 
də sosto mect nur neion. 


9. 


10. 


II. 


LS 


13. 


1 


+ 


pà 
Or 


16. 


mon os Al Sud, 

da kit da hevr fan lonie, 
de breyt mne weis heesca 
dat serst dinr oft neesca. 


ústodàaz, 

da roust do bua:r, 
da hebt də hows, 

da danst mein wons, 
da spilt mei hevr, 
dat han eie jevr. 


klewn on del 
os onjosek. 
lank on smuk 
dat je' fuk. 
métəlmòos 

hat got jəlovs. 


alas nei mar də mai 

hit da lern mot do jei, 

hat də staaf on dw hand, 
hait də keprlən ous dv buyk. 


hanas, Slabänas, Slubökssbawen. 
joox dox de aal weiva haem, 
loos de juya joon, 

s2 han dw jo nerst Jadoon. 


. el jiin iswai medco wasv holan. 


kun tsviin juyan on pompam 
gukt da ben da Goin rous 
on set: goden dax der lomp. 


Juth, juth, Judobont, 
far da koo of da ment. 
hans do» sa net fakanfa, 
da loos sa lauf. 


de kelsa kalasbouaren 

de han ken ærwət mi, 

sa selsan sec of da monarn 
on fenka sec də fli. 


I 


Ir, 


Emma Wanner. 


fedv pido, fedw pidv, 
bo has də dei lidn? 


18. beprvol, jef do koo au vurrdl. 


19. 


Jef v net tsə fil 

sos krect sən dekə stil. 

‘t setst ə efeən ofəm drebean 
fiv dv kriusmöto irv dirar, 

het ə lecəlcə of dəm kepro, 

kreest mimerimimint. 


. ent, tswai, drei, fenr. 


als ee neilie jans ẹrfreilic ọn də 
kreec masgert, 

do hat dath Sulmaic lutsei mir 
dat bödobrüut jesmeert. 

dou mei trei knusalic denr 

hei dẹ dalv jen ec deer. 

tseecsda firt faadnland eont felth 

dan badrii dec asan helth. 


21. ræeæna, rend, reedean, 


reæn ma net oft kepen., 
rææn ma net of mei hinnfùus, 
sos venrn ec dòrienáas. 


25. was mecal sein je@s 


Lexikalisches aus Zaisenhausen. 


EE? 


24. 


de tsekalt nox «es. 
dat os alas, bat ec wae«s. 
on nou adjis, haal dec ris 
on maar, dasda krecwena kroms bukal kris. 


173 


. eaent, tswar, drei, feevr, finaf, 


sehs, Sivan, 
sours grena rebastıl, de han mec 
fodrivən 


het mei modo flææš jəkort, 


wævr ec bei n blivan. 


. er on dou, 


milə sou, 
pævfo šteevr 
sein oosn feevr. 


æænt, tswai, dreit, 

hiks, hakə, hei, 

hikə, hakə, ditšəldoor, 

də miln haət sein frau farloor, 
e soort sa mot da hon. 

de hon, de han sə fon; 

də meis keran at jantsə hous, 
də ratən driin də drak arous, 
setst də fuzəl of dəm daar 
hat sec baal mgusdùut jəlaart 
ivn xu ən wéertšaft. 


Lexikalisches aus Zaisenhausen. 


Von Emma Wanner. 


1. Alphabetisches Verzeichnis der Eigennamen. 
A. Vornamen. 


1. Männliche. 
$ 150. Adam, Adolf, Albert, Andreas, Artur, August. 


Bernhard. 
Christian, Christoph. 
Emil, Ernst, Erwin. 
Friedrich. 


174 Emma Wanner. 


Georg, Gottfried, Gottlieb. 
Heinrich, Hermann!, Hellmut. 
Jakob, Johann, Johannes, Jeremias. 
Karl, Konrad. 

Marx, Michael. 

Otto. 

Richard?, Robert, Rudolf. 

Tobias. 

Wilhelm. 


Häufig ist auch Zusammensetzung zweier Nanıen wie: Georg Adam, 
Georg Wilhelm, (Georg Michael, Marx Friedrich, Karl Friedrich. 
Der weitaus gebräuchlichste Namen ist » Wilhelm«: auch »Friedrich: 


heißen sehr viele Männer, besonders — wie ich aus den Schülerlisten 
entnommen habe — die Väter der Generation, die zur Zeit die Schule 
besucht. 


Die Träger der Namen »Adam, Andreas, Christian, Christoph, Gott- 
fried, Gottlieb, Johannes, Jeremias, Konrad, Marx, Michael und Tobias 
sind mit wenig Ausnahmen alte Männer. 

Die jüngste Generation heißt »Wilhelm, Hermann, Adolf, Albert. 
Rudolf, Emil, Ernst, Karl, Otto, Robert, Richard, Hellmut, Erwin, Artur:. 
Die vier letzten finden in neuster Zeit besonders rasche Verbreitung. 


2. Weibliche. 

S 151. Anna. 

Berta. 

Christine. 

Elsa, Elise, Emma. 

Frida. 

Hedwig, Hilda. 

Karoline, Katharine. 

Lina, Lisette, Luise, Lydia. 

Marie, Margarete, Matilde, Mina. 

Regine, Rosa, Rosalie, Rosine. 

Nophie. 

Wilhelmine. 





! Der Name »Ilermann« kommt im Jahre 1888 erstmals vor. Damals war in Z. 
ein Hauptlehrer namens Hörn, dessen Sohn »Hermanu« hieß. Ich nehme an, daß der 
Name des Lehrerssöhnchens den Bauern gut gefiel, so daß sie ihn nachahmten; hrute 
ist »Hermann« sehr allgemein. 

7 Zweifellos ist die Sache bei »Richards. Vor 1895 war dieser Name vollständig 
unbekannt. 1894 wurde Hauptlehrer Wagner nach Z. versetzt. Seine Kinder hielien: 
»Richard, Elsa, Hilda und Klara«. Es ist interessant zu beobachten, wie in den fol- 
senden ‚Jahren (1895, 96, 97) fast in jeder Familie ein Richard und noch häufiger die 
»Elsas« und »Hildas« getauft wurden. »Klara« hat dem Geschmack der Zaisenhäuser 
offenbar nicht entsprochen und daher keine Nachahmung gefunden. 


Lexikalisches aus Zaisenhausen. 175 


Die häufigsten Namen sind »Elise, Emma, Luise und Regine«. 
Diese findet man in jeden Hause, wo Töchter sind bis zu 20 Jahren 
oder junge Frauen bis zu ungefähr 35 Jahren. — Die älteste Generation 
heißt: »Christine, Karoline, Katharine, Lisette, Margarete, Marie, Rosalie, 
Rosine«. 

»Berta, Elsa, Frida, Hedwig, Hilda, Lydia« entsprechen den männ- 
lichen Namen »Artur, Erwin usw.< 


B. Familiennamen. 
$ 152. App, Aigenmann. 
Bahm, Barthlott, Bast, Bauer, Bindschädel, Bürkle. 
Daub, Dauth, Dehn, Diefenbacher, Doll. 
Engelhard, Ernst. 
Fichtner, Fischer, Fritz, Flach. 
Gahn, Gleis, Göhring, Goll, Gratzel. 
Hacker, Häfele, Hagmann, Heinzmann, Hilpp, Hörn, Horr. 
Kaiser, Keller, Klebsattel, Klein, Klingenfuß, Kögel, Kolb, Kuhn, 
Kull, Kurzenberger. 
Laumann, Liebhauser, Lörz. 
Maier, Mayer, Metsch, Mohr, Müller. 
Nüßle. 
Pfefferle, Pfeiffer. 
Reinbold, Rempfer. 
Sämann, Schaaf, Schäufele, Schmitt, Schühle, Siegel, Stein, Stein- 
bach, Stickel, Stoll, Strähle. 
Weber, Weiß, Winterle, Wütherich. 


Der Name »App« ist durchweg vorherrschend. Da nun die Vor- 
namen im allgemeinen dieselben sind bei Männern zwischen 20 und 
30 Jahren, werden Ziffern zur Unterscheidung angewandt: z. B. Friedrich 
App XVI., Karl App IX. usw. In nicht unabsehbarer Zeit wird es einen 
Wilhelm App XXX. geben. — Ziemlich häufig sind auch die Namen 
»Bauer, Bast, Dauth, Hilpp, Kuhn, Kull, Kögel und Steinbach«. Zur 
landläufigen Unterscheidung dient meist das Handwerk oder bei Bauern 
die Wohnung: z. B. der Gärtner Kögel und der Kelterkögel (der Kögel, 
der bei der Kelter wohnt); der Sattler Steinbach und der Gassenäcker 
Steinbach (der in der Richtung der »Gassenäckers wohnt). 


2. Wortschatz. 


$ 153. 
uháaisiə f. Akazie. axə m. Nachen. 
uaintsęct einzeln. paal m. Ball. 
aykl f. Genick. paax f. Bach. 
«spa Í. Espe. pdainus f. (Baum) Nuh. 


(uf) amslo verb. vor Kälte erstarren. papəkáai m. Papagei. 


176 


pelapaum M Pappel. 
pegla verb. bügeln. 

pek m. Bäcker. 

patist m. Pienst. 

pisl m. Büschei. 
pfevsiy M. Pfirsich. 
pfetaru m. Vetter. 
přreema f. Rremse. 
pjrinna {. Pfriem. 
pfoolhòopo f. Hippe. 
pherpt fest schließend. 
heetn M. Frauenjackt. 
pheetol» D. Petersilie. 

phootv 1. Halskette. 
pola Í. Wasserschöpfblech. 
polara peltern. 

poolis polnisch. 

pop» f. Puppe. 


poust m. Bursche. 
preenzl m. Hanfahnen (Abfall des 


Hanfs beim Brechen!). 
proopa mp f. Brombeere. 
protsig braten. 
prosam mM. Brosamen. 
putsa m. Butzen. 
tarə f. Darre. 
taaif f. Taufe. 
testsuerch deshalb. 
tool m. Abzugskanal. 
reg! m. einfältiger Mensch. 
}00nx3 f. Pflanzenrippe- 
toop» f. (grobe Hand. 
trap» f. Treppe. 
roi ai m. Fadenbüschel (beim Hanf- 

haspeln). 
iraunwa m. Traube. 
iran přnHUND f. Treibschnur am 

Peitsche. 
trikot schmutzig. 
trectn D. Trichter. 
tsaaina Í. Korb. 
1saıtıc reif. 
tsaal $. Zahl. 
isaals $f. Zilfer. 
1see„ m. Zebe. 


der 





Emma Wanner. 


tser*plekn m. Stiefmütterchen. 
iselarie m. Sellerie. 

tsr; m. Zecke- 

isiie» f. Überzug. 

tsot! m. unordentl. Mensch. 
{sunon esə vesperm. 
sicer. SWUM, (sıcani zwei (m- f- n.) 
tswckstə L Zwe schge. 

{uk m. Tücke: Streich. 

tuusao TL Dose. 

tuusl m. Rausch. 

tulipdans Í. Tulpe. 

elmeesə f. Ameise- 

een» eher. 

eenn m. Hausflur. 

um f. Erdbeere. 

eza f. Asche. 

faulic faul. 

faictiy f. Feuchtigkeit. 

feeosa m. Ferse. 

fensie Vorwarts. 

fotlaait verleidet. 

fotleena entlehnen. 

folaaijla verleugnen. 

folçkvt naschhaft. 

fotumpf” dumpf. 

fokremsa verzittern. 

fokrumplə zerknittern. 

fps flo durch Schöffen verurteilen. 
felja hauen, hacken. 

fiml m. Hanf ohne Samen. 
fisarıc faserig. 

fovil f. Forle. 

fresleesv m. Vielfrab. 

fuusat D. Fußende (Bett). 

haaiat f. Heuernte. 

haaipla n. Kopf (Salat. Kraut». 
haivra heiraten. 

hampfl w- Handvoll. 

hanaf m. Hanf. 

heeca f. Höhe. 

helin? heimlich. 

hempt n. Hemd. 

hemvtic adj. Hemd. 

heera f. Häher. 


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178 Bücherbesprechungen. 


neenst erst. 

noora maxə voran machen. 

oomət n. Öhmd. 

raimə m. Reim. 

raamə f. Rahmen. 

rapk m. Rang, Biegung des Weges. 

rayka m. Stück Brot. 

raifa m. Reif. 

rairsart n. Remscheit. 

rantšə f. Dickrübe. 

raupe, raipla junges Rind. 

reejara regnen. 

zehn m. Kater. 

ref n. Katze. 

rosdirla Pl. Rosinen. 

rots khimic m. Schierling. 

sauphampfl m. Sauerampfer. 

sank m. Schrank. 

sepo komp. schiefer. 

gerad m. Scherbe. 

seeltsic Pl. Schalen. 

šilcə schielen. 

lee m. Gelée. 

Sinti f. Genie, Charakter. 

inil m. Schindel. 

$lakl m. langer Mensch. 

siorapfa schlürfen (mit den Füßen). 

Snaupa f. Schnauze am Geschirr. 

snook m. Schnake. 

snov m. Bezeichnung für den Ge- 
richtsvollzieher. 

Snutalic unordentlich. 

sola m. Scholle. 


solakrot f. Kröte. 

Spais m. Mörtel. 

spelio m. Spälter Holz. 
Spinepa f. Spinne. 
Spinepahaut f. Spinngewebe. 
spraisl m. Holzsplitter. 

sroot f. Schrot. 

staipar> f. Stütze (eines Baumes). 
Staueo m. Pulswärmer. 
stiwie m. Kübel. 

striims m. Striefe. 

Swilic m. Schwiele. 

susəlic zu rasch. 

seemə m. Samen beim Hanf. 
soomə m. Samen. 

senaft m. Senf. 

simara m. ein Mal). 

suta f. Pfütze. 

stttakricuk m. Krug mit engem Hals. 
sutla im Wasser plätschern. 
waaga f. Wiege. 

waməs m. Wams. 

waas m. Rasen. 

weot m. Weinberg. 

wera f. Engerling. 

wes f. Wäsche. 

westrie m. Schmutzfink. 
westrica (verb.) im Schmutz wühlen. 
weliy f. Wette. 

tea m. Docht. 

wiit f. Weidenstrang. 

ra f. Woche. 


Bücherbesprechungen. 


Carstens, Wilhelm, Dat Sassenland. 2 Bände, 216 u. 2588. Mit Wortverzeichni. 
Hamburg, C. H. A. Kloß. Preis je 2,50 Mk., geb. je 3,50 Mk. 

Der Verfasser gibt uns in Liedern, die bald enger bald loser miteinander ver- 
knüpft sind, im zweiten Bande ein Bild seiner Heimat, des Sachsenlandes. Von den 
alten heidnischen Sachsen beginnt er und führt uns durch die Kämpfe mit Karl dem 
Großen, durch die Herrlichkeit der Sachsenkaiser, durch den Zwist zwischen Hohen- 
staufen und Welfen zur Unterwerfung der Slaven und läßt uns teilnehmen an dem 
großartigen Freiheitskampfe der Ditmarschen, seiner Landsleute. Er ist im Grunde seines 





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180 Pücherbesprechungen. 


Daten: laten »Taten : lassen«, da Dat offenbar in der Mundart der Gedichte das ? des 
Nominativs sg. in der Flexion behält), dagegen muß gegen Formen, die einfach aus der 
hoch entwickelten nhd. Schrift- und Dichtsprache übernommen werden, Einspruch er- 
hoben werden. In dieser Beziehung hat C. besonders im zweiten Bande gesündigt. Auch 
die Flexion der Adjektiva auf nhd. Art mit -es mag man gelten lassen — bei Reuter 
findet sie sich auch, jedoch ist die Flexion des part. praes. unmöglich (II, 202 bie 
schienender Sünnen »bei scheinender Sonne«); und wie fremd und geziert wirkt die 
Nachstellung des unflektierten Adjektivs! 

Am Reim pflegt sich am besten Gewandtheit im Gebrauche der Sprache und ihre 
Kenntnis beobachten zu lassen. Es ist zu loben, daB C. sich im allgemeinen an die 
Aussprache angeschlossen hat. Reime wie (Teller : weller »Gelder : wieder« (II, 123) zeugen 
von feiner Beobachtung. Jedoch sind Fälle wie Nöten : böten »Nöten : büßen, d.i. heizen« 
(T, 19), verfetten : Betten (T, 155) zu tadeln, da hier unnötigerweise eine vorhandene mund- 
artliche Form zugunsten der schriftsprachlichen übergangen worden ist. Daß Doppel- 
konsonanz mit einfacher gebunden wird, kann ich gleichfalls nicht billigen, selbst für 
den Fall, daß es sich um die schwächsten aller Mitlauter, die Verschlußlaute, handele, 
obwohl sich Reuter hierbei auch dem lässigeren Gebrauche angeschlossen hat. Also ich 
verwerfe: ophung’ : Tung »aufgefangen : Zunge« (1, 72), Jung : dwung’ » Junge : gezwungen: 
(I, 151), besunn’n : Munn »besonnen : Mund« (1,151) u.a. 

Ganz unverständlich ist es, wie C. ein Wort in ein Gedicht aufnehmen kann, das 
nie und nimmer gelebt hat und jetzt erst recht nicht vorhanden sein kann; psycho- 
logisch allerdings läßt es sich begreifen. Aber wer will bei einem Dichter die Psycho- 
logie zu Hilfe nehmen, um eine Ungeheuerlichkeit in der Sprache zu verstehen? I, 26 
handelt — so muß man sagen — C. von der Hartherzigkeit der Stiefmutter. Die ganze 
Familie trägt Samtkleider, aber sie allein dreifarbige, die rechten Kinder haben zwei 
Farben, und för steef — zu ergänzen Kinder, das aber in der Strophe nicht vorkommt! — 
gibt es nur eine. Hoffentlich fühlt sich nun kein mundartliches Wörterbuch veranlaßt, 
stöf, das wäre Stief-, als neuentdecktes altes Gut aufzunehmen. 

Betrachtet man den Satzbau — und man kann ihn nicht entgehen, leider — so 
bedauert man, keine Proben von dieser kurzen, überkurzen Ausdrucksweise geben zu 
können. Sie würde das harte Urteil, das hier ausgesprochen wird. im Augenblick er- 
klären. Bald fehlt das Subjekt, bald das Verbum finitum; auf Konstruktion wird wenig 
Gewicht gelegt, so daß manche Stellen unklar bleiben. 

Die Schreibung bemüht sich die tatsächliche Aussprache wiederzugeben; selbst 
Sandhierscheinungen werden gelegentlich angedeutet. Sie steht im allgemeinen auf der 
Stufe Reuters und geht nur etwa in der genaueren Behandlung des inlautenden dd über 
diesen hinaus. 

Das Wortverzeichnis ist dilettantisch und bietet zum Teil unsinnige Formen; recht 
viele Wörter fehlen, so daß es unmöglich ist, alle Stellen zu verstehen. 

Druckfehler finden sich in nicht gerade erheblicher Anzahl, sie stören auch selten 
den Sinn; jedoch ist es recht auffallend, daß wohl 50 v. H. aller Fälle umgekehrte Typen 
für v oder n betreffen. 

Die Ausstattung der beiden Bände entspricht dem Preise nicht. Der Druck wird 
auf dem schlechten Papier oft undeutlich; II, 96 fehlen in meinem Exemplar sogar 
zwei Verse. 

Im ganzen ist zu sagen: statt 474 Seiten 100! 


Berlin. H. Teuchert. 


Gedichte in Coburger Mundart. Im Neudruck herausgegeben von Dr. Konrad Höfer 
in Weimar; mit Originalzeichnungen von Heinrich Höllein. Verlag von E. Riemanns 
Hofbuchhandlung, Coburg 1908. 94 S. Preis steifbrosch. 1,20 Mk. 

Für Wiederauflegung dieser vor einem halben Jahrhundert entstandenen Coburger 

Scherzgedichte verdienen Herausgeber wie Verlagsbuchhandlung gleicherweise Dank. Sie 

haben manches prächtige Verslein, welches in Vergessenheit zu versinken drohte, ver- 


ichibenpnchunen. Se CB 





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„2 Rh, fer ich Sprdomts über Seandben; Be balka An Esih Dis Zur mesjerseharfen E 
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182 Bücherbesprechungen. 


Schwänke, Sagen und Märchen in heanzischer Mundart. Bei Unterstützung der 
kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien aufgezeichnet von J. R. Bünker. 
Leipzig 1906. Deutsche Verlagsactiengesellschaft.e. XVI. 436 S. Preis brosch. 6 Mk.. 
geb. 7,50 Mk. 

In Ungarn gibt es nicht bloß deutsche Sprachinseln, die durch Ansiedler aus ver- 
schiedenen deutschen Stammesgebieten entstanden sind; sondern es reicht auch das ge- 
schlossene oberdeutsche Sprachgebiet südlich von Preßburg eine Strecke weit nach Ungarn 
hinein. Diese westangarischen Deutschen werden Heanzen genannt, ein Name, der 
nach dem Verfasser des hier anzuzeigenden Buches aus der für die heanzische Mundart 
charakteristischen und von den Heanzen besonders gern im Munde geführten Partikel 
hiefix (»jetzt«) entstanden wäre. Die Möglichkeit dieser Erklärung ist zuzugeben; und 
ich kann dazu sogar ein hübsches Gegenstück aus Württemberg anführen. Ein dem 
württembergischen Franken sehr geläufiges Wort ist «lswarl im Sinne von »jetzt« oder 
»soeben«, in welchen Bedeutungen es der Schwabe nicht kennt!: daher nennt dieser 
seine fränkischen Landsleute gerne, halb spöttisch, halb geringschätzig, tiə aləwail. Es 
bleibt jedoch zu beachten, daß ein so guter Kenner des österreichischen Volkslebens. 
wie J. W. Nagl die Heanzen als »Hühnerhändler« erklärt.’ 

Der Verf. hat nun aus dem Munde eines vollständig ungebildeten Heanzen, des alten 
Straßenkehrers Tobias Kern in Ödenburg, 122 Stücke aufgezeichnet, von denen 112 in 
dem vorliegenden Bande vereinigt sind. Die 10 übrigen glaubte Bünker, ihres erotischen 
Inhalts wegen, nicht der Öffentlichkeit übergeben zu können, und hat sie daher der 
»Anthropophyteia« abgetreten. Dies Verfahren des Verf., der doch sonst vor Derbheiten, 
wie z.B. den in Nr. 17 (Der Halter-Michel) enthaltenen, nicht zurückschreckt, nimmt 
sich etwas seltsam aus: wer an ein wissenschaftliches Buch — und das soll das vor- 
liegende doch wohl sein — mit dem geziemenden Ernste herantritt, wird auch an ero- 
tischen Derbheiten keinen Anstoß nehmen.? Immerhin enthalten die von Bünker ver- 
öffentlichten Erzählungen viel wertvollen vulkskuudlichen Stoff, der von den Vertretern 
dieses Faches gewil gewürdigt werden wird. Besonders beachtenswert ist der vom Verf. 
angestellte Versuch, sich eine und dieselbe (reschichte (von der reichen Müilerstochter) 
nach vollen zehn Jahren von seinem Gewährsmann nochmals von neuem erzählen zu 
lassen: es ergab sich, zwar nicht im Wortlaut, aber der Sache nach, eine weitgehende 
Übereinstimmung mit der ersten Fassung; es fehlte »kein einziger der wesentlichen Mo- 
mente der ersten Aufzeichnung« (S. X). 

Nicht so ungetrübt, wie der Volkstümler, kann sich leider der Mundartforscher 
der Gabe des Verfassers freuen. Zunächst ist es hier schon wenig günstig, daß div 
Texte eine Stadtmundart mit ihren zahlreichen Dialektmischungen darstellen. Später 
vielleicht mag die Forschung sich mit Vorliebe gerade solchen verwickelten Gebilden zu- 
wenden. Aber zuvor müssen doch die reinen, unvermischten Landmundarten möglichst 
genau untersucht sein, sonst arbeitet man bei der Entwirrung der städtischen Mischmund- 
arten mit allzu vielen unbekannten Größen. Manche Erscheinungen, die der Verf. im Vor- 
wort (S. XI) als nicht rein heanzisch bezeichnet, so die -n -| -en, on < ò, 013 (aber) sind, 
wenn ich nicht irre, in Kerns Redeweise häufiger, als das eigentlich Bodenständige. Dazu 
kommt, daß der Verf. manchmal etwas zu sehr von der nhd. Rechtschreibung beeinflußt 
wird: er schreibt z. B. -stref’l (S. 50) u. dergl. Ab und zu muß man sich sogar fragen. 
ob er das Gehörte wirklich richtig wiedergibt: sprach Kern z. B. in der Tat kiag’n (= liegen, 
S.I. oder wiada’ (= wieder, S. 51)? 

Im übrigen bietet das Heanzische offenbar manche bemerkenswerte Erscheinung. 
so die uč < uo, das »mouilliertee, d. h. doch wohl palatale. nachvokalische ù u. a. m. 
Welche Eigentümlichkeiten der Mundart den Verf. zu der Annahme geführt haben. - dab 





! S. Fischer, Schwäb. Wörterbuch T, 110. 

? Zs. f. österr. Volkskunde 8, 161 ff. g 
Andrerseits ist auch bei der Anthropophyteia der »Ausschluß der Offent- 
lichkeite nur Täuschung: aufantiqnarischem Wege kann sich jedermanu ohne alle Schwierig- 
keit diese Sammlung erotische: Texte verschaffen. 





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EE erhalt. haten ` mabe IS Nr wmd téter micht ‚ersichtlich. : Aus Einzelheiten, 
nn Aert ‚Bpiraitisiärung. eg, nach vokahischen- y (fe Tag} Mont" 0 ‚etwas watürlich. 
= za ` St ebieegt werden, ee als. etwa. die. Aa et Diller die dus =. Gr auf einen schei 
erg sg, ‚Erischläg buméieen, WR: mur 20. Abwato kungen ` von dot ireti Lessiak. 
eu 28 LÉI: ao reitlich. b beschriebenen. kürntischen. ‚Mundart von Panne aufgestößen. ; 
ARGE but ` "ir dmrhauz nicht geger "die Annahme: 20 sprechen, dai wir ac ím 
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176 Emma Wanner. 


petəpaam m. Pappel. 

pejla verb. bügeln. 

pek m. Bäcker. 

patist m. Pietist. 

pis! m. Büschel. 

pfevsiy m. Pfirsich. 

pfetaric m. Vetter. 

pfreema f. Bremse. 

pfriimə f. Pfriem. 

pfóolhòopə f. Hippe. 

pheept fest schließend. 

pheeln m. Frauenjacke. 

pheetola m. Petersilie. 

phootn f. Halskette. 

pola f. Wasserschöpfblech. 

polərə poltern. 

pöolis polnisch. 

popə f. Puppe. 

povšt m. Bursche. 

precazl m. Hanfahnen (Abfall des 
Hanfs beim Brechen). 

próopamp f. Brombeere. 

protslə braten. 

prosəam m. Brosamen. 

putsə m. Butzen. 

tarə f. Darre. 

taaif f. Taufe. 

testswęęk deshalb. 

tool m. Abzugskanal. 

tonml m. einfältiger Mensch. 

toovsə f. Pflanzenrippe. 

toopə f. (grobe) Hand. 

trapə f. Treppe. 

tratom m. Fadenbüschel (beim Hanf- 
haspeln). 

trauwə m. Traube. 


Iraupšnuuv f. Treibschnur an der 


Peitsche. 
Irckat schmutzig. 
trecto pn. Trichter. 
tsaaina f. Korb. 
tsaitie reif. 
tsaal. f. Zahl. 
tsaala f. Ziffer. 
(geen m. Zehe. 


tsee*plekv m. Stiefmütterchen. 
Iseloric m. Sellerie. 

tsek m. Zecke. 

tsiica f. Überzug. 

tsot! m. unordentl. Mensch. 
tsunon es9 vespern. 

Iswee, tswuu, Iswaar zwei (n.f.n.) 
Isweksta f. Awetschge. 

luk m. Tücke; Streich. 
tuusə f. Dose. 

tuusl m. Rausch. 

tulipáanə f. Tulpe. 

elmeesə f. Ameise. 

een» eher. 

eepn. m. Hausflur. 

enpl f. Erdbeere. 

ci f. Asche. 

faulie faul. 

faictiy f. Feuchtigkeit. 
feeosa m. Ferse. 

fevsie vorwärts. 

fotlaait verleidet. 

fotleenə entlehnen. 
folaaijla verleugnen. 
foleknt naschhaft. 

fotumpfə dumpi. 

fokremsa vergittern. 
fokrumpla zerknittern. 
f»seflao durch Schöffen verurteilen. 
felja hauen, hacken. 

fiml m. Hanf ohne Samen. 
fisərie faserig. 

fovtl f. Forle. 

fresleesn m. Vielfraß. 
fuusat n. Fußende (Bett). 
haaist f. Heuernte. 

hoaipla n. Kopf (Salat, Kraut). 
haivra heiraten. 

hampfl m. Handvoll. 
hanaf m. Hanf. 

heeca f. Höhe. 

heeliya heimlich. 

hemvt n. Hemd. 

hemvtic adj. Hemd. 

heersa f. Häher. 


Lexikalisches aus Zaisenhausen. 17 


hetsə f. Krähe. 
hinvsic rückwärts. 
hospas m. ungeschickter Mensch. 
hupə f. Schalmei. 
hutsl f. Birnschnitz. 
huts m. Füllen. 

ıma f. Biene. 

itmes m. Imbiß. 
impeeo Pl. Himbeere. 
ıps m. Gips. 

ipsə verb. gipsen. 
iljə f. Lilie, Iris. 
ięẹrə, irə gären. 


100” m. Streifen beim Mähen einer 


Wiese. 
hatıc geeignet, passend. 
Lee jäh. 
kekso m. Schlucker. 
kestpt gestern. 
katemn n. Lärm. 
khatsepalma f. Palmkätzchen. 
khaantl f. Karte. 
kharic m. Karren. 
khauto m. Welschhahn. 
khauftic gehäuft. 
khentl m. Kandel. 
kheona m. Kern. 
kherapsa f. Kürbis. 
khimie m. Kümmel. 
khislpatso m. Kieselstein. 
khištə f. Kastanie. 
khólenv m. Kalender. 
khopfət n. Kopfende. 
klaaicənic geschmeidig. 
kleeə m. Klee. ` 
klekola n. Gligger, Steinkügelchen. 
klin n. Lunge des Schlachtviehs. 
klisto m. Gelüste. 
kluufa f. Stecknadel. 
kluk TL Henne. 
knaula m. Knäuel. 
knapə hinken. 
knits nichtsnutzig. 
knowelic m. Knoblauch. 
korə gurren. 
Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 


-i 


krępslə klettern. 
krint! m. Längsholz am Pflug. 
krot f. Kröte. 
krup m. kleiner Fisch. 
krupə kratzen. 
kšpas m. Spaß. 
kslaxt geschmeidig. 
kšlaztə peem veredelte Bäume. 
k$roots Mehl fürs Vieh. 
kswistaric Geschwister. 
ksit Abfall von Gerste. 
kuna m. Gunst. 
kuutsl Gebäck, Zuckerzeug. 
kweotsiroo n. Abfallstroh. 
kweowertik n. Wirrwarr. 
kweraflt adj. klug, geschickt. 
laict f. Beerdigung. 
lailic n. Leintuch. 
laaific geläufig. 
laaimakriiwa f. Lehmgrube. 
laitara f. (Zwetschgen)schnaps. 
last m. Last. 
leftsa f. Lefze, Lippe. 
lepara im Wasser spielen. 
lotl m. leichtsinniger Mensch. 
luk locker. 
lumaəric ‘schlaff. 
maak f. Magd. 
mampfə mit vollem Munde kauen. 
masic m. eigensinniges Pferd. 
masldäitic verleidet. 
mekstvo m. Metzger. 
meevšt meiste. 
mees n. Maß. 
moos in augəmoos Augenmah. 
milicpuš m. Pflanze Löwenzahn. 
milicsitl m. Truhe, in der die Milch- 

töpfe stehen. 
mistsuta f. Jauche. 
moil m. Modell. 
muntstc winzig. 
mutsl£. Art Weißbrot (Muschelform). 
nast m. Ast. 
naskwat Nesthäkchen. 
naskwetla Nesthäkchen. 

12 


178 


neenst erst. 

noora maxə voran machen. 
oomat n. Öhmd. 

ravma m. Reim. 

raama f. Rahmen. 


rayk m. Rang, Biegung des Weges. 


raynka m. Stück Brot. 
raifa m. Reif. 

rairsait n. Remscheit. 
rantsa f. Dickrübe. 

raupe, raipla junges Rind. 
reejara regnen. 

reliy m. Kater. 

ref n. Katze. 

rosdi"la Pl. Rosinen. 

rots khimic m. Schierling. 


saunhampfl m. Sauerampfer. 


sank. m. Schrank. 

sepv konp. schiefer. 
serswa m. Scherbe. 
Seeltsic Pl. Schalen. 

šilcə schielen. 

lee m. Gelée. 

Sinti f. Genie, Charakter. 
inil m. Schindel. 

$lakl m. langer Mensch. 


Slorapfo schlürfen (mit den Füßen). 
Snaupa f. Schnauze am Geschirr. 


snook m. Schnake. 


snow» m. Bezeichnung für den Ge- 


richtsvollzieher. 
snutəlic unordentlich. 
šolə m. Scholle. 


Bücherbesprechungen. 


solakrot f. Kröte. 

$pais m. Mörtel. 

Spelto m. Spälter Holz. 
Spinepa f. Spinne. 
Spinepahaut f. Spinngewebe. 
spraisl m. Holzsplitter. 

sroot f. Schrot. 

staipars f. Stütze (eines Baumes). 
Stauen m. Pulswärmer. 
Stiwie m. Kübel. 

Striims m. Striefe. 

Swilic m. Schwiele. 

Susahe zu rasch. 

seema m. Samen beim Hanf. 
sooma m. Samen. 

senaft m. Senf. 

simərə m. ein Maħ. 

suta f. Pfütze. 

sittakruuk m. Krug mit engem Hals. 
sutlə im Wasser plätschern. 
waaza f. Wiege. 

wamos m. Wanıs. 

waasə m. Rasen. 

weyot m. Weinberg. 

wera f. Engerling. 

we f. Wäsche. 

westrice m. Schmutzfink. 
westrica (verb.) im Schmutz wühlen. 
weti f. Wette. 

wiia m. Docht. 

wiit f. Weidenstrang. 

wura f. Woche. 


Bücherbesprechungen. 


Carstens, Wilhelm, Dat Sassenland. 2 Bände, 216 u. 2588. Mit Wortverzeichnis. 
Hamburg, C. H. A. Kloß. Preis je 2,50 Mk., geb. je 3,50 Mk. 

Der Verfasser gibt uns in Liedern, die bald enger bald loser miteinander ver- 
knüpft sind, im zweiten Bande ein Bild seiner Heimat, des Sachsenlandes. Von den 
alten heidnischen Sachsen beginnt er und führt uns durch die Kämpfe mit Karl dem 
(Groben, durch die Herrlichkeit der Sachsenkaiser, durch den Zwist zwischen Hoben- 
staufen und Welfen zur Unterwerfung der Slaven und läßt uns teilnehmen an dem 
großartigen Freiheitskampfe der Ditmarschen, seiner Landsleute. Er ist im Grunde seines 


Bücherbeapreobungen. 179 


Wesens eine streitbare Natur. Auch im ersten Bande, in dem er uns die Leute seiner, 
unserer Zeit in ihrem Denken, Handeln und Fühlen zeigt, ist Kampfstimmung. Jetzt 
ist es kein Ringen mehr zwischen Volksstämmen, zwischen Bauer und Edelmann, jetzt 
streiten die Teile eines Volkes um die Rechte, die sie beanspruchen. Der Verfasser, der, 
wie es scheint, vom Dorfe in die Großstadt Hamburg verschlagen wurde, nimmt sich 
nun nachdrücklich der Unterdrückten au. Groll und Zorn über den gesperrten Wald, 
Spott über die Schwächen der Reichen, bittere Schilderung des Strandvogtes, der mit 
Jem Gelde der angeschwemmten Leiche sioh vor der Welt als Ehrenmann erhält, steigern 
sich zu der ergreifenden Darstellung der beiden verkümmerten Eheleute, denen das Glück 
nichts mehr als eine einzige Stunde am Nachmittag das Sonnenlicht gönnt, und der Not 
und des Elendes des Alten, der seinen Kindern zu lange lebt und der sich selbst aus dem 
Wege räumt. Von dieser traurigen Welt lenkt der Verfasser seine Augen zur Natur; 
er belauscht die Blumen untereinander, hört die verlangenden Worte der jungen Eiche 
nach dem Schmuck des Efeus und ihre Klage, als sie dem Verdorren nahe merkt, daß 
sie ihrem Todfeinde Aufnahme gewährt hat. 

Auch das Menschenleben versucht er zu schildern; wir hören vom Mädchen, das 
nicht freien will, vom Burschen, der zu seinem Glücke gezwungen wird; einige neckische 
Wiegen- und Kinderlieder fehlen nicht; wir sehen, wie die Mutter, die ihren Mann und 
zwei Söhne bereits im Meere verloren hat, auch den jüngsten nicht vor dem sichern 
Welleugrabe bewahren kann; wir hören von Treue und Untreue. Aber wenn wir das 
Heitere und Erfreuliche mit dem Düsteren und Traurigen vergleichen, so überwiegt das 
letzte bei weitem. Immer wieder bricht die ernste Grundstimmung durch. Auch hier 
nur Kampf und Streit! 

Der Verfasser besitzt keinen Humor, er hat nicht die Rube des betrachtenden 
Weisen, der über die Schwächen der Mitmenschen lacht und uns zum Lachen bringt, 
das uns von dem Leid, das wir tragen, befreit. Der Leser dieser zwei Bände lacht 
nicht, lacht jedenfalls nicht so. daß er sich befreit fühlt. Wenn es etwas zum Lachen 
gibt, so sind es Witz und Komik niedriger Art, die dazu verführen können. Einige 
Lieder reichen wohl an Reuters Läuschen und Rimels heran. Aber der Verfasser wollte 
offenbar gar nicht mit dem Mecklenburger wetteiforn. 

Es ist ein merkwürdiges Werk. Es enthält Lieder, die ohne Zweifel wert: sind, 
verbreitet und gelesen zu werden. Daneben aber breitet sich eine Gründlichkeit aus, die 
len schwer tappenden Bauern verrät, es zeigt sich — man ist nirgends davor Sicher — 
eine (teschmacklosigkeit, die beleidigt, cine so schwerfällige Handhabung der Sprache, 
daß man sie Stammeln nennen muß; wir lesen Plattheiten, die jegliche poetische Stimmung 
im Kern töten. Im ganzen, so wie das Werk sich der Öffentlichkeit bietet, ist es keine 
erfreuliche Lektüre. Ich war oft nahe daran, das Buch hinzuwerfen. Und trotzdem 
finden sich Lieder, die wert wären, aus dieser Umgebung herausgenommen zu werden. 

Ich bin auf den poetischen Gehalt mehr eingegangen als es im Rahmen einer Zeit- 
schrift für wissenschaftliche Behandlung von Mundarten zu geschehen pflegt. Immerhin 
dürfte es sich einmal lohnen, an einem Beispiel zu zeigen, daß die Mundart sehr wohl 
ernsten Stoffen Jdienstbar gemacht werden kann, wenn sic ein Dichter zu seinem Werk- 
¿uge machen wollte. Aber wann wird er uns erstehen, der diese Aufgabe lösen wollte”? 
Carstens war es nicht; aber er hat bewiesen, dal sie lösbar ist. 

Dichterische Empfindung und Gestaltung der Sprache wird notwendig sein. Der 
Dichter muß in der Mundart geboren und erzogen sein; denn er soll sie ja selber er- 
ziehen und bilden. Die größte Schwierigkeit wird in der Armut des Wortschatzes liegen. 
Gewiß soll ihn der Dichter bereichern, vielleicht selbst Erstorbenes wieder zum Leben: 
erwecken, aber er muß sich auch vor Bildungen hüten, die dem Geiste der Mundart 
zuwiderlaufen. Wenn C. versucht, das part. praes. als Adj. wie als Adverb zu ver- 
wenden, so mag das hingehen, obwohl es groBe Bedenken hat, fast ganz auagestorbene 
Formen der Sprache wieder zuzumuten; aber Formen, die niemals bestanden haben, 
dürfen nicht geduldet werden, wie drier drei als dat. oder acc. (II, 150). 

Gegen die sparsame Einmischung nhd. Wörter wird man nichts einwenden, solange 
man merkt, daß sie in der Mundart gesprochen werden (so reimt C. mit Recht ut: Wut, 


12* 


180 Piütcherbesprechungen. 


Daten : laten »Taten : lassen«e. da Dat offenbar in der Mundart der Gedichte das ¢t des 
Nominativs sg. in der Flexion behält). dagegen muß gegen Formen, die einfach aus der 
hoch entwickelten nhd. Schrift- und Dichtsprache übernommen werden, Einspruch er- 
hoben werden. In dieser Beziehung hat C. besonders im zweiten Bande gesündigt. Auch 
die Flexion der Adjektiva auf nhd. Art mit -es may man gelten lassen — bei Reuter 
findet sie sich auch, jedoch ist die Flexion des part. praes. unmöglich (II, 202 hie 
schienender Sünnen »bei scheinender Sonne:): und wie fremd und geziert wirkt die 
Nachstellung des unflektierten Adjektivs! 

Am Reim pflegt sich am besten Gewandtheit im Gebrauche der Sprache und ihre 
Kenntnis beobachten zu lassen. Es ist zu loben, daß U. sich im allgemeinen an due 
Aussprache angeschlossen hat. Reime wie (reller : weller »Gelder : wieder« (II, 123) zeugen 
von feiner Beobachtung. Jedoch sind Fälle wie Nöten : böten »Nöten : büßen, d.i. heizen« 
(1, 19), verfetten : Betten (1,155) zu tadeln, da hier unnötigerweise eine vorhandene mund- 
artliche Form zugunsten der schriftsprachlichen übergangen worden ist. Daß Doppel- 
konsonanz mit einfacher gebunden wird, kann ich gleichfalls nicht billigen, selbst für 
den Fall, daß es sich um die schwächsten aller Mitlauter, die Verschlußlaute. handele. 
obwohl sich Reuter hierbei auch dem lässisreren Gebrauche angeschlossen hat. Also ich 
verwerfe: ophung’ : Tung »aufgefangen : Zunge« (1. 72), Jung : derung’ »Junge : gezwungen: 
(I, 151), besunn’n: Munn »besonnen : Mund« (I, 151) u.a. 

Ganz unverständlich ist es, wie LC ein Wort in ein Gedicht aufnehmen kann. das 
nie und nimmer gelebt hat und jetzt erst recht nicht vorhanden sein kann; psycho- 
logisch allerdings läßt es sich begreifen. Aber wer will bei einem Dichter die Psycho- 
logie zu Hilfe nehmen, um eine Ungeheuerlichkeit in der Sprache zu verstehen? I, 26 
handelt — so muß man sagen — C. von der Hartherzigkeit der Stiefmutter. Die ganze 
Familie trägt Samtkleider, aber sie allein dreifarbige. die rechten Kinder haben zwei 
Farben, und för steef — zu ergänzen Kinder, das aber in der Strophe nicht vorkommt! — 
gibt es nur eine. Hoffentlich fühlt sich nun kein mundartliches Wörterbuch veranlaßt, 
stef, das wäre Stief-, als neuentdecktes altes Gut aufzunehmen. 

Betrachtet man den Satzbau — und man kann ihm nicht entgehen, leider — so 
bedauert man, keine Proben von dieser kurzen, üherkurzen Ausdrucksweise geben zu 
können. Sie würde das harte Urteil, das hier ausgesprochen wird. im Augenblick er- 
klären. Bald fehlt das Subjekt. bald das Verbum finitum; auf Konstruktion wird wenig 
Gewicht gelegt, so daß manche Stellen unklar bleiben. 

Die Schreibung bemüht sich die tatsächliche Aussprache wiederzugeben; selbst 
Sandhierscheinungen werden gelegentlich angedeutet. Sie steht im allgemeinen auf der 
Stufe Reuters und geht nur etwa in der genaueren Behandlung des inlautenden dd über 
diesen hinaus. 

Das Wortverzeichnis ist dilettantisch und bietet zum Teil unsinnige Formen; recht 
viele Wörter fehlen, so daß es unmöglich ist, alle Stellen zu verstehen. 

Druckfehler finden sich in nicht gerade erhehlicher Anzahl, sie stören auch selten 
den Sinn; jedoch ist es recht auffallend, daß wohl 50 v. H. aller Fälle umgekehrte Typen 
für « oder n betreffen. 

Die Ausstattung der beiden Bände entspricht dem Preise nicht. Der Druck wird 
auf dem schlechten Papier oft undeutlich; II, 96 fehlen in meinem Exemplar sogar 
zwei Verse. 

Im ganzen ist zu sagen: statt 474 Seiten 100! 


Berlin. H. Teuchert. 


Gedichte in Coburger Mundart. Im Neudruck herausgegeben von Dr. Konrad Höfer 
in Weimar; mit Originalzeichnungen von Heinrich Höllein. Verlag von E. Riemanns 
Hofbuchhandlung, Coburg 1908. 94 5. Preis steifbrosch. 1,20 Mk. 

Für Wiederauflegung dieser vor einem halben Jahrhundert entstandenen Coburger 

Scherzgedichte verdienen Herausgeber wie Verlagsbuchhandlung gleicherweise Dank. Sie 

haben manches prächtige Verslein, welches in Vergessenheit zu versinken drohte. ver- 


5 


Bücherbesprechungen. 181 


dientermaßen der Mit- und Nachwelt erhalten. Drei vor der Neubegründung des Reichs 
blühende Schriftsteller waren es hauptsächlich, deren Poesien und Reimwerke Aufoahme 
gefanden haben, Carl Neubert, Mitredakteur des 1848 begründeten Coburger Tage- 
blattes, der in den 40er und Oer Jahren auch politisch hervorgetreten war, Verfasser 
eines Bändleins von Gedichten: »Gefängnisblüten« (1851), F. Röhrig, seines Zeichens 
Buchhändler, ein scharfer Beobachter, Verf. von »Schnoken un Hüpfermannlen« (drei 
Hefte 1865 — 1866), und der auch in weiteren Kreisen als Volksfreund und Volksschrift- 
steller wohlbekannte Dr. Fritz Hofmann, Ehrenredakteur der »Gartenlaube«, der in 
seinem »Koborgher Quäckbrünnlä« (Hildburghausen 1857) das Bächlein frischquellenden 
Humors rauschen ließ. Es ist in der Tat urwüchsige Heimatlichkeit, die uns aus diesen 
»Hüpfermannlen« und sonstigen »Schnaken« entgegenweht, öfter darum etwas derb und 
sinnlich, aber fast immer echt. Wie köstlich ist doch die »Koborgher Liebeserklärung«, 
deren Schluß in Umschrift lautet: 


Jå, un dås Ges ger korts s00x; 
Mir tswaa pasm tsəsåm, 

Wi a woršt un a samal 

Di aa bəštimuy ner hänı. 

Wi a brootwörštla bista, 

Går so rund un so net, 

Aer, wen ner So der mekstor 
Än dar goowal die het. 


Un 9r leecat gamüütlic 
In di samal die nai, 

Ar, wi woltan hernooxart 
Sehö besåâma mir blai. 


Was die Lautbezeichnung betrifft, so war ursprünglich eine den wissenschaft- 
lichen Anforderungen genügende Schreibung geplant, und der Herausgeber wäre als ge- 
schulter Germanist dazu wohl imstande gewesen: später hat man aus praktischen Gründen 
den Gedanken wieder aufgegeben. Auch macht Höfer nicht mit Unrecht geltend, daß 
man die hier gesammelten Gedichte doch nicht als originale Schöpfungen des Volkes an- 
sehen und bewerten dürfe. Es waren vielmehr Erzeugnisse solcher Männer, deren regel- 
rechte Ausdrucksweise das Hochdeutsche war, die aber in dem ihnen wohlvertrauten 
Dialekt die geeignete Form für ihre Stoffe erblickten. — Immerhin hätte der Verf. durch 
eine gedrängte Übersicht der hauptsächlichsten Eigentümlichkeiten des hier der weiteren 
Öffentlichkeit vorgestellten Idioms für Sprachforscher und sonstige Freunde der Volks- 
dichtung eine Brücke zum eingehenderen Verständnis schlagen können, zumal die sprach- 
lichen Erläuterungen nur in sehr sparsamer Weise beigefügt sind. Die Sammlung möchte 
doch wohl auch außerhalb des Herzogtums Sachsen-Coburg sich Freunde und — Ab- 
nehmer werben. Der Ausländer wird nicht selten vor gewissen Wortgebilden ratlos 
stehen, während dem Sohn der Itz die Verherrlichung des Schofmalleszxelot in diesen 
Reumrarschla sicherlich sehr anheimelnd klingt. Der Dialekt ist der fränkisch - itzgrün- 
dische, der sich nordwärts über Sonneberg, Schalkau und Eisfeld bis zur messerscharfen 
Sprachscheide des thüringischen Rennsteigs erstreckt, nach Westen zu jedoch in leichter 
Abschattung in das Grabfeldische (Heldburg, Römhild), südlich in das Mainfränkische 
übergeht. Bemerkenswert erscheint uns die Feststellung. daß die im bairisch -österrei- 
chischen Sprachgebiet unter dem Namen »Schnaderhüpfel«e bekannten vierzeiligen Neck- 
reime auch in allen fränkischen Gauen im Schwange sind; der Coburger kennt sie unter 
der Bezeichnung »Hüpfermannla«. Dagegen erwächst. dieses poetische Reis, soweit uns 
bekannt, nicht auf thüringischem Boden. Daß die Coburger ungeachtet ihrer »hampfeligen 
Sproch« über eine gute Dosis Witz verfügen, lehren vor allem die lustigen » Spaßrrumla 
aus'n Quackbrünnla« von Fritz Hofmann. -- Wir wünschen dem auch mit eigenartigen 
Zeichnungen ausgestatteten Büchlein viele Leser. 

Hildburghausen. L. Hertel. 


182 Bücherbesprechungen. 


Schwänke, Sagen und Märchen in heanzischer Mundart. Bei Unterstützung der 
kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien aufgezeichnet von J. R. Bünker. 
Leipzig 1906. Deutsche Verlagsactiengesellschaft.. XVI. 436 S. Preis brosch. 6 Mk.. 
geb. 7,50 Mk. 

In Ungarn gibt es nicht bloß deutsche Sprachinseln, die durch Ansiedler aus ver- 
schiedenen deutschen Stammesgebieten entstanden sind; sondern es reicht auch das ge- 
schlossene oberdeutsche Sprachgebiet südlich von Preßburg eine Strecke weit nach Ungarn 
hinein. Diese westungarischen Deutschen werden Heanzen genannt, ein Name, der 
nach dem Verfasser des hier anzuzeigenden Buches aus der für die heanzische Mundart 
charakteristischen und von den Heanzen besonders gern im Munde geführten Partikel 
hiefiz (»jetzt«) entstanden wäre. Die Möglichkeit dieser Erklärung ist zuzugeben; und 
ich kavn dazu sogar ein hübsches Gegenstück aus Württemberg anführen. Ein den 
württembergischen Frauken sehr geläufiges Wort ist «lawarl im Sinne von »jetzt« oder 
»soeben«, in welchen Bedeutungen es der Schwabe nicht kennt!: daher nennt dieser 
seine fränkischen Landsleute gerne, halb spöttisch, halb veringschätzig, tia aləwail. Es 
bleibt jedoch zu beachten, daß ein so guter Kenner des österreichischen Volkslebens. 
wie J. W. Nagl die Heanzen als »Hühnerhändler« erklärt.’ 

Der Verf. hat nun aus dem Munde eines vollständig ungebildeten Heanzen, des alten 
Straßenkehrers Tobias Kern in Ödenburg. 122 Stücke aufgezeichnet, von denen 112 in 
dem vorliegenden Bande vereinigt sind. Die 10 übrigen glaubte Bünker, ihres erotischen 
Inhalts wegen, nicht der Öffentlichkeit übergeben zu können, und hat sie daher der 
»Anthropophyteia« abgetreten. Dies Verfahren des Verf., der doch sonst vor Derbheiten, 
wie z.B. den in Nr. 17 (Der Halter- Michel) enthaltenen. nicht zurückschreckt, nimmt 
sich etwas seltsam aus: wer an ein wissenschaftliches Buch — und das soll das vor- 
liegende doch wohl sein — mit dem geziemenden Ernste herantritt, wird auch an erü- 
tischen Derbheiten keinen Anstoß nehmen.* Immerhin enthalten die von Bünker ver- 
öffentlichten Erzählungen viel wertvollen volkskundlichen Stoff, der von den Vertretern 
dieses Faches gewil gewürdigt werden wird. Besonders beachtenswert ist der vom Verf. 
angestellte Versuch, sich eine und dieselbe (seschichte (von der reichen Müilerstochter) 
nach vollen zehn Jahren von seinem Gewährsmann nochmals von neuem erzühlen zu 
lassen: es ergab sich, zwar nicht im Wortlaut, aber der Sache nach, eine weitgehende 
Übereinstimmung mit der ersten Fassung; es fehlte »kein einziger der wesentlichen Mo- 
mente der ersten Aufzeichnung: (S. X). 

Nicht so ungetrübt, wie der Volkstümler. kann sich leider der Mundartforscher 
der Gabe des Verfassers freuen. Zunächst ist es hier schon wenig günstig, daß di: 
Texte eine Stadtmundart mit ihren zahlreichen Dialektmischungen darstellen. Später 
vielleicht mag die Forschung sich mit Vorliebe gerade solchen verwickelten Gebilden zu- 
wenden. Aber zuvor müssen doch die reinen, unvermischten Landmundarten möglichst 
genau untersucht sein, sonst arbeitet man bei der Entwirrung der städtischen Mischmund- 
arten mit allzu vielen unbekannten Größen. Manche Erscheinungen, die der Verf. im Vor- 
wort (S. XI) als nicht rein heanzisch bezeichnet, so die -n <.. -en. on <ö, owa (aber) sind. 
wenn ich nicht irre, in Kerns Redeweise häufiger, als das eigentlich Bodenständige. Dazu 
kommt, daß der Verf. manchmal etwas zu sehr von der nhd. Rechtschreibung beeinflußt 
wird: er schreibt z. B. -stief’! (S. 50) u. dergl. Ab und zu muß man sich sogar fragen. 
ob er das Gehörte wirklich richtig wiedergibt: sprach Kern z. B. in der Tat liag’n (= liegen. 
S. 1), oder wiada’ (= wieder, S. 51)? 

Im übrigen bietet das Heanzische offenbar manche bemerkenswerte Erscheinung. 
so die «2 wo, das »mouillierte«, d.h. doch wohl palatale, nachvokalische n u.a. m. 
Welche Eigentümlichkeiten der Mundart den Verf. zu der Annahme geführt haben. : dali 


"8. Fischer, Schwäb. Wörterbuch TI, 140. 

? Zs. f. österr. Volkskunde 8, 161 ff. ` 
Andrerseits ist auch bei der Anthropophyteia der »Ausschluß der Offent- 
lichkeite nur Täuschung: aufantiquarischem Wege kann sich jedermann ohne alle Schwierig- 
keit diese Sammlung vrötischer Texte verschaffen. 


La 


Bücherbesprechungen. 183 


der bajuvarische Grundstock in früheren Jahrhunderten einen starken fränkischen Ein- 
schlag erhalten haben ınuß«e (S. VI), wird leider nicht ersichtlich. Aus Einzelheiten, 
wie etwa der Spirantisierung des nachvokalischen g (Tox Tag) darf so etwas natürlich 
nicht gefolgert werden, sowenig als etwa die -ə < en oder die ut < iu auf einen schwä- 
bischen Einschlag hinweisen. Was mir an Abweichungen von der durch Lessiak 
(PBB. 25, 1ff.) so trefflich beschriebenen kärntischen Mundart von Pernegg aufgestoßen 
ist, scheint mir durchaus nicht gegen die Annahme zu sprechen, daß wir auch im 
Heanzischen eine rein bayrisch -Österreichische Mundart vor uns haben. 
Tübingen. Friedrich Veit. 


August Seemann, Tweilicht, en drüdd’ Reig’ plattdütsche Gedichte. Berlin 1907. 
Verlag von W. Röwer. 1728. 

Der Mecklenburger August Seemann hat sich in der Reichshauptstadt, in der er 
lebt und wirkt, das innige Verhältnis zur heimischen Mundart bewahrt. Was der Ver- 
fasser, ein Mann von ebenso warmem Empfinden wie selbständiger Weltauffassung, in 
dieser Sammlung bietet, ragt nach Inhalt und Form über den Durchschnitt hinaus, wenn- 
schon manches im Gedanken weniger Bedeutende mit unterläuft und nach der Seite der 
Form der Sammlung noch allerlei Mängel anhaften. 

Am besten gelingen Seemann die Liebesgedichte; einige, wie das flotte »Annschen, 
will’u danzen: (S. 26), reihen sich den Gedichten Klaus Groths ebenbürtig an die Seite. 
Der Dichter ist ferner ein trefflicher Stimmungsmaler (»Märken« S. 94, »Wihnachten« 
S.107), und es fehlt ihm auch nicht an schalkhaftem Humor (»Besäuk« S. 115, » Winter- 
Abend, 8.120). Wie die Empfindung, weiß auch der nachdenkende Verstand sich oft 


überraschend geschickt in der Mundart auszusprechen (»Weer ik — hadd ik« 8. 37, 
»Tite S. 50, »Kinkerlitzkens« S. 53). Die Ballade scheint dem Verfasser weniger gut 
zu liegen. 


Was die Form betrifft, beherrscht Seemann den Wortschatz der Mundart in so 
weitreichendem Maße, daß die Sammlung geradezu als eine wichtige Fundgrube für den 
Sprachforscher bezeichnet werden darf. Daß hier und da ein hochdeutscher Eindringling 
sich blicken läßt (z. B. »Frühlingsleben« statt »Vörjahrsleben« S. 35), fällt nicht ins Ge- 
wicht. Die Zahl der erklärenden Anmerkungen ist leider viel zu gering, ein Mangel, 
der jedoch zugleich eine Anerkennung der Sprache des Dichters in sich schließt. Im 
einzelnen wird dieser freilich noch mehr die Feile anlegen müssen, und gerade bei 
diesem Punkt will ich noch etwas eingehender verweilen. Einige Beispiele: »Dormit 
Ss bett 'n gauden Happen« (S. 52) zeigt eine durch den Reim (»Lappen«) nicht zu ent- 
schuldigende Wortstellung.e Hart ist auch der ebenfalls durch den Reim veranlaßte 
Abfall der Endung in »Aftreckt un afswel« (S. 78) und der Wechsel der Zeitform in 
»steiht still un drus’« (S. 132). Der Schluß des Einleitungsgedichtes: 


Kamt mit, kamt mit, wi will’n zuch nah'n Himmel rinnerbring'n 
wurde gewinnen in der Fassung: 
Kamt mit, kamt mit, wi willen juch in den Himmel bringen. 
ln den Versen (S. 141): 
Man ob jucht dei Freu — dat weisst du nicht —, 
Odder ob jauwen deit Miiuh un Erbarmen 
stort das überflüssige »odder« das Ebenmaß des Taktes. Wie hart klingt (5. 140): 
Ut de Blaumen stiggt sön säuter Duft, 
Kirschbläuten fall’n, as ded’t sniden. 
Warum nicht im zweiten Verse: 
Un dal Kirschbläuten sniden (= schneien herunter)? 


Schlimmer noch als diese übrigens leicht zu vermehrenden Beispiele sprachlicher 
oder auch metrischer Härten wiegt etwas anderes, das grundsätzlich bekämpft werden 
muß, nämlich die Ungenauigkeit der metrischen Entsprechung. In dem Gedichte »Abend . 


36, u 200m. 
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Bücherbesprechungen. 185 


der Südspitze mit jener der Bayreuther Gegend hervor. Die als oberpfälzisch bezeich- 
neten Erscheinungen finden sich im ganzen auch im Egerlande wieder: jedoch stünde 
unter den $ 20 als oberpfälzisch und ostfränkisch einander gegenübergestellten Erschei- 
nungen das Egerländische für Fälle wie goldigs (ebda. 4) auf der ostfränkischen Seite 
(egerl. nur koltics, koltis, vgl. Gradl, Die Mundarten Westböhmens, München 1895, 
N. 657d) oder es weicht von beiden ab wie (bei Gerbet ebda. 2) in stehen, gehen (egerl. 
nur Stern, keit, falls die angeführten Formen Infinitive sind; dagegen allerdings 1. 3. Pl. 
Stem, keno). Das $ 21,5 als thüringisch bezeichnete s@xy ist auch egerl. (seu:ry). 

Im Hauptteil zeigt die klare phonetische Beschreibung der Laute (8 65 ff.) die un- 
erläßliche Feinhörigkeit des geschulten Mundartenforschers, für den z. B. ein nasaliertes 
und ein nicht nasaliertes o, e auch der Qualität nach verschieden sind ($ 91, 1, vgl. 260). 
In der geschichtlichen Darstellung der Laute $ 134 ff. ist ein reicher Stoff mit liebevoller 
Vertiefung ins kleinste umsichtig geordnet und verarbeitet. _ 

Zum einzelnen nur einige wenige Bemerkungen. Ob Ol m. neben n. unter die 
im Geschlecht hochdeutsch beeinflußten Subst. (8 26, 4) gehört, ist mir doch zweifelhaft 
(bayr.-öst. wie mhd. n., aber nordd. nach nd. Art m. f. DWB. VII, 1269 f.; allerdings 
auch egerl. m. neben n.); Haar (crinis) als m., Lärm als n. kennt wenigstens das Bayr. 
nicht (ebensowenig das Egerl.) Schmeller I, 1145. 1501 f., auch Kanal ist bayr. nicht n. 
(wohl aber egerl.) Schmeller I, 1254; hier wünschte man also zu wissen, aus welcher 
Richtung der hochd. Einfluß stammt. Bei Teil (ebda.) wäre die Angabe erwünscht, ob 
dem landschaftlichen Unterschiede des Geschlechtes auch Sinnesunterschiede entsprechen, 
ähnlich bei Menscher — Menschen (SG 26, 2a). Der Ausdruck »allgemeines Reflexiv« für 
sieh ($ 30,2) neben einem einzigen Beispiele, wo es = uns ist, läßt es unklar, ob der 
Gebrauch von sich etwa nicht auf die 1. P. Pl. beschränkt ist (wie in so vielen m.- und 
südd. Maa.). Der alte Dativ bei gegen (auch sonst bewahrt, z. B. altbayr. Schwäbl, 
Die altbayr. Ma., München 1903, $111, 3) ist nach dem gegebenen Beispiele ($ 31) nur 
für die Bedeutung »im Vergleich zu« erwiesen; wie steht es mit der gewöhnlichen (lokalen, 
temporalen) Bedeutung? Warum wird bumäle ($ 37) auf das Polnische zurückgeführt? 
Das Wort lautet im näher liegenden Tschechischen ebenso (pomalu). Zu $101: G.s 
Auffassung der Explosivlaute und Spiranten des Vogtländischen halte ich auch für das 
Egerl. für richtig: sie sind stimmlos, die Explosiva von Mittelstärke; an die Stelle der 
Unterschiede von historisch festgelegter fortis und lenis treten die lediglich durch die 
Stellung bedingten lautmechanischen Unterschiede von fortiora und leniora. Bei diesem 
Stande der Dinge wüßte ich z. B. nach dem vou Gradl (a.a. O. N. 451 ff. 467 ff.) festgehal- 
tenen Unterschied von b und p die von ihm angeführten egerl. Wörter nicht aufzuteilen; 
nur nach labialem und gutturalem Nasal (im Wortinnern oder im Satzsandhi) ist nach 
meiner Beobachtung im Egerl. noch etwas von medialer, stimmhafter Artikulation zu 
spüren: vy gimpl den oder einen (i. Hingegen muß ich für das Egerl. bezüglich 
der Silbendruckgrenze voı etymologischer oder ma. Doppelkonsonanz nach ursprünglich 
langem Vokal an der Verlegung der Grenze in den Konsonanten festhalten: raip -poux 
Schreib-Buch gegenüber $rai-polk Schrei-Balg (dagegen vogtl. 3rai-biir $121, 2): der 
lange Vokal (Diphthong) wird egerl. dabei etwas verkürzt. — Die Verschiebung des Ak- 
zentes auf die Schlußsilbe ($ 127, 2) ist egerl. nicht auf Rufnamen, wie Jokän beschränkt, 
auch foot» Vater! usw.; sie begegnet auch nicht bloß in pausa (bei Anruf aus der Ferne), 
sondern auch bei drohenden u. ä. Rufen aus nächster Nähe und im Fluß der Rede; es 
kommt also hiefür wohl nicht bloß die Stellung in pausa, sondern ihr stark interjektio- 
naler Charakter (Drohung hat z. B. auch sonst steigende Melodie) in Betracht. Beim 
tonischen Akzent sollte neben Jder absoluten auch die relative Stimmlage der einzelnen 
Redeart. die von ihrem Gefühlston abhängt. berücksichtigt werden (ruhiger Bericht — 
Vorwurf — zorniges Schelten usw.). Diese relative Lage mul auch auf die musikalische 
Aufwärts- und Abwärtsbewegung der Stimme Einfluß haben. insofern z. B. bei sehr hoher 
Mittellage (bei leidenschaftlichem Gezänke u. dgl.) der Raum für weitere Aufwärtsbewegung 
naturgemäß sehr eingeschränkt ist, weshalb hier egerl. fallende Bewegung von hohen Ein- 
sätzen aus vorherrscht. — Der von Gradl in den »Mundarten Westböhmens« vernach- 
lässigte Unterschied zwischen früherem und späterem Umlaut ($ 136 ff.) ist für die Er- 


186 Bücherbesprechungen. 


klärung sonst unverständlicher abweichender Behandlung auch des egerl. a-Umlautes 
fruchtbar. — Nun noch einige Kleinigkeiten. Käme für das öfter erwähnte ädsürd, ur- 
kundlich ayxoch, »Abzucht« (8 175. 1b) nicht mhd. ertzuht in Betracht? Egerl. heißt der 
Jauchen - Abzugskanal «nertsot, vielleicht --. adieh-zuht (adich -= lacuna). Das ec 
hafte sanda (nach G. <. selb-u oder selben Tag? == daselbst. damals $ 271, 1. vgl. 
270, 2be) läßt sieh vielleicht mit dem wetsörbreitten bayr.-öst. adverb. ‘selm < selben 
in Zusammenhang bıingen (auch um Eichstätt selin, sölm, söhn, söbm. sem Weber. 
Z. f. hd. Ma. III, 82, N. 4949): sef)m-dä’ (vgl. egerl. tautn == da-da); idse wird wohl 
wegen des sonst allgemeinen Abfalles des auslautenden mhd. -e ($8, 2 u. 275) lieber 
auf eine der volleren Formen zurückzuführen sein (jezen oder exent, iexö, tezuo u.ä. 

Textproben aus älterer und neuerer Zeit sowie aus der Umgangsprache und ein 
vutes Sachregister bilden neben dem schon erwähnten wertvollen »Wortschatz« und einer 
Karte den Abschluß des Werkes. an dessen Ausgestaltung im einzelnen auch der Heraus- 
geber O. Bremer mit seiner reichen Erfahrung Anteil genommen hat. 

Gerbets Buch wird kein Mundartenforscher ohne reiche Belehrung und Anregunr 
aus der Hand legen. Arbeiten dieser Art gewinnen den Leser auch durch einen warmen 
Hauch der Heimatliebe, der ihm anheimelnd daraus entgegenweht. 

Saaz in Böhmen. Josef Schirpek. 


L., Sütterlin und K. Martin. Grundriß der deutschen Sprachlehre für die unteren 
Klassen höherer Schulen. Leipzig 1908, R. Voigtländer, 81 S., kart. 1 Mk. 

Der vorliegende Grundriß ist auf den Grundsätzen aufgebaut, die L. Sütterlin in 
seiner deutschen Sprache der Gegenwart ausgesprochen und dann zusammen mit A. Waag 
in seiner deutschen Sprachlehre me höhere Lehranstalten schon zu Unterrichtszwecken 
verwertet hat. In der Tat ist die ganze Anlage vortrefflich, der Druck übersichtlich, die 
Auswahl im ganzen wohl gelungen; auch das verdient gelobt zu werden, daß die Mund- 
art mehrfach herangezogen worden ist. Es geschieht dies außer in der Lautlehre, soviel 
ich sehe. noch $55, wo berichtet wird, dal das Präteritum der Erzählung aus der sud. 
deutschen Umgangssprache gänzlich geschwunden ist und dem Perfektum Platz gemacht 
hat, und $ 157. wo wir erfahren, daß in den meisten Gegenden die Mundart und die 
EECHER den Kounj. des Präsens im abhängigen Aussagesatze verloren haben und 
durch den Kon). Präteriti ersetzen, daß aber im Alemannischen der Konj. des Präsens noch 
ublich ist, z.B.: »’S meint, es sei d’ Frau Voögtene selbere. Mitunter hätte hier etwas 
mehr geboten werden können, z.B. S2 A. Da heißt es: »In Südwestdeutschland unter- 
scheidet die Umgangssprache bei jedem der drei Diphthonge ej, au und äu (eu) zwei 
Spielarten. So spricht der Alemanne und Schwabe in xer das e; anders aus als in 
drei, ebenso in Frau das “uu a als in Bau und endlich in Bäume das äu anders 
als in Sdwme.x So gut nun in 8 die pfälzische Form Been für Bein erwähnt wir. 
hätte hier hinzugefügt werden können, daß in vielen Gegenden Mitteldeutschlands neben- 
einander stehen é und aj, ô und au. ja vielleicht sogar, daß man auch in Niederdeutsch- 
land einen Unterschied macht. Ab und zu konnte auch auf den Ursprung der Formen 
eingegangen werden, z. B. $13 bei den Adverbialendungen des Lateinischen und Frau- 
zösischen. Daß breviter —= hrere iter ist und dem deutschen kurzıweg entspricht und 
daß justement auf justa mente zurückgeht, versteht auch ein Quartaner. 

Obwohl das Büchlein, «essen Entwurf K. Martin geliefert hat, von I.. Sütterlin 
überarbeitet und von zahlreichen badischen Schulmännern geprüft worden ist, enthält e: 
doch mancherlei. was man in eivem Schulbuche nicht gerne sieht. Zunächst durften 
mundartliche Formen nicht angeführt werden, ohne dal auf diesen Ursprung hingewiesen 
wurde, weil der Schüler sonst glauben muß. daß er es mit schriftsprachlichen Erschei- 
nungen zu fun habe. Daher ist zu tadeln, da $ 153 Tüuberehen (= Täubchen) steht. 
$188 was habt ihr lange Nägel? - = was für lange Nägel habt ihr”. $179 backe, backe. 
Kuche, dev Bäcker hat gernfe statt Kuchen und yerufen, wie es auch mitteldeutsch 
heißt, S1I2e Birk als umlautende Ableitung von backen (--: Bäcker), wo doch andere 
Beispiele m genügender Zahl zur Verfügung stehen, z.B. Weder ( wahren), Hex i: hauen: 


Bücherbesprechungen. 187 


vgl. oberdeutsches Gäu neben schriftsprachlichem Gau). Auf Rechnung der oberdeut- 
schen Mundart ist wohl auch zu setzen, daß so wenig Wert gelegt wird auf die Erhal- 
tung des Dativ-e in Wörtern wie Wald, Haus usw. So steht 8 57: wären wir doch zu 
Hans, $ 188: nach dem Wald, X200: ror dem Haus. Umgekehrt ist das e gesetzt, wo 
es nichts zu suchen hat, bei dem Imperativ des starken Zeitworts kommen, $ 145: wenn 
du willst, so komme. 

Ungenau ist das Zitat aus Schillers Taucher $ 179: »Sie rauschen hinauf, sie 
rauschen niedere statt herauf, unschön der Ausdruck $ 174: »jenes, weil es so groß ist, 
ungemütliche Zimmer« für jenes wegen seiner Größe ungemütliche Zimmer, verkehrt die 
Auordoung in $12, wo in ce est vom Umlaut die Rede ist und in b schon Beispiele 
für Ableitung und Zusammensetzung gebraucht werden wie städtisch (: Stadt), Gebüsch 
t Busch), frehäuse (: Haus). Sollte Jiese Reihenfolge beibebalten werden, so standen 
doch Beispiele wie neidisch ı: Neid). gerecht (: recht). (reschre? (: Schrei) zur Verfügung. 
Überflüssig erscheint $ 151 der Hinweis auf das veraltete Relativ so; besser war für Süd- 
westdeutsche hier eine Warnung vor wo: der Mann, wo krank tst. 

Gegen die $194 gegebene Kommaregel: »Der Infinitiv wird nur dann durch Bei- 
striche abgetrennt, wenn er noch mindestens eine nähere Bestimmung bei sich hat« 
verstößt der Satz $180: »Jeder drängt sich heraus ihn zu sebne, wo vor iha Komma 
stehen muß, ebenso der Satz im Vorwort: »Der vorliegende Versuch strebt diese Febler 
zu vermeiden« Überhaupt ist die Regel nicht richtig; denn wenn der Infinitiv mit zu 
direktes Objekt ist, setzen wir kein Komma; wir sagen also: ich wünsche dich morgen 
zu Sehen, er hofft bald in seine Heimat zurückzukehren usw. Nur wenn Zweideutigkeit 
entsteht, muß hier das Komma gesetzt werden, z.B. wir beschlossen sofort, abzureisen 
oder wir beschlossen, sofort abzureisen (vgl. meine Musterbeispiele zur deutschen Stillehre, 
3. Aufl., Leipzig 1907, S. 32 f.) $ 42 »Es schwanken Verbindungen wie alle schöne(n) 
Ziinmer, viele gute(n) Söhne, weil die vorausgehenden Adjektive weder Fürwörter sind 
noch gewöhnliche Adjektive, also sowuhl für das eine gelten können wie für das andere.« 
Hierzu verweise ich auf die in dem eben genannten Büchlein S. 26 gegebene Regel: 
»Wie man im Nominativ und Akkusativ sagt die großen Männer, so auch diese, jene, 
meine, deine, solche, welche, alle. keine großen Männer; denn diese Wörter sind be- 
stimmt wie der bestimmte Artikel; wie man sagt große Männer (Mehrzahl von ein großer 
Mann), so auch einige, etliche, wenige, manche, viele, einzelne, mehrere, andere. ver- 
schiedene große Männer; denn diese Wörter sind unbestimmt. Im Genetiv ist bei beiden 
Fällen die schwache Form vorzuziehen.« 

Es sind meist Kleinigkeiten, die ich hervorgehoben habe, aber bei einem Schul- 
buche muß man es auch damit genau nehmen; denn für die Jugend ist nur das Beste 
gut genug. 

Eisenberg, S.-A. OÖ. Weise. 


Sporgel (E. Daube), Noch Feierohmds. HE Lasebuch in Altenborjscher Mundort. 
5. Heft. Altenburg, O. Bonde, 1908, 92 5.. 80 Pf. 

Wie das vierte Heft der Sammlung »noch Feierohmdse, das ich in dieser Zeit- 
schrift, Jahrgang 1906, S. - O besprochen habe, so enthält auch das vorliegende fünfte 
left Gedichte (S. 1— 38) und Prosastücke (5. 39— 92). Von den 27 Gedichten sind einige 
nach fremden Vorlagen (besonders Firmenich) umgestaltet, die meisten aber selbständig 
geschaffen; von den 20 Erzählungen beruht Ar. II auf ouer bekannten Anekdote, die 
übrigen sind dem Leben der Altenburger Bauern abgelauscht. Da die Stücke größtenteils 
voller Humor sind, so bereiten sie dem Leser große Freude. Überdies erfährt er daraus 
nicht nur manches über Land und Leute. soudern lernt auch die Eigenart der Sprache 
kennen. Schwer verständliche Ausdrücke sind für die der Altenburger Mundart Unkun- 
digen in den Fußnoten erklärt, z.B. Havmchentee (Kamillentee), Ohlewand (Anwand, 
Querbeet eines Feldes), derstfrerchen (erzählen, vorstellen). Dabei hätte öfter als es ge- 
schehen ist. die Etymologie angegeben werden können, z.B. S5. 39 bei elrtzj. ahıd. ein- 
luzzi. singularis, caelebs., einer, der sich das »einsams sein »erlust« hat, 5.49 bei 


188 Bücherschau. 


Refermande, Strafrede, französisch reprimande (vgl. thüriugisch repermandieren) mit 
Anlebnung an reformieren, S. 91 bei schkullieren, zanken = schallieren, mittelnd. 
schaleren, lärmen, prahlen (mit deutschem Stamme. romanischer Endung und Anleh- 
nung an skandalieren). Unrichtig ist die Angabe S. 87, da das Adverb duse (z. B. an- 
greifen) dem französischen Feminin douce entspreche; vielmehr ist dies aus dem in der 
Umgangssprache noch daneben vorkommenden dusemang (doucement), dem Adverb von 
duse, abgekürzt: möglicherweise aber geht es auf einen echt deutschen Stamm zurück. 
der in alem. düüseln, leise gehen, duusen, auf den Zehen gehen vorliegt. 
Eisenberg. S.-A. O. Weise. 


Bücherschau. 


Baß, Alfr., Sprachwissenschaftliche Vorträge. Heft 1. F. Stürmer, Die Auf- 
gaben der Sprachwissenschaft. Leipzig, Verlag Deutsche Zukunft, 1909. Preis 0,60 Mk. 


Blümml, E.K., Quelien und Forschungen zur deutschen Volkskunde. Bd.Vl 
(Beiträge zur deutschen Volksdichtung von Blümmf). Wien, R. Ludwig, 1908. 1978. 
Preis 7,20 Mk. 


Burger, E., J. P. Hebels ausgewählte alemannische Gedichte. Karlsruhe. 
J. J. Reiff. Preis 0,50 Mk. 


Fiseher, Hermann, Schwäbisches Wörterbuch. 23. Lieferung, G — Gefärt (= 1. Lie- 
ferung des 3. Bandes). Tübingen. H. Laupp, 1908. Preis 3 Mk. 


— — — — 24. Lieferung (Gefärt — Gemarschaft). Tübingen, H. Laupp, 1908. Preis 
3 Mk. 


Golther, W., Religion und Mythus der Germanen. Leipzig. Verlag Deutsche Zu- 
kunft, 1909. 115. 


Kohl, F. F., Die Tiroler Bauernhochzeit. Sitten, Bräuche, Sprüche, Lieder und 
Tänze mit Singweisen. Wien, Dr. L. Ludwig, 1908. Preis geh. 9 Mk. (= Quellen 
und Forschungen zur deutschen Volkskunde, herausgegeben von Æ. K. Bliimml, Bd. IIl). 


Leihener. Erich, Cronenberger Wörterbuch (mit ortsgeschichtlicher, grammatischer 
und dialektgeographischer Einleitung). Mit einer Karte (= Deutsche Dialektgeographie. 
Berichte und Studien über 6. Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches, heraus- 
gegeben von Ferd. Wrede, Heft 2). Marburg, N. G. Elwert. 142 S5. Preis geh. 5 Mk. 


Ramisch, Jakob, Studien zur niederrheinischen Dialektgeographie. Wredr, 
Ferdinand. Die Diminutiva im Deutschen (-= Heft 1 der Deutschen Dialektgeographie. 
herausgegeben von F. Wrede). Marburg, N. G. Elwert, 1908. 144 S. Preis geh. 
3,20 Mk. 


v. Salten, Alfred, Teutonia, Handbuch der germ. Philologie (bearbeitet von Kobert 
Douffet) Heft 3: Über deutsche Wortforschung und Wortkunde. Leipzig, Verlag 
Deutsche Zukunft, 1907. 2158. Preis 3,60 Mk. | 

Sehönhoff, Hermann, Emsländische Grammatik (Laut- und Formenlehre). Mit 
einer Karte. Heidelberg, C. Winters Universitätsbuchhandlung, 1908. 228 S. Preis 
geh. < Mk. 


Siebs, Th. und Hippe, M., Wort und Brauch. Volkskundliche Arbeiten. namens der 
Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde in zwanglosen Heften herausgegeben. Breslau. 
Verlag von M. und H. Marcus. 1908. 

1. Heft: Herm. Reichert. Die deutschen Familiennamen nach Breslauer Quellen des 
13. und 14. Jahrh. 192 S. Preis geh. 640 Mk. 


Zeitschriftenschan. 189 


Li 


. Heft: Erich Jäschke, Lateinisch-romanisches Fremdwörterbuch der schlesischen 
Mundart. 159S. Preis geh. 5.60 Mk. 
3. Heft: Wolf v. Tinwerth. Die schlesische Mundart in ihren Lautverhältnissen gram- 
matisch und geographisch dargestellt (mit 2 Karten). 94 S. Preis geh. 3,60 Mk. 
4. Heft: Emil Bohn, Die Nationalhymnen der europäischen Völker. 75 S. Preis geh. 
2,40 Mk. 


Sporgel, Noch Feierohmds, E Lasebuch in Altenborjscher Mundort. 5. Heft. Alten- 
burg S.-A., O. Bonde, 1908. 92 5S. 


Stuhl. K., Das altrömische Arvallied ein urdeutsches Bittganggebet. Würz- 
burg, J. Kellner, 1909. 788. Preis 3 Mk. 

sütterlin, L. und Martin, K., Grundriß der deutschen Sprachlehre für die 
unteren Klassen höherer Schulen. Ieipzig, R. Voigtländer. 1908. 81 S. Preis kart. 
I Mk. 

Weigands Deutsches Wörterbuch, vollständig neu bearbeitet von A. e Bahder, 
Hermann Hirt, K. Kant. 5. Lief. (Grimasse — Käfer). Gießen. A. Töpelmann , 1908. 
Preis 1,60 Mk. 


Zeitschriftenschau. 


(Wir suchen aus dem Inhalt aller Zeitschriften hier die für die deutsche Mundartenforschung wichtigen Auf- 
sätze anzuzeigen und bitten um Einsendung aller einschlägigen Arbeiten, damit unsere Zusammenstellung eine 
möglichst vollständige wird.) 


Anzeiger für deutsches Altertum. 32. Jahrg. 
H. Teuchert, Ausführliche Besprechung von Aug. Gebhardt, Grammatik der Nüro- 
berger Mundart (S. 135— 149). 


Basler Nachriehten. Sonntagsblatt. 1908. 6. Dez. 
Ch. de Roche, Vier Denkmale unserer Mundarten (S. 195 f.). 


Biekorf. 19. Jahrg. (erscheint in Brügge). 
Adzo, Plaatsnamen (S. 313—317. 321 — 325). 
G. V. d. P., Nog vlaamscho woorden en spreuken (S. 271 f.). 
Volkskundige Boekenschouw. 1908. I (S. 91 — 169). [Rechts neben dem vlämischen 
Text dieser wertvollen Bücherschau steht die lateinische Übersetzung. — Le. 


Deutseher Frübliug. Eine Halbmonatsschrift für freies deutsches Volkstum, Kultur- 
wissenschaften und Kulturpolitik; herausgegeben von „Alfred Basz. Leipzig. 1. Jahrg. 
Heft 6. Verlag: Deutsche Zukunft. 


Deutsche Volkskunde aus dem östlichen Böhmen. Herausgegeben von Dr. FE. Langer. 
Braunau i. B. 1908. VIII. Band. 1 u. 2. Heft. 

Das älteste Braunauer Stadtbuch (Fortsetzung). — Sagen aus dem deutschen Osten. 
Wassermannssagen. Reden und Hochzeitsgebräuche des Landvolks am Fuße des 
böhmischen Riesengebirges. 

Das deutsehe Volkslied. Zeitschrift für seine Kenntnis und Pflege. Unter der Leitung 
von J. Pommer, H Fraungruber und K. Aronfuß. 11. Jahrgang. Februar 1909. 
1. Heft: 

F. Schaller, Neujahrswunsch der Nachtwächter. 

E. Jungwirt, 's Rad’ltrag - g’sang. 

J. Bennesch, Hirtenruf. 


190 Jıeitschriftenschau. 


2, Heft: 


J. Sahr, Volkspoesie und Kuustdichtung. 
A. L. Gaßmann, Wie singen die Schweizer Natursänger ihre Volkslieder? 
K. Liebleitner, Niederösterr. Volkslieder aus dem ersten Viertel des 19. Jahrh. 


Hessenland. 22. Jahrg. 


IWilh. Schoof, Beiträge zur Schwälmer Namenkunde. TI (S. 238 f., 256 — 259, ZU. 
288 f.). 


Hessische Blätter für Volkskunde. 


IC. Lindenstruth, Ein mundartliches Spottgedicht aus dem Bußecker Tal vum Jahre 
1725 (S. 137 — 139). 

(ig. Faber, Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten in der Leiligesterner Mundart 
(S. 160 — 182). 

O. Heilig, Ausführliche Besprechung von Bernh. Kahle, Ortsneckereien und allerlei 
Volkshumor aus dem badischen Unterland (S. 191 — 195). 


Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Spraehforschung. 34. Jahrg. 1908. 


Erich Seelmann, Die Mundart von Prenden (Kreis Nieder- Barnim) (S. 1— 39). 
E. Damkühler, Die Konjunktion »und« in der Mundart von Cattenstedt (S. 40 — 44. 
R. Blork. Idiotikon von Eilsdorf (bei Halberstadt) (S. 45 — 102). 

Joh. Bolte, Der Spiegel der Weisheit. eine Kölner Spruchsammlung des 16. Jahrh. 
- (S. 103 — 109). 

H. Carstens, Dithmarsche Gewerbeausdrücke aus der Gegend von Lunden (S. 109—113). 
D. B. Shumway, Ghetelens Nye Unbekande Lande (S. 113— 142). 

H. Deiter, Gedicht auf die Niederlage des Varus (S. 143 f.). 

K. Wehrhan, Reime und Sprüche aus Lippe (S. 145 — 157). 

W. Seelmann, Abgebrannt (S. 158 f.). 


Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsaß- Lothringens. 24. Jahrg. 


Heinrich Hemmer, Streit zwischen Tugenden und Lastern. (Eine mittelhochdeutsch" 
Handschrift). (S. 19— 32). 

Menges, Sagen aus dem krummen Elsaß (S. 40 — 49). 

H. A. Rausch, Die Spiele der Jugend aus Fischarts Gargantua Kap. 25 (S. 53—14.. 

Kassel, Meßti und Kirwe im Elsaß (Schluß). (S. 228 — 335). 


The Journal of English and Germanie Philology. Vol. VII. 


0O. E. Lessing, In Memoriam (Nachruf für Gustaf E. Karsten) (N. 1 — 3). 
Gustaf E. Karsten Y, Germanic Philology (S. 4—21). 
— — Die Sprache als Ausdruck und Mitteilung (S. 47 — 60). 
— — Folklore and Patriotism (S. 61 — 78). 
George O. Curie, Nome doubtful constructions in German Grammar (N. 119 — 12%. 
Chiles, Über den Gebrauch des Beiworts in Heines Getlichten. 
Scholl, Schlegel and Goethe's Epic and Elegiac Verse. 
Korrespondenzblatt des Vereins fiir niederdeutsche Sprachforschung. Jahrg. 190. 
Heft 28. 
Register (8.97 — 111). 
Jahrg. 1908. Heft 29., Nr. 3. 
Jahrg. 1908. Heft 29. Nr. 4/5. 

Enthält zahlreiche Beiträge zur niederdeutschen Sprachforschung. Zu S. 5l 
möchte ich bemerken, daß auch in meiner Heimat (Heidelberg - Handschuhsheim) 
eine ähnliche derbe Zurückweisung bekannt ist: 

lekəminkə — lraimol am šunka. 
Dieses lekamúykə (franz. léchez mon cul) hätten nach O. Hauschild deutsche Soldaten 
1870.71 aus Frankreich heimgebracht. — La. 


Zeitschriftenschau. 191 


Korrespondenzblatt des Vereins für siebenbürgische Landeskunde. 31. Jahrg. 
Hans Ungar, Die Namen der sächsischen Familien in Reußen samt ihren Übernamen 
(S. 132 — 135). 
R. Huß, Zur Wortforschung (8. 105 — 107). 
32. Jahrg. 1909. 
A. Scheiner, Zur siebenbürgischen Mundartengeographie (S.1 — 7). 
@G. Kisch, Zur Wortforschung (8. 7 f.). 
Mitteilungen und Umfragen zur Bayerischen Volkskunde. 1908. Neue Folge. 
Nr. 14: J. Schmudkontz, Der Name Waldmeister (Schluß). 
O. Brenner, Aus unseren Sammlungen (zum Kinderlied). 
Nr. 15: O. Brenner, Die Sage. 
Nr. 16: — — Verein für bayrische Volkskunde und Munilartenforschung. 


Národopisný Věstník. (Mehrere Hefte.) 


Saarbriieker Zeitung. 1908. Nr. 88—90. 
Enthält einen allerdings für weitere Kreise berechneten Abriß der Grammatik 
der Saarbrücker Mundart von F. Sehön ia Mettmann, Bez. Düsseldorf, der in Nr. 242, 
253, 272, 311 Jahrgang 1908 derselben Zeitung auch eine Sammlung der Redensarten 
und Sprichwörter der »Saarbrücker Mundart« veröffentlichte. 
Der Schütting. Ein heimatliches Kalenderbuch auf das Jahr 1908 (herausgegehen unter 
Mitwirkung des Schütting-Bundes). Hannover, A. Sponholtz. 
Sage ut den Neenborger Urwald. 
F. Husmann, Verdorben — gestorben (Nordhannöversche Ma.). 
F. Freudenthal, Geschichten von den Rodkopp ut Sauensicck. 
W. Henze, Krischan Stümpel iut Brünjehiusen bie'n Fürsten Bismarck. 
Schweiz. Lehrerzeitung. Jahrg. 1907. 
A. L. Gaßmann, Unser Volkslied. 
Unser Egerland. Blätter für Egerländer Volkskunde. XII, Jahrg. 1908. Heft Vu. VI. 
J. Hofmann, Die Tracht im ehemaligen Elbogner Kreise. 
XTM. Jahrg. 1909. Heft 1. 
A. Gebhardt, Der Satzbau der Egerländer Mundart. 
J. Bachmann, Egerländer Dorfbilder. 
Heft II. J. Köferl, Hand und Herz in Sprüchen und Redensarten. 


Volkskunst und Volkskunde, Monatsschrift des Vereins für Volkskunst. und Volkskunde 
in München. Jahrgang 6. 
Heft 10. Zimmermannsspruch auf der neuaufgerichteten (iottesackerkirche zu Christian - 
Erlangen (1783). 


Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. 23. Jahrg. 1908. 

Georg Böhling, Untergang alten niederdeutschen Sprachgutes (S. 289 — 296). 

H. Dunger, Ausführliche Besprechung von Karl Müller- Fraureuth, Wörterbuch der 
obersächsischen und erzgebirgischen Mundarten (8. 306 — 308). 

Theodor Imme, Sprachliche Zoologie (S. 353 — 360). 

Eduard Blocher, Die Landessprachen der Schweiz (8. 360 f.). 

Herm. Daubenspeck, Der Hof zu Duvenspeck (S. 361 — 363). 

E. L., Willfahren (S. 370). 

I. Volkmann, Von Hand betätigen (S. 370 f.). 

O. Streicher, Imre = Emmerich (8. 371). 

— — Anschmalzen (S. 371). 

24. Jahrg. 

O. Streicher, Aerostation (8.5 — 7). [Eine Anzahl guter Verdeutschungen aus dem 

Gebiete der Luftschiffahrt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich einen Ausdruck 


192 Zeitschriftenschau. 


aus der schwäbischen Mundart empfehlen, der sich an Stelle des etwas langen 
Wortes »Flugmaschine« verwenden ließe. nämlich das in Fischers Schwäbischem 
Wörterb. 1I, 1547 verzeichnete »Fläuge f. Spielzeug, zum Fliegen lassen«. Statt 
»Flügelflieger, Schraubenflieger und Drachen- oder Gleitflieger«e könnte man dann 
auch sagen »Flügelfläuge, Schraubenfläuge, Drachenfläugee.. Dieses Wort ist 
richtig gebildet und kurz, und mit »Flieger« würde man nun denjenigen bezeichnen 
können, der eine »Fläuge« benützt. — Les 


O. Behaghel, Der Dativ der Einzahl männlicher und sächlicher Haupt wörter (S. 33 — 30. 
Aug. Diederichs, Niederrheinische Ersatzspaltung (S. 45). 
J. Simmank, Staunheiten machen (S. 45). 


Zeitschrift für österreichische Volkskunde. Herausgegeben von Mickael Haberland. 
XIV. Jahrgang. 1908. V.— VI. Heft. 
A. Dörler, Sagen und Märchen aus Vorarlberg. 
d Bachmann, Bräuche und Anschauungen im nordgauischen Sprachgebiete Böhmen. 
W’. Tschinkel. Volksspiele in Gottschee. 


Zeitschrift des Vereins fiir Volkskunde. Begründet von Karl Weinhold, herausgegeben 
von Joh. Bolte. 19. Jahrgang. Heft 1. 1909. 
C. F. Stewart, Die Entstehung des Werwolfglaubens. 
J. Bolie, Bilderbogen des 16. und 17. Jahrh. (Der Freierkorb. Die Buhler auf dem 
Narrenseil. Bigorne und Chicheface in Holland und Deutschland. Der Hahnrei). 
A. Webinger, Tracht und Speise in oberösterr. Volksliedern. 
H. Heuft, Westfälische Hausinschriften. 


Zeitschrift des Vereins für rheinische und westfälische Volkskunde. 5. Jahrg. 198. 
Heft 4. 
K. Wehrhan, Kinderspiele aus Lippe. 
K. Helm, Das Brauchen. 
P. Wimmert, Abzählreime. 
F. Schön, Volkskundlich interessante Kinderreime aus Saarbrücken. 
W. Brinckhoff, Storchreime aus T,übbecke - Rahden -Ströhen. 


6. Jahrg. 1909. Heft 1. 


D Oeke, Dorfmärchen und anderes aus dem Volke. Im Paderbornschen gesammelt. 

H. Heuft, Volkslieder aus der Eifel. 

J. Bender, Beiträge zur rhein. Mundart. (Unter Zugrundelegung der Mundart von 
Siegburg - Müldorf.) 





Die Mundarten des Grofsherzogtums Hessen. 


Von Hans Beis. 
(Fortsetzung.) 


Allgemeines über die Vokale. 


Die hessischen Mundarten besitzen die meisten Vokale der Schrift- 
sprache und unterscheiden, wie diese, kurze und lange, einfache und 
Doppelvokale. Außer den schriftdeutschen Vokalen besitzt jedoch die 
Mundart noch einige ihr eigentümliche Laute. Zunächst ist hier ein 
zwischen a und o stehender kurzer oder langer Laut zu erwähnen, der 
ungefähr dem englischen a in water entspricht. Dann ein kurzes ge- 
schlossenes e, das sich neben dem auch in der Schriftsprache gebrauchten 
kurzen offenen e fast in allen hessischen Mundarten findet (z. B. in fest, 
Ecke) und wie das französische é in général gesprochen wird, d. h. wenn 
auch kurz, so doch mit der Mundstellung des langen e. In Oberhessen 
und im Odenwald finden sich ferner die Doppellaute äi, ot und ou, die 
mit den schriftdeutschen ei oder ai, eu und aw nicht verwechselt werden 
dürfen. Ein anderer Doppellaut äi, dessen erster Teil a recht lang ge- 
sprochen wird, hat sich in Teilen Rheinhessens unter ganz bestimmten 
Voraussetzungen entwickelt. Die Doppellaute ea und oa, deren zweiter 
Teil sich aus r entwickelt hat, sowie die Nasenlaute sind bereits oben 
besprochen worden. 

Manche schriftdeutschen Laute haben in unseren Mundarten eine 
leise Änderung der Klangfarbe erhalten. Der Lauta wird durchweg mit 
einer unbedeutenden Färbung nach o hin gesprochen. Bei o haben wir 
einen offenen, dem a sich nähernden und einen geschlossenen, dem « 
näher stehenden Laut zu unterscheiden. Auch bei den Doppellauten 
ai, au, eu finden sich mannigfache kleine Unterschiede in der Färbung 
und Länge des ersten Lautes. 

Bei der Entwicklung der Vokale spielt in viel größerem Umfange 
die Betonung eine Rolle als bei den Konsonanten. Wir müssen unter- 
scheiden, ob der Vokal betont ist oder ob er in unbetonter Silbe steht. 
Wir behandeln zuerst die Vokale in unbetonten Silben. 


Die Vokale in unbetonten Silben. 
Bei oberflächlicher Beobachtung könnte man meinen, daß im Süd- 
deutschen die Endsilben bedeutend stärker abgeschwächt worden sind als 
Zeitschrift für Deutsche Mundarten, IV. 13 


194 Hans Reis. 


im Norddeutschen. Doch ist dies nicht so durchgehends der Fall, wie 
man gewöhnlich annimmt. Im Gegenteil werden wir genug Beispiele 
sehen, in denen man im Süden die Endungen deutlicher und entschiedener 
spricht als im Norden. 

Ist es überhaupt richtig, anzunehmen, daß der Süddeutsche bequemer 
und lässiger spricht als der Norddeutsche? Diese Annahme wurde hervor- 
gerufen durch das Schicksal der auslautenden e und en in den meisten 
süddeutschen Mundarten. Das auslautende e ist nämlich in unsern Mund- 
arten durchweg beseitigt worden. So heißt es älscht für älteste, ärrigst 
für ärgste, Aa für Auge, Baa für Beine, Erd für Erde, bring für bringe, 
Dier für Türe, Fleet für Flöte, Strimp für Strümpfe, Sunn für Sonne. 
Wohl kaum eine Spracherscheinung der Mundart geht in solchem Umfange 
bis in die höchsten Kreise der Bildung hinauf, wie diese Beseitigung 
des auslautenden ee. Auch kann sich keine der neu entstandenen mund- 
artlichen Eigentümlichkeiten eines so hohen Alters rühmen wie diese: 
denn schon im Altdeutschen des dreizehnten Jahrhunderts finden sich 
Beispiele hierfür. Außerdem erstreckt sich diese Erscheinung über den 
größten Teil des deutschen Sprachgebietes; nicht nur in ganz Ober- 
deutschland ist sie verbreitet, sondern auch in Mitteldeutschland — mit 
Ausnahme von Schlesien, Sachsen, Nordthüringen und der Gegend von 
Kassel — und in einem nicht allzu kleinen Teil des niederdeutschen 
Sprachgebietes (Niederlande, Nordseeküste, Altmark, Mecklenburg, Pommern). 
Bei dieser gewaltigen Verbreitung konnte es allerdings nicht ausbleiben, 
daß auch die Umgangssprache der Gebildeten das e am Wortschlusse 
recht lässig behandelt. 

In entschiedenem Gegensatz hierzu steht die Behandlung, die unsere 
Mundarten dem e in den Endsilben der Familiennamen zuteil werden 
lassen. Während dieses e im Norden immer unbetont, ähnlich einem 
sehr kurzen ö, gesprochen wird, spricht man es am Mittelrhein ziemlich 
lang, wie ein französisches é. Wer Gelegenheit hat, die hiesige Aus- 
sprache von Familiennamen, wie Goethe, Raabe, Rhode, Pape, Anthes, 
Matthes, mit der Aussprache der zugewanderten Norddeutschen zu ver- 
gleichen, wird den großen Unterschied zwischen beiden nicht in Abrede 
stellen können. Diese Erscheinung ist jedoch keine aus dem Wesen 
unserer Mundarten hervorgehende Eigentümlichkeit. Denn erstens tragen 
die meisten dieser Namen norddeutsche Lautgestaltung; nicht Pape, Rhode, 
Raabe würden in Süddeutschland als Familiennamen entstanden sein, 
sondern Pfaff, Roth, Raab. Die Träger jener Namen sind wahrscheinlich 
ebenso von niederdeutscher oder nordmitteldeutscher Herkunft, wie 
Goethes Großvater, der aus Thüringen nach Frankfurt eingewandert ist. 
Dann ist aber auch kein rechter Grund dafür zu erkennen, warum 
Familiennamen von der Mundart anders behandelt werden sollen als z. B. 
Vornamen oder Spitznamen. Wenn in letzteren, wie die Vornamen Done 
(Antonius) und Hunnes und die Spitznamen Erres und Stumpe zeigen, 
die Endung einen unbetonten Vokal hat, warum nicht auch in Familien- 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 195 


namen? Wahrscheinlich ist jene Aussprache der Familiennamen in den 
gebildeten Kreisen des achtzehnten Jahrhunderts unter dem Einfluß des 
benachbarten Französischen entstanden und hat sich dann allmählich und 
stufenweise die unteren Schichten des Volkes erobert. 

Wenn in echt mundartlichen Worten am Schlusse der Laut e erscheint, 
so ist er auf die frühere Endung en zurückzuführen; so steht bringe für 
bringen, Lumbe für Lumpen, Gretche für Gretchen, bißje für bißchen 
(kleiner Bissen, ein wenig). Nur scheinbar geht e nicht auf en zurück. 
Wenn nämlich die Mehrheitsformen Lusde für Lust, Engsde für Angst 
mit der Bedeutung der Einzahl gebildet werden, wenn man ferner in 
der Einzahl Kunne für Kunde und im Odenwald Schduwe (Stube) und 
Schale sagt, so ist dieses durch Angleichung an solche Formen (Dativ, 
Akkusativ) entstanden, in denen ursprünglich en gestanden hat. 

Ein wichtiger Unterschied besteht noch zwischen der Art, wie man 
hier und wie man in Norddeutschland die Endungen ausspricht. Wenn 
für bißchen der Mecklenburger bischen und der Westfale bißken sagt, so 
spricht er von der Endung nicht den Buchstaben e, sondern nur n aus 
und verwendet auf die letzte Silbe dieses Wortes weniger Zeit als wir 
mit unserem bije oder der Pfälzer mit drssele oder gar der Schwabe mit 
bissela. Ähnliches gilt für das mittelrheinische Greiche und Ännche im 
Vergleich mit dem norddeutschen Gretchen und Ännchen. Bei der nieder- 
deutschen Aussprache wird außerdem die zweite Silbe fast ohne jede 
Pause an die vorhergehende Silbe angefügt und ist geradezu tonlos. Der 
Südwestdeutsche dagegen macht, besonders wenn er kräftiger spricht, 
zwischen den beiden Silben eine mehr oder minder große Pause, und 
indem hierdurch die zweite Silbe eine gewisse Selbständigkeit erhält, 
kann sie auch nicht ganz tonlos sein, sondern muß mit einem gelinden, 
natürlich nicht sehr starken Ton versehen werden. 

Diese schärfere Grenze, die bei uns zwei aufeinander folgende Silben 
trennen kann, entsteht „durch Minderung und Verstärkung des beim 
Sprechen angewandten Nachdrucks, d. h. der Kraft, mit welcher die zum 
Sprechen verwendete Luft aus den Lungen ausgetrieben wird“ (Sievers). 
Man nennt diese Grenze Druckgrenze im Gegensatz zur bloßen Schall- 
grenze, die, wie bei der norddeutschen Aussprache, lediglich durch die 
Notwendigkeit, einen andern Laut zu sprechen, hervorgebracht wird. 
Die Druckgrenze wird im Süden unseres Gebietes, z. B. in Mainz, stärker 
gebraucht als im Norden, z. B. in Oberhessen; wenigstens bei betontem 
Sprechen sind die Pausen zwischen den Silben in Mainz entschieden 
größer als in Gießen. Nach Süden nimmt diese Art des Sprechens mehr 
zu; in oberdeutschen, besonders in Schweizer Mundarten, werden in viel 
größerem Umfang die Nachbarsilben durch Druckgrenzen mit größeren 
Pausen geschieden. 

Bei der Endung heit findet sich in Oberhessen eine doppelte Laut- 
entwicklung. Wenn diese Endung einen gewissen Ton hatte, so ent- 
wickelte sich heit lautgesetzlich zu kaat; dieses kommt z. B. in Freihaat, 

13* 





196 Hans Reis. 


Frechhaat, Faulhaat, Dommhaat (Dummheit), Grobhaat, (Gesondhaat, 
Unverschamthaat, Schienhaat (Schönheit) vor. War dagegen heit ganz 
unbetont, so wandelte es sich zu ei, so in Buset (Bosheit), Geweenel 
(Gewohnheit), Wohret (Wahrheit), Kranket (Krankheit). Diese Wörter mit 
der abgeschwächten Endsilbe sind lautgesetzlich aus den entsprechenden 
altdeutschen Wörtern entstanden. Man sollte nun auch für die andern 
Wörter jene verkürzte Endsilbe erwarten; dies geschah aber nicht, weil 
auf der Endung ein gewisser Ton ruhte, und dieser Ton entstand dadurch, 
daß die Endung eine bestimmte Aufgabe hatte, die darin bestand, dab 
die Mundart mittels ihr die alte Art der Wortbildung fortsetzte, indem 
sie das aus heit lautgesetzlich entstandene haat hinter die Eigenschafts- 
wörter setzte, um Hauptwörter zu bilden. Im Gegensatz zum lautgesetz- 
lichen e? ist also kaat ein Mittel, dessen sich die Mundart noch jetzt zur 
Wortbildung bedient. 

Eine starke Abschwächung hat auch die Endung der Ortsnamen 
auf -heim (Rüdesheim, Geisenheim) erfahren. An ihrer Stelle erscheint 
in unseren Mundarten fast nur noch der Konsonant m. Der etwa vorher- 
gehende Vokal ist von geradezu verschwindender Kürze und daher seinem 
Lautcharakter nach sehr schwer zu bestimmen; bald scheint er ein e, 
bald mehr ein ö, bald sogar u zu sein Diese starke Kürze hat die End- 
silbe dann, wenn sie unmittelbar auf die den Hauptton tragende Silbe 
folgt, wie in Ginsm (Ginsheim), Kostm (Kostheim), Bischm (Bischofs- 
heim), Nerrer - Salm (Nieder-Saulheim), Auchm (Hochheim). Denn in 
diesem Falle können die beiden aufeinander folgenden Silben noch mit 
einem Ausatmungsstrom ohne jede Schwierigkeit gesprochen werden, so 
daß kein Bedürfnis nach einer Pause hierbei empfunden werden kann. 
Wenn sich aber zwischen die Tonsilbe und die Endsilbe noch eine oder 
gar zwei weitere Silben einschieben, dann ist es nicht mehr so leicht, 
alles auf einmal auszusprechen; eine kleine Pause tritt ein, und durch 
diese wird die Endsilbe selbständiger, womit sich auch eine kleine Be- 
tonung verbindet. In einigen Gegenden Rheinhessens und Starkenburgs 
hat sich durch diesen stärkeren Ton ein entschiedenes u entwickelt, so 
daß die Endung um lautet; z. B. Bretzenum (Bretzenheim), Gunsenum 
(Gonsenheim), Obbenum (Oppenheim), Bodenum (Bodenheim), Zawenum 
(Laubenheim), Piffliggum (Pfiffligheim), Schwowenum (Schwabenheim), 
Miummerum (Mommenheim), /Iebberum (Heppenheim), im Gegensatz zum 
benachbarten Bensm (Bensheim). Andere Dörfer haben jedoch durch- 
weg em oder öm, ja sogar Orte, die unmittelbar nebeneinander liegen, 
weisen verschiedenartige Entwicklung auf. 

Manche Ortsmundarten zeigen, daß sich dieses u nicht zuerst in 
den Ortsnamen Gonsenheim, Bretxenheim usw. entwickelt hat, sondern 
in den davon abgeleiteten Namen der Ortsbewohner Gonsenheimer, Bretzen- 
heimer. Denn dreisilbige Worte könnten noch vielleicht in einem Aus- 
atmungsstrom gesprochen werden; innerhalb viersilbiger Worte dagegen 
ist eine Pause zum Atemschöpfen nicht zu entbehren, und dadurch 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 197 


wurden die beiden letzten Silben selbständiger und die vorletzte Silbe 
mit einem Nebenton versehen. So bildete sich nachträglich Obbenumer 
(Oppenheimer) neben Obbenem; Angleichungen fanden nun aber statt, 
die in dem einen Orte zugunsten von um, in dem andern von em oder 
öm den Ausschlag gaben. 

In der Wetterau ist vor auslautendem } der unbetonte Endungsvokal 
zu 2 geworden; z. B. Omschil (Amsel), Hinkilche (Hinkelchen, Hühnchen), 
Himmil, Spiegil, Engil, Wingilsbergk (Wingertsberg), rompilt (rumpelt). 

Sonst sind die Vokale der Endungen durchweg zu unbetontem e 
geschwächt worden. Wir erwähnen von diesen Abschwächungen noch 
wohlfel (wohlfeil), Kordel (Vorteil), koschber (kostbar), Nochber (für Nach- 
bar, das schon aus Nachgebauer gekürzt ist), Ormet (Armut), Haamet 
(Heimat), Erwet oder Arwet (Arbeit), Emens (Ameise), anne (anhin), 
haame (heimhin). 

In demselben Verhältnis wie die Endungen zu dem Stamm stehen 
viele Fürwörter zu dem vorhergehenden Worte, besonders der Präposition 
oder dem Zeitwort. Auch bei den Fürwörtern sind die Vokale zu e ge- 
schwächt worden; z. B. anem für an ihm, hasde für kast du, habder für 
habt ihr, wammer für wann wir, gebder für gebe dir, es gittere für es 
gibt deren, aneme für an einem, annen für an ihn, wannse für wann 
sie, leetem für legte ihm. 

Die Endung ung ist im Oberhessischen teilweise zu exg mit ge- 
schlossenem e geworden, z. B. Atxeng für Atzung, Bessereng für Besse- 
rung, Forereng für Forderung, Gesinneng für Gesinnung, Loreng für 
Ladung, Noreng für Nahrung, Verennereng für Veränderung, Waireng 
für Wertung, Weite. Dieses erg hat jedoch kein tonloses e, es entspricht, 
wie sonst auch in ÖOberhessen, einem südlicheren 2. In Teilen Rhein- 
hessens und im Odenwald heißt es nämlich Ordning (Ordnung), /wirer- 
treiwing (Übertreibung), Mexdeering (Mixtur), Wetting (Wettung, Wette), 
Heizing (Heizung), Feiering (Feuerung), Helling (Helle), Feichting (Feuch- 
tigkeit). 

Die schriftdeutsche Endung in für weibliche Personen erscheint in 
Rheinhessen zu n geschwächt, z. B. Schmitten (Schmittin, Frau Schmitt), 
Wineklern (Winklerin), Fausten (Faustin, Frau Faust), Millern (Müllerin). 
Am Neckar finden sich noch Worte wie Wirtin, Wäscherin mit früher 
nasaliertem, aber nicht zu e geschwächtem z erhalten; in Rheinhessen sagt 
man dafür Wirtsfrau, Waschfrau. 

Auch in den tonschwachen Vorsilben ist starke Verkürzung ein- 
getreten. Auf den südlichsten Teil Hessens beschränkt ist die schon 
besprochene Verwandlung ge zu k und von be zu p vor h, wobei ein e 
weggefallen ist, vgl. katt (gehabt), Aalde (gehalten), palde (behalten). Über 
das ganze Gebiet verbreitet sind Abkürzungen in folgenden Worten: ewek 
(hinweg, früher enıcec), eso (also), enanner (einander), emol (einmal), draus, 
duus (daraus), drin, din (darin), drinne (darinnen), deber (dabei), erobb 
(herab), eruff (herauf), eraus, raus (heraus), enuf, nuff (hinauf), enaus, 


198 Hans Reis. 


naus (hinaus), eninn, ninn, enei, nei (hinein), drin, drei (darin), eniwirer 
(hinüber), denewe (daneben), elaans (allein), ewerl (eine Weile), dehaam 
(daheim), kunne (hier unten), kowe (hier oben), kiwwe (hier üben), trum 
(darum), trowwe (dar oben), haus (hier außen), draan (daran). 

Diese starke Abschwächung der Anfangssilben erscheint auf den 
ersten Blick rätselhaft; denn der Atmungsstrom hat ja erst begonnen und 
ist daher auch noch so stark, daß genug Kraft für die volle Aussprache 
der Silbe vorhanden ist. Das Rätsel löst sich, wenn man die Stellung 
dieser Worte im Satze betrachtet. Eine klare Pause zum Atemholen 
wird z. B. in dem Satze ch gehe hinüber nicht vor hin, sondern vor 
über gemacht; berücksichtigt man also nicht die Worte, sondern nur die 
durch das Sprechen entstehenden Satztakte, so gehören diese Vorsilben 
zum vorhergehenden, nicht zum folgenden; sie sind also gewissermaßen 
Endsilben und werden dem Gesetz der Abschwächung der Endsilben erst 
recht unterliegen müssen, weil sie nicht sofort, sondern erst in zweiter 
Linie auf die Hauptsilbe folgen, und wenn für die erste Nachsilbe nur 
wenig Zeit und Kraft vom Ausatmungsstrom übrig bleibt, so für die 
zweite noch weniger. | 

Während in allen bisher angeführten Fällen der neuhochdeutsche 
Lautbestand eine Abschwächung der altdeutschen Laute darstellt, haben 
wir in wenigen Fällen auch Verstärkung der Endungen zu verzeichnen. 
Es sind nämlich in Hessen bei manchen Worten die Vokale e und č in 
die Endung zwischen die Konsonanten eingefügt und hierdurch eine 
zweite Silbe gebildet worden, wodurch das Wort eine entschiedene Ver- 
längerung erfahren hat. Solche Sproßvokale finden wir besonders im 
Westen Deutschlands; Helem (Wilhelm) kann man am Niederrhein hören, 
und an der Lahn und in Oberhessen kommen die Worte finef (fünf), 
Doref (Dorf), Koreb (Korb) vor. Im nördlichen Rheinhessen finden sich 
die Worte xwarem und arem mit dem Sproßlaut e, während in Milich, 
arich (arg), Schdorik (Storch) ein © eingeschoben ist. An der hessisch- 
badischen Grenze finden sich außerdem noch Halem, Raneft (Ranft), 
schderewe (sterben), Sarik (Sarg), starik, welik (welk), Kalik (Kalk), Balike 
(Balken). Dieser Sproßvokal entwickelte sich zuerst, wenn bei nachdrück- 
lichem Sprechen fast jeder Laut des Wortes hervorgehoben wurde. Dabei 
entstand nach dem ersten betonten Vokal eine Druckgrenze, die folgende 
Konsonantenverbindung wurde dadurch eine besondere Silbe, und indem 
diese ebenfalls mit Nachdruck gesprochen wurde, entwickelte sich zwischen 
den zwei zu betonenden Konsonanten als Übergangslaut ein Vokal, der 
durch die Klangfarbe des einen der beiden Konsonanten genauer bestimmt 
wurde, wie e durch m und © durch ch. Die Halbmundart der älteren 
Zeit hielt noch fest-an den Sproßvokalen; erst vom jüngeren, heutigen 
ıeschlechte werden sie beseitigt. 

Anderer Art ist der ganz tonlose Sproßvokal e in zusammengesetzten 
Wörtern, wie Aoppekisse (Kopfkissen), Striekereig (Strickzeug), gestopple- 
voll (vollgestopft), Oosebub. Im diesen Worten ist der neue Vokal nicht 


N 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 199 


durch Nachdruck beim Sprechen des Wortes entstanden, sondern er ver- 
dankt seinen Ursprung dem Vorbilde anderer Zusammensetzungen, in 
denen dieses e am Schlusse des ersten Teiles an Stelle eines früheren und 
schriftdeutschen en steht, z. B. Sunneschein (Sonnenschein), Lumbezeig 
(Lumpenzeug), Kickemedche (Küchenmädchen), Geschichtebuch (Geschichten- ` 
buch. Wenn nun in diesen und sehr vielen andern zusammengesetzten 
Worten an den ersten Teil der Zusammensetzung ein e angefügt wurde, 
lag es dem Sprachgefühl nahe, in diesem Laute ein recht geeignetes 
Mittel für die Bildung zusammengesetzter Wörter zu erblicken und ihn 
demgemäß häufiger zu verwenden, selbst dann, wenn, wie bei oben ge- 
nannten Worten, in der sprachlichen Überlieferung gar kein Anhaltspunkt 
hierfür gegeben war. 

So haben wir gesehen, daß die Endungen durchweg abgeschwächt 
worden sind. Diese Abschwächung ist aber in unserer Gegend nicht so 
entschieden durchgeführt worden; im Gegenteil erscheinen Bestrebungen, 
die eine mäßige Betonung der Endsilbe bewirken. Je weiter wir nun 
nach Süden kommen, um so häufiger begegnen wir Endungen, die stärker 
betont sind als im Norden. Schon die Mainzer Gegend legt einen stärkeren 
Ton auf dieselben als die Orte an der Lahn, und am Neckar wiederum 
sind die Endungen breiter als am Main. 


Verlängerung und Verkürzung von Vokalen.' 

Für die Schriftsprache gilt im allgemeinen das Gesetz, daß die 
kurzen Vokale des Altdeutschen in offener Silbe (d.h. wenn diese auf 
einen Vokal ausging) gedehnt worden sind, so in lo-ben, Va-ter, Glä-ser. 
In geschlossener Silbe dagegen blieb die alte Kürze, vgl. tan-zen, hal-ten, 
bin, weg. Aber schon in der Schriftsprache ist diese Lautregel durch 
mannigfache Analogiebildungen ziemlich früh und stark eingeschränkt 
worden. So sind die meisten einsilbigen Worte, wie Hof, Glas, Gras, 
Rad, Mehl, Tor heutzutage nicht mehr kurz; denn neben ihnen standen 
die Formen Höfe, Gläser, Grases, Rade, Mehles, Tore, und da in diesen 
der Vokal in offener Silbe stand, wurde er verlängert, und diese Länge 
drang dann auch in die einsilbigen Formen ein. So ist es auch in den 
hessischen Mundarten; nur in yrob hat sich abweichend von der Schrift- 
sprache die Kürze erhalten, sogar in den mehrsilbigen Formen growwer, 
growwe. 

Noch eine zweite Ausnahme von der allgemeinen Lautregel findet 
sich in den hessischen Mundarten. In den Wörtern auf el, em, en, er 
ist die alte Kürze auch in offener Silbe meist erhalten. Auch dieses ist 
eine Folge von Analogiebildungen. Von Vater z. B. wurden früher die 
Objektformen Valres und Vatre gebildet; neben gebe steht gibst, gibt. 
Einige Formen hatten also geschlossene Silben und mußten daher den 
kurzen Vokal behalten. Indem diese Kürze auch auf die übrigen Formen 


' Genaueres darüber gibt A, Ritzert, Dehnung der mhd. kurzen Stammvokale in 
Braunes Beiträgen 23, 8. 131 ff. 


200 Hans Reis. 


übertragen wurde, heißt es nunmehr Vatter und gewwe. Vgl. auch noch 
Boddem (Boden), Bessem (Besen), Gawxwel (Gabel), Howwel, Kiwwel 
(Kübel), Nawwel, Schnawwel, Newwel, Zwiwwel, awwer, Lewwer, Zuwwer, 
hawwe, leddig, Fleddermaus, Ruddel, Schwewwel (Schwefel), Hawwer, 
Käwwer, Käwwig, Ledder, odder, gebotte (geboten), sewwe (sieben), ge- 
` bliwwe, getriwwe. Bei einer Anzahl von Wörtern findet sich übrigens 
die alte Kürze auch in der Schriftsprache, so in Himmel, Hammer, 
Sommer, Kammer. 

In manchen Wörtern zeigt die Mundart jedoch die lautgesetzliche 
Länge, so in Ofen, Hase, Hose, laden, stehlen, leben, treten, beten, holen, 
mahlen. Im nördlichsten Oberhessen erscheint die Länge auch in den 
Partizipien geblieben, geschrieben, ferner abweichend von der Schrift- 
sprache in Hammer und Hammel. Weiter nach Süden verbreitet ist die 
Länge in Blatt, Brett, satt, glatt. Hier hat sich die: Länge in den 
offenen Silben der mit Endung versehenen Formen (Blätter, Bretter usw.) 
nicht nur behauptet, sondern ist auch durch Analogie in die einsilbigen 
Formen eingedrungen. Dies ist allerdings eine ziemlich seltene Ausnahme, 
denn sonst ist fast durchweg die Kürze siegreich gewesen. 

So haben sich Analogiewirkung und Lautgesetz derart gekreuzt, daß 
das Ergebnis ist: Einsilbige Worte haben meist langen, mehrsilbige meist 
kurzen Tonvokal. Es scheint mir aber, daß dieses Ergebnis nicht nur 
durch Angleichung der Formen, sondern auch zum Teil durch eine ge- 
wisse Richtung der Lautentwicklung bedingt ist. Denn nachdem die Schall- 
grenze zwischen den einzelnen Silben an Stelle der Druckgrenze getreten 
war, mußten mehrsilbige Wörter mit demselben Ausatmungsstrom ge- 
sprochen werden wie einsilbige.e Bei mehrsilbigen Wörtern blieb aber 
infolgedessen für die einzelnen Laute eine geringere Zeit übrig, und 
jeder Laut, also auch der Tonvokal, mußte daher von kürzerer Dauer 
sein als bei den einsilbigen. 

Im Oberhessischen wurde, wie wir gesehen haben, altes ks oder 
schriftdeutsches cks zu s. Dabei wird aber der vorhergehende Vokal 
verlängert; vgl. Oosel (Achsel), Floos (Flachs), Oose (Achse), woose (wachsen), 
wiest (wächst). Ebenso bei dem Wegfall von n mit Nasalierung in Haad 
(Hand), Saad, Baad usw. Die Halbmundart in den Städten hat nach 
Einführung des ausgefallenen Konsonanten den Vokal verkürzt, jedoch o 
nicht in a verwandelt; vgl. Ochsel, Flochs, Ochse, wochse. 

Eine besondere Eigentümlichkeit findet sich in der Halbmundart, 
wenn diese an Stelle des in der echten Mundart beseitigten g den Reibe- 
laut ck eingesetzt hat (vgl. S. 101). Denn der Vokal war in der ursprüng- 
lichen Mundart lang; in der Halbmundart wird nun dieser Vokal gekürzt, 
obwohl in der Schriftsprache die Länge steht; vgl. licht (liegt), sacht (sagt), 
gesachl, gekricht (gekriegt, bekommen), kricht. Daneben heißt es aber 
leeche, saache mit dem lautgesetzlich langen Vokal, während sich durch 
Analogie die Kürze in Ariche findet. Es sind dies wohl Beispiele dafür, 
wie vor 100 Jahren in Hessen die Schriftsprache gesprochen wurde. 


`~ Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 201 


Außerdem sind noch in einigen besonderen Fällen die Vokale ver- 
längert worden. Vor r am Wortschlusse ist schon in der Schriftsprache 
der frühere kurze Laut lang geworden. Aber in unseren Mundarten ist 
auch vor inlautendem r in der Regel Verlängerung von a eingetreten, 
vgl. Gaade (Garten), Kaat (Karte), Haade Kuche (Harte Kuchen). Die 
andern Vokale werden vor r nur im Oberhessischen lang, in den andern 
Teilen Hessens dagegen kurz gesprochen. Man erkennt einen Oberhessen 
sofort an der Aussprache von Vers, fertig, Durst, Wurst, erst, gern usw. 
Oberhessisch ist auch die Verlängerung des Vokals vor ld oder lt, z. B. 
aalt, kaalt, Waald, Gewaalt, Gestaalt, baal (bald), Faal (Falte), haale 
(halten). 

Im Binnenfränkischen und Pfälzischen sind die früheren Doppel- 
vokale če und zo vor ch und m verkürzt worden, zum Teil abweichend 
von der Schriftsprache. Vgl. fluche (für fluchen aus vluochen entstanden), 
Kuche, Buch, Schuck, riche (riechen), Blumm (Blume). Oberhessische 
Dörfer haben jedoch zum Teil noch heute in diesen Worten einen 
Doppellaut. 

Umgekehrt erscheint vor chi ein ursprünglich kurzer Vokal gedehnt 
in einem weiten Gebiet, das nördlich vom Westerwald und südlich vom 
Neckar begrenzt ist und im Westen ungefähr vom Rhein abgeschlossen 
wird, doch so, daß noch einige linksrheinischen Orte dazu gehören. Es 
ist also nur im größeren Teil Rheinhessens die schriftdeutsche Kürze zu 
finden. Im kleineren Teil Rheinhessens dagegen, wie in ganz Starken- 
burg und ÖOberhessen wird der Vokal vor cht verlängert, z. B. räächt 
(recht), schläächt (schlecht), gezeecht, Schbäächt (Specht), Betroochting 
(Betrachtung), Noacht, oacht (acht). Wenn daneben gelacht, gemacht mit 
kurzem Vokal vorkommt, so liegt Anlehnung an andere Formen vor, in 
denen kein ? auf ch folgt. In den Großstädten und ihren Vororten, auch 
in manchen Kleinstädten und verkehrsreichen Gegenden ist durch den 
Einfluß der Schriftsprache die alte Länge verdrängt worden. In manchen 
Gegenden geschah dies schon ziemlich früh, so in Grünberg, wo die 
Entwicklung eines alten a zu o zum Teil erst später eingetreten ist. In 
Darmstadt findet sich für scklecht die schriftdeutsche Aussprache bei der 
gewöhnlichen Bedeutung des Wortes; dagegen sagt man schläächt in 
scherzhaftem Sinne. 

Einer ziemlich starken Verkürzung aller Vokale begegnen wir im 
nördlichen Rheinhessen, wo kurze Vokale ganz besonders kurz und lange 
Vokale fast kurz gesprochen werden. Das Volk spricht dort überhaupt 
mit einer außerordentlich großen Schnelligkeit, und aus dieser großen 
Sprechgeschwindigkeit folgt eine weitgehende Verkürzung langer Vokale, 
besonders bei mehr zusammenhängendem Sprechen. So kann man z. B. 
bei folgenden Worten eine Verkürzung wahrnehmen: wer, wem, dir, sagen, 
erzählen, wenig, Stuhl, Ofen, Lohn, Hof. Dabei ist aber festzuhalten, 
daß die Beschaffenheit des langen Lautes bei der Verkürzung gewahrt 
bleibt, daß also die auf solche Weise entstandenen kürzeren e und o 


202 Hans Reis. 


ebenso geschlossen gesprochen werden wie die langen e und o. Auch 
bei denen, die schriftdeutsch sprechen wollen, kann man diese Verkürzung 
beobachten; vielleicht ist sie auch dadurch entstanden, daß bei der Über- 
tragung der Mundartworte in die Schriftsprache mehr Laute als früher 
gesprochen werden mußten; dies konnte aber bei Beibehaltung der bis- 
herigen Sprechgeschwindigkeit nur durch Verkürzung anderer Laute erreicht 
werden. 
Umlaut und Entrundung. 

Eine der wichtigsten Veränderungen, welche die Vokale in der 
deutschen Sprachgeschichte erfahren haben, ist der Umlaut. Dieser besteht 
darin, daß durch ein in der Endsilbe stehendes © oder 7 die vorangehenden 
Vokale a, o, u, au zu ä oder e, ö, ü und äu oder eu umgewandelt worden 
sind. Die Umlautserscheinungen lassen sich zuerst in der Mitte des 
achten Jahrhunderts nachweisen, später ist das ¿ der Endsilbe geschwunden 
und hat einem dumpfen e Platz gemacht. Wir können aber in der Regel 
auf ein früheres © schließen, wo wir umgelautete Formen haben. So 
finden wir in den Worten Eltern und älter einen Umlaut von alt, in 
fest einen von fast, von Blatt in Blätter, von arm in ärmer, von Mann 
in Männchen, von groß in größer, von gut in Güte, von Haus in Häuser. 

Der Umlaut ist über die deutschen Mundarten nicht gleichmäßig 
verbreitet. Das Niederdeutsche kennt ihn in viel größerem Umfang als 
das Oberdeutsche, und so erscheint er auch in den hessischen Mundarten, 
besonders im Norden, häufiger als in der Schriftsprache. Abweichend 
von dieser finden wir ihn in den Worten Hink für Honig, schellig für 
schuldig, gedellig für geduldig, verig für vorig, wobei zu beachten ist, daß 
in unsern Muündarten ö, ü, e, © vielfach miteinander vertauscht worden 
sind. In allen diesen Worten ist das © der Endung, das den :Umlaut 
bewirkt hat, noch heute vorhanden. In andern Worten mit Umlaut können 
wir es im Altdeutschen noch nachweisen; so geht ¿in (und) auf unti, im 
(um) auf umbi, Gille und Gelle (Gulden) auf guldin zurück, und wie zu 
schwarz, naß die Zeitwörter schwärzen, nässen gehören, so auch trickene 
zu trocken, plesdern zu Pflaster. _ 

Aber auch ein ei der folgenden Silbe wirkt in demselben Sinne, 
daher heißt cs Frei (Arbeit), Emes, Emens (Ameise), Ehm (Oheim), 
Rerem (Rodheim), Gerreenet (Gewohnheit). Die Umlautserscheinungen 
sind in Oberhessen häufiger als in Rheinhessen, wo man zwar Ehm, aber 
Arwet (Arbeit) sagt. Diese und ähnliche Versehiedenheiten sind wohl 
darauf zurückzuführen, daß in den Orten und Worten mit Umlaut die 
Silben nur durch Schallgrenzen, in den andern dagegen durch Druck- 
grenzen geschieden worden sind. So erklärt es sich auch, warum der 
häufiger mit Schallgrenzen trennende Norden zahlreicher den Umlaut 
aufzuweisen hat als der die Druckgrenzen bevorzugende Süden. Und da 
cine Druckgrenze eher nach einer längeren und stärkeren Silbe gemacht 
wird, ist auch der Umlaut bei längeren und kräftigeren Vokalen später 
eingetreten. 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 203 


Wir erwähnen noch einige Umlautserscheinungen, die sich lediglich 
im nördlichen Teil unseres Landes finden. In Grebenau sagt man glare, 
in Alsfeld gleb für glaube (galaubjan), und für Frau (gotisch frauja) sagt 
man in Grebenau und einigen andern oberhessischen Orten né In 
diesen Worten ist durch ein folgendes ; der Umlaut hervorgerufen worden, 
ähnlich wie in manchen Worten der Schriftsprache. Eine besondere alt- 
hessische Eigentümlichkeit ist jedoch der Umlaut bei folgendem s. Anstatt 
des lautgesetzlich zu erwartenden kaß (heiß) und waf (weiß) heißt es 
häß und wäß in der Gegend von Gießen, Grünberg und Herbstein. Für 
aus heißt es im Niederhessischen üs, im Oberhessischen hört man ver- 
einzelt Össe oder Oässe für Ochsen, läßt für laßt (Befehlsform), steß für 
stoße, wässe für wachsen. Im größten Teil des alten Chattenlandes ist 
diese Erscheinung heimisch, wie’ja auch C'hatlen zu Hessen geworden ist. 
Die Südgrenze ist ungefähr eine Linie, die von Biedenkopf über Neustadt 
nach Alsfeld zieht; doch finden sich auch südlich von dieser Linie noch 
vereinzelt solche Umlautserscheinungen. 

Auffällig ist der Umlaut bei den in Oberhessen vorkommenden 
Wörtern Birem (Boden), Hiel (Dobei, Depp (Taube), Trewicel (Traube), 
Prem (Pflaume). Es ist wohl anzunehmen, daß diese Worte aus der 
Mehrzahl eingedrungen oder vielleicht anderswoher eingeschleppt worden 
sind. Weit verbreitet, auch in Südhessen, ist wesche für waschen und 
Esch für Asche, im Binger Land findet sich auch Desch (Tasche); diese 
Worte weisen auf andere Mundarten hin, in denen vor sch der Umlaut 
eingetreten ist. Im nördlichsten Oberhessen findet sich auch noch Desch 
(Tasche), Esch (Asche), nesche (naschen). Doch befinden wir uns da schon 
in einer Übergangszone; in Atzenhain bei Grünberg kommt neben Desche 
auch Dosche vor, und die übrigen Formen finden sich nicht mehr in 
Atzenhain, wohl aber in Grünberg. 

Vielfach ist der Umlaut neuerdings durch Analogiewirkung ent- 
standen, so bei Mehrheitsformen und der zweiten und dritten Person des 
Zeitworts. Auch die Formen ewwerst (oberst), vedderst (vorderst) sind 
solche Analogiewirkungen; im südlichen Odenwald bildet man noch die 
Steigerungsformen wehler von wohl, welfeler von wohlfeil, veller von voll, 
lengsemer von langsam mit Umlaut. 

Dagegen hat die Endung ing für ung in Ordning, Rechning, Jwirer- 
treiwing usw. wahrscheinlich gar nichts mit dem Umlaut zu tun, sondern 
ist nichts als eine Verdrängung der einen altdeutschen Endung durch die 
andere, nahe gelegt dadurch, daß bei Tonschwäche der Vokal sehr undeut- 
lich gesprochen und daher beide Endungen sich ziemlich ähnlich ge- 
‚ worden sind. Bei dem Worte Dimggelung (Dunkelheit) hat unter dem 
Einfluß des vorherigen ung auch die Endung ung den Sieg davongetragen, 
in Feichting (Feuchtigkeit) und andern Worten jedoch ing. Vielleicht ist 
auch der Umlaut in dert (dort), inne (unten), inner (unter) darauf zurück- 
zuführen, daß früher einmal durch cine ähnliche Vertauschung cin ¿ in 
der Endung gestanden hat. Ob auch in des (das) und derf (darf) Umlauts- 


204 Hans Reis. 


erscheinungen vorliegen, ist fraglich. Gewiß, in den Verbindungen das 
st und darf ich kann der Umlaut entstanden sein und sich dann verall- 
gemeinert haben. Aber des kann lautlich auch auf altdeutsch dr: (dies) 
zurückgehen, und die Formen ch derf, du derfst, er derf können durch 
Angleichung an den Infinitiv derfe (dürfen) entstanden sein. Auch das 
Partizip heißt ja infolge dieser Angleichung gederft statt des lautgesetz- 
lichen gedorft, und in der Halbmundart sagt man :ch dürf, du dürfst, 
er dürf, gedürft.. 

Im Gegensatz hierzu ist nur in seltenen Fällen der Umlaut abweichend 
von der Schriftsprache nicht eingetreten. Es sind wohl meistens Worte, 
die aus südlicheren Mundarten eingedrungen sind, so schlubbe (schlüpfen), 
Wasch (Wäsche), gunne (gönnen), Dutt (Tüte), Krott (Kröte). Je weiter 
wir nach Süden gehen, um so häufiger begegnen wir Formen ohne Umlaut. 
So fehlt am Neckar der Umlaut in Tücke, verrückt, Bütte, lüpfen, und 
im südlichen Rheinhessen ist in starkem Gegensatz zu dem größten Teil 
unseres Landes bei manchen Zeitwörtern in der zweiten und dritten Person 
der Umlaut ausgeblieben; es heißt dort schloft für schläft, rotsch für 
rätst, blooscht für bläst. 

In der Sehriftsprache erscheint ö für den Umlaut von o, ü für den 
von u und eu oder äu für den von au. Diese drei ö, ü und äu werden 
durch Rundung des Mundes und Vorstülpung der Lippen gebildet. Diese 
Art und Weise der Aussprache findet sich noch bei eu im ganzen ober- 
hessischen Sprachgebiet und greift hie und da noch ins Binnenfränkische 
über. Sonst ist durchweg Entrundung der Laute eingetreten, und so 
steht at für eu, z. B. in daitsch für deutsch, Lait für Leute, laide für 
liulen, trai für treu, Daiwel für Teufel, Zaig für Zeug, Kraix für Kreuz, 
Baidel für Beutel, faicht für feucht, bedaide für bedeuten. 

Während aber in diesen Worten wenigstens noch im Oberhessischen 
der gerundete Laut eu gebraucht wird, sind an Stelle von ö und ü im 
ganzen Sprachgebiet die entrundeten Laute e und 2 getreten. So steht 
e für ö in Derfer, Beck (Böcke), Sehdeck (Stöcke), Leggelche (Löckchen), 
Breggelche (Bröckchen), Helzje (Hölzchen), Treppche (Tröpfchen), Welf 
(Wölfe), Ehl (Öl), Fresch (Frösche). Für ü steht è in Kimmel, dinn, 
hibsch, Dier (Tür), iwwel (übel), iwwer, Kich (Küche), dichdich (tüchtig), 
Liehe (Lügen), schbiern (spüren). 


Lautwandel durch benachbartes » und n. 

Die eigenartige Entwicklung von r und » (vgl. S. 102 ff.) ist nicht 
ohne Einfluß auf die benachbarten Vokale geblieben. Bei r geschah dies, 
indem die ihm vorhergehenden Vokale je nach der Beschaffenheit dieses r 
entweder nach a hin oder von a hinweg eine Verschiebung erfahren haben. 
Durch benachbartes n und m wurde aber bewirkt, daß die Vokale zum 
Teil durch die Nase gesprochen wurden, und so sind Nasenlaute entstanden. 

Wird r vor Konsonanten auf einen Zungenschlag eingeschränkt und 
dabei dem Laute a genähert, vielleicht sogar vollständig in a verwandelt, 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 205 


so erhält der vorhergehende Vokal leicht eine Färbung nach a hin. In 
Darmstadt, Mainz und in den Orten Rheinhessens, wo jene Wandlung 
von r schon längere Zeit eingetreten war, ist auch jene Färbung nach o 
hin sehr weit vorgeschritten. Dadurch konnten u zu o, ü und ? zu e 
werden, denn die Laute o und e stehen dem Laut a näher als u und 2. 
Vgl. Woascht für Wurst, Doascht für Durst, Boasch für Bursche, borzele 
für purzelen, hordig für hurtig, dorch für durch, korx für kurz, Schnorres 
für Schnurrbart, Gorjel für Gurgel, torne für turnen, mormele für mur- 
meln, Orschel für Ursula, Worm für Wurm, Worzel für Wurzel; Werscht 
für Würste, Werm für Würmer, Berschi für Bürschchen, Deer für Tür, 
Derk für Türke, derr für dürr, geschneert für geschnürt, feere für führen, 
fercht für fürchtet, merwes für mürbes, Schnerch (altdeutsch snürche) für 
Schnur, schderze für stürzen, Gewerz für Gewürze; Deer für Tier, deer 
für dir, erre für irren, verzig für vierzig, Gescherr für Geschirr, geschmeert 
für geschmiert, Hern für Gehirn, Hersch für Hirsch, Kerch für Kirche, 
Kersche für Kirschen, Inquadeering für Einquartierung, schdudeere für 
studieren, Scherm für Schirm, Stern für Stirn, Verdelche für Viertelchen, 
Werwel für Wirbel, Wertshaus für Wirtshaus. 

In Mainz (mit Vororten), in Darmstadt, Bingen und andern Städten 
trat diese Lautentwicklung nur dann ein, wenn auf r noch ein Konsonant 
folgte. Dort sagt man also nicht, wie im innern Rheinhessen; Babeer 
(Papier); basseere (passieren), deer (dir), Deer (Tür), freere (frieren), feere 
(führen), schneere (schnüren), sondern gebraucht das schriftdeutsche t. 

Auch der Laut e hat eine Färbung nach a hin erhalten und ist 
vor r in manchen Gegenden offen, während man ohne r geschlossenen 
Laut hätte erwarten sollen. Besonders auffällig ist dies bei langem e, 
das vor r in vielen Orten geradezu in gewandelt wird; z. B. wär für 
wer, Gewähr für Gewehr, Schär für Schere, kähre für kehren. In nord- 
rheinhessischen Landorten ist aber e vor r vollständig zu a geworden, 
es heißt ar für er, Ard für Erde, garn für gern, gewahre für gewähren, 
arjerlich für ärgerlich, Haard für Herd, Harr für Herr, Arnscht für Ernst. 
Harz für Herz, hargeloffe für hergelaufen (Wiesbaden), larne für lernen, 
Starnwert (Sternwirt). 

Wie e vor r zu ä, so ist auch das lange o, das sonst bei uns, wie 
in der Schriftsprache, geschlossen gesprochen wird, vor r zu einem offenen 
o geworden. Eine seltsame Erscheinung bietet uns die Binger Gegend. 
Dort wurde, als man noch ein Zungen-r sprach, a zu o getrübt. Nach 
den dort sonst geltenden Lautgesetzen müßte dieses o geschlossen ge- 
sprochen werden. Da aber später r sich o näherte, ist jetzt ein offenes o 
vorhanden, so in foore (fahren), orich (arg), Goorde (Garten), woorn (warm), 
woorde (warten). Doch ist diese Wandlung nicht so weit verbreitet wie 
die von e zu a; sie geht nicht, wie diese, bis in die nächste Nähe von 
Mainz, sondern scheint sich auf den Binger Landkreis zu beschränken. 

In schneidendem Gegensatz hierzu stehen die Orte und Gegenden, 
in denen auch vor Vokalen ein stark gerolltes Zungen-r gesprochen wird 


206 Hans Reis. 


oder wenigstens bis vor kurzem noch gesprochen wurde. In diesen sind 
nicht nur die alten 7, ö und u unverändert vor r erhalten, sondern es 
ist sogar umgekehrt e zu č und o zu u gewandelt; vgl. Hirbst für Herbst, 
mirke für merken, Pirch für Pferch, Durf für Dorf, Urt für Ort, murchen 
für morgen, furt für fort. Wir haben S. 103 gesehen, daß dies im öst- 
lichen Oberhessen der Fall ist; nicht minder finden wir es im Odenwald. 
Nun gibt es aber auch viele Zwischenstufen zwischen deutlichem u und 
deutlichem o, so daß man nicht nur in demselben Orte, sondern sogar 
bei derselben Person bald o bald « zu hören glaubt. Daher sind auch 
die geographischen Grenzen für diese Lautunterschiede nur sehr schwer 
festzustellen. Das jüngere Geschlecht vernachlässigt jedoch das Zungen-r 
immer mehr; die Aussprache des r nach a hin verbreitet sich stark, und 
demgemäß wird auch der vorhergehende Vokal jetzt viel mehr nach a 
hin geändert als früher. 

Diese durch r hervorgerufenen Lautfärbungen finden sich, solange 
sie nicht zu ausgeprägt sind, auch in der Halbmundart der Städter und 
in dem Halbhochdeutsch der Gebildeten. Bei alten Darmstädtern kann 
man d für e noch recht häufig hören, während die alten Gießener, die 
u für o gebrauchen, wohl bald ausgestorben sein werden. 

Die Nasenlaute entstehen, wie wir oben gesehen haben, durch 
cin folgendes n, oder durch ein vorhergehendes n oder m, und 
zwar dadurch, daß die Nase während der Bildung des Vokals schon oder 
noch Anteil an dem Ausatmungsstrom hat. Die Nasalierung des Vokals ist 
zwar in unsern Mundarten viel geringer als im Französischen, aber die 
Klangfarbe unserer Vokale wird durch sie in einer ganz eigenartigen 
Weise geändert. 

Das nasalierte a erhält eine entschiedene Färbung nach o hin und 
ist bei dem jüngeren Geschlechte in manchen Gegenden, z. B. der Um- 
gegend von Mainz, Bingen, fast vollständig zu o geworden, so in Bäh 
(Bahn), Mä (Main), klä (klein), die vielfach wie Bö, Mö, klö gesprochen 
werden; vgl. auch soon (sagen), schloon, troon, woon, ö (an), drö (dran), 
Fò (Fahne). In noole (Nagel) wirkte das vorhergehende n; in bexohle 
(bezahlen) jedoch das n, das erst jetzt in der folgenden Silbe steht. Auch 
der Doppellaut ai (oder ei), dessen erster Teil sonst der Laut a ist, wird 
durch die Nasalierung zu oi; man sagt in Mainz Rhoi für Rhein, moi 
für mein und in der Halbmundart auch Moinz (Mainz) und Moin (Main). 
In ähnlicher Weise erhält © durch die Nasalierung eine Färbung nach ü 
hin. Wenn man in mundartlichen Schriften müd’, Müh’ liest anstatt des 
zu erwartenden mied, Mieh, so ist dies weniger Einwirkung der Schrift- 
sprache als eine ungenaue Schreibung des nasalierten :. 

Die Nasalierung nimmt in neuester Zeit stark ab. In Mainz hört 
man mannigfach nur die getrübten Vokale o, oö für a und ai ohne jede 
Spur von Nasalierung. Dabei wird o ziemlich offen gesprochen, d. h. 
nach a hin, während bei echter Nasalierung eine Entfernung des Lautes 
von a stattfinden müßte. Das nasalierte o, das sich früher einem u ge 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 207 


nähert hat, wird jetzt umgekehrt offen gesprochen und unterscheidet sich 
nur wenig von dem nasalierten a. Während im Binger Land das früher 
lange a sonst zu geschlossenem o wurde, ist es bei n zu offenem o ge- 
worden, so in getan, Grünspan, und dem Owend (Abend) mit geschlossenem 
o steht ein durch das auslautende n des vorhergehenden guten bewirktes 
gnoowend mit offenem o zur Seite. Es ist wahrscheinlich, daß durch 
Analogie bald auch im einfachen Oowend offenes o gebraucht werden 
wird, soweit es nicht schon hie und da geschehen ist. 

Bei einsilbigen Wörtern, besonders solchen, die auf einen Vokal 
ausgehen, kann der Stammvokal unter Umständen durch die Nase ge- 
sprochen werden. Dies geschieht zwar nicht häufig und auch nur dann, 
wenn diese Wörter für sich allein gebraucht und ziemlich lang, aber 
nicht sehr laut gesprochen werden, wie es bei verwunderten, aber nicht 
scharfen Fragen oder Ausrufen der Fall ist. So kann man manchmal 
da, wo oder so mit sehr deutlichem Nasalvokal hören. Besonders ist 
aber das vielleicht aus früherem kei entstandene, nunmehr nasalierte ke 
oder ka zu nennen, das an Stelle von wie oder was gefällig in der 
niedersten Schicht der Bevölkerung gebraucht wird. Oder hat es fran- 
zösischen Ursprung? 

Auch das auslautende n eines vorhergehenden Wortes kann eine 
geringe Nasalierung des anlautenden Vokals bewirken. So sagt man in 
Mainz gunöwend für guten Abend; selbst Gebildete sprechen gudenäwent 
mit deutlich erkennbarem Nasenlaut. Die Stärke der Nasalierung ist 
übrigens hier wie auch in allen andern Fällen nicht nur nach Orten, 
sondern sogar nach Personen verschieden. Ein wichtiger Unterschied 
besteht auch darin, daß bei lautem Sprechen der Anteil der Nase geringer 
ist, bei leiserem Sprechen dagegen die Vökale viel stärker durch die Nase 
gesprochen werden. 

Wechsel von a, o und u. 

Wie hosde dann geschloofe? fragt ein Mainzer Arbeiter seinen Nachbar 
am frühen Morgen und erhält zur Antwort: Ei ich hab ganz gut geschloofe. 
Betrachten wir in diesen zwei Sätzen die dem schriftdeutschen a ent- 
sprechenden Laute, so finden wir das eine Mala (hab, ganz), das andere 
Mal o (host, geschlofe). Den Grund für diese Unterscheidung finden 
wir, sobald wir auf das Altdeutsche zurückgehen. Wo unsere Mundart o 
hat, war früher ein langes a. So geht broocht (gebracht) zurück auf 
mittelhochdeutsch bräht, Bröde auf bräten, do auf dä, gedocht auf ge- 
däht, droht auf drät, emol auf ein mäl, Hoor auf här, hot auf hät, 
krom auf kräm, losse auf läxen, Moos (Maß) auf mäze, Nochber (Nachbar) 
auf nachbüre, no auf näch, Root auf rät (Rat), schlofe auf släfen, Schoof 
auf schäf, Schwoher (Schwager) auf swäger, Schwowenum (Schwabenheim) 
auf Swäbenheim, Schtrooß auf strüze, verröde auf verräten, wohr auf wär. 
In ganz Hessen, wie überhaupt in den meisten deutschen Mundarten, 
findet sich diese Entwicklung von langem a nach o hin, während die 
Schriftsprache meist das alte a beibehalten hat. 


208 Hans Reis. 


Dieses o ist in den meisten Gegenden bei uns geschlossenes o; hie 
und da sogar geht die Aussprache stark nach u hin. So in wetterauischen 
Orten; dort schreiben Mundartdichter wo, z. B. Juor (Jahr), verruore 
(verraten), Uorem (Atem), Muos (Maß), bluose (blasen). Umgekehrt ist 
im östlichen Vogelsberg die Entwicklung nur bis zu einem offenen o, 
also einem Zwischenlaut zwischen a und geschlossenem o, gediehen. 

Aber auch das altdeutsche kurze a ist in einigen Gegenden Deutsch- 
lands unter gewissen Umständen zu o oder oa geworden, und zwar in 
einem östlichen Teile Süddeutschlands, während ein kleineres westliches 
Gebiet dieses alte a, abgesehen von etwaigen Verlängerungen, beibehalten 
hat. An der Ostgrenze dieses Westgebietes liegen die Orte St. Goar, Caub, 
Langenschwalbach, Wiesbaden, Hochheim, Oppenheim, Worms, Heppen- 
heim (Bergstraße), Erbach (Odenwald), und von da geht die Grenzlinie 
südlich bis Augsburg in Bayern. Während diese Orte das alte a noch 
beibehalten haben, konnte östlich von dieser Grenzlinie hierfür der Laut o 
dann eintreten, wenn dauernd oder vorübergehend das alte kurze a einmal 
eine Verlängerung erfahren hat. 

Dieses auf solche Weise entstandene o unterscheidet sich jedoch 
meist von dem aus langem a entstandenen o; jenes ist fast stets offenes, 
mit einem Nebenklang von a versehenes o, dieses dagegen meist ge- 
schlossenes o. Beispiele für dieses offene o, das wir in der Dehnung oa 
schreiben wollen, sind Groas, Gloas, Poar, Road, Schdoat (Stadt), Schdoar 
(Star), Schoar, koahl, Soal, Schoal (Schale), Hoas (Hase), soatt, moacher 
(mager), Noacht, Doak (Tag), noache (nagen), Zoahl, Doal (Tal), schmoal, 
gemoacht, oacht, woas, goar, Ormet (Armut), Oazenat (Arzenei), Boart, 
Koat (Karte), oadig (artig), foare (fahren), Foahrt, Goarn, bezoan. (be- 
zahlen). 

Kurzes offenes o erscheint in den Worten Vore, Vodder (Vater), 
Gowwel (Gabel), Schnowwel, Howwer (Hafer), Forb (Farbe), gorschdig 
(garstig), ob (ab), zowwen (zappeln), krowwen (krabbeln), howe für haben, 
jedoch mit der Bedeutung von kalten. 

Das alte a ist erhalten vor früherem Doppelkonsonant in Affe, Wasser, 
alles, Ballen, schnallen, Galle; mit Ausnahme der Endsilben werden diese 
Worte wie in der Schriftsprache gesprochen. Überhaupt blieb man bei 
dem alten a vor längeren und stärkeren Konsonanten und Konsonanten- 
verbindungen, z. B. vor scharfem s, wie es in früherem z, st und sp 
vorlag, vor tz, vor pf und ft, vor den Gaumenlauten ck und ch. Vgl. 
Faß, naß, Gast, Ast, Haspel, Katze, Kratze, Abbel (Apfel), Kraft, Saft, 

nacke, Jacke, wache, ach, mache. Vor cht und chs tritt dagegen o ein, 
weil vor diesen Lautverbindungen der Vokal einst verlängert worden war: 
vgl. gemoacht, Ochsel, Flochs. 

Ein Schwanken zwischen a und o findet man vor l und n. Im 
Norden ist hier durchweg a erhalten; jedoch im rechtsrheinischen Süden 
heißt es Wold, kolt, olt, Solz im Gegensatz zu dem nördlicheren Waald, 
kaalt, aal, Saalx. 


. \ 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 209 


Ähnliche Unterschiede finden wir bei a vor gen und vor n mit 
folgendem Konsonant. In Oberhessen ist agen zu nasaliertem a, im Nord- 
westen Rheinhessens zu oon zusammengezogen worden. So stehen sich 
trãa, saa, schlaa und troon, soon, schloon gegenüber. In Oberhessen ist 
zwar vor einfachem n und m der Laut a zu o (sogar zu geschlossenem o) 
geworden, so in lohm, Schom, Nome, ohne (ahnen), dro (dran); aber vor 
n mit folgendem Konsonant ist a erhalten geblieben; in südlicheren 
Gegenden dagegen wird offenes o dafür gebraucht, so in Rond, Hond, 
Brond, Sond, Wond, Gons, Schwonz, Bonk, kronk. Die Grenzen dieses 
Gebrauches sind ziemlich schwankend; es scheint, daß in neuester Zeit 
dieses o mit Erfolg sich ausgedehnt hat. So sprachen in Kostheim bei 
Mainz die Großeltern noch nasaliertes ã in d (an) und Männ. Die Eltern 
sprachen noch Männ, wandelten aber das auslautende ã zu o, alen o für 
an. Die Jugend aber sagt nicht nur õ für an, sondern auch Monn, hat 
also nicht nur bei weggefallenem n, sondern auch vor erhaltenem n die 
Trübung von @ zu ö durchgeführt. 

Die Entwicklung von a zu o hängt eng zusammen mit der Länge 
des Vokals. Da, wo a von vornherein lang war, ist die Entwicklung bis 
zu geschlossenem o vorgeschritten. Jenes a aber, das noch im Mittel- 
alter kurz war und erst in der Neuzeit lang wurde, entwickelte sich nur 
bis zu offenem o. Nun geschah aber diese Verlängerung des früher 
kurzen Vokals, wie wir oben gesehen haben, derart, daß die verschiedenen 
Formen desselben Wortes bald kurzen, bald langen Vokal hatten, und 
demgemäß standen auch kurzes a und langes o nebeneinander. Bei der 
Angleichung der Formen wurde nun durchweg a von o verdrängt!, auch 
da, wo der kurze Vokal dem langen gegenüber durchdrang. 

Die Ausnahmen im Oberhessischen sind dadurch zu erklären, daß 
dort in stärkerem Umfange als im Süden ein Laut durch die Beschaffen- ` 
heit der Nachbarlaute eine Verschiebung und Wandlung erfährt — eine 
Erscheinung, die wir schon häufiger, z. B. bei der lautlichen Angleichung 
der Konsonanten und bei dem Umlaut beobachtet haben. So ist das 
geschlossene o vor m und n anstatt des sonst vorkommenden offenen o 
durch lautliche Annäherung an das benachbarte n oder m entstanden. 
Wenn im westlichen Rheinhessen soon für sagen steht, so geht dies auf 
frühere Zusammenziehung von agen zu ân zurück, und dieses lange a 
wurde, wie die andern, lautgesetzlich zu o. In Oberhessen bewirkte aber 
das früher wie j gesprochene g einen Nebenklang von :, und durch dieses © 
ging die Entwicklung von o hinweg, und daher steht hier, wie oben 
gezeigt, wieder a. Auch vor l mit folgendem Konsonant konnte a er- 
halten werden, weil in / ein Nebenklang von © vorhanden ist. Ähnlich 
wirkten £ und s in den Konsonantenverbindungen nt und ns der Ent- 
wicklung des nasalierten a zu o entgegen (vgl. jedoch S. 105 f.). Wenn 
nun vor einfachem } trotzdem a zu o wurde, so geschah dies, weil ein 


ı O. Heilig, Grammatik der ostfr. Mundart des Taubergrundes Leipzig 1898, S. 73. 
Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 14 


210 Hans Reis. 


einfacher Konsonant auf den vorhergehenden Vokal nicht so stark ein- 
wirkt. Folgt nämlich nur ein Konsonant, so wird die Silbengrenze beim 
Sprechen vor diesem gemacht. Folgen jedoch zwei, so ist die Grenze 
zwischen ihnen; der eine gehört dann zu der vorhergehenden Silbe 
und ihrem Vokal und kann letzteren lautlich leichter beeinflussen als 
ein schon zur folgenden Silbe gehörender Konsonant. 

Das aus altdeutschem langem a entstandene o ist bei manchen Worten 
weiter entwickelt worden nach der Art, wie langes o in unsern Mund- 
arten gewandelt worden ist. Dieses o ist ziemlich selten erhalten geblieben; 
meist nur in den Städten und deren Umgebung, auch in dem Dreieck 
zwischen Frankfurt, Darmstadt und Mainz. Sonst ist in Oberhessen und 
Rheinhessen das alte lange o zu u geworden, im Süden Starkenburgs 
dagegen, besonders im Odenwald, zu ou. 

So erscheint langes u in Ober- und Rheinhessen in Mad (Not), ot 
(rot), rurer (roter), dut (tot), Lus (Los), gruß (groß), Schuß (Schoß), Fluß 
(Floß), bluß (bloß), Ruß (Rose), Buhn (Bohne), huuk (hoch), huhmilıy 
(hochmächtig), Luhn (Lohn), Uhr (Ohr), fruh (froh), Schtruh (Stroh), esu 
(also), Trust (Trost), wu (wo). Dazu kommen noch die Lehnwörter Suf 
(Sauce) und Duus (Dose) In Dum (Dom) und Bused (Bosheit) trat 
Kürzung des u ein. 

In den letzten Jahrzehnten hat die Schriftsprache und der Einfluß 
der Städte dieses mundartliche « stark bedrängt. In die in der Mundart 
seltener gebrauchten Wörter ist das schriftsprachliche o leicht ein- 
gedrungen, so in Not, Schoß, Floß, Trost. Auffällig ist hierbei der Unter- 
schied gegenüber dem für a stehenden o; dieses wird in der Halbmundart 
mit einer ungleich größeren Zähigkeit als jenes u festgehalten. Der Grund 
liegt darin, daß o für a eine viel größere Ausdehnung in ganz Deutsch- 
land hat; u für o dagegen ist auf ein kleineres Gebiet beschränkt, und 
die Sprachgrenze verläuft in unserer Gegend. In den Städten und in den 
Dörfern an den Flüssen, die größerem Verkehr seit alters geöffnet waren, 
ist dieses au daher schon früh beseitigt worden. Es findet sich dort nur 
noch in schun für schon. 

Es ist ein schmales westliches Gebiet, südlich von der nieder- 
deutschen Sprachgrenze, in dem früheres langes o zu u geworden ist. 
Im Süden wird es durch eine Linie abgegrenzt, die von der deutsch- 
französischen Sprachgrenze über Hunsrück und Hardt bis nach Seligenstadt 
zieht; sie geht von da nordwärts nach dem Rothaargebirge. Die Orte 
Gelnhausen, Büdingen, Wenings, Schotten, Homberg a. d. O., Kirchhain, 
Marburg, Haiger haben noch u; Orb, Soden, Herbstein, Lauterbach, 
Kirtorf, Rauschenberg, Wetter, Biedenkopf, Siegen haben dagegen schon 0. 
In den rheinhessischen Orten wechseln o und x in bunter Mischung. 
Ja, dieselbe Ortsmundart hat bald o, bald x; so heißt es in dem Landkreis 
Bingen zwar rut, gruß, lus, fruh, aber Bohne, Brot, Stoß. Wahrscheinlich 
ist auch hier # das Lautgesetzliche, doch hat der Einfluß der Städte und 
des Nachbargebietes dem o-Laut immer weitere Verbreitung verliehen. 


i 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 211 


Im rechtsrheinischen Landesteile, innerhalb eines Gebietes, zu dem 
noch die Orte Schwetzingen, Ladenburg, Bensheim, Reinheim, Dieburg, 
Babenhausen, Aschaffenburg, Stadtprozelten, Osterburken, Neckarsulm, 
Wiesloch gehören, ist das altdeutsche ô zu dem Doppellaute ou geworden, 
der sich von dem schriftdeutschen au dadurch unterscheidet, daß sein 
erster Bestandteil ein deutliches o ist. Vgl. Ousdern für Ostern, Brout 
für Brot, rout für rot, dout für tot, lous (los), stouße (stoßen), Schouß 
(Schoß), Ambous (Amboß), houch (hoch), Sous (Sauce), Strouh (Stroh), 
frou (froh), sou (so). Vor r blieb in manchen Dörfern o erhalten, vor 
n trat nasaliertes au ein, z. B. Laü (Lohn), Baüne (Bohne). In einer 
westlichen Übergangsgegend steht jedoch vor n nicht au, sondern u, so 
in Kruune (Krone), schun (schon). Auch für ein im Auslaut einsilbiger 
Wörter stehendes o trat u ein, so in zwu für früheres zwo, weibliche 
Form von zwei, und in wu (wo). Umgekehrt trat in Oberhessen anstatt des 
zu erwartenden % im Auslaut on em in sou für so. 

Dem Vorbilde des langen o folgten teilweise der aus langem a ent- 
standene, meist geschlossene o-Laut und auch kurzes o, wenn es laut- 
gesetzlich gedehnt werden sollte. Dieser Lautwandel begann jedoch später, 
und wenn schon die Wandlung des langen o ou u in unserer Gegend 
nicht streng durchgeführt ist, so erst recht nicht jene spätere Entwicklung, 
die durch Einflüsse der Schriftsprache und Nachbarmundarten schon im 
Beginn beeinträchtigt wurde. Südöstlich von unseren Landesgrenzen 
findet sich allerdings ein Gebiet, in dem das frühere kurze o durchweg 
nicht nur zu langem o, sondern weiter noch zu dem Doppellaute ou 
gedehnt wurde, wo man also Oufe (Ofen), koul (hohl), Houf (Hof), Boude 
(Boden), Trouk (Trog) spricht. Vereinzelt dürfte sich dieses ou wohl auch 
schon im hessischen Odenwald finden. In Rheinhessen und Oberhessen 
wäre der Lautentwicklung gemäß nicht ou, sondern u zu erwarten. In 
der Tat findet sich dort kurzes u in den Worten Yuchel (Vogel), Bure 
(Boden), Huwwel (Hobel), druwwe (droben), Urt (Ort), vun (von), hule 
(holen), uwwe (oben); langes u in Huuf (Hof), Uwe (Ofen), Kuhle, wuhl, 
wuhnt. Aber das sind nur vereinzelte Wörter, und die einzelnen Orte 
haben wiederum große Verschiedenheiten. Immerhin scheint es, als ob die 
Nachbarschaft eines der Lippenlaute b, f, w sehr zugunsten von u gewirkt 
hat, wenigstens in Oberhessen. Allerdings sind die rheinhessischen Urt, 
Kuhle und hule hierdurch nicht erklärt, und daher ist doch wohl die Annahme 
gerechtfertigt, daß die Neigung, o bei der Dehnung in zu verwandeln, 
allgemein gewesen und nur durch fremde Einflüsse zurückgedrängt worden 
ist. Verstärkt wurden diese fremden Einflüsse noch durch Analogiewirkung. 
Denn bei den meisten Worten sind ja einstens lange und kurze Formen 
nebeneinander vorgekommen, und durch letztere, die nicht die geringste 
Neigung hatten, o zu u zu wandeln, konnten dann die ersteren verdrängt 
werden. Übrigens geht ein Wechsel von o und u in den verschiedenen 
Formen desselben Wortes, allerdings nicht durch die Länge des Vokals, 
sondern durch die folgenden Laute veranlaßt, in die urdeutsche Zeit zurück. 

14* 


212 Hans Reis. 


Nicht so allgemein war die Entwicklung zu « bei früherem langen a 
in Rhein- und Oberhessen. Durch ein folgendes m und n wurde u 
hervorgerufen in Mu”, Mund (Mond, früher mäne), Juumer (Jammer), 
Krum (Kram), Spuhn (Span), uhne (ohne, früher äne), hu, hun (haben, 
früher kân). In Mul für Mal und wuu für wahr wirkten die vorher- 
gehenden Lippenlaute in derselben Richtung. 

Im Odenwald steht ou unter dem Einfluß des vorhergehenden Lippen- 
lautes in schbout (spät), das aus spât entstanden ist und unter dem Einfluß 
eines vorhergehenden n in Schnouk (Schnake). Wo ein n folgte, steht 
jetzt nasaliertes au, so in Schbau (Span), gedau (getan) und in dem sehr 
weit verbreiteten kaun für früheres hän (haben). Doch findet sich vor 
n und m auch « in einer Übergangsgegend des Westens, ähnlich wie bei 
dem früheren langen o. 

Auch bei auslautendem Vokal wurde dieses a zu «u oder ou. So 
findet sich juu für ja (ironische Verneinung) und duu für da. In Ober- 
hessen und Rheinhessen kommt neben juu auch jou vor, ähnlich wie 
man auch sou für so sagt. 

Wir haben diese Entwicklung des langen a und besonders die des 
kurzen o zu u als lautgesetzlich aufgefaßt und die zahlreichen Ausnahmen 
als Wirkungen der Analogie oder der Nachbarmundarten zu erklären 
gesucht. Bei der überaus großen Zahl der Ausnahmen müssen wir aber 
auch mit der Möglichkeit rechnen, daß o lautgesetzlich und u durch be- 
sondere Tonstärke entstanden ist. Wir dürfen vielleicht zwei Stufen der 
Dehnung unterscheiden, eine mäßige und eine sehr starke Verlängerung, 
wovon die erste später, die zweite früher eingetreten ist. Verursacht 
wurde die letzte wiederum durch eine besonders scharfe und bedeutende 
Hervorhebung eines Wortes, die bekanntlich niemals ohne allen Einfluß 
auf die Lautgestaltung ist. Diese starke und frühe Dehnung kann denn 
auch die Ursache jener Entwicklung zu sein, wenigstens in einigen 
Formen, die häufiger besonders betont gesprochen worden sind, und 
von hier aus mag sich dieses uv durch Analogie weiter ausgedehnt 
haben. 

Wenn wir sonst « an Stelle von schriftdeutschem o finden, so stimmt 
dies mit dem Altdeutschen überein. So steht u im Binnenfränkischen 
und Pfälzischen in kumme (kommen), Sunn (Sonne), Sunn (Sohn), Summer 
(Sommer), sunst oder sunscht (sonst), ummesunst (umsonst), gewunne (ge- 
wonnen), gerunne (geronnen), geschbunne (gesponnen), gesunne (gesonnen), 
geschwumme (geschwommen). Die entsprechenden altdeutschen Worte 
lauten kumen, sunne, sun, summer, sus, umbe sus, gewunnen, gerunnen, 
gespunnen, gesunnen, geswummen. 

Das schriftdeutsche o in diesen Worten entstand im Anschluß an 
diejenigen Mundarten, die altes « in großem Umfange zu o gewandelt 
haben. Zu diesen Mundarten gehören auch das Ober- und Niederhessische, 
in denen altes nur vor weichem s, sch, k, cht, ng, nk erhalten ge 
blieben ist. In allen anderen Fällen ist.dafür ein mehr oder weniger 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. . 213 


offenes o eingetreten. Vgl. Zowwer (Zuber), domm, kromm, bromme 
(brummen), somme (summen), stomm, Lombe (Lumpen), Somp (Sumpf), 
Schdromp (Strumpf), Fochs, Botter. Vor n+d (t), n+s, l+d, vor r, 
t, st, tx und dem früheren scharfen s hat sich hinter dem kurzen o ein 
Nachschlag eines unbetonten e oder a gebildet, vgl. oanne (unten), Hoand 
(Hund), roand, gesoand, Moand, Loast, Broast, Doanst, Groand, Noaß, 
Gedoald, Schoald, hoannert (hundert), Woanner (Wunder), Koanxel. 
Natürlich findet sich hier auch nicht «u, sondern das schriftdeutsche o 
in kommen, Sonne usw. Diese Entwicklung dürfte jedoch nur dann ein- 
getreten sein, wenn der Vokal kurz war und blieb. Bei Verlängerung 
ist « erhalten, so in Zug, Betrug, Flug, Zug; nasaliertes u findet sich 
in Su (Sohn) und Uvernuft (Unvernunft). 

Die Südgrenze dieses Gebrauches dürfte nur wenig von der Süd- 
grenze des Oberhessischen entfernt liegen. Immerhin finden sich manche 
Worte mit o auch südlicher, so Botter für Butter, zoppe für zupfen, 
roppe für rupfen, Zocker für Zucker, Notxe (Nutzen), Schdopp (Stube), 
Frocht (Frucht), Zocht (Zucht), Broscht (Brust). Bei vielen Wörtern findet 
sich schon im Altdeutschen ein Schwanken zwischen o und ~v, das auf 
ein urgermanisches Lautgesetz zurückzuführen ist. Dieses altdeutsche 
Schwanken ist in den genannten Wörtern zugunsten von o ausgeglichen 
worden; in anderen Wörtern dagegen, z. B. in trucke (trocken), lucker 
(locker), dunnern (donnern), Dunnerschdag (Donnerstag), kumıne (kommen), 
fand die Ausgleichung zugunsten von u statt. 

Auch hier zeigt sich, daß die südliche Hälfte unseres Landes ein 
Übergangsgebiet ist, dessen echter Lautcharakter nur sehr schwer fest- 
zustellen ist. Im allgemeinen scheint hier die Entwicklung ursprünglich 
dahin gegangen zu sein, daß mit dem Unterschied der Länge sich auch 
eine Verschiedenartigkeit des Lautes verband, indem durchweg der kurze 
Laut nach o und der lange Laut nach u hin drängte. Und wenn wir von 
» und r absehen, müßte sich dieser Wandel noch entschiedener vollzogen 
haben, als im Oberhessischen, wo die Einwirkung der Nachbarlaute viel 
häufiger hemmend dazwischen trat als im Süden. Doch auch der Süden 
hatte sein Hemmnis, das viel stärker wirkte als im Öberhessischen, 
zwar nicht im Nachbarlaute, aber im Nachbarland. Die Anwohner des 
Rheines und Maines konnten ihre lautliche Eigenart nicht so ungestört 
entfalten wie die anderer Gegenden. Zunächst in den großen Städten, 
jenen alten Stapelplätzen und Mittelpunkten des Verkehrs, und darnach 
auch in den an den Verkehrsstraßen, besonders an den Flüssen, gelegenen 
Orten zeigten sich viele Wörter, die der Mundart ursprünglich fremd und 
ihr aus dem Nachbarlande zugetragen worden waren. Vom Main her 
drängte ostfränkische und vom Oberrhein her südfränkische Redeweise, 
und so wurde, wie vieles andere, auch die eigenartige Entwicklung von 
o und « im Keime schon unterbunden. Dazu kamen noch Analogie- 
wirkungen infolge des uralten Wechsels von o und x, ferner schriftdeutsche 
Einflüsse, die in verkehrsreichen Gegenden stärker sind als anderswo, 


214 Hans Reis. 


und so kann es nicht wundernehmen, daß nur noch in wenigen Worten 
die lautgesetzliche Entwicklung wahrzunehmen ist. 

Das schriftdeutsche u entspricht nicht nur früherem kurzen u, 
sondern auch dem mittelhochdeutschen Doppellaut «o. Dieses uo aber 
fand sich nur in Süddeutschland und hatte sich aus urdeutschem langem 
o entwickelt. Im Niederdeutschen und im nördlichen Teile des Mittel- 
deutschen ist dieses urdeutsche o teils erhalten geblieben, teils zu ou 
oder au geworden. So steht o im Ripuarischen, Holsteinischen und 
Niederhessischen; ox im Westfälischen, Mecklenburgischen und Ober- 
hessischen. Beispiele dafür sind das oberhessische Mout (Mut), das auf 
urdeutsch Mot zurückgeht, gout (gut), Hout (Hut), Rout (Rute), zou (zu), 
Rou (Ruhe), Kou (Kub), Lourer (Luder), Brourer (Bruder), Fourer (Futter), 
Schdout (Stute), Fouwfß, Hou (Huhn), Mourer (Mutter = Tiermutter), Schnour, 
Wout, Schou (Schuhe), Bouch (Buch), Douch, Kouche (Kuchen), flouche, 
souche, Boub (Bube), Schoul (Schule). In einigen Gegenden Oberhessens, 
besonders in der Nähe von Gießen, Grünberg steht kurzes u vor ch, so 
in Fluch, Bruch, Buche, Buch, Duch (Tuch); auch vor dem in der Halb- 
mundart aus g entstandenen ch in Krug, trug, schlug, Pluch (Pflug). Dies 
geht darauf zurück, daß vor ck und m der alte Vokal verkürzt worden 
ist. Man sollte nun zwar o erwarten; jedoch im Oberhessischen ist ch, 
wie wir schon oben gesehen haben, der Entwicklung eines u günstiger 
als der eines o. Dagegen blieb o bei der Verkürzung vor m in Blomm 
(Blume), Grommet (Grummet). 

Unregelmäßigkeiten oberhessischer Orte sind noch Bub (Knabe, Sohn), 
rufe und Modder. Wir werden in diesen Wörtern Eindringlinge aus 
fremden Mundarten sehen dürfen; besonders in den Verwandtschaftsnamen 
wird von uns bekanntlich Fremdes in recht großem Umfange aufgenommen. 
Allerdings mag sich das Fremdartige in jenen drei Wörtern darauf be- 
schränken, daß schon ziemlich früh der Vokal verkürzt worden ist. 

Eine weitere Unregelmäßigkeit weisen die oberhessischen Städte 
insofern auf, als sie das mundartliche ox schon früh durch das schrift- 
deutsche « verdrängen ließen. So heißt es in Gießen und Grünberg nicht 
gout, Mout, Blout, Hout, Glout, xou, sondern, wie im Schriftdeutschen 
gut, Mut, Blut, Hut, Glut, zu. 

In den südlich vom Oberhessischen gelegenen Gebieten, ebenso wie 
in den oberhessischen Städten, findet sich u, wie in der Schriftsprache, 
jedoch vor ch und m verkürzt. Allgemein erscheint o in Modder, im 
Binger Landkreis auch in Broorer (Bruder), Plok (Pflug), zoo (zu) und 
doon (tun). Ob dies Eindringlinge aus dem benachbarten Westfränkischen 
sind oder ob die zahlreicheren « schriftdeutsche Eindringlinge sind, mag 
unentschieden bleiben. | 

Der Ersatz des urdeutschen langen o durch o erstreckt sich nicht 
auf das ganze Oberhessische. Die nordöstlichen Grenzorte für den Ge- 
brauch von ou sind Marburg, Kirchhain, Amöneburg, Schweinsberg, 
Homberg (Ohm), Schotten, Wenings, Wächtersbach, Orb. In dem Teil 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 215 


des Oberhessischen, der nordöstlich von diesen Orten liegt, sowie im 
Niederhessischen ist das urdeutsche o erhalten; es heißt also dort got 
(gut) mit der Steigerungsform allergotest, Mot, Foß, Boch, xo, Blomme 
(Blumen), gedoo (tun), Blok (Pflug), Zok (Zug). Man findet diese Sprach- 
erscheinung schon in folgenden Orten des oberhessischen Sprachgebietes: 
Laasphe, Biedenkopf, Wetter, Rauschenberg, Kirtorf, Herbstein, Soden 
und Salmünster. Von da aus erstreckt sie sich bis über die Grenzen 
unseres Landes durch das Niederhessische hindurch weit nach Norden. 


Wechsel von e, i, ö und ù. 

Die Schriftsprache kennt nur eine Art des kurzen e (offenes e) und 
zwei Arten des langen e, nämlich offenes e, das ä geschrieben wird, 
und geschlossenes e. Die meisten Mundarten kennen aber auch noch 
ein kurzes geschlossenes e, dessen Aussprache dem französischen é gleicht. 
Diese mundartliche Unterscheidung der zwei kurzen e ist uralt; bei den 
deutschen Dichtungen des Mittelalters, den Nibelungen, der Gudrun, dem 
armen Heinrich, Parzival usw., sind diese zwei Laute so scharf vonein- 
ander geschieden, daß sie niemals sich reimen dürfen. Als unreine Reime 
wurden solche Reime damals aufgefaßt und waren streng verpönt; sie 
treten erst mit dem Verfall der mittelhochdeutschen Dichtung auf. Bei 
den neuhochdeutschen Dichtern aber wie in der Schriftsprache und vielen 
Stadtmundarten ist jene alte feine Unterscheidung, die in den Land- 
mundarten noch weiter lebt, gänzlich verloren gegangen. 

Das offene e ist meist ursprüngliches e, das geschlossene dagegen 
meist durch Umlaut aus a entstanden. Der in den Mundarten bestehende 
Unterschied fällt hauptsächlich bei der Verlängerung auf. So gebraucht 
man langes als Dehnung des alten offenen e, wo die Schriftsprache 
geschlossenes e spricht. A B. Wüäk (Weg), Stüik, zähn, stähle, läse, 
(Geht. läwe (leben), Rüwe, Rääche (Regen), schläächt, Mähl. Doch ist 
in manchen Mundarten Oberhessens vor k, cht und g eine mittlere, halb 
offene Aussprache eingetreten. 

Wenn das urdeutsche e kurz geblieben ist, unterscheidet es sich 
im Westen unseres Gebietes gar nicht von dem kurzen offenen e der 
Schriftsprache. Aber je weiter wir nach Osten gehen, um so offener 
wird dieses kurze e, um so mehr nähert es sich der Aussprache von a. 
Die alten Mundartdichter der Wetterau schrieben deshalb ea, heute schreibt 
man d. das aber bedeutend mehr nach a hin gesprochen wird als das 
schriftdeutsche kurze dä, aber im Englischen seinesgleichen findet. Vgl. 
Füld, Späck, Käller, wäll, schnäll, Gäld, fräch, Bläch, hälfe, briche, 
yäwe (geben), stäche. 

Je weiter nach Osten, um so offener wird der Laut. Die nieder- 
hessischen und thüringischen Mundartdichter gebrauchen a; ebenso ist cs 
im Ostfränkischen östlich von Tauberbischofsheim. Dort haben die Mund- 
arten (nach Heilig) „einen noch offeneren e-Laut als ae, der von unserem 
a-Laute beinahe nicht zu unterscheiden ist“. In der Gegend von Schlitz 


216 Hans Reis. 


und Fulda finden sich solche a in Lawe (Leben), abbes (etwas), mintwache 
(meinetwegen), laat (lebt), gewast (gewesen), bam (wem), dar (der), larnt, 
geschah (geschehen), racht, assen, Drack, gah (goben), sah (sehen), zah (zehn). 

Das aus a entstandene Umlauts-e hat sich nicht einheitlich ent- 
wickelt. Wir haben mehrere Umlautsperioden zu unterscheiden; der spätere 
= Umlaut ging nur bis zu einem halboffenen e, während der frühere Umlaut 
bis zum geschlossenen e ging. Es ist bezeichnend, daß jenes halboffene 
e sich hauptsächlich im Oberhessischen findet, wo überhaupt die Ent- 
wicklung von e etwas nach a hinging. Berücksichtigen wir zunächst das 
frühere kurze Umlauts-e, so finden wir in den meisten Mundarten als 
eine wesentliche Abweichung von der Schriftsprache das kurze ge- 
schlossene e; nur der Nordosten Rheinhessens, d. h. Mainz und Umgebung, 
kennt es nicht. Vgl. fest, Bett, seize (setzen), best (beste), Esel, stecke 
(stecken), Heft, Weck (Brötchen), Kessel, Metzger, decke (decken), verschrecke 
(erschrecken), Petter. In allen diesen Worten stand früher a; noch heute 
stehen neben fest und besser die Umstandswörter fast und baß. Bei den 
andern Wörtern müssen wir in sehr frühe Zeiten zurückgehen, wenn wir 
das frühere a noch erkennen wollen. So steht gotisch badi für Bett, 
satjan für setzen, Heft und heben gehören zu haben, Dell (im Hut) zu 
Tal, decken zu Dach, Kessel stammt aus dem lateinischen catinus, Esel 
aus asinus, Metxger aus macellarius, Petter aus patrinus. Die Schrift- 
sprache schreibt hier e, weil die Herkunft aus a im Neuhochdeutschen 
nicht mehr klar nachgewiesen werden kann. Ist letzteres aber der Fall, 
d. h. gibt es noch Formen desselben Wortes mit a, so wird ä geschrieben. 
Dieses ö wird in der Schriftsprache wie jedes kurze e offen gesprochen; 
die Mundarten aber, wenigstens im Westen, sprechen es geschlossen, so 
in kelt (Kälte), fellt (fällt), Becker (Bäcker), elter (älter). 

Wenn dieses umgelautete & lang ist, so spricht die Schriftsprache 
ein deutliches offenes e, d. h. ä, unsere Mundarten aber meistens ebenso 
deutlich ein geschlossenes e. Es heißt also er schleht, schleekt, schleecht 
für er schlägt, Schleech für Schläge, treht, treekt, treecht für trägt, deel 
für täte, Neesje (Verkleinerungsform von Nase), Schween für Schwäne, 
greebt (gräbt). 

Im Oberhessischen erscheint kurzes offenes oder halboffenes e viel- 
fach vor l, ch, r und folgendem Konsonant, vor sch, tz, tsch; ferner 
„zuweilen, wenn noch enger Zusammenhang mit unumgelauteten Formen 
desselben Stammes besteht“ (Knauß), wie bei der Wortbildung, der Mehr- 
zahl, den Steigerungs- und Verkleinerungsformen. Es ist hier ein ähn- 
licher Unterschied, wie zwischen ei und kat für die Endung heit. Das 
geschlossene e ist die lautgesetzliche Entwicklung der entsprechenden 
altdeutschen Formen; das offene e dagegen ist das Mittel, dessen sich 
die Mundart noch jetzt zur Formen- und Wortbildung bedient. Doch 
auch im letzteren Fall erscheint geschlossener Vokal vor n und m. Bei 
dem offeneren Umlauts-e können wir aber auch ähnlich, wie bei dem 
urdeutschen r, eine allmähliche Zunahme der offenen Aussprache nach 


Die Mundarten: des Großherzogtums Hessen. 217 


Osten zu wahrnehmen. So steht im Schlitzer Land dankt für denkt, im 
Thüringischen steht a in nämlich und gräßlich, und östlich von Tauber- 
bischofsheim steht in mächtig und in vielen Verkleinerungsformen jenes 
oben gekennzeichnete a, das mit dem echten, ursprünglichen a nicht 
gleichlautend ist. 

Ganz anders ist es bei früherem langem e. Es zeigt sich als- 
dann eine ähnliche Entwicklung wie bei o. Wie in Öberhessen und 
Rheinhessen « für früheres langes o eintritt, so steht entsprechend z für 
ursprünglich langes e, nicht für das durch Umlaut entstandene alt- 
deutsche ae. So heißt es Rih (Reh), wih, erscht (erst), schdih (stehen), 
gih (gehen), Klie (Klee), Sie (See), zwie für zwei (altdeutsch zen), Siel 
(Seele), geschih (geschehen); gekürztes © erscheint in wink (wenig) und 
Zich (Zehe). 

Diese Entwicklung ist in Oberhessen und im nordwestlichen Rhein- 
hessen fast ausnahmslos. Die Nähe der Sprachgrenze und die Schrift- 
sprache haben in den Städten und ihren Vororten sowie am Rhein- und 
Mainufer das alt- und schriftdeutsche e wieder eingeführt. In Bingen 
zeigt sich noch bei e im Auslaut eine Erinnerung an früheres č; es klingt 
dort nämlich „ein deutlicher -Laut nach, eine Erscheinung, die Orts- 
fremden auffällt“ (Erdmann). Übrigens besteht trotz der Gleichartigkeit 
der Entwicklung von e und o ein wichtiger Unterschied darin, daß der 
Wandel von e zu č viel weniger durch fremde Einflüsse gestört und ge- 
hemmt worden ist als der von o zu «u; letzterer hat bekanntlich im Nord- 
westen Rheinhessens ziemlich viele Ausnahmen. Den Grund für diese 
Erscheinung sehe ich zum Teil darin, daß das Sprachgefühl den Unter- 
schied der dunkeln Vokale o und vu schärfer empfindet als den der hellen 
e und © und daher auch für das »unrichtige« u das schriftdeutsche o 
leichter einsetzt als e für z. 

Im Odenwald und in dem Nachbargebiet, wo langes o zu ou ge- 
worden ist, wurde entsprechend e zu äi gewandelt; vgl. Räi (Reb), wäi, 
schdäi, gäi (gehen), Säil (Seele), geschäi. Vor n dürfte sich ? entwickelt 
haben, so in vink (wenig); vor r tritt e oder © ein je nach der Beschaffen- 
heit von r. Die Grenzen dieses äi sind dieselben wie die oben angegebenen 
von ou. 

Wie in Oberhessen sou für so steht, so steht auch auslautend àii 
für früheres langes e in äi (weh), äi (ehe), mäi (mehr), Schniii (Schnee). 
Daneben findet sich aber auch ï, sei es, daß dieses aus andern Gegenden, 
sei es, daß es aus andern Formen desselben Wortes eingedrungen ist. 

Das altdeutsche ae wurde in oberhessischen Orten vor n und m zu 
langem č; vgl. nihm (nähme), Kihn (Kähne), Kriemer (Krämer), jümerlich 
(jämmerlich), Schb? (Umlaut von Span). In Mainz findet sich kurzes č 
in lift (läßt). 

Auch bei der Dehnung des kurzen e findet sich bald e, bald © oder 
äi, im allgemeinen entsprechend o, æ oder ou. So finden wir in Ober- 
hessen Formen wie griebt (gräbt), wciipt (wächst), in Mainz michst, micht 


218 Hans Reis. 


für mächst, mächt, das durch Analogiewirkung für machst, macht steht, 
im Binger Landkreis Giijedaal (Gegenteil), verziile (erzählen), hiiwe (heben), 
und dort findet sich 2 sogar für urdeutsches e in giil (gelb), liiwe (leben), 
liise (lesen. Was wir oben zur Erklärung des Wechsels von o und u 
gesagt haben, über die Einwirkung der Schriftsprache, der Nachbar- 
mundarten, der Analogie und der Tonstärke, gilt im großen und ganzen 
auch für den Wechsel von e und ¿è Zwei Ausnahmen sind jedoch hierbei 
vorhanden. Erstens ist in Oberhessen die Entwicklung von e zu ? be- 
deutend seltener als die von o zu u. Dann erscheint im ganzen hessischen 
Odenwald ä fast durchweg für gedehntes e, während ou sich dort noch 
nicht findet (wohl aber östlich davon); vgl. verzäzl (erzähle), käiwe (heben), 
gequäilt (gequält), träigscht (trägst), läikt (legt), zäi (zehn). Das erstere 
hängt damit zusammen, daß, wie wir gesehen haben, die allgemeine 
Entwicklung bei e in ÖOberhessen mehr nach a als nach © hin ging. 
Was aber die Dehnung von e zu äi betrifft, so darf nicht übersehen 
werden, daß e eine geringere Klangfülle als o hat, daß die Hervor- 
bringung von o einen etwas größeren Teil des Ausatmungsstromes ver- 
braucht als die von e. Daher geht es auch mit dem durch Hervorhebung 
und Verlängerung entstandenen Wandel von o langsamer vorwärts als 
bei e, und so ist es zu erklären, daß die Entwicklung von e zu äi etwas 
weiter nach Westen vorgerückt ist als die von o zu ou. 

Wie o für «u, so steht auch e für schriftdeutsches kurzes 2. Im 
westlichen Rheinhessen, z. B. im Binger Landkreis, macht altes í, 
wenn es kurz geblieben ist, »ziemlich ausnahmslos den Übergang in e 
durch« (Erdmann). Vgl. dreit (dritte), Kettel, mei, Mettag, net (nicht), 
Schletischuh, gerett (geritten), geschnett, blebb (geblieben), gerebb (gerieben), 
geschrebb, geschmess, getrebb, gegreff, geschleff, geschlech, gewech, gebess, 
geress, Reng, trenke, dren, en, mendestens, gekresch (gekrischen , geschrieen), 
Kescht (Kiste), Mescht (Mist), Chrestian, wääre (wieder), Gewäärer (Ge- 
witter), zefrääre (zufrieden), Gläärer (Glieder). In den Städten Bingen 
und Mainz findet sich durchweg 2, nur der Lenneberg (Lindenberg?) bei 
Mainz scheint dafür zu sprechen, daß auch in Mainz einmal e gesprochen 
.wurde. Allerdings findet sich dieser Berg schon zwei Stunden von Mainz 
entfernt, und in der weiteren Umgebung der Stadt kommen noch die 
Worte deck (dick) in der Bedeutung von oft, Bensel (Pinsel), net (nicht), 
wedder (wieder), met (mit), brenge (bringen) vor. Ist altes © verlängert 
worden, so erscheint e nur ausnahmsweise in veel (viel), schbeele (spielen), 
Been (Biene), Anee (Knie), Veeh (Vieh), Reel (Riegel). 

Es sind bier wiederum die gleichartigen Erscheinungen wie bei o 
und « und auch in gleicher Weise zu erklären. Nur die ausnahms- 
lose Durchführung von e für kurzes findet sich entsprechend bei o 
nicht; wir haben ja gezeigt, daß das Sprachgefühl den Unterschied von 
e und @ weniger scharf empfindet als den von o und «u, und so wird 
bei der Annäherung einer Mundart an die Schriftsprache oder an Nachbar- 
mundarten e an Stelle von © nicht so leicht als »unrichtigs empfunden 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 219 


und kann daher fast ausnahmslos erhalten bleiben, während o von u 
mannigfach verdrängt worden ist. 

In Oberhessen ist die Wahl von e oder © wieder stark durch die 
Nachbarlaute bedingt. Das Regelmäßige und Häufigere ist e für © in 
Fenger, Senn, Kend, gelend, geweß, Ress, Reng, Deng, Bess, Lest, 
schlemm, Scheff, Scheld, blend, better, Schleiz, Mest, Wenk, stell, Destel, 
Melch. Je nach der Beschaffenheit der folgenden Laute ist dies bald 
geschlossenes bald halboffenes e bald ein Doppellaut ea oder o. An 
manchen Orten ist © erhalten vor ck, oder wenn in den folgenden Silben 
einst ein © oder u stand, so in geschicht (geschieht), Himmel, siwwe. 
Wenn aber Verlängerung eintrat, wie z. B. vor l, so erscheint manchmal 
i, wie in dem Dorfe Atzenhain, wo sich also der schriftdeutsche Vokal 
findet, während in der benachbarten Stadt Grünberg man Däil für Diele, 
väil für viel, schdärtl für stell, Zärl für Ziel sagt. Auch im Auslaut, vor 
einfachem rn und r, findet sich dieses är in Vä: (Weh), Bäir (Birne), 
schäin (Schienbein) und Aöibacke (Kinnbacken); die Form Koibacke, die 
daneben vorkommt, ist wahrscheinlich durch Vermengung der altdeutschen 
Worte kinbacke und kiuwe entstanden. 

Sehr weit verbreitet ist bei uns ai für 2 in den Fürwörtern teh, 
mich, dich, sich. Die Erklärung hierfür liegt in der Stärke der Betonung. 
Wenn jemand auf die Frage wer ist da die Antwort ich gibt, so erhält 
dieses Wörtchen, das hierbei einen Satz für sich bildet, schon einen 
ziemlich starken Ton und wird länger als gewöhnlich gesprochen. Noch 
stärker wird die Betonung bei einem Ausruf des Erstaunens und des 
Unwillens, und so erklärt sich leicht, wie das Wort ich ein langes i er- 
halten kann. Nehmen wir nun an, daß vor einigen hundert Jahren in 
der nämlichen Weise der Vokal verlängert werden konnte, daß also schon 
damals in einem solchen Falle «ch gesprochen wurde, so mußte dieses 
Wörtchen die Schicksale des alten langen ö in jeder Hinsicht teilen. Nun 
ist aber dieser Laut im größten Teil unserer Mundarten wie in der 
Schriftsprache zu ea geworden. Wenn wir also heute greifen für früheres 
grifen und Wein für altdeutsch awiu sagen, so ist es auch naturgemäß, 
eich für betontes «ch zu sprechen. Unser Fürwort wird aber auch oft 
ziemlich tonschwach gesprochen, besonders wenn es hinter dem Zeitwort 
steht, z. B. das habe ich nicht gewußt. In solchem Falle wird natürlich 
jede Verlängerung des Vokals unterlassen; im Gegenteil konnte dann leicht 
eine Abschwächung eintreten. Dabei wurde der auslautende Konsonant 
ch schwächer, bis er schließlich vollständig abfiel und ein einfaches : 
übrig blieb. Zwischen dem tonstarken eich und dem tonschwachen ’ 
stehen das schriftdeutsche ch und das im Norden des Odenwalds ge- 
brauchte ei. Das Sprachgefühl beschränkt sich auf zwei Formen, und 
zwar gebraucht man im Süden unseres Landes (Neckar) das tonschwache ? 
neben einer mittleren Form; letztere wird aber neben dem tonstarken 
eich im Norden (unterer Main, Lahn und Nahe) gebraucht. Auf dem Lande 
sagt man eich, wenn dieses allein für sich steht oder den Zeitwort voran- 


220 Hans Reis. 


geht, z. B. eich hun (ich habe); man bevorzugt aber die alte Form ich, 
wenn das Zeitwort vorher gebraucht wird, also hun ich. Doch kann auch 
im letzteren Falle ech gesagt werden; so begründete der rheinhessische 
Bauer (bei dem Mundartdichter Lennig), der sich weigerte, in Wiesbaden 
am Glücksspiel teilzunehmen, seine Weigerung mit den Worten der Hun 
eich is mer doch noch liewer wie der Hätt eich. In ähnlicher Weise wie 
eich sind auch meich, deich und seich entstanden, nur daß diese, besonders 
das letztere, viel seltener vorkommen, weil sie nicht so oft tonstark sein 
können. 

Wie schriftdeutsches «u einem mittelhochdeutschen uo entspricht und 
dieses auf langes o zurückgeht, so geht auch č auf że und dieses auf 
langes e oder eo zurück. Dieser e-Laut ist im größten Teil des Ober- 
hessischen zu ät geworden; vgl. Gäiße (Gießen), fläiße, näiße, schläiße, 
häiße (hießen), zuge (wie), däine (dienen), Däip (Dieb), schlätfe (schliefen), 
däif (tief), Schü (Stier), säi (sie), Däir (Tier), häi (hier), fäir (vier), 
läif (lief), räif, Näier (Niere), verläise (verlieren), Läid (Lied). Dazu 
kommt noch näit (nicht), das auf älteres niet, neot zurückgeht. 

Im Niederhessischen und Nordoberhessischen ist e erhalten und eo 
zu e geworden. Dort heißt es be für wie, dee für die, see (sie), Zehel 
(Ziegel), deef (tief), zeen (ziehen), fleen (fliegen), reff (rief), hell (hielt), 
schleff (schlief), lesse (ließen), kee (hier). Die Grenze zwischen e und o 
ist dieselbe wie zwischen o und ou, Auch hier finden sich im Süden 
einige zersprengte e, wo man sonst ? erwarten sollte, so ‚Schbeel (Spiegel). 
Leed (Lied), Reeme (Riemen), beere (bieten) in der Nähe von Bingen, doch 
in Brief, tief und dienen steht schon wieder ?. 

Die gerundeten Laute ö und ü sind, wie schon oben erwähnt, 
durchweg entrundet und daher mit e und © zusammengefallen. Auszu- 
schalten ist hierbei jedoch eine Entwicklung nach a hin, wie wir sie 
hei e für Oberhessen festgestellt haben. Dagegen ist altes langes oe, wie 
e, im Odenwald zu äi und sonst zu © geworden. Beispiele für o sind 
schäi (schön), gräischt (größte), biiis (böse), häiikschtens (höchstens), stäipt 
(stößt), vergräißert (vergrößert). Beispiele für è sind schiiner (schöner), 
griißle, Hih (Höhe), biis (böse), kiirt, liise (lösen), schdiirn (stören). In 
Oberhessen ist dieses © ziemlich ausnahmslos durchgeführt, in Rhein- 
hessen dagegen wechselt es vielfach mit e. Vielfach »hat die schrift- 
sprachliche Form auf dem Lande den Sieg davongetragen« (Erdmann), 
allerdings die Rundung wurde dort immer beseitigt. 

Kurzes ö wurde in Oberhessen zu © in Vichel (Vögel) und Lächer 
(Löcher). Dagegen geht mihlich (möglich) und kinnt (könnte) auf früheres 
mügelich und künde zurück. 

Kurzes ü erscheint im Oberhessischen je nach dem folgenden Laut 
als © oder als geschlossenes e, also ähnlich wie die Entwicklung von :. 
So steht ¿ in iwwel (übel), Prichel (Prügel),- Ziül, Zichel (Zügel), dichdich 
(tüchtig), Fricht (Früchte, Frucht), Kich (Küche), dinn, Kimmel, be- 
kimmern. Dagegen steht e in Brecke, drecke, Gleck, Meck (Mücke), 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 221 


plecke (pflücken), Steck, felle, Fellsel, Bechs (Büchse), Schessel, flessig, 
Schlessel, resde (rüsten), eppig, netzlich, ewwer (über), ewwerig (übrig), 
Meen (Mühle), Leftche (Lüftchen). Im Westen Rheinhessens findet man 
Kewwel (Kübel), ewıwer, enewwer (hinüber), Becks (Büchse), Steck, Schessel. 
Doch ist dieser Übergang zu e verhältnismäßig selten, vielmehr steht 
meist . Ein klarer »Einblick wird vollends dadurch unmöglich, daß 
auch die einzelnen Dörfer untereinander noch eine verschiedene Be- 
handlung dieser -Laute aufweisen, ohne daß es möglich wäre, feste 
Linien zu ziehen. Die Entwicklung von A. das ja aus u entstanden 
ist, ist also — trotz der Entrundung — im einzelnen mehr mit der von 
u als mit der von ? zu vergleichen. 

Wenn das schriftdeutsche © dem Umlaut von uo (altdeutsch Ze) oder 
des urdeutschen o entspricht, so tritt im Oberhessischen auch der Umlaut 
von ou ein; dieses ist o2, also ein gerundeter Laut. Z. B. Froischdeck 
(Frühstück), grosße, moid, huuchmoirich (hochmütig), bloikt (blüht), groin, 
sorßer, koihl, gefoitiert, oiwe (üben), forern (führen), roiern, schnoiern, 
koihn, Roip (Rübe), won (wühlen), troib, woist, Fois (Füße), hoire (hüten), 
schdoin (stünde), moisse, Broi (Brühe), Mot, Koi, froi, gloie (glühen). 
Entrundung findet sich jedoch schon in einigen Grenzgegenden des Ober- 
hessischen, auch in Wetzlar steht ä, doch ist die Grenze zwischen är 
und oi ooch nicht festgestellt. Vor g und ch steht meist ©, vgl. Bicher, 
nichtern, schliich (schlüge), triich. Die oberhessischen Städte haben schon 
seit einiger Zeit dem Schriftdeutschen sich angenähert, indem sie ¢ durch- 
weg gebrauchten. Dieses ist auch das Regelmäßige in Südhessen; selbst 
im Binger Landkreis findet sich e nur in Gemees (Gemüse) und Mee 
(Mühe). Dafür ist dieses e im Niederhessischen und Nordoberhessischen 
lautgesetzlich; vgl. messe (müssen), meed (müde), bleekt oder bleht (blüht), 
Feß (Füße), dreek (trüge), Kee (Kühe), greßt, frehe. Über die Grenzen 
und Erklärung dieser Lautverhältnisse gilt das oben für u und © Gesagte. 


Die Doppellaute ei, au und eu. 


Für die drei ersten Zahlwörter heißt es in der Mainzer Mundart 
üns, zwä, drei, in Kastel aans, zwa, drei und in der Schweiz eins, zwei, 
dri. Jedesmal sehen wir, daß die dritte Zahl für das schriftdeutsche & 
einen andern Laut hat als die beiden ersten. In Darmstadt will man dehaam 
bleiwe, in Schlitz aber sagt man dafür heim und blii. Und in allen deut- 
schen Mundarten können wir wahrnehmen, wie dem schriftdeutschen e 
zwei verschiedene Laute entsprechen. Ähnlich ist es bei au und eu der 
Fall. In Mainz sagt man nicht der Bauer glaubt, sondern der Bauer 
glaabt, im Niederdeutschen dagegen der Bur glaubt. Und in der Wetterau 
heißt es Fraad für Freude, haut für heute und Leu für Leute. 

Alle diese Verschiedenheiten erklären sich, wenn wir auf das Alt- 
deutsche zurückgehen. In dem schriftdeutschen e sind die früheren 
Laute eï und langes © zusammengefallen, ebenso geht das a« der Schrift- 
sprache auf früheres /anges u und ou zurück, und eu hat sogar einen 


222 Hans Reis. 


dreifachen Ursprung, nämlich als Umlaut von au die Laute x und on, 
dann noch althochdeutsches @u. Das Niederhessische steht dem alt- 
deutschen Lautbestand insofern am nächsten, als in den meisten Fällen 
der einfache und der Doppellaut da steht, wo er auch im Altdeutschen 
gebraucht worden ist. Doch ist für altes u in der Verlängerung vor ge- 
wissen Lauten der Doppellaut «2 eingetreten, während verkürzt o steht. 
Vgl. uis (aus), Huis (Haus), suist (saust), bruist (braust), huise (hausen), 
luiter (lauter), Kruit (Kraut), fuil (faul), knuiserig (knauserig), Guil (Gaul), 
bruche (brauchen), gebroche (gebrauchen), besoffe (besaufen), Dop (Taube), 
brong, brumme (braun, braune), off (auf). Für schriftdeutsches eu dagegen 
steht © oder e; vgl. but, hett für heute, Hisser (Häuser), Litt (Leute), 
Lire (Leuten), ning (neun), Frengd (Freund); durch Umlaut, der ab- 
weichend von der Schriftsprache eingetreten ist, entstand e für o in Dep 
(Taube), Trewwel (Traube), Demme (Daumen), Premm (Pflaume). Der 
Wechsel von e und 2 hängt wahrscheinlich mit früherer Verkürzung oder 
Verlängerung zusammen. Ebenso stehen e und © für früheres langes ı, 
so in Wü, Wing (Wein), bisse (beißen), Is (Eis), blick (bleibe), glich 
(gleich), vellicht (vielleicht), Hin (Heinrich), dii oder deng (dein), meng, 
seng, bell (weil). 

Im Auslaut und im Inlaut vor Vokalen entwickelten sich jedoch 
die Doppellaute ee und ou. So steht ei, das aber mehr wie d? gesprochen 
wird, in drei, frei, bei, Zauberei, gefrei (freien), sei, gesei (sein), deier 
(teuer). Auch me für mir und wir, und det für dir sind hier zu er- 
wähnen, in denen nach Wegfall des r sich ähnlich wie in den andem 
hessischen Mundarten bei mich, dich durch Tonstärke ein langes č ent- 
wickelt hat, das nach Wegfall von r im Auslaut stand. Nicht ganz 
dasselbe ist es mit dau für du, das man übrigens auch im Oberhessischen 
findet; denn hier ist das lange « ursprünglich und a« daher lautgesetz- 
lich, das schriftdeutsche d« geht aber auf eine bereits im Altdeutschen 
infolge der vorwiegenden Stellung hinter dem Zeitwort verkürzte Form 
zurück. 

Das schriftdeutsche au und as findet sich dagegen im Nieder- 
hessischen wie in der Schriftsprache, wenn der Doppellaut ursprünglich 
ist, so in Glauben, verkaufen, Frau, Seife, Kleid, heiß, Fleisch. Nur 
die an der oberhessischen Sprachgrenze unmittelbar gelegenen Orte, wie 
Grebenau und Lauterbach, haben ä in Säf, Kläd, häß, Fläsch, Frä. In 
zwä für zwei und nä für nein geht der einfache Laut noch weiter ins 
Niederhessische hinein und findet sich auch in Schlitz, wo man sonst 
ei beibehalten hat. Sehen wir von derartigen Ausnahmen ab, so schließt 
sich bei,dieser Lautentwicklung das Niederhessische zusammen mit dem 
Westthüringischen und demRipuarischen an das benachbarte Niederdeutsche 
an und hat, wie dieses, hier den alten Lautbestand im wesentlichen be- 
wahrt. 

Die übrigen mitteldeutschen Mundarten haben jedoch die angeführten 
früheren Laute durchweg umgeändert, sowohl die einfachen langen č, u, 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 223 


ü als die Doppellaute e, au, eu. Dieser bedeutungsvolle I,autwandel 
begann im dreizehnten Jahrhundert im Bairischen mit einer Bewegung 
aller Vokale nach a (mit einem Nebenklang von o) hin. Diese neue 
Sprechsitte dehnte sich dann weiter aus, zunächst auf die Nachbarmund- 
arten und von diesen dann wiederum weiter, besonders in nordwestlicher 
Richtung, und so wurden im Laufe der Geschlechter allmählich Laut- 
wandlungen hervorgerufen, die im Ursprungsgebiet am schärfsten und 
am weitesten, in den übrigen Gebieten dagegen mit verschiedener Stärke 
durchgedrungen sind. Die Schriftsprache hat sich jedoch nur teilweise 
angeschlossen. 

Die hessischen Mundarten haben, wie die Schriftsprache, die langen 
i, u, ü in Doppellaute verwandelt und, wenn wir vom Niederhessischen 
absehen, nur ganz ausnahmsweise den alten einfachen Laut beibehalten. 
Die Schriftsprache tat dies, wie wir oben gesehen haben, bei dx; unsere 
Mundarten folgten ihr meist hierin, sie haben aber den Doppellaut auch 
nicht bei auf, für das meist uf, im Oberhessischen off gebraucht wird. 
Auch dieses ist, wie d«, durch Tonschwäche schon früher, bevor über- 
haupt die Entwicklung des langen Lautes zum Doppellaute begann, ver- 
kürzt worden. Ähnlich ist es mit dem oberhessischen «ch (euch). Weit 
verbreitet ist © für e2 in der Vorsilbe ein, so ingehaue (eingehauen), in- 
geriwiwe (eingerieben), ?ntrahe (eintragen), inschlahe (einschlagen), Inqua- 
deering (Einquartierung); auch eninn und erinn für hinein und herein 
gehören hierher. Schon im Altdeutschen wechselten ?n und ĉn, ja letz- 
teres ist durch Verlängerung bei Betonung aus ersterem entstanden, und 
so wurden auch zunächst in unsern Mundarten in und ein nebeneinander 
gebraucht, beim Ausgleich siegte meistens zn, dagegen steht ei in drei 
für drin, also jedesmal verschieden von der Schriftsprache. Vielleicht 
war jedoch das altdeutsche © vor n mit folgendem Konsonant verkürzt 
worden, bevor die Entwicklung zum Doppellaut einsetzte. Dafür sprechen 
auch die mundartlichen Wingert (Weingarten) und Ringgaa (Rheingau); 
natürlich trat dies nur ein, wenn der auf n folgende Konsonant ohne 
Pause angefügt und die letzte Silbe verkürzt wurde. Die Stadtmund- 
arten haben 2» unter schriftdeutschem Einfluß durch ein ersetzt -- aller- 
dings mit Nasalierung des eö und Wegfall des n. In Mainz ist jedoch 
in noch erhalten in dem rein mundartlichen Wort :ndaierlich (z. B. in 
dem Satze er hat so indaierlich geflennt), das, ins Schriftdeutsche über- 
setzt, wahrscheinlich eendüuerlich heißen müßte und zu dauernd in der- 
selben Weise gehört wie eindringlich zu dringend. 

Der nördlichste Streifen des Oberhessischen, nahe an der Wee, 
hessischen Sprachgrenze, besonders das Land an der Schwalm, ist ein 
Übergangsgebiet, in dem bei einigen Wörtern der einfache Laut :vor- 
kommt. Vielleicht sind diese Wörter aus dem Niederhessischen einge- 
drungen; wahrscheinlich aber hat in diesem Gebiet die Entwicklung zum 
Doppellaut später eingesetzt als in den südlicheren Teilen des Ober- 
hessischen, und ein Teil der langen Laute war unterdessen schon ver- 


224 Hans Reis. 


kürzt worden. Beispiele für den einfachen Laut sind mng (neun), 
glich (gleich), vellicht (vielleicht), Hin (Heinrich), Fier (Feuer), errecht 
(erreicht), bruche (brauchen), Frengd (Freund). Der Doppellaut findet 
sich jedoch in weil, gescheit, schreiwe (schreiben), Leit (Leute), weit, 
Zeit, aus. 

Dem Oberhessischen eigentümlich ist der Gebrauch von au in einer 
Anzahl von Wörtern für schriftdeutsches eu. Dieses hat nämlich doppelten 
Ursprung, erstens aus dem althochdeutschen Doppellaut ¿u und zweitens 
aus dem Umlaut des langen u. Jenes althochdeutsche ču fiel nun in 
Mitteldeutschland vielfach schon ziemlich früh mit langem u zusammen 
und entwickelte sich, wie dieses, zu au. Das aus zu entstandene u 
finden wir verkürzt in dem bereits erwähnten unbetonten «ch (euch). 
Beispiele für au sind hau (heute), auch (euch), Fauer (Feuer), Fauerbach 
(Ort bei Friedberg), Nauheim (Neuheim), Schauer (Scheuer), »auschierig 
(neugierig), nau (neu), naust (neuest), trau (treu), aurem (eurem), Sau, 
Mehrheitsform ohne Umlaut infolge des frühen Abfalls der Endung.! 
Hierher gehört auch naut (nichts), das auf niut, niuwiht zurückzuführen 
ist.. Dieses naut findet sich in einem Gebiete, zu dem als Grenzorte 
noch Ems, Montabaur, Biedenkopf, Frankenberg, Neustadt, Alsfeld, We- 
nings, Bad Nauheim, Diez gehören, während die Orte Ziegenhain, Gre- 
benau, Lauterbach, Herbstein schon außerhalb liegen. Die Grenzen des 
au gegenüber eu sind übrigens bei den einzelnen Worten fast durchweg 
verschieden, wenn sie auch im allgemeinen mit der angegebenen Grenze 
von naut übereinstimmen. Immer mehr werden jedoch diese au »von 
der überwältigenden Masse der Umlauts-eu zurückgedrängt« (Wrede). 
Früher war au wahrscheinlich viel weiter verbreitet; darauf deuten ein- 
zelne Reste. So findet sich Fauer (Feuer) versprengt in einzelnen Teilen 
des westlichen Taunus, der Eifel und des Hunsrücks. Zwischen Mainz 
und Darmstadt liegt das Dorf Nauheim, dessen Name darauf hindeutet, 
daß es, wie heute in Oberhessen, so früher auch in diesem südlichen 
Gebiete nau für neu hieß. 

In manchen Worten ist au von eu verdrängt worden, so in Reue, 
das auf althochdeutsch rruwa zurückgeht, in Zeug (gixiug) und neun 
(miun). In andern Wörtern liegen Umlautswirkungen vor; e« tritt näm- 
lich für ču ein, weil in der folgenden Silbe ursprünglich © oder j stand, 
so in deuten (gotisch Zrudjan), deutsch (diutisk), Leute (liut:i), scheuen 
(skiuhjan), treu (triuwi). Neben treu kommt auch frau vor, und zwar 
ist freu ursprünglich Adjektiv, trau Adverb gewesen. Ebenso steht eu 
für den Umlaut des alten langen u in Häuser, läure (läuten), Kräurer, 
Mäus, Füäust, feucht, Kreux, Beutel, schleunig. Dieses oberhessische eu 
ist ein gerundeter Vokal und wird ähnlich gesprochen, wie in der Schrift- 
sprache. Im Binnenfränkischen und Pfälzischen ist jedoch, wie wir schon 
gesehen haben, Entrundung zu az eingetreten. 


1 Behaghel in Pauls Grundriß ?, I, 754. 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 225 


Bei dem neuen Doppellaute ad wurde der erste Bestandteil a ur- 
sprünglich kurz gesprochen. Eine neue Entwicklung setzte aber später 
mit der Dehnung dieses a ein. Indem aber a verlängert wurde, wurde 
zu gleicher Zeit 2, der zweite Bestandteil des Doppellautes, geschwächt. 
Diese Schwächung ging bei einigen Worten bis zum völligen Ausfall von 
. Hier bestehen wiederum wichtige Unterschiede zwischen den einzelnen 
Landesteilen. Im Südosten ist diese Entwicklung nur schwach wahrzu- 
nehmen, in Oberhessen und Rheinhessen dagegen schon ziemlich stark. 
In Oberhessen ist sie durch Nachbarlaute zugleich begünstigt uud ein- 
geschränkt worden, in Rheinhessen dagegen ist sie durch den Einfluß 
der Schriftsprache und der Nachbarmundarten gehemmt und verzögert, 
so daß dort für dasselbe Wort Doppelformen mit langem und kurzem a, 
mit und ohne © nebeneinander vorkommen. Beispiele für das mundart- 
liche lange a mit folgendem kurzen ? aus dem Binger Landkreise sind 
(nach Erdmann) baaz (bei), draar, Saart (Seite), Zaait, schraaiwe (schreiben), 
glaaich, raaich. Einfaches a ohne © erscheint in Laab (Leib), allewaal, 
maan, saan, Aase (Eisen), kraasche (kreischen). In der Stadt Bingen, 
wo die Einwirkung der Schriftsprache stärker war als auf dem Lande, 
ist diese Entwicklung zwar verzögert, aber nicht vollständig unterdrückt 
worden. Niemals ist dort der zweite Teil © vollständig weggefallen, da- 
gegen findet sich, wenn auch seltener, die Verlängerung von a. Im 
Auslaut und vor Vokalen konnte © nicht so leicht geschwächt und aus- 
gestoßen werden; denn alsdann ist das Wort bequemer mit als ohne ¿ 
zu sprechen. Daher blieb alsdann in der Stadt der alte Doppellaut mit 
kurzem a und kräftigerem © erhalten, und auf dem Lande ging die Ent- 
wicklung nur bis zu aaz, nicht bis zur völligen Ausstoßung von ?. 

Auch hier zeigt sich die schon früher beobachtete Verschieden- 
artigkeit in der Entwicklung der dunkeln und hellen Vokale Die dun- 
keln eu und au wandeln sich langsamer und kommen nicht so weit als 
at. Zwar ist eu zu ai entrundet worden, aber in der Stadt hat dieser 
entrundete Doppellaut fast niemals den ersten Bestandteil verlängert. Auf 
dem Lande allerdings ist die Weiterbildung zu aas »kräftig gediehen«; 
vgl. haait (heute), Laait, aaich, laaichde (leuchten), saaifst (sänfst), laaide 
(läuten), und auch die Wandlung zu einfachem aa tritt ein, wenn auch 
seltener, so in Haasje (Häuschen), Faascht (Fäuste), Kraaz (Kreuz). Bei 
au dagegen, also bei dem dunkelsten der drei Doppellaute, ist in der 
Stadt der erste Bestandteil « immer kurz, wie in der Schriftsprache, und 
auf dem Lande geht die Entwicklung nur bis zu aau, niemals bis zu 
aa; vgl. Daaub (Taube), Traaub, daausend, braauche, Maaul, Haaus, aaus. 
Wir sehen: je dunkler der Laut, um so langsamer die Entwicklung. 

In Oberhessen ist eine solche Wandlung nur bei folgendem ch und 
m eingetreten; sie blieb aber dann nicht bei aat oder aau stehen, son- 
dern wurde bis zu dem einfachen Laute durchgeführt, der sogar verkürzt 
wurde. So wurde au vor m zu a in kam (kaum), Scham, Dame (Daumen), 
rame, Prame (Pflaume); ebenso vor ch in Schdache (Stauchen), dache, 

Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 15 


226 Hans Reis. 


brache, hache, Strach. Bei ei trat die Vereinfachung nur vor ch ein, vgl. 
viellacht (vielleicht), rach, Bacht, siracht, glach. Auch diese Lautgestal- 
tung ist bei au in den Städten nicht so durchgedrungen wie bei at. 

In dem Farbennamen weß ist die Entwicklung im Binger Land 
nicht nur zu aati und aa, sondern sogar noch zu oo ausgedehnt worden. 
Doch ist fraglich, ob hier lediglich Lautwandel vorliegt; ausschlaggebend 
für o dürfte wahrscheinlich erst das Muster der andern Farbenbezeich- 
nungen bloo (blau), groo (grau), schworz, rot gewesen sein. 

Mit diesem neuesten Wandel von a? und au zu aa wiederholt die 
Mundart heute einen Vorgang, der schon im 13. Jahrhundert einmal statt- 
gefunden und damals zur Beseitigung der althochdeutschen Doppellaute 
ai und au geführt hat. Diese alten Doppellaute, die im Mittelhoch- 
deutschen zu ei, ğu und ou wurden, sind in dem größten Teil unseres 
Landes zu a geworden; nur an den Grenzen hört man dafür ä oder e. 
So steht a für ei in Waar oder Waad (Weide), baare (beide), Klaad, 
Laad, braat, haaß, haafßse, Raas (Reise), faal, Daal (Teil), maane, Schdaa 
(Stein), kaam, Maafßel, Maaster, klaa (klein), Raa (Rain), laare (leiten), 
Aare (Eidam), kaa (kein), naa, Baa, Laast (Leisten), Gaasbeckelche (Geiß- 
böckchen), Waas oder Waaz (Weizen), waaf (weiß), Schwaaß (Schweiß), 
Geschmaaß, Maad. 

Im Südosten Oberhessens dagegen, östlich von Schotten und We- 
nings, tritt offenes o ein, so in hoaß, zwoa, Floasch, hoam. Dies ist eine 
Verschiebung des sonst vorherrschenden «a nach o hin. Ebenso findet 
sich offenes o im Westen Rheinhessens, im Binger Landkreis, allerdings 
nur wenn ein Lippenlaut vorhergeht oder ein Nasenlaut folgt, so in boad 
(beide), Schwoaß, woaß, xwoa, Moai (Mai), oaner, kloan, moant. Diese 
zwei Landschaften mit oa hängen nicht zusammen, sondern dazwischen 
findet sich durchweg a für früheres ee. Eigentümlicherweise sind die 
Gebiete, in denen oa sich findet, nicht weit von der Grenze entfernt, 
welche die verschiedenen, für früheres e stehenden Laute voneinander 
trennt. Durch den östlichen Teil der Provinz Oberhessen geht nämlich 
die niederhessische Sprachgrenze, und unmittelbar bei Bingen verläuft 
die Grenze zwischen a und ä für e. In der Nähe einer Lautgrenze ist 
die Entwicklung eines Lautes in der Regel nicht ganz folgerichtig den 
Lautgesetzoe gemäß durchgeführt, da die Nachbarmundarten mit ihrem 
anders gearteten Laute einwirken. Meist zwar werden durch eine solche 
Einwirkung die verschiedenen benachbarten Laute einander genähert, und 
so hätte hier eine Annäherung von a und ü stattfinden müssen. Aber 
die Wandlung dieses aus ei entstandenen langen a geschah nicht nach 
dem Muster der Nachbarmundarten, sondern vollzog sich gerade so wie 
bei dem altdeutschen langen a, also in der Richtung nach o hin. Es 
ist also eine Weiterentwicklung des heutigen langen a, ganz in der Weise 
wie früher. Daß diese an den Lautgrenzen einsetzte, obwohl der Laut- 
bestand jenseits dieser Grenze dem nicht günstig war, hängt damit zu- 
sammen, daß der alte Laut an «den Grenzen eines Sprachgebietes nicht 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. | 227 


die gleiche Festigkeit hat wie im Innern desselben, wo seine Erhaltung 
durch die Nachbarmundarten ringsum weit und breit unterstützt wird. 

Wenn vor dem mundartlichen ck, dem im Schriftdeutschen nicht 
nur ch, sondern auch g entspricht, eè ebenfalls zu a geworden ist, so 
ist die Aussprache von ch nicht geändert worden, es wurde im vorderen 
Mundraum gesprochen, wie in Ach, und nicht im hinteren Mundraum, 
wie in ach. Wenn also bleich zu blaach, weich zu waach, Teig zu Daach, 
Eiche zu Aach, Eichel zu Aachel geworden ist, so ist doch die Aus- 
sprache von ch wie nach 2 geblieben. 

In einigen Gegenden, besonders in Rheinhessen, aber auch in der 
Nähe von Gießen, hat sich zwischen a und ch ein schwaches č entwickelt. 
Es heißt also für die obengenannten Worte blaasch, waaich, Daaich, 
Aaich, Aaichel, wobei zwischen dem langen à und dem schwachen t 
eine Pause fast wie bei einer neuen Silbe gemacht wird. 

An den Grenzen unseres Landes steht für e nicht mehr a, sondern 
ä oder e. So verläuft in Oberhessen die Grenze nicht weit von Gießen, 
zwischen Grünberg und Atzenhain, in letzterem Ort wird offenes e oder 
d gebraucht, während Grünberg a hat. So stehen sich bräät, klääd, 
hääß, Sääl, Add in Atzenhain und braat, klaad, haaß, Saal, Aad in 
Grünberg einander gegenüber. »Daß in Atzenhain die Form Raaf und 
in Grünberg die Form falsch Aäd erscheint, beweist, daß beide Mund- 
arten sich gegenseitig beeinflußt haben (Knauß)«. In der Schwälmer 
Gegend steht geschlossenes ee in eesom (einsam), Krees (Kreis), keem 
(heim), Schweeß (Schweiß), Schdreech (Streiche), weeß (weiß), breet 
(breit) usw. 

Im Nordwesten Rheinhessens findet sich ö, wie in der Nähe von 
Gießen. Nur vor n tritt in Bingen geschlossener Laut, also ee, ein; vgl. 
eenig, Meenung, kleener, cener, keener, Eemer, heem; eine Ausnahme 
bildet jedoch nää für nein, wo durch die Bedeutung des Wortes eine 
besonders tonstarke Aussprache und daher der offene Laut hervorgerufen 
worden ist. Vor Vokalen und vor j dagegen stehta auch in Bingen und 
Mainz, so in Schlaajer (Schleier), Aajer (Eier), Aajedum (Eigentum), und 
auch auf den Auslaut dehnte sich dieses a mit Nachklang von © aus in 
Aai (Ei), Maai (Mai). Sonst steht durchweg ä, in Mainz auch vor n 
und m. Die Grenze zwischen ä und a bildet eine Linie, die von Rüdes- 
heim nach Kirchheimbolanden zieht und einen westlichen Strich Rhein- 
hessens abtrennt. Sie wendet sich dann nach Osten, erreicht bei 
Frankental den Rhein, den sie bis Germersheim begleitet, um dann nach 
dem Neckar hinzuziehen. Am Neckar sowie im Süden des Odenwaldes 
findet sich dann ein bunter Wechsel zwischen a und ä; seltsamerweise 
haben die wichtigsten hessischen Orte, wie Neckarsteinach, Erbach, Michel- 
stadt und Wimpfen a, während die badischen und bayrischen Orte Eber- 
bach, Amorbach, Klingenberg, Miltenberg, Mosbach, Walldürn @ haben. 

Außerdem findet sich @ für altes e& nur noch in Mainz. Diese 
Stadt bildet bei diesem Laute geradezu eine Sprachinsel und unter- 

15* 


228 Hans Reis. 


scheidet sich schon von den allernächsten Vororten, wie Kastel, Mom- 
bach, Weisenau und Bretzenheim. Während letztere aans, zwa zählen, 
zählen die Mainzer ääns, zwä. Ja in Mainz selbst konnte man bis vor 
kurzer Zeit noch bei einem Worte eine unterschiedliche Behandlung er- 
kennen. Für das altdeutsche bei, das hier zu Lande bei der Frage in 
der niedersten Schicht der Bevölkerung verwendet wird (vgl. S.207), ge- 
braucht der größte Teil der Mainzer kë, die Bewohner des südöstlichen 
Teiles dagegen, die sogenannten Vilzbächer (nach denı benachbarten, im 
dreißigjährigen Krieg zerstörten Vorort Vilzbach benannt), sagten hå. 
Wahrscheinlich ist diese vereinzelte Form ein Überbleibsel aus einer 
Zeit, in der die geringere Bevölkerung von Mainz gleich den Landorten 
durchweg a für früheres e gebraucht hatte, während die bessere, ins- 
besondere die kaufmännische Bevölkerung, unter dem Einfluß der Sprache 
der rheinaufwärts (Frankental, Speyer) und rheinabwärts (Bingen, Kreuz- 
nach) Wohnenden ä annahm, woran sich dann im Laufe einiger Ge- 
schlechter die ganze Stadt anschloß. In den Vororten gilt heute noch 
ä für das feinere und wird hie und da nachgeahmt. 

Altes ou (schriftdeutsch au) hat sich im allgemeinen dem alten e 
entsprechend entwickelt. Wo ei geblieben ist, findet sich auch noch ou; 
wo ei zu ai wurde, wie in der Schriftsprache, da wurde ou zu au; wo 
ei zu e wurde, da wandelte sich ou zu o; wo es zu a oder ä wurde, da 
wurde ou zu a. Daher finden wir nur an der niederhessischen Grenze 
hie und da o, östlich von Schotten und Wenings oa, sonst durchweg a, 
auch im westlichen Strich Rheinhessens, in Mainz und im ganzen Oden- 
wald. Beispiele für dieses a sind aach (auch), Aache (Augen), glaabi 
(glaubte), Fraa (Frau), verkaafe (verkaufen), laafe (laufen), Baam (Baum), 
Haaptsteck (Hauptstück), Verlaab (Verlaub, Erlaubnis), Schdaab (Staub), 
Aa (Aue), genaa (genau), Draam (Traum), kaache (hauen), daache (taugen), 
daafe (taufen), Daa (Tau). Eine Entwicklung von au zu o, ähnlich der 
von ei zu o im Binger Landkreis hat jedoch nicht stattgefunden, also 
ist auch hier der dunkle Vokal hinter dem hellen zurückgeblieben. 

Zwei scheinbare Ausnahmen sind Kloo (Klaue), bloo (blau) und groo 
(grau). Diese gehen jedoch auf mittelhochdeutsch klâ, blä und grä zurück. 
Das Schriftsprachliche hat sich aus denjenigen Formen dieser beiden 
Worte entwickelt, in denen ein w folgte, wie im Genitiv: Aläwes, bläues, 
gräwes. 

Das altdeutsche ez, das durch Umlaut aus 0% entstanden ist, teilt 
meist das Schicksal von e. Es sind nur wenige Worte, die in Frage 
kommen, wie Frad oder Fräd für Freude, Haa oder Hää für Heu. Die 
bei der Abwandlung des Hauptworts und Zeitworts entstehenden Formen 
mit eu sind durch Angleichungen meist verändert worden. So sollte man 
lautgesetzlich für läuft, käuft, Bäume, Bäumchen in Mainz lääft, kääft, 
Bääm, Bäämche erwarten, und tatsächlich kommen diese Formen auch 
vor. Daneben sagt man aber infolge Analogiewirkung auch leeft, keeft, 
Beem, Beemehe mit geschlossenem e; diese Formen sind von laafe (laufen), 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 229 


kaafe, Baam (Baum) gebildet worden, ähnlich, wie man zu tragen die 
Formen treet oder treecht, schleet oder schleecht zu schlagen, Gleeser und 
Gleesje zu Glas bildet. 

Die Halbmundart hat die schriftdeutschen eč und au ziemlich früh 
und ohne Zögern angenommen; denn der Unterschied zwischen Mundart 
und Schriftsprache ist hier doch so stark, daß schon bei dem ersten Be- 
streben, schriftdeutsch zu sprechen, der mundartliche Laut weichen mußte. 
In Oberhessen ist auch au für eu aus demselben Grunde in der Halb- 
mundart nicht mehr zu finden. Dagegen ist die Aufnahme des gerundeten 
Lautes im südlichen Teil Hessens auf Schwierigkeiten gestoßen; denn der 
Laut eu ist in dieser Gegend ganz unbekannt und kam erst auf, als ober- 
hessische Beamte und Lehrer in größeren Mengen nach Süden versetzt 
worden waren. Für eu wurde aber an Stelle des mundartlichen o und 
ä der Doppellaut ač gesetzt, z. B. in Fraid, Hai, weil aù dem Schrift- 
deutschen immerhin näher stand als der altmundartliche Laut. 


Übergangsstufen zwischen Mundart und Schriftsprache. 


Schon seit frühen Zeiten, vor dem Beginn des 19. Jahrhunderts, 
sind die Mundarten in starkem Umfange durch eine Art von Gemein- 
sprache verändert worden. Im Gegensatz zu den Veränderungen des 
19. Jahrhunderts, die einerseits durch die allgemeine Schulpflicht, ander- 
seits durch den ungeheuren Aufschwung des Verkehrs veranlaßt worden 
und überall, auch auf den entlegensten Gebirgsdörfern, schnell durch- 
gedrungen sind, konnten sich die früheren Wandlungen nur langsam 
vollziehen; der Einfluß des Lehrers erstreckte sich auf eine geringere 
Anzahl von Schülern und auf eine kürzere Zeit als heutzutage; nur die 
Sprache des Geistlichen wirkte von der Kanzel herab mächtiger und 
längere Zeit des Lebens hindurch, und zwar natürlich im Sinne einer 
Abschwächung der Mundart. Der Verkehr, der die Bewohner entfern- 
terer Gegenden verbindet und ihre sprachlichen Besonderheiten ein- 
schränkt, hat aber in der älteren Zeit nur die näher zusammen gelegenen 
Orte einer häufigeren gegenseitigen Beeinflussung geöffnet und daher 
auf weitere Kreise nur in geringem Maße gewirkt. Nur diejenigen, 
die durch ihren Beruf veranlaßt worden waren, längere Zeit in anderen 
Gegenden Deutschlands zuzubringen, eigneten sich eine neue Sprechweise 
an und verloren demgemäß manche mundartlichen Eigentümlichkeiten. 
Es waren dies zunächst nur Großkaufleute und Akademiker. Aber als 
Vertreter höherer, ja gelehrter Bildung wirkten sie auf die Sprache der 
unmittelbar unter ihnen stehenden Stände stark ein, und die Sprache 
dieses Mittelstandes wurde denn auch von den unteren Volksklassen 
nachgeahmt. Diese Entwicklung konnte sich zunächst nur da vollziehen, 
wo eine größere Anzahl von Gebildeten lebte, d.h. in der Stadt. Aber 
die Stadtmundart, die sich in solcher Weise im Gegensatz zu der Land- 
mundart gebildet hat, wirkte wieder auf die Vororte, und von da pflanzten 
sich solche Wirkungen wieder weiter fort, so daß ein Kreis von vielen 


230 Hans Reis. 


Orten rings um eine Stadt sich in .der Sprache von den echten Land- 
orten mannigfach unterscheidet. Übrigens sind auch hier die Übergänge, 
wie immer, allmählich, und die Entwicklung geht heute noch weiter. In 
dem von der Stadt aus beeinflußten Kreise aber ragt die Stadt noch 
stets durch gewisse Eigentümlichkeiten hervor. 

So entspricht dem altdeutschen ei in Mainz ä, in allen Orten ringsum 
jedoch a. Wir finden dieses ä wieder an der Westgrenze Rheinhessens, 
dann rheinabwärts von Bingen nach Koblenz, während geschlossenes e 
rheinaufwärts in der badischen und bayrischen Pfalz gesprochen wird. 
Die Rheinschiffer dürften es kaum nach Mainz gebracht haben, da sie 
dort, im Gegensatz zu manchen Vororten, nur einen kleinen Teil der 
Bevölkerung ausmachten. Dagegen steht der Annahme, daß es Kaufleute 
‘ vom Ober- und Niederrhein mitgebracht haben, nichts im Wege, und 
auf die Gelehrten mag noch die obersächsische Mundart, die lange Zeit 
als vorbildlich gegolten hat, eingewirkt haben. Daß letztere, ebenso wie 
ein Teil des Pfälzischen, geschlossenes e hat, verschlägt nichts, da bei 
einem etwaigen Übergang von a zu e sich zuerst der mittlere Laut ä 
entwickelte. Noch vor einem Jahrzehnt galt das Mainzer mundartliche & 
in üäns, zwä, Flääsch, häß usw. auf dem Lande für »feiner« als das 
heimische a in aans, zwa, Flaasch, haaß. Vielleicht rührt diese An- 
schauung daher, daß in der Stadt »feinere« Leute wohnten als auf dem 
Lande; möglich ist aber auch, daß wir hierin einen Nachklang aus jener 
Zeit erblicken dürfen, in der nur die Gebildeten in Mainz dieses ä ge- 
sprochen haben. 

Hier bildet eine Stadt für sich eine Sprachinsel. Bei den vielfachen 
Übergängen zwischen e und i, o und «u dagegen hat sich die schrift- 
deutsche Aussprache von den Städten her auf einen ziemlich großen 
Umkreis ausgedehnt. Im Odenwald und im südlichsten Teile Rhein- 
hessens finden wir noch e für schriftdeutsches © in geblieben, gepfiffen, 
gerissen, geschmissen, geschrieben (vgl. geblebb, gepeff, geress, geschmess. 
geschrebb). In Darmstadt, Mainz, Worms und in einem weiten Kreis 
von Vororten finden wir dagegen gebliwwe, gepiffe, gerisse, geschmisse. 
geschriwwe, also ein deutliches 2, und zwar ohne irgend einen An- 
klaug von e, im Gegensatz zu Gießen, wo kurzes ¿č sehr stark nach e 
hin gesprochen wird. 

Umgekehrt haben die Landorte in Oberhessen und Rheinhessen viel- 
fach ? statt eines früheren langen e und ebenso x für altdeutsches langes o. 
Auch hier ist zuerst in den Städten und dann in einem großen Umfang 
in Dörfern der schriftdeutsche Laut durchgedrungen. Ebenso verhält es 
sich mit dem mundartlichen r, das für d und ? eingetreten ist. Es kann 
übrigens nicht immer entschieden werden, ob hierbei die Städte die 
bereits vorhandenen mundartlichen Eigentümlichkeiten zugunsten der 
Schriftsprache beseitigt, oder ob sie bei ihrem größeren Verkehr von 
vorn herein die Entstehung dieser neuen und eigenartigen Lautwand- 
lungen gehemmt haben, 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 231 


Im Zusammenhang mit diesen Erscheinungen steht wohl auch die 
Tatsache, daß manche Sprachgrenzen ganz in der Nähe der Städte ver- 
laufen. So hat die von Südwesten her vordringende Wandlung von st 
zu scht vor den Toren von Mainz Halt gemacht. Auch die Entwicklung 
von altdeutschem langen e und o zu äi und ou ist nur wenige Stunden 
von Darmstadt entfernt zum Stillstand gekommen. Auch hier dürfen wir 
annehmen, daß die Nähe der Stadt das weitere Vordringen dieser Sprach- 
erscheinungen gehemmt hat. 

Während diese städtische Halbmundart sich bereits in früheren 
Zeiten ausgebildet hat, haben sich im neunzehnten Jahrhundert außerdem 
noch viele Zwischenstufen von der Mundart bis zur Schriftsprache ge- 
bildet. Wir unterscheiden drei solcher Zwischenstufen. Doch sind diese 
nicht ohne Übergänge; insbesondere haben die häufig vorkommenden und 
die unbetonten Wörter noch die mnundartlichen Laute, wenn dieselben 
Laute in selteneren und betonteren Wörtern dem schriftdeutschen Be- 
stand schon haben weichen müssen. Die erste Übergangsstufe ist die 
Umgangssprache der besseren Volkskreise, die in mancher Hinsicht aller- 
dings nur schwer von der Stadtmundart zu unterscheiden ist. Von den 
mundartlichen Lauten sind zuerst nur die betonten und langen Vokale, 
deren Abweichung von der Schriftsprache sehr entschieden ins Gehör 
fiel, beseitigt worden, aber auch nur dann, wenn in der Mundart der 
entsprechende schriftdeutsche Laut bereits vorhanden war. Dahin gehört 
vor allem das mundartliche a, das den schriftdeutschen Lauten ei, au 
und eu entspricht; ferner die Doppellaute ër, or und o, die mm Ober, 
hessen (wär, moid, gout) vorkommen und durch ¿ und u (wie, miid, gut) 
ersetzt werden mußten. Auch das oberhessische au, insoweit es schrift- 
deutschem eu entspricht, hat diesem schon ziemlich früh weichen müssen. 
Nicht immer sind jedoch die echt schriftdeutschen Laute hierfür eingesetzt 
worden. Da man in Oberhessen den Laut ü nicht kannte, gebrauchte 
man zunächst an dessen Stelle ¿¢ und sagte z. B. miid für müde, Fiif für 
Füße, und da der Laut eu in Rheinhessen und Starkenburg unbekannt 
war, hieß es Raiwer für Räuber, Hai für Heu, -Fraid für Freude. 

Etwas später wurden die mundartlichen Konsonanten sowie diejenigen 
Vokale beseitigt, die bei langsamem, deutlichem Sprechen sich noch von 
den schriftdeutschen Vokalen unterscheiden, aber nach ihrer Laut- 
beschaffenheit denselben so nahe stehen, daß bei einer größeren Sprech- 
geschwindigkeit die Unterschiede nicht mehr deutlich wahrgenommen 
werden. Hierher gehört die Vertauschung von o durch a in schlofe, hot, 
losse, denn in unserer Gegend wird jedes a mit einem Anklang nach o 
hin gesprochen. Auch die durch folgendes r hervorgerufenen Vokalver- 
änderungen wurden auf dieser Stufe beseitigt oder doch wenigstens be- 
schränkt. Man spricht dann nicht mehr nurgen und Lirche, sondern 
morgen und Lerche mit geschlossenem o und e, und umgekehrt in den 
Mundarten, wo r dem Laut a nahe steht und daher fornen und Kerche 
gesprochen wird, wird nunmehr turnen und Kirche, aber mit offenem 


232 Hans Reis. 
n und ». dh etwas nach o oder e hin gesprochen. Ebenso ging es im 
Oberhessischen dem ë und u, die für e und s in Worten wie in, ich, 
unten. Lump der Schriftsprache gemäß eintreten mußten. Diese zweite 
Übergangsstufe, auf der die genannten Erscheinungen sich finden, ist 
die ältere Umgangsprache der Gebildeten. 

Unter den Konsonanten ist auf dieser Stufe p, das für schrift- 
deutsches pf steht, im Anlaut beseitigt worden. Im Inlaut dagegen blieb 
p erhalten, und auch im Anlaut steht nicht pf, sondern, wie schon er- 
wähnt ist, f- Man sagt daher Fenniy. Fund für Pfennig, Pfund und 
bleibt bei dem mundartlichen hibbe und klobbe für hüpfen und klopfen. 
Auch das im Inlaut wegzefallene g wird jetzt wieder eingeführt, jedoch 
durchweg mit der Aussprache des Reibelautes, der im Wortinnern und 
am Wortende auch für den mundartlichen Verschlußlaut eintritt; vgl. 
saarhe (sagen) für san’e, Daach (Tag) für Daak. Dabei wird der Reibelaut 
ch nach e und : recht kräftig gesprochen und beginnt seine Entwicklung 
nach sch hin. 

Die dritte Stufe ist die jüngere Umgangssprache der Gebildeten. 
Erst jetzt ist pf auch in den Inlaut eingedrungen. Das wesentliche Kenn- 
zeichen dieser Stufe ist jedoch der Gebrauch der gerundeten Vokale eu. 
ü und ö, von denen die beiden letzten im ganzen Gebiete und der erste 
im größeren Teile Hessens unbekannt waren. Auf dieser Stufe steht die 
heute übliche Umgangssprache der (rebildeten. Die Vokallänge wird bei 
den häufiger vorkommenden Wörtern auch auf dieser Stufe noch durch 
die Mundart bestimmt, nur bei selteneren Wörtern tritt die schriftdeutsche 
Art ein. Überhaupt werden auf diesen Übergangsstufen viele seltener 
vorkommende Worte mehr durch Unterricht und Lektüre erworben und 
entsprechen daher in ihrem Lautbestand der Schriftsprache. Auch das 
schriftdeutsche ö wird für mundartliches e gesetzt in gäbe, nähme usw. 
Indessen bleiben noch viele mundartliche Eigentümlichkeiten erhalten. 
So werden d, b für rt p gebraucht, gy für k im Inlaut, w für inlautendes 
b, nn für nd in einigen recht oft vorkommenden Wörtern. Vgl. basse 
(passen), Bump (Pumpe); bagge (backen), Dier (Tier), Garde (Garten), lewe 
(leben), unne (unten), hinne (hinten). Die Unsicherheit zwischen ch und 
sch bleibt bestehen. Ebenso erhält sich, wenn auch abgeschwächt, die 
Nasalierung und Trübung der Vokale bei n und m; auch das auslautende 
n kann noch fehlen, z. B. Schdei (Stein), mei (mein). Auch die schrift- 
deutschen Endungen ex und e erscheinen noch in der mundartlichen 
Abschwächung. Unbetonte Wörtchen bleiben ebenfalls in der mundart- 
lichen Form erhalten, so u» (und), js (ist), nit (nicht), deet (täte). Doch 
sart man cdeet auf dieser Stufe nur, wenn es als Hilfszeitwort statt würde 
gebraucht wird; sonst wird dät bevorzugt. 

Die bisher besprochenen Übergangsstufen gelten nur für die Umgangs- 
sprache. Anders ist es in der gewählten Rede; in dieser schwinden die 
meisten Eigentümlichkeiten jener letzten Stufe. Von der Bühnensprache 
unterscheidet sie sich jedoch noch in vier Punkten. Erstens werden d, 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 233 


b, g niemals stimmhaft, sondern stets stimmlos, ja im Anfang des Satzes 
und nach einer Pause sogar etwas verstärkt gesprochen. Zweitens bleibt 
eine gewisse Unsicherheit in der Unterscheidung von ck und sch zurück, ` 
drittens erscheint g im Wortinnern und am Wortschlusse durchweg als 
Reibelaut (= ch), und schließlich werden p, t, k nur im Anlaut vor Vo- 
kalen aspiriert gesprochen. 

Vielfach zeigen sich in der gewählten Rede der älteren oder der 
lässig sprechenden Leute noch Anklänge an die zweite Stufe. So kann 
man in ganz Hessen 2 und e auch bei sonst sorgfältigem Sprechen für 
ö und ü hören, so in fünf und Löchern. Außerhalb Oberhessens ver- 
nimmt man noch oi für eu in Haiser, Laite und andern Wörtern. Und 
außer dem nordöstlichen Rheinhessen ist gäben, nähmen, befählen usw., 
also & für e, nicht selten. Vielfach wird jedoch hierbei nicht der rein 
mundartliche Vokal, sondern eine Abschwächung net in der Rich- 
tung nach der Bühnensprache hin beliebt. 

Auch mit der ursprünglichen Mundart kann sich das Streben nach 
einer gewählten Ansdrucksweise verbinden; doch wirkt dies in der Regel 
komisch, da sich hier mit echt mundartlichen Lauten Schriftdeutsches 
bunt durcheinander mischt. Z. B. sind in dem Satze eines Dienstmädchens 
Karl heere uff, weil ich des Gescherr in der Hand habe die betonten 
Worte mundartlich, während im Gebrauch der Endungen und des Neben- 
satzes die Schriftsprache nachgeahmt wird. Also der vollkommene Gegen- 
satz zu der Umgangssprache des Gebildeten, die sich im ersten Fall der 
Schriftsprache, im zweiten Falle der Mundart anschließt. 

Hiermit verwandt ist die Erscheinung des Überhochdeutschen. 
Der Mann aus dem Volke wußte wohl, daß in vielen Wörtern ö für e, 
ü für z, eu für eï, a für o, t für d eingesetzt werden sollte, aber er 
wußte nicht immer, in welchen Worten dies zu geschehen hatte. Wenn 
er nunmehr König für das mundartliche Keenig sagte, so lag es ihm 
nahe, wönig für wenig einzusetzen; und wer mied in müde verwandeln 
mußte, sagte dann auch gebüldet für gebildet. Und ebenso erklären sich 
Ankel und Kanditter für Onkel und Konditor, tirekt und Tirektor für 
direkt und Direktor, sowie daß für daitsches Reich nicht nur deutsches 
Reich, sondern auch deutsches Reuch gesagt wurde, und wenn dann in- 
folge neuer Belehrung die Unsicherheit besonders groß wurde, auch 
daitsches Reuch. Dagegen ist eu in Wörtern wie Rheu (Rhein), Meu 
(Main), neu (nein), meun (mein) nicht überhochdeutsch, sondern eine 
neueste Entwicklung, und zwar nichts anderes als eine Verstärkung der 
durch die Nasalierung entstandenen Vokaltrübung. 

Das Überhochdeutsch ist nur in dem Zahlwort ölf in größerem Um- 
fang durchgedrungen, und auch hier nur durch den Einfluß der folgenden 
Zahl zwölf. Sonst tritt es nur als eine vorübergehende Erscheinung, be- 
sonders unter der ländlichen Schuljugend und bei Dienstmädchen auf. 
. Lächerlichkeit, die ihm anhaftet, führt bald eine Rückkehr zur Mundart 

erbei. 


234 Hans Reis. 


Lautgrenzen innerhalb Hessens. 
Wenn wir von Wimpfen absehen, das ja ohnehin in fremdem Ge- 
. biete liegt, so ist den hessischen Mundarten vor allem der Stand der 
Lautverschiebung gemeinsam. Auch die Schwächung p, t, k, der Ersatz 
von b durch w, die lautliche Angleichung der inlautenden Konsonanten 
erstreckt sich über ganz Hessen und schließt sogar noch Wimpfen ein. 

Drei von Norden nach Süden verlaufende Grenzlinien lassen eine 
ost-westlich verlaufende Sprachentwicklung erkennen. Die erste Linie 
schneidet Rheinhessen und den Süden von Starkenburg ab; südwestlich 
von dieser Linie ist altes kurzes a erhalten, während es im Osten teil- 
weise zu offenem o geworden ist. Diese Linie fällt bie und da mit der 
Grenzlinie zwischen pfälzisch und binnenfränkisch zusammen. Die zweite 
Grenzlinie trennt von Hessen nur einen kleinen westlichen Streifen Khein- 
hessens zwischen Kreuznach und Bingen ab; dort ist auslautendes » nach 
betontem Vokal erhalten, während es sonst beseitigt ist. Die dritte Grenz- 
linie schneidet dasselbe kleine Gebiet Rheinhessens aus, doch verläuft 
sie weiter in einem Bogen um Hessen herum und umfaßt vielleicht einige 
südliche und östliche Orte in Oberhessen und Starkenburg; außerhalb 
dieser Linie ist altes ed zu @ oder e geworden, innerhalb derselben, also 
im größten Teile Hessens, zu æ. Alle drei Grenzlinien haben gemeinsam, 
daß der Westen den früheren Lautbestand teils, wie bei a und n, be- 
wahrt hat, teils, wie bei ei, weniger verändert als der Osten, der also 
hier sprachbildend und sprachverändernd vorangegangen ist. In allen 
drei Fällen hat der Osten die Vokale verstärkt; denn oa hat eine größere 
Schallfülle als a, dieses wieder eine größere als e, und auch der Wegfall 
von at wird dadurch verursacht, daß der vorhergehende Vokal länger 
und kräftiger gesprochen wird und daher für n keine Zeit mehr übrig 
bleibt. 

Diese von Norden nach Süden laufenden Grenzlinien sind ziemlich 
spärlich, dagegen die ostwestlichen sind um so häufiger und wichtiger, 
da sie in erster Linie die Unterabteilungen der fränkischen Mundarten 
voneinander trennen. Die wichtigste von diesen ist für uns die Grenz- 
linie zwischen mittel- und oberfränkischen, die, von Lothringen herkom- 
mend, die Südgrenze Hessens im Norden liegen läßt (nur Wimpfen bildet 
auch hier eine Enklave), dann aber ein Knie nach Norden macht und 
über den Spessart nach den Höhen der Rhön zieht. Nur wenig von ihr 
entfernt verläuft im Norden und Westen eine zweite Linie, die den Rhein 
zwischen Worms und Mannheim schneidet und sich nicht so weit nach 
Osten ausdehnt, auch nicht über den Spessart, sondern über den öst- 
lichen Teil des Odenwaldes nach Norden läuft und auch noch den Ost- 
abhang des Vogelsbergs berührt. Manche Ortsmundarten im Süden und 
Osten Hessens werden durch diese Linie von der Hauptmasse getrennt. 
Die Unterschiede zwischen diesen zwei Sprachgebieten betreffen durchweg 
die Konsonanten im Wortinnern zwischen zwei Vokalen. Südwestlich 
von der Grenze ist altdeutsches v zu f geworden, wie in der Sebrift- 


\ 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 235 


sprache, im Norden dagegen steht dafür w. Im Süden sind ferner d 
und 2 noch als Verschlußlaute erhalten, im Norden dagegen, soweit nicht 
fremde Einflüsse hemmend dazwischen getreten waren, zu r geworden. 
Ebenso wird das Gebiet, in dem g und ch als Reibelaute durchweg ge- 
braucht werden, durch dieselbe Linie von dem andern Gebiete getrennt, 
in welchem sie zu j geworden oder ganz ausgefallen sind. 

Bei diesen Unterschieden hat der Südwesten gemeinsam die Erhal- 
tung der ursprünglich starken Konsonanten d, t, g, ch und die Verstär- 
kung der ursprünglich schwächeren Konsonanten p zu pf und v zu f. 
Der Nordosten dagegen hat die Konsonanten d, t, g, ch, v zu den Halb- 
vokalen r, j und w geschwächt und p nicht zu pf verstärkt. Also ist 
Stärke im Südwesten, Schwäche der Konsonanten im Nordosten ein be- 
sonderes Kennzeichen der Mundarten. Dem entspricht es, daß die hoch- 
deutsche Lautverschiebung, die im wesentlichen ja Lautverstärkung ist, im 
südwestlichen Teil des deutschen Sprachgebietes am stärksten ausgeprägt 
ist. Alle diese Erscheinungen sind wohl darauf zurückzuführen, daß im 
Südwesten zwischen den einzelnen Silben in viel größerem Umfang Druck- 
grenzen gemacht werden, und hiermit verbindet sich ein stärkeres Ge- 
wicht der einzelnen Silben, und dies hat wieder eine entschiedenere 
Hervorhebung einzelner Laute im Wortinnern zur Folge. Wenn aber 
einzelne Laute, insbesondere die die Silbe eröffnenden Konsonanten, stärker 
hervorgehoben werden, so können sie auch leichter eine Verstärkung und 
nur sehr schwer eine Abschwächung erfahren. 

So treffen sich in unserem Lande zwei Ströme der Lautentwicklung. 
Die eine, von Südosten ausgehend, brachte eine Verstärkung und Ver- 
längerung der Vokale; die andere, de vom alemannischen Gebiete, also 
von Südwesten her, sich ausdehnte, brachte Verstärkung und Verlängerung 
der Konsonanten. Jene läßt sich erst in mittelhochdeutscher Zeit wahr- 
nehmen; der Ursprung der zweiten Spracherscheinung geht aber schon 
ins Urdeutsche zurück. 

Diese beiden Verstärkungen treffen nur die Tonsilbe des Wortes; 
für die unbetonte oder tonschwache Vor- und Nachsilbe gelten andere 
Regeln. Hier kommt in Betracht, ob und in welcher Ausdehnung die 
Endsilben durch Druckgrenzen von den vorhergehenden Silben getrennt 
werden. Wenn keine Druckgrenze vorhanden ist, so ist der Lautbestand 
der Endsilbe stark abgeschwächt und die Silbe ganz unbetont; beim Vor- 
handensein einer Druckgrenze dagegen erhält sie einen gelinden Ton. 

Mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Druckgrenze 
zwischen den Silben hängt auch die Assimilation oder Angleichung zweier 
Konsonanten zusammen. Diese kann um so eher eintreten, je enger der 
eine Laut an den andern sich anschließt, und dies wird wiederum durch 
das Fehlen einer Druckgrenze entschieden begünstigt. Nun tritt aber die 
Druckgrenze je weiter nach Süden, um so deutlicher hervor, und daher 
nimmt die Assimilation im Süden ab. Im Niederhessischen und dem 
größten Teil des Oberhessischen ist cks zu ss geworden, doch schon im 


236 Hans Reis. 


Süden des Oberhessischen schwindet dies; das Gleiche gilt für die Ver- 
bindungen lt, mb und mp. Weiter nach Süden bis über die Grenze 
unseres Gebietes hinaus gehen noch die Verbindungen ld, nd und nt; 
doch auch diese verschwinden im Alemannischen, wenn sich auch dort 
noch genug Angleichungen (nw zu mm, ngf zu mpf u.ä.) finden. 

Auch daß die Umlautserscheinungen im Norden häufiger auftreten 
als im Süden, ist in der gleichen Weise zu erklären. Denn der Umlaut 
ist doch nichts anderes als eine Annäherung des Vokals der Tonsilbe an 
den Vokal der Endsilbe. Mag diese nun auch durch Vermittlung des 
dazwischen stehenden Konsonanten eingetreten sein; diese Annäherung 
war nur möglich, wenn die beiden Silben recht eng aneinander gerückt 
waren, also nicht durch Druckgrenzen, sondern lediglich durch Schall- 
grenzen voneinander getrennt wurden. Überhaupt ist die Beeinflussung 
der Laute durch ihre Nachbarlaute im Norden viel weiter gediehen als 
im Süden und scheint das Wesentliche in der Entwicklung des Nieder- 
deutschen und Nordmitteldeutschen zu sein, während Verstärkung und 
Verlängerung der Laute an und für sich in diesen Mundarten nicht hei- 
misch ist. 

Niederdeutsche Spracheigentümlichkeiten finden sich am stärksten 
noch im Niederhessischen. Dazu gehört vor allem das Kennzeichen dieser 
Mundart, die Erhaltung der einfachen Laute č, u, ü, die nicht, wie im 
Süden, zu Doppellauten gewandelt worden waren. Auch die Beibehaltung 
der urdeutschen langen e und o, die schon im Mittelhochdeutschen zu 
ie und «o geworden waren, hat das Niederhessische mit manchen nieder- 
deutschen Mundarten gemeinsam. 

Bei Beginn der mittelhochdeutschen Zeit dürften sich das Ober- 
und Niederhessische, worin sich heutzutage die Mundart des alten Chatten- 
landes so entschieden gespalten hat, wohl nur recht wenig voneinander 
unterschieden haben. Durch die von Bayern und Ostfranken herkommende 
breitere Art zu sprechen, wie sie in der zweiten Hälfte des Mittelalters 
aufkam, ist aber keine hessische Mundart so sehr beeinflußt worden als 
das Oberhessische, das sich durch seine besonders breite Aussprache von 
allen Nachbarmundarten unterscheidet. Die neue Sprechweise wanderte 
aber nicht in gerader Richtung über den Vogelsberg nach Nordosten, 
sondern ließ den Ostabhang des Vogelsbergs, wo noch heute das Nieder- 
hessische herrscht, rechts liegen und ging die Kinzig und den Main abwärts 
bis vor die Tore von Frankfurt und dann durch die Wetterau nach der 
Lahn und dem westlichen Vogelsberg. Die breite und tiefe Aussprache 
des Oberhessen zeigt sich im Gegensatz zu den übrigen Mundarten vor 
allem in dem Gebrauche der vielen Doppellaute. So sind in Überein- 
stimmung mit den südlichen Mundarten, aber abweichend vom Nieder- 
hessischen, die schriftdeutschen eö, au und eu für die früheren einfachen 
Vokale. eiugetreten. Daß hierbei keine Entrundung von ex eintrat und 
auch ou für ex in manchen Worten erhalten blieb, zeugt von einer 
gewissen Neigung für tiefe Sprechart. Auch die Vorliebe für offenes v 


NK 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 237 


statt a weist dahin. Durch die Einwirkung der Nachbarlaute sind im 
Oberhessischen neuerdings die kurzen Doppellaute oa und ea in ganz 
besonders großem Umfange entstanden. 

Auch das nach Süden hin abgrenzende Merkmal des Oberhessischen, 
der Gebrauch der Doppellaute ä, ou, ot für die mittelhochdeutschen :e, 
vo, üe, ist ein Zeichen für offene und breite Aussprache. Wahrschein- 
lich waren noch im Mittelalter im ganzen ober- und niederhessischen 
Sprachgebiet die urdeutschen langen e und o erhalten, und erst durch 
die von Bayern herkommende breite Aussprache, die der Entstehung von 
Doppellauten so günstig ist, sind sie dann zu äi, ou und or geworden. 
Der gleiche Einfluß zeigte sich übrigens in derselben Weise auch im 
Niederdeutschen, indem die Doppellaute sich vorwiegend da zeigen, wo 
der bayrische Einfluß näher ist, nämlich im Osten, z. B. in Mecklenburg, 
aber nicht mehr in Holstein, in Westfalen, aber nicht mehr am Nieder- 
rhein. Südlich vom ÖOberhessischen haben sich die urdeutschen langen 
e und o im Mittelhochdeutschen zunächst zu den Doppellauten ze und «o 
entwickelt, und. aus diesen sind dann im Binnenfränkischen und Pfäl- 
zischen, wie in der Schriftsprache, die einfachen Laute 2 und « ent- 
standen. 

Die binnenfränkischen und pfälzischen Mundarten, die neben bay- 
rischem auch etwas alemannischen Einfluß verspürt haben, kennen bedeu- 
tend weniger Doppellaute als das Oberhessische. Nnr einem östlichen 
Bezirk beider Mundarten, nämlich der Odenwaldgegend, ist das Schicksal 
der mittelhochdeutschen langen e, ö und o eigentümlich. Während diese 
Laute im Süden beibehalten und im Norden, abgesehen von den Städten 
und dem Ufer des Rheines und Maines, zu und u gewandelt worden 
sind, erscheint in jener Gegend eine Zwischenstufe zwischen diesen beiden 
Lautgestaltungen, nämlich die Doppellaute ou und @ (vgl. grouß für 
groß, houch für hoch, bäis für böse, Schnäi für Schnee). Es sind die- 
selben Doppellaute, die auch das Oberhessische kennt, aber ihre Ent- 
stehung ist in beiden Mundarten durchaus verschieden, und daher 
erscheinen sie bei den Oberhessen fast nie in denselben Worten wie im 
Odenwald. 

Diese Odenwälder Doppellaute stehen in der Mitte sowohl zwischen 
e und i als zwischen o und «. Daß ein Doppellaut und nicht ein ein- 
facher Laut für diese Zwischenstufe entstanden ist, hängt wohl auch mit 
einer gewissen Neigung östlicher Gegenden zu breiter und offener Aus- 
sprache zusammen. Im Westen, wo diese Neigung in geringerem Maße 
vorhanden ist, fehlt auch die Entwicklung des Doppelvokals. 

Diese so wirkungsvolle Art der Aussprache ist im Odenwald nicht 
minder als in Oberhessen bedingt durch den oben erwähnten, von Süd- 
osten ausgegangenen Lautentwicklungsstrom, der uns eine Verlängerung 
und Verstärkung der Vokale gebracht hat. Die verschiedenartige Hal- 
tung, welche die einzelnen Gegenden Deutschlands dieser Strömung gegen- 
über beobachtet haben, hat somit recht eigentlich die Unterschiede der 


238 Hans Reis. Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 


neuhochdeutschen Mundarten herbeigeführt. Da diese Lautentwicklung 
von Süden und Osten her sich ausgedehnt hat, werden ihre Wirkungen 
um so geringer Sein, je weiter wir nach Westen und Norden kommen. 

Auffällig erscheint auf den ersten Blick, daß der Südwesten des 
deutschen Sprachgebietes sich an dieser Entwicklung fast gar nicht betei- 
ligt hat. Allerdings ging von da eine Konsonantenverstärkung aus, deren 
wichtigster Teil unter dem Namen »Lautverschiebung« bekannt ist. Die 
Sprachgeschichte erlaubt uns aber die Annahme, daß diese Verstärkung 
jm Mittelalter, wenigstens in Südwestdeutschland, den Stand von heute 
nahezu erreicht hat. Demgemäß mußten wir annehmen, daß seit der 
mittelhochdeutschen Zeit im Westalemannischen nur spärliche Laut- 
wandlungen stattgefunden haben. Woher stammt nun diese konservative 
Haltung? Man hat vermutet, daß bei regerem Verkehr in einem Lande 
auch die Sprachentwicklung zu schnellerem Fortschritt angeregt worden 
sei. Hierbei kommt aber für die Mundart eines Stammes in erster Linie 
der Verkehr mit andern Stämmen des eigenen Volkes in Betracht. Dieser 
ist nur an den Grenzen nicht so stark als in der Mitte des Landes, wo 
er sich nach allen Seiten ausdehnen kann. Die Ostgrenze des zusammen- 
hängenden deutschen Sprachgebietes aber weist nicht die eigentümlichen 
Grenzerscheinungen auf, weil im Mittelalter jenseits dieser Grenze nicht 
nur, wie jetzt noch, deutsche Enklaven waren, sondern auch das Deutsch- 
tum in den Städten des slawischen und magyarischen Gebietes einen fast 
unbestrittenen Vorrang besaß; insbesondere lag der dortige Handel. fast 
nur in Händen von Deutschen der verschiedensten Stämme. Es bestand 
also an der Ostgrenze nach allen Richtungen ein reger Verkehr mit Volks- 
genossen, fast wie in der Mitte Deutschlands. In starkem Gegensatz 
hierzu konnte im deutschen Südwesten ein stärkerer Verkehr mit Volks- 
genossen nur nach Norden hin stattfinden, im Süden, Westen und Osten 
wurde er durch hohe Gebirge erschwert, und im Westen und Süden 
wohnten außerdem noch fremde Völker, Franzosen und Italiener, bei 
denen das Deutschtum zu keiner besonderen Bedeutung gelangt war. 
Dieser Mangel an stärkerem Verkehr könnte denn auch die Langsamkeit 
in der südwestdeutschen Sprachentwicklung herbeigeführt haben. Die 
Erhaltung der alten Sprache ist aber immer mit einem treuen Festhalten 
an der alten Volkssitte verbunden, und dem entspricht es, daß in Strab- 
burg zu Goethes Studienzeit altdeutsche Sitte und Überlieferung in stär- 
kerem Maße sich vorgefunden haben als in Frankfurt und Leipzig. 

Im neunzehnten Jahrhundert hat sich das freilich gründlich geändert. 
Aber in unserem Lande, besonders in Rheinhessen, das nicht allzu weit 
vom westalemannischen Gebiet entfernt ist, konnte die Lautgestaltung 
nicht ohne manche Einwirkung von dort her bleiben. Und zwar sind 
alle Grenzlinien, die nordsüdlich verlaufen und ein östliches und west- 
liches Sprachgebiet scheiden, auf das Zusammentreffen dieser südwest- 
lichen Sprechweise mit der südöstlichen, bayrischen Art zurückzuführen. 
Die ostwestlich verlaufenden Grenzlinien dagegen weisen auf den Unter 


Heinrich Weber. Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 239 


schied zwischen norddeutscher und süddeutscher (alemannischer und 
bayrischer) Sprechweise hin. So kreuzen sich in unserem Lande drei 
verschiedene Strömungen deutscher Sprachentwicklung, die norddeutsche, 
alemannische und bayrische, und die Jautliche Eigentümlichkeit jeder 
einzelnen Ortsmundart Hessens ist abhängig von dem Grade, in welchem 
sie sich an jeder dieser drei Strömungen beteiligt hat. 


(Fortsetzung folgt.) 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen 
Weschnitztales. 
Von Heinrich Weber. 
(Fortsetzung.) 


B. Sekundärer Umlaut. 


Der sekundäre Umlaut ist ein jüngerer Vorgang und hat die Ver- 
schiebung des a nur bis e vollzogen. Vor Nasal erscheint nur e; ich 
habe die Beispiele unter dem primären Umlaut angeführt, da eine Schei- 
dung sich nicht durchführen läßt. 


I. Kürze ist erhalten. 


a und o sind zu e verschoben 

1. im Plural von Substantiven und in Rassen 

Affe: Dem. ẹfl. Acker: eba Dach: Dem. feëi, Plur. tes. Faß: Dem. 
fesl, Plur. fesə. Hafen: Dem. hefl, Plur. kefə; hefl wird als Schimpfwort 
gebraucht. Geschäfte: kšęftə. Nägel: nezl. Dem. zu Katharina: khętl. 
Dem. zu Gabel: kęwlš. Dem. zu Kappe: khepl. Dem. zu Katze: kAetsl. 
Dem. zu Lappen: lepl. Plur. zu Sack: sek, daneben öfter auch sek. Das 
Deminutiv scheidet die beiden Umlautsschichten deutlich. Im primären 
Umlaut sekl hat es mit der Bedeutung von Sack direkt nichts mehr zu 
tun, es ist Schimpfwort und bedeutet den (Geschlechtsteil des Mannes: 
im sekundären ist es Deminutiv zu Sack. einsäckeln: ozseklo und orsekla. 
(Für das Nebeneinanderstehen von primärem und sekundärem Umlaut 
vgl. Heusler, Germania 34, 114.) Dem. zu Schnaps: 3nepsl. Stall: Dem. 
Stel, Plur. Ste. Dem. zu Tappe: tepl. Wagen: Dem. wezl, Plur. we2>. 

2. in der Stammsilbe von Substantiven. 

Blässe: ples m. und f. (mhd. blasse) Tier mit weißem Stirnfleck; n 
= Stirn, z. B. ich haue dir auf das Bläß: 23 haal: tarufs ples. Hüberling: 
hewalin Habergeiß (vgl. Kluge, EWB.); dazu hepo und hepala Ziege (vgl. 
Kluge, EWB., unter Hippe). Häcksel: heksl; häckseln: hekslo. Hälfte: 


240 Heinrich Weber. 


helft. Hexe: heks. Frevel: frewl; Frevler: frewls; freveln: bech 
Messer: mesa. Messing: mesiy. Plätsche: plets Person, die gerne aus- 
plaudert; Zeitwort plätschen: pletsa ausplaudern (vgl. Crecelius, Öber- 
hessisches Wörterbuch 1897. blatzen II). Wespe: wespl (ahd. wefsa, älter 
wafsa). 

3. in Adjektiven. 

älter: elta. kälter: kheltə neben Kälte: kkeli. läppisch: leps (zu mhd. 
lappe einfältiger Mensch) einfältig, geschmaklos, abgeschmackt; auf Speisen 
übertragen ungewürzt. patzig: petsıs widerborstig (vgl. Germania 28, 394; 
Kluge, EWB.. wälsch: wels, ebenso kauderwälsch: khaurawels (vgl. 
Kluge, EWB.); wälschen: wel unverständlich reden, besonders von 
Kindern; Wälschapfel: welsapl. 

4. bei Verben. 

bäfzen: peftsa vom matten Schlag eines Schusses (vgl. Kluge, EWB, 
der bäfzen = bellen zu baff verzeichnet. Lenz, Vergleichendes Wörterbuch 
hat es in der Bedeutung murren, widersprechen). schnäppern: :nepan 
Weiterbildung zu schnappen = schwatzen (vgl. Kluge, EWB.); dazu 
Schnäpper: $nepa f. Mund, von Kindern gebraucht; Schnäpperer: snepors 
schwatzhafter Mensch. täppeln: Zepla (zu tappen) mit kleinen Schritten 
gehen, besonders von alten Leuten und Kindern gesagt; täppelig: teplis 
kindisch, einfältig; vertäppeln: fatepla zertreten. 


5. Es bleiben noch einige Fälle zu besprechen, in denen der Se- 
kundär-Umlaut nicht allgemein durchgeführt ist. 

a) vor sch (vgl. Horn, Beiträge zur deutschen Lautlehre. Leipzig 189). 

Iull. II. 

Asche: e% es; in II ist seltner auch 0% zu hören; Aschentuch: 
esatux Tuch, das beim Säen der Asche gebraucht wird. 

Tasche: te$ Schimpfwort, einfältige Person, aber ias wie hd., sicher 
schriftsprachliche Entlehnung; ältere Leute und besonders II gebrauchen 
Sack: sak, Rocksack: roksak: Rocktasche; Hosensack: hoosasak; Sacktuch: 
saktux. 

waschen: wesa in I und II, während III primären Umlaut hat: 
wesa; in Wäsche: wes hat das ganze Gebiet primären Umlaut. 

Den Einfluß der Schriftsprache verraten zwei Fälle, in denen der 
Umlaut nicht eingetreten ist. 

Flasche: flas (daneben potel, franz. bouteille und phulss (phutels 
> phulsa; das ph erklärt sich als Lautsubstitution). 

Masche: mas; dafür wird noch häufig das eigentlich mundartliche 
Schleife: $l!aaf gebraucht. »rasch« und »naschen« kommen in der Mund- 
art nicht vor. 

ß) das: tes; zur Erklärung verweise ich auf Horn, a. a. O. Seite 11. 

Iu. IL U. 

y) aber: ewo awo. Aber tritt häufig für oder ein; oder auch 

nicht: eeroraa net; ich oder du: ¿$ çw Tau; drei Stück oder vier: tik 


\ 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 241 


fro eo iaa: verstärkend: ich habe dir aber draufgehauen: 25 hep 
tarewa irufkhaaz9. | 


d habe: hep. haben: hewa. 
hast: host. habt: et. 
hat: hot. haben: kewa. 


Die 2. und 3. Person Sing. hat die alten Formen häst > höst > host, 
hät > höt> hot erhalten. Der Umlaut in den übrigen Formen erklärt 
sich aus der Stellung, in der es am meisten vorkommt. Der Odenwälder 
fängt weitaus die meisten Sätze mit da: Zoo mit Inversion des Fürworts 
an; außerdem stellt er Adverbia wie gestern, heute, dort, darauf, darauf- 
hin u.a. fast ausschließlich an den Anfang des Satzes mit Inversion, so 
daß das persönliche Fürwort fast immer nachsteht und Sekundärumlaut 
bewirkt hat. 

I. Entsprechend einem aa oder ọọ der Mundart erscheint in an- 
deren Fällen sekundären Umlauts ein ee. 

Graben: Plur. kreewo, Dem. kreewl = Gosse. Hase: Dem. heesl. 
Jäger: jeega. Kragen: Plur. kreeza, Dem. kreezl. Laden: Plur. legra, Dem. 
kerl. Magen: Plur. meez#, Dem. meezl; Säumagen: saimeezl ist eine 
weiße Nachthaube. Pfad: Plur. pheet, Dem. pheell. 

Schatten: seera, III šerm (Lenz, HD., verzeichnet unumgelautetes 
šarm). Umgelautete Formen weisen auch andere Mundarten auf, vgl. 
Grimm, WB. Der Umlaut ist vielleicht aus einem umgelauteten Plural 
übernommen, der auch in Grimms WB. angegeben ist. 

Die angeführten Verkleinerungsformen weisen fast durchgängig ein 
I-Suffix auf. Dies ist auch im Weschnitztal die Regel; chen tritt nur 
auf nach / und neuerdings erst auch gelegentlich in anderer Stellung. 


82. Germanisches e 


I. Kürze ist erhalten. 


1. Germ. e hat seine offene Qualität bewahrt; ausgenommen sind 
die unter 2. angegebenen Fälle, bei denen e unter dem Einfluß eines 
folgenden Lautes steht. | 

betteln: pela, ahd. beialön; Bettel: pẹl m., z. B. ich schmeiße ihm 
den Bettel vor die Füße = ich gebe ihm eine Absage, verzichte auf 
weiteren Verkehr mit ihm; Bettelmann: pelmon,; Bettelsack: pelsak zu- 
dringlicher Bettler. Blech: ples. Dreck: trek,; dreckig: trekiS und trekat; 
Drecksack: treksak Schimpfwort; verdrecksen: fatreksa beschmutzen. 
dreschen: tresa, Part. kətręša; Drescher: (re Eber: ęwə. etwas: epos 
(diwax > epwas > epas). Feder: fera und ferən (Pluralform). essen: ẹsə, 
Part. kess. Fetzen: fetsa; als Verstärkungswort gebraucht: Fetzenstück: 
fetsastik großes Stück. Feld: felt, Plur. felə. Flecken: flekə; flecken: 
Beka vom Fleck bringen, fördern, vom Fleck kommen. Flederwisch: 
flerswis zottelige Person, zu mhd. vlėdern flattern. frech: fres. fressen: 
Deen: verfressen: fafresa gierig, gefräßig; Fressen: fresa n. das, was man 

Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 16 


242 Heinrich Weber. 


ißt; Gefresse: kfres n. Art des Essens; Fresse: fres f. Mund. gelten: 
kela,; gelt: kel und kela. Geld: kelt. gewesen: kawest, in II auch kawedi. 
grell: kręl. hell: hel; Helle: hels n. hd. die Helle. Helm: heim; Hacken- 
helm: hakahelm Stiel einer Hacke. helfen: helfe, Part. kholfe. Käfer: 
khewa. klettern: klewon, mhd. kleberen. Kletten: klets. Leber: lewa. 
Leder: lero; Säuleder: sailera Schimpfwort. Lefze: lefts n. Lippe, vgl. 
Kluge, EWB. meckern: mekon. melken: melko, Part. komoika; frisch- 
melkend: frismelkat. melden: melto und mela. messen: mess. Nebel: 
newl,; blaue Nebel: plooo newi nichtiges Zeug, Spielerei; nebeln: newl 
großen Rauch verursachen. Pech: pes. pfetzen: phetss. Rechen: re&. 
rechnen: resna und resla. Reff: ref. Schelle: çl; schellen: selə. Schnecke: 
nek. Schnepfe: $nep. schepp: sep, mhd. schep, vgl. Beiträge 12, 535, 
schief, oft in der Zusammensetzung schepplinks. Schwefel: $wwezwl wie 
hd., dummes Zeug, Lügerei; schwefeln: 3wewla. Schwester: 3westo. selber: 
Selwa und selwai. mhd. swelcher: sela jener; selbst: seö dort. Speck: 
pek; Adj. pekis und špękət. stecken: Sieka intr., Part. kštokə, sein, sich 
aufhalten, verborgen sein. Stecken: 3ieka Stock. stechen: sie. Stelzen: 
$telsa m.; Beinstelze: popstels Bachstelze. treffen: trefa wie hd.; schlagen; 
Treff: tref richtige, passende Antwort, z. B. der hat seinen Treff gekriegt. 
Quetsche: kawei!. vergessen: fakesa; Part. einer, der alles vergißt. Wach- 
holder: weslta und seltner weklits. webern: wewen gespensterhaft sich 
hin- und herbewegen, Wiederholungsform zu weben. Welle: wel Reisig- 
bündel. Welt: welt. wechseln: weksla. Wetter: vera; wettern: weran. 
Zeche: tse$. | 

2. € erscheint in der Mundart als e 

ol unter dem Einfluß eines © der folgenden Silbe, hat also wie das 
Umlauts-e die Verschiebung bis zur geschlossenen Qualität mitgemacht 
(vgl. Paul, Mhd. Gram. § 43a3; Braune, Ahd. Gram. § 30). 

eben: ewə (¿bani > ëbini) Adj. und Adv.; eben voll: ewə fol bis an 
den Rand gefüllt; da geht es eben hin: too kęits ewə bo das Gelände 
ist eben. ledig: leris. Pelz: pels; pelzen: pelsə draufschlagen. sechs: 
seksa, ahd. sehsi, aber sechzehn: sestsei, sechzig: sęštstš. 

ß) vor Nasalen. 

dämmern: teman; unpersönlich: mir dämmert es: meea temats die 
Dunkelheit hebt sich, ich kann mich wieder auf etwas besinnen. ge- 
sprenkelt: kspreykli. nehmen: nem, ausnehmen: ausnema. Pinsel: pensl; 
man könnte auch das © der folgenden Silbe als Grund für das geschlossene 
e anführen. Einfaltspinsel: gpfultspensi Schimpfwort. Quendel: kwenl. 
Sense: sens. 


I. Dehnung ist eingetreten. 
1. Im Falle der Dehnung ist germ. € zu ee geworden. Modifiziert 
wird dieses ee durch folgenden Nasal und durch r (vgl. 2 und 3.). 


Besen: peesa daneben pesm. beten: peera; Gebet: kapeel. fegen: 
feeza wie hd.; laufen, eilen. gelb: keel. jäten: jeero. lesen: lgesa 1. Ge- 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 943 


treideähren sammeln; hier ist die ursprüngliche Bedeutung des Sammelns 
bewahrt, 2. wie hd. Leben: leewa; leben: leewa, aber Verkürzung vor 
Doppelkonsonanz. Lebtag: leptook; Lebkuchen: lepkhurs. Mehl: megh 
Knecht: kyeest; noch ohne die Bedeutungsverschlechterung als Kosewort 
gebraucht. Die Dehnung vor folgendem chi ist in der Mundart allgemein. 
neben: neews,; daneben: toneewa,; daneben sein = verrückt, nicht bei Ver- 
stande sein; Nebendorf: neewntoaf; Nebendörfer: neewnteafa die Einwohner 
eines Nebenortes. Nest: neest; Nestgewappel: neestkawepl das kleinste 
Kind, Tier; III hat aber die Kürze bewahrt: nešt. recht: reest; rechts 
reeäts. reden: reerg sieben; Subst. Reder: reera, besonders in Abreder: 
opreera Sieb, das in der Mühle gebraucht wird. scheel: 3eel. schlecht: 
$leest, aber in der Bedeutung unwohl, ohnmächtig: siest. schweben: 
$weewa; er hat sich schwebends an ihn gehängt: ea hotsıS Sweewns onan 
kheykt, d.h. so, daß die Beine die Erde nicht mehr berührten. sehen: 
see. Säge: seek; sägen: seeza. Specht: Spees? daneben Spest. Steg: Steek 
als f. Stiege; Eselssteg: eisissteek Pfad. stehlen: 3ieela. treten: Zreera. 
vergebens: fakeewns. weben: weewa, Part. kaweewsa ist regelmäßig ge- 
bildet; Weber: weg: ich kann mir dieses kurze, geschlossene e nur 
erklären aus der Betonung in Leinenweber: Ipinsawewa; das Simplex 
kommt kaum vor. Kürze ist vorhanden in webern: wewen gespensterhaft 
sich hin und her bewegen. Weg: week. Wesen: weesa. 


2. Vor Nasalen ist das ee zu ee erhöht. 
Breme: preem Stechfliege, ahd. bremo. 


3. Vor r. 

oi Vor r hat germ. @ sekundäre Dehnung erfahren. In III hat es 
bei dem offenen Charakter des Gleitlautes » seine offene Qualität bei- 
behalten, in I und II aber ist es geschlossen, entsprechend dem ge- 
schlossenen Geräuschlaut. 

Iu M. IM. 

Bär: peeə pego; Sabbär: sápeeə Schimpfwort, vielleicht Verhütungs- 
form für Saubär. Kinderspiel mit dem Singvers: was tappt denn so, der 
Bärwolf: wọs tapt tọn son. tə peeəwolf; dabei folgen die Kinder einem 
andern nach, das sich von Zeit zu Zeit umdreht und nach diesen schlägt, 
wobei sie fliehen. Sollte nicht vielleicht der alte Werwolf in dem Bär- 
wolf des Kinderspieles weiterleben? 

der: teeə teen. 

er: een een: ee wird vielfach für Hausherr gebraucht, wie sie: 
si für Hausfrau. 

Erde: eesta eent, 

Erdbeeren: eeobejan eentapeenn. 

Ferse: feeost feevst; Fersengarn, Garn, das zum Stricken der Ferse 
benutzt wird. 

Fersengeld: feeostakelt feenstakelt; Fersengeld geben = einem auf 
die Fersen treten, nicht im Sinne von fliehen. 

16* 


244 Heinrich Weber. 


gern: keem ` Keep. 

begehren ist nur erhalten in: Herz, was begehrst du: heats, wos 
pakeessta? 

aufbegehren: ufpakeeen ufpakeenn herrisch sein Recht fordern, 
widerborstig sein. 

Gerste: keeəšt keevst; Deminutiv keesst! Hab und Gut; dem haben 
sie sein ganzes Gerstlein versteigert: tem hewosa spı kons keeastl fostanikl 
= alles. 

gewähren: kaweeen koweeon, mit einem gewähren können = mit 
einem ohne Streit auskommen können, etwas zu handhaben verstehen; 
Lenz verzeichnet dieselbe Bedeutung, doch wird es in dem Weschnitztal 
von Geld nicht gebraucht; einen gewähren lassen = nicht hindern, freie 
Hand lassen. 

her: been been 

Herd: heeot heevt. 

Herde: heest heevt. 

Kerbe: kheesp khevrp. 

= Kerm: kheeen keeoun, Plur. ebenso; Kernmehl ist Mehl aus ge- 
mischten Kernen. Aber: 

kernen: khesna khevns, Kürze unter dem Einfluß des -en, doch 
hört man daneben auch langen Vokal. 

lernen: leesna Ileeouna, doch auch Kürze, hauptsächlich wohl unter 
dem Einfluß der Schule. 

gelernt: kaleesnt und kaleant hat als Adj. aktive Bedeutung; ein ge- 
lernter Schneider ist einer, der das Schneiderhandwerk erlernt bat. Lernen 
wird für hd. lehren und lernen in gleicher Weise gebraucht. 

Schmeerbauch: smeeəpaux 3$meevpaux zu ahd. smero Fett. 

sterben: $teeswa Steurwa; am Sterben liegen = in den letzten Zügen 
liegen; sterbenskrank: Stieeswaskroyk todkrank. 

verderben: fateeswa fotenrwa trans. und intr.; trans. etwas zu- 
grunde richten, z. B. Brot, einen verführen. 

Wer: Weed WEED. 

Werktag: weestook weentaak. 

Wermut: weesmat weormalt. 

wert: weest weeot Subst. und Adj. 

ß) In einer Reihe von Worten ist aber die Kürze in dem ganzen 
Gebiete durchgedrungen. 

L vor Guttural (dieselbe Erscheinung wie beim Umlauts-e) mit 
Vokalentwicklung vor dem Guttural. 

Iui. M. 

Berg: pesik pevik und pẹvrik, aber der Eigenname Berg: peas 
penis. 
Werg: wenk wevik, weorik. 

Werk: wesik wevik, weorik (aber Werktag: weestopk ohne Sproß- 
vokal, deshalb Länge) Gesamtheit eines Betriebs; nicht viel Werks machen: 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 245 


nei feel wenıks maxa nicht viel Umstände machen; du sollst das Werk 
kriegen: tu sodts wesik kriija Verwünschung. 

2. in anderen Fällen. 

derentwegen: teantweja teuntweja, daneben in I und II tontweja 
deshalb. 

Ernst: eenst emt; in Ernst: ineanst, wirklich? 

Herz: heats heots. 

Kerl: kheal khevl. 

Laterne: lateen latemı; wird auch für das Gerippe des Geflügels, 
z. B. einer Gans gebraucht. 

Schmerz: $meais &$mevts, doch habe ich seltner auch langen Vokal 
gehört. 

Stern: teen Stepn. 

werden: wean weon, während Lenz, HD., Länge hat. Die Kürze 
rührt wohl von der unbetonten Stellung her; ebenso bei worden. 

3. In einigen Wörtern ist germ. € gerade wie das Umlauts-e zu 
et diphthongiert worden. Dies war möglich zu einer Zeit, wo germ. & 
und Umlauts-e in der Mundart lautlich zusammengefallen waren. 

*fledern: fleiren, mhd. vledern, Wäsche im Wasser hin und her 
ziehen. gelegen: kalejo. Kehle: kheil. Peter: pherto,; Petersilie: pheitala. 
Regen: reg: regnen: rejan. wegen: weja; deswegen wird ausgedrückt 
durch derentwegen: teonitweja und dawegen: toolaweja. zehn: (eem. der 
zehnte: ta isejat. 

83. Ahd. :. 


I. Kürze ist erhalten. 


i ist in der Mundart bewahrt. 

Bild: pilt. billig: pilis; die Bauern gebrauchen dafür meist wohl- 
feil: wolfl. binden: pinə die Arbeit des Ernteeinfahrens verrichten; an- 
binden: gupinə ein Stück Vieh zur Aufzucht behalten; Bindeknebel: 
piykyewl Holz, das beim Binden des Getreides gebraucht wird; der 
zweite Bestandteil des Wortes ist ahd. knebil Knüttel, das in der Mundart 
einen unbeholfenen, rohen Menschen bezeichnet. Biß: pis. bitter: pita. 
bitzeln: pitslə Weiterbildung zu »beißen«. Blick: plik. blind: plin; der 
Schwund des d erklärt sich durch Assimilation des intervokalischen 
nd>n in den obliquen Formen; blinzeln: plinsla mit den Augen zwin- 
kern; Blinzelmäuschen ich führe dich: plinsimaisl iš fitə tı$ das bekannte 
Blindekuhspiel. dich: tiş. dick: tik. dichten: tistə, meist als aufdichten: 
uftištə erfinden, lügen. Ding: tiy; der Dings: tə tiys wird eingesetzt 
für einen Namen, der einem augenblicklich entfallen ist; ein wüster 
Ding: n wii$ta tiy ein grober Mensch (Lenz, HD. verzeichnet ebenfalls 
diese m. Form). dingen: tiņə in Dienst nehmen; sich verdingen: siš 
fətiņə in einen Dienst gehen. Distel: Ga dritte: trit; zu dreien: sə 
trit. ersticken: fəštikə. erwischen: fəwišə. finden: finə. Finger: fiya; 
fingerslang: fiņyəsloņ; , herumfingern: rimfiyən betasten und dabei be- 


246 Heinrich Weber. 


schmutzen. Fink: fiyk; Buchfink: pufiyk; ch ist an f assimiliert. Fiser: 
fisə, mhd. fisər neben /aser, kleine Federn, Haare, Staubteilchen; fisern: 
Bean in ganz feinen Tropfen regnen; fiserig: fiser:$ voller Fisern. flicken: 
flikə 1. ausbessern, ein neues Stück einsetzen, 2. schlagen (mhd. vlecken). 
Flitsch: flet$ Dinge, die ins Auge stechen, aber nicht viel wert sind; 
verwandt mit Flitter. frisch: fris. gelind: kalind. Genick: ik Gericht: 
kərišt. gering: kor, nicht Zahl-, sondern Wertbegriff, minderwertig; 
z. B. geringe Leute: koriya last weniger angesehene, unbedeutende Leute. 
Geschichte: k3#23. geschickt: ksikt. Geschwister: kswısta. Will der Oden- 
wälder die Anzahl der Geschwister erfahren, so fragt er nicht, wieviel 
Geschwister »hast du«, sondern »seid ihre. Die Antwort lautet: wir sind 
unser sieben: meea sin unsənə siwə, ajənə seksə. Gesicht: ksišt; einem 
ein Gesicht machen = böse, feind sein. Gesinde: ksin Hausangehörige, 
Ingesinde; Gesindel: ksinl in verschlechterndem Sinne. Gewicht: kawist, 
auch Gewichtstein. gewinnen: Lama, gewiß: kəwis; für ganz gewiß: 
fo kons kawis Beteuerungsformel, wohl entstanden aus: ich sage es für 
ganz gewiß. Ungeziefer: uukatsif.. Gichten: kisto, seltner der Sing. 
kist. Giebel: kiwl. glitschen: Akt, Intensivbildung zu gleiten; klitsis 
glatt, schlüpfrig. glitzern: Alison. Griffel: krifl wie hd., Finger. Grille: 
kriksl, vgl. Lenz, HD., Nachtrag. Grind: krint; Grindkopf: krintkhop 
Schimpfwort. Himbeere: @mpeja daneben kömpeja. Himmel: kiml. hin- 
dern: hinan. hinten: hina; hintenherum: hinarim wie hd., heimtückisch. 
hinter: kin»; hintersich: kinasis, erstarrt zu der Bedeutung zurück, rück- 
wärts; gleiche Bildungen liegen vor in vor sich: feasi$ vorwärts, nach 
vorn; unter sich: unasiS; neben sich: neewasis seitwärts. Hitze: hits. 
ich: 2%. Igel: igl, dient in Zusammensetzungen als Schimpfwort: Sauigel: 
sauizl; Dreckigel: trekizl. immer: ima. impfen: imfa; das f ist durch 
die Schriftsprache hereingekommen. Ingereib: ?yAoraap (Lexer, Mhd. 
WB., ingereide, ebenso Grimm, WB., Schöpf- Hofer, Tirolisches Idiotikon: 
ingreisch); dazu vgl. Grimm, WB. unter Gereb Eingeweide. iterücken: 
irarisa, gelegentlich auch člərišə (Dissimilation der unmittelbar einander fol- 
genden r) wiederkäuen. Kind: khint,; Plur. Kinder: khina, doch ist in I 
der alte Plural khin < kinde noch erhalten; Kindtaufe: khintaaf. Kiesel: 
khisl Hagelstein (vgl. Schmeller); kieseln: khrslo hageln; der Fluch: Feuer- 
kieseldonnerwetter: fajəkhisltunəwetə erhält durch diese Bedeutung einen 
Sinn. kippen: khipə 1. Holz spalten, ?. umschlagen. Kiste: khišt. Kistel: 
khištl zahme Kastanie (mhd. chestinne > chistin > kistel). Kittel: khatl. 
Klicker: klikə kleine Kugel; Klickerns: klikəns Spiel mit Kugeln. klingeln: 
kliyla; Volksglaube: es klingelt einem in den Ohren, wenn man Böses 
von ihm spricht. Klinge: kli). Klinke: kliyk. Kringel: Ariyl 1. Kreis: 
im Kringel herum: ¿m kriyl rim im Kreise herum, 2. Unterlage beim 
Tragen auf dem Kopf wegen der Ringform; dafür auch Ring und Wisch; 
krings herum: kriysrim rings herum; in diesem Gebiet ist die Lautstufe 
hr-, kr- erhalten, wie in kraban: krap; vgl. Grimm, WB., Krähe. Kritz: 
krits Riß, den man in etwas einkratzt, in Eisen, eine Schiefertafel, zu 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 247 


kritzeln: Arstsla ablautend mit kratzen; kritzeln: kritsla und kriksla mit 
Assimilation des ¿ an das k. Lilie: (oz Lindenblütentee: Knapliitathee. 
link: lipk linke Seite, verkehrt, ungeschickt; links: liņks; Linkstapsche: 
liņkstoopš jemand, der hauptsächlich die linke Hand gebraucht (tâpe Hand). 
Linsen: linsə; Priamel: 


linsə wọ sinsə Linsen, wo sind sie? 
im tipə si hipə Im Topfe sie hüpfen. 
sı khoxa trai woxə Sie kochen drei Wochen. 


sin als nox wi kyoxo Sind immer noch wie Knochen. 

linsen: linsə schauen. Milch: milis, ahd. miluh; milchen: milisə 
beitragen, daß eine Kuh viel Milch gibt. mischen: mişə. Nikolaus: 
niklaus und nikl. Pfiff: phif. Pfingsten: phiņštə stets mit dem Artikel 
verbunden wie Ostern, Weihnachten; Pfingstlümmel: phiņštəliml der in 
der Familie, der am Pfingstsonntag zuletzt das Bett verläßt. Pipsen: 
phèpsə Hühnerkrankheit, ahd. pfipfis. richtig: ristis. Rind: rint, Plur. 
rinə; rindern: rinən nach dem Stiere verlangen. Rinden: rinə; Rinden 
machen = das Eichholz schälen. Ring: vn rinnen: rinə wie bd. 
nicht wasserdicht sein. Rippe: rip. Riß: ris; Geri: kəris; das 
Gerig haben = viel umworben sein. Ritz: rits Riß; ritzen: rie 
Schiff: 3/. Schiefer: #fa; Schieferstein : &fa$tpo Schreibtafel. Schimmel: 
stml 1. weißlicher Belag modernder Körper, 2. weißes Pferd; schimmeln: 
imla, ahd. scimbalôn. Schinder: na. schinden: şinə. Schinken: #yko, 
dazu im Ablaut Schunken: šuņkə besonders in übertragener Bedeutung 
für einen alten Gegenstand. schicken: sikə. Schiß: šis Angst; zur Ver- 
neinung gebraucht wie Bohne, Schnitze; vgl. Paul, Mhd. Gram. § 314. 
Schliche: šliš, meist in dem Ausdruck: dem seine Schliche kennen wir: 
tem soi SIıi$ khena ma, Heimtückereien, hinterlistige Anschläge. schlicken: 
šlikə, mhd. slicken; Schlickser: $lıksa kramphaftes Schlucken; Ausdruck 
da hast du den Schlickser = dann bist du verloren. Schlinke: $byk 
l. Schlinge zum Aufhängen der Kleider, 2. Türklinke Schlitz: šlits; 
schlitzen: šlitsə. Schmied: smit; Schmiede: Smit. Schmiß: mis m. 
Peitschenansatz; Plur. Schläge. schnitzen: nitsə, ahd. snitzxan zu 
schneiden; schnitzeln: S$nitsla in kleine Stücke schneiden, etwas zu- 
schneiden; Schnitzel: šnitsl Abfälle beim Schneiden; Schnitze: nits ge- 
schnittenes Obst, meist zum Dörren zugerichtet; dazu wird dann in 
falscher Analogie der Sing. Snuts gebildet (ebenso fus zu Fisch), als 
Negation verwandt wie Bohne; Schiß s. o. Schrift: 3rift; Handschrift: 
honisrift schriftliches Zeugnis, Urkunde (junge Entlehnung aus der Schrift- 
sprache, wie das ọ beweist). Schritt: rit. schwimmen: swima. schwingen: 
Swiya wie hd., schlagen, Nüsse abmachen; Schwinge: šwin f. Stange zum 
Abmachen der Nüsse; Schwingmehl: swiymeel. schwitzen: 3wilss. sich: 
s&s. sieben: siwa und siwana. Silber: silwə. siehst: sist; sieht: sist; 
Imp. sieh: s23 (vgl. Schmidt, Kurzer Vokalismus der Bonnländer Mundart. 
Diss. Gießen 1905. S. 81); ebenso geschieht: Asit. sind: sin; das Fehlen 
des d ist aus der Stellung im Satz_zu erklären,” sind wir: sinma, sind 


248 Heinrich Weber. 


sie: sinsə. singen: s2ya. Sitz: seits wie hd., Wohnsitz; sitzen: sètsə Part. 
ksotsə und ksętsə. Spitze: spits; spitzen: špitsə 1. wie hd., 2. auf etwas 
lauern (die Ohren spitzen), etwas erwarten. Stich: štiš. Stickel: stikl 
Pfahl; ahd. siikkil. sticksig: $tiksı$ moderig (aus Mangel an Luft), mit 
ersticken zusammenhängend. Stiefel: 3tiw!; beliebter Ausdruck: einen 
Stiefel zusammensingen, arbeiten usw. = schlecht singen, arbeiten usw. 
Stift: Stot kurzer Nagel; Stiftenkopf: stöftakhop kurz geschnittenes Haar. 
anstiften: gustifta veranlassen. Stimme: tim. Strick: štrik wie hd., böser 
Junge; Galgenstrick: kahostrik in gleicher Bedeutung; stricken: štrika. 
Strichel: $ir.3l Striegel. Tisch: &3. Trieb: trip Eifer, Mut. trinken: 
triyka. trippeln: triplə ablautend zu trappen, mit kurzen Schritten gehen. 
Tritt: trit wie hd., Podium. Wicken: wikə. wickeln: wiklə 1. wie hd. 
2. tücktig essen, z. B. das wickelt sich hinunter wie Wiechen: tẹs wikli 
sis nuna wi wi; Wickelkind: weklkhint; Wickel: wikl m. Einwickeln 
in Tücher. Wiese: wis, daneben unter dem Einfluß der Schriftsprache 
wiis. Wiesel: wisl. wieder: wiro Adv., aber als Präp. were. Wiebel: 
wiwl (wibil Kornwurm) Schimpfwort; Dreckwiebel: trekwiwl. wild: wil 
(ldd <l in den flektierten Formen); Wildbret: wilpət, nur erhalten im 
Flurnamen: Wildbretswiese: wilpətswiès und in Wildbretsknapp: wilpəts- 
kyap (Knapp ist der Eigenname Knapp). willst du: wita. Wind: wini. 
Wink: wiņyk; winken: wiykə Part. kowunka. Winkel: wiņkl 1. schmaler Raum, 
2. Winkelmaß; verwinkelt: fwiykli winkelig, wingern: wiyan wiehern, 
mhd. winhelen. winzig: winsı! und häufig daneben wunsis; Weiterbil- 
dung zu wenig: winis und wiyk, daneben unter dem Einfluß der Schrift- 
sprache weenis, z. B. in dem Vers, den die Kinder auf Fastnacht singen: 

Stumpa Stumpa kheenis Stumpfer, stumpfer König, 

kep ma net so weenis Gib mir nicht so wenig, 

los miš net sọ lọņ štęi Laß mich nicht so lange- stehn, 

is mus aa wirə waira kęi Ich muB auch wieder weiter gehn. 
winzig klein: wunsiSklop ganz klein; in gleicher Bedeutung klinzeklein: 
klinsakloo. Die Verstärkung wird häufig gebildet, indem man vor das 
Adj. dessen anlautende Konsonanten + eine stehende Formel setzt; enthält 
das Adj. einen Nasal, so kehrt er in dem Verstärkungswort meist wieder; 
klinzeklein: klınsaklgo,; blitzeblau: pliisoploo,; ritzerot: rilsorgut; gritze- 
grau: Äritsokroo,; gritzegrün: kritsakrii, das Fehlen des n beweist, daf 
krii nicht genäselt gesprochen wird; brinzelbraun: prinsiprou. Es ist 
das eine Wortspielerei der lebendigen Sprache, die durchaus nicht selten 
ist. Dieser Spieltrieb mit dem Worte, mit Neubildungen macht sich be- 
sonders in Reimversen und Abzählreimen geltend und ersetzt fehlende 
Reimwörter; deshalb spotten sie oft jeder Erklärung. Ich führe als Bei- 
spiel ein Kinderspiel an, in dem eine Bohne nach einem bestimmten 
Ziel geschnellt wird; dabei zählen die Kinder: Strip, Strap, Straawaus, 
palwatš, pumpaus, kiiks; bei jedem Wort darf das Kind die Bohne 
fortschnellen, es vertritt also gewissermaßen die Zahl. Der Anfang eines 
Priamels zeigt ebenfalls oft solche Wortspiele: 


\ 


Der Vokalisnus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 249 


ains tswai trai Oder: eena teena tusmaleena 

hikə hakə hai rumpl rapl rumaneenə. 

hikə hakə pegsəštiil (Besenstiel). 
Sehr oft findet man auch bei Wortplänkeleien Reimworte gebildet, die 
gar keinen Sinn haben und verschwinden, sobald sie verhallt sind. 
Andere bleiben erhalten und pflanzen sich weiter fort. So die stehende 
Formel, die man in jeden Namen einsetzen kann, z. B. in Heinrich: 
hinə; hginə witə wọinə khatit3ə khatginə krumpoọnišə hginə oder Nikolaus: 
niklaus: niklaus witə wiklaus khatit3a khatiklaus krumpgọnišə niklaus. 
Heilig verzeichnet in seinen Beiträgen zu einem Wörterbuch der ost- 
fränkischen Mundarten des Taubergrundes 1894 anele potanele für Anna. 
Vgl. zu der ganzen Frage Behaghel, Literaturblatt für germ. und rom. 
Philologie 1906, 402 und O. Meisinger, Wörterbuch der Rappenauer 
Mundart 1907. 

wissen: wiss. Gewitter: kəwirə; gewittern: kəwirən. Wisch: wis 
Bündel Stroh, Ring zum Tragen auf dem Kopfe. wischen: wi; aus- 
wischen: auswiš ausgleiten, entwischen; auswitschen: auswitša in gleicher 
Bedeutung. Wisbaum: wispppom, mhd. wisboum, Baum, durch den das 
Stroh oder Heu auf dem Wagen zusammengehalten wird. Witmann: 
witmon Witwer; Witfrau: witfraa Witwe. Zipfel: tsipl; Zipfelkappe: 
tsiplkhap; Affenzipfel: afatsipl Schimpfwort. Zinken: 1siyka scherzhaft 
für Nase. zittern: tsirən; Zitterbeutel: tsirəpail Mensch, der zittert. 
zwischen: is20139; dazwischen: tatswia; dazwischen sein = in der Klemme 
sein, schuldig sein. 


II. Dehnung ist eingetreten. 
Auch hier ist zwischen zwei Gruppen der Dehnung zu scheiden. 


a) Ursprüngliche Dehnung. 

In der Zeitschrift für hochdeutsche Mundarten VI, 103 ff. hat Horn 
in seinem Aufsatze, Die Senkung des © vor ©, j im Hessischen ein Gesetz ` 
aufgestellt, zu dem wir hier eine Parallele, wenn auch nur undeutlich, 
haben. Für den heutigen Lautstand der Mundart gilt: In I und II ist 
i zu ö geworden in einsilbigen Wörtern, die Dehnung erfahren haben, 
und vor einem ? der folgenden Silbe; es ist im Falle der Dehnung zu 
ee gesenkt in den übrigen Wörtern. III hat in Übereinstimmung mit 
Handschuhsheim durchgängig ti. 

1. Altes © ist im ganzen Gebiete zu :2 geworden in einsilbigen Wör- 
tern, die Dehnung erfahren haben, und vor einem © der folgenden Silbe. 

Glied: Hoi Kiel: khul; Federkiel: ferakhiril Federhalter; daneben 
kennt die Mundart Keil: kkail (am Rheine weit verbreitet nach Heyne, 
WB.) im Ablaut zu kel; es bedeutet den unteren hornigen Teil der 
Feder, z. B. Keile stoßen = diesen unteren Ansatz der Federn, wesent- 
lich ein horniges Gebilde, wieder ansetzen, nachdem das Federvieh ge- 
rupft ist, auch beim Übergang von der haarartigen Bedeckung zum 
Federkleid. 


250 Heinrich Weber. 


hin: ha; hin sein: kii sot ot sein, umkommen.. mit: mii in II, 
stark zirkumflektiert gesprochen (gesungen sagt die Umgegend) in be- 
tonter Stellung; in unbetonter Stellung und in I und III durchweg mil. 
Sieb: sčip; sieben: siċčwə. Stiel: štčil; beliebter Ausdruck: das will gar 
keinen Stiel geben = die Arbeit will gar nicht voranschreiten. Biene: 
pii ti ahd. bini. 

2. Dehnung in den Fällen, die sicht unter 1. fallen. 

a) I und II hat im Falle der Dehnung Senkung des. ? zu ee, IlI 
Dehnung zu z, in einigen Fällen macht sich jedoch in II der Einfluß 
der Nachbarmundart bemerkbar. 

Iu IL I. 

Friede: freerə friirə; es ist nur in einigen stehenden Ausdrücken 
noch erhalten, z. B. in Frieden lassen = in Ruhe lassen, nicht stören. 

zufrieden: (t)səfreerə (t)səfriirə. 

ihm: eem eem. 

ihn: een een. 

nieder: neera niirə, ahd. nidar Adverb, während das Adjektiv in 
der Mundart nirə lautet, ahd. nidari, nidiri. 

Schienenkorb: Seenakhosp Hinakhoorp, ähd. scina Schiene, Korb aus 
Holzschienen; andere Zusammensetzungen und Ableitungen desselben 
Stammes haben schriftsprachlichen Einfluß erfahren: Schienbein: spp, 
vom Volke fälschlich mit schinden in Zusammenhang gebracht, weil das 
Schinden des Schienbeins leicht eintritt und sehr schmerzhaft ist. Schindel: 
nl; schindeln: Sinla. Schlitten: Sleera Sliirə; Bahnschlitten: poošleerə. 

spielen: Speela Spiilə. 

Spiel: speel špil. 

Spielleute: speelait špiilait. 

Vieh: fee fü. 

viel: feel fiil und feel. Der substantivische Gebrauch ist noch er- 
- halten: viel Werks: feel wearks,; viel Zeugs: feel tsaiks; viel mehr: feel 
meins; viel größer: feela kreısa. 

ß) Bei den Part. Prät. der Verba auf ö, nhd. ee, hat nur II Dehnung 
und Senkung zu ee, I hat Senkung zu e, III hat ö (ebenso Lenz, HD.). 


I. II. UL 
geblieben: kəplewə kapleewa kəpliwə. 
gegriffen:  kəkrefə kəkreefə kakrifa. 
gelitten: kəlerə  kəleerə kalıra. 
gerieben: kərewə kəreewə karıwa. 
geritten: kərerə kareera karıra. 
geschnitten: Asnera ksneera ksnirs. 
geschritten: Asrera  kšreerə ksrira. 
gestiegen:  kšteeə kšteeə hStiis. Länge wegen des aus- 
geschliffen: Ašlefə  kšleefə  kšlifə. [fallenden Gutturals. 
geschlichen: Aslesa  kšleešə  kšlīð%. 
gestritten:  kstrera  kštreerə  kstrirə, 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 251 


geschrieben: kšrewə kšreewə  kšriwə. 
gestrichen: kštrešə  kštreešə  kštríšə. 
getrieben: kətrewə kətreewə kətriwə. 
gewichen: kəweš% kaweed  kəwiša. 
gebissen: kopess kapeess kapiso. 
gekrischen: kakrea kokreed kakrısa. 


gerissen: kəresə  kəreesə  kərisə. 
geschmissen: kšmesə kšmeesə kšmisə. 
gewiesen:  kəwesə kaweess kəwisə. 


Doch es dringt unter dem Einfluß der Schriftsprache in II die 
Kürze immer mehr ein. 

In einigen Fällen haben wir in I und II e, in II ¿. Vielleicht 
umfaßte das oben angeführte Gesetz von der Senkung ursprünglich auch 
die Wörter, in denen keine Dehnung eintrat, und die Beispiele sind 
noch erhaltene Restformen? 


I u. TI. 
dicke: tek oft, in den Nebenorten noch vorherrschend. 
Iu. M. IM. 


Mist: mešt mist. 

misten: meštə mištə. 

nicht: net net. 

Ein Wort bleibt noch zu erwähnen, das einen eigenen Weg in 
seiner Entwicklung gegangen ist: liegen: lłajə, ahd. liggan, ligen. Die 
2. und 3. Person Präs. lautete ligis, ligit; igi wurde zu i, vgl. Paul, 
Mhd. Gram. $ 86, und dann wie ahd. ? diphthongiert zu ai. Diese Form 
ist in der Mundart im ganzen Gebiet durchgedrungen und auch auf die 
anderen Formen übertragen, so daß es heute lautet: lat, laišt und laikšt, 
lait und larkt, laja, lait und laikt, lajə. Liegetuch: laitux Bettuch (Lenz 
setzt es = Leintuch, das müßte aber in unserem Gebiet lọitux oder lọinə- 


tur ergeben haben). 
b) Dehnung vor r. 


Vor r ist das © im oberen Weschnitztal zu e gebrochen, d.h. es 
hat seine Artikulationsstelle der des r angenähert; in III ist infolge des 
offenen Charakters des Gleitelautes zwischen dem Vokal und r die Ver- 
schiebung bis zum offenen e weiter gegangen. Die Dehnung ist wie all- 
gemein vor r eingetreten. Das Ergebnis ist also für I und II ee, für 
III ee Die Länge des e-Lautes rührt also nicht von einer ursprüng- 
lichen Dehnung her, sondern von dem Einfluß des r. Durch diese 
Brechung vor r unterscheidet sich das Weschnitztal von den nördlich 
daran sich anschließenden Gebieten; diese haben nämlich > erhalten; es 
hängt das offenbar damit zusammen, daß diese nördlichen Teile ein stark 
gerolltes Zungenspitzen-r in allen Stellungen bewahrt haben. 

a) I und II haben ee, III ee. 

lu I. HL 

Birne: peeə pego, ahd. bira; Hundsbirnen: hurtspeesn Verhütungs- 

form für Hundsfotzen; dient zur Verneinung. 


252 Heinrich Weber. 


dir: (een tee». 

Hirn: heeen heeun, daneben hean hem; der hat kein Hirn im 
Kopf = handelt unvernünftig. 

Hirse: hees3a heen3a. 

Hirtenhaus: heestahaus heevutahaus Armeleutehaus, in dem die Hirten 
wohnen. 

Säuhirt: sazheest saiheent. 

ihr: teeo teev; das t ist durch falsche Abtrennung entstanden; sei 
dihr, komm tihr; ihrzen: teeətsə; Gen. ihrer: eeona. 

irden: eeərə eenta. 

irre: eeə eev, daneben auch Kürze; irre plaudern: eea plauren, von 
Kranken und Geistesgestörten; einen irre machen = aus dem richtigen 
Gedankengang bringen. 

irren: eem eevn wie hd., einen hindern, belästigen. 

Irre: ees ee» f. ödes Weideland, das nicht angebaut werden kann; 
Flurname Weiße Irre: wais eea. 

Kirsche: kheea$ ` keep? 
e . MIT: meca meenv. 

neugierig: natseear:s (vgl. die Erklärung bei Schmeller, WB. TI, 1711). 

schmieren: $meeon 3Smeeon; Schmierlappes: Smeealapas 1. Schimpf- 
wort für einen schmutzigen Menschen, 2. schmeichlerischer Mensch; das 
Zeitwort hat die Bedeutung bezahlen, sich einzuschmeicheln suchen; 
Schmiere: $meea Mittel zum Schmieren, Schmutz; Schmiersel: $meeosl 
Stoffe zum Schmieren des Brotes; Sprichwort: das geht wie geschmiert. 

Stirne: Sleeoen und stean Steeon. 

Scherbe: 3eeop 3evrp. 

wir: meeo meeo; das m ist durch die Inversion nach dem Zeit- 
wort entstanden: kommen wir: kkuma ma, lassen wir: losə ma. 

Geschirr: k3eeo kseen, doch dringt Kürze immer mehr ein; Nacht- 
geschirr: nooxtk3ee; anschirren: guseean; ausschirrig: ausšeeəriš aus- 
SeevriS wild, ungestüm wie ein Tier, das aus dem Geschirr will; un- 
schirrig: uuseeori!s uuseeoriS ungeheuer groß, plump. 

Wirbel: weeswl weorwl. 


gl Kürze ist erhalten 

a) Vor Guttural mit Entwicklung eines Sproßvokals © in I und IJ, 
Beibehaltung des r in III. 

Birke: peəik pevrik. 

Kirche: kheaiš khęvriš, aber 

Kirchweihe: kheeswa khęeorwə aus kirwe. 


b) In anderen Fällen. Vgl. Paul, Beiträge IX, 101 ff. 

girren: kean keon. | 

Schirm: seem Seorm. 

wit: «ea wen; Wirrstroh: weastrou zum Unterschied vom Flegel- 
drusch, dessen Halme in einer Richtung liegen; verwirren: fəweən; ver- 


Fe. 


V 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 253 


wirrte Augen — trübe, unklare Augen. (Nach Kluge beruht es auf ahd. 
werran, seit 17. Jh. erst ist wirr eingedrungen.) 

Wirt: west went; Wirtschaft: weatsaft, häufig = Mißwirtschaft ge- 
braucht. 

Zwirn: isweon Iswenm. 

Wirsching: wes4y weosiy wie hd., Kopf. 


84. Ahd. o. 
I. Kürze ist erhalten. 


Das ganze Gebiet hat o. 

Bock: pok; Sägebock: sęękpok; bocken: pokə; Sprichwort: die Esel 
bocken, es gibt Regen: ti ẹęisl pokə, s kit rẹjə, wenn zwei ältere Per- 
sonen im Scherze miteinander raufen. Bolle: pol, ahd. bolla, rundes 
Gefäß mit Stiel zum Wasserschöpfen (verwandt mit Ball. Bolleraugen: 
poləraagə stark hervortretende, große Augen. Brocken: proka, auch für 
einen dicken, kräftigen Menschen gebraucht. Dolden: tolə. Dotter: totə. 
erschrocken: fa3roka. folgen: folja, Part. kfolkt, gehorchen. Fotzen: fotsa; 
Hundsfotzen: huntsfotss, auch zur Verneinung gebraucht wie Bohne, 
Schnitz usw. Frosch: fro$. Frost: frost. geboten: kəpotə und kəporə; 
Gebot: kapot; alle Gebote: ala kapot alle Augenblicke. gebogen: k39039. 
gebrochen: kəproxə. geflogen: kflogə. geholfen: kholfa. geholt: kholt. 
gemolken: kəmolkə. gerochen: karoxa. geschmolzen: kšmolsə. gesotten: 
ksorə. gestocken: k$toka. getroffen: kətrofə. gewogen: koawoz9. gezogen: 
katsoza. Glocke: klok; ein Kinderreim beginnt mit: die Uhr schlägt 
zwölf Glocken = Schläge. glotzen: klotsse. Gloffe: klof f. in Mörlen- 
bach; die Umgegend von Fürth hat klofo und klofn f., Liebersbach bei 
Birkenau klufs; der Ursprung ist dunkel; vgl. Kluge, EWB.; III kennt 
das Wort nicht, hat dafür $pel < spenel. grob: krop,; Grobian: krowigen. 
holen: hola. hoffen: kofə. Holunder: hola. hopfen: kopa hüpfen, springen; 
es ist selten geworden. Daneben steht hupfen, das in der Mundart in 
der Iterativbildung hupsa am meisten gebraucht wird. Wenn es regnet, 
singen die Kinder: 

reja rejə tropa Regen Regen Tropfen, 

ti ọltə waiwə hopə Die alten Weiber hopfen, 

si hopa iwa ta neka Sie hopfen über den Neckar 

un plaiwə triwə štękə Und bleiben drüben stecken. 
hoppas: hopas Interjektion, ein Springen oder auch ein Stolpern bezeich- 
nend; nur bei Kindern gebraucht und deshalb häufig in der Deminutiv- 
form hopasl, daneben Formen wie kopala, hopsa (vgl. Grimm, WB.) Es 
ist vielleicht mit dem Imperativ von hopfen hop in Zusammenhang zu 
bringen; sich verhopassen: s?$ fahopasa sich verpassen. hossen: Ahosa 
kommt nur noch in dem Kinderreim vor: kosə hosə tril usw.; ganz ge- 
bräuchlich ist aber noch die Weiterbildung hosseln: koslə schaukeln; 
Hossel: kosl f. Schaukel, bei der ein Baumstamm oder Brett auf einen 


"Hola: hal, Rost: roll. Groppen:, krup 


SES pen aer SE 






Ss Stiet aufgeseizt: win. nen de? d Ee kaipe Me? mier 
dem Binfiuß ‚der ‚Schriftsprache due stuer Hopo: Klotz: koi < 
 Knoblaugle: garis | A Be Geer ‚Schimpfwort hesondeis 1 u 

 Rindsknachen: rantskyor. | "Koolen: kyoto. Kap map. Kochen: khs e 
È: Kuchois.. Èhoxals Togu siol, „aly. mam auf einmal kocht. Kopti Ge SZ 















KA 


kotzen: Kol. ‚erhrechen, ` ‚heftig . histon; Kaiser: bieten. m. Hüsten. 
Cu Kropi: krop. (Lochi tor.. logkens Toka. uckur" Jon. ` “Wolken. male, 
o noeh t we "hie oben: Ge Hehe; ‚abe ie plok politera: poln; SE 
/ S Poltereri ebe ` Rock: H SE > -t4 N? Ee als... ag KSC ` BER der 
 Seböllen:. sole wi RE hi Se 

` Sehaockel- Akt i Bamaka schossen: das emporireibe: e 
| Orin. mid. und nd. ‚Form tür Steg Zeg Semer WER xon zätternder. E 
Ze ‚Bewoghi ag gebraucht... ai ‚Spott: es x ae En F ws. a Se t 
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 Ruchgefa mir- ‚Füßen. Sram. SR m j 
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a Geer oon dir 
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za Pfosten, Klotz; Untergestell.. ‚stolpenn: ER 
Re Stolpon und Hoher: Sege ue? % Angabe beim Milchverkaul, 2 SH 
lat der ‚Knien ngek sohn richtiges a Fr 


iis ‚sehütbin s 3 ‚Stoppel 





a: 





i Ge |: opl; stoppeln; topla, des sul hängen ge Er 
` Miete tbat sammeln. stepfen: #opu. Sprossen: Spass m., ahd: sprosto, o, > 
est, Klüre, EWB Lehen. N Tochter: tarla it d der Mundart pu Tehas 
SC vngebrämchitch, di Bar 
> gesetet; d dach ie Tockternianis astran Ada TAY Deal: Fa Valk: folk: 
oyei Hola erliicht: folis. vollends, toll: mis tollen: ef: sich. wie, Fall ge 


KE SS a e 


N $ handel > wohlfeil: ef Wolke: aa, Mo: "mt Wolle; a Ge 


























E Zotte: et: vgl. Creodlius, Debatte W Sach Im and: "Kies 
EWR. Zottel ` Gel, au abd. sollo: ‚herabfüugende ‚aa . Bünde) = ZS 
Ale Läunpen,, ‚sehlechte,; Berrissene Kleider; vergoten: béi: See BR 
` reifen, Zottelfritz:. Kolfris, zerlumpter. Mensch, ‚Nehimpfwort., Gold: get ` | 
ni hoeken: haha das. ‚gebräuchliche | Wort. fie: sitzen, Jm Gefängnis. sell. 








` bt groupe, Enchtort, "meet 7 | 
Bn Bisen. "Knotek: koti, ahd: Anen spl Arm, WB unter ‚Raten, 
x ‚Knoten, 2 Exkremente von ‚Pferden 5 Ziegen, y: ‚Hasen. usw, Konten: 
Ä rolle einen Knoten: schlingen; „ufknofeln: ir rapie sinen Knoten ee 
dazu raucht man. ‚längere Zeit, deshall: kunteln. = langsam. arbeiten, mir 
etwas wicht: fürtig. werden können: Kuivteltack: kytek se watziger Saum ` 
Hinos Klee. ARBEN dor Kante ms Erke dir sh: 













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- Ee gien mi E Konia ‚und Hom, m Domp WB, Kate, Tiemann ER; 





PAGE NOT 
AVALLABLE 





256 Heinrich Weber. 


Umlaut. 

Der Umlaut ergibt e:. 

Öfen: eifa, III aber entsprechend ofa — efa; Deminutiv: ẹifl, TII ef. 
höflich: heifli$ und heeflif. wohler: werlo. Deminutiv zu Mocke: meizl. 

b) Herübernahme der Dehnung aus der Schriftsprache. 

1. In allen Fällen außer vor r erscheint oo. 

Boden: poorə, neben älterem poram, das in III noch herrscht. 
Bogen: 90039. Moos: moost. III most. Trog: trook. 


Umlaut. 

Der Umlaut hat ee ergeben. 

Briefbogen: prüfbeezl. König: kheent!. mögen: mees,; Vermögen: 
famee%. Deminutiv zu Trog: treezl. 

2. 0 vor r. 

a) Die Dehnung ist eingetreten. I und II hat oo, III ọọ unter dem 
Einfluß des offenen Gleitlautes v. 

Iu. II. II. 
bohren: poon pogon wie hd.; einen beständig um etwas bitten. 
Bohrer: pooara poporv. 

Bort: pooat popvt Brett; daran angeschlossen in falscher Etymo- 
logie: 

Bortkirche: poootkhesif ppontkheors Emporbühne der Kirche, mhd. 
borkirche,; dasselbe Lenz, HD., Nachtrag. 

Dorsche: 1009398 toọvš%, torso, Krautstrunk. 

erfroren: fafrooon fofropoun wie hd., einer, der Anlage zum 
Frieren hat. 

Forelle: fooəręel fopvrel < forle. 

geschworen: k3woosn kšwgovn. 

gestorben: kštooawa kštovrwaə. 

Hornis: hooəmets hgvrmets. 

Korb: khooəp und khoəp khovrp. 

Knorpel: kyooswl khnevrwl. 

Knorz: kyooats kyopots Auswuchs, Knorren, kleiner Mensch. 

Tor: tooa too». 

verdorben: fətoooswa fotgorwa. 

verloren: falooon fplpoon. 

vorhin: fooat, fooata und fooatn ` foont, 


Umlaut. 

Der Umlant hat ee ergeben, beziehungsweise ee vor ». 

Deminutiv zu Korb: kheeswl khevrwl. 

Deminutiv zu Knorz: kyeeətsl kyeentsl. 

Lörzenbach: leeatsapo.. 

ß) Kürze ist erhalten. 

L Vor Guttural mit Vokalentwicklung vor dem QGuttural. I und II 
haben o, III o. 


x 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 267 


Iu. H. II. 
borgen: boaəjəa povrjə. 
horchen: honis. hooro wie hbd., gehorchen. 
morgen: moaja morja. 
Morgen: moəjə mevrja Maß für Gelände. 
Orgel: oaszl ovrzl. 
Sorgen: 8099 sovrja; beliebter Ausdruck: ich habe Sorge, der... 
= ich fürchte... 
Storch: tonik 3tovrik. 
worgen: woaja wovorja. 
2. In anderen Fällen. Vgl. Beiträge IX, 101 ff. 
Borsten: poəštə povštə. 
Dorf: toəf (opt, 
Dorn; toon ` donn. 
dort: toat tọnt. 
fort: fost font. 
Horn: hom hevn Hornvieh, Schimpfwort. 
Form: foom foorm. 
Korn: khoon ` Eben, 
Mord: most meot, Mords- ist Verstärkungswort; Mordskerl, großer 
Mensch, mordsmäßig, über die Maßen. 
morsch: moəğ MODS. 
Ort: ost galt. 
ordentlich: oantl:$ ountks Adj. ordnungsliebend, brav, Adv. sehr, arg. 
vorn: fom fpon. 
Vorteil: foətl fovtl, daneben auch Länge: fooatl, 
Wort: woat wont. 
Zorn: isom tsoon. — 
Der Umlaut hat e ergeben. 
Hörner: heana heomn. 


85. ahd. u 
I. Kürze ist erhalten. 


ahd. u ist, ausgenommen u vor r, als u erhalten. Bahder, Grund- 

lagen des nhd. Lautsystems S. 186ff., hält es für erwiesen, daß vor Nasalen 
„die Formen mit o ehemals Gemeingut der md. Dialekte waren“. Dann 
wäre vor Nasalen wieder vu eingetreten. Für das Weschnitztal läßt sich 
das auf Grund schriftlicher Überlieferung nicht nachweisen, da jegliches 
Material fehlt. Aber heute gilt das Gesetz, daß vor Nasalen kein o vor- 
handen ist, sondern nur u. 

Bruch: prux. Brunnen: prunə. brunsen: prunsə mingere; prun- 
siš urina. Brust: prust. Buckel: pukl Rücken, Hügel; buckelig: pukliš 
hügelig, einen Höcker habend. Gebund: kapunt. Busch: pus und phus. 
Butter: puto m. und f.; buttern: putan viel Butter geben, überhaupt viel 
geben, Erfolg bringen. Butzen: pufss Kerngehäuse des Obstes, Menge 

Zeitschrift für Deutsche Mundarten. 1V. 17 


258 Heinrich Weber. 


von Gegenständen, Regenschauer, kleines Kind. Druck: truk. Duft: 
tuft. dumm: tum. dumpf: tump; verdumpfen: fatumpsa dumpfig zu 
dimpfen, starkes Verbum dampfen, rauchen; vgl. Kluge EWB. Dampf. 
Dunst: tunst. Dutte: tut Tüte, Flug: fluk; flugs: fluks. fuchteln: furtlo 
mit einem Stocke, dem Arme usw. in der Luft herumschlagen; Fuchtel: 
fuxtl f. Peitsche. fuggern: fukən handeln, verhandeln; abgeleitet von 
dem großen Handelshause der Fugger; das Wort ist weit verbreitet, auch 
ins Spanische gedrungen; Fuggerer: fukərə einer, der in unehrlicher Weise 
Handel treibt; verfuggern: Gan ohne Not leichtsinnig sein Geld weg- 
geben, verhandeln; vgl. Schmid, Schwäbisches WB.; Grimm, WB.; Schmeller, 
BWB.; Lenz HD. Nachtrag. fummeln: fumla tüchtig waschen, weit ver- 
breitet. Funken: fuņkə. Funsel: funsl schlechtes Licht. ausfuscheln: 
ausfusla alles ausgucken und ausfragen; vgl. Grimm, WB. Man könnte 
es vielleicht von Fisch: fu$ ableiten; die Bewegung des Fisches hat etwas 
sich Schlängelndes, Geschäftiges, das in alles einzudringen vermag; es 
wäre dann zu Wörtern zu stellen wie sohlen (zu Sohle), füßeln (zu Fuß), 
fingern (zu Finger. Es kann auch mit fitschen, futschen zusammen- 
hängen; vgl. Schweizerisches Idiotikon I, 1141. Futschel: futšl lieder- 
liche, lose Weibsperson; es ist wohl zu Fut, weibliche Scham, zu stellen; 
Grimm, WB. verzeichnet Futtel. gefunden: kfuns. Genuß; kənus. Ge- 
ruch: kərux. gesprungen: kspruya. gestunken: kštuņkə. gesund: ksund. 
Glucke: kluk Henne. glucksen: klukss, Weiterbildung von glucken zur 
Interjektion gluck beim Trinken; aus einer Flasche trinken. gönnen: 
kuna ahd. gi-unnan Part. kokunt. Grundbirnen: krumpeesn nur als Ver- 
neinung gebraucht wie Bohnen, Schnitze, Hundsfotzen u. a. Grundelchen: 
krulš%2, eine Fischart, mhd. grundel, grundeline. grunzen: krunssa, daneben 
auch kruunss. gruppen: krupa mit den Fingernägeln lostrennen; vgl. 
Lenz HD.; Gruppes: krupas unnachgiebiger Mensch, Schimpfwort. Grund: 
krunt. Gruselbeeren: krusipejan Stachelbeeren; im Ablaut zu kraus, vgl. 
Grimm, WB., Krausbeere, Grosselbeere, Kräuselbeere wegen der be- 
haarten Haut. Grutze: kruts f. Kehle; an der Grutze kriegen; grutzen: 
krutsa eine Arbeit unordentlich verrichten, besonders schneiden; Grutzen: 
krutss sind die Blätter der Rüben, die beim Einfahren abgeschnitten 
werden. gucken: kukə. guschen: ku zischen, im Ablaut zu mhd. 
gischen schäumen. Guß: kus. Donner: tunə; Donnerstag: tunəštogk. 
Hudel: kul schlechter, minderwertiger Kleiderstoff, mhd. kudel, in älterer 
Form huder, vgl. Heyne, WB.: Hudellumpen: kullumpa Lumpen zum 
Ausfegen des Backofens, an einer Stange befestigt; hudeln: Aula und 
hutlə eine Arbeit oberflächlich verrichten. Hulle: kul; Volksglaube: auf 
Fastnacht darf man nicht spinnen, sonst kommt die Frau Hulle hinein, 
d. h. es wird verworren. hundert: kunət, auch Subst., Maßeinheit für 
kleine Gegenstände wie Pflaumen, Nüsse, Klammern. Hunger: kum; 
hungrisch: huyari$ nur geizig; die hd. Bedeutung wird ausgedrückt durch 
ausgehungert: auskahunsat oder eine Umschreibung mit Hunger. Huppe: 
hup f. Weidenrinde, die zum Blasen dient; Schmeller, BWB. I, 1143; 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 259 


Schmidt, Bonnländer Mundart S. 97. Hutzel: kuisl, mhd. hutzel, vgl. 
Kluge, EWB., getrocknete Birnen; hutzelig: hutslisS eingeschrumpft, run- 
zelig; in gleicher Bedeutung verhutzelt: fahutsli. jucken: juka ein jucken- 
des Gefühl haben und reiben wegen des Gefühls. jung: jun; daneben 
hört man von alten Leuten auch juyk. klunkern: Akluykan baumeln, hin 
und her schwanken, schaukeln, keinen festen Halt haben, vgl. Heyne, 
WB.; Klunker: kluyka f. Vorrichtung zum Schaukeln. knuppen: kyupəa 
schlagen, stoßen; vgl. Lenz, HD., der es mit Recht zu mhd. knübel stellt; 
wie gruppen zu grübeln. kommen: khumə Part. khumə; Imp. khum und 
khọm. krumm: krum. Kruste: krušt, daneben häufiger auch krošt; das 
Deminutiv lautet durchaus Arestl. Kuckuck: kukuk; Volksglaube: wenn 
zum ersten Male der Kuckuck schreit, muß man mit Geld rasseln, dann 
wird es einem nie ausgehen. Kugel: khuzl. krumpeln: krumpla; zer- 
krumpeln: fakrumnpla 1. zerknittern, 2. bildlich, beleidigen, mißgestimmt 
machen. Kumpfen: khump>, mhd. kumpf, Gefäß, Schüssel, besonders in 
Suppenkumpfen: supakhumpa Dem. khimps. Kunst: khunst. Kupfer: 
khupa,; Kupferkessel: khupeakhesl. Kuß: khus. luck: luk locker, porös. 
Luft: luft. lummern: lumən faul umherliegen, zu dem Adj. lumm, das 
als Zumarıs zerknittert, locker erhalten ist. lungern: luņən in gleicher 
Bedeutung. Diesem Wort liegt ahd. lungar hurtig, schnell zugrunde; 
zur Erklärung der Bedeutung verweise ich auf Grimm, WB., lungern 2. 
Lust: lust f. und luštə m.; lustig: lustis. lutschen: iutsa saugen, beson- 
ders auch naschen; Daumenlutscher: tọuməlutšə. Muff: muf m. hals- 
starrige, schmollende Person; Muffkopf: mufkhop dasselbe; mufi$ hals- 
starrig; zur Interjektion muff, vgl. Heyne, WB. mucksen: muksa; sich 
nicht mucksen = nicht wagen, sich zu rühren, zu widersprechen; Weiter- 
bildung zu mucken, vgl. Grimm, WB. muffeln: muflə mit den Vorder- 
zähnen bei vorgestülpten Lippen die Speisen zerkauen. mulbisch: mulwiš 
vermürbt, von Holz oder Obst gebraucht; Lenz verzeichnet milwic; es 
gehört zu Milbe. mulzern: mulsən, mhd. multern, einen Teil des Ge- 
treides als Mahllohn zurückbehalten; Mulzen: mulsə m. Lohn für das 
Mahlen. Mundvoll: mumpl m.; mumbeln: mumplə mundvollweise essen. 
munter: muntə und munə. Mutzen: mutsə m. Gehrock der Bauern, vgl. 
Grimm, WB. unter mutz über Bedeutung und Verbreitung. Nuß: nus. 
nussen: nusa schlagen, besonders auf den Kopf; zur Etymologie verweise 
ich auf Kluge, EWB. nutz: nuts; Nutzen: nutsə; nutzen: nutsə; der 
Umlaut ist in der Mundart unterblieben. Pfund: phunt. Plunder: pluna. 
pudeln: phula, nd. pudel stehendes Wasser, mit Wasser spielen, plätschern, 
Wasser verschütten; sı3 phula sich tüchtig waschen, meist von Enten, 
Gänsen gebraucht; pudelnaß: phulnas. Pudel: phuil. putzen: putsa. 
rutz und butz: ruisnputs ganz und gar. rumpeln: rumpla poltern; zu- 
sammenrumpeln: isomarumpla 1. zusammenfallen, 2. einfallen, runzelig 
und alt werden; aufrumpeln: ufrumpla geräuschvoll, hastig aufstehen. 
Onkel: uyl neben schriftsprachlichem oykl. Runge: run, Teil des Wagens. 
Runzel: runsl. Schluck: Sluk. Schnudel: u! Zipfel; schnudeln: maulə 


17* 


260 Heinrich Weber. 


eine Arbeit nachlässig verrichten, in dem man sie zu rasch erledigt, 
mhd. snuderen. schnuckeln: $3nukla naschen; Schnuckes: $nukas Kosewort. 
schnuffeln: 3rufla, zu schnaufen, wie hd., den Nasenschleim in die Höhe 
ziehen. Schnupfen: $nupa Erkältung; schnupfen: Mmupə. schnuppern: 
$nupaen, Häufigkeitsbildung zu schnauben, wittern, spüren (vom Hunde 
gebraucht). schlüpfen: zing, zu schliefen, vgl. Heyne, WB., wie hd. 
überall herumsuchen, gleiten z. B. teeo uu $lupt net; Schlupfpulver: šlupulfə 
Pulver, das zum Glätten dient; Schlupf: Slup m. Schleife. schrumpeln: 
$rumpla verkrumpeln, zerknittern, Weiterbildung zu zusammenschrumpfen: 
isomaSrumpo sich zusammenziehen, kleiner werden, im Ablautsverhältnis 
zu ahd. scrimpfan. schruppen: 3rupa, wohl ablautend mit schrappen 
durch Reiben reinigen; Schrupper: $rupa Werkzeug dazu. schucken: 3uks, 
im Ablaut zu schicken, zuwerfen. mich schuckert: mis 3ukat friert. 
Schuß: 34s; im Schuß sein = im Schießen sein, so daß man nicht mehr 
aufzuhalten ist, in Ordnung sein; schusseln: šuslə sich übereilen, über- 
hasten; Schussel: 34s} leichtfertige Person (weil zu übereilt); $usl:3 über- 
eilt, hastig. Schutz: 3uts. Sonne: sun; Sonntag: sunteok. Sommer: 
suma; sommerisch: sumari! Wetter wie im Sommer. Spruch: $prur. 
Sprung: prun wie hd., daneben pron RiR, Spalte. Spunden: spunt, 
ahd. spunt. Strubel: 3truwl Person mit zerzausten Haaren; verstrubeln: 
fostruwla zerzausen, verwirren; Adj. Siruwlis und Part. fostruwlt verwirrt; 
Strubelköpf: Struwlkhop. Strumpf: trump; Strumpfsocken: 3irumpsoks 
Schimpfwort; Adj. $trimpis. strupfen: 3irupa in Falten legen, streifen; 
Strupf: Sirup Vorrichtung, um etwas zusammenzustreifen. Stummel: 
stuml, ahd. stumbal, nur teilweise gefüllter Sack, Rest einer Zigarre. 
stumm: tum. Stunde: Stun. Stube: up; obere Stube: ewonstup. 
‘Stufen: stufə stufenweise Löcher zum Legen der Kartoffel. stumpfen: 
$tumpa stoßen, zu stumpf, also mit einem stumpfen Gegenstande stoßen; 
vgl. Lenz, HD.; Stumpfen: stumpa m. 1. Stoß, 2. kleiner Mensch, Gegen- 
stand, 3. Zigarrenstummel. stutzen: Stutso, sehr oft auch stuutsa,; Stutze- 
bock machen = die Stirne zusammenstoßen. sulpen: sulpə Pflanzen in 
einen Brei aus Erde und Wasser tauchen, damit sie besser anwachsen; 
vgl. Schmid, Schwäb. WB., besulpern = besudeln. sudeln: sutlə und sus; 
Sudelwetter: sulwero regnerisches Wetter. Schulden: 3ullo. trocken: 
truka, ahd. trucchan. Trommel: truml; trommeln: trumlə. tunken: tuyko 
eintauchen; Tunksel: tuyksl Sauce zum Tunken. Tupfen: tupa Fleck, 
Punkt; tupfen: iupa deuten, einen Rüffel geben. 

und: an; in unbetonter Stellung ist es zu n abgeschwächt; in Zahl- 
wörtern: zweiundzwanzig: iswaantswonsis, sechsunddreißig: seksntraisi3; 
Knall und Fall: kyalnfal plötzlich, unverhofft; ganz und gar: konsnkaa; 
hoch und heilig: keuxnhailis; dumm und taub: tumntaap und viele andere 
derartige stehende Formeln. Hiervon wohl zu unterscheiden sind Fälle, 
die man auch durch Annahme eines „und“ erklären will; vgl. Lenz HD, 
Käse und Brot: kheesoprout. Diese Annahme läßt sich für das behandelte 
Gebiet nicht aufrecht halten. Es müßte dann wie in den obigen Fällen 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 261 


heißen: kheesuprout, Kopfkissen: khopnkhiso statt khopakhiss. Es liegt 
vielmehr bei kheesoprout Angleichung an die zahlreichen Beispiele 
der Zusammensetzungen vor, deren erstes Glied durch Abschwächung 
von -er (das trifft nur für I und II zu, kann für IJI und Handschuhs- 
heim nicht in Betracht kommen, da es dort zu » wird) und -en 
auf ə ausgeht; vielleicht spielt die bequemere Gewichtsverteilung dabei 
eine Rolle. 

unser: unsə. unten: una; hie unten: kuna; huna sot mt Kräften, 
Gesundheit, Vermögen schlecht bestellt sein; drunten: truna; uniš unter 
ist Praep. unter: una; darunter; truna; unter sich: unas3$. 

Das Suffix -ung war allgemein zu o abgeschwächt und ist in 
dieser Form in II regelmäßig, in I und III noch selten erhalten. In den 
verkehrsreicheren Orten ist unter dem Einfluß der Schriftsprache -uy 
herrschend geworden. 

un: «« mit Verlust der Nasalierung; Unglück: uuklik; ungelegen: 
uukaleja.. Verlust: fəlušt. Wummel: wuni Hummel. Wunder: wuna. 
Wunsch: wuns; Part. zu wünschen: kowuns (vgl. wıykao kawunks). Wusch: 
wus zerzauster Ballen von Haaren und anderen Gegenständen; Wusch- 
kopf: wuskhop Schimpfwort. wusseln: wusla lebhaft, eifrig hantieren 
(Lenz, HD., kleine Schritte machen); wusselig: wusli$ lebhaft, geschäftig. 
zucken: tsukə. Zug: tsuk. zuckeln: isuklo zu saugen; ts statt s am An- 
‚fang eines Wortes: Salat: Zsalppt; Sellerie: iselarir. 

Eine Ausnahme macht fromm: from; hier schriftsprachliches o unter 
dem Einfluß der Kirche eingedrungen. 


Umlaut. 


Der Umlaut hat © ergeben, da alle gerundeten Vokale entrundet sind. 

Brücke: prik, Deminutiv prikl. brüllen: prila; Brüllochse: preloks 
Schimpfwort. Büchse: piks, auch obskön; Holunderbüchse: koləpiks 
Knallbüchse, zu der meist Holunder verwandt wird, da sich das Mark 
leicht entfernen läßt; Schrützenbüchse: sretsapıks Büchse zum Spritzen 
mit Wasser. bücken: přkə. Büschel: pisl Deminutiv zu. Busch; 1. neben 
unumgelautetem pus! = Gebund, Strauß, Handvoll Stroh, Heu, Kraut u.a. 
2. Flurname, niedriges Gehölz, Gebüsch. Bitte: pit. drüben: triwə; hie 
üben: Aaen drücken: trika und Häufigkeitsbildung drücksen: triksa säu- 
mig sein; Drückser: triksa säumiger Mensch. düngen: tiyə. dünn: tin. 
flüchtig: flestis 1. wie hd., 2. rasch, behende. flügge: flik. flüssig: flisis. 
Früchtchen: fri$t$3 ungeratener Mensch. Flügel: flizl. Füllen: fil und 
Deminutiv filə ahd. fuli. füllen: file. Gelünge: kəliy. Gerüst: korıst; 
gerüst: kərišt rüstig. Gesüde: Asit Abfall beim Getreidereinigen, ahd. 
suti. Gipfel: kipl (zu Gupf, Kuppe, vgl. Kluge, EWB.. Glück: klik; 
glücklich: klıklis. grübeln: kriwla graben, ausbohren; sich ärgern, nach- 
denken. Gulden: a: Guldenstück: Azlostılk; Dem. kiləštikl wird als 
Schimpfwort gebraucht, doch mehr in scherzhaftem Sinne. Hüften: hzfta. 
Hilfe: hilf. aushüllichen: aushilisa das Innere eines Dinges wegnehmen, 


262 Heinrich Weber. 


während man die härtere Hülle möglichst ganz läßt, z.B. Obst, Brot. 
hüpfisch: hipiS ungeduldig, aufgeregt, in gleicher Bedeutung: ausgehoppt: 
auskhept. Hütte: hit. Kissen: khiss. kitzeln: khitslo, (ahd. kutzilön); kitze- 
lig: khitslis. Knüppel: Ayipl. du kommst: khimst. verkrümeln: fakrimla; 
z. B. den könnte ich verkrümeln d.h. in Stücke reißen. Krümme: krim 
f. Krümmung. Krüppel: kripl. Kübel: khiwl. Küche: kré Kümmel: 
khiml. küssen: khise. Lücke: lik. Lügner: kyna und lüsns. Mücke: 
mik. Müller: milə. Nüsse: nis. Pfütze: phit$. rücken: rika rutschen: 
ritšə. schlucken: Slika; Schluckser: şliksə krampfhaftes Schlucken. Schlüs- 


` sel: šlisl. Schippe: šip. schnüppern: $nipa (zu schnauben, schnuppern) 


\ 


schluchzen, beim Weinen (von Kindern gebraucht) schuldig: Alz 
Schüssel: sl. schütten: irə. schütteln: Sin: Schüttelgabel: gilkawl 
Gabel zum Aufschütteln des Futters. schrützen: itsə durch einen engen 
Spalt spritzen (vgl. Grimm, WB. unter schriezen); Schrützenbüchse: šritsə- 
piks. Spritze: 3prits; spritzen: 3pritse; Spritzen: $pritss m. Spleen. 
Sprüssel: $pris! m. Querhölzer einer Leiter. strüpsen: štripsə (zu strupfen 
abstreifen, stehlen) stehlen, entwenden. Deminutiv zu Stube: Acel, 
Stück: stik; stückeln: stiklə. Stütze: Stits, auch Holzgefäß zum Weasser- 
holen; stützen: stets. süffig: sfi!. Simmer: simə, ahd. sumbir, Maß; 
Simmerkopf: simalhop Kopf so groß wie ein Simmer, Schimpfwort; vgl. 
Viernzal: feensi, das nur noch als Bezeichnung für einen dicken Kopf 
in der Mundart erhalten, als Maßwort untergegangen ist. Sünde: sin; 
oft in der Formel: Sünde und Schande: sin un Son. trocknen: trikl. 
tüchtig: tistıs. Tüpfen: f«pa Topf; ahd. tupfen vgl. Heyne, WB. Tüpfel: 
tipl Deminutiv zu Tupfen. über: wə; drüben: triwə; übrig: iwəri. 
übel: wl. Unschlitt: insliš. um: «m, in III unumgelautet um; warum: 
warim, III warum; wenn man keinen Grund angeben kann auf 
die Frage warum, so antwortete man mit fdarim, III taarum. da 
herum: töorim, III toorum da ungefähr, in dieser Gegend; rumdidum: 
rimtitum IIl rum titum verstärktes herum: rim, III rum. umsonst: im- 
Sunst. unterst: inəst. 


I. Dehnung ist eingetreten. 


1. In einigen Wörtern kann man von einer nachweisbaren Dehnung 
nicht sprechen. Sie stehen unter dem Einfluß der Schriftsprache oder 
sind von Interjektionen, Schallnachahmungen abgeleitet, die schon an 
sich lang sind; die Länge kann also von diesen Schallnachahmungen 
übernommen sein. 

jubeln: juuwlə (Interj. juu; vgl. den Versanfang juuhçiti fasnozt); 
verjubeln: fojuuwla im Jubel, für Vergnügungen ausgeben; hier scheint 
die Länge aus der Schriftsprache übernommen zu sein. juchzen: 
Juukss, die Interjektion juu ausstoßen. dudeln: Zuutlo, Schallnach- 
ahmung tuut. rucksen: ruuksə, mhd. ruckexen, vom Gegirre der Tauben: 
ruuk. Nudel: muul ist unsicherer Herkunft; nudeln: nuulə zusammen- 
drehen. 


Der Vokalismus der Mundarten des Oberen Weschnitztales. 263 


Umlaut. 

Der Umlaut hat ù: ergeben. 

Brühl: pri! Flurname, tiefliegender, ui Wiesengrund, ahd. 
bruil, vgl. Kluge, EWB. 

2. Vor r. 

Vor r ist u gebrochen zu o (parallel ¿ = e). Auch hier ist Dehnung 
des o eingetreten, aber unter dem Einfluß der Schriftsprache und vor 
Doppelkonsonanz häufig Kürze vorhanden. 

a) u vor r >œ oo in 1 und II, ọọ in III unter dem Einfluß des fol- 
genden v. 

Io H I. 

Durst: tooəšt tpọvšt bei älteren Leuten, besonders in II verbreitet; 
es wird jetzt immer mehr von toəšt tọvšt verdrängt. 

* Purz: pooaəts poọvts kleiner Mensch, Gegenstand, meist als Schimpf- 
wort gebraucht; aber Deminutiv: 

poətsl pọvtsl in gleicher Bedeutung; purzeln: poətslə ppatsla. 

Purzelbaum: posatsipppm ppvtsipoom. 

Wurm: wooom und woam wpprm. 

b)xzvorr>oinlund II, o in II. 


a) Vor Gutturalen mit Sproßvokal 2. 
I u. H. HL 

Bürgermeister: posjamppsta povrjamogštv < burgenmeister. 

Furche: foa$ und foast Tomé, 

Gurgel: koaigl kom zi 

murcksen: mosıksa movrksa. 

schnurchen: ënuoaiën | snoDr3. 

8) In anderen Fällen. Vgl. Paul, Beiträge IX, 101ff. 

hurtig: boat? hontis. 

kurz: khoats khọovis. 

Schurz: šoəts 3onts daneben das umgelautete 3eats. 

Wurf: woof wọvrf. 

Wurst: woost wonst. 

Wurzel: woatsl woatsl. 

Schnurren: mom 3npvn. 

Schnurrbart: $nooras SnoDras. 

Umgelautetes u vor r ist, da es zu 2 entrundet wurde, wie dieses. 
gebrochen zu e und ee. 

1. ee in I und Il, ee in III. 

Bürger: peeəjə pevrjv. 

Bürgen: peeəjə peorja. für: fees feev steht an Stelle von für und 
vor; Adv. = vor, nach vorn; dafür: tootəfeeə; davor: təfeeə zeitlich und 
räumlich; vorkommen: feeakhuma l. sich ereignen, 2. vorgeladen werden, 
3. vorankommen: vor sein: feea so? voran sein; vorstehen: feeoster; Kürze 
aber in: voran: ferou; vor sich: feəsiš nach vorn. 


264 Einfluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung usw. 


Fürth: feest feent. 

Kürbis: kheeswas kevrwas. 

mürbe: meesp emp 

stürzen: şteeətsə Steenisa, daneben auch Kürze. 

' Türe: teeo Teen. 

eintürmelig: poieesmli$ (Lenz tọprmlic schwächlich, schwindelig, 
mhd. turmeln) armselig, schwächlich; Turmel: tooaml Schimpfwort. 

schüren: Zeean Sinn. 

spüren: 3peeen 3piion. Diese beiden Formen in III verraten 
schriftsprachlichen Einfluß. 

2. e in I und Il, ẹ in II. 

a) Vor Gutturalen. 

fürchten: feaiste fenr3ta. 

gurgeln: kenzlo keurzla. 

Türke: tek tevrk, teorik. 

würgen: weaja wenrja. 

Würmer: weem weorm. 

. $) In anderen Fällen. 

Bürste: peəšt pev»st; Kratzbürste Schimpfwort. 

dürfen: tesfo tearfa. 

dürr: teə tev. 

dürren: temm tenra. 

Dürrfleisch: teoflaas tevflaas. 

Gürtel: Feat! ` kent! 

vorderste: feorast fevrəšt. hinterstzuvorderst: hinestsferests 

Würfel: weofl weorfl. 

(Fortsetzung folgt.) 


Einfluss des Polnischen auf Aussprache, 
Schreibung und formale Gestaltung der deutschen 
Umgangssprache in Oberschlesien. 

Von Hugo Hoffmann. 


Wer die geschichtliche Entwicklung Oberschlesiens kennt, der wird 
sich nicht wundern, an den am Gebirge, den Sudeten, und an der Oppa 
gelegenen Bezirken allein das Vorhandensein deutscher Mundarten fest- 
stellen zu können. Es fehlen eben anderswo alle Bedingungen für ihre 
Entstehung. Nur in den eben erwähnten Bezirken Oberschlesiens hatten 
sich bereits vor Jahrhunderten deutsche Ansiedler aus dem thüringisch- 
meißnisch-sächsischen Land auf ihrem Zug nach den östlicher gelegenen 


Einfluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung usw. 265 


Gebieten niedergelassen. Zweimal hatten längs der Sudeten die Kolonisten- 
züge ihren Weg genommen, einmal im 13. Jahrhundert, als aus dem über- 
völkerten Mitteldeutschland Deutsche selbst bis in den östlichen Teil des 
heutigen Österreich-Schlesien, ja noch darüber hinaus bis ins Ungarland 
wanderten, um sich dort Wohnsitze zu suchen, dann aber auch im 17. Jahr- 
hundert, als die Gegenreformation zahlreiche evangelische Familien in 
Schlesien, besonders in der Grafschaft Glatz veranlaßte, in das sprach- und 
bekenntnisverwandte östlicher gelegene Grenzland an der polnisch-galizi- 
schen Grenze auszuwandern. Bei diesen Zügen blieben jedesmal schon 
im südlichen Teil des heutigen Oberschlesien Deutsche zurück, so daß 
beispielsweise Leobschütz bereits am Ende des 13. Jahrhunderts als 
deutsche Stadt genannt wird, auch in Ratibor das Vorkommen deutscher 
und biblischer Kaufmannsnamen aus dem Jahre 1293 zu verzeichnen ist. 
In dem engen Beieinderwohnen von Deutschen in diesem südlich ge- 
legenen Bezirk Oberschlesiens, in ihrer festen Seßhaftigkeit, ihrem Ver- 
wachsensein mit der Scholle seit den Tagen ihrer Einwanderung, in dem 
dauernden Einfluß von Klima und Natur auf ihre seelischen Anlagen und 
dieser wieder auf die physischen Vorgänge in ihrem Sprechorganismus 
findet man die Erklärung dafür, daß hier deutsche Mundarten sich ent- 
wickeln konnten. 

Anders lagen die Verhältnisse in den übrigen, bis zur Entfaltung 
industrieller Tätigkeit von eingesessener polnischer Bevölkerung ein- 
genommenen, dann aber von einem beständig wechselnden polnischen 
Arbeiterstande bewohnten Bezirken. Hierhin wurde die deutsche Sprache 
nur von Beamten und Unternehmern gebracht, die ehedem in den ver- 
schiedensten Gauen Deutschlands heimatberechtigt gewesen waren. Nach 
Oberschlesien bei der beginnenden Entwicklung der Industrie verschlagen, 
mußten sie selbst ihre in den Geburtslanden vielleicht noch gebrauchte 
Mundart aufgeben, da die Verschiedenheit in Laut- und Wortbildung, 
die die einzelnen Mundarten kennzeichnet, eine Verständigung derer nicht 
immer leicht machte, die sich ihrer bedienten. Das Nächstliegende war, 
daß man zur Schriftsprache griff, zu der Sprache, die man allerwärts 
als Gemeinsprache in der Schule erlernt hatte, überall in den Erzeug- 
nissen der Presse angewendet fand und in der Schriftform selbst brauchte. 
So kam es, daß die Lautwerte der Schriftsprache in der Verkehrssprache 
der Deutschen in Oberschlesien fast durchweg zur Geltung kamen und 
daß sie später durch die dortigen Schulen den deutschlernenden Slaven- 
kindern für den Umgang geläufig wurden. 

Wie nun aber die Schriftsprache, als aus den Mundarten hervor- 
gegangen, sofort wieder mundartliche Eigentöne anklingen läßt, wenn 
sie als Verständigungsmittel im täglichen Verkehr von denen gebraucht 
wird, die ehedem sich einer Mundart bedienten, also zur Umgang- 
sprache wird, so wird die deutsche Schriftsprache auch in Gebieten, 
wo eine fremde Sprache ehedem alleinherrschend war, von dieser Be- 
einflussung erfahren. Inwiefern und inwieweit das in Oberschlesien durch 


266 Hugo Hoffmann. 


das hier gesprochene mundartliche Polnische geschieht, soll im folgenden 
untersucht werden. 

Im Beginn des 16. Jahrhunderts sind nach der von Bartholomäus 
Stein verfaßten »Beschreibung von gesamt Schlesien« die Neiße und die 
Oder die Sprachgrenze zwischen Deutschen und Slaven, obgleich damals 
noch polnisch sprechende Bevölkerung auch auf der linken Oderseite im 
heutigen Mittelschlesien, deutsche hingegen, wie erwähnt, im Westen von 
Leobschütz angetroffen wurde. Oberschlesien war im großen und ganzen 
unter österreichischer Herrschaft slavisch, besonders polnisch. Das Be- 
streben der preußischen Regierung im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, 
hier schneller dem Deutschtum den Boden zu bereiten, blieb bei dem 
herrschenden bureaukratischen Zug, der die Behörden beseelte, und bei 
dem Widerwillen der Gemeinden, zu diesem Zwecke erhöhte Geldauf- 
wendungen zu machen, beinahe erfolglos. Erst zu Anfang des 19. Jahr- 
hunderts bewirkten die von da ab sich mächtig entwickelnde Industrie 
und der Bergbau einen rascheren Fortschritt des Deutschtums und einen 
vermehrten Gebrauch der deutschen Sprache. Der Arbeiter erkannte bald 
den. Vorteil der Kenntnis der Sprache seiner Vorgesetzten und Brotherri; 
die Gewerbe- und Handeltreibenden mußten sich nicht minder wie der 
Bauernstand mit den kaufkräftigen Deutschen verständigen können, sollten 
sie nicht geschäftliche Nachteile erleiden. Die Sprache einer kulturell 
höher stehenden Minderheit stellte sich neben die Muttersprache der Ein- 
gesessenen und suchte bei ihnen in Aufnahme zu kommen, eine Erschei- 
nung, der wir im Laufe der Geschichte zu verschiedenen Zeiten und in 
verschiedenen Ländern begegnen. Da hierbei jedesmal sich gleichblei- 
bende Vorgänge zu beobachten sind, darf man auf eine dabei waltende 
Gesetzmäßigkeit schließen. Gehen wir etwas näher darauf ein! 

Kommt ein einzelner in eine ihm fremde Sprachgemeinschaft, so 
wird er die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf seine Sprachäußerungen 
nicht minder erregen, als er selbst der Sprache der Bewohner dieses Landes 
Beachtung entgegenbringen wird. Es wird ein gegenseitiges Geben und 
Nehmen sprachlicher Eigentümlichkeit sich abspielen, wobei freilich der 
einzelne vielmehr von der ihn umgebenden Vielheit, als diese von ihm 
empfangen wird. Bleibt es bei dem einzelnen Fremdling, so wird die 
Menge des neu Erworbenen bald sein eingebrachtes Sprachgut ersticken, 
und er wird in der Allgemeinheit nach längerer oder kürzerer Zeit auf- 
gehen, während das von ihm Gebotene nicht lange in dem Gedächtnis 
der Aufnehmenden haften wird. Anders ist es, wenn eine größere Gruppe 
Einwanderer unter ein fremdes Volk tritt und die eigene Muttersprache 
weiter pflegt und entwickelt, so wie wir es bei den zu Beginn des vorigen 
Jahrhunderts nach Oberschlesien gelangten Deutschen finden. Der beider- 
seitige Einfluß ist hier leicht wahrnehmbar und von Dauer; ja, er würde 
sich so weit steigern, daß sich Nehmen und Geben das Gleichgewicht zu 
halten vermöchten, wenn nicht eine kulturelle Verschiedenheit zwischen 
Eingesessenen und Zugewanderten bestünde, Dieser Umstand bringt es 


x 


Einfluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung usw. 267 


mit sich, daß die einzelnen Bestandteile der Sprache verschiedener Be- 
einflussung ausgesetzt sind. So wird die Sprache der weniger gebildeten 
Aufnehmenden eine ganze Anzahl neuer Wörter aus der reicheren Sprache 
der beträchtlichen Kulturzuwachs vermittelnden Einwanderer erhalten. 
Die aufgenommenen entlehnten Wörter werden aber anders als von denen, 
die sie überbrachten, gesprochen werden, da bei beiden Sprachge- 
meinschaften verschiedene Anlage der Sprechorgane besteht 
und derselbe Begriff infolgedessen bei den Individuen jeder Sprachgemein- 
schaft anders geartete Laute zu seiner Bezeichnung auslösen wird. Daher 
erklärt es sich, daß Lehnwörter Lautvertretungen und Lautangleichungen 
gegenüber dem Lautstand der ursprünglichen Wörter aufweisen. Bei- 
spielsweise wird der Pole in den aus dem Deutschen entnommenen Wör- 
tern die seiner Sprache fehlenden Umlaute &, ö, OG durch e, d und rt er, 
setzen, wird für ein deutsches stimmhaftes s zwischen zwei Vokalen ein 
stimmloses (scharfes) s, für ein deutsches anlautendes k oder ein Vorder- 
gaumen-chk ein tief in der Kehle gebildetes x sprechen. Wortabwand- 
lungen und Satzfügungen übernimmt der Eingesessene von dem Ein- 
gewanderten fast gar nicht, weil solche Bildungen auf psychischen 
Gesetzen beruhen. Wie stark die letzteren wirken, ersieht man daran, 
daß der deutschlernende Pole immer geneigt ist, die der for- 
malen Gestaltung seiner Muttersprache zugrunde liegenden 
Gesetze auf die Formung der deutschen Sprache anzuwenden. 

Unsere Untersuchung will nun den Einfluß des Polnischen auf die 
deutsche Umgangssprache in Oberschlesien nachweisen. Sie wird also 
nach den vorstehenden Ausführungen zu zeigen haben, einmal 
wie die eigentümliche Beschaffenheit polnischer Lautbildung 
beim Sprechen und Lesen deutscher Wörter und Sätze durch 
Polen sich geltend macht und wie sie auf die deutsche Schrei- 
bung wirkt, dann aber auch, wie die formale Gestaltung des 
oberschlesischen Polnisch häufig und regelmäßig wiederkeh- 
rende Fehler in Abwandlung und Satzgestaltung beim deutsch 
sprechenden Polen zeitigt. 

1. Polnische Lautbildung in ihrem Einfluß auf gesproche- 
nes und geschriebenes Deutsch. Es dürften hier zunächst folgende 
Tatsachen aus der polnischen Lautlehre interessieren: Man unterscheidet 
harte, weiche und mittlere Vokale oder Mundöffner und demgemäß auch 
harte, weiche und mittlere Konsonanten oder Engeschlußlaute. In dieser 
Hinsicht herrscht völlige Übereinstimmung mit dem Tschechischen. Zu 
den harten Mundöffnern zählen a, o, ö, u, y, zu den weichen :, zu den 
mittleren e, é und die Nasenlaute ä, &. Die harten Engeschlußlaute sind 
b, (c), d, f, 9, h, (ch), k, t, m, n, p, r, s, t, w, x, x. Auf sie, als 
harte Engeschlußlaute, kann nur ein a, o, ó, u, y folgen. Einige von 
ihnen können aber auch ein č nach sich stehend haben; es sind dies 5, 
c, fi m, n, p, s, w, x; dann heißen sie weiche Engeschlußlaute und 
werden auch mit b’, c, fo m’, n’, p, s, w, x’ bezeichnet. Letztere 


268 Hugo Hoffmann. 


Bezeichnungsweise deutet an, daß das sonst darauf folgende wie j zu 
sprechende 3 eigentlich zu dem betreffenden vorhergehenden Engeschluß- 
laut gehört, der dadurch eben zu einem weichen wird. Die harten Enge- 
schlußlaute d. g, h, k, t, r, t, ch gehen in dž (vor i), bezw. dz z, sx, 
c cx, l, rx, éc, ssx% über. Mittlere Engeschlußlaute sind dz, dž, d, 
rx, s%, % Die Aussprache von a und u ist die nämliche wie im 
Deutschen, o wird offen (wie in »Gott«) gesprochen. ó ist gleich deut- 
schem u, e gleich deutschem ä, é gleich deutschem e (in Schnee), aber 
auch deutschem 3 (in Gabe) nach ¿. Die Nasenlaute ã, © klingen wie 
õn, en vor c, d, t, é, cx, wie õm, ēm vor b und p und wie öng, eng 
vor g und k, rein nasal vor ch, t, s, $, w, x, x. Am Ende eines Wortes 
ist ã ein nasales a, & dagegen klingt wie > (e in »Gabe«). è vor Mund- 
öffnern ist immer J, während es am Anfange eines Wortes oder zwischen 
Engeschlußlauten wie 73 lautet. Zwielaute oder Diphthonge, wie sie das 
Deutsche in au, eu, ei hat, kennt das Polnische nicht. Zwei benach- 
barte Mundöffner werden stets getrennt gesprochen. Ebenso sind ihm 
die Umlaute ö, ö, ü fremd. — Die Engeschlußlaute, die das Polnische 
mit dem Deutschen gemeinsam hat, lauten in beiden Sprachen gleich; 
auch die weichen Laute b’, m’, f' p’ werden wie die entsprechenden harten 
Laute gebildet. w klingt vor Mundöffnern und vor l, r, rz, z, % wie 
deutsches stimmhaftes w, wie f aber vor den übrigen Engeschlußlauten 
und am Ende eines Wortes. c ist gleich deutschem x (ts); x ist weiches, 
stimmhaftes s (»leise«), sz ist deutsches sch, cx ist deutsches isch; szez 
wird durch schtsch wiedergegeben. h ist ebenso wie im Böhmischen 
niemals bloßes Dehnungszeichen; es wird stets gesprochen und zwar wie 
ein im Kehlraum gebildetes x (»uch«).. Wie das Böhmische auf der 
ersten, hat das Polnische den Nachdruck fast stets auf der vorletzten 
Silbe mehrsilbiger Wörter. 

Diese Angaben aus der polnischen Lautlehre dürften hinreichen, 
um die am häufigsten sich bemerkbar machenden Sprech- und Schreib- 
fehler der sich der deutschen Sprache bedienenden Polen zu erklären. 
Meine diesbezüglichen, den folgenden Ausführungen zugrunde liegenden 
Beobachtungen habe ich zum Teil im täglichen Verkehr gemacht, teils 
verdanke ich sie der Einsichtnahme in Niederschriften, die mir freund- 
lichst zur Verfügung gestellt wurden. 

Das Vorwiegen offener Mundöffner im oberschlesischen Polnisch 
verleitet den das Deutsche gebrauchenden Polen oft an Stelle geschlossener 
Mundöffner offene zu sprechen. Besonders tritt diese Erscheinung vor 
l, n, 7, p, t, k, vor einer Häufung von Engeschlußlauten und da auf, 
wo der Deutsche e oder k als Dehnungszeichen setzt; man vernimmt 
2. B.: Swle (Schule), fi (viel), 3g% (schon), gabpta (Gebote), materi (Materie), 
gip (gib), dipstal (Diebstahl), mita (Miete), gute (gute), takteklik (tag- 
täglich), frdint (verdient), tsąlt (zahlt), guStoln (gestohlen). Daß in ein- 
zelnen Fällen, wie etwa: gip, gute, Son, die mundartliche Sprechweise 
des Schlesiers Einfluß geübt hätte, läßt sich nicht annehmen. — Um- 


\ 


Einfluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung usw. 269 


gekehrt spricht bisweilen der Pole deutsche geschlossene Mundöffner, wo 
wir offene gebrauchen, so besonders vor ss und S + t. Anstatt ge- 
schmissen, wißt ihr, Masse, faßt an, essen, Flüsse bildet er: gesmisen, 
vist ir, mase, fast an, esen, flise, auch zegen (Segen), zeflik (Joseph). — 
Wie bereits gesagt, sind dem Polnischen die deutschen Umlaute fremd. 
Für ä, ö, ü werden e, ce, i, t eingestellt; darum hört man: fitert (füttert), 
hite (Hütte), ibr (über), el (Öl), mene (Mönch), gexes (Gesäß), firuyk (Füh- 
rung), fri (früh. — Die Endsilbe -ən spricht der Pole mit fast ge- 
schlossenem e aus; mindestens bildet das e in diesen Silben den Über- 
gang von e ou e, also: komen, 3terben, fligen (fliegen); knaben (Knaben), 
desen (dessen). — Andrerseits findet Ausfall von Mundöffnern in unbe- 
tonten Silben statt; man vernimmt zerisik (sechzig), vasr (Wasser), mesr 
(Messer), pristr (Priester); gam] (Gamel [Schimpfwort]), fleg/ (Flegel). Vor 
stimmhaftem, silbenbildendem 7 und / fällt meist der vorangehende Mund- 
öffner weg. — In Silben mit halbem Nachdruck wird ? meist zu e: nöt- 
gerice (neugierig), isveifleglic (zweiflüglig). — Daß die Zwielaute der deut- 
schen Sprache der polnischen abgehen, haben wir bereits erfahren. Wo 
sie im Deutschen vorkommen, sucht sie der Pole, sofern er nicht ein- 
gehend mit der Aussprache des Deutschen bekannt gemacht wurde, durch 
ähnlich klingende Lautfolgen aus seiner Muttersprache zu ersetzen. So 
gibt er ou durch ay, ai durch e, o durch ei auch o wieder (© vor 
Mundöffnern klingt im Polnischen allemal wie 7; deshalb ersetzt der Pole 
è gern durch J, auch wenn Engeschlußlaute darauf folgen). Die Wörter 
wie heilig, fein, Freiheit, Galmei — Baum, faul — freudig, neu, Bäume, 
Häuser werden also gebildet: hejlik, fejn, frejhejt, galmej — baum, faul — 
frejdik, nej, bejme, hojsr. Gleicherweise wie in qi wird das nachklingende 
‘ in geschlossenem e vom Polen durch 57 wiedergegeben. So sagt er 
lejben, mejtr, ant3iejt, Snej für leben, Meter, entsteht, Schnee. Die bei 
ihm festgestellte Aussprache eje (Ehe) kann sich entweder aus der eben 
angegebenen Gewohnheit herschreiben, oder sie kann davon kommen, 
daß das Dehnungszeichen %k als Lautzeichen (c) aufgefaßt wird. 
Hinsichtlich der Engeschlußlaute tritt der Einfluß des Polnischen 
auf das Deutsche nicht so deutlich zutage. Die dem Sprechorgan der 
Polen eigentümliche Beschaffenheit und Anlage bedingt unstreitig feine 
Unterschiede auch in der Hervorbringung der deutschen Engeschlußlaute 
gegenüber der Sprechweise bei Deutschen. Denn die geringere Fähigkeit 
der Zunge, sich zusammenzuziehen, auf die das Überwiegen der offenen 
Mundöffner schließen läßt, und die engere Gestaltung der Mundhöhle, 
auf die das häufige Vorkommen von Gleitlauten hinweist, machen sich 
sicherlich auch bei der Bildung der Engeschlußlaute geltend. Im großen 
und ganzen werden aber die hieraus sich ergebenden Sonderheiten nicht 
so deutlich mit dem Gehör erfaßt, als wie bei der Gestaltung der Mund- 
öffner. Mehr bemerkbar macht sich die polnische Ausspracheweise in 
Fällen, für die das deutsche Schriftbild maßgebend wird, wo er Gelesenes 
zu sprechen hat. Ist doch gerade der, der zu seiner Muttersprache eine 


270 Hugo Hoffmann. 


fremde Sprache hinzulernt, oft veranlaßt, zum Zwecke der Spracherler- 
nung und -festigung sich mindestens ebenso viel optisch als akustisch 
betätigen zu müssen, d.h. sowohl durch die Schrift als auch aus dem 
Sprechverkehr heraus zur Sprachfertigkeit zu gelangen. Die für gewöhn- 
lich auf das Schriftbild gerichtete Aufmerksamkeit läßt dieses im Ge- 
dächtnis festhalten. Ebenso haften aber auch die den Buchstaben zu- 
grunde liegenden Lautbewegungen im Bewußtsein. Es werden sich also 
Assoziationen vom Schriftbild und von den Bewegungen der entsprechen- 
den Laute herausbilden, Vorgänge, die bei jeder Spracherlernung sich 
abspielen. Wird nun eine zweite Sprache zur Muttersprache hinzugelernt, 
so werden die den beiden Sprachen gemeinsamen Lautzeichen stets die 
Bewegungen der Sprechwerkzeuge hervorrufen, die beim Gebrauch der 
Muttersprache ausgeführt wurden, da die Assoziationen zwischen Schrift- 
bild und Sprechbewegungen hier durch den häufigen Gebrauch recht ge- 
’festigt wurden. Nur ein besonderer Sprachkursus vermag neue Asso- 
ziationen zwischen Zeichen und Sprechbewegungen, wie sie für die 
hinzuzulernende Sprache erforderlich sind, zu schaffen. Da nun der 
Pole zwei Zeichen für den s-Laut hat, s = stimmloses, 2 = stimmhaftes 
s, der Deutsche für beide Arten aber nur ein Zeichen (s) dafür ver- 
wendet, so spricht der deutsch redende Pole, wenn ihm das Schriftbild 
des Wortes: Esel, Eisen, Saft, Sieb vorschwebt esel, aisen, saft, sip 
statt exal, aizon, xaft, zip. — Weil er das Lautzeichen g stets als g, 
niemals als j spricht, so macht er auch bei der deutschen Endsilbe -% 
davon keine Ausnahme: sie wird zu -ig oder gar -tk: geseftik (geschäftig), 
selik (selig), heflik (höflich). — Aus demselben Grunde sagt der Pole: 
lange (lange), Svaqyger (schwanger), Jonge (unge), keygen (hängen), wenn 
er nicht erfährt, daß das g-Zeichen die Nasalierung des rn nur andeuten 
sol. — Ob an dem nicht seltenen Vorkommen des stimmhaften sch (Cl 
in der schlesischen Mundart und Umgangssprache nicht auch das pol. 
nische Idiom seinen Anteil hat, mag hier unerörtert bleiben. 

Es dürfte nach den vorstehenden Ausführungen jetzt nicht schwer 
sein, die am häufigsten auftretenden Fehler in der Rechtschreibung, die 
dem deutsch schreibenden Polen unterlaufen, nach bestimmten Gesichts- 
punkten einzuordnen. 

Mit Rücksicht darauf nämlich, daß der Pole, sofern er nicht wissen- 
schaftlich gebildet ist oder das Deutsche schulmäßig gründlich erlernt 
hat, nicht in den Geist der Gesetze der deutschen, vielfach historisch 
gestalteten Rechtschreibung einzudringen, ja kaum sie alle sich ge- 
dächtnismäßig anzueignen vermag, wird er so, wie er selbst spricht oder 
sprechen hört, also phonetisch, schreiben. Dann aber wird er sich zur 
Verdoppelung von Buchstaben da verleiten lassen, oder von 
der Schreibung eines Dehnungszeichens absehen, wo er im Ge- 
gensatz zum Deutschen offene Mundöffner spricht. Er wird schreiben: 

Ich bescheinige ihm seine gutte Fierung. 

Die Mutter wohnt zur Mitte und zalt monadlich 5 Mark. 


\ 


Einfluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung usw. 271 


Das ist schonn zu fill, und was ist zu fill, ist ungesund. 

Ich habe alle Werkzeuge zum Dibstall kennen gelernt. 

Ich gehe hier noch in die Schulle. 

Wiederum wird er einfache Schriftzeichen setzen, vielleicht 
gar ein Dehnungszeichen gebrauchen, wo die deutsche Rechtschrei- 
bung die Verdoppelung der Buchstaben verlangt; dann nämlich, wenn 
er geschlossene Mundöffner anstatt offener verwendet. Er wird schreiben: 

Seflik hat mich geschmisen (geschmiesen). 

Wießt ihr, was ich mache? 

Die Fließe sind im Winter zu. 

Der Sehgen kommt von oben. 

Aus der Mufel kommt die Materri. 

Man wird in deutschen, von Polen geschriebenen Sätzen statt auf 
auslautendes b, d, g auf p, t, k stoen. Da kann man lesen: 

Ich habe taktäklig 2—3 Mark verdindt. 

Er gap mich eine Mark. 

Hier ist alles geschäftigk. 

Die Schwester hat sich auf Landtschaft zuriggezogen. 

Das in geschlossenem e und in qi und g nachklingende © wird 
man auch in der Schrift durch j angedeutet finden. Folgende Absonder- 
lichkeiten kommen da vor Augen: 

Ich bin nejgerich, ob sie in der Ehje gliklich lejben werden. 

Ich winsche Ihn Sehgen und ein langes an 

Aus Galmej entstejt Zingt. 

Die Rerer (Röhren) sind sehzk (60) Mejter langk. 

Dann gecht (geht) es los. 

J wird auch für anlautendes 52 gesetzt; z. B.: 

N. ist ein braver Jngling. 

Du bist jnger als ich. 

Nicht selten wird für deutsches z (ts) polnisches c, für deutsches 
anlautendes s polnisches x angewendet; dann entstehen Schriftbilder wie: 

Cuchthaus, cwej, cwelf, sehcig, cu; — zein, xemel. 

Die deutschen Umlaute ö, ö werden durch e, č, ze ersetzt; das be- 
weisen folgende Wortgestaltungen: 

Sein Vierung war gutte. 

Er wird frieh abgelest. 

Er hat fimf Mark. 

Sage sie, daß sein bester Schatz hat sie grießen lassen. 

Er wurd Tagelehner. 

Ich bitt recht schenn. 


Daß der Umfang der Lautbeeinflussung des Polnischen auf das 
Deutsche in Oberschlesien ein großer ist, geht aus den bisherigen Aus- 
führungen hervor. Nicht geringer ist die den Gesetzen von Beugung, 


272 Hugo Hoffmann. 


Abwandlung und Satzfügung, die der polnischen Sprache, insbesondere 
der polnischen Mundart in Oberschlesien eigen sind, zuzuschreibende 
Wirkung auf die deutschen Wort- und Satzformen. Diese Erscheinung 
kann gar nicht überraschen. Denn alle die Gesetze, nach denen sich 
die formale Gestaltung einer Sprache vollzieht, beruhen, wie gesagt, auf 
psychischen Tatsachen, und zwar auf der jeder Sprachgemeinschaft eigen- 
tümlichen Verbindung von Vorstellungen. Mit der gewohnheitsmäßigen 
Erlernung der Muttersprache bekommt jeder in dem Maße, als er sich 
ihrer zu bedienen vermag, bestimmte Musterformen für die Anreihung 
und Einreihung der einzelnen Vorstellungen. Wenn er später schul- 
mäßig mit der Muttersprache bekannt wird, lernt er diese Musterformen 
überblicken, vergleichen und die ihnen zugrunde liegende Gesetzmäßig- 
keit erkennen. Einem sprachlich Gebildeten wird es nun nicht schwer 
fallen, sich Einblick in die Gesetzmäßigkeit, auf der die formale Gestal- 
tung einer andern Sprache beruht, zu verschaffen. Er wird sie ver- 
stehen und bei einiger Übung, das nötige phonetische und lexikalische 
Wissen vorausgesetzt, anwenden lernen. Dazu bedarf es freilich eines 
Bewußtwerdens der Denkvorgänge, die sich in denen abspielen, die die 
betreffende Fremdsprache ihre Muttersprache nennen. Dem sprachlich 
Nichtgebildeten jedoch ist es unmöglich, einen Einblick in fremdes Geistes- 
leben zu tun, gibt er sich doch kaum über sein eigenes Rechenschaft. 
Wird er zum Gebrauch einer zweiten Sprache neben seiner Muttersprache 
aus irgend welchem Grunde veranlaßt, so erwirbt er nicht nur das nötige 
Sprachmaterial, die Wörter, sondern er erlernt auch die Art ihrer Ver- 
bindung und Fügung, die Vorschriften für die Satzgestaltung lediglich 
aus der Übung im täglichen Verkehr, auf rein gedächtnismäßigem Wege. 
Und sicherer geistiger Besitz wird dann nur das, was am häufigsten im 
Verkehr benötigt und dabei geübt wird, oder was mit gewissen mutter- 
sprachlichen Formen übereinstimmt. Die Formen aber, deren sich die 
Umgangssprache bei ihrer Einfachheit besonders im Satzbau nur selten 
bedient oder die in wesentlichem Gegensatz zu denen der Muttersprache 
stehen, werden meist fehlerhaft angewendet werden. 

Die Beugung des Dingwortes zeigt in beiden Sprachen, im 
Deutschen wie im Polnischen, mannigfache Abweichungen. Beiden ge- 
meinsam ist, daß in vielen Fällen der Nominativ Sing. auf den Stamm 
ausgeht (nur der Nominativ Sing. des Neutrums hat im Polnischen stets 
eine besondere Endung) und daß die anderen Fälle die Beziehungen der 
einzelnen Begriffe untereinander im Satze meist durch angehängte En- 
dungen, aber auch durch Präpositionen mit einem bestimmten Falle, 
seltener durch die Stellung im Satze bezeichnen. In beiden Sprachen 
ist auch der Nominativ oft mit dem Akkusativ von gleicher Form (im 
Polnischen allerdings nur dann, wenn der Akkusativ nicht dem Genitiv 
gleicht). Andrerseits bestehen zwischen der Beugung des deutschen und 
polnischen Dingwortes zahlreiche Unterschiede. Da das Polnische keinen 
Artikel kennt, fällt die Kennzeichnung der einzelnen Fälle durch diesen 


` 


Einfluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung usw. 273 


weg, weshalb auch die bei den einzelnen Fällen an den Stamm tretenden 
und sie charakterisierenden Endungen im Polnischen deutlicher unter- 
scheidbar als im Deutschen auftreten. Dieser Umstand macht die Un- 
sicherheit des Polen in der Beugung des deutschen Dingwortes besonders 
dann erklärlich, wenn ein voranstehendes Verhältniswort den Fall be- 
stimmt, da die Präpositionen beider Sprachen selbst bei gleicher Bedeu- 
tung nicht immer die gleichen Fälle regieren. Dazu kommt noch, daß 
ein bei der Beugung des polnischen Dingwortes gezählter fünfter Fall 
(Instrumentalis auf die Fragen: mit wem? womit? wodurch? wonach?) 
mitunter sogar ohne Verhältniswort stehen kann, während im Deutschen 
auf ein solches in Verbindung mit dem Geschlechtswort bei der näm- 
lichen Fragestellung nicht verzichtet werden kann. (Der sechste Fall, der 
Lokalis, der auf die Fragen: wo? woran? wodurch? wovon? wobei? usw. 
antwortet, findet nie ohne Verhältniswort Verwendung). So kann es nicht 
wundernehnien, wenn der deutsch sprechende Pole, gewöhnt, seine Auf- 
merksamkeit bei der Beugung des Dingwortes allein der formalen Ge- 
staltung des letzteren zuzuwenden, die Formung des deutschen Geschlechts- 
wortes vernachlässigt und sagt: 


Auf den Felde wächst Getreide. 

An den Ähre sind Grannen. 

Aus den Mehl wird Brot gebacken. 

Mit den Klee füttert man das Vieh. 

In all diesen Fällen gebraucht er eben in seiner Muttersprache den 
Lokalis bezw. den Instrumentalis, besten Falles also ein mit einem Ver- 
hältniswort verbundenes Dingwort (na polu, na klosku, x mäki, x ko- 
niezyna). — Die Verschiedenheit der Formen, die die Mehrzahlbildung 
im Deutschen aufweist (durch Suffix, durch Umlaut, durch Umlaut und 
Suffix, ohne Endung im Werfall, dazu die Unterscheidung von starker, 
schwacher und gemischter Beugung), in deren Gesetzmäßigkeit hinein- 
zublicken dem nicht sprachlich gebildeten Ausländer versagt bleibt, be- 
reitet auch dem Polen manche Schwierigkeiten, zumal seine Muttersprache, 
wie schon bemerkt, infolge des Mundöffnerreichtums der Suffixe diese 
mehr unterscheidbar gestaltet und sie gegenüber den vielen Möglich- 
keiten im Deutschen ihrer Zahl nach beschränkt. Auf falscher Ähnlich- 
keitsbildung beruhen daher wohl Fehler wie: 

Die Tagen, die Nüssen, die Stäben. 

Im Sommer blühen die rote Rose. 

Seine Werkzeug hängen an der Wand. 


Die Gewohnheit, Ding- und Verhältniswort in unmittelbarer Ver- 
bindung (ohne dazwischentretendes Geschlechtswort) zu gebrauchen, ver- 
leitet den Polen im mündlichen und schriftlichen Umgang mit Deutschen 
zu grammatischen Verstößen folgender Art: 

Zu Geburtstag schneiden wir Blumen ab (na urodziny, zam Ge- 
burtstag). 


Zeitschrift für Deutsche Mundarten. IV. 18 


274 Hugo Hoffmann. 


Die Schwester hat sich auf — Landschaft (auf das Land) zurück- 
gezogen. 

Wir haben schon in Jugendzeit Kohle gestohlen (20° miodosei, in 
der Jugend). 

In achtzehnten Jahre wurde ich eingelocht. 

An neunten August bin ich eingetreten. 

In fünfundzwanzigsten Jahre muß ich noch lernen. 

Was ich nicht in — Jugend gelernt, das habe ich mich zum 
Alten eingeübt. 


Die im Deutschen gegebene Möglichkeit, in Fällen, wie den hier 
berührten, Verhältnis- und Geschlechtswort zusammenziehen zu können, 
so daß letzteres seine Selbständigkeit verliert, leistet vollends der in Rede 
stehenden Fehlerbildung Vorschub. — In Sprachen ohne ein besonderes 
Geschlechtswort wird das grammatische Geschlecht in der Endung des 
Dingwortes zum Ausdruck gebracht. Das geschieht auch im Polnischen, 
und daher schreiben sich die vielen Irrtümer, die dem ungebildeten Polen 
unterlaufen, wenn er den deutschen Artikel setzen soll. Denn die Anwen- 
dung des richtigen grammatischen Geschlechts bei Wörtern einer Fremd- 
sprache verlangt schon für den wissenschaftlieh Gebildeten Einsicht in 
die Sprachgesetze und viel Sprachübung. Ging doch ursprünglich die 
Geschlechtsbezeichnung von Überlegungen aus, die in der Natur der 
Dinge wurzelten und für die nicht selten deren Wertbemessungen die 
Grundlage bildeten, die dann in den Grundelementen der betreffenden 
Wörter ausgedrückt wurden. Demgemäß erst gestalteten sich die Be- 
ziehungselemente solcher Wörter, wie Endungen, Artikel usw., so zwar, 
daß gleichen Wortgattungen auch in den Beziehungselementen ange 
glichene Wörter entsprachen. Für die Geschlechtsbezeichnung in der 
Sprache konnten aber neben Merkmalen realer auch solche formaler Art 
von Einfluß werden, indem gewisse Wörter, die anderen in den form- 
bildenden Elementen ähnelten, auch noch deren Geschlechtswort an- 
nahmen. So wurde also ein ursprünglich geschlechtloses Wort der Ge- 
schlechtsreihe eingereiht, »der einige Gegenstände von ähnlicher Lautform 
vermöge ihrer spezifischen Merkmale angehörten«. Gibt sich von diesen 
und ähnlichen Vorgängen innerhalb der eigenen Muttersprache schon die 
Mehrzahl einer Sprachgemeinschaft keine Rechenschaft, wieviel weniger 
von denen in einer zweiten, noch dazu auf rein mechanische Weise er- 
lernten Sprache. Die Umgangssprache wird in der Hauptsache auf Grund 
von Übungen erworben, die der Verkehr fortwährend anzustellen ver- 
langt. Ähneln ihren Formen die Formen der zweiten zu erlernenden 
Sprache, so werden, wir stellten das bereits fest, der Anwendung der 
letzteren nicht zuviel Schwierigkeiten entgegenstehen. Wo aber so tief- 
gehende Verschiedenheiten wie beispielsweise bei der Geschlechtsbezeich- 
nung im Deutschen und Polnischen bestehen, müssen so lange Fehler 
entstehen, als die zur Muttersprache hinzuzuerwerbende Sprache nicht 
schulgemäß erlernt wird und nicht hinreichend Gelegenheit geboten ist, 


Einfluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung usw. 275 


sie womöglich ausschließlich zu gebrauchen. Nach solchen Überlegungen 
wird man Fehler nachstehender Art, die von deutsch sprechenden Polen 
oft gemacht werden, verzeihlich finden: 


Wenn ich einmal den (diesen) Haus verlasse, so... (dom, männlich). 

Warum gebt ihr kein Antwort? 

Sei brav und eine ordentliche Mädchen! (natürliches Geschlecht). 

Acht Tage habe ich den Bett nicht verlassen. 

Ich wünsche Ihnen Segen und recht lange Leben. 

Schäle mir noch einen Kartoffel. | 

Wenn mitunter Verwechselungen von Verhältniswörtern festzustellen 
sind, wenn gesagt wird: 

Ich arbeite hier für Tagelöhner. 

Ich bin als Sklave geworden in diesem Haus. 
so liegt dies wohl daran, daß »za« sowohl »für«, »anstatt«, als auch »als«, 
:zu« bedeutet: wybierad kogo za co = jemanden zu oder als etwas wählen. 

Ich hörte einmal eine einfache Frau zu ihrem Kinde sagen: Ob der 
Seflik kommt, da gib ihm die Zeitung. Es fand hier eine Vertauschung 
von »wenn« und »ob« statt. Sie beruht wahrscheinlich auf der Klang- 
ähnlichkeit der beiden entsprechenden polnischen Wörter gdzie (wenn) 
und czy (ob). 

Der Umstand, daß die Stellung der beigefügten Eigenschafts- und 
der Fürwörter im Polnischen eine sehr freie ist, daß hierfür vor allem 
der Wohlklang maßgebend wird und nur insofern eine Beschränkung be- 
steht, als fragende und verneinende Fürwörter vor, besitzanzeigende ge- 
wöhnlich hinter das Dingwort zu stehen kommen, diese Tatsache ver- 
leitet den Polen zu häufiger Vornahme von Wortumstellungen auch im 
Deutschen: 

Habe ieh sehr gefreut, daß er arbeitet. 

Warum gebt ihr kein Antwort mich? 

Der Brief, den Bruder hat mich geschrieben, habe ich erhalten. 

Sage sie, daß sein bester Schatz hat sie grüßen lassen. 

‘Er sagte, muß man für alles danken dem. Herrn. 

Es ist ein Unglück den andern (dem andern) gefolgt, und war ich 
auch sehr krank. 

Schreibe mir, wie es die Schwester geht; sonst habe ich nicht zu 
nachforschen (weiter keine Frage zu stellen). 

Ich gehe zu Vater meiniges. . 

Die auch aus polnischem Munde zu vernehmende Verbindung von 
»wegen« mit dem Wenifall oder mit dem Wenfall (wegen dem, wegen 
die) wird auch bei Deutschen oft beobachtet, so daß sie hier außer Be- 
tracht bleiben kann. 

In der Anwendung des Zeitwortes weisen das Deutsche und Pol- 
nische recht erhebliche Unterschiede auf. Deshalb macht der polnische 
Utraquist auch zahlreiche Fehler, wenn er sich der deutschen Zeitwörter 

18* 












kd TS vk LAT J e = 

j f p Are > e, e BH Wf ed. wi virer 8 
Kell A Se e d > "e s cy" ! Ba Ze E et ` P 
er ANA wd AE 





Kınluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung usw. 277 


„hen zu dürfen: er setzt für das Präsens den bloßen Infinitiv Prä- 
-ntis. — Der Gebrauch des Perfekts im Deutschen schafft bei der 
‚äufigen Verwendung der Form in dieser Sprache und bei dem Fehlen 
-nes polnischen Perfektes Fehler in Menge, zumal auch noch das 
»ıtsche Perfekt sowohl mit »haben« wie mit »sein« gebildet wird. So 
erden folgende Fehler erklärlich: 

Der N. Ist bei mir gearbeitet. 

Er wurde Ofensetzer gelernt. 

Ich teile dich mit, daß es mir dies Jahr sehr een giengt. 

Freund von mir hat gestorben. 

Das Kind fallte aus dem Bett. 

Sehr häufig trifft man auf Fehler folgender Art: 

Darüber habe ich — sehr gefreut. 

Deshalb mußte ich — sehr ärgern. 

. und habt ihr — nicht angestrengt. 

Hier treten im Deutschen zwei persönliche Fürwörter zusammen, 
eines im Wer-, das andere im Wenfall.e. Im Polnischen kommt diese 
Häufung nicht, oder doch nur selten vor, da ja bei der Abwandlung 
ler Zeitwortes die im Werfall stehende Person fast immer nur durch 
lie Endung, selten durch ein Fürwort bezeichnet wird. — Oft wendet 
ler Pole im Deutschen das rückbezügliche Fürwort an, wo es der 
Deutsche gar nicht kennt. Der Grund dafür dürfte in der größeren Zahl 
von rückbezüglichen Zeitwörtern zu suchen sein, die den slavischen 
“prachen gegenüber dem Deutschen eigen sind. So gebraucht, um nur 
einige Beispiele anzuführen, der Pole im Gegensatz zum Deutschen 
folgende Zeitwörter reflexiv: spielen (bawić się), schmollen (dasad sie), 
vermuten (domyślać się), die Nase rümpfen (krzywid sie), überlegen (na- 
myslad sie), durchgehen (rozbiegad sie), krank werden (rozchorowal sie), 
wirtschaften (rzadzid sie), hoffen (spodziewad sie), handeln, feilschen (tar- 
gowad sie), lernen (uczyć się), verabreden (umówić się), ausschlafen (wys- 
pać się), übermäßig trinken (upić się), altern (starxeć się), fragen (pytać 
się), prahlen (chetpić się) usw. Das in Verbindung mit solchen Zeit- 
wörtern auftretende »sze« verleitet den Polen den entsprechenden deut- 
schen Zeitwörtern ein ähnlich klingendes »sich« beizufügen. Daher kommt 
es wohl, daß er spricht und schreibt: 


Wir spielen sich auf Wiese. 

Er lernt sich schlecht. 

Er hofft sich, bald zu kommen. 

Ihr wollt sich wohl krank werden? 

Wir vermuten sich, daß es morgen warm ist. 

Wo im Deutschen bei zielenden Zeitwörtern zum Sachobjekt im 
Wenfall noch ein Personenobjekt im Wemfall tritt, oder ein zielloses 
Zeitwort ein Objekt im Wemfall erfordert, da verleitet, wie mir Kenner 
des oberschlesischen mundartlichen Polnisch versichern, die sprachliche 


278 Einfluß des Polnischen auf Aussprache, Schreibung und formale Gestaltung usw. 


Gewöhnung den oberschlesischen Polen, die Person auch mit dem Wen- 
fall zu bezeichnen. Man kann das nach Zeitwörtern wie: schreiben (prtsać), 
mitteilen (zwierzal sie), helfen (pomugac), gehören (nalezec), folgen (stuchat), 
geben (podad) beobachten. Der oberschlesische Pole bildet demnach fol- 
gende Sätze: 

Der Brief, den der Bruder mich schrieb, liegt da. 

Ich teile dieh mit, daß es mir dies Jahr sehr schlecht giengt. 

Ich kann dich nicht helfen. 

Das gehört den Gutsherrn. 

Es tut mir leid, daß die Schwester den Mann muß folgen. 

Schreiben Sie mich, wie es die Schwester geht. 

Sage sie, daß sein Schatz hat sie grüßen lassen. 

Einige dem Polen in Oberschlesien eigentümliche Wendungen im 
Deutschen sind: 

1. sich spielen auf: Wir spielen sich auf Jagen. 

2. wo gehst du? Wir gehen am Spielplatz. 

Das erste Beispiel zeigt, daß der sprachlich nicht gebildete Pole 
nicht auseinanderhält: ein Instrument spielen, spielen auf etwas (grać 
no erém! und: ein Unterhaltungsspiel spielen (grac w co). — Im zweiten 
‚Beispiel erklärt sich der Wegfall von ahn, am Schluß der Frage: wo 
gehst du? daraus, daß im Polnischen »dokad« (wohin) an der Spitze des 
Satzes steht und nicht in zwei Teile getrennt werden kann. In der Ant 
wort: Wir gehen am Spielplatz, wird der Pole, da es sich um die Be- 
zeichnung der Richtung des Gehens handelt, das Verhältniswort »Au« 
mit dem Wemfall brauchen. 

Nicht unerwähnt mag ein Fall falscher Zusammensetzung bleiben. 
Will nämlich der Pole deutsch ausdrücken: Paß auf! oder: Gib Obacht!, 
so geschieht es nicht selten, daß er aus den beiden Befehlsätzen nur je 
ein Wort, und zwar aus jenem das erste und aus diesem das zweite 
entnimmt und aus beiden den Befehlsatz: Paß Obacht! bildet. Sowohl 
Paß auf! wie: Gib Obacht! heißt im Polnischen uwazać. Da nun der 
Pole die beiden deutschen Befehlsätze wohl als einander gleich in Bau 
und Form hält, meint er, daß er ungescheut aus beiden einzelne Teile 
zusammenlegen dürfe. 

Daß die Stellung der Wörter im Satze im Polnischen eine noch 
freiere als im Deutschen ist, geht aus dem Aufbau deutscher Sätze hervor, 
wie ihn der Pole vornimmt. Hier nur einige Beispiele: 

Die Schwester hat sich auf Landschaft zurückgezogen, weil sie liebte 
Ackerbau. 

Im achtzehnten Jahre wurde ich eingelocht, und habe ich bekommen 
acht Monate. 

Wenn ich dieses Haus verlasse, ich bin als Sklave geworden. 

Muß man für alles danken dem Herrn. 

Und was ist zu viel, ist ungesund. 


Friedrich Veit. Zur Entwicklung von ahd. @ im Östfränkischen. 279 


Die bier zum Beweise für die Beeinflussung der deutschen Um- 
gangsprache durch das Polnische in Zweisprachengebiet Oberschlesiens 
herangezogenen Fälle machen hinsichtlich ihrer Zahl auf Vollständigkeit 
keinen Anspruch. Ich habe sie aber in den mir gewiesenen Schrift- 
stücken und beim mündlichen Gedankenaustausch als häufig wieder- 
kehrende erkannt. Wie diese Ausführungen unschwer den Ablauf phy- 
sischer und psychischer Vorgänge im Sprachleben erkennen lassen, so 
dürften sie auch geeignet sein, einige Fingerzeige für das beim Sprach- 
unterricht in Schulen zweisprachigen Gebiets zu beobachtende Verfahren 
zu bieten. 


Zur Entwicklung von ahd. ô im Ostfränkischen. 
Von Friedrich Veit. 


In meiner Besprechung von Dietzels Arbeit über die Ma. von Wach- 
bach (in dieser Zs. 1909, 90 ff.) habe ich aus dem ọọ, das jene Ma. für 
ahd. â zeigt, schlieĝen wollen, daß ahd. ĉ seinen ursprünglichen, hellen 
Laut in Wachbach bis in die nhd. Zeit herein behalten haben müsse. 
Inzwischen ist mir nun aber klar geworden, daß dieser Schluß ein Trug- 
schluß war. 

Man erkennt das sofort, wenn man in Betracht zieht, daß so ziem- 
lich auf dem ganzen Gebiet der ostfränkischen Maa. ahd. @ mit ahd. ö 
zusammenzufallen scheint, und zwar offenbar schon seit mhd. Zeit (vgl. 
Michels, Mhd. Elementarb. $149). Allerdings will H. Fischer (Geogr. d. 
schwäb. Ma. S. 30. 34) in der Oberpfalz äu < ahd. 4 und öu < ahd. ð, 
und ebenso O. Heilig (Gramm. d. Ma. d. Taubergr. $$ 69. 80) in seiner 
S.-Ma. 69 < ahd. â und ə < ahd. ô auseinander halten. Jedoch sind 
Fischers Quellen gerade für jenes für ihn entlegene Gebiet wohl kaum 
hinreichend zuverlässig, und auch Heilig könnte bei der von ihm nur 
nebenher behandelten S.-Ma. einem gewissen Vorurteil zum Opfer ge- 
fallen sein, daß die beiden ursprünglich verschiedenen Laute auch heute 
noch nicht völlig zusammengefallen seien. Jedenfalls aber steht für 
Tauberbischofsheim durch Heilig, für Wachbach durch Dietzel, 
ferner für ein ziemlich ausgedehntes Gebiet zwischen Neuenstadt 
a. Kocher — Abstatt OA. Heilbronn — Sulzfeld b. Eppingen — Ehr- 
städt b. Sinsheim durch K. Braun (Vergl. Darstellung der Maa. in der 
Umgebg.. v. Heilbronn) gänzlicher Zusammenfall von ahd. & und ö außer 
Zweifel.! 


ı Ferner bezeugt mir diesen Zusammenfall Prof. Th. Bracher in Künzelsau für 
diese Stadt, sowie für die zum selben Oberamt gehörigen Orte Berndshofen und 
Hollenbach. | 


280 Josef Schiepek. 


Aus alledem ergibt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß in 
den ostfränkischen Maa. ahd. â die letzten Stufen seiner Entwicklung mit 
ahd. ö gemein hat. Da nun, wie ich in dieser Zs. 1909, 92 gezeigt habe, 
in Wachbach (wie überhaupt in allen Maa., die jetzt ee op < mhd. ê ô 
neben et ou < mhd. e o und ee oo < mhd. ë a aufweisen) mhd. ê ô sich 
zunächst zum unechten Diphthong entwickelt haben muß, so erhalten wir 
für ald. â in eben diesen Dialekten die Entwicklungsreihe: & > ọọ > o 
[= mhd. ô] > o3 > gə > ọọ: 

Auch für diejenigen Maa., in welchen mhd. ê ô jetzt durch ee oo 
vertreten ist, und welche, wie z. B. Tauberbischofsheim, daneben e ou < 
mhd. e o, ferner ẹẹ ọọ < mhd. € a haben, läßt sich der Durchgang der 
Entwicklung von mhd. ê ô durch einen unechten Diphthong m. E. zwin- 
gend erweisen. Zunächst kann ee oo nicht etwa sich unverändert seit 
mhd. Zeit erhalten haben; denn warum sollte es sich nicht mit ee o0 < 
mhd. e o zu ei ow entwickelt haben? Wollte man aber annehmen, daß 
mhd. & ö zeitweilig nur nach ee ọọ hin ausgewichen wäre, und so sich 
der Diphthongierung zu e ou entzogen hätte, so bliebe hinwiederum 
unerklärt, warum dann nicht wenigstens ee < mhd. éi ebenfalls zu ee 
geworden ist, als ee < mhd. ê wieder zu seinem ursprünglichen Lautwert 
zurückkehrte. 

Da aber, wie weiter oben ausgeführt, auch für diese Maa. früh- 
zeitiger Zusammenfall von ahd. â und ô sehr wahrscheinlich ist, so ergibt 
sich für ahd. @ hier die Entwicklungsreihe: & > ọọ > oo [= mhd. ô] > 
03 > 00. 

Sprachgeschichtlich betrachtet dürfte also, wie ich schon in dieser 
Zs. 1909, 92 Anm. 3 angedeutet habe, jene ganze Gegend, in der mono- 
phthongische Vertretung von mhd. ê ô neben et ou aus gedehntem mhd. 
e o steht, noch zu dem großen ostschwäbischen Gebiet mit unechtem 
Diphthong aus ahd. ë ô zu rechnen sein. 


Zum Satzsandhi im Egerländischen. 
Von Josef Schiepek. 


Heinrich Gradl hat in seinem Buche »Die Mundarten Westböhmens« 
(München 1895) S.160ff. mit geringen Ausnahmen nur die progressive 
Assimilation und zwar nur im Wortinnern behandelt. Die durchaus ver- 
schiedenen Erscheinungen der regressiven Assimilation im Satzsandhi 
des Egerländischen sind noch nirgends zusammengestellt; sie verdienen 


ı Bei ọọ < mhd. a könnte man schließlich annehmen, daß diese Entwicklung erst 
erfolgt sei, als gg < mhd. ô bereits wieder zu oo geworden war. 


\ 


Zum Satzsandhi im Egerländischen. 281 


aber schon wegen mancher Abweichungen von der verwandten Nürnberger 
Mundart Beachtung; vgl. Aug. Gebhardt, Grammatik der Nürnberger 
Mundart. Leipzig 1907. §§188 ff., 201 ff. 

Zur Schreibung sei bemerkt, daß der Unterschied zwischen stimm- 
loser fortis und lenis bei den Verschlußlauten für die Sandhi-Erschei- 
nungen, soweit ieh sehe, nur vereinzelt eine Rolle spielt (vgl. unten IIa). 
Die Doppelschreibung der Verschlußlaute im Aus- und Anlaut (kọųp 
plaj?m) soll nur andeuten, daß die Silbengrenze zwischen die Vollziehung 
und die Auflösung des Verschlusses verlegt wird, wobei der Verschluß- 
laut, hier immer fortis, etwas gelängt erscheint. Bei mm, 38, ll geht 
die Silbengrenze durch die Mitte der Gemination. Bei den assimilierten 
Artikelformen (kklokky die Glocke) verrät sich die vollzogene Angleichung 
durch verstärkten fortis-Einsatz des Anlautes. Die höher gestellten klein 
gedruckten Buchstaben (plam) sind in der Aussprache stark reduziert, 
verhindern jedoch vor m, n die Nasalierung des Vokals und können 
schon deshalb nicht unbezeichnet bleiben. » bezeichnet einen zwischen 
a und e schwebenden kurzen Laut, der aber immerhin dem a näher 
liegt als dem e. | 

I. Labiale. 

al Ann n-p> mp: pim parts bin böse, om vom den oder einen 
Buben. 

t-p> pp: ppion die Birne, ppfas die Pferde, koup plam gut 
bleiben, kop pvwädo Gott bewahre. 

Mit doppelter Assimilation: nd-p und nt-p > npp > mpp: skhimp 
pæikt das Kind schreit (zu mhd. bågen), ev khimp pääl er kommt bald 
(sonst eo khinnd er kommt), eo khemp pääl kennt bald (in nachlässiger 
Aussprache). 

b) An f (œ): t-f > pf: pflintn die Flinte, pföğss die Füße, beides 
nur in nachlässiger Aussprache, öfter auch kop votsai mns Gott verzeih 
mir’s, pip for uns bitt für uns (in der Litanei). 

Mit doppelter Assimilation: nd-f und nt-f>npf > mpf: khimp 
(khamp) fray kommt (könnte) die Frau. 

Bei n-f wird weder alveolares n noch bilabiales m gebildet, 
sondern eine Art labiodental gesprochener Nasal, so daß der nasalierte 
Vokal, z. B. v” (sonst on) fino (den Finger) durch die Einstellung auf f 
langsam abgelöst erscheint (anders Nürnberg. nach Gebhardt a. a. O. 
$ 188, 1a). 

c) An m: t-m > pm: pmutsn die Mütze, pmann» die Männer, çp 
kæip mit er geht mit (neben unassimiliertem im). 

n-m > mm: wemmiv wenn mir, om mån” einen (den) Mann. 

s-m> mm: nur in bimmp» bis man, wommp» was man (neben bis, 
wos mo). 

Doppelte Assimilation: nd-m und ni-m > npm > mpm: ksump 
mäxpy gesund machen, eo Semp me er schänd(e)t mich = zankt m. aus. 


282 Josef Schiepek. 


d) An w: n-w > mm >m (bei wir): ioumo» tun wir, leesınv lesen 
wir; geht jedoch ein nn in die Verbindung ein, so wird mm nie ver- 
einfacht: wemmo» wenn wir, sammo» sind wir (sann < sind), und ebenso 
khimmo können wir, khemmo» kennen wir. 

Sonst ohne Assimilation: vn wał” einen Wein. 


II. Gutturallaute. 

a) An k und kh: t-k (kh) > kk (kkh): kkaiy die Geige(n), kpk br 
Gott (gib =) gebe es; kkhiræn die Kirche, kåųk khoinv hat keiner. 

n-k >g, 

n-kh>ykh: on oocn einen guten (stimmhafter Anlaut g wegen 
des vorausgehenden Nasals), ¢ rẹņ glag ich renn(e) gleich, ren khåvl! 
renne, Karl! 

nd 
Doppelte Assimilation : ation: (at | -k(kh) > ykk (ykkh): wiyk kngyrxr. Wind 
yd 
genug, wink khọoino Wind keiner; ev reyk ot er rennt gleich, s reyk 
khoino es rennt keiner; s?yk kout (khoinv) singt gut (keiner). 

Wie die Vergleichung von rey glai’ renne gleich! und ev reyk klai 
er rennt gleich (ähnlich siy goyt! singe gut! und ev siyk koyt er singt 
Gu ergibt, erzeugt assimiliertes d, ? gutturale fortis. 

Labiale werden nur in der Zusammensetzung ($ykkharn Schubkarre), 
nicht im Sandhi an Gutturale angeglichen. 


Anmerkung. Von den diesen labialen und gutturalen Gruppen 
vorausgehenden Konsonanten werden die assimilierbaren neuerdings an- 
geglichen, z. B. t-t-kh > kkh: Stæik khirxņ steht die Kirche, p-t-p > pp: 
$raip pääl schreibt bald usw.; die nicht assimilierbaren bleiben eben un- 
verändert, z. B. pt-kh > pkh, xtk > xk; dabei verläuft die Silbengrenze, 
falls die Gruppe keinen deutschen Silbenausgang bilden kann, schon 
hinter dem nicht assimilierten Laut, und damit schwindet auch das 
Gefühl der Verdopplung: sratp khoino schreibt keiner, åz keem acht 
geben; sonst nur Zant, dr, 

Daß bei nt-p usw. nicht Ekthlipsis des ?, sondern doppelte regres- 
sive Assimilation stattfindet (nt-p > npp > mpp, nicht nt-p> np > mp), 
beweist der analoge Fall nt-m > mpm, weil hier Ekthlipsis zu nm > mm 
führen müßte (vgl. oben und Ic). 


IL Alveolarlaute. 


Assimilationen an ?(d), th fehlen (Verschmelzung des Artikels £ «< die 
auch hier: ttùọ)ky die Tinte). 

An s: st-s (auch sis-s)> ss. Da sonst weder vorausgehender noch 
folgender alveolarer Verschlußlaut im Satzsandhi an s angeglichen wird 
(käut-si hat sie, krötss-te grüß(e) dich, übrigens auch selten im Inlaut: 
Gradl a. a. O., Nr. 677 b, c), so läßt sich hier am ehesten Ekthlipsis an- 
nehmen: häyss hast du es, tu pgss du bist es. 


Zum Satzsandhi im Egerländischen. 283 


An $: s-$ (s-s-3) > 3% (%), mag das s ursprünglich oder aus sts ent- 
standen sein und mag dem s ein anderer Konsonant vorausgehen und 
dem š folgen, oder nicht: klay$ 30 glaub es schon (aber © klay s, i klaų 
Zo glaube es, glaube schon), 28 30 kout ist es schon gut (ds ist), boëëo 
hab es schon (koo habe), wins 30 seo wirst es schon sehen, khoen"s 30 
kannst es schon; läys $t@i* laß es stehn; ev möct šæť” er macht es schön, 
istärk zu stark, iSnell zu schnell usw. (mit vereinfachtem š). 

st-$ bleibt wohl immer unverändert: kAhov"st 3o kannst schon; auch 
st-$t wird nur gelegentlich in nachlässiger Aussprache > 3: khov"sstar” 
kannst (du) stehen, meist koo"st Stat”. 


IV. Liquidae. 

An l: r-l >U nur in dem in Volksschulen beobachteten Kinderruf 
beleen! Herr Lehrer! Vielleicht gehört hierher auch mällaret beinahe, 
falls es aus mag leicht entstanden ist (vgl. meinen »Satzbau der Eger- 
länder Mundart«, Prag 1899. 1909, $178, 3); daß die Angleichung eines 
Gutturallautes an ? egerl. nicht unerhört ist, zeigt khullöffl Kochlöffel. 


Zusammenfassung. 

1. Im Satzsandhi werden durch regressive Assimilation (also ab- 
gesehen von der Verschmelzung gleicher Laute) nur Alveolarlaute (ein- 
schließlich n und sl an Labial- und Gutturallaute und vereinzelt r (g?) 
an Z angeglichen; außerdem kommt nur noch die Gruppe s-3 in Betracht. 
Die Angleichung von (n) t und s an m (sowie die an /) scheint nürn- 
bergisch zu fehlen. 

2. Die Artikelformen d < die, (o)n < den dem, einen einem, s < 
das nehmen an den Sandhi-Erscheinungen Anteil (vgl. auch meinen 
»Satzbau» $ 458, S. 420), nürnbergisch dürfte das wenigstens von d < die 
nicht gelten; Gebhardt hätte so auffällige Assimilationen wie egerl. 
pmųixn usw. wohl ausdrücklich hervorgehoben. 

3. Die durch die Assimilation bewirkte Gemination geht in der 
egerl. Aussprache im allgemeinen nicht mehr verloren. Für andere Ge- 
biete wird das Gegenteil beobachtet, so von Gebhardt a. a. O., § 188, 2a 
lai kstorm Leute gestorben, $ 201 ins poo käyv ins Bad gegangen, vgl. 
auch L. Sütterlin, Die Lehre von der Lautbildung, Leipzig 1908, S. 158 f. 
mi Tod u.ä. Egerländisches koyp plag’m kann nie als kọų plam gefaßt 
und gesprochen werden, und zwar wegen der deutlichen Verlängerung 
der fortis (Verlegung der Silbengrenze zwischen den Vollzug und die 
Lösung des Verschlusses) und wegen der Vokalkürzung (s. unten 4). Aus- 
nahmen bilden nur die oben Id besprochene Vereinfachung in lees-mv 
lesen wir, Fälle wie $ralp khoino schreibt keiner (oben Anmerkung) und 
is-$ (oder -št, -5n usw.): iSark zu stark (oben II). Auch diese Unter- 
schiede scheinen im Nürnbergischen nicht hervorzutreten: Gebhardt 
a. a. O0., 5188, 1b, Anm. 2. 

4. Mit der Konsonantenverdopplung durch Assimilation ist fast immer 
eine Kürzung des vorausgehenden Vokals (auch des Diphthonges) ver- 


284 Umfragen von Ph. Keiper. 


bunden; so wird dy in täyp plai’m tot bleiben bedeutend kürzer ge- 
Sprochen als in ën plot da bleiben, ay in klays 30 glaube es schon 
kürzer als in klay 30 glaube schon; ähnlich boäëo habe es schon — hoo 
39 habe schon; das gleiche Gesetz in der Zusammenziehung: khastwalln 
Käseschwälle(n) = Käsepreßvorrichtung — khaas Käse, pepppux Betbuch 
— peen beten, kopeet Gebet. So unterscheidet sich mippräyzt mit(ge)- 
bracht von mii pråųxt mich (ge)bracht (sonst mit = mit). 

Nasalierte Vokale können hierbei außer der Verkürzung Entnass- 
lierung erfahren: maa* lötw» mein Lieber (bei raschem Zusammensprechen) 
> mallğjwv. 


Umfragen von Ph. Keiper. 


1. Štantepe. 


Im Bayrischen Wörterbuch von Schmeller-Frommann fehlt u. a. das 
der Volkssprache der Oberpfalz geläufige Wort $tantepe, d.i. auf der 
Stelle, sogleich, eine Verstümmelung des lateinischen Ausdrucks stante- 
pede = stehenden Fußes. In der Erzählung »Der Hennenmetzger« (ab- 
gedruckt im »Sammler«, Beilage zur » Augsburger Abendzeitung«, Jahr- 
gang 1909) von Josef Baierlein, dem Verfasser einer Anzahl trefflicher 
Erzählungen aus dem Volksleben der Oberpfalz, ist mir dieses Wort auch 
aufgestoßen. Bekanntlich ist »stante pede« ein neulateinischer Ausdruck 
und vielleicht nur eine Nachbildung der deutschen Fügung »stehenden 
Fußes«. Aber auch das Umgekehrte wäre möglich: »stante pede« könnte 
zu den Erzeugnissen des Mönchslateins gehören und im Deutschen nach- 
geschaffen sein durch »siekenden Fußes«, indem der sogenannte modale 
Genetiv, der übrigens meines Erachtens in der älteren Sprache seinem 
Ursprung und Wesen nach dem griechischen Genetivus absolutus und 
dem lateinischen absoluten Ablativ sehr nahe steht, vgl. z. B.: »lachenden 
Mundes«, »währendes Krieges«<, »blitzenden Auges« u. dgl., der Form und 
Bedeutung nach einen ganz entsprechenden Ersatz für die lateinische 
Partizipialkonstruktion im Ablativus absolutus bilden würde. — Kommt 
$tantepe auch in andern deutschen Mundarten vor? 


2. Kumpes. ` 


In der obengenannten Erzählung Baierleins »Der Hennenmetzger« 
findet sich »der Kumpes« als in der Oberpfalz volksübliche Benennung 
des Polizeigewahrsams in einem Landstädtchen; gleichbedeutend damit 
ist die bekannte altbayrisch-oberpfälzische Bezeichnung »die Frohnveste«, 
welche auch in Baierleins Erzählung mit Kumpes abwechselt. Das 
Bayrische Wörterbuch kennt dieses Wort nicht. Hängt es vielleicht zu- 
sammen mit dem im B. W. I, 1252 erörterten Dialektwort »der Kumpf — 
Kümpfel«, tiefes Gefäß aus Holz (um den Wetzstein darin zu wetzen 


`i 


Bücherbesprechungen. 285 


und zu verwahren)? Weiter bedeutet nach Schmeller-Frommann Kump 
Schüssel, Äimbchen! Schüsselchen, ferner Kümpe Weasserbehälter und 
Kömpel Teich, wobei auf den Artikel »der Kumm« verwiesen wird. Auch 
bayr. Gumpen teichähnliche Vertiefung mit stehendem Wasser, Wasser- 
loch, als örtliche Benennung im Hochgebirge häufig vorkommend, z.B. 
»die blaue Gumpen«, sollte a. a. O. erwähnt sein. Hierauf folgt als selb- 
ständiger Artikel die kurze Angabe: »Der Kumpe in Steinau, Rathaus- 
platz. Jac. Grimm«. Welcher Ort namens Steinau gemeint und wie der 
Rathausplatz daselbst beschaffen ist, ob er vielleicht eine Vertiefung 
bildet, darüber läßt sich aus dieser magern Notiz nichts entnehmen.? 
Ich denke, »Kumpes« ist mit (e)s — worauf ich hier nicht näher ein- 
gehen will — aus »Äump(e)« weitergebilde. Demnach wäre vom Volk 
die »Frohnvesie« als eine Vertiefung, als eine Art von Lock — aber ein 
trockenes — aufgefaßt. Dies würde sehr gut stimmen zu der in Deutsch- 
land weitverbreiteten volksmäßigen Bezeichnung des Gefängnisses (im all- 
gemeinen, ohne Unterschied, ob Zuchthaus, Gefängnis, Arrestlokal usw.) 
als »das Loch«, vgl ss Loch sperren« oder »stecken«, »im Loch sitzen«. 


Bücherbesprechungen. 


Quellen und Forschungen zur deutschen Volkskunde. Herausgegeben von E. K. Blüm ml). 
Wien, Verlag von Dr. Rud. Ludwig, 1908. 
Bd. I: Heitere Volksgesänge aus Tirol mit Singweisen, im Volke gesammelt und zu- 
zusammengestellt von F. F. Kohl. 
Bd. II: Bremberger-Gedichte, ein Beitrag zur Brembergersage von Arthur Kopp. 
Bd. II: Die Tiroler Bauernhochzeit. Sitten, Bräuche, Sprüche, Lieder und Tänze mit 
Singweisen von F. F. Kohl. 

Bd. I und III gehören inhaltlich zusammen, ich bespreche sie daher gemeinsam an 
erster Stelle. Der bekannte tirolische Volksliederforscher Franz Friedrich Kohl, von dem 
wir die schönen Sammlungen echter Tiroler Volkslieder haben, bietet hier eine Ausgabe 
von Gesellschafts- und Ständeliedern meist humoristischen oder satirischen, z. T. auch 
lehrbaften Inhalts, ferner eine Auslese von Gesängen und Reimereien, wie sie bei den 
Hochzeitsfeiern der Tiroler Bauern gehört werden. Daß Kohl in allen erreichbaren Fällen 
auch die Singweisen mitteilt. deren leider soviele Sammlungen ähnlicher Art entbehren, 
läßt die Zusammenstellung besonders wertvoll erscheinen. Lehrreich ist die Einleitung 
zum ]. Bande: wir erfahren da, daß die Volksmuse in Tirol noch immer recht lebens- 
kräftig und schöpferisch tätig ist und daß trotz der nivellierenden Zeitströmung die Freude 
an dem köstlichen Liederhort der Väter, wenigstens soweit Scherz- und Necklieder in 
Betracht kommen, nicht abgenommen hat; wir erhalten auch Auskunft über gewisse Ent- 
stehungsbedingungen, über die musikalische Vortragsweise der »Gesänge« usw. Von ganz 
besonderem volkskundlichen Werte sind die im III. Bande enthaltenen ausführlichen (z. T. 


! Auch in der Rheinpfalz und in Rheinhessen ist kumb-che(n) oder meist mit An- 
gleichung: kumm-che(n) volksüblich: man nennt so die Kaffestasse oder ein ähnliches 
inkgefäß 


2? Der kurze-Artikel »Aumpf« bei Kluge, Etym. Wtb. d. d. Spr., berücksichtigt die 
mundartliche Verwendung des Wortes, bezw. die im Obenstehenden angeführten Bedeu- 
tungen, nicht im geringsten. — Wo ist obige Bezeichnung noch üblich? 


286 Bücherbespreuhungen. 


mundartlichen) Schilderungen volkstümlicher Bräuche, wie sie bei den Vermählungsfeier- 
lichkeiten üblich sind. Freilich schade, daß in neuerer Zeit so manch altehrwürdige Sitte, 
manch lustiger Spaß aufgegeben wird, wodurch natürlich auch eine Reihe von Dichtungen 
ihren Daseinszweck einbüßen und allgemach in Vergessenheit geraten; besonders zu be- 
dauern ist es, daß eine freudlose, fast puritanisch -nüchterne Begehung des Trauungstages 
immer mehr die heitere, klangvolle Hochzeitsfeier, wie sie ehdem allgemein Brauch war, 
verdrängt, daß unter dem Einfluß einer allzu weltfeindlichen Geistlichkeit der fröhliche 
Tanz von der Hochzeit verschwindet und daß immer mehr die alten, bodenständigen so 
stimmungsvollen Hochzeitlieder aus der Kirche verdrängt werden, um durch angeblich 
bessere und »korrektere« ersetzt zu werden. 

Ihrem poetischen Gehalt nach sind die einzelnen Dichtungen von sehr verschie- 
denem Werte; doch ist manch prächtiges Stück darunter: ich erwähne nur die köstliche 
Auseinandersetzung zwischen der »Diarn« und der Bäurin in Nr. 7, die Klage des alten 
Bauern in Afers (Nr. 13), die so trefflich den konservativen Standpunkt des älteren Ge- 
schlechtes zum Ausdruck bringt, die ersten 5 Strophen des Hennenliedes (Nr. 44) und 
das Flohlied (Nr. 57). Leider läßt die Gruppierung der Gesänge im I. Bande sehr viel 
zu wünschen übrig; es ist auch manches aufgenommen, was besser in einen anderen 
Zusammenhang passen würde, so z. B, Nr. 60, 75, 92. Weit besser ist die Anordnung 
im III. Bande geraten: Freilich ließ sich hier eine strengere Gruppierung auch leichter 
erzielen. Da sind es vor allem jene kernigen, vielfach urderben Laderreime und Klausen- 
macherdialoge, die eine besondere Beachtung verdienen und die so recht die Fülle präch- 
tigen Humors, wie er im Landvolke steckt, veranschaulichen. — Der Umstand, daß die 
meisten der gesammelten Dichtungen in echter Volksmundart abgefaßt sind, macht die 
Sammlung auch dem Mundartforscher wertvoll, und es ist lobend hervorzuheben, daß 
Kohl sich bestrebt hat, den Eigentümlichkeiten der einzelnen Dialekte gerecht zu werden. 
Der Phonetiker allerdings hat manches in bezug auf Genauigkeit und Folgerichtigkeit der 
Umschrift zu beanstanden: so besonders die Wiedergabe des aus on hervorgegangenen, 
den vorausgehenden Vokal nicht nasalierenden 9 durch ng wie in kläng klagen, gesprochen 
klo-y (einsilbig), das infolgedessen mit klony Klang in der Schrift völlig zusammenfällt, 
und doch besteht in der Aussprache ein ganz bedeutender Unterschied. K. hätte viel 
besser daran getan, wenn er entsprechend der Wiedergabe von šnat-n durch schneiden, 
von 3ras-m durch schresöm auch klägn geschrieben hätte. Sehr zu beklagen ist ferner 
die Verwechslung von I und J. Jedermann liest an Jada, Jatx (ein jeder, jetzt), so 
wie es geschrieben ist mit unsilbischem ©, und doch liegt hier der Diphthong ta (iə) vor. 
S. 84 steht sogar a-n-jads! Ebenso irreführend ist die Verwendung der Buchstaben- 
gruppe ie sowohl für den mdal. Diphthong o wie als Dehnungszeichen (z.B. Pfieff); 
es ist dies um so verwirrender, als für den Zwielaut daneben auch «ea verwendet wird. 
In sonst ungeläufigen Wörtern, wie z. B. »driefin« S. 21, ist es ganz unmöglich zu ent- 
scheiden, ob 2 oder «> vorliegt. Da K. für das geschlossene e die landesübliche Schrei- 
bung ö gebraucht, hätte er zweifellos für das ötztalerische ö<<o ein anderes Zeichen, 
etwa kursives ö, wählen sollen; die beiden Laute weichen ganz erheblich voneinander 
ab. Unnötigerweise ist in Wedda (lies Weda) u.ä. die Doppelkonsonanz beibehalten. Bei 
der Umschrift handschriftlicher Texte wäre ein folgerichtigeres Verfahren am Platze ge- 
wesen, so ist D für Leiternstesig’'n »Läatrn-«, für Treidl » Träadi« einzusetzen. Auf- 
gefallen ist mir, daß in Proben aus dem Ötz- und Pustertale, wo g im alten Auslaut 
stets als kr erscheint (Tekx Tag, Rınkr Ring), in solchen Fällen stets g geschrieben 
wird statt % (= kx; ungehauchtes % wird mit gg wiedergegeben), nur weg begegnet stets 
mit ck. Ich glaube, daß man eine so charakteristische und altertümliche Aussprache 
doch auch in der Schrift zum Ausdruck bringen soll. — Die Dichtungen enthalten eine 
Reihe von mundartlichen Ausdrücken, die vielfach nur örtliche Geltung haben. K. hat 
dem I. Bande ein Verzeichnis solcher Wörter beigefügt. Leider ist es sehr dürftig und 
kann den Mangel an Anmerkungen bezw. Fußnoten nicht ersetzen. Ich muß gestehn, 
daß mir mehrere Wendungen dunkel geblieben sind, und doch bin, ich gerade kein 
schlechter Kenner der alpenländischen Mundarten Österreichs; wie mag es erst dem 
gehn, der weniger damit vertraut ist. Ausdrücke wie zussarisch S.12, Sokutz SI 
schiega (-< schierygar) S.13, Bah S.49, Barr anginern 8.53, Hägmdar S.64. Weiyl 


Bücherbesprechungen. 287 


8. 70 u. a. verlangen zweifellos eine Erklärung; nicht jedermann hat Schmeller oder 
Schöpf stets zur Hand und übrigens würde er auch da nicht alles finden. Ebenso be- 
dürfen Wörter mit abweichender Bedeutung wie daut 8.12, foppm S.19 (= hätscheln?) ` 
einer Erläuterung. Was nützt es ferner auch, wenn z.B. oschthäaggl mit »ortsheikel « 
verhochdeutscht wird? Ebenso bleibt Tercher trotz der Erklärung »Dörcher, Karrenzieher- 
leute« für ein weiteres Publikum unverständlich: daß es sich dabei um fahrendes Volk 
handelt, welches sich mit Klempnerei u. ä&., daneben gelegentlich auch mit »Schnipfen « 
befaßt, dürfte außerhalb Tirols schwerlich bekannt sein. Warum wird Lauer S.69 klein 
geschrieben? Es bedeutet doch »Faulenzer«; auch gehört das Wort ins Glossar. Für 
g’fellt 8. 48 verlangt schon der Reim die Schreibung g’fard bezw. g’falld. Zauk 8. 160 
ist nicht gleich »Zecke«, sondern entspricht mdal. »Zawcke« läufige Hündin und gehört 
zu mhd. zöhe. Innisch 8.99, das ebenfalls nicht erklärt ist, dürfte gleichbsdeutend sein 
mit jenisch (rotwälsch), wie schon die Lesart »Tercher-Weiberleut« neben »innische 
Weiberleut« vermuten läßt. Unrichtig ist # schosd 8.158 mit »ich schöbe« erklärt; es 
ist doch die 1. Person, Einzahl der Gegenwart. Un- in Unfurm ist nicht »ohne«, 
sondern die Verneinungssibe u»-. Etwas zimperlich scheint es mir, in mundartlichen 
Texten Wörter wie Arsch, farzen mit dem Anfangsbuchstaben anzudeuten. Sprachlich 
bemerkenswert ist die alte Verwendung des Konj. Imp. in indikativischer Bedeutung (so 
z.B. Nr. 31 und 78), die sich auch sonst in bair.-Österr. Volksdichtung noch mehrfach 
belegen läßt; vgl. dazu Nagl, Roanad S. 369. Eigenartig ist die Wortbildung Våorumma 
(Vor-umher) für Busen. Im III. Band ist in bezug auf die Texterklärung insofern ein 
Fortschritt zu verzeichnen, als hier Anmerkungen unter dem Text angebracht sind, dafür 
fehlt allerdings ein besonderes Wörterverzeichnis. Zu bemerken ist, daß die Mda. des 
Liedes der des Fundortes in mehreren Fällen nicht durchweg entspricht; besonders deut-. 
lich ist dies in Nr. 67 des I. Bandes. Das hätte jedesfalls vermerkt werden sollen, da 
derlei Abweichungen sehr oft über die ursprüngliche Heimat der Dichtung Auskunft zu 
geben vermögen. Übrigens nicht alles Gesammelte wird tirolischer Herkunft sein, wenig- 
stens finden sich mehrere Lieder und Strophen in Kärnten, und wie Kohl selbst bemerkt, 
auch im Salzburgischen wieder. 

Die Besprechung des II. Bandes fällt eigentlich aus dem Rahmen dieser Zeitschrift 
heraus: er enthält Textabdrücke von »Prembergern« nach fliegenden Blättern und alten 
Drucken mit unvollständigem Variantenapparat. Bei bereits neu herausgegebenen Texten 
hätte wohl eine Angabe der Lesarten genügt. Was Kopp 8.4 und 5 der Einleitung über die 
Möglichkeit kannibalistischer Anwandlungen bei den alten Rittern vorbringt, hätte er besser 
ganz für sich behalten sollen. Die Sonderung der echten und unechten Lieder des Brennen- 
bergers dürfte im allgemeinen nicht gar so schwer sein: auf Grund genauerer metrischer und 
reimtechnischer Untersuchungen hätte Kopp wohl zu sichereren Ergebnissen gelangen können. 

Freiburg (Schweiz). Lessiak. 


Schmerler, M., Bergwasser. Gedichte und Gesammeltes in vogtländisch - erzgebir- 
gischer Mundart. Herausgegeben von E. Gerbet. Grasers Verlag (Richard Liesche). 
Annaberg. VII, 808. ! 

Die von kundiger Hand besorgte Ausgabe mundartlicher Dichtungen eines bisher 
unbekannten Verfassers und Sammlers bildet eine neue willkommne Veröffentlichung der 
rührigen Verlagshandlung, in der die literarischen Interessen des lange Zeit unbeachtet 
gebliebenen Erzgebirges eine Pflegstätte gewonnen haben. Seit Anfang der achtziger 
Jahre erschien hier eine Folge alter und neuer Geschichten und Gedichte in erzgebir- 
gischer Mundart, bis jetzt 23 Hefte umfassend, und nebenhergehend unter dem Titel 
Tannengrün eine Sammlung von Bildern und Geschichten (5 Bde.), die u. a. die präch- 
tigen Gaben Fr. Straumers: Allerlei aus dem Erzgebirge und H. Jacobis: Gangstücke aus 
dem Erzgebirge enthält. Ihnen schließt sich die obengenannte Ausgabe als gleichwertige 
Fortsetzung (6. Bd.) jener Sammlung an. 

Die in dem Titel gewählte Doppelbezeichnung vogtländisch - erzgebirgische Mundart 
läßt sich rechtfertigen, wenn man dabei an das Ober- oder Westerzgebirgische denkt, 
das sich mit dem Vogtländischen nahe berührt. Tatsächlich tragen aber die hier vor- 
liegenden Gedichte in ihrer sprachlichen Erscheinung ausnahmslos das Gepräge der vogt- 


288 Bücherbesprechungen. 


ländischen Mundart an sich. Das Inhaltsverzeichnis führt neben 90 eignen Dichtungen 
des Verfassers noch einige Stücke unter der Aufschrift: Gesammeltes aus den Bergwässer- 
gründen der Zwota, d. i. dem obern Zwotatale, auf. Die Annahme, daB dieses von 
Sorbenwenden besiedelt worden sei, weist der durch die wissenschaftliche Erforschung 
seiner heimatlichen Mundart bestens bekannte Herausgeber in einem Nachwort mit über- 
zeugenden Gründen als völlig unbaltbar zurück. 

Der weitaus größte Teil der Sammlung enthält Stimmungsbilder heitern und ernsten 
Charakters, in denen sich das Empfinden des Volks und seine Lebensanschauung treu 
abspiegelt. Von den erzählenden Gedichten behandeln heimischen Sagenstoff: Aus der 
Schwedenzeit (Nr. 10) und: De wille Gog (= Jagd, Nr. 21), mit Anklängen an Bürgers 
bekannte Ballade; andre stellen sich dar als heitere, im Volk erlebte Geschichten, unter 
denen man erfreulicherweise nirgends Erzeugnissen begegnet, wie sie manchen Unberufnen 
so leicht aus der Feder fließen, denen die Mundart nur als das passende Gewand für 
seichte Anekdoten und platte Späße erscheint. Besonders bezeichnet sind die zum Singen 
bestimmten Lieder, zu denen auch die unter Nr. 79 und 98 aufgeführten meist vier- 
zeiligen Rundas gehören. (Aus voller Brust singt Runda. Faust, Sz. in Auerbachs 
Keller.) Über diese dem Vogtland eigentümliche Gattung von Schnaderhüpfeln unter- 
richtet eingehend die treffliche Abhandlung, mit der H. Dunger seine reichhaltige Samm- 
lung: Rundas und Reimsprüche aus dem Vogtlande (Plauen 1876) eingeführt hat. Dem 
Freund der Volkskunde gewähren zum Teil schon sie, mehr aber noch das Kustellied (49), 
die Dorfkirmes (92), die Beernsucher (75), Aufpeitschen (54) u.a. manchen Einblick in 
Lebensgewohnbheiten, Sitte und Brauch der ländlichen und städtischen Bevölkerung. Die 
häufige Wiederkehr von Liedern, die von Heimweh und einer bis zur Hamkranket (12) 
gesteigerten Heimatsehnsucht eingegeben sind, läßt einen Grundzug im Charakter der 
Vogtländer erkennen: die auch in verschiedenen Liedern und Novellen ihres größten 
Dichters Jul. Mosen hervortretende tiefe Liebe zur Heimat und allem, was mit ihr in 
Beziehung steht, dem Behagen am stillen Glück des Hauses, der Freude an der Welt 
der Kinder, vor allem am eignen Kinde. Die beiden Gedichte: Wos is mei Gongel 
wert? (18) und: E klaans Kind (85) möchten wir zu den besten der Sammlung rechnen. 
Farbenreiche Bilder aus Wald und Flur im Wechsel der Jahreszeiten zeugen von sinniger 
Naturbetrachtung; an Hebels Naturpoesie erinnert der Pflaumebaum (36), an die des Volks- 
lieds das Waldblömel (73); an irgend eine Naturszene knüpfen auch die meisten der Liebes- 
lieder an. Wenn in diesen wie in einigen andern (Herz, Gram, 81 und 82) zuweilen Töne 
inniger Wehmut und tiefen Ernstes erklingen , so kommt dem gegenüber in der ganzen Samm- 
lung doch auch ein frischer ungezwungner Volkshumor vom gemütlich Schalkhaften (’s Madel 
ond der Müllerborsch, 51) bis zum urwüchsig Derben (der Kerbebroten, 29) zur Geltung. 

Der Maunigfaltigkeit der behandelten Stoffe entspricht die Verschiedenheit der dem 
Inhalt angemessenen Strophen- und Versformen. Dabei hält sich der Verfasser fast 
durchweg frei von Verfehlungen gegen Rhythmus und Reim, die so oft den ungestörten 
Genuß mundartlicher Dichtungen beeinträchtigen. Freilich bringt es die stete Rücksicht 
auf die poetische Gestaltung mit sich, daß uns in seinen Dichtungen die natürliche 
Sprechweise seiner Landsleute nicht so unmittelbar und unverfälscht entgegentritt wie in 
ungereimten Darstellungen, wie ganz besonders in den anmutigen Schöpfungen Riedels, 
des anerkannten Meisters vogtländischer Erzählungs- und Schilderungskunst, dem das 
ansprechende Huldigungsgedicht Nr. 65 gewidmet ist. Verschiebungen, die sich mitunter 
die mundartliche Satzfügung gefallen lassen muß, wird man leichter übersehen können 
als die der hochdeutschen Dichtersprache entlehnten Ausdrücke und Bilder wie: Blüten- 
herzen, Honiglippen, Liebesscherze, liederleer; der Mond, der alte Träumer; das Mutter- 
herz, der stille, reiche Port; süßer Hauch umspielt mich u. a. 

Dankenswert sind die in Fußnoten dem Texte beigefügten Anmerkungen, durch 
die der Leser über eigentümliche Ausdrücke und Wortformen des vogtländischen Sprach- 
schatzes zuverlässige Auskunft und zum Teil wissenschaftliche Belehrung erhält. Über 
die Aussprache der verschiednen a- und e- sowie der Umlaute geben die dem Inhalts- 
verzeichnis vorangestellten Bemerkungen ausreichenden Bescheid. 

Dresden. E. Göpfert. 


Die Mundarten des Grofsherzogtums Hessen. 


Von Hans Reis. 
(Schluß.) 


Zweiter Teil: Formenlehre. 
Formen des Fürworts. 


Der Formenreichtum der Sprache hat seit den ältesten Zeiten fort- 
gesetzt abgenommen. Schon die ältesten germanischen Mundarten weisen 
eine geringere Mannigfaltigkeit der Formen auf als die indogermanische 
Grundsprache, einen ähnlichen Unterschied finden wir zwischen alt- und 
mittelhochdeutsch, und auch in der neuhochdeutschen Schriftsprache ist 
der Formenreichtum geringer als im Altdeutschen. Da ist es nicht zu 
verwundern, daß auch unsere Mundarten, die die allerjüngste sprachliche 
Entwicklung darstellen, im allgemeinen weniger zahlreiche und weniger 
verschiedene Formen haben als die Schriftsprache, die einen älteren 
Sprachgebrauch wiedergibt. 

Eine Ausnahme von dieser Regel macht jedoch das Fürwort. Bei 
dieser Wortklasse nämlich — im Gegensatz zu allen übrigen Wortarten — 
haben unsere Mundarten eine größere Formenfülle als die Schriftsprache. 
Die Fürwörter gehören, wie überhaupt alle hinweisenden Wörter von all- 
gemeinerer Bedeutung, zu den frühesten Errungenschaften der mensch- 
lichen Sprache und werden unter allen Wortarten am häufigsten und in 
der verschiedenartigsten Weise gebraucht. Das eine Mal sind sie be- 
sonders stark betont, das andere Mal haben sie einen mittleren Ton, ein 
drittes Mal sind sie ohne die geringste Betonung, und demgemäß ent- 
wickelten sich für denselben Begriff mehrere, nach der jeweiligen Be- 
tonung verschiedene Formen. Und so haben wir bei einem großen Teil 
der Fürwörter im Gegensatz zum Schriftdeutschen zwei Formen, eine 
starke und eine schwache, zu unterscheiden. 

Bei den persönlichen Fürwörtern haben wir schon in der Laut- 
lehre die fast in ganz Hessen gebrauchten Formen mit er kennen gelernt: 
eich, meich, deich, seich. Überall finden sich jedoch daneben auch die 
Formen ich, mich, dich, sich oder in einigen oberhessischen Grenz- 
gegenden, wo ? auch vor ch lautgesetzlich zu e geworden ist, ech, mech, 
dech, sech. Die starken Formen werden in der Regel gebraucht, wenn 

Zeitschrift für Deutsche Mundarten, IV. 19 


290 Hans Reis. 


das Fürwort allein steht oder im Hauptsatz dem Zeitwort vorangeht; die 
schwachen Formen dagegen nur dann, wenn das Fürwort dem Zeitwort 
des Hauptsatzes oder dem einleitenden Wort des Nebensatzes unmittelbar 
und ohne jede Pause folgt, und selbst in diesen Fällen waren sie schon 
im Zurückweichen vor den auch hier eingedrungenen starken Formen 
begriffen, als sie plötzlich durch die Schriftsprache eine ungeahnte Unter- 
stützung fanden. Unter den volleren Formen kommt eich am häufigsten 
und seich am seltensten vor; von der bereits erwähnten Stellung im Satze 
abgesehen, hat eich eine viel gewichtigere Bedeutung als seich. 

In südlicheren Gegenden Hessens ist das auslautende cA weggefallen. 
So heißt es am Nordfuß des Odenwaldes, in Großzimmern bei Dieburg, 
ei für sch. Noch weiter südlich, schon an- der Bergstraße und erst recht 
in der Neckargegend kommt neben ck die noch schwächere Form t vor, 
die übrigens im südlichen Mitteldeutschland und in Oberdeutschland 
äußerst weit verbreitet ist. 

Die Dative mir und dir finden sich als betonte Formen in den- 
jenigen Teilen Hessens, in denen nicht unter dem Einflusse des folgenden 
r die lautgesetzliche Wandlung zu meer und deer eingetreten ist. Daneben 
finden sich mr und d’r als schwächere Formen. 

Das Fürwort der zweiten Person hatte schon im Altdeutschen zwei 
Nominativformen, die eine mit langem, die andere mit kurzem u. Die 
erstere Form hätte lautgesetzlich in der Schriftsprache und in unseren 
Mundarten (mit Ausnahme des Niederhessischen) zu dau werden müssen. 
Dieses dau findet sich jedoch nur in Teilen Oberhessens neben du, das 
in den übrigen Teilen Hessens durchweg, wie in der Schriftsprache, als 
betonte Form gebraucht wird. Die unbetonte Form lautet in ganz Hessen 
de und ist durch Abschwächung des alten % zu unbetontem e entstanden. 
Daß die Form mit dem Doppellaut au. viel weniger weit verbreitet ist 
als die entsprechende, mit Doppellaut versehene Form der ersten Person 
eich, ist dadurch zu erklären, daß die zweite Person viel häufiger hinter 
dem Zeitwort, d. h. schwach betont, gebraucht wird als die erste. 

Die persönlichen Fürwörter der Mehrzahl haben einige Formen der 
Einzahl angenommen, den Dativ mer statt wir und dir für dr. Hier 
könnte der in der ersten Person häufige Anlaut » und ebenso der Anlaut 
d der zweiten Person ohne weiteres auf die Mehrzahl übertragen worden 
sein. Doch ist es auch möglich, daß diese Entwicklung unter dem Ein- 
fluß vorhergehender Worte gestanden hat; seht ihr wurde lautgesetzlich 
zu sehd’r oder sehdir, nehmt ihr zu nehmdir oder nehmd’r, und nachdem 
durch gegenseitige Lautannäherung nz zu m geworden war, wurde geben 
wir zu gewwemir oder gewwen!’r, wann wir zu wammir oder wamm'r. 
So konnten in einer nicht seltenen Anzahl von Fällen die Dative der 
Einzahl mir und dir für wir und ihr eintreten, und nachdem sie sich 
einmal eingenistet hatten, verdrängten sie die alten Formen immer mehr 
und mehr. Vollständig verdrängt wurden sie in Oberhessen, wo nur in 
den städtischen Halbmundarten dir für ehr fehlt. Dagegen ist im süd- 


~ 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 291 


lichen Teil Hessens zwar allenthalben mir als betonte und m’r als un- 
betonte Form durchgedrungen; auch dir ist weit verbreitet, aber durchaus 
nicht überall herrschend. Es findet sich allerdings am Neckar und noch 
weiter südlich, aber im nördlichen Rheinhessen wird es nur als unbetonte, 
abgeschwächte Form d’r gebraucht, und zwar nicht nur nach Zeitwörtern, 
sondern auch nach Bindewörtern, z. B. woder (wo ihr), wieder (wie ihr), 
wannder (wann ihr), weilder (weil ihr), während als betonte Form nur 
ihr vorkommt. Im südlichen Rheinhessen findet sich der für ihr nicht 
mehr; es hängt dies aber damit zusammen, daß, wie wir unten sehen 
werden, auch das Zeitwort in der zweiten Person der Mehrzahl nicht 
die Endung et oder t, sondern die aus andern Personen eingedrungene 
Endung n oder en hat. 

In einigen Teilen des Oberhessischen ist, wie wir in der Lautlehre 
gezeigt haben, nicht nur auslautendes, sondern auch inlautendes n unter 
Umständen bei Nasalierung des vorhergehenden Vokals geschwunden. 
Diese Erscheinung, die wir bei Hand, Gans usw. beobachtet haben, findet 
sich auch beim Fürwort uns, indem bei diesem zunächst Nasalierung und 
Verlängerung des « und alsdann Wegfall von n eingetreten ist. Weiterhin 
konnte dann, weil uns häufig tonschwach ist, der Vokal u verkürzt 
werden, und hiermit fiel die Nasalierung weg. In einigen Orten kommt 
hierzu noch durch das folgende s ein Umlaut, vgl. uef oder üß. In 
andern Gegenden Oberhessens, in denen n erhalten ist, ist o für w ein- 
getreten; es heißt also dort ons. 

Auch bei euch sind lautgesetzliche Wandlungen zu verzeichnen. Im 
südlichen Hessen ist durchweg Entrundung zu eich eingetreten. In Teilen 
Oberhessens dagegen finden wir als betonte Form auch, entsprechend dem 
au in Fauer (Feuer) und nau (neu), und als unbetonte Form uch oder 
da, wo u zu o geworden ist, och. 

Als Fürwort der höflichen Anrede wird auf dem Lande besonders 
vom älteren Geschlechte noch vielfach ?hr und euch gebraucht. Das 
schriftdeutsche Sie und Ihnen ist jedoch in siegreichem Vordringen be- 
griffen; aber da euch zugleich Akkusativ und Dativ ist, die alte Mundart 
also hierbei diese zwei Fälle nicht unterschieden hat, so kannten auch 
die Übergangsstufen von der Mundart zur Schriftsprache zunächst keinen 
Unterschied zwischen beiden, und zwar wird Ihne auch als Akkusativ 
verwendet. | 

Die vollen Formen des Fürworts der dritten Person stimmen 
meist mit der Schriftsprache überein. Eine Ausnahme machen se und 
er. Das altdeutsche sie ist in Oberhessen lautgesetzlich zu sä? oder sä 
geworden; doch findet sich daneben auch sie, wahrscheinlich durch Ent- 
lehnung aus der Schriftsprache. An Stelle von er finden wir in Ober- 
hessen weit verbreitet kä mit oder ohne Nasalierung und hehn. Diese 
Formen gehen zurück auf die altnieder- und altmitteldeutschen Formen 
her, he, hie, denen auch das englische he, bei Fritz Reuter hei und bei 
Klaus Groth hä entspricht. Die nasalierte oder auf x endende Form, 

19* 


292 Hans Reis. 


die sich in der Wetterau findet, geht auf einen früheren Akkusativ zurück, 
der, wie auch bei andern Fürwörtern, den Nominativ verdrängt hat 
Südlich von Main finden sich solche Formen nur vereinzelt, z. B. im 
untern Gersprenz- und Mümlingtal. 

Die abgeschwächten Formen dieses Fürwortes haben die Kon- 
sonanten der Schriftsprache, als Vokal aber durchweg ein sehr schwaches 
e; vgl. se (sie), em (ihm), en (ihn); bei unmittelbarem Anschluß des Für- 
worts an das vorhergehende Wort fällt der Vokal sogar gänzlich weg, 
z. B. mim (mit ihm), habs (habe es), sehn (sehe ihn). Das schriftdeutsche 
ihnen ist eine Erweiterung der altdeutschen Form :”2; unsere Mundarten 
kennen beide Formen, die kürzere en und die längere ene, nebeneinander. 
Ganz dem entsprechend gebrauchen die hessischen Mundarten auch für 
den Dativ ihr die beiden Formen er und ere. 

Viele Formen des Fürwortes der dritten Person sind mit denen des 
hinweisenden Fürworts und des bestimmten Artikels lautgesetz- 
lich zusammengefallen. So sind die unbetonten das und es, der und 
er, dem und ihm, der und ihr, den und ihn, denen und ihnen völlig 
gleich geworden, wenn das vorhergehende Wort ursprünglich auf d oder 
t auslautete, wie dies bei vielen Zeitwortformen der Fall ist. Und dieser 


‘ Zusammenfall bewirkte, daß der ohnehin nicht sehr große Bedeutungs- 


unterschied zwischen dem persönlichen und hinzeigenden Fürwort voll- 
ständig geschwunden ist. Die Formen des Fürworts er werden nunmehr 
fast nur noch als unbetonte oder tonschwache Formen gebraucht, die des 
hinzeigenden Fürwortes der dagegen bei mittlerer und starker Betonung. 
Diese Entwicklung dürfte erst neuerdings zum Abschluß gekommen sein, 
und sie ist auch insofern nicht ausnahmslos, als zwei Formen, er und 
sie, mit verkürztem Stammvokal noch bei mittlerer Tonstärke verwendet 
werden. 

Unter den starkbetonten Formen von der sind folgende Ab- 
weichungen von der Schriftsprache zu erwähnen. In ÖOberhessen findet 
sich dä? als lautgesetzliche Form von die, für das heißt es in Oberhessen 
hie und da dos und in ganz Hessen des. Die Entstehung von dos ist 
auf besonders starke Betonung zurückzuführen, ebenso das in Oberhessen 
vereinzelt vorkommende dem, der Dativ der Mehrzahl heißt dene, und 
neben dem Dativ der werden die durch Anhängung der starken und 
schwachen Adjektivendung erweiterten Formen dere und derer gebraucht. 
Allerdings erscheint derer nur in Verbindung mit einem Hauptwort, z. B. 
bei derer Person neben dere Person, auch derer ihrn Vater kommt vor, 
wenn auch ziemlich selten, neben dere ihrn Vater oder der ihrn Vater. 
Dagegen heißt es nicht ich habs derer gesagt, sondern dere oder der. 
Wird die Tonstärke geringer, so werden die erweiterten Formen über- 
haupt nicht mehr gebraucht und bei den einfachen Formen die Vokale 
mehr oder minder gekürzt. 

Von andern hinweisenden Fürwörtern findet sich in Südhessen noch 
sell, entstanden aus selbe, entsprechend dem schriftdeutschen derselbe 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 293 


Auch bei diesem Fürwort finden sich die schwachen Formen sell und 
selle neben den seltener vorkommenden starken Formen seller und sellem. 
Weiter als das Fürwort sell ist das davon abgeleitete Umstandswort selurg- 
mal (damals) verbreitet, das auch in den Städten und in der Halbmundart 
noch im Gebrauch ist, während sell auf die echte Mundart beschränkt ist. 
Der bestimmte Artikel unterscheidet sich in unsren Mundarten 
von dem hinweisenden Fürwort dadurch, daß er besonders tonschwach 
ist. Doch ist er nicht zur vollkommenen Tonlosigkeit herabgesunken, 
so starke Abschwächungen auch stattgefunden haben. So hat die ge- 
kürztes ?, dem wurde zu m und das zu s abgeschwächt, für der und 
den heißt es de. Dieses de dürfte aber wahrscheinlich lautlich nicht der, 
sondern der entsprechen; denn wie beim unbestimmten Artikel und an- 
deren Fürwörtern, so konnte wohl auch hier öfters der Akkusativ an 
Stelle des Nominativs treten, und wenn schon der und den hie und da 
miteinander verwechselt werden konnten, so ist es gewiß nicht zu ver- 
wundern, wenn dann auch die voneinander nur sehr wenig verschie- 
denen abgeschwächten Formen erst recht miteinander verwechselt worden 
sind. Daß bei dieser Verwechslung schließlich die vom Akkusativ ab- 
geleitete schwächste Form und nicht die stärkere Nominativform gesiegt 
hat, das paßt so recht zu der besonderen Tonschwäche des bestimmten 
Artikels. Nach Analogie des männlichen Nominativs der wurde dann 
auch der weibliche Dativ der behandelt, so daß auch dessen abgeschwächte 
Form de heißt. Bei mittlerer und starker Betonung des Artikels treten 
jedoch die entsprechenden Formen des hinweisenden Fürwortes ein. 
Die Fragefürwörter wer, was usw. unterscheiden sich fast kaum 
von der Schriftsprache. Es haben nur einige lautgesetzliche Wandlungen 
vor r stattgefunden, auch könnte entsprechend dem tonstarken diim (dem) 
vielleicht ein wim gebildet worden sein(?), weit verbreitet ist ferner wos 
für was, und im Niederhessischen ist b für eingetreten. Vom bezüg- 
lichen Fürwort werden die betonten Formen des hinweisenden Für- 
wortes nicht, wie in der Schriftsprache., für sich allein gebraucht. Auch 
welcher findet sich für dieses Fürwort noch weniger als in dem Frage- 
satze, wo es meist durch was vor ein ersetzt wird und nur vereinzelt 
wel als Fragewort vorkommt. Das gebräuchliche Relativ ist vielmehr 
wo, und zwar sowohl für sich allein gebraucht als auch in Verbindung 
mit dem hinweisenden Fürwort, z. B. der wo, die wo, des wo usw. Bei 
Kindern schriftdeutsch sprechender Eltern habe ich die Beobachung ge- 
macht, daß diese, obwohl sie schon geläufig und gut sprechen, als Relativ 
durchweg was gebrauchen, z. B. der Mann, was da war. Dieses scheint 
darauf hinzudeuten, daß die Sprache kein sonderliches Bedürfnis empfindet, 
die einzelnen Formen dieses Fürwortes zu unterscheiden, und so haben 
auch die Kinder unter den vielen von ihnen gehörten Formen eine be- 
sonders häufig vorkommende allein sich angeeignet, und die übrigen, die 
sie aber natürlich sehr wohl verstehen, sich gespart. Ganz ähnlich könnte 
auch in früheren Zeiten wo, das vielfach gleichbedeutend mit in welchem, 


294 Hans Reis. 


auf welchen u.ä. ist und recht oft in derartiger Bedeutung vorkommt, 
allgemein als bezügliches Fürwort in Aufnahme gekommen sein. Dazu 
kommt noch, daß wo heute in der Schriftsprache und besonders in un- 
seren Mundarten als ein die Nebensätze einleitendes Bindewort für früheres 
da und für früheres so gebraucht werden kann, daß es also mit zwei 
Wörtern verwechselt werden konnte, von denen das eine im Althoch- 
deutschen, das andere im Frühneuhochdeutschen Relativsätze eingeleitet 
hat. So dürfte durch mancherlei Umstände wo zu der Verwendung als 
Relativ gekommen sein. Die Wortfügung der wo wird neben wo fast 
ohne jeden Unterschied gebraucht; immerhin dürfte sie wenigstens eine 
leise. Hervorhebung des Relativbegriffes enthalten, ähnlich dem altertün- 
lichen der da (in dem Satze ein Mann, der da glaubt), woraus sie viel- 
leicht auch entstanden ist. 

Bei dem unbestimmten Artikel ein, bei dem verneinenden ken 
und den besitzanzeigenden Fürwörtern mein, dein, sein, unser, 
euer, ihr ist in einigen Gegenden Hessens der Nominativ des männlichen 
Geschlechtes von dem Akkusativ verdrängt worden. So müßte mein Vater 
lautgesetzlich mei Vaiter heißen, es heißt aber mein Vatter, und dieses 
mein geht lautlich auf den Akkusativ meinen zurück. Ebenso heißt es 
unsern (dein, euern, Ihne ihrn, dem sein, dene ihrn) Onkel war da; so 
en (nicht so e, wie man lautgesetzlich erwarten müßte) Schrank is schön; 
en annern (oin anderer) hätts nit gedan. 

In vielen Gegenden Oberhessens ist außerdem unser durch uns ver- 
drängt worden. Man faßte hierbei das auslautende er als die starke En- 
dung, wie bei einem Adjektiv auf, und bildete dann, wie bei diesem, 
eine endungslose Form, so daß also dem Nebeneinander von guter und 
gut ein solches von unser und uns entsprach. Von der endungslosen 
Form als Grundform wurden dann, ähnlich wie beim Adjektiv, ein Dativ 
unsem und ein Akkusativ unse gebildet. Eine gleichartige und zugleich 
entgegengesetzte Formenbildung finden wir bei dem allerjüngsten Ge- 
schlechte in Mainz; dieses sieht nämlich die oben erwähnte auch als 
Nominativ gebrauchte (früher akkusativische) Form unsern als Grundform 
an und bildet davon die Mehrzahl unserne und den weiblichen Dativ 
unserner. 

Im Nominativ und Akkusativ wurden die mittelhochdeutschen Wörter 
min, din, sin, ein endungslos gebraucht, während die heutige Schrift- 
sprache in der weiblichen Form und in der Mehrzahl die Endung e an- 
gefügt hat. Hätten unsere Mundarten hier die gleiche Entwicklung er- 
fahren, so müßten sie mein Mutter und mein Bücher sagen. Es heißt 
aber mei Mutter und mei Bücher, und dieses mei entspricht lautgesetz- 
lich dem früheren min; wir gebrauchen in diesen Fällen also noch, wie 
im Altdeutschen, die endungslose Form. Ganz dasselbe gilt für dern, 
sein, ein und kein. 

Bei dem Dativ des unbestimmten Artikels finden sich ähnlich, wie 
bei dem persönlichen Fürwort (S. 292) en und ene, er und ere, eine kürzere 


Die Mundarten des Großberzogtums Hessen. 295 


Form em oder m für einem (altdeutsch eime) und eine erweiterte Form 
eme nebeneinander ohne besonderen Unterschied in der Bedeutung. Man 
vergleiche hierzu die in einem Münchner Wochenblatt von eme alde 
Frankforder erscheinenden Gedichte; in ähnlicher Weise könnte man 
auch von eme alde Meenzer sagen. Ebenso gibt es beim weiblichen Ge- 
schlecht eine Form ere, z. B. bei ere alde Fraa, woneben auch ’ner, dem 
schriftdeutschen einer entsprechend und jedenfalls auch der Schrift- 
sprache entlehnt, vorkommt. 

In der guten Schriftsprache besteht ein scharfer Unterschied zwischen 
er, dieser, jener, und auch das besitzanzeigende Fürwort sein wird von 
dessen und desselben, wenn auch nicht ganz so scharf, unterschieden. 
Unsere Mundarten aber unterscheiden diese Fürwörter meistens nicht 
nach ihrer Bedeutung, sondern nach ihrer Betonung und Stellung. Da- 
gegen wird bei den besitzanzeigenden Fürwörtern der dritten Person 
scharf zwischen rückbezüglichen und nichtrückbezüglichen unterschieden. 
Die rückbezüglichen heißen, wie im Schriftdeutschen, seen und ihr; die 
nicht rückbezüglichen jedoch dem sein, dere ihr, dene ihr. Diese sind 
entstanden durch Verbindung der Dative des betonten hinweisenden Für- 
worts mit den Fürwörtern sein und thr, die ja ursprünglich eine rück- 
bezügliche Bedeutung nicht zu haben brauchten. Wie diese Verbindung 
mit dem Ersatz des früheren Genitivs durch den Dativ zusammenhängt, 
habe ich an andrer Stelle! gezeigt. Hier sei noch hervorgehoben, daß 
von Anfang an die Dative dem, dere, dene natürlich nicht zu dem Zwecke 
hinzugefügt worden sind, rückbezügliches und nichtrückbezügliches Für- 
wort zu unterscheiden, sondern sie dienten ursprünglich lediglich zur 
Hervorhebung des Fürworts. Nun ist aber unter allen Fürwörtern das 
rückbezügliche am wenigsten betont, und daher wurde für dieses das 
einfache sein und thr fast ausschließlich, für das andere Fürwort dagegen 
dem sein neben sein, dene (dere) ihr neben ihr gebraucht. Wie nun zur 
Vermeidung von Zweideutigkeiten in der Schriftsprache dessen (desselben) 
und deren (derselben) und nicht sein und ehr gebraucht werden, z.B. 
in dem Satze er ging in dessen Haus, der wohl zu unterscheiden ist 
von er ging in sein Haus, so mußten auch unsre Mundarten dem sein, 
dere ihr, dene ihr oft genug zur Verhütung etwaiger Zweideutigkeiten 
gebrauchen. Und so kam es, daß dem sein usw. immer mehr zu der 
Bedeutung eines nichtrückbezüglichen Fürwortes gelangt und der Ge- 
brauch im entgegengesetzten Sinne schließlich ganz verdrängt worden ist. 
Das einfache Fürwort ist übrigens rückbezüglich im weitesten Sinne des 
Wortes; es bezieht sich nicht nur auf das Subjekt desselben Satzes, son- 
dern wird auch, wie im Lateinischen, im Nebensatz mit Beziehung auf 
das Subjekt des Hauptsatzes gebraucht, allerdings nur, wenn dieser vor- 
hergeht; ja es findet sich sogar, wenn zwei Hauptsätze miteinander ohne 


1 Beiträge zur Syntax der Mainzer Mundart (Gieß. Diss.), S. 42; vgl. auch Zeit- 
schrift für hochdeutsche Mundarten VI, S. 113 f. 


296 Hans Reis. 


jede Pause verbunden sind und daher gewissermaßen ein einziges Ganze 
ausmachen, bei dem Subjekt des zweiten Hauptsatzes mit Beziehung auf 
das Subjekt des ersten. Natürlich ist ein solch enger Zusammenhang 
nur möglich, wenn der erste Hauptsatz nicht zu groß ist und der zweite 
dem Inhalte nach sich eng daran anschließt, z. B. der Onkel ist gekommen, 
seine Sachen sind aber noch nicht da. 

Wenn das besitzanzeigende Fürwort substantivisch, also ohne 
Verbindung mit einem Hauptwort gebraucht wird, so sind zwei Besonder- 
heiten unsrer Mundarten zu erwähnen. Erstens wird es nicht in Ver- 
bindung mit dem Artikel gebraucht, wie im Schriftdeutschen; man sagt 
also nicht der meine, die meine, die unseren, die eurigen, sondern der 
Artikel fehlt, und an seiner statt sind die starken Endungen getreten, 
z. B. meiner, deiner, seiner, dem seiner, dere ihrer, unserer, euerer, Ihne 
ihrer, dene ihrer in der männlichen Form; mein? usw. in Südhessen in 
der weiblichen Form und meins usw. in ganz Hessen als Neutrum. 
Jedoch da, wo die Mundart eine Endung lautgesetzlich nicht mehr hatte, 
wie im Nominativ der Mehrzahl und in Nordhessen auch in der weiblichen 
Form der Einzahl, trat die adjektivische Form des Fürworts, also mei, 
ein. Demgemäß haben wir folgende Formen zu unterscheiden: 


S. N. meiner meint oder mei meins 
D. meim meiner meim 
A. mein meini oder mei meins 
DNA me 
D. meine. 


Die Endung ? in der weiblichen Form entspricht der altdeutschen 
Endung ?u in miniu, die sich lautgesetzlich zu ex hätte wandeln müssen; 
da aber vorher eine Verkürzung der tonschwachen Endung eingetreten 
ist, blieb der einfache Laut erhalten, jedoch wurde A ou © entrundet. 
Diese Endung stand ursprünglich nur im Nominativ, drang aber dann 
auch in den Akkusativ ein und wird jetzt in beiden Fällen ohne Unter- 
schied gebraucht. 

Eine zweite Erscheinung ist wahrscheinlich erst neuerdings in Rhein- 
hessen aufgekommen, wenigstens findet sich nichts derartiges in den 
mundartlichen Dichtungen der drei ersten Viertel des neunzehnten Jahr- 
hunderts, ja es wird hier die ganze Art der bisherigen Formenentwick- 
lung umgekehrt. Wir haben gesehen, daß vielfach der Akkusativ für 
den Nominativ eingetreten ist, so im Satze unsern Vaiter is komme. 
Nun kann man neuerdings hören ich weiß äner (einen), hast du käner 
gesehe, hast du meiner (den meinigen), also umgekehrt hat hier der 
Nominativ den Akkusativ verdrängt. Ähnliches werden wir bei dem Bei- 
wort finden und dort genauer besprechen. 


Formen des Beiworts. 


Seit alters gibt es im Deutschen bei dem Beiwort zwei Arten von 
Formen: starke und schwache. Die Endungen der starken Formen 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 297 


finden wir auch bei manchen Fürwörtern, die der schwachen Formen 
dagegen bei manchen Hauptwörtern. In der Schriftsprache unterscheidet 
man beide Formen derart, daß die starken Formen dann gebraucht werden, 
wenn eine deutliche Kasusendung vorhergegangen ist, sonst jedoch die 
schwachen. Man findet also schwache Formen in guter Wein, gute 
Kinder, liebes Weib, mit gutem Weine, ein guter Wein, ein liebes Weib, 
aber in den Wortfügungen der gute Wein, die guien Kinder, das liebe 
Weib, dem guten Weine, einem guten Weine haben wir schwache (meist 
mit der Endung rn versehene) Formen. Ein Schwanken besteht bekannt- 
lich nach manchen Zahlwörtern, wie vzele, manche, wenige, nach denen 
von unsern Schriftstellern bald schwache bald starke Beiwortformen ohne 
jede Unterscheidung gebraucht werden. Es liegt hierbei eine Verschie- 
denheit der subjektiven Auffassung vor; in der Verbindung viele gute 
Bücher wird von den Büchern ausgesagt, erstens daß wir viele, und 
zweitens daß wir gute haben; in der Verbindung viele guten Bücher 
dagegen sagen wir von den guten Büchern aus, daß wir deren viele be- 
sitzen. Im ersten Falle sind viele und gute einander beigeordnet, und 
von diesem Standpunkte aus ist ganz gleichgültig, welches von beiden 
zuerst oder zuletzt steht, keines wird durch das andere beeinflußt. Im 
zweiten Falle aber ist das erste Beiwort eine Bestimmung des folgenden 
Beiwortes, es geht mit einer deutlichen Kasusendung ihm voraus, und 
daher muß die schwache Form guten eintreten. Es ist nun eigentümlich, 
daß süddeutsche und auch hessische Schriftsteller mehr dazu neigen, 
viele gute Bücher zu schreiben, während der Norddeutsche vele guten 
Bücher bevorzugt. Der letztere faßt also die Wortfügung gute Bücher 
als eine Einheit auf; der Süddeutsche aber zerlegt sie in zwei Teile. Ähn- 
liche Unterschiede zwischen nord- und süddeutsch haben wir in der Laut- 
lehre bei der Silbentrennung kennen gelernt. Wie in Teilen Süddeutsch- 
lands durch Druckgrenzen die Silben getrennt und so im Verhältnis zum 
Ganzen die einzelnen Teile eines Wortes mehr hervorgehoben werden 
als von den Norddeutschen, so könnte der Süddeutsche vielleicht auch 
innerhalb einer Wortfügung die einzelnen Teile schärfer trennen und 
diese dadurch auch mehr hervorheben, während man im Norden das 
größere Gewicht auf die Zusammenfassung der Teile zu einem Ganzen 
legt. Natürlich sind dies nur relative Gegensätze, es kann sich nur um 
ein Mehr oder Minder handeln, und wenn man vielleicht ähnliche Gegen- 
sätze des Nordens und Südens auch auf andern Gebieten als dem der 
Sprache beobachten kann, so muß man sich doch sehr vor falschen ver: 
allgemeinerungen hüten. 

Der Unterschied im Gebrauch der starken und schwachen Formen 
war nicht immer so wie heute; die schwachen Formen sind eine Neu- 
bildung der germanischen Sprachen, wobei eine bestimmte Formengruppe 
des Hauptwortes vorbildlich gewirkt hatte, und sie standen ursprünglich 
nur nach dem bestimmten Artikel und bei substantivischem Gebrauch, 
und auch dann nicht ausschließlich. Aber schon im Mittelhochdeutschen 


298 Hans Reis. 


wurde die Verwendung der schwachen Formen immer häufiger, und wir 
finden sie überall da, wo sie auch im Neuhochdeutschen vorkommen, 
nur noch nicht ausnahmslos. 

In unseren Mundarten sind die starken Formen der Mehrzahl 
gänzlich geschwunden. Nach der Lautentwicklung sollte man erwarten, 
daß es im Nominativ der Mehrzahl blind Männer für blinde Männer, 
scheen Blumme für schöne Blumen, liewi Kinner für liebe Kinder heißt. 
Die hessischen Mundarten haben jedoch durchweg die Endung e, sagen 
also blinde Männer, scheene Blumme, liewe Kinner. Dieses e ist aber 
keine Nachahmung der Schriftsprache, sondern entspricht lautgesetzlich 
en, also der schwachen Endung, die demnach in der Mehrzahl des 
Beiworts allein vorkommt und die starken Formen verdrängt hat. Auch 
Dativ und Akkusativ haben diese schwache Endung e. Unsere Schrift- 
sprache verwendet schon die starken Formen nur spärlich, bekanntlich 
nur dann, wenn keine deutliche Kasusendung vorangeht, also nur noch 
um die einzelnen Kasus voneinander zu unterscheiden, was nicht durch 
die gleichlautenden (sämtlich auf en ausgehenden) schwachen, sondern 
allein durch die starken Formen erreicht werden kann. Unsere Mund- 
arten kümmern sich aber nicht mehr um Kasusunterscheidungen, und 
indem so für sie der einzige Grund, der die Schriftsprache an den starken 
Formen festhalten ließ, wegfiel, haben sie fast nur noch die schwachen 
Formen der Mehrzahl. 

In der Einzahl sind nur in einem Kasus, dem Dativ, die starken 
Formen verloren gegangen; dagegen finden sie sich noch im Nominativ 
und Akkusativ. Daß sie nicht mehr im Dativ vorkommen, entspricht 
übrigens bis zu einem gewissen Grade auch der Schriftsprache; denn 
diese kennt den starken Dativ nur, wenn kein Artikel oder Fürwort vor- 
hergeht, so in der Verbindung bei kühlem Weine. Eine solche Wendung 
ist aber der Mundart ganz fremd, diese gebraucht nämlich den Dativ 
der Einzahl niemals ohne vorhergehenden Artikel oder Fürwort, sagt 
nicht bei schlechter Beleuchtung, sondern bei so ere schlechde Lamp, nicht 
bei geöffnetem Fenster, sondern bei eme offene Fenster, fügt also bei 
solchen Wendungen regelmäßig den unbestimmten Artikel vor, und hiermit 
schwindet die Möglichkeit zum Gebrauche einer starken Form. 

Dagegen finden sich beim Nominativ und Akkusativ noch starke 
und schwache Formen nebeneinander, wenn auch infolge der lautlichen 
Abschwächung der Endung weniger scharf unterschieden als in der 
Schriftsprache. Nach den Lautgesetzen müßten die schwachen Formen 
im Nominativ der klein Mann, die klein Frau, das klein Kind und im 
Akkusativ den kleine Mann, die kleine Frau, das klein Kind heißen. 
Nun sind Nominativ und Akkusativ zusammengefallen; trotzdem finden 
sich noch zwei Formen; ‚diese unterscheiden sich aber nicht als Kasus, 
sondern die eine wird bei stärkerer und die andere bei geringerer Be- 
tonung gebraucht. Diese Formen sind klei und kleine. Die zweite kräftigere 
Form geht lautgesetzlich auf kleinen zurück, ist also ein ursprünglicher 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 299 


Akkusativ und wird, da zwischen Nominativ und Akkusativ kein Unter- 
schied mehr gemacht wird, jetzt auch als Nominativ gebraucht, ja in 
letzterer Bedeutung sogar häufiger als in ihrer ursprünglichen; denn 
wenn unsere Mundarten hervorheben, z. B. bei Ausrufen, kräftiger An- 
rede, lebhaftem Hinweis, so geschieht dies doch bedeutend häufiger durch 
den Nominativ als durch den Akkusativ. 

Die Form klei (kla, klä) kann lautgesetzlich nicht auf altdeutsch 
kleine zurückgehen, sondern entspricht früherem klein. Wir kommen 
hier auf eine dritte Art der Formenbildung des Beiworts, die in der 
Schriftsprache nur noch in prädikativer Verwendung und in Verbin- 
dungen wie Röslein rot vorkommt. Es ist die alte endungslose 
Form, die sich hier in unseren Mundarten noch in attributiver Ver- 
wendung findet. Früher war diese aber allein im Nominativ der Ein- 
zahl (beim sächlichen Geschlecht auch im Akkusativ) gebräuchlich und 
hatte dieselbe Verwendung wie die starke Form, stand also nur sehr 
selten nach dem bestimmten Artikel. In unseren Mundarten dagegen 
wird sie für die schwache Form nicht minder als für die starke Form 
gebraucht und nicht nur für den Nominativ, sondern auch für den 
Akkusativ aller drei Geschlechter, sie hat also eine nicht geringe Aus- 
dehnung ihres Gebrauches erfahren.! 

Die mit der Endung e versehene Form kleine wird immer seltener, 
je weiter wir nach Norden kommen. Ziemlich gebräuchlich ist sie süd- 
lich vom Main, bei stärkerer Betonung findet man sie noch in der 
Wetterau, ja sogar manchmal noch in Gießen, Staufenberg, Allen- 
dorf, Homberg a. O. und Kirtorf, jedoch nicht mehr in Grüningen und 
Alsfeld. Ob in einigen Orten Oberhessens vielleicht auch schriftdeutsche 
Einflüsse vorliegen, ob dort auch Kasusunterschiede eine verschiedene 
Entwicklung bedingen, habe ich aus den mir vorliegenden Quellen nicht 
feststellen können. Immerhin scheint man im südlicheren Lande — im 


ı Wir haben das Wort klein als Beispiel gewählt, weil sich bei diesem, ähnlich 
wie bei mein, ein, kein, infolge der Nasalierung und des Wegfalls von auslautendem 
n ein Unterschied zwischen der früher endungsiosen und der mit der Endung e ver- 
sehenen Form hatte entwickeln müssen, während zwischen früheren alt und alte, gut 
und gute u.a. ein Unterschied in unsern Mundarten nicht mehr wahrzunehmen ist. Nicht 
so glücklich gewählt ist Satz 39 des deutschen Sprachatlas: Geh nur, der braune Hund 
tut dir nichts. Denn die alte mundartliche Form brau ist in den hessischen Mundarten 
vielfach verloren gogangen und wird durch das schriftdeutsche braun ersetzt, in dem 
Satze er ist braun nicht minder als in der Verbindung der braun Hund. Wichtig ist 
hier der Vergleich mit Satz 4: der gute alte Mann ist mit dem Pferde durchs Eis ge- 
brochen und ins Wasser gefallen, denn bei gute und alte geht der Gebrauch der En- 
dung e noch nach Norden über den Main hin in die Wetterau hinein. Richtig beobachtet 
ist von Wrede, daß es sich um Schwankungen handelt, »die sich lediglich aus der indi- 
viduellen Satzbetonung erklären werden. Hierauf beruht.es, daß die weiten Lande des 
Südens, die im allgemeinen die Endung apokopiert haben, bei alte und gute Ausnahmen 
mit bewahrter Endung häufiger zeigen als bei braune; der ernste Inhalt von Satz 4 wird 
langsameres, bedächtigeres Sprechtempo bedingen als der lebhaftere und aufmunternde 
Satz 39«. 


300 Hans Reis. 


Gegensatz zu Oberhessen — das Beiwort manchmal hervorzuheben, um 
ihm hierdurch neben dem Hauptwort eine gewisse Selbständigkeit zu 
verleihen, so daß wir also auch hier wieder die schon mehrfach er- 
wähnte Neigung des Südens erblicken, die einzelnen Teile im Verhältnis 
zum Ganzen stärker hervortreten zu lassen. 

Wie bei den schwachen, so ist auch bei den starken Formen 
der Unterschied zwischen Nominativ und Akkusativ geschwunden, dafür 
ist aber eine neue Scheidung in eine kräftigere und eine schwächere 
Form eingetreten. Beim männlichen Geschlecht finden sich en Kleine 
Mann und en kleiner Mann nebeneinander. Die erste schwächere Form 
‚kleine geht auf den alten Akkusativ kleinen zurück, während die vollere 
Form kleiner ein Nominativ ist. Die alte Akkusativform steht in der 
Regel neben Wörtern, die Sachen bezeichnen, im Akkusativ und auch 
im Nominativ, z.B. er hat oder das is en gute Wei, en scheene Ofe, en 
alte Schrank, en alte Knop (Kleidungsstück). Denn Sachen kommen viel 
seltener im Nominativ vor als im Akkusativ; sie tun ja meistens nichts, 
sondern es wird mit ihnen etwas getan; sie sind daher häufiger Objekt 
als Subjekt, und so erklärt sich, daß der Akkusativ, also eine Objektform, 
zur Bezeichnung von Sachen mehr und mehr an Ausdehnung gewonnen 
hat und schließlich alleinherrschend geworden ist. Wir haben S. 299, oben, 
darauf hingewiesen, daß unsre Mundarten mehr durch den Nominativ 
als durch den Akkusativ hervorheben. Fügen wir noch hinzu, daß für 
uns Menschen die Personen doch eine größere Wichtigkeit haben als 
Sachen, so brauchen wir uns nicht zu wundern, daß sich die vollere 
Form (kleiner), die ja ein alter Nominativ ist, in der Regel nur im 
Nominativ findet und neben Worten, die Personen bezeichnen, z. B. 
en guter Kerl, en liewer Mann, en alter Knop (= alter Kerl). Doch 
heißt es im Akkusativ und hie und da, besonders in Oberhessen, auch 
im Nominativ en gute Kerl, en liewe Mann, en alte Knop. Es sind 
Unterschiede der Betonung, die im Nominativ die Wahl der volleren oder 
der schwächeren Form veranlassen; ruht ein stärkerer Ton auf dem Bei- 
wort, so wird auch in der Regel die vollere Form gebraucht, und um- 
gekehrt. Das Nebeneinander beider Formen hat sich neuerdings auch 
auf den Akkusativ ausgedehnt, z. B. hätt! die en ganzer armer Mann, 
da wär’ sie besser dran (hätte sie einen ganz armen Mann). Diese letztere 
Erscheinung ist den ältesten Leuten unter uns noch unbekannt, ist aber 
im jüngeren Geschlechte schon recht verbreitet. Das gleiche gilt auch 
für ein, kein und die besitzanzeigenden Fürwörter, in denen, wie wir 
S. 296 gesehen haben, ebenfalls in der allerneuesten Zeit der Nominativ 
an Stelle des Akkusativs getreten ist. 

Vergleichen wir die Entwicklung der starken und schwachen Masku- 
linformen, so fällt es auf, daß man bei den starken Formen zwischen 
Personen und Sachen unterscheidet. Warum ist die gleiche Unterschei- 
dung nicht auch bei den schwachen Formen gemacht worden? Der 
Grund liegt darin, daß bei den Sachen einerseits die abgeschwächten 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 301 


anderseits die Akkusativformen bevorzugt wurden. Nun ist aber bei der 
starken Formenbildung der frühere Akkusativ zugleich die abgeschwächte 
Form, so daß die zwei Dinge, die bei der Bezeichnung von Sachen in 
Frage kamen, bei dieser Form glücklich zusammenfielen, und daher 
wurde diese in so starkem Umfang beim Ausdruck von Sachen ver- 
wendet. Bei der schwachen Formenbildung dagegen entspricht die vollere 
Form dem früheren Akkusativ und die abgeschwächte der früher endungs- 
losen Form; von einem glücklichen Zusammentreffen zweier Tatsachen 
kann also hier keine Rede sein, und die Folge eines solchen Zusammen- 
treffens fällt natürlich auch weg. | 

Fernerhin ist auffällig, daß die früher endungslose Form für das 
starke Maskulinum vollständig, wie in der Schriftsprache, verloren ge- 
gangen ist, obwohl sie gerade hier dem altdeutschen Gebrauch entspricht 
— im Mittelhochdeutschen z. B. ist der guot man selten, aber ein guot 
man sehr gebräuchlich — und sich auch noch, wie wir gleich sehen 
werden, im weiblichen und sächlichen Geschlecht findet. Diese Tatsachen 
legen den Schluß nahe, daß die endungslose Form, die lautgesetzlich klei 
lauten würde, neben kleine und kleiner noch eine gewisse Zeit hindurch 
sich erhalten hat. Aber drei Formen für einen Begriff sind auf die 
Dauer für das Sprachgefühl doch zu viel, und eine davon wird als unnütz 
empfunden und ausgeschieden. Da muß denn nun die Tatsache fest- 
gestellt werden, daß klei, vor welchen das ihm lautlich am nächsten 
stehende klein die Segel einstreichen mußte, gegenüber den ihm lautlich 
ferner stehenden, volleren und bezeichnenderen Formen kleine und kleiner 
nicht mehr durchdringen konnte. 

Beim sächlicben Geschlecht sind Nominativ und Akkusativ be- 
kanntlich seit den ältesten Zeiten zusammengefallen. Auch hier haben 
unsere Mundarten eine volle und eine abgeschwächte Form. Letztere ist 
die alte endungslose Form, z. B. e klei Kindchen, e grausam Gedährz 
(Tier), mei link Bä, e feirig Herz, e bees End, e gut Wort. Diese 
endungslosen Formen kommen in unseren Mundarten überaus häufig vor, 
im Gegensatz zur Schriftsprache, wo ‚sie sich nur selten finden, und 
zwar hauptsächlich bei !!ichtern, denen ja Anlehnung an ältere Sprach- 
perioden und an die Volkssprache erlaubt ist; z. B. mein lispeind Lied, 
mein bedürflig Herz bei Goethe, um ein bedeutend Ziel bei Schiller, 
rüslig Heldenleben bei Uhland. Bedeutend seltener ist in unseren Mund- 
arten die volle Form mit der Endung es, die sich auch im Mittelhoch- 
deutschen und in der Schriftsprache, in letzterer als Regel, findet. So 
heißt es in Oberhessen e grußes Geschwatz, e grußes Gleck (Glück) und 
in Rheinhessen e miseraweles Ding; es sind immer Fälle, in denen das 
Beiwort hervorgehoben wird. Das Gebräuchliche ist aber die endungs- 
lose Form. | 

In Oberhessen und in dem nördlichsten Teil von Rheinhessen und 
Starkenburg gilt ähnliches auch für das weibliche Geschlecht. Die 
endungslosen Formen überwiegen auch hier entschieden, wenn auch nicht 


302 Hans Reis. 


so stark, wie bei dem sächlichen Geschlecht. Neben e ald Frau findet 
sich also, allerdings auch nicht allzu häufig, e alde Frau. Dagegen ist 
in der Wortfügung ein Stück weiße Seife, wo der Hauptton auf Seife 
und der Nebenton auf Stück ruht, das Beiwort ziemlich tonschwach und 
heißt daher weiß — also die endungslose Form. Eine Linie, die in 
mannigfachen Windungen von Saargemünd über Oppenheim und 
Seligenstadt nach Lohr und Ilmenau geht, trennt diese endungslose 
Form von einer Form, welche die Endung ? hat. Dieses © geht auf alt- 
deutsches oo zurück, guur auf guotiu, scheeni auf schoeniu; es findet 
sich aber nicht nur, wie im Altdeutschen, beim Nominativ, sondern auch 
im Akkusativ. Vgl. die Nominative e beesi Zeit, unser neii Magd, mei 
gräischdi Fraad, e ganxi Reih, e kleeni Wertschaft, liewi Fraa und die 
Akkusative e schoen Leicheprerigt, ka rechti Schneid, e ungeschickdi Hand, 
e guuri Stund, e kleeni Stund. Daneben finden sich jedoch auch e einzig 
Wohldat, e brave Frau, vielleicht aus Nachbarmundarten eingedrungen. 

Ein Übergangsgebiet, das nördlich bis nach Mainz reicht, gebraucht 
die Endung č nur noch bei substantiviertem Beiwort, z. B. des is e 
Scheeni, er hot e Scheeni; sogar auf den Dativ wird es hierbei aus- 
gedehnt, z. B. er is bei seiner Scheeni. In Rheinhessen scheint übrigens 
beim ersten Übergang zur Schriftsprache die Endung i fester gewesen 
zu sein als im rechtsrheinischen Gebiet. In einigen Dörfern im Norden 
Rheinhessens dürfte wohl auch insofern ein Unterschied wahrzunehmen 
sein, als bei stärkerer Hervorhebung die Form auf © gebraucht wird, 
sonst jedoch die endungslose Form. Durch das Vordringen der Schrift- 
sprache jedoch sind in der allerneuesten Zeit die Formen mit: gegen- 
über den andern Formen in eine sehr ungünstige Stellung geraten, und 
da auch noch der Einfluß der nördlichen Mundarten in derselben Rich- 
tung sich bewegte, heute schon sehr stark eingeschränkt worden. 

Mit dieser Endung č ist eine andere nicht zu verwechseln, welche 
sich in der Umgegend von Mainz, der Wetterau u.a. findet. Dieses ’ 
dient zur Bezeichnung von Verkleinerungsformen und entspricht lautlich 
dem altdeutschen zu und vielleicht dem niederdeutschen aus Reuters 
Dörchläuchting, Lining, Mining bekannten ing. Die Entwicklung von » 
zu. ng findet sich ja auch im Niederhessischen; im Oberhessischen, Binnen- 
fränkischen und Pfälzischen jedoch ist auslautendes n lautgesetzlich weg- 
gefallen und der vorhergehende Vokal, der zuerst lang war, dann wegen 
der Stellung in tonschwacher Endsilbe schon früh verkürzt und daher 
nicht zu dem Doppellaut e@ gewandelt worden war, nasaliert und länger 
geworden. Aus demselben Grunde, wie schon im Mittelhochdeutschen, 
wurde dann zum wiederholten Male der Vokal etwas verkürzt, und bier- 
mit schwand auch die Nasalierung. Ein ganz kurzes © ist jedoch noch 
nicht daraus entstanden. Beispiele für diese Verkleinerungsformen sind 
Frenzi von Franz, Liesi von Elisabet, Schätzi von Schatz, Schmätzi 
von Schmatz, Plätzi von Platx, Hannesi von Hans, Häusi von Haus, 
e Bisst für ein Bifchen. 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 303 


Formen des Hauptworts, ' 


Beim Hauptwort ist die Mannigfaltigkeit der Formen besonders stark 
beeinträchtigt worden. Die Kasusunterschiede fehlen, von erstarrten und 
fast adverbial gewordenen Resten abgesehen, fast vollständig; es gibt, wenn 
wir das Niederhessische ausnehmen, nur einen Kasus, dem die übrigen 
angeglichen worden sind. Die Unterscheidung der Kasus liegt nunmehr 
dem voranstehenden Artikel ob, und hierbei ist nur noch der Dativ von 
den übrigen Kasus geschieden. Der Genitiv lebt überhaupt nicht mehr 
in der Mundart, und bei Nominativ und Akkusativ sind die Artikelformen 
in der Regel zusammengefallen, wohl mehr infolge mancher lautlichen 
Angleichungen und Analogiewirkungen als deshalb, weil eine Unterschei- 
dung dieser Kasus dem Sprachgefühl unnötig schien, eine Entwicklung, 
die ja ihresgleichen in vielen neueren Sprachen findet. Ob diese Unter- 
scheidung der Kasus wirklich so ganz unnötig ist, ist sehr fraglich; denn 
die meisten neueren Sprachen haben in der Wortfolge ein neues Mittel 
gefunden, um diese zwei Fälle zu unterscheiden. Aber schon in der 
Schriftsprache war die Entwicklung so weit gekommen, daß es nur noch 
in der Einzahl der männlichen Hauptwörter verschiedene Formen für 
diese beiden Fälle gab, sonst aber nirgends mehr, und zwar deshalb, weil 
eine Unterscheidung dieser Kasus doch nur verhältnismäßig selten als 
notwendig erachtet wurde; warum sollte die Mundart nicht auch diesen 
noch übrig gebliebenen Unterschied meistens ebenso beseitigen, wie man 
ihn bei dem Femininum, Neutrum und der Mehrzahl beseitigt hatte? 
Denn unsere Mundarten sind überhaupt in der Abschwächung der Laute 
sowie in Analogiewirkungen weiter gegangen als die Schriftsprache. Aber 
trotzdem sind beide Kasus nur bei den abgeschwächten Artikelformen, 
die allerdings die Regel bilden und häufiger vorkommen als die anderen, 
gleich geworden, während die betonten der und den noch unterschieden 
sind; wenn also in unsren Mundarten sich das Bedürfnis geltend macht, 
Nominativ und Akkusativ in einem bestimmten Falle zu unterscheiden, 
so können sie immer noch zu den betonten Formen des Artikels greifen 
und bedürfen keiner neuen Mittel zu jener Unterscheidung. 

So sind die einzelnen Kasus zwar noch durch den Artikel, aber 
nicht mehr durch die Endungen des Hauptworts voneinander unterschieden. 
Meistens sind die Kasus des Hauptworts dem Nominativ angeglichen 
worden, nur bei wenigen, die schwach dekliniert werden oder doch im 
Altdeutschen schwach dekliniert worden sind, ist der Akkusativ (oder 
vielleicht auch der mit dem Akkusativ gleichlautende Dativ) als Sieger 
hervorgegangen. Dieser endigte früher auf en, und da dieses bei uns 
meistens zu e wurde, so gehen auch jene Hauptwörter mit Akkusativ- 
form meistens auf e aus; z.B. in Oberhessen JZluse (Rose), Scheppe (Schippe), 
Drecke (Brücke), Haare (Heide), Fare (Erde); in Rheinhessen Hahne (Hahn), 


! Dieser Abschnitt enthält nur das Allerwichtigste; Genaueres ist in den Abhand- 
lungen von Alles und Reuß in der »Zeitschrift für deutsche Mundarten: zu finden. 


304 Hans Reis. 


Trauwe (Traube); im Odenwald Kerche, Gosche (Mund), Stuwzwe (Stube), 
Schale usw. Dort ferner, wo altes er lautgesetzlich zu rn wurde, finden sich 
Wörter, welche diese auf einen früheren Akkusativ hinzeigende Endung n 
ebenfalls in allen Kasus aufweisen; so heißt es in ganz Hessen mit Aus- 
nahme des äußersten Südwestens, der bekanntlich er auch nach r zu e ent- 
wickelt hat, Schweern (Maskulin), das auf altdeutsch swaere (Geschwür) 
zurückgeht, und in Oberhessen heißt es Mehr (Mühle), das aus früherem 
mülen in der gleichen Art entstanden ist wie schben (spielen). Warum in 
diesen Wörtern nicht der Nominativ durchgedrungen ist, erkennen wir 
leicht, wenn wir bedenken, daß sie ihrer Bedeutung nach nur selten im 
Nominativ, in der Regel aber im Dativ und Akkusativ gebraucht werden. 

Auf frühere Genitive gehen die Substantive Zeicks (Zeug), Dings 
(Ding) zurück und die davon abgeleiteten Personenbezeichnungen der 
Dinges, die Dinges, der Herr Dinges, die Frau Dinges!, wofür jedoch 
bei geringerer Betonung und größerer Sprechgeschwindigkeit die ein- 
silbige Form Dings eintreten kann, die bei Sachbezeichnungen Regel ist 
und vielleicht auch im Norden sich häufiger finden dürfte als im Süden. 
Auch die in Mainz gebräuchlichen Ausdrücke Peedern für Peterskirche, 
Ingnaaze, Ingenaaze für Ignatiuskirche sind alte Genitive, neben denen 
Kirche zu ergänzen ist. Ebenso, wie diese, könnte man auch Emmeran, 
Alban, Stephan für Genitive halten, in denen ein am Wortschluß stehendes 
nen durch Lautangleichung zu n geworden ist. 

Im Niederhessischen allein finden sich noch besondere, vom Nomi- 
nativ verschiedene Formen für den Dativ. So steht der Dativ de Lite 
neben dem Nominativ Lit (Leute), de Keppe neben Kepp (Köpfe), Kiwe 
neben A?k (Kühe), Beiwe neben Bei (Gebäude). In diesen Wörtern ist 
altes en zu e geworden, in andern zu n: so steht der Dativ Stänn neben 
dem Nominativ Siaö (Steine), Bänn neben Bai (Beine), Reen neben Rai 
(Raine), Woan neben Woa (Wagen), Doan neben Doa (Tage), Schoan 
neben Schuh (Schuhe). Für die Einzahl führen wir den Dativ Doah 
neben dem Nominativ Doak an; Doah geht lautgesetzlich auf altes fage, 
Doak auf tac zurück; die altdeutsche Verstärkung des in den Auslaut 
tretenden Konsonanten ist also im Schlitzer Land erhalten, während der 
inlautende Konsonant früh, wahrscheinlich schon vor dem Wegfall des 
auslautenden e, ausgefallen oder doch wenigstens sehr stark abgeschwächt 
worden war. Ebenso wie Doak und Doak müßten Stäh und Stäk (Steg). 
Wäh und Wäk unterschieden werden, doch haben hier Angleichungen 
stattgefunden, und zwar derart, daß man Wäk und Stäk immer sagena 
kann; es kann daneben noch heißen om Wäh, »doch niemals om Stäh: 
(Alles). Ob die erstarrten Dativbildungen zum Narren halten, zu Schan- 
den werden rein mundartlich oder Eindringlinge der Schriftsprache sind. 
mag dahingestellt bleiben. 


! Vgl. meine Beiträge zur Syntax der Mainzer Mundart $ 45, 3, wo die Entstehung 
dieser Ausdrücke erklärt ist. 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 305 


In den übrigen hessischen Mundarten, außer dem Niederhessischen, 
kennt man besondere Hauptwortformen nur noch für die Bildung der 
Mehrzahl. Hier sind dieselben Gruppen zu erkennen, wie sie die Schrift- 
sprache unter den Mehrzahlformen unterscheidet. Jedoch sind manche 
Wörter aus der einen Gruppe in die andere übergetreten. So haben die 
Mehrzahlformen mit Umlaut sich mehr ausgedehnt als in der Schrift- 
sprache; man bildet von Tag und Arm die Pluralformen Deech und Erm; 
Wäsem ist in Oberhessen die Mehrzahl von Wasen, Hing von Hund, 
Schück oder Schoi von Schuh, Pünkt von Punkt, Trep von Truppe, 
Jäck von Jacke, Zewer von Zuber, Dinner von Donner. In Oberhessen 
ist diese Art der Mehrzahlbildung häufiger als im Süden, der durchweg 
den umlautwirkenden Einflüssen einen kräftigeren Widerstand entgegen- 
gesetzt hat als der Norden. Da, wo in der Schriftsprache Formen 
mit und ohne Umlaut nebeneinander gestattet sind, gebrauchen unsere 
Mundarten meistens die umgelauteten Formen, so für Wagen, Kragen, 
Bogen. 

Die Pluralbildung auf er ist schon in der Schriftsprache bedeutend 
häufiger als im Altdeutschen, die Mundarten sind jedoch hier noch weiter 
gegangen. So heißt von Stück die Mehrzahl Sticker, Herzer von Herz, 
Dinger von Ding, Bordrülter von Porträt, Hemmer von Hemd, Better 
von Bett, Gesprächer von Gespräch, Geschwätzer von Geschwätz. Auch 
das Mensch (Mädchen, Schatz, Braut) hat als Mehrzahl Menscher. Es 
sind dies meist Hauptwörter sächlichen Geschlechts, doch finden sich 
auch einige maskuline mit er, wie Derner von Dorn und Stoaner von 
Stein, doch sind diese bedeutend seltener als die Neutra. Auch findet 
sich sehr selten im ganzen Gebiete dieselbe Pluralbildung, im Gegenteil 
bildet manchmal in benachbarten Orten das gleiche Wort die verschieden- 
artigsten Pluralformen; neben dem erwähnten Stoaner steht z. B. Stoa, 
neben Kinner heißt es auch Kinn. 

Auch die Verkleinerungsformen auf chen (mundartlich che) bilden 
ihre Mehrzahl durchweg auf cher; vgl. Stickelcher (Stückchen), Brürercher 
(Brüderchen), Gatlcher (Gäulchen), Eselcher, Schächtelcher oder Schach- 
telcher. Die Pluralform eines Verkleinerungswortes kann aber auch von 
der Mehrzahl des Stammwortes abgeleitet werden. So heißt es in der 
Schriftsprache hie und da Kinderchen neben Aindchen; in unseren Mund- 
arten geschieht dies erst recht, indem zuerst die Pluralendung er an das 
Stammwort und daran hierauf die zur Verkleinerung dienende Endung 
cher angehängt wird, so daß als Ganzes die Endung ercher für die Mehr- 
zahl der Verkleinerungsformen gebraucht wird. Solche Bildungen sind 
Kinnercher (Kindchen), Meedercher (Mädchen), Berschercher (Bürschlein), 
Mennercher (Männchen), Bahnercher (Beinchen), Feelercher (Vögelchen) u.a. 

Da auslautendes e lautgesetzlich weggefallen ist, sind die alten mit 
der Endung e gebildeten Pluralformen nunmehr endungslos geworden, so 
daß unsere Mundarten zwischen den beiden Pluralbildungen, der mit der 
Endung e und der ohne Endung, nicht mehr unterscheiden können. Sie 

Zeitschrift für Deutsche Mundarten. 1V. 90 


306 Hans Reis. 


bilden also die Mehrzahl von Tisch und Fisch gerade so wie von Finger 
und Fenster. Immerhin besteht wenigstens im Niederhessischen und einem 
Teil des Oberhessischen noch eine Erinnerung an die frühere Verschie- 
denheit, und zwar erstens dadurch, daß die Entwicklung des inlautenden 
Konsonanten schon vor Abfall des e eine ganz andere Richtung ein- 
geschlagen hatte als die des auslautenden Konsonanten, und zweitens 
insofern, als der Stammvokal einsilbiger Wörter ebenfalls anders behandelt 
wurde als bei mehrsilbigen. Beides war ja auch im größeren südlichen 
Teil Hessens der Fall, aber dort wurden die hierdurch entstandenen Unter- 
schiede durch Formenangleichung wieder beseitigt. Zum Teil geschah 
dies zwar auch in Nordhessen, immerhin sind dort die lautgesetzlichen 
Formen noch bei einer Anzahl von Wörtern erhalten. So hat die Ein- 
zahl den kräftigen Konsonanten des Auslauts in Hond (Hund), Pond, 
Gank (Gang), Rink, Berk, Wald, Schloak (Schlag), Schuck (Schuh), Haut; 
die Mehrzahl hat aber den abgeschwächten oder angeglichenen Konso- 
nanten des Inlauts in Honn, Ponn, Geng, Bing, Bärj, Wäll, Schlah, 
Schuh, Häur. Ferner steht in der Einzahl der verlängerte Vokal ein- 
silbiger Wörter in Hahnd (Hand), Dahnz (Tanz), Buhch (Bauch), Foof 
(Fuß), Flooß (Fluß), Nooß; die Mehrzahl hat aber den kurzen Vokal, wie 
er sich bei mehrsilbigen Wörtern entwickelt hat, in Hänn, Dänz, Bich, 
Fess, Fless, Ness. 

Bei manchen Wörtern haben die Mundarten noch im Gegensatz zur 
Schriftsprache die alte Mehrzahlbildung erhalten. So entspricht das um- 
lautslose Baam dem früheren boume (Bäume); an Stelle der Endung er 
steht keine Endung in Werm (Würmer), das dem altdeutschen irme 
entspricht. Ähnlich ist Wäll für Wälder zu erklären, während Kinn 
(Kinder) schon im Altdeutschen endungslos war. Das gleiche gilt für 
den in der Wetterau gebräuchlichen Plural Mann (Männer); das eben- 
falls dort vorkommende Borsch für Burschen — ein aus dem Lateinischen 
stammendes Lehnwort mit eigenartiger Entwicklung im Deutschen — 
geht wohl auf Bursche zurück, wie es bei Goethe heißt: Hatte den neuen 
Rock ...... angezogen und war frisiert wie die übrigen Bursche. 

Die schwache Endung en ist lautgesetzlich zu e geworden, wenn 
nicht ein r vorhergeht. So findet sich in unsren Mundarten wieder eine 
Endung e, die aber mit dem altdeutschen und schriftdeutschen e nicht 
das geringste gemein hat; denn letzteres ist eine Endung der bisher be- 
handelten stark deklinierten Hauptwörter, während unser mundartliches 
e sich nur bei den Wörtern mit schwacher Beugung findet, so in Mensche, 
Lerche, Rawe (Raben), Aache (Augen). Nach r jedoch steht nicht e, son- 
dern n, vgl. Herrn, Diern (Türen), Ehrn (Ähren), Uhrn, Ohrn, Mohrn. 
Nach dem Vorbilde solcher Wörter, vielleicht auch noch unter Mitwir- 
kung früherer Dative, bilden auch noch andere Hauptwörter auf r ihre 
Mehrzahl durch die Endung n, so heißt es Kewwern für Käfer, Hoorn 
für Haare, Babiern für Papiere, Diern für Tiere, Doorn für Tore, Jahrn 
für Jahre. Es sind, abgesehen von Käfer, das im Gegensatz zur Schrift- 


Dio Mundarten des Großherzogtums Hessen. 307 


sprache auch früher schon schwach dekliniert werden konnte, meistens 
Neutra, die im Altdeutschen endungslos waren. Die Pluralbildung auf 
n hat sich bei den auf r auslautenden Wörtern so ausgedehnt, daß sie 
geradezu als eine Eigentümlichkeit dieser Wörter bezeichnet werden kann. 
Eine Ausnahme hiervon macht das südliche Rheinhessen, da dort en auch 
nach r zu e geworden ist. 

Nur scheinbare Plurale liegen vor in den Wendungen e Jahrer drei, 
e Wochener vier, e Dager vierzehn, Stücker achtzig. Die Endung er ist 
hier nichts anderes als ein verkürztes oder, und jene Wendungen bedeuten 
wörtlich eine Wochen (altdeutscher Akkusativ) oder vier, ein Jahr oder 
drei, ein Tag oder vierzehn, ein Stück oder achtzig (am Niederrhein heißt 
es ein Stückeder achtzig). Die Verbindungen dieser Zahlen sind übrigens 
inhaltlich zu wenig natürlich und daher auch schwerlich etwas Ursprüng- 
liches. Man hat daher in ihnen scherzhafte Wendungen sehen wollen, 
aber solche Scherze sind doch sehr gekünstelt und kommen nur ausnahms- 
weise vor. Entstanden ist dieser Gebrauch bei kleinen, aufeinander fol- 
genden Zahlen: ein Tag oder zwei, drei, vier, oder im Handel: ein Stück 
oder sechs oder zwölf (ein Stück oder ein Halbdutzend oder ein Dutzend), 
und erst nachdem dies die nahe liegende Bedeutung von wngefähr sechs 
Stücke, ungefähr zwei, drei, vier Tage angenommen hatte, wurde es 
auch auf größere Zahlen übertragen. Da in Hessen vor Stücker sechs 
nicht das in andern Mundarten übliche ein steht und Stücker die regel- 
mäßige Mehrzahlform ist, wäre es an und für sich nicht ausgeschlossen, 
in Stücker sechs einen einfachen Plural zu sehen — allerdings mit eigen- 
tümlicher Stellung des Zahlworts. Die andern Mundarten verbieten jedoch 
eine solche Annahme, und für Tager, Wochener, Jahrer ist auch in den 
hessischen Mundarten eine solche Auffassung nicht zulässig. 

Scheinbare Plurale sind auch die früheren Genitive bei Familien- 
namen, wobei starke und schwache Formen zu unterscheiden sind. Solche 
Ausdrücke bedeuteten ursprünglich die Familie des Betreffenden, sind 
also Genitive und zwar der starken Deklination in s Kellers (Kellersch), 
s Wagners, s Dibbels, s Papes und der schwachen Deklination in s Diehle, 
s Flecke, s Schmitte, s Götze. Die Genitive der beiden Deklinationen 
bestanden zunächst einige Zeit nebeneinander. Auf die Dauer ist ein 
solches Nebeneinander dem Sprachgefühl lästig, und eine von beiden 
Formen wird verdrängt. In der Mainzer Gegend ist nun die schwache 
Form zur unbedingten Herrschaft bei einsilbigen Familiennamen gelangt. 
Bei mehrsilbigen Familiennamen überwiegt die starke Form auf s; die 
schwache Form steht in der Regel nur bei den auf s auslautenden 
Wörtern, so s Matthese, s Moritze, s Felikse. Im Oberhessischen ist die 
Form auf s etwas häufiger als im Süden. In Friedberg findet sich schon 
in Trapps neben ins Trappe; wahrscheinlich ist die erstere Form aus 
nördlicheren Gegenden eingedrungen. Auch die Auslassung des Artikels 
s dürfte dorther kommen, sie scheint schon im Niederhessischen, so im 
Schlitzer Land, Regel zu sein. Aber auch sonst hat Oberhessen die 

20* 


308 Hans Reis. 


Formen mit s, wo Rheinhessen e hat, z.B. s Erbs gegen s Erbe, s Raus 
gegen s Raue, s Neus gegen s Neue. Im Norden Deutschlands ist die 
Form mit s alleinherrschend, und dem entspricht es, daß, je weiter wir 
in unserem Lande nach Norden kommen, uns die Formen mit e immer 
seltener und die mit s immer häufiger begegnen. Vom Sprachgefühl 
werden diese Formen durchaus als Pluralformen aufgefaßt; denn das 
Zeitwort steht in der Mehrzahl, z. B. s Falke sind da. Ob hierbei ein 
früherer Plural, etwa Angehörige oder, was unsrer Mundart mehr ent- 
spräche, Leute zu ergänzen ist, oder ob die tatsächliche Mehrzahl der 
Personen auch zur Wahl der Mehrzahl in der Sprache geführt hat, oder 
ob diese beiden Umstände zugleich gewirkt haben, dürfte heute nicht 
mehr entschieden werden können. 


Die unechten Formen des Zeitworts. 

Bei den Formen des Zeitworts unterscheiden wir die unechten 
oder nominalen von den echten Formen des Zeitworts, dem sog. verbum 
finitum. Die unechten Formen sind Partizip und Infinitiv. Von den 
zwei Partizipien der Schriftsprache kennen unsre Mundarten als lebendige 
Form nur noch das zweite, das Partizip der Vergangenheit. Die Frage, 
ob vielleicht das erste Partizip noch in manchen Infinitiven fortlebt, ist 
für uns zunächst unwesentlich. Im folgenden ist daher unter »Partizip: 
immer nur das Partizip der Vergangenheit zu verstehen. 

Der Unterschied zwischen starker und schwacher Konjugation zeigt 
sich, da unsre Mundarten das Imperfekt vielfach eingebüßt haben, haupt- 
sächlich im Partizip. Die schwache Form hat im Schriftdeutschen 
die Endung ? oder et; die hessischen Mundarten haben infolge der laut- 
gesetzlichen Verkürzung nur die Endung ?. Vgl. gerett (geredet), gebett 
(gebetet), gerechnt (gerechnet), geadmt (geatmet). 

Der Stammvokal des schwachen Partizips wich im Mittelhoch- 
deutschen noch in beträchtliichem Umfang vom Infinitiv ab. Im Neu- 
hochdeutschen ist er meist dem des Infinitivs, also dem Vokal, der auch 
in den meisten übrigen Formen vorherrscht, angeglichen worden; ein 
anderer ist er nur noch in den Zeitwörtern brennen, nennen, kennen, 
rennen, denken, bringen, ebenso in senden und wenden, in denen aber 
auch die regelmäßige Formenbildung vorkommt. Wie diese Zeitwörter, 
bildeten früher noch manche andere ihr Partizip, und man sollte dem- 
gemäß auch von decken, schmecken, stellen u. a. die Formen gedackt, gr- 
schmackt, gestalli erwarten. Unsre Schriftsprache hat jedoch hier An- 
gleichung an den Infinitiv eintreten lassen. Der größte Teil der hessischen 
Mundarten folgte ihr nicht nur hierbei, sondern dehnte diese Anlehnung 
auch noch auf die meisten oben genannten Zeitwörter brennen, nennen usW. 
aus, bildet also die Formen gebrennt, genennt, gekennt, gerennt, gewendt 
(senden kommt in der Mundart nicht vor). Nur von bringen und denken 
werden die Formen yebrockt und gedocht gebildet, aber nicht ausnahmslos: 
vielmehr dürfte die Form gedenkt noch häufiger vorkommen und hat neuer- 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 309 


dings in der Mainzer Gegend ihr Geltungsbereich auf Kosten von gedocht 
beträchtlich ausgedehnt, und an Stelle von gedbrocht ist die nach dem 
Muster von gesungen, gesprungen gebildete starke Form gebrunge weit 
verbreitet. Diese neuesten Analogiewirkungen begannen in den Städten, 
vielleicht unter dem Einflusse anderer Mundarten, während auf dem 
Lande vereinzelte Formen leichter erhalten bleiben. So erklärt es sich, 
daß es in der Stadt Bingen abweichend von der Schriftsprache gebrunge 
heißt, dagegen im Binger Landkreis brocht. Ebenso ging die Stadt Mainz 
mit der Formenbildung gedenkt dem benachbarten Lande voraus. Auch 
von den Zeitwörtern wissen, können, dürfen, müssen bilden unsre Mund- 
arten die Formen gewisst, gekennt, gederft und gemißt, also auch hier 
gleicher Vokal bei Infinitiv und Partizip. 

Nur vereinzelt finden sich die alten Formen, und zwar im Nieder- 
hessischen und in Teilen des Oberhessischen nicht allzu selten, da- 
gegen nur als Ausnahmen im südlichen Teil Hessens. So sagt man im 
Niederhessischen gebrannt, wie in der Schriftsprache; ferner bildet man 
noch, dem Altdeutschen entsprechend, gehort von hören, gestaalt (Ver- 
längerung des Vokals wie in alt) von stellen, verrockt (o für u wie in 
Luft) von verrücken, geschmackt von schmecken. Letztere Form findet 
man auch in Rheinhessen. 

Bei manchen Zeitwörtern ist die schwache Formenbildung an Stelle 
der früheren starken getreten; vgl. gescheint für geschienen, gebitt für 
gebeten, gemeidt. für gemieden, gewest, gewescht für gewesen, und im 
Nordhessischen geschett für geschieden. Eine Vereinigung beider Bildungs- 
arten zeigt sich bei gesprocht für gesprochen, in Nordhessen bei gemott, 
das dort neben gemett vorkommt und durch mehrfache Analogiewirkungen 
eigentümlicher Art entstanden ist. 

Auch das Umgekehrte, der Übergang zu den starken, ablautenden 
Formen, findet sich bei uns. Außer dem schon erwähnten gebrunge 
gehört hierher gesotze für gesetzt, gehonke für gehängt, gegunne für ge- 
gönnt, gestocke für gesteckt, und daneben, durch Vereinigung beider Bil- 
dungsarten entstanden, gestockt. Doch steht unsre Gegend hier zurück 
hinter Norddeutschland, das in großem Umfange derartige Formen durch 
Analogie geschaffen hat. 

Der Stammvokal der starken Partizipien weicht vom schriftdeutschen 
Gebrauch kaum ab. Hier sei nur geloffe für gelaufen erwähnt, das man in 
ganz Hessen, mit der regelmäßigen Bildung gelaafe wechselnd, findet. Es 
ist dies übrigens nur zum Teil eine Form von /aufen, denn der Stammvokal 
rührt von dem in gleicher Bedeutung früher vorkommenden und noch 
jetzt in Schweizer Mundarten gebräuchlichen Wort lopen her. Sonst 
herrscht meist Übereinstimmung mit der Schriftsprache, nur daß der den 
Mundarten eigentümliche Lautbestand festgehalten ist. So steht e für č 
in geblewwe oder blebb, gerebb (gerieben), geschrewie, geresse usw. in den 
meisten Gegenden Hessens; o für schriftdeutsches u im Oberhessischen 
in gefonne (gefunden), gesonge; umgekehrt ist in andern Teilen Hessens 


310 Hans Reis. 


das alte % inı Gegensatz zur Schriftsprache erhalten, vgl. kumme (ge- 
kommen), genumme, besunne, gewunne. 

Die Vorsilbe ge, die wir heutzutage als einen notwendigen Be- 
standteil des Partizips ansehen, diente einst dazu, dem Zeitwort »die 
Bedeutung des momentanen Geschehens zu geben, so daß es entweder 
das Geraten in einen Zustand ausdrückt oder den Abschluß eines Vor- 
gangs« (Paul). Aus dieser Bedeutung ergab sich ohne weiteres ein un- 
gemein häufiger Gebrauch dieser Vorsilbe beim Partizip der Vergangenheit, 
so daß schon in den althochdeutschen Schriften nur ganz wenige solcher 
Partizipien ohne ge vorkommen, und zwar von den Zeitwörtern kommen, 
finden, bringen, werden, (reien, Im Odenwald sagt man heutzutage noch 
funne, brocht, troffe; kumme und worn finden sich auch in den übrigen 
Teilen Hessens, und zwar worn nicht nur, wie im Schriftdeutschen, beim 
Passiv, sondern auch für geworden, z. B. in dem Satze er ist grof corn. 
Außerdem haben wir noch solche alten Formen ohne ge in bliwwe (ge- 
blieben), gewwe (gegeben), krieht oder krickt (gekriegt, bekommen), gange, 
losse (gelassen), docht (gedacht). Auch gesse, dessen Bildung nicht ganz 
regelmäßig ist, sei hier erwähnt. 

Die Vorsilbe ge beim Partizip findet sich übrigens: nur noch in 
einem Teile des deutschen Sprachgebietes, und zwar im Mitteldeutschen 
südlich von einer Linie, die von Wesel über Hofgeismar, Münden, 
Burg a. d. Elbe nach Posen führt, und nördlich von einer Linie, die von 
Gebweiler und Schlettstadt über Baden, Bretten, Wimpfen, Mergentheim, 
Baireuth und Hof nach der tschechischen Sprachgrenze zieht. So er- 
scheint die Erhaltung dieser Vorsilbe als eine besondere mitteldeutsche 
Eigentümlichkeit, die sich im Westen über einen viel breiteren Raum 
nach Norden und Süden hin erstreckt als im Osten. Der Anlaut ist der 
Lautentwicklung entsprechend im Norden stimmhaft und im Süden 
stimmlos, ja im Norden ist er nicht mehr Verschlußlaut, sondern j, und 
im Süden finden sich in der Nähe der Grenzlinie häufig mancherlei Ver- 
stärkungen, so ga im Elsaß und ke östlich davon. Das Überraschende 
ist dabei, daß zunächst von Norden nach Süden eine ununterbrochene 
Verstärkung erscheint von dem gänzlichen Fehlen der Vorsilbe über je, 
und ge zu ga und ke, .und dann auf einmal wieder die Vorsilbe wegfallen 
kann. Letzteres tritt übrigens durchaus nicht plötzlich auf. Denn ein 
Gebiet nördlich davon hat die Vorsilbe ge vielfach durch Ausstoßung von 
e zu g verkürzt; dieses Gebiet ist im Norden begrenzt durch eine Linie, 
die vom Süden Lothringens über das Haardtgebirge nach Osten zieht, 
den Rhein bei Worms und den Main bei Klingenberg überschreitet, um 
über Spessart und Rhön nach dem Erzgebirge zu ziehen. Südlich von 
dieser Linie finden wir also bald ga bald g, und zwar überwiegt im 
Norden und Westen g entschieden. Wahrscheinlich hat hier die Vor- 
silbe eine doppelte Entwicklung gehabt, indem sie unter dem Einflusse 
verschiedenartiger Betonung oder vielleicht auch des folgenden Stamm- 
anlautes eine stärkere und eine schwächere Gestalt annehmen konnte. 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 31 


Durch Analogie traten dann mannigfache Angleichungen ein, deren Er- 
örterung im einzelnen wir den Kennern der südlichen Mundarten über- 
lassen müssen. 

Im östlichen Oberhessischen und im Niederhessischen kann die 
Vorsilbe ge auch beim Infinitiv gebraucht werden, nur daß sie ur- 
sprünglich hier nicht, wie beim Partizip, den Abschluß eines Vorgangs, 
sondern das Geraten in einen Zustand ausgedrückt hat; z.B. er möcht 
gefresse (fressen), er muß geschbiern (spüren), er doat gehewe (tat heben), 
er konnt gesah (sagen), er konnt gemache (machen), er kann geschmuse, 
gelaire (leiden), gemole (malen), gelern (lernen), gefrei (freien), gesei (sein), 
gedoh (tun), odgehalt (abhalten), gefligge (fliegen), gewerr (werden), ge- 
schwatz (schwätzen), gegla: (glauben), gegieh (gehen). Beim Infinitiv, der 
mit x verbunden ist, wird ge niemals vorgesetzt. Man findet diese Er- 
scheinung nicht nur im Hessischen, sondern auch im Ostfränkischen und 
Thüringischen. Vom Altenburgischen sagt Weise!: »Zuweilen steht noch 
jetzt, wie früher in größerem Umfange, ein ge vor dem Infinitive. So 
findet sich diese Vorsilbe im größeren mittleren Teil des Mitteldeutschen, 
nur der äußerste Osten und der äußerste Westen scheinen sie nicht zu 
kennen. Im Altdeutschen? war ge außerhalb des Partizips noch ziemlich 
gebräuchlich, wenn auch in keinem Falle seines Vorkommens »absolut 
erforderlich«, und zwar wurde es schon damals gern vor den Infinitiv 
gesetzt, jedoch nicht ausschließlich, und häufig genug sind die Fälle, in 
denen es mit andern Zeitwortformen verbunden wurde Aber heute 
kommt letzteres nur ganz vereinzelt vor, beim Infinitiv dagegen wird es 
gerade in den Gegenden noch gebraucht, wo es auch im Partizipium 
Regel ist: im Mitteldeutschen und in dem angrenzenden (ostfränkischen) 
Teil des Oberdeutschen. Daß es nicht so weit verbreitet ist wie beim 
Partizip, daß es im Obersächsischen und im Rheingebiet nicht durch- 
gedrungen ist, ist, zum Teil wenigstens, dem Einflusse der Schriftsprache 
zuzuschreiben. 

Die altdeutsche Endung ex ist in unsren Mundarten lautgesetzlich 
teils zu e, teils zu n abgeschwächt worden. Die gebräuchlichste Ab- 
schwächung ist die zu e; das bloße n findet sich nur in zwei Fällen: 
erstens nach Vokalen, und zwar nicht nur dann, wenn der Vokal ur- 
sprünglich vor der Endung stand, wie in getan, sondern auch wenn er 
erst durch Wegfall inlautender Konsonanten vor dieselbe trat, so in ge- 
siehn (gesehen), geschlahn (geschlagen), gehahn (gehalten). Da schon im 
Mittelbochdeutschen derartige Zusammenziehungen nicht selten sind, 
konnte es nicht ausbleiben, daß dieses n lautgesetzlich weggefallen und 
dabei Nasalierung des vorhergehenden Vokals eingetreten ist; vgl. geschlä 
(geschlagen), gedä (getan), gel& (gelegen), gesch@ (geschehen), să (sagen), 
schlä (schlagen). Die Endung n findet sich zweitens nach r in gefahr, 


! Syntax der Altenburger Mundart § 171. 
? Paul, Mbd. Gr. $ 306 — 308. 


312 Hans Reis. 


geschorn, geborn, verlorn, heern (hören), schbiern (spüren). Im Süden 
Rheinhessens sind jedoch auch vielfach Formen mit e vorhanden, wie es 
ja dem dort gültigen Lautgesetze entspricht, so gefahre, verlore, geschore, 
gebore, geschehe, gelehe. Auch im nördlichen Rheinhessen finden sich diese 
Formen neben denen mit n; letztere sind die lautgesetzlichen, während 
erstere teils der Einwirkung der benachbarten südlichen Mundarten, teils 
der Anlehnung an die doch viel häufiger vorkommende Formenbildung mit 
e ihre Entstehung verdanken. 

Im westlichen Rheinhessen ist das starke Partizip ohne Endung, 
im Gegensatz zum Infinitiv sowie den andern Formen des Zeitworts und 
der übrigen Wortklassen, die en nicht gänzlich weggeworfen, sondern 
nur zu e abgeschwächt haben. Beispiele für diese endungslosen Parti- 
zipien sind genumm (genommen), kumm (gekommen), blebb (geblieben), 
geloff (gelaufen), gekresch (gekrischen, geschrieen), getroff, gefunn (ge- 
funden), gepeff (gepfiffen), gehall (gehalten), gefall (gefallen), gehaaß (ge- 
heißen). Zu diesem westlichen Teil Rheinhessens, wo man gebroch für 
gebrochen sagt, gehören noch die Orte Alzey, Gau-Odernheim, Gau- Alges- 
heim, während man in Bingen, Oppenheim und Pfeddersheim gebroche 
sagt. Dieses Gebiet stellt den Grenzbezirk eines größeren westlichen 
Landes dar, in dem die Endung er des ablautenden Partizips vollständig 
weggefallen ist. Im wesentlichen ist es linksrheinisches Land, doch findet 
sich diese Erscheinung auch in einigen rechtsrheinischen Orten zwischen 
Rüdesheim und Neuwied, entfernt sich dort jedoch fast gar nicht vom 
Rhein, so daß sie schon auf den Höhen des Taunus und Westerwalds 
nicht mehr wahrzunehmen ist. Im Westen geht sie jedoch bis Saarburg 
und Bitsch, Forbach und Saarbrücken, also bis zur französischen Sprach- 
grenze, sie findet sich in Zweibrücken, Pirmasens, Kaiserslautern, Kreuz- 
nach, im Hunsrück und an der Mosel, in Trier und in Koblenz. 

Wie dieses westmitteldeutsche Gebiet seinen Ausläufer im Groß- 
herzogtun Hessen hat, so auch ein östliches Gebiet, das sich in dem 
größten Teil des Türingischen findet und im Ostfränkischen auch auf das 
Oberdeutsche übergreift. Auch hier ist die Endung en vollständig weg- 
gefallen, aber nicht beim Partizip, sondern beim Infinitiv. Von Hessen 
gehört nicht einmal mehr das Oberhessische hinzu, auch ein Grenzstreifen 
des Niederhessischen mit Lauterbach und Grebenau hat noch eine Infinitiv- 
endung; im übrigen Teil des Niederhessischen jedoch, im Schlitzer Lande 
und in der Umgegend von Fulda, finden sich die endungslosen Infinitive 
ohne Ausnahme, und zwar mit der Vorsilbe ge in den schon oben er- 
wähnten ygelern, gefrei, gedoh, obgehalt, gewerr, geschwatz, geglai, gegieh 
und ohne diese Vorsilbe in verzehl (erzählen), kenk (hängen), loss (lassen), 
gah (geben), dänk (denken), rot (raten), schloff (schlafen), lied (leiden), 
krich (kriechen), schbill (spielen), nahm (nehmen), märk (merken), ai: 
(setzen). 

Wenn der Infinitiv mit xx verbunden ist, so fällt die Endung nicht 
fort; neben dänk steht also se dänke (zu denken), se rote (zu raten) neben 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 313 


rot, se schloffe neben schloff usw. Bei dieser Verbindung hieß es nämlich 
im Altdeutschen nicht geben, nemen, sondern ze gebenne, xe nemenne; 
die Infinitive mit zu und ohne zu waren also früher sehr scharf unter- 
schieden, und dieser Unterschied hat sich in jenem Gebiet noch insofern 
erhalten, als bei zu der Infinitiv seine Endung, die ja früher viel stärker 
war, nicht verloren hat, während in der Schriftsprache und in vielen 
Mundarten jener Unterschied durch Formenangleichung beseitigt worden 
ist. Aber auch ohne zu findet sich noch der Infinitiv mit Endung nach 
gehen, führen, sich legen, bleiben, sein, haben, nennen, heißen (jedoch 
nicht nach werden), sowie wenn er als Subjekt oder Objekt, als Ausruf 
oder Befehl gebraucht wird.! Auch in diesen Fällen sind die Formen 
nicht vom mittelhochdeutschen Infinitiv abzuleiten; vielmehr ist für sie 
das unseren Mundarten abhanden gekommene Partizip des Präsens als 
Urform anzusetzen, und da diese Form im Altdeutschen die Endung 
ende hatte, z. B. nemende (nehmend), so mußte sie auch eine andere Ent- 
wicklung haben als der Infinitiv mit der Endung en, und diese Verschie- 
denheit wird sich überall da finden, wo nicht, wie in vielen Gegenden 
Deutschlands und in der Schriftsprache, Formenangleichung eingetreten 
ist. Erhalten ist der alte Unterschied aber im Niederhessischen, Ost- 
fränkischen und Thüringischen. Allerdings im nördlichen und östlichen 
Teil des Thüringischen, wo auslautendes e und n nur unter bestimmten 
Umständen weggefallen sind, ist er in andrer Weise erhalten als in den 
übrigen erwähnten Mundarten. Dort wechseln nicht Endungslosigkeit 
und Endung e, sondern Endung e und Endung en, so in Erfurt, Weimar, 
Nordhausen, Merseburg und Naumburg. 

Wie ist es nun aber zu erklären, daß die Endung en bei ge- 
wissen Zeitwortformen eine ganz andere Entwicklung hat als bei den 
übrigen Wortformen? Wie erklärt es sich, daß diese Endung das eine 
Mal beim Partizip und das andere Mal beim Infinitiv gänzlich ge- 
schwunden ist? Nach den für die fränkischen Mundarten geltenden 
Lautgesetzen entspricht die Endungslosigkeit einem altdeutschen e, wir 
müssen also annehmen, daß in diesen Gegenden bereits im Mittelhoch- 
deutschen en unter gewissen Umständen zu e geworden und dieses 
neu entstandene e dann ebenso wie die bereits vorhandenen e weg- 
gefallen ist. Es fragt sich nun, unter welchen Umständen dieser früh- 
zeitige Wandel von en zu e eingetreten ist, und warum gerade bei 
Infinitiv und Partizip. 

Zur Erklärung hat man darauf hingewiesen, daß in manchen Mund- 
arten, wie im Thüringischen, »bei auf Nasal ausgehenden Wurzeln das 
n der Endung en lautgesetzlich abfiel und dann die andern Fälle sich 
nach deren Analogie richteten. Damit stimmt die Tatsache, daß in den 
althochdeutschen Frankfurter Glossen nur in der Nachbarschaft des Nasals 


ı Genaueres gibt für die Altenburger Mundart Weise, Syntax der Altenburger 
Mundart $ 172 —175. 


314 Hans Reis. 


das n des Infinitivs abgefallen ist. Weshalb in der einen Gegend gerade 
beim Infinitiv, in der anderen gerade bei dem Partizip diese Art der 
Ausgleichung stattfand, bleibt dunkel«!, und daher ist diese Erklärung 
für sich allein nicht ausreichend, um so mehr, als im westlichen Ge- 
biete bei auf Nasal ausgehenden Wurzeln das n der Endung lautgesetz- 
lich nicht abfiel. I 

Suchen wir daher eine andere Erklärung. Es sei zunächst daran 
erinnert, daß der vollständige Abfall der Endungen in einer Zeitwortform 
eine Eigentümlichkeit auch des Moselgebietes ist. Nun sind aber die 
Siebenbürger Sachsen solche Moselfranken, die 1141—1211 in jenes 
östliche Hochland eingewandert sind.? Bei der Sprache dieser »Sachsen:« 
ist nun die Endung er in der Regel erhalten; bei engem Anschluß jedoch 
an ein folgendes Wort kann en zu e werden, wobei die Frage, ob dies 
bei allen oder nur bei bestimmten Anlauten geschehen ist, für unsere 
Erörterung ohne Bedeutung ist. Beispiele sind (nach Firmenich) folgende 
Verbindungen, in denen auslautendes e schriftdeutschem er entspricht: 
den gonze Dooch (den ganzen Tag), en aalde Mann, den garstige Bären, 
kenne xe lernen, beschaffe wären, hadde (hatten) se gesagt, woore gor 
lustig (waren gar), gegange wor, verkroche sich, fenge se (fingen sie), daat 
haade se kenne bleiwe lossen, tanzte wieder (tanzten). woore lustig, liewe 
läßt, schleife soll, rede könnt, entsetxte sich, finge wieder, mache soll, 
worde wieder (wurden), ginge se, glaubte se, wore froh, wollte (wollten) 
gern sehen, bliwwe (geblieben) wären, bleiwe lossen, wolle gere (gem) 
sich bemühen, soll höre lossen, an de Schuhe fehle Sohlen. Die letzten 
Beispiele sowie einige von den anderen zeigen besonders deutlich, daß 
en nur bei engem Anschluß an ein folgendes Wort zu e geworden ist, 
während am Schlusse des Satzes oder eines Satzabschnittes en erhalten 
blieb. Diese Eigentümlichkeit ist zu den Siebenbürger Sachsen nicht 
von den nächsten (übrigens immer noch recht weit entfernten) deutschen 
Mundarten Österreichs gekommen, da sie diesen letzteren ganz fremd 
ist; sie muß daher bei der Auswanderung nach Siebenbürgen entweder 
schon fertig aus der mitteldeutschen Heimat mitgebracht worden sein, 
oder es waren doch wenigstens alle seelischen und körperlichen Voraus- 
setzungen für eine solche Entwicklung damals schon vorhanden. Für 
ihre in der Heimat zurückgebliebenen Stammesbrüder müssen wir den- 
gemäß annehmen, daß sie in frühmittelhochdeutscher Zeit die gleiche 
Entwicklung bereits vollzogen hatten oder doch nahe daran waren, sie 
zu vollziehen. Aber nicht nur bei Infinitiv und Partizip, sondern auch 
bei andern Wortformen müßte’ sich dann heute Endungslosigkeit finden. 
Bei den Nominalformen ist diese auch, wie wir oben gesehen haben, 
schon durch andere Analogiewirkungen vielfach eingetreten. Auch bei 
den Pluralformen des Zeitworts finden wir Ansätze dazu im Altdeutschen; 


! Behaghel. Geschichte der deutschen Sprache $ 100, 3. 
* Biemer, Ethnographie der germanischen Stämme $ 204. 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 315 


hier aber wirkte die dritte Person des Präsens, die auf ent ausging, also 
eine kräftigere Endung hatte, der Abschwächung und Beseitigung der 
Endung mit Erfolg entgegen. 


Die schriftliche Überlieferung des Mittelhochdeutschen! zeigt uns 
den Wegfall von n nur in der ersten Person der Mehrzahl vor folgendem 
wir, Z. B. neme wir, näme wir, naeme wir, und beim Infinitiv in mittel- 
deutschen, besonders thüringischen Mundarten. Beim Partizip zeigt sich 
in der Schrift nichts davon. Aber dieses war damals in solchen Ver- 
bindungen seltener als in unsrer Schriftsprache; denn wo diese jetzt das 
Plusquamperfekt im Indikativ und im Konjunktiv setzen muß, konnte 
das Mittelhochdeutsche noch vielfach das Imperfekt gebrauchen, und unsre 
südlichen und westlichen Mundarten, die außerdem noch das Perfekt 
fast ausnahmslos an Stelle des Imperfekts eingeführt haben, weisen erst 
recht eine größere Zahl solcher Partizipien auf als das Altdeutsche. 
Immerhin müssen wir jedoch daraus, daß sich dieser Wegfall von m 
beim Partizip im Mittelhochdeutschen noch nicht nachweisen läßt, den 
Schluß ziehen, daß beim Partizip die Ausgleichung zwischen er und e 
zugunsten des letzteren später zum Abschluß gekommen ist als beim 
Infinitiv. Aber ein Nebeneinander von e und en, das später ein Neben- 
einander von Endungslosigkeit und e werden sollte, dürfte damals im 
mitteldeutschen Gebiet nicht nur beim Infinitiv, sondern auch beim 
Partizip vorhanden gewesen sein. 


In der Entwicklung vom Mittel- zum Neuhochdeutschen fanden nun 
bei diesem Nebeneinander verschiedenartige Ausgleichungen statt. Lassen 
wir die erst in der zweiten Hälfte des Mittelalters von Deutschen aus den 
verschiedensten Gegenden des Reiches besiedelten, wenn auch vorwie- 
gend mitteldeutschen Gebiete des Obersächsischen und Schlesischen außer 
Betracht, so haben wir noch ein westliches, mittleres und östliches Sprach- 
gebiet zu unterscheiden. Das mittlere Gebiet umfaßt die Gegend zwischen 
unterem Neckar, Main und Lahn, ein Land mit altehrwürdigen Städten, 
lebhaftem Handel und wichtigen Verkehrsstraßen. Hier ist kein Platz 
für die Entwicklung besonderer mundartlicher Eigentümlichkeiten, im 
Gegenteil entwickelt sich dort leicht eine gewisse Gemeinsprache, in der 
eine große Zahl mundartlicher Besonderheiten beseitigt worden ist. Und 
daß da auch Schriftsprache und andere Mundarten starken Einfluß aus- 
üben, kann nicht ausbleiben. Und so ist es nicht zu verwundern, wenn 
dort alle Formen mit der Endung en ziemlich gleichmäßig behandelt und 
Unterscheidungen, die sich etwa im Mittelhochdeutschen gebildet haben 
mochten, beseitigt worden sind. 


Es ist dies nur ein schmales mittleres Gebiet, besonders im Groß- 
herzogtum Hessen, wo eine Linie von Oppenheim bis Lauterbach die 
kürzeste Verbindung zwischen seiner Ost- und Westgrenze bildet. Indem 


* Paul, Mittelhochdeutsche Grammatik $ 155, Anm. 2 u. 8. 


316 Hans Reis. 


sich aber dieses Land schon früh zwischen ein östliches und westliches 
Sprachgebiet trennend eingeschoben hat, bewirkte es, daß der Osten und 
Westen ohne jede gegenseitige Beeinflussung, jeder nach seiner Art und 
und den ihm eigentümlichen Verhältnissen, die Ausgleichung vollzog. Im 
Osten oder, wenn wir genauer sein wollen, Ostnordosten wirkte zugunsten 
der Endungslosigkeit (oder doch Abschwächung) des Infinitivs, daß dort 
vielfach zwischen dem Dativ und den übrigen Kasus unterschieden wird: 
der Dativ ist mit einer Endung versehen, die übrigen Kasus endungslos. 
Wenn nun beim Hauptwort der Kasusunterschied noch beibehalten worden 
ist, so ist es dem nur entsprechend, wenn beim Infinitiv, der doch auch 
ein Hauptwort ist, ebenfalls noch in alter Weise zwischen dem Infinitiv 
ohne zu und dem Infinitiv mit zu (Gerundium), zwischen geben und ze 
gebenne, gäb und se gäwwe unterschieden wird.! Im Westen oder West- 
südwesten dagegen sind alle Kasusformen einander angeglichen, und wenn 
beim Hauptwort Dativ, Nominativ und Akkusativ einander gleich ge- 
worden sind, so auch beim Infinitiv. Beim einfachen Infinitiv schwankte 
man nun zwischen einer stärkeren und schwächeren Form, beim Infinitiv 
mit zu war aber die stärkere Form alleinherrschend; letztere konnte 
also immer und mußte häufig verwendet werden; sie gewann daher 
im Sprachgefühl einen festeren Halt als die endungslose Form, die zwar 
gebraucht werden konnte, aber niemals mußte. Sie dehnte nun ihr 
Geltungsgebiet allmählich immer mehr und mehr aus, bis sie schließlich 
alleinherrschend wurde. 


Wir haben gesehen, daß jene schwächeren Endungen beim In- 
finitiv früher als beim Partizip eingetreten sind, daß beim Infinitiv sie 
sogar schon in der altdeutschen Überlieferung aufgezeichnet worden sind, 
und auch in den aus dem Siebenbürgischen oben angeführten, aufs 
Geratewohl ausgewählten Beispielen finden sich bedeutend mehr Infini- 
tive als Partizipien. So dürfte die Entwicklung des Infinitivs mit 
schwächerer Endung oder Endungslosigkeit bereits abgeschlossen gewesen 
sein, als bei der Endung des Partizips noch Unsicherheit und Schwanken 
herrschte. Die alte Vorsilbe ge wird nun, wie oben gezeigt worden ist, 
noch heute in diesem östlichen Gebiet, beim Infinitiv recht häufig ge- 
braucht; ja diese Infinitive mit ge muß man als echt mundartliche Formen 
ansehen, und die vorsilbelosen Infinitive kamen anderswoher. Dann aber 
ist bei gleicher Endung zwischen Infinitiv und Partizip gar kein Unter- 
schied mehr, z. B. zwischen Aktiv und Passiv, zwischen ick werde 
rufen und ich werde gerufen. Eine solche Unterscheidung ist aber 
doch recht notwendig, und da nun beim Infinitiv die schwächere Endung 
bereits durchgedrungen war, während beim Partizip noch Schwanken 
herrschte, war diese Unterscheidung nur dann möglich, wenn man beim 
Partizip die dem Infinitiv gleiche Form möglichst vermied, dagegen 


! Vgl. Alles, Substantivflexion der oberhessischen Mundarten, Gieß. Dissert. 1907, 
S. 13 (auch in der Zeitschrift für deutsche Mundarten, 1907). 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 317 


diejenige Form bevorzugte, welche vom Infinitiv sich unterschied. So 
wurde denn im Osten für das Partizip nicht die schwächere, endungs- 
lose, dem Infinitiv gleiche, sondern die stärkere, vom Infinitiv verschie- 
dene Form gewählt. 

Da die Abschwächung und schließliche Beseitigung der Endung 
dadurch veranlaßt wurde, daß die Form eng mit dem darauf folgenden 
Wort verbunden war, so konnte eine Verallgemeinerung der endungs- 
losen Partizipien um so eher eintreten, je häufiger diese mit einem 
darauffolgenden Hilfszeitwort verbunden waren. Dies kam beim Partizip 
im Altdeutschen bekanntlich nicht gar so oft vor, häufiger ist es schon 
in unserer Schriftsprache, am häufigsten jedoch in den Mundarten, in 
denen das Imperfekt (ick kam, wurde geliebt) durch das Perfekt (ich 
bin gekommen, bin geliebt worden) vollständig oder teilweise ver- 
drängt worden ist. Im Süden und Westen geschah dies aber, wie wir 
noch später sehen werden, in viel größerem Umfange als im Osten und 
Norden, wo ja das alte Imperfekt noch reichlich gebraucht wird. Im 
Westen hieß es also häufig gekommen bin, gekommen sind, ge- 
schlagen werden, geschlagen worden usw.; die Fälle, in denen die 
Abschwächung dieser Endungen stattfand, sind also ziemlich häufig, und 
immer häufiger wurden sodann diese Formen mit abgeschwächter Endung 
gebraucht, und so ist denn schließlich das endungslose Partizip allge- 
mein durchgedrungen. 

Fassen wir kurz die bisherigen Erörterungen zusammen, so haben 
wir vier Entwicklungsstufen zu unterscheiden. Die erste Stufe — noch 
jetzt bei den Siebenbürger Sachsen erhalten — brachte eine Abschwächung 
der Endung en zu e bei engem Anschluß an das folgende Wort. Die 
zweite Stufe beschränkte das bei vielen Zeitwortformen nun entstandene 
Schwanken zwischen en und n auf Infinitiv und Partizip, während bei 
den Pluralformen dieses Schwanken zugunsten der Endung en (später e) 
beseitigt wurde. Inzwischen mag die lautgesetzliche Abschwächung der 
Endungen eingetreten, also früheres en zu e geworden und altes e weg- 
gefallen sein. Die dritte Stufe beseitigte jenes Schwanken beim ein- 
fachen Infinitiv mit Unterstützung des Gerundiums (Infinitiv mit z2), 
und zwar im Osten zugunsten der Endungslosigkeit, weil das Bedürfnis 
bestand, Infinitiv und Gerundium ebenso voneinander zu scheiden 
wie den Dativ und die übrigen Kasus, im Westen dagegen zu- 
gunsten der Endung, weil man dort zwischen Infinitiv und Gerundium 
ebenso wie zwischen dem Dativ und den anderen Kasus keinen 
Unterschied mehr machte. Die vierte Stufe beseitigte jenes Schwan- 
ken beim Partizip, und zwar im Osten zugunsten der Endung, weil 
nur so das Partizip von dem mit der Vorsilbe ge versehenen In- 
finitiv unterschieden werden konnte, im Westen aber zugunsten der 
Endungslosigkeit, weil im westlichen und südlichen Gebiet das Partizip 
besonders oft mit engem Anschluß an ein folgendes Wort gebraucht 
wurde. 


318 Hans Reis. 


Die echten Formen des Zeitworts. Präsens und Imperativ. 


Die Entwicklung, welche die echten Zeitwortformen erfahren haben, 
ist in unseren Mundarten durchaus nicht einheitlich. Wir müssen zwei 
Gebiete, ein nördliches und südliches, unterscheiden; in dem nördlichen 
ist das alte Imperfekt erhalten, in dem südlichen durch das Perfekt er- 
setzt worden. Die Grenze zwischen beiden Gebieten dürfte ungefähr 
mit der Südgrenze des Oberhessischen sich decken. In beiden Gebieten 
kommen, wenn wir von den Futurformen absehen, welche wegen ihrer 
formalen Gleichheit mit den schriftdeutschen Formen hier nicht behan- 
delt werden sollen, der Indikativ des Präsens und des Perfekts, der Kon- 
junktiv des Plusquamperfekts und der Imperativ bei allen Zeitwörtern vor 
und der Indikativ des Plusquamperfekts bei den Zeitwörtern, die dieses 
durch Umschreibung mit war bilden. Beiden Gebieten fehlt der Kon- 
junktiv des Präsens und des Perfekts. Dem südlichen Gebiet fehlt der 
Indikativ des Imperfekts bei allen Zeitwörtern mit Ausnahme von sein, 
der Indikativ des Plusquamperfekts bei den Zeitwörtern, die dieses durch 
Umschreibung mit katte bilden, und der Konjunktiv des Imperfekts bei 
den meisten Zeitwörtern. 

Die erste Person der Einzahl des Präsens hatte im Althoch- 
deutschen die Endungen u oder o, ôn oder ën: vgl. faru (fahre), swochu 
(suche), räto (rate), salbön (salbe), haben (habe). Im Mittelhochdeutschen 
wurden diese Endungen zu e und en abgeschwächt, in unseren Mund- 
arten fiel ersteres lautgesetzlich weg, und en wurde zu e. Dieser Unter- 
schied zwischen einer auf einen Vokal auslautenden Endung und einer 
den Konsonanten m (später bei uns zu rn geworden) enthaltenden Endung 
ist urindogermanisch. Im Schriftdeutschen ist jedoch außer dem unregel- 
mäßigen Zeitwort dch bin keine Spur jenes früheren Konsonanten mehr 
erhalten. Anders ist es in unseren Mundarten, in denen uns noch mannig- 
faltige Spuren eines früheren n oder en begegnen. Dieses alte » ist bei 
uns noch erhalten, wenn der Stamm auf r oder einen Vokal ausgeht, 
wobei es einerlei ist, ob der Vokal ursprünglich oder erst in neuester 
Zeit den Auslaut des Stammes bildete; es heißt demgemäß noch ich dun 
(tue), ich gehn, ich stehn, ich hon (habe), ich sahn (sage). Durch Analogie 
ist n wahrscheinlich schon in ziemlich früher Zeit, als es noch am 
Schluß gesprochen wurde, auf eine große Anzahl von Zeitwörtern über- 
tragen worden, in denen es zuvor keinen Platz gehabt hatte, und so 
sagt man heute auch ch ziehn, ich fahrn, ich wern (werde), ich schbiern 
(spüre), ich friern, ich geen oder gien (gebe), ich schlahn. Nach 
einem Vokal konnte dieses n wegfallen, allerdings mit Nasalierung des 
vorhergehenden, Lautes, doch ist dieses im Süden Hessens nicht sehr 
häufig. 

Wenn der Stamm auf einen Konsonant ausgeht, so ist en zu e ge- 
worden; alsdann stimmen die Endungen von Mundart und Schriftsprache 
überein, so verschieden auch ihr Ursprung ist. So sagt man dch hawwe, 


\ 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 319 


kaafe (kaufe), trinke, mache, entsprechend früherem haben, kaufen, 
trinken, machen. Durch Analogie dehnte sich dieses auch auf andere 
Zeitwörter aus, in denen man lautgesetzlich keine Endung erwarten 
sollte; vgl. sch bleiwe, glawe (glaube), nemme (nehme), suche. Daneben 
heißt es aber bleiwich (bleibe ich), glaawich, nemmich usw. 

Diese Erhaltung jener urindogermanischen Endung ist jedoch nicht 
allgemein, sondern beschränkt sich in unserer Gegend auf ein nördliches 
Gebiet, das im Süden ungefähr durch Rhein, Main und Kinzig von 
Bendorf bis Gelnhausen abgegrenzt wird; von Gelnhausen zieht sich die 
Grenzlinie nach Norden, westlich davon befinden sich nahe der Grenze 
noch die Orte Wächtersbach, Wenings, Schotten, Homburg a. O., Kirch- 
hain mit e; dagegen haben Orb, Herbstein, Kirtorf, Neustadt das e nicht 
mehr. Einige endungslose Formen finden sich ausnahmsweise und ziem- 
lich vereinzelt in der Wetterau; umgekehrt kann man in Mainz neben 
ich hab auch das im Rheingau sowie in Kastel und Kostheim gebräuch- 
liche ch hawwe hören. In Rheinhessen und Starkenburg ist aber die 
erste Person fast durchweg ohne jede Endung; es heißt dort nicht nur 
ich glaab, ich nemm, wo man es lautgesetzlich erwarten müßte, sondern 
auch infolge Analogiewirkung ich hab, ich kaaf, ich trink, ich mach. 
In unserem Süden ist also die Analogie, wie in der Schriftsprache, fast 
ganz ausnahmslos durchgeführt, und zwar zugunsten der Endungslosig- 
keit (früher und schriftdeutsch Endung e). Im Norden dagegen ist die 
Analogie zugunsten des früheren en und des jetzigen e zwar auch in ` 
großem Umfange eingetreten, aber durchaus nicht so ausnahmslos, da 
vereinzelt endungslose Formen immerhin noch vorhanden sind. Aller- 
dings gilt dies nur für den Fall, daß der Stamm auf einen Konsonant 
auslautet; bei vokalischem Auslaut dagegen, eo nicht e, sondern a die 
lautgesetzliche Entwicklung der stärkeren Endung darstellt, ist auch im 
Süden n ziemlich reichlich vertreten, wenn auch nicht so stark durch- 
geführt wie im Norden. 

In der zweiten Person ist die Endung durch den lautgesetzlichen 
Wandel. von st zu scht im Pfälzischen verändert worden. Dabei sind 
aber zwei Erscheinungen zu erwähnen. Erstens ist in der Nähe der 
Sprachgrenze, z. B. in der Umgegend von Mainz, das schriftdeutsche st 
bei dieser Zeitwortendung ziemlich schnell eingedrungen. So sagt dort 
das jüngere Geschlecht kimmst (kommst) und heelst (holst) mit schrift- 
deutscher Endung und mundartlichem Stammvokal. Außer bei dieser 
Zeitwortendung ist jedoch das mundartliche scht erhalten geblieben, so 
in Ascht, Nescht und auch in dem nicht mehr rein mundartlichen 
geschdern (echt mundartlich geschdert). Die zweite Erscheinung findet 
sich noch nicht unmittelbar an der Grenze, sondern erst etwas weiter 
südlich, z. B. am Neckar. Hier ist scht zu sch geworden, das aus- 
lautende ? also weggefallen, und zwar weil es lautlich mit dem fol- 
genden d in du eins geworden war und dann dies eine d nicht mehr 
als Endung, sondern als Anlaut des Fürwortes galt. So heißt es heute 


320 Hans Reis. 


dort in der Regel du schicksch!, doch kommt daneben noch schickscht 
vor. Für das fragende schickst du dagegen sagt die Mundart nur noch 
schicksch; hierbei ist da zuerst zu einfachem d geschwächt und schließlich 
durch Lautangleichung an sch mit diesem zusammengefallen, d.h. be- 
seitigt worden. 

Die zweite und dritte Person des Präsens sind bei vielen Zeit- 
wörtern durch Änderung des Stammvokals gekennzeichnet. Wir erwähnen 
zunächst den Wechsel von e und 2 in gebe, gibst, gibt. Diese Unter- 
scheidung ist in unseren Mundarten fast ausnahmslos beibehalten. Im 
Oberhessischen allerdings ist dieses © lautgesetzlich zu geschlossenem e 
geworden, es heißt also dort gebst und gebt; in den übrigen Formen, im 
Infinitiv, in der ersten Person der Einzahl und in der Mehrzahl steht 
jedoch offenes e: gäwwe. Ebenso gehören befehlst, befehlt zu befähn, 
brechst, brecht zu bräche, erschreckst, erschreckt zu erschräcke, eßt zu 
äße, freßt zu fräße, gelist, gelt zu gähn (gelten), lest zu läse, schelist, 
schelt zu schän (schelten) usw. Wenn man neuerdings auch das schrift- 
deutsche č hört, z. B. gibt, ıßt, frißt, so sehen wir auch hier wieder, 
daß bei den Zeitwortformen der schriftdeutsche Gebrauch etwas schneller 
eindringt, allerdings mit Unterstützung der Nachbarmundarten, als bei 
andern Formen. Am Neckar findet sich durchweg das schriftdeutsche :; 
in Rheinhessen aber werden von lesen, treten und stehlen noch die Formen 
lest, tretst, Gei, stehlst, stiehlt gebildet, doch ist hier derselbe Vokal wie 
in der ersten Person und im Infinitiv, nicht so offen, wie im ober- 
hessischen gäwwe, und nicht so geschlossen, wie im oberhessischen gebst. 
Es ist vielmehr hier eine Angleichung dieser Formen an den Infinitiv- 
vokal eingetreten. 

Vereinzelt finden sich in Oberhessen noch die alten Formen auf 
eu, die bei den frühneuhochdeutschen Schriftstellern, z. B. bei Luther, 
noch Regel waren, später jedoch durch Angleichung an den Infinitiv- 
vokal meist beseitigt worden sind. Es sind dies die aus Schillers Tell 
bekannten Formen kreucht und fleugt, ferner fleußt, beut, zeucht (zieht). 
In einem wetterauischen Mundartgedicht erscheint dieses eu sogar in der 
Mehrzahl, wo es sich lautgesetzlich nicht hatte entwickeln können, also 
durch Analogie aus der Einzahl dahin eingedrungen ist, so in dem Satze 
däi kreuche inner (die kriechen unter). 

Weiterhin wurde ein Wechsel des Stammvokals in der zweiten und 
dritten Person durch die Umlautserscheinungen in falle fällst fällt, tragr 
trägst trägt bewirkt. Der Umlaut ist im größten Teil Hessens ziemlich 
stark ausgedehnt worden. Man sagt er mecht (macht), freekt (fragt), seet 
(sagt), jeekt oder jeet (jagt), käft (kauft), heelt (holt), riift (ruft) Für 
mecht sagt man in Mainz und Umgegend mit weiterer Entwicklung des 
e zu © micht; auch in Oberhessen findet sich dieser Vokal in lift (läßt). 
griebt (gräbt), wipt (wächst). Dieses © weißt zurück auf alte Verlänge- 





' Vgl. Lenz in der Zeitschrift für hochdeutsche Mundarten I, 17. 


Die Mundarten des Großherzogtums Hessen. 321 


rungen, welche das Umlauts-e in früherer Zeit erfahren haben mag. Im 
südlichen Rheinhessen ändert sich die Sachlage. Während man im Norden 
noch von maane (meinen) und haaße (heißen) die Formen er meent und 
heeft bildet, findet man im Süden Rheinhessens, nicht Starkenburgs, in 
großem Umfange umlautlose Formen; es ist dies, wie wir in der Laut- 
tehre gesehen haben, ein besonderes Kennzeichen des Oberdeutschen; 
obwohl es dort noch seecht für sagt heißt, findet man schon Formen wie 
er fahrt für fährt, laaft für läuft, fangt für fängt, sch